Frank Bra­dy: End­spiel

Frank Brady: Endspiel

Frank Bra­dy: End­spiel

Es ist fast auf den Tag ge­nau 40 Jah­re her, dass der Ame­ri­ka­ner Bob­by Fi­scher in Reyk­ja­vik Bo­ris Spas­ski be­sieg­te und Schach­welt­mei­ster wur­de. Die schier über­mäch­ti­ge Do­mi­nanz der so­wje­ti­schen Schach­spieler war ge­bro­chen. Über­la­gert wur­den die letz­ten Ta­ge des Fi­na­les die­ses heu­te noch als denk­würdig gel­ten­den Zwei­kamp­fes von den be­gin­nen­den Olym­pi­schen Spie­len in Mün­chen (und spä­ter dem Ter­ror­an­schlag eben­da). Schon da­mals war man un­ge­dul­dig und in­ter­es­sier­te sich mehr für die un­über­wind­lich schei­nen­den Pro­ble­me zwei Mo­na­te vor­her, die den Schach­wett­kampf fast zum Plat­zen ge­bracht hät­ten. Bob­by Fi­scher galt – freund­lich for­mu­liert – als ex­zen­trisch, stell­te Be­din­gun­gen, die bis ins klein­ste De­tail gin­gen und droh­te stän­dig, den Wett­kampf­ort zu ver­las­sen. Mehr­mals wa­ren die Rück­flü­ge schon ge­bucht. Die er­ste Par­tie hat­te er ver­lo­ren und fühl­te sich durch ei­ne Ka­me­ra ge­stört. Zur zwei­ten Par­tie trat er nicht an, da sei­ne For­de­rung, al­le Ka­me­ras aus dem Spiel­saal zu ent­fer­nen, nicht um­ge­setzt wur­de. Nun droh­ten die So­wjets ih­rer­seits, Spas­ski wer­de Reyk­ja­vik ver­las­sen soll­te Fi­scher nicht an­tre­ten. Fi­scher kam nicht zur Par­tie, Spas­ski ge­wann die­se kampf­los und lag nun mit 2:0 in Füh­rung. Der Weltschach­verband FIDE, da­mals Mo­no­po­list, te­le­gra­phier­te an den Schieds­rich­ter Lo­thar Schmid, dass Fi­scher dis­qua­li­fi­ziert wer­den soll­te, wenn er wei­ter­hin nicht zu den Par­ti­en er­schei­nen soll­te. Die ame­ri­ka­ni­sche Pu­bli­zi­stik fleh­te Fi­scher an. Vor­her hat­te schon Hen­ry Kis­sin­ger in ei­nem per­sön­li­chen Te­le­fo­nat an Fi­schers Pa­trio­tis­mus ap­pel­liert. Schließ­lich hat­te Fi­scher dann durch­ge­setzt, dass ihm (und Spas­ski) ein Teil der Ein­trittsgelder eben­falls zu­kom­men soll­ten. Da­mit hät­te er selbst bei ei­nem Ver­lust rund 120.000 Dol­lar er­hal­ten; ei­ne für da­ma­li­ge Zei­ten in Ver­bin­dung mit Schach un­fass­bar ho­he Sum­me. End­lich kam der di­plo­ma­tisch-klu­ge Lo­thar Schmid auf ei­ne ret­ten­de Idee, das Match ging wei­ter, Fi­scher ge­wann mit bril­lan­ten Spiel – und die­ser Wett­kampf wird heu­te in der Tra­di­ti­on von Mu­ham­mad Alis »Rum­ble in the Jung­le« als Jahrhundert­event ein­ge­ord­net.

Die gan­ze At­mo­sphä­re die­ses Er­eig­nis­ses kommt in Frank Bra­dys Bob­by-Fi­scher-Bio­­gra­phie mit dem leicht de­ter­mi­ni­stisch an­ge­hauch­ten Ti­tel »End­spiel« na­tür­lich de­tailliert vor (der Un­ter­ti­tel »Ge­nie und Wahn­sinn im Le­ben der Schach­le­gen­de Bob­by Fi­scher« ist lei­der ziem­lich kli­schee­haft). Aber es ist nur ein Teil des Le­bens die­ser schil­lern­den Fi­gur. Bra­dy, nur acht Jah­re äl­ter als Fi­scher, kann­te die­sen von dem Mo­ment an, als das »Wun­der­kind« mit 10 Jah­ren die Räu­me der Schach­clubs der USA be­trat und zu­neh­mend für Fu­ro­re sorg­te. Un­ge­ach­tet des­sen war Schach, als sich Fi­scher be­gann da­für zu in­ter­es­sie­ren, in den USA nicht be­son­ders po­pu­lär; es gab kaum in­ter­na­tio­nal an­er­kann­te und star­ke Spie­ler. Bra­dy ging mit Fi­scher es­sen, spiel­te mit ihm Schach (und er­kann­te früh, dass »Licht­jah­re« zwi­schen sei­nem und Fi­schers Spiel la­gen), sprach mit sei­ner Mut­ter, war in den 60er Jah­ren ge­le­gent­lich Schieds­rich­ter und schließ­lich Vor­sitzender des Man­hat­tan Chess Club, New York. Das Ver­hält­nis Bra­dys zu Fi­scher kühl­te sich dann ir­gend­wann ab, wie Bra­dy ein we­nig eu­phe­mi­stisch er­klärt (er fin­det et­li­che Bei­spie­le, wie Fi­scher selbst in­nig­ste Freund­schaf­ten aus zum Teil nich­ti­gen Grün­den auf­gab und sich nie mehr mel­de­te). Für die Bio­gra­phie zog er zahl­rei­che Zeit­zeu­gen her­an, konn­te Do­ku­men­te aus KGB- und FBI¬-Archiven ein­se­hen, stö­ber­te Brie­fe und Auf­zeichnungen Fi­schers auf und stu­dier­te die fast un­über­schau­ba­re An­zahl von Tex­ten, die sich mit der Per­son Fi­scher und sei­nem Spiel aus­ein­an­der­setz­ten.

Frü­he Rei­se in die UdSSR

Ro­bert Ja­mes Fi­scher (ge­nannt Bob­by) wur­de am 9. März 1943 in Chi­ca­go ge­bo­ren. Sei­ne Mut­ter Re­gi­na Fi­scher (ge­bo­re­ne Wen­der; ge­bo­ren 1913 [die­ses Da­tum fehlt in der Bio­gra­phie]) hat­te be­reits da­mals ein be­weg­tes Le­ben hin­ter sich. Ge­bo­ren in der Schweiz, sie­del­te sie mit ih­rer Fa­mi­lie be­reits im Al­ter von 2 Jah­ren in die USA. Nach ih­rem Ab­schluss ging sie nach Deutsch­land und von dort nach Russ­land, wo sie zwi­schen 1933 und 1938 Me­di­zin stu­dier­te. Dort lern­te sie den vier Jah­re äl­te­ren Bio­phy­si­ker Hans Ger­hardt Fi­scher ken­nen. Der zu­neh­men­de An­ti­se­mi­tis­mus un­ter Sta­lin (Re­gi­na war Jü­din) ver­an­lass­te das jun­ge Paar nach Pa­ris zu zie­hen. Man leb­te in ge­trenn­ten Woh­nun­gen, blieb aber ver­hei­ra­tet; 1938 wur­de die Toch­ter Jo­an ge­bo­ren. Re­gi­na flüch­te­te vor dem dro­hen­den Ein­marsch der Na­zis in die USA, Hans Ger­hardt be­kam kein Vi­sum für die Staa­ten und lan­de­te schließ­lich in Chi­le. Bra­dy kann die Fra­ge nach der Va­ter­schaft Hans Ger­hardts in Be­zug auf Bob­by nicht be­ant­wor­ten. Re­gi­na hat­te ge­sagt, man hät­te sich 1942 in Me­xi­ko be­geg­net und bei die­ser Ge­le­gen­heit Bob­by ge­zeugt. An­de­re spre­chen von Paul Ne­me­nyi als bio­lo­gi­schem Va­ter. 1945 ließ sich Re­gi­na schei­den, da Un­ter­halts­zah­lun­gen aus­blie­ben. Von Ne­me­nyi be­kam sie im­mer­hin ab und an klei­ne­re Zu­wen­dun­gen. Sie sel­ber schlug sich als Kran­ken­schwe­ster durch (und woll­te spä­ter ihr Me­di­zin­stu­di­um wie­der auf­neh­men). Im­mer wie­der blit­zen in Bra­dys Bio­gra­phie Re­gi­nas po­li­ti­sche und auch be­ruf­li­che Ak­ti­vi­tä­ten auf. Sie war das, was man heu­te ei­ne »lin­ke Ak­ti­vi­stin« be­zeich­nen könn­te und scheu­te auch vor Hun­ger­streik­ak­tio­nen nicht zu­rück.

Die­se Ak­ti­vi­tä­ten und auch die fünf Jah­re Auf­ent­halt in der UdSSR in den 30ern er­reg­ten in der Kom­mu­nis­mus-Hy­ste­rie der Mc­Car­thy-Ära, die den Na­mens­ge­ber noch lan­ge über­dau­ern soll­te, den Arg­wohn des FBI, was Bra­dy auch an ei­nem Bei­spiel be­schreibt. Hin­zu kam, dass sich der Jun­ge schon Mit­te der 50er Jah­re für die Spiel­wei­sen der do­mi­nie­ren­den so­wje­ti­schen Groß­mei­ster und Welt­mei­ster in­ter­es­sier­te und sich ori­gi­na­le rus­sisch­spra­chi­ge Schach-Bü­cher und -Zeit­schrif­ten in aus­ge­wähl­ten Buch­lä­den be­sorg­te. Fi­scher be­wun­der­te die so­wje­ti­schen Spie­ler; po­li­ti­sche Vor­be­hal­te kann­te er nicht, was wo­mög­lich auf den Ein­fluss der Mut­ter zu­rück­ging. Die­se Sym­pa­thie wich 1958 schlag­ar­tig, als es zu ei­ner Rei­se in die UdSSR kam. Fi­scher (in Be­glei­tung sei­ner Mut­ter und der äl­te­ren Schwe­ster) brann­te dar­auf, mit den Gro­ßen des So­wjet-Schach spie­len zu dür­fen. Wo­mög­lich glaub­ten die Fi­schers, Bob­by wer­de mit Bot­win­nik (dem am­tie­ren­den Welt­meister) spie­len kön­nen, aber die So­wjets zeig­ten kein In­ter­es­se dar­an, son­dern bo­ten ein tou­ri­sti­sches Pro­gramm. Zum ei­nen miss­trau­ten sie dem Wun­der­kind, zum an­de­ren fürch­te­ten sie wo­mög­lich ei­ne Bla­ma­ge. So setz­te man dem im­mer miss­mu­ti­ger wer­den­den Teen­ager Ti­gran Pe­tros­jan vor, des­sen Spiel als eher farb­los galt (was ihn nicht dar­an hin­der­te von 1963–1969 Welt­mei­ster zu wer­den). Die mei­sten Par­ti­en ge­wann Pe­tros­jan. Fi­scher fühl­te sich nicht Ernst ge­nom­men; die Nie­der­la­gen er­klär­te er spä­ter mit dem ihm lang­wei­len­den Spiel­stil des Ar­me­ni­ers.

Re­li­gi­on und Schach

Bra­dy ge­lingt es, die Des­il­lu­sio­nie­rung Bob­bys über die So­wjets gut her­aus­zu­ar­bei­ten. So er­kennt Fi­scher, dass es sich um in der Be­völ­ke­rung höchst an­er­kann­te und groß­zü­gig ali­men­tier­te Staats­spie­ler han­del­te – nicht ver­gleich­bar mit den Ver­hält­nis­sen in den USA. Ent­spre­chend sah ja auch die Qua­li­tät der Spie­ler in den USA aus. Das Schach­spiel hat­te für Fi­scher schon da­mals sei­ne Un­schuld ver­lo­ren – längst be­vor es dann zum Spiel­ball des Kal­ten Krie­ges wur­de. Wäh­rend er bzw. sei­ne Mut­ter für we­ni­ge Dol­lar schuf­ten müs­sen, kön­nen sich die So­wjets ein Le­ben in (ver­hält­nis­mä­ßig) lu­xu­riö­sen Ver­hält­nis­sen lei­sten und voll aufs Schach kon­zen­trie­ren. Hier­in liegt auch die Ba­sis für sei­ne spä­ter im­mer wie­der auf­kom­men­den ho­hen fi­nan­zi­el­len For­de­run­gen, die da­mals wie Unverschämt­heiten wirk­ten. Fi­scher wird die­se Ver­hält­nis­se im­mer wie­der zu Ti­ra­den ge­gen »die Rus­sen« ver­wen­den, ins­be­son­de­re wenn er her­aus­ar­bei­tet, wie der Mo­dus der da­ma­li­gen Kan­di­da­ten­tur­nie­re zur Schach-Welt­mei­ster­schaft die so­wje­ti­schen Spie­ler be­vor­zug­te. Um es den an­de­ren Teil­neh­mern schwe­rer zu ma­chen, spra­chen sie sich ab und ei­nig­ten sich un­ter­ein­an­der früh auf Re­mis-Par­ti­en. Auch wenn Fi­scher sich spä­ter in ei­ne ge­wis­se Pa­ra­noia stei­ger­te: Es gibt heu­te Aus­sa­gen, dass er teil­wei­se rich­tig lag. Und spä­ter än­der­te die FIDE dann den Mo­dus.

Bra­dy zeich­net Fi­schers Wun­der­kind-Kar­rie­re sehr ge­nau nach und es wird deut­lich, dass es auch Rück­schlä­ge gab. Die Stär­ke sei­nes Spiels war schon früh er­kenn­bar. Aber Bob­by neig­te zu Jäh­zorn und Wut­aus­brü­chen. Der Bio­graph spricht vom »Dr. Jekyll/Hyde«-Syndrom – eben noch ein freund­li­cher Jun­ge, konn­te er Se­kun­den spä­ter ex­plo­die­ren. Da­mit schä­dig­te er ei­ne Kon­zen­tra­ti­on und auch sei­ne Spiel­stär­ke. An­fangs trat er sehr nach­läs­sig ge­klei­det auf und ver­gaß zu­wei­len die Du­sche. Manch­mal ging er sang- und klang­los un­ter oder stei­ger­te sich erst am En­de ei­nes Tur­niers noch. Hin­zu kam sei­ne Angst vor Ver­fol­gung (durch die Rus­sen) und er sah sich und sei­ne Lei­stun­gen nicht ge­nü­gend ge­wür­digt. In spä­te­ren Jah­ren stei­ger­te sich der Wahn in To­des­äng­ste – und zwar so­wohl ge­gen Rus­sen als auch Ame­ri­ka­ner. Fi­scher litt zu­dem Zeit sei­nes Le­bens an Ge­räusch­über­emp­find­lich­keit. Klein­ste Stö­run­gen durch Flü­stern oder an­de­re Ge­räu­sche konn­ten Wut­at­tacken aus­lö­sen. Im Kan­di­da­ten­tur­nier 1959 stei­ger­te er sich in ei­nen »krank­haf­ten Ver­fol­gungs­wahn« (Bra­dy) in Be­zug auf den so­wje­ti­schen Spie­ler Mi­cha­el Tal, der mit Fi­scher sei­ne »Mätz­chen« trieb. So­wje­ti­sche Spie­ler wa­ren von nun an sei­ne »Fein­de«.

Bob­by war nicht nur ein Wun­der­kind, was das Schach an­geht. Er wur­de früh ge­nö­tigt, sich al­lei­ne zu be­schäf­ti­gen. Und so flog er schon als 16jähriger auf ein Schach­tur­nier nach Bue­nos Ai­res; sei­ne Mut­ter woll­te in Me­xi­ko oder der DDR Me­di­zin stu­die­ren (Mit­te der 70er Jah­re leb­te sie tat­säch­lich in Je­na). Schließ­lich schmiss er die Schu­le. Er be­gann mit der evan­ge­li­ka­len »Church of God« von Har­ry W. Arm­strong zu sym­pa­thi­sie­ren und teil­te sein Le­ben kur­ze Zeit zwi­schen Schach- und Bi­bel­stu­di­um auf. Fi­scher spen­de­te noch in den 70er Jah­ren et­li­ches von sei­nen er­run­ge­nen Preis­gel­dern an die­se »Kir­che« und war of­fen­sicht­lich lan­ge Zeit fas­zi­niert von der hier auf­schei­nen­den Ge­mein­schaft. Zwar war er nie of­fi­zi­el­les Mit­glied, ge­noss je­doch als Groß­spen­der ei­ni­ge Pri­vi­le­gi­en. Fi­scher brach erst mit ihr, als er sich nicht ge­nü­gend hof­fiert fühl­te und mut­maß­te, man sei letzt­lich nur auf sein Geld fi­xiert.

Durch ei­nen Zwist mit dem Ver­an­stal­ter beim In­ter­zo­nen­tur­nier 1967 be­raub­te sich Fi­scher, der fast un­ein­hol­ba­ren Vor­sprung hat­te, al­ler Chan­cen um die Welt­mei­ster­schaft zu spie­len – er rei­ste statt­des­sen ab. Da­nach zog er sich weit­ge­hend zu­rück. Beim Inter­zonenturnier 1970 (der Mo­dus wur­de erst­mals ver­än­dert) fer­tig­te Fi­scher Spie­ler wie Tai­ma­now und Lar­sen mit Gran­dez­za ab (Tai­ma­now fiel bei den so­wje­ti­schen Funk­tio­nä­ren in Un­gna­de; mit 6:0 durf­te man ein­fach nicht ver­lie­ren). Schließ­lich be­sieg­te er Pe­tros­jan und galt nun als of­fi­zi­el­ler Her­aus­for­de­rer des Welt­mei­sters Bo­ris Spas­ski, des­sen Par­ti­en Fi­scher schon et­li­che Jah­re vor­her ana­ly­siert und be­wun­dert hat­te. In der Dick-Ca­vett-Show 1971 wirkt der in­zwi­schen in An­zug und Kra­wat­te auf­tre­ten­de, schlak­si­ge Bob­by Fi­scher sym­pa­thisch und le­ger, aber auch ehr­gei­zig. In Ame­ri­ka setz­te ein Schach­boom son­der­glei­chen ein, der nach dem Ge­winn der Welt­mei­ster­schaft 1972 noch ein­mal ge­stei­gert wer­den konn­te. Fi­scher war dem Hö­he­punkt sei­ner Po­pu­la­ri­tät und viel­leicht auch sei­ner Spiel­stär­ke an­ge­langt – und zog sich zu­rück. Ge­sprä­che über ei­nen Re­van­che­kampf mit Spas­ski schei­ter­ten an sei­nen fi­nan­zi­el­len Vor­stel­lun­gen. Im­mer mehr brüs­kier­te Fi­scher auch die wohl­mei­nend­sten Freun­de. Er wech­sel­te nun häu­fig sei­nen Wohn­sitz, wäh­rend­des­sen ging das Geld aus. Zu­wei­len hau­ste er wie ein Ob­dach­lo­ser. Nie­mand kann­te sei­nen Auf­ent­halts­ort und wuss­te was er tat.

Wen­de­punk­te

Fi­schers Ver­hal­ten be­stimm­ten Per­so­nen­grup­pen ge­gen­über ver­sucht Bra­dy mit Er­eig­nis­sen, die zu Wen­de­punk­ten wer­den, fest­zu­ma­chen. Sei­ne 180 Grad-Wen­dung in Be­zug auf die so­wje­ti­schen Spie­ler wird aus der Rei­se 1958 ab­ge­lei­tet (es gab üb­ri­gens ei­ne Aus­nah­me – das war aus­ge­rech­net der Kon­kur­rent um den Ti­tel, Bo­ris Spas­ski, den Fi­scher re­spek­tier­te und viel­leicht so­gar moch­te). Sei­ne Ver­wün­schun­gen ge­gen­über Jour­na­li­sten kön­nen auf Ja­nu­ar 1962 da­tiert wer­den: Im Ma­ga­zin »Harper’s« er­schien ein In­ter­view-Ar­ti­kel von Ralph Ginz­burg. Fi­scher fühl­te sich falsch zi­tiert (mit Äu­ße­run­gen über sei­ne Mut­ter) und hin­ter­gan­gen. Bra­dy springt Fi­scher bei und spricht von »Sudel­journalismus«. Von nun an wird er bis auf we­ni­ge Aus­nah­men Jour­na­li­sten eben­falls als sei­ne »Fein­de« be­trach­ten.

Der Bruch mit sei­ner Hei­mat, der USA, geht auf ei­nen ver­lo­re­nen Pro­zess aus dem Jahr 1976 zu­rück. Fi­schers Na­me wur­de ein ei­nem Buch­ti­tel ge­nannt, was ihm, der an die­sem Buch we­der teil­ge­nom­men hat­te noch – und das war wich­ti­ger – Er­lö­se er­war­ten konn­te, miss­fiel. Die Ge­rich­te ver­war­fen die­se Kla­ge und in ähn­lich ge­la­ger­ten Fäl­len schei­ter­te Fi­scher eben­falls. Er nahm dies zum An­lass von die­sem Zeit­punkt an kei­ne Steu­ern mehr zu be­zah­len. Wie­der ein­mal sah er sich be­tro­gen und hin­ter­gan­gen; er »ekel­te« sich vor die­sem ame­ri­ka­ni­schen Rechts­sy­stem, wie Bra­dy schreibt. Zwar hat­te er sei­ne Prä­mie von 1972 längst ver­braucht und ver­füg­te – wenn über­haupt – nur über sehr ge­rin­ge Ein­nahmen, aber es ging ihm um das Prin­zip. 1981 wird er ver­haf­tet, weil er irr­tüm­lich für ei­nen Bank­räu­ber ge­hal­ten wird. Man mag sich vor­stel­len, wie Fi­scher die Po­li­zi­sten be­schimpft hat. Die Be­hand­lung, die, wenn es sich so zu­ge­tra­gen ha­ben soll­te, tat­säch­lich skan­da­lös ge­we­sen wä­re, ver­an­lasst ihn im Selbst­ver­lag ein 14seitiges Buch herauszu­bringen, in dem er sich als Op­fer von Fol­ter dar­stellt. Zwar gab Fi­scher zu­wei­len über Te­le­fon Schach­un­ter­richt, aber wo­her er das Geld für die Druck­ko­sten hat­te, kann auch Bra­dy nicht er­klä­ren.

Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten wa­ren für ihn längst »fuck­ing USA« ge­wor­den. Und so war es für ihn auch kein Pro­blem den Re­van­che­kampf 1992 ge­gen Bo­ris Spas­ski, der von ei­nem du­bio­sen ju­go­sla­wi­schen Ban­ker be­zahlt wur­de, in Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro statt­fin­den zu las­sen, ob­wohl er schrift­lich von der US-Fi­nanz­be­hör­de hin­ge­wie­sen wur­de, dass man ihn als Boy­kott-Bre­cher straf­recht­lich ver­fol­gen wer­de. Die ju­go­sla­wi­schen Se­zes­si­ons­krie­ge tob­ten von den Prot­ago­ni­sten teil­wei­se hör­bar. Und die UN hat­ten ge­ra­de ei­nen Wirt­schaftsboykott be­schlos­sen (die heu­te noch be­kann­te­ste Kon­se­quenz ist, dass die jugos­lawische Fuß­ball­mann­schaft aus dem EM-Tur­nier ge­nom­men wur­de und Dä­ne­mark als Er­satz­team Eu­ro­pa­mei­ster wur­de), der den kom­mer­zi­el­len Han­del mit »Rest-Ju­go­s­­la­wi­en« un­ter­sag­te. Fi­scher lieb­te Ju­go­sla­wi­en; er kann­te das Land seit 1958 und hat­te hier ei­ni­ge Er­fol­ge ge­fei­ert. Mit dem erst un­längst ver­stor­be­nen Groß­mei­ster Sve­to­zar Gli­go­rić ver­band ihn ei­ne lang­jäh­ri­ge Freund­schaft (ei­ne Sel­ten­heit). In ei­ner denk­würdigen Pres­se­kon­fe­renz (die Welt hat­te 20 Jah­re von Fi­scher nichts mehr ge­hört) zeig­te Fi­scher das Do­ku­ment der US-Be­hör­de, in dem ihm bis zu zehn Jah­re Haft ange­droht wur­de und spuck­te dar­auf. Fi­scher ge­wann auch das Re­van­che­match, das je­doch von der FIDE nicht an­er­kannt wur­de. In Bra­dys Buch wird Spas­ski zi­tiert, der ei­ne für ihn auf Ge­winn ste­hen­de Stel­lung re­mis hal­ten woll­te, da­mit Fi­scher wei­ter­macht, denn die­ser schien leicht an­ge­schla­gen. Fi­scher ge­wann dann die­se Par­tie und stei­ger­te sich zum Match-Sieg. Das Preis­geld von meh­re­ren Mil­lio­nen US-Dol­lar ließ er sich si­cher­heits­hal­ber auf ein Schwei­zer Kon­to über­wei­sen. Die USA sah Fi­scher nie mehr wie­der; spä­ter wird er noch die US-Staats­bür­ger­schaft auf­ge­ben, um in Is­land un­ter­kom­men zu kön­nen.

Touret­te-Syn­drom?

1958 »die« So­wjets, 1962 »die« Jour­na­li­sten, 1976 »die« USA – Sta­tio­nen von Brü­chen Fi­schers (da­bei sind noch nicht ein­mal die zahl­rei­chen per­sön­li­chen Ver­wer­fun­gen ein­gearbeitet). Aber Bra­dy ver­sucht erst gar nicht, den be­reits An­fang der 70er Jah­re ein­setzenden, sich spä­ter pa­ra­no­id-krank­haft stei­gern­den Ju­den­hass Fi­schers zu er­klä­ren. Liegt es dar­an, dass sich Fi­scher im Ver­gleich zu an­de­ren meist jü­di­schen US-Spie­lern wie Res­hevsky an­fangs be­nach­tei­ligt sah? An Ginz­burgs Ar­ti­kel? Hat es mit der un­ge­klär­ten Va­ter­schaft von Paul Ne­me­nyi zu tun? Oder hat­te er, der früh die Schu­le ge­schmis­sen hat­te und sei­ne po­li­ti­schen und ge­schicht­li­chen Kennt­nis­se au­to­di­dak­tisch op­ti­mie­ren woll­te, schlicht­weg die fal­schen Bü­cher ge­le­sen? Bra­dy be­rich­tet von der prä­gen­den Lek­tü­re der »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zi­on« und führt auch an­de­re Hetz­schrif­ten auf, die Fi­scher ge­le­sen hat­te. Wie konn­te er sei­ne ei­ge­ne jü­di­sche Her­kunft der­art ver­leug­nen? (Im Buch wird ei­ne un­ge­len­ke Deu­tung ver­sucht.) Spä­ter, als er be­reits als Irr­licht durch die Welt rei­ste und vor den ame­ri­ka­ni­schen Be­hör­den floh, fand er oft­mals Ob­dach und Hil­fe bei jü­di­schen Men­schen. Wenn sie ihn mit sei­nem Ju­den­hass kon­fron­tier­ten, er­klär­te er sie ent­we­der schlicht­weg zu »gu­ten Men­schen« oder mein­te ein­fach kin­disch: » ‘Na­türlich ver­all­ge­mei­ne­re ich; die­ses Recht neh­me ich mir her­aus’ «. In ei­nem sel­ten skur­ri­len Ra­dio­in­ter­view be­grüß­te Fi­scher die An­schlä­ge vom 11. Sep­tem­ber 2001 als »gu­te Nach­richt«, wünsch­te, dass die »Ver­nünf­ti­gen« in den USA end­lich die Macht über­neh­men und brüll­te sei­ne hass­erfüll­ten Ver­wün­schun­gen hin­aus in die Welt (nach­zu­hö­ren hier und hier).

So stockt man bei Bra­dys Wort in der Ein­lei­tung vom »gänz­lich un­po­li­ti­schen« Men­schen Bob­by Fi­scher. Oder kann man es mit Ju­dith Pol­gár hal­ten, die wie folgt zi­tiert wird: »Er war ein ex­trem groß­ar­ti­ger Spie­ler, aber ver­rückt. Ein durch­ge­knall­ter Ir­rer.’ « (Fi­scher wohn­te in den 90er Jah­ren län­ge­re Zeit in Bu­da­pest, un­ter an­de­rem auch im Haus von Las­zlo Pol­gár). Fi­scher war wo­mög­lich noch in den 90er Jah­ren ein für die da­ma­li­ge Scha­che­li­te ernst­zu­neh­men­der Geg­ner – und dies trotz sei­nes ver­lot­ter­ten Le­bens, das Bra­dy in al­len Nu­an­cen sehr le­ben­dig er­zählt. Aber sein In­tel­lekt war zu ei­ner anti­semitischen und ras­si­sti­schen Wort­ma­schi­ne­rie ver­kom­men. Da hilft dann auch der in jün­ge­ren Jah­ren er­mit­tel­te IQ von 180 nicht (im Nach­ruf­ar­ti­kel der »New York Times« ist von 181 die Re­de). Ein län­ge­res Zu­sam­men­le­ben mit ihm war nicht mehr mög­lich. In ei­ner der we­ni­gen Stel­len, in de­nen Bra­dy ein biss­chen spe­ku­liert und in­ter­pre­tiert, schlägt er die Dia­gno­se ei­nes Touret­te-Syn­droms vor. Ei­ne we­nig über­zeu­gen­de Deu­tung.

Wo­mög­lich war Fi­scher nie über den Ver­lust des Ti­tels 1975 hin­weg ge­kom­men. Er hat­te zu hoch ge­po­kert; der Welt­schach­ver­band woll­te sei­nen For­de­rungs­ka­ta­log (132 Punk­te sol­len es ge­we­sen sein) nicht ak­zep­tie­ren (es ging um den Aus­tra­gungs­mo­dus, ei­ne spe­zi­el­le Form der Zeit­mes­sung aber auch um Geld). Man kam Fi­scher ein biss­chen ent­ge­gen, aber dies ge­nüg­te ihm nicht. Welt­mei­ster wur­de kampf­los der schüch­ter­ne und ein we­nig aus­drucks­los wir­ken­de Ana­to­li Kar­pow, der sich u. a. 1978 ei­nen Herausfor­derungskampf mit dem ab­trün­ni­gen Vik­tor Kort­sch­noi lie­fern soll­te ge­gen die Bob­by Fi­schers Es­ka­pa­den 1972 wie kind­li­che Spie­le­rei­en wirk­ten.

Zer­ris­sen zwi­schen In­di­vi­dua­li­tät und Mas­se

Fast nüch­tern be­rich­tet Bra­dy von Fi­schers di­ver­sen Quar­tie­ren, Freund­schaf­ten und de­ren Aus­ein­an­der­bre­chen, von sei­ner un­er­wi­der­ten Lie­be zur drei­ßig Jah­re jün­ge­ren Zi­ta Ra­jc­sanyi, sei­ner Schwär­me­rei für die Pol­gár-Schwe­stern, von sei­nem Pen­deln zwi­schen Un­garn, Deutsch­land und schließ­lich Ja­pan und den Phil­ip­pi­nen, sei­ner Ehe mit Mi­yo­ko Wa­tai (die nach sei­nem Tod aus erbrecht­li­chen Grün­den an­ge­foch­ten wur­de), ei­ner Af­fä­re auf den Phil­ip­pi­nen und schließ­lich der Ver­haf­tung in Ja­pan we­gen an­geb­li­chem Pass­vergehen und den letz­ten Jah­ren in Is­land (ab 2005). Nach und nach stieß Fi­scher auch dort al­le sei­ne Hel­fer vor den Kopf, was Bra­dy mit sym­pa­thi­scher Hilf­lo­sig­keit »Herz-Al­z­hei­mer« nennt. Ei­nen ha­stig er­stell­ten Do­ku­men­tar­film über sein Le­ben in Is­land bringt Fi­scher zum Ra­sen; aber­mals fühlt er sich und sei­nen Na­men aus­ge­beu­tet. Auch in Is­land fühl­te er sich nicht im­mer si­cher; er leb­te prak­tisch seit den 70er Jah­ren in Angst von So­wjets oder Ame­ri­ka­nern er­mor­det zu wer­den. Nach ei­ni­gen Jah­ren emp­fand er die Is­land als be­drückend, gar als »Ge­fäng­nis«. Sei­ne Angst vor Ärz­ten trug da­zu bei, dass sei­ne Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz ra­sant vor­an schritt und im Ja­nu­ar 2008 zu sei­nem Tod führ­te. Bra­dy hat kei­ne Er­klä­rung, war­um Fi­scher sein gan­zes Le­ben lang Ärz­ten der­art miss­traute (in den 70ern ließ er sich al­le Zahn­fül­lun­gen ent­fer­nen und hat­te seit­dem ein ka­ri­ös aus­se­hen­des Ge­biss). Schließ­lich galt der Me­di­zin doch die gan­ze Hin­wen­dung sei­ner Mut­ter, mit der er sein ganz Le­ben in Kon­takt stand (sie starb 1997). Bra­dy prä­sen­tiert in sei­nem Buch ei­nen trau­ern­den Bo­ris Spas­ski, der Fi­scher sei­nen »Bru­der« nann­te und re­ka­pi­tu­liert die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um das Er­be (es sol­len noch rd. 2 Mil­lio­nen Dol­lar zur Ver­fü­gung ste­hen, auf die u. a. der ame­ri­ka­ni­sche Staat An­sprü­che er­hebt).

Der Au­tor be­tont, dass er kein Schach­buch ab­lie­fern woll­te. No­ta­tio­nen von Fi­schers be­rühm­ten Par­ti­en gibt es nicht. Hier­zu gä­be es ge­nü­gend Li­te­ra­tur. Man kann das auch an­ders se­hen, zu­mal Bra­dy at­te­stiert, dass Fi­scher ein Le­ben für das Schach ge­führt hat. Dann wä­re es min­de­stens Chro­ni­sten­pflicht ge­we­sen, die »Jahr­hun­dert­par­tie« (die den ge­nia­len 13jährigen zeig­te) und ei­ni­ge der be­rühm­ten Par­ti­en von Reyk­ja­vik (viel­leicht die 6., die Fi­scher als sei­ne be­ste emp­fand) in ei­nem kur­zen An­hang auf­zu­neh­men. Wenn das Buch für den Schach­lai­en sein soll, wä­ren bei­spiels­wei­se die Hin­wei­se auf die ver­schie­de­nen For­men der Schach­no­ta­tio­nen (rus­si­sche oder eng­li­sche) ir­rele­vant. Und die ein­zel­nen Geg­ner müss­ten ein biss­chen aus­führ­li­cher skiz­ziert wer­den. So bleibt Spas­skis Weg nach der Nie­der­la­ge 1972 un­klar (er war 1982 nach Frank­reich und da­nach Deutsch­land ge­gan­gen). Und plötz­lich ste­hen dann Na­men wie Kas­parow und Kram­nik im Raum, die ein Laie auch nicht zu­zu­ord­nen ver­mag.

Kei­ne In­for­ma­tio­nen gibt es, dass die FIDE 1993 aus­ein­an­der­brach und es bis 2006 zwei Welt­mei­ster gab (ähn­lich wie im Bo­xen). War dies Fi­scher nicht be­kannt oder in­ter­es­sier­te es ihn nicht? Si­cher ist: er lehn­te so­wohl die Funk­tio­nä­re der FIDE ab wie auch Kas­parow, der die Tei­lung be­trieb, den er zu­wei­len übel be­schimpf­te. (Er er­fand so­gar ein an­de­res Schach­spiel [»chess960« nennt es sich heu­te] – und war ver­är­gert, als man ihm Ent­wür­fe hier­zu aus dem Jahr 1910 zeig­te.) Die Quel­len nennt Bra­dy am En­de des Bu­ches kapitel­weise eher nar­ra­tiv; auf Fuß- oder End­no­ten ver­zich­tet er (bis auf ei­ne Aus­nah­me). So ist es manch­mal recht schwie­rig In­ter­pre­ta­ti­on und Tat­sa­che zu un­ter­schei­den, ob­wohl er zu Be­ginn ver­si­chert, dass dies ent­spre­chend mar­kiert wür­de. Sehr an­ge­nehm ist es, dass sich Bra­dy mit mo­ra­li­schen Ur­tei­len zu­rück­hält, aber kei­nes­falls Fi­schers Aus­fäl­le schön re­det (bis auf die Aus­nah­me zu Be­ginn).

Wenn es über­haupt ei­ne vor­sich­ti­ge Er­klä­rung für Fi­schers Wahn­vor­stel­lun­gen gibt, dann bringt Frank Bra­dy dies ge­gen En­de sehr schön auf den Punkt: »Bob­by brauch­te sei­ne Pri­vat­sphä­re, lechz­te aber gleich­zei­tig – schon seit Kin­des­bei­nen – nach An­er­ken­nung von au­ßen. Die­ser Kon­flikt zer­riss ihn re­gel­recht. Er sehn­te sich da­nach, wahr­ge­nom­men, ge­prie­sen, ge­liebt zu wer­den.« Und zwar nach sei­nen Be­din­gun­gen, ist man ver­sucht zu er­gän­zen. Am En­de ist Bob­by Fi­scher tat­säch­lich ein biss­chen ent­zau­bert und steht ir­gend­wie zwi­schen dem ge­nia­len Lands­mann Paul Mor­phy (der 1884 im Wahn­sinn starb) und dem ge­gen En­de sei­nes Le­bens an­ti­se­mi­tisch pu­bli­zie­ren­den Alex­an­der Al­je­chin – als Be­leg für die The­se, dass ein ge­nia­ler Schach­spie­ler zu sein eben nicht be­deu­tet, dass die­ser auch in­tel­li­gent oder gar mit gro­ßem In­tel­lekt aus­ge­stat­tet sein muss. Das ist nicht neu, aber in die­ser Deut­lich­keit zu­wei­len schwer zu ver­kraf­ten.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dan­ke für die­se Re­zen­si­on.

    Ich glau­be, dass Fi­scher in sei­ner Hoch-Zeit tat­säch­lich der be­ste Spie­ler al­ler Zei­ten war – na­tür­lich in Re­la­ti­on zu den be­sten Spie­lern sei­ner Zeit. Das ist wie bei Al­je­chin – rech­net man ihm heu­te ei­ne Wer­tungs­zahl aus, dann ist die schlech­ter als die der heu­ti­gen Welt­spit­ze. Aber die­ser Ver­gleich ist in die­ser Form sinn­los, weil er nicht be­rück­sich­tigt, dass ein heu­te le­ben­der Fi­scher auch viel stär­ker spie­len wür­de.

    Was den IQ be­trifft – den von Kas­parov hat der Spie­gel mal an­läss­lich ei­nes In­ter­views ge­mes­sen, er lag bei 136. Und ei­ne der Pol­gar­schwe­stern (ich glau­be, Ju­dith war’s), liegt auch im Be­reich zwi­schen 160 und 180. Hier weiß ich al­ler­dings nicht, ob nicht die ame­ri­ka­ni­sche Nor­mie­rung mit ei­ner an­de­ren Stan­dard­ab­wei­chung zu­grun­de lie­gen, dann wür­den sich die Wer­te näm­lich in Be­zug auf un­se­re Nor­mie­run­gen auf den Be­reich von 140–150 re­du­zie­ren. IQs spie­len für das Schach aber kaum ei­ne Rol­le, hier zählt Fa­na­tis­mus und Fleiß mehr, und bei­des hat­te Fi­scher (im Über­maß).

    Die Neue­run­gen von Fi­scher wie die Fi­scher­uhr (je Zug gibt es ei­nen klei­nen Zeit­bo­nus, so­dass man in bes­se­rer Stel­lung nicht al­lein durch das Ab­lau­fen sei­ner Zeit ver­liert) und Chess960 (das Spie­len mit stän­dig wech­seln­den Start­auf­stel­lun­gen) sind auch heu­te noch in Ge­brauch bzw. im Ge­spräch und at­trak­tiv. Die Zeit­mo­di sind in je­der mo­der­nen elek­tro­ni­schen Schach­uhr ein­pro­gram­miert und wer­den in ähn­li­cher Form in sehr vie­len Groß­mei­ster­tur­nie­ren an­ge­wen­det. Chess960 soll die Be­deu­tung von (aus­wen­dig lern­ba­ren) Er­öff­nungs­va­ri­an­ten und ei­ner ge­ziel­ten Vor­be­rei­tung auf den näch­sten Geg­ner ver­hin­dern.

    Noch­mals Dan­ke für die­sen in­ter­es­san­ten Bei­trag!

  2. @Köppnick
    Es gibt ja Ver­su­che, den »be­sten Schach­spie­ler al­ler Zei­ten« zu er­mit­teln. Ein Bei­spiel ist bei »Chess­me­trics« zu fin­den, wo­bei das Ran­king je nach Dau­er dif­fe­riert. Nimmt man nur ein Jahr als Be­ur­tei­lungs­maß­stab ist Fi­scher die Num­mer Eins knapp vor Kas­parow, Bott­win­nik und Ca­pa­b­la­ca. Schon beim »2 ye­ars-peak-ran­ge« ist Kas­parow ei­nen Punkt bes­ser. Bei 4 Jah­ren Be­ur­tei­lungs­grund­la­ge ist Fi­scher auf Platz 4. Da­nach fällt er bis auf Platz 7 zu­rück. Lei­der kommt er im 20-Jah­res-Zeit­raum nicht mehr vor. In­wie­fern sol­che Gra­phi­ken se­ri­ös sind, kannst Du bes­ser be­ur­tei­len.

  3. Wirk­lich ein in­for­ma­ti­ver und in­ter­es­san­ter Bei­trag. Was war das da­mals für ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se, wenn ich da­ge­gen die heu­ti­ge öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit für den letz­ten Welt­mei­ster­schafts­kampf be­trach­te, den­ke ich ein we­nig weh­mü­tig an das da­ma­li­ge Du­ell.

  4. @Norbert
    Na­ja, die Ver­an­stal­tung wur­de da­mals als po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung ge­se­hen. Das wur­de ja in den Tur­nie­ren Karpow/Kortschnoi noch fort­ge­setzt. Da­nach wur­de dann Schach wie­der als Be­schäf­ti­gung für »Klöt­zel-Schie­ber« (Becken­bau­er) be­trach­tet. Ob man da­mals bes­ser spiel­te als heu­te ver­mag ich nicht zu sa­gen; Kar­pow galt in den 70ern als »lang­wei­li­ger« Po­si­ti­ons­spie­ler; von Kas­parow ha­be ich zu­we­nig ge­se­hen, um es be­ur­tei­len zu kön­nen.

  5. In­ter­es­sant! Ich ha­be mich vor ei­ni­ger Zeit et­wa ein hal­bes Jahr lang mit Schach nä­her be­schäf­tigt, und ob­wohl es mir gut ge­fiel und Spaß ge­macht hat, bin ich nicht da­bei ge­blie­ben. Bei ei­nem Freund war das an­ders, er spielt mitt­ler­wei­le in ei­nem Ver­ein.

  6. @Gregor
    Die Ran­kings sind in­ter­es­sant. Vie­le der Platz­ie­run­gen in den lang­jäh­ri­gen Ran­kings er­klä­ren sich aus der (Schach)Geschichte: Als Las­ker und Ca­pa­blan­ca ak­tiv wa­ren, hat sich über Jahr­zehn­te im Schach we­nig ge­än­dert. Man konn­te auch in ver­gleichs­wei­se ho­hem Al­ter (40–50) noch in der Welt­spit­ze mit­spie­len. Bot­wi­nik und Kar­pov sind in ei­ner Zeit ak­tiv ge­we­sen, als die So­wjets das in­ter­na­tio­na­le Schach be­herrsch­ten. Da wird wohl viel ge­scho­ben wor­den sein – wo­bei bei­de na­tür­lich trotz­dem Aus­nah­me­ta­len­te wa­ren. Kas­parov kommt tat­säch­lich am näch­sten an Fi­scher her­an, weil er in sei­ner be­sten Zeit tat­säch­lich ei­ne hal­be Spiel­klas­se bes­ser als al­le an­de­ren war. Er hat da na­he­zu je­des Tur­nier ge­won­nen, an dem er teil­ge­nom­men hat. Fi­scher hat sehr un­gleich­mä­ßig ge­spielt, er war selbst sein größ­ter Stol­per­stein.

    Viel­leicht hier noch ein ak­tu­el­les Zi­tat und ein Link:

    Im April 1970 fand in Her­ceg No­vi, im da­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en, das viel­leicht bis da­hin stärk­ste Blitz­tur­nier al­ler Zei­ten statt. Mit Tal, Pe­tros­jan, Smys­lov und Fi­scher wa­ren drei ehe­ma­li­ge und ein zu­künf­ti­ger Welt­mei­ster da­bei, da­zu ka­men Spie­ler wie Kort­sch­noi, Bron­stein, Hort, Res­hevsky und Uhl­mann. Le­gen­där ist das Tur­nier, weil Bob­by Fi­scher ein­mal mehr de­mon­strier­te, wie über­le­gen er sei­nen da­ma­li­gen Groß­mei­ster­kol­le­gen war. Er ge­wann mit 19 aus 22 und ließ den zweit­platz­ier­ten Tal 4,5 Punk­te hin­ter sich.

    Link

  7. Sehr schö­ner Ar­ti­kel. Dan­ke. Ich ha­be ihn auch des­halb ger­ne ge­le­sen, weil ich mich zur Zeit viel mit Schach be­schäf­ti­ge und an ei­nem Lang­ge­dicht über Fi­scher ar­bei­te, der, ne­ben­bei ge­sagt, mei­ner An­sicht nach das As­per­ger­syn­drom hat­te. Liegt für mich flach auf der Hand.

  8. Ich wuß­te gar nicht, dass sie so ein Schach­lieb­ha­ber sind, man trifft sich ja ab und zu bei an­de­ren Blogs (z.b. Spreng­satz). Ich spie­le seit an­nä­hernd 30 Jah­ren Tur­nie­re und ver­tre­te bei ent­spre­chen­den Dis­kus­sio­nen auch den Stand­punkt, dass Fi­scher der be­ste Spie­ler al­ler Zei­ten war. Das Buch ha­be ich in ei­nem Buch­la­den nur quer ge­le­sen, da mir die mei­sten Fak­ten be­kannt wa­ren, ich emp­feh­le eher den Do­ku­men­tar­film »Die Le­gen­de Bob­by Fi­scher« von Liz Gar­bus. Der Film ist auf You­Tube zu se­hen.

  9. @Frank Rei­chelt
    Zum Tur­nier­spie­ler hät­te es bei mir nie ge­reicht; ich bin nur ein flir­ten­der Di­let­tant. Bei der Re­cher­che über die Bra­dy-Bio­gra­phie ha­be ich fest­ge­stellt, dass das al­les ir­gend­wie und ir­gend­wo schon be­kannt war/ist. Für mich war es aber häu­fig ge­nug neu und so ist die­se Be­spre­chung ähn­lich ne­ben­d­rau­ßen ent­stan­den wie mei­ne Nei­gung zum Schach­spiel. Dan­ke für den Hin­weis auf den Film; den wer­de ich mir bei Ge­le­gen­heit in Ru­he an­se­hen.

  10. Dan­ke für den Hin­weis auf den Film. Ir­gend­wo fiel da auch die Be­mer­kung je­des ‘Ge­nie’ star­te in sei­ner Dis­zi­plin gleich, es ver­wen­de erst ein­mal 10000 Stun­den, um sich in die neue Sa­che zu ver­sen­ken. Ich weiß nicht, ob es auf Sie, Herr Keu­sch­nig, zu­trifft, aber bei mei­nem sehr leid­li­chen Schach­spiel liegt es si­cher­lich auch mit dar­an und nicht nur am man­geln­den Ta­lent: ich ha­be es bis­her noch gar nicht ernst­haft ver­sucht; ich ha­be mich nicht rück­halt- und be­sin­nungs­los hin­ein­ge­stürzt. (Das ha­be ich nun statt­des­sen mit dem Go-Spiel ver­sucht, wor­in man wohl eben­so­gut ver­sin­ken kann.)

    PS. Et­was ei­gen­tüm­lich: Trotz all der Macken, die es wohl ziem­lich schwie­rig ge­macht hät­ten mit ihm aus­zu­kom­men, bleibt mir Fi­scher im Grun­de ge­nom­men sym­pa­thisch, weil er sich und dem Schach treu bleibt, den Tru­bel (auf der Hö­he sei­nes Ruh­mes) ver­ab­scheut.. auch wenn sein Ver­stand dann am En­de wohl völ­lig ver­schwö­rungs­theo­re­tisch ver­seucht ge­we­sen sein mag.