Fi­gu­ren der Um­wer­tung: Nietz­sche und Ge­net (III)

Teil I
Teil II

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1963 schrieb Ge­net an sei­nen Ver­le­ger Marc Bar­be­z­at, Nietz­sche ha­be Die Ge­burt der Tra­gö­die in ei­nem Zug ge­schrie­ben, oh­ne je in Grie­chen­land ge­we­sen zu sein. »In Kor­fu«, fuhr er fort, »ha­be ich al­les von ihm ge­le­sen. Was mir ge­fal­len hat, die Ide­en, die mir ent­spre­chen: jen­seits von Gut und Bö­se: der Über­mensch. Na­tür­lich nicht der von Hit­ler oder Gö­ring. Lä­cher­lich zu den­ken, der Be­sitz von Schlös­sern und Tau­sen­den Hekt­ar Land er­mög­li­che es ei­nem, wie ein Über­mensch zu le­ben. Nietz­sche for­der­te ei­ne viel här­te­re Mo­ral für den Über­men­schen.« (LB 261) Auch an die­ser Stel­le be­zieht sich Ge­net aus­drücklich auf ei­ne po­si­ti­ve Mo­ral, die er bei Nietz­sche zu fin­den meint (ver­mut­lich hat er be­son­ders die kur­zen Skiz­zen ei­nes neu­en Bar­ba­ren­tums im Kopf). Die Por­träts der Sti­li­ta­no, Mi­gnon, Har­ca­mo­ne und Kon­sor­ten sind hand­fe­ste Ge­stal­tun­gen des Über­menschen, den sich Nietz­sche al­les in al­lem doch et­was ele­gan­ter vor­stell­te, »aus ei­nem Holz ge­schnitzt, das hart, zart und wohl­rie­chend zu­gleich ist.« (EH 267) Jün­gers Ar­bei­ter ist ei­ne wei­te­re Aus­ge­stal­tung die­ses Ty­pus; ei­ne Ge­stalt, die frei­lich, ver­gleicht man sie mit Ge­nets Hel­den, ab­strakt bleibt und sich au­ßer­dem als ver­bind­li­cher Vor­schlag an die Mehr­heits­ge­sell­schaft rich­tet. Han­delt es sich bei die­sen li­te­ra­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Schöp­fun­gen um »Ent­stel­lun­gen« von Nietz­sches Ge­dan­ken? Nein, son­dern um unter­schiedliche Rea­li­sie­run­gen ei­nes Mo­dells, das in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hunderts in der Luft lag und von Nietz­sche so el­lip­tisch ge­zeich­net wur­de, daß sehr ver­schie­de­ne Rea­li­sie­run­gen der Leer­for­men mög­lich wa­ren. Auch der »Neue Mensch«, wie er Er­ne­sto Gue­va­ra auf­grund sei­ner Guer­ril­la-Er­fah­rung vor­schweb­te, hat noch Teil an die­ser Aus­le­gungs­ge­schich­te.

An die­ser Stel­le er­hebt sich un­wei­ger­lich die Fra­ge, in­wie­weit über­haupt Trans­for­ma­tio­nen »des Men­schen« von Ein­zel­per­so­nen ge­for­dert, be­schlos­sen oder auch nur vor­ge­schla­gen wer­den kön­nen. Ist nicht »der Mensch« je­weils nur der, der er fak­tisch ist, zu ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt an ei­nem be­stimm­ten Ort? Sind die Hi­sto­ri­sie­run­gen ei­ner bio­logischen, ge­ne­ti­schen Sub­stanz nicht im­mer mü­ßig und ge­fähr­lich – ge­fähr­lich in­so­fern, als sie Zwangs­me­tho­den na­he­le­gen, weil sich der hie­si­ge und jet­zi­ge Mensch dem Mo­dell nicht un­ter­ord­nen will? Selbst­ver­ständ­lich ist es et­was an­de­res, ob der Über­mensch als Fik­ti­on auf­tritt oder als po­li­ti­sches Ide­al, des­sen Ver­wirk­li­chung an­ge­strebt wird. Bei Ge­net hat er ei­ne dop­pel­te Funk­ti­on: auf der ei­nen Sei­te stellt er das alt­her­ge­brach­te Le­bens­mo­dell des flei­ßi­gen, tu­gend­haf­ten, al­tru­isti­schen, he­te­ro­se­xu­el­len, sich reprodu­zierenden Bür­gers in Fra­ge (zwei­fel­los denkt Ge­net an das männ­li­che Mo­dell, und er hat wohl auch eher Män­ner als Frau­en im Sinn, wenn er sich an uns Le­ser wen­det); auf der an­de­ren Sei­te steht der Ge­net­sche Über­mensch im Zen­trum ei­ner fik­ti­ven Welt mit an­de­ren Kri­te­ri­en und Re­geln, ei­ner äs­the­ti­schen Welt, die sich der bür­ger­lich-uti­li­ta­ri­sti­schen Welt ent­zieht und da­her auch kei­ne Hand­lungs­an­lei­tun­gen für ei­ne Mehr­heits­ge­sell­schaft be­reit­stel­len kann. Ge­nets Le­ser­an­re­den las­sen ein Selbst­be­wußt­sein, oder ge­nau­er: ei­nen Hoch­mut er­kennen, der von der Aut­ar­kie der von ihm ge­schaf­fe­nen Welt aus­geht: Ich und mei­ne an­alphabetischen Freun­de, wir sind nicht auf euch an­ge­wie­sen, und wenn wir euch wie Pa­ra­si­ten aus­sau­gen, so ist das eben­falls al­lein un­se­re Sa­che, es ist un­ser Kit­zel, un­se­re Ge­fahr.

Pa­ra­dox (oder nicht?), daß die Her­me­tik die­ser Welt das Ein­ge­schlos­sen­sein in der nack­ten Ge­fäng­nis­zel­le wie­der­holt. Der Hoch­mut als Zur­schau­stel­lung der ei­ge­nen Nied­rig­keit ist ne­ben dem Ver­rat die Kar­di­nal­tu­gend, die es dem Schrei­ben­den er­laubt, sich ge­gen die Mehr­heits­ge­sell­schaft zu be­haup­ten. Oh­ne Hoch­mut und Ver­rat wä­re ein schrei­ben­der Jean Ge­net be­sten­falls ein Do­ku­men­ta­rist, der an das Mit­ge­fühl der le­sen­den Bür­ger ap­pell­liert. Für den wirk­li­chen Ge­net ist die Um­wer­tung zur Exi­stenz­be­din­gung ge­wor­den. In ge­wis­ser Wei­se gilt das­sel­be für den wirk­li­chen Nietz­sche, auch wenn er in sei­ner spä­ten Pha­se das ar­me Schwein blieb, das un­ter den zahl­rei­chen Tie­ren im Za­ra­thu­stra-Buch fehlt, und der Spalt zwi­schen idea­lem und wirk­li­chem Ich im­mer wei­ter klaff­te, bis die Span­nung nicht mehr aus­zu­hal­ten war und der Zu­sam­men­bruch der Per­sön­lich­keit ein­trat.

In ei­ner der »Di­vina­ria­na« – zu deutsch et­wa: »Gött­lich­kei­ten« –, die als lo­se ge­bün­del­te Frag­men­te in den Ro­man Not­re-Da­me-des-Fleurs ein­ge­streut sind, fin­det sich fol­gen­de Über­le­gung: »Ein Ver­bre­chen zu be­ge­hen, um sich aus dem Joch der mo­ra­li­schen Mäch­te zu be­frei­en, be­deu­tet für Di­vi­ne, noch im­mer an die Mo­ral ge­fes­selt zu sein. Sie will kein schö­nes Ver­bre­chen.« Der ur­sprüng­lich dar­auf fol­gen­de, dann aber ge­stri­che­ne Satz lau­tet: »Sie läßt sich in den Arsch ficken, weil es ihr Spaß macht, singt sie.« (NDF 292) Die Tun­te Di­vi­ne ist klar als Al­ter Ego Ge­nets er­kenn­bar, als au­tor­na­he Fi­gur, die mei­stens in Er-Form, zu­wei­len aber auch in Ich-Form dar­ge­stellt und mit ei­ner Kind­heits­bio­gra­phie in Zu­sam­men­hang ge­bracht wird, die der rea­len Bio­gra­phie Ge­nets äh­nelt. Das Vor­ha­ben der Fi­gur, gleich­sam ihr Le­bens­ent­wurf, wird hier als Los­lö­sung von der herr­schen­den Mo­ral zu­gun­sten ei­ner frei­en Exi­stenz be­zeich­net, die we­der durch Pflicht noch durch Wider­stand, noch durch sonst ein re­li­täts­ori­en­tier­tes Prin­zip ge­lei­tet wird, son­dern al­lein durch das Lust­prin­zip, das of­fen­bar im Feld des Äs­the­ti­schen am be­sten ge­deiht. Das Ver­brechertum kehrt die mo­ra­li­schen Kri­te­ri­en um, bringt sie aber kei­nes­wegs zum Ver­schwinden. Los­lö­sung er­scheint hier als die ei­gent­li­che Auf­ga­be des Künst­lers und Lebens­künstlers, die Um­wer­tung der Wer­te aber er­weist sich als aus­sichts­lo­ses Unter­fangen. »Sie will kein schö­nes Ver­bre­chen«: die­ser Satz läuft wo­mög­lich dar­auf hin­aus, daß es kein schö­nes Ver­bre­chen gibt, son­dern nur Be­schö­ni­gung, das heißt Über­füh­rung von Ele­men­ten der rau­hen Wirk­lich­keit in das zweck- und mo­ral­lose Reich der Kunst. Auf ver­blüf­fen­de, weil rei­ne Wei­se wird die­ser Vor­gang in ei­ner Epi­so­de dar­ge­stellt, in de­ren Mit­tel­punkt nicht ei­ner der Halb­göt­ter Ge­nets steht, son­dern ein vor­über­ge­hen­der Zu­falls­held na­mens Clé­ment, ein ra­de­bre­chen­der »Ne­ger­tän­zer« von der ka­ri­bi­schen In­sel Gua­da­lou­pe (mit die­sen Ei­gen­schaf­ten eig­net er sich her­vor­ra­gend für das Au­ßen­sei­ter­tum im Sin­ne Ge­nets). Die­ser Clé­ment er­zählt dem Er­zäh­ler – mis­sié Jean – vom Mord, den er an sei­ner Frau, ei­ner Pro­sti­tu­ier­ten, be­gan­gen hat, und wie er die Lei­che im Zim­mer, das sie be­wohnt hat­ten, ein­mau­er­te. Zu Be­ginn der Epi­so­de warnt Ge­net den Le­ser, die Poe­sie, die das Le­ben sol­cher Au­ßen­sei­ter ent­hal­te, sei vol­ler Schrecken, und sich selbst fragt er da­nach, ob er den See­len­zu­stand des Ver­bre­chers nicht ein­fach des­halb dar­stel­le, um nicht selbst dem Ent­set­zen an­heim­zu­fal­len (of­fen­bar ist er da­ge­gen durch­aus nicht ge­feit). Dann aber be­schreibt er das Ge­sche­hen im Sin­ne ei­ner Apo­theo­se, die das Sub­jekt – das ver­brecherische Sub­jekt – aus al­len Zu­sam­men­hän­gen von Mo­ral und An­ti­mo­ral her­aus – und in ei­nen Zu­stand der Frei­heit hin­ein­ka­ta­pul­tiert. »Jetzt be­gann je­nes lan­ge he­roi­sche Le­ben, das ei­nen gan­zen Tag dau­er­te. In­dem er al­le Wil­lens­kraft auf­bot, ent­ging er der Ba­na­li­tät: er hielt sei­nen Geist in ei­ner übermensch­lichen Sphä­re in der Schwe­be, er war Gott, der mit ei­nem Schlag ein ein­zig­ar­ti­ges Uni­ver­sum er­schuf, wor­in sich sei­ne Ta­ten der mo­ra­li­schen Prü­fung ent­zo­gen.« (NDF 157) Der Ne­ger­tän­zer er­lebt sei­nen ge­glück­ten Tag, ver­mut­lich nur ei­nen ein­zi­gen; die Poe­sie des Ver­bre­chens ist ge­bun­den an ei­nen kur­zen Aus­nah­me­zu­stand, dem nur der Au­tor durch sei­ne aus­schmücken­de Be­schrei­bung Dau­er ver­lei­hen kann. »Die mit ver­rück­ter Phan­ta­sie be­gab­ten Men­schen brau­chen zum Aus­gleich die­se gro­ße poe­ti­sche Fä­hig­keit: un­se­re Welt und ih­re Wer­te zu leug­nen, um ihr mit über­le­ge­ner Ge­las­sen­heit ih­ren Stem­pel auf­zu­drücken«, rä­son­niert Ge­net. Der Satz läßt sich eben­so­gut auf sein ei­ge­nes, schrei­ben­des Tun wie auf das des Ne­ger­tän­zers be­zie­hen. Der Gip­fel der Kunst be­steht dar­in, das Wer­te­sy­stem aus­zu­blen­den, um es durch ei­ne an­de­re Welt, ei­nen an­de­ren Zu­stand zu er­set­zen.

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Im Ver­lauf sei­ner aus­schwei­fen­den Er­zäh­lun­gen schwankt Ge­net zwi­schen der Flucht in ei­ne amo­ra­li­sche Welt und ei­nem Wi­der­stand ge­gen das herr­schen­de Wer­te­sy­stem, der sich als af­fir­ma­ti­ve Um­keh­rung voll­zieht. Wäh­rend das lust­voll-äs­the­ti­sche Da­sein in er­ster Li­nie dem Schwu­len­mi­lieu zu­ge­ord­net wird, zeich­nen Nor­men und Rang­ord­nun­gen die Be­zie­hun­gen un­ter den Häft­lin­gen in Ge­fäng­nis­sen und Er­zie­hungs­an­stal­ten aus. In der Ko­lo­nie ju­gend­li­cher Straf­tä­ter herrscht »ei­ne be­son­de­re Mo­ral und Po­li­tik. Die Re­gierungsform – mit Re­li­gi­on ver­mengt – war die Ge­walt, Hü­te­rin der Schön­heit.« Es ist ei­ne stren­ge und ern­ste Ge­sell­schaft, in der auch klein­ste Ver­stö­ße ge­ahn­det wer­den. »Die­se Ge­set­ze ent­ste­hen nicht aus ab­strak­ten Ver­ord­nun­gen: sie wur­den ge­lehrt von ir­gend­ei­nem Hel­den, her­ab­ge­stie­gen aus ei­nem Him­mel von Ge­walt und Schön­heit, des­sen Welt­lich­keit und Spi­ri­tua­li­tät wahr­haft von Got­tes Gna­den sind.« (NDF 200) Die Selbst­organisation der Häft­lin­ge be­ruht al­so auf ei­ner ur­sprüng­li­chen Stif­tung, ei­nem ima­gi­nier­ten Grün­dungs­akt, vor­ge­nom­men von ei­ner ne­bu­lös blei­ben­den Gott- oder Halb­gott-Fi­gur, ei­nem Ge­net­schen Za­ra­thu­stra. Be­mer­kens­wert ist da­bei, daß die al­le­go­ri­sier­te Ge­walt im Ver­ein mit der Schön­heit auf­tritt. Die Macht­ver­hält­nis­se in der Ko­lo­nie be­ru­hen nicht so­sehr auf ver­nünf­tig-prag­ma­ti­schen als auf äs­the­ti­schen Kri­te­ri­en. Zwi­schen den bei­den Be­rei­chen gibt es Ge­mein­sam­kei­ten und Über­gän­ge, vor al­lem ist auch der spie­le­ri­sche Frei­heits­ge­brauch der Schwu­len oh­ne Ver­herr­li­chung von Ge­walt und strik­ter Rol­len­ver­tei­lung – hier die Ak­ti­ven, dort die Pas­si­ven – un­denk­bar. Al­les in al­lem gilt aber, daß die Welt der Tun­ten und Ma­chos ein spie­le­risch-äs­the­ti­sches Ver­hal­ten be­gün­stigt, ei­ne Art Le­bens­kunst, die auf den lust­vol­len Au­gen­blick oder, um es mit dem al­ten To­pos zu sa­gen, das Car­pe-diem ori­en­tiert ist, in dem schon Kier­ke­gaard den Inbe­griff der äs­the­ti­schen Exi­sten­zwei­se ge­gen­über der ethi­schen sah. »Un­ser Ehe­stand, das Ge­setz un­se­rer Häus­lich­keit, ist nicht wie das Eu­re«, er­klärt Ge­net uns, den hetero­sexuellen Kul­tur­kon­su­men­ten, die wir ei­ner ge­re­gel­ten Ar­beit nach­ge­hen, für die Zu­kunft un­se­rer Kin­der vor­sor­gen und zur Ent­span­nung von Zeit zu Zeit das Thea­ter oder die Oper be­su­chen (um dort Die Zo­fen oder Don Gio­van­ni zu se­hen). »Man liebt sich oh­ne Lie­be. Es hat nichts von ei­nem Sa­kra­ment. Die Tun­ten sind die gro­ßen Un­mo­ra­li­schen. Im Hand­umdrehen, nach sechs Jah­ren des Zu­sam­men­le­bens, oh­ne sich ge­bun­den zu glau­ben, oh­ne zu den­ken, er könn­te da­mit et­was Schlech­tes oder we­he tun, be­schloß Mi­gnon, Di­vi­ne zu ver­las­sen. Oh­ne Ge­wis­sens­bis­se, nur ein we­nig be­un­ru­higt, weil Di­vi­ne sich wei­gern könn­te, ihn wie­der­zu­se­hen.« (NDF 76)

In Pas­sa­gen wie die­ser ta­stet sich Ge­net am ehe­sten in ein Jen­seits der Mo­ral­dia­lek­tik vor, denn der Ver­rat, von dem er er­zählt, ist nicht die Kehr­sei­te der Treue (die zur Lie­be ge­hört), weil die schwu­le Lie­be vom Mo­dell der he­te­ro­se­xu­el­len Lie­be ab­weicht und so­gar de­ren ver­ba­len Aus­druck in ei­ne Kri­se stürzt. Kei­ne Ge­wis­sens­bis­se, wo kei­ne Mo­ral und kei­ne An­ti­mo­ral herrscht; nur Frei­heit, zu­fäl­lig-not­wen­di­ge An­zie­hung und Ab­sto­ßung, ein end­lo­ses Spiel oh­ne Ver­zicht auf Trieb­be­frie­di­gung. Zwei Jahr­zehn­te nach der Ab­fas­sung von Not­re-Da­me-des-Fleurs sprach Ge­net, der sich in­zwi­schen von der Li­te­ra­tur ab- und der re­vo­lu­tio­nä­ren Po­li­tik zu­ge­wandt hat­te, rück­blickend von ei­ner künst­le­ri­schen Tätig­keit, die es »ab­lehnt, sich jed­we­dem Wert oder jed­we­der Au­to­ri­tät un­ter­zu­ord­nen.« Ei­ne sol­che Kunst kön­ne der Re­vo­lu­ti­on nicht die­nen, denn sie ent­sprin­ge dem »Kampf des ein­samen, kon­tem­pla­ti­ven Künst­lers, der let­zend­lich al­le Wer­te zer­stö­ren wird, nicht nur die bür­ger­li­chen, um sie durch et­was an­de­res zu er­set­zen, das mehr und mehr dem gleicht, was wir Frei­heit nen­nen.« (Pal 146f.) Das Kunst­werk in die­sem Ver­stan­de kri­ti­siert das Be­stehen­de nicht, zeigt aber auch kein Ein­ver­ständ­nis mit die­sem, son­dern schafft ei­ne uto­pi­sche Welt der Frei­heit, nicht so­sehr als Ide­al, das zu rea­li­sie­ren wä­re, son­dern als Flucht­ort, der dem Ein­zel­nen – doch ein An­ge­bot an den Le­ser? – je­der­zeit of­fen­steht.

Auch Nietz­sche schwank­te, und viel­leicht tut dies je­der Den­ker und je­der Schrei­ber, der sein Den­ken und Er­zäh­len nicht in ein vor­ge­präg­tes Sy­stem zwän­gen will, son­dern spon­ta­nen In­stink­ten, Im­pul­sen, Ein­ge­bun­gen – in die­sem Sinn al­so: dem Le­ben lauscht und nach­gibt. Auf der ei­nen Sei­te der Ge­sichts­punkt der Rang­ord­nun­gen, die Si­che­rung der Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten von Eli­ten, der pa­ra­noi­de Kampf ge­gen die – wo­mög­lich nur ein­ge­bil­de­ten – Be­hin­de­run­gen in ei­ner Mas­sen­ge­sell­schaft; auf der an­de­ren Sei­te die Skiz­zen zu ei­ner ero­tisch-äs­the­ti­schen Le­bens­kunst, die, wenn sie über­haupt Re­geln braucht und auf­ge­schrie­ben wer­den muß, im­mer nur für den je Ein­zel­nen gel­ten kann. Selbst­schöp­fung aus frei­en Stücken an­stel­le ei­ner Selbst­be­herr­schung nach vor­ge­ge­be­nen Re­geln (oder ge­gen die Re­geln). Blickt man auf Nietz­sches Bio­gra­phie, wird klar, daß die Selbst­schöp­fung weit­hin Selbst­dar­stel­lung in Ge­stalt Za­ra­thu­stras oder auch im ei­ge­nen Na­men – ec­ce ho­mo – ist, und die­se wie­der­um Ge­stal­tung je­nes Ide­al-Ichs, das dem kran­ken, zur Ge­sund­heit stre­ben­den Phi­lo­so­phen vor­schweb­te. In Sa­franskis Erklärungs­versuch von Nietz­sches gei­sti­gem En­de spielt der Ge­dan­ke ei­ne we­sent­li­che Rol­le, daß der Phi­lo­soph sei­ne Phan­ta­si­en zu­neh­mend in die Rea­li­tät hin­ein­ver­leg­te und zwi­schen den bei­den Be­rei­chen schließ­lich nicht mehr zu tren­nen wuß­te. Pa­ra­noia ist pro­duk­tiv und au­to­de­struk­tiv, pa­ra­noi­de Selbst­ge­stal­tung führt fast un­aus­weich­lich in den Zusammen­bruch. Bei Ge­net ver­hält es sich um­ge­kehrt, und sein Spiel blieb ein Spiel, der Au­tor lief nie­mals Ge­fahr, den Sta­tus sei­ner Phan­ta­si­en zu ver­ken­nen. Ge­net be­kämpf­te und ent­schärf­te die Real­ti­tät, in­dem er sie in sei­ne Phan­ta­si­en über­setz­te und Fik­tio­nen aus Rea­li­täts­frag­men­ten kon­stru­ier­te, um der Wirk­lich­keit als sol­cher den Rücken zu­zu­keh­ren und beim Spiel zu ver­wei­len. Ge­net ver­stand es, ziel­los da­hin­zu­le­ben, spä­ter, nach­dem der Ruhm er­reicht war, auch oh­ne Li­te­ra­tur, mit der Po­li­tik als Er­satz: ei­ne wei­te­re Va­ri­an­te der Le­bens­kunst, ähn­lich wie bei Er­ne­sto Gue­va­ra, der eben­falls als Schrif­stel­ler be­gon­nen hat­te. Ge­net er­kann­te die Pro­ble­ma­tik der Be­schö­ni­gung von Ver­hält­nis­sen, die nicht schön wa­ren. Er ging das Pro­blem of­fen­siv an, in­dem er den Ex­zeß des Schö­nen such­te und den Kitsch ris­kier­te oder so­gar vor­sätz­lich fa­bri­zier­te, um sei­nen Äs­the­ti­zis­mus aus der Ver­quickung des Schö­nen mit dem Wah­ren und Gu­ten heraus­zumeißeln. Was auf die­se Wei­se ent­stand, war fal­sche Schön­heit: die Schön­heit der Fäl­schung, des Transves­titentums, der Au­reo­len, der Schmin­ke und der auf­ge­steck­ten Blu­men; Schön­heit von Or­na­men­ten, de­ren Ge­net nie­mals satt wur­de. »Mei­ne Lie­be fin­det ih­re Be­frie­di­gung an die­sen als Edel­leu­te ver­klei­de­ten Ga­no­ven. Auch mein Ge­schmack am Be­trug, am Kitsch, der mich am lieb­sten auf mei­ne Vi­si­ten­kar­te schrei­ben lie­ße: ‘Jean Ge­net, fal­scher Graf von Til­lan­court’.« (NDF 250) Schön­heit und Fäl­schung (als Ver­rat an der Wirk­lich­keit) bil­den bei Ge­net ei­ne un­trenn­ba­re Ein­heit.

Sei­ne Auf­ga­be als Künst­ler sah Ge­net dar­in, un­er­hör­te Schön­hei­ten zu schaf­fen, dies aber mit ei­nem Stoff, der nach den her­kömm­li­chen Maß­stä­ben als un­taug­lich für ein sol­ches Un­ter­fan­gen galt. Die Spra­che soll­te Ge­sang, die Be­schrei­bung (oder Er­in­ne­rung) zur Hym­ne wer­den – auf die über­ra­schen­de Par­al­le­le zu Ril­kes Pa­ne­gy­rik ha­be ich hinge­wiesen. »Von der Schön­heit des Aus­drucks hängt die Schön­heit ei­ner mo­ra­li­schen Hand­lung ab«, schreibt Ge­net, und wei­ters: »Die Tat ist schön, wenn sie un­se­re Keh­le zum Ge­sang her­aus­for­dert.« (TD 20) Tat heißt da­bei Un­tat, mo­ra­li­sches Han­deln ist anti­moralisches Han­deln. Wenn man man mit Be­zug auf Ge­nets Bio­gra­phie von ei­ner »Wahl« spre­chen kann, dann im Sinn ei­ner äs­the­ti­schen Wahl, die nach Kier­ke­gaards Inter­pretation kei­ne ei­gent­li­che Wahl ist, son­dern Aus­lie­fe­rung des Ichs an die Um­stän­de, Be­gierden, In­stink­te. Dem Äs­the­ti­ker man­gelt es an Be­stän­dig­keit (oder Treue, um bei Ge­nets Wort­wahl zu blei­ben), an ei­nem Ent­wurf al­so für sein ei­ge­nes Le­ben. Auch die Le­bens­kunst der Selbst­schöp­fung, wie Nietz­sche sie an­deu­te­te, ist mit die­ser Exi­stenz­form nicht ver­ein­bar. Nietz­sche blieb viel stär­ker als Ge­net mo­ra­li­schen Selbst­ver­pflich­tun­gen – sei­nem Ge­wis­sen – ver­ant­wort­lich; zu stark, als daß er sich dem frei­en Spiel der In­stink­te und ih­ren Ver­fei­ne­run­gen tat­kräf­tig hät­te hin­ge­ben kön­nen. In Hin­blick auf die Gesell­schaft be­deu­tet Frei­heit für den Pa­ria, un­ter den Le­ben­den ver­bannt zu sein. Die­ses Schick­sal hat Ge­net ge­wählt: »Jetzt, wo ich ge­lernt ha­be, ihm zu fol­gen« – obéir heißt es im Ori­gi­nal, al­so »ge­hor­chen« – »ist mein Kum­mer we­ni­ger groß.“ (NDF 304) Schick­sal ist das, was dem Pa­ria, dem Schwu­len, dem Her­um­trei­ber je­weils zu­fällt. Oder das, was dem Häft­ling zu­fällt: die Er­in­ne­run­gen, die Phan­ta­si­en. Sart­re war um­sich­tig ge­nug, er hat­te bei­de Sei­ten im Blick, so konn­te er die (an­ge­mes­se­ne) Fra­ge stel­len und die (er­wart­ba­re) Ant­wort ge­ben: »Hat Ge­net den Ver­rat ge­wählt oder der Ver­rat ihn?« (Sart­re 197) Bei­des, lau­tet die kor­rek­te Ant­wort. Ge­net aber be­ton­te, der Ver­rat ha­be ihn ge­wählt. Ihm sei kei­ne an­de­re Wahl ge­blie­ben, al­so ha­be er sie ge­trof­fen: die Wahl als Nicht-Wahl, als Wahl­ver­wei­ge­rung. Den­noch ver­such­te Sart­re an Ge­net sei­ne The­se zu ex­em­pli­fi­zie­ren: »Tou­te dé­ci­si­on éma­ne d’une li­ber­té pu­re et non qua­li­fiée qui vi­se à se don­ner un êt­re...« (Sart­re 75) Die­se De­fi­ni­ti­on ent­spricht der ethi­schen Wahl Kier­ke­gaards, und eben von die­ser hielt sich Ge­net zeit­le­bens frei. Sart­re läßt sich vom Ge­trie­be sei­ner Dia­lek­tik zu der Be­haup­tung lei­ten, die wid­ri­gen Um­stän­de hät­ten Ge­net mit dem rei­nen Wil­len konfron­tiert, so daß er letzt­lich den Wil­len wol­le: »Il veut vou­loir« (Sart­re 87). Ge­nau dies ist aber die Po­si­ti­on, zu der Nietz­sche ge­lang­te, es ist der Wil­le zur Macht als Wil­le zum Wil­len, wie schon Hei­deg­ger (in Was heißt den­ken?) fest­stell­te. Ge­net hin­ge­gen er­scheint uns – zu­min­dest in sei­nen Ro­ma­nen, aber letzt­end­lich auch in sei­ner Re­al­bio­gra­phie – als je­ne Fi­gur, die die end­lo­se Ket­te der Ver­schie­bung durch­bricht und das Spiel der Schöp­fung tat­säch­lich spielt.

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Vie­le Au­toren spie­len das Spiel der Schöp­fung, das ist letzt­lich nur ih­re Auf­ga­be, ih­re Ar­beit. Die Be­son­der­heit Nietz­sches und Ge­nets be­steht dar­in, daß sie dies in Heraus­forderung und Über­win­dung der Kräf­te tun, die das Spiel ge­wöhn­lich be­hin­dern, wenn nicht ver­hin­dern. Es han­delt sich um ganz kon­kre­te, von den Bio­gra­phen längst mit Na­men und Da­ten be­leg­te Kräf­te: die Krank­heit bei Nietz­sche, der Aus­schluß von der Ge­sell­schaft im Fal­le Ge­nets. Das über­lie­fer­te christ­lich-bür­ger­li­che Wer­te­sy­stem wur­de in den soge­nannten west­li­chen Län­dern in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hunderts so hef­tig in Fra­ge ge­stellt, daß es auch in der Mehr­heits­ge­sell­schaft sei­ne unum­schränkte Herr­schaft ein­büß­te. Dar­über hin­aus ist aber fest­zu­hal­ten, daß die be­tref­fen­den Vor­ga­ben – zum Bei­spiel Näch­sten­lie­be oder Be­schei­den­heit (= De­mut) oder die Äch­tung von Neid und Geiz – in der Pra­xis bei wei­tem nicht im­mer rea­li­siert wur­den, ja nicht ein­mal als ziel­füh­rend er­ach­tet wur­den. Zwi­schen Wer­te­sy­stem und gesell­schaftlicher Pra­xis be­steht ei­ne schein­bar un­über­wind­ba­re, dem­nach we­sent­li­che Kluft; das Wer­te­sy­stem kann für die Pra­xis le­dig­lich An­lei­tun­gen ge­ben und als Re­gu­la­tiv wir­ken. An­ders for­mu­liert: Erst die Tat­sa­che, daß die Han­deln­den zu Ego­is­mus, Hoch­mut, Neid usw. nei­gen, macht mo­ra­li­sche Re­gu­la­ti­ve not­wen­dig. Die­ses kon­flikt­haf­te Ver­hält­nis ist ei­ne an­thro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te, die selbst ei­ne hy­po­the­ti­sche Ent­wick­lung zum »Über­menschen« nicht be­sei­ti­gen wird. Die­sen Wi­der­spruch hat Nietz­sche viel zu we­nig be­rück­sich­tigt; ge­wöhn­lich ging er von der An­nah­me aus, die christ­li­che Mo­ral wer­de all­täg­lich prak­ti­ziert.

Seit den acht­zi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts flie­ßen ver­stärkt Wer­te in den öf­fent­li­chen, me­dia­len Dis­kurs ein, wie sie Nietz­sche bei sei­nen Ver­su­chen, ei­nen neu­en Men­schen zu de­fi­nie­ren, auf­li­ste­te und wie sie in Ge­nets Fik­tio­nen teil­wei­se um­ge­setzt sind. Ego­is­mus, Selbst­dar­stel­lung, Ver­höh­nung der Näch­sten­lie­be, Wett­streit als grund­le­gen­des Ver­hält­nis zu den Mit­men­schen, He­do­nis­mus, Ver­fei­ne­rung des Ge­nie­ßens (man den­ke et­wa an den Auf­schwung der Ga­stro­no­mie), mas­sen­haf­tes Ou­ting von Schwu­len, Les­ben und sonst­wie ab­wei­chen­den Grup­pen, Lie­bes- und Re­gen­bo­gen­pa­ra­den – al­le die­se neu­en und neu-al­ten Wer­te und Prak­ti­ken, da­zu auch die Ent­wer­tung von Treue und Be­stän­dig­keit (man den­ke an die heu­ti­gen Schei­dungs­ra­ten) und die Wind­müh­len­kämp­fe der Po­li­ti­ker, die Geburten­rate zu he­ben, le­gen die Schluß­fol­ge­rung na­he, daß sich Nietz­sches Umwertungs­projekt nach und nach durch­zu­set­zen be­gon­nen hat. Da­bei be­ruft sich kaum je ein Ver­fechter die­ser Wer­te auf den Phi­lo­so­phen oder gar auf sein Ge­schöpf, den ver­rück­ten, menschen­scheuen Za­ra­thu­stra, der al­le sei­ne Vor­schlä­ge im­mer gleich wie­der zu­rück­zog. Verän­derungen im Wer­te­sy­stem ge­sche­hen nicht auf­grund von De­kla­ra­tio­nen und Kri­ti­ken, es sind kom­ple­xe Vor­gän­ge, die sich lang­fri­stig und über­in­di­vi­du­ell voll­zie­hen.

Be­son­ders er­staun­lich ist die Auf­wer­tung, die der Spiel­be­griff in den letz­ten Jahr­zehn­ten er­fah­ren hat, und in die­sem Zu­sam­men­hang der Be­griff der Schöp­fung, der »Krea­ti­on«, den heu­te Mo­de­de­si­gner und Kö­che, Zucker­bäcker und Co­mi­x­zeich­ner ge­nau­so bean­spruchen wie Künst­ler, Wis­sen­schafts­jour­na­li­sten und Wer­be­frit­ze. Auf­wer­tung nicht nur im ide­el­len, son­dern auch und vor al­lem im wirt­schaft­li­chen Sinn. Ei­ne un­ge­heu­re Mas­se von öko­no­mi­schen Wer­ten wird heu­te durch Fuß­ball, Ten­nis und an­de­re Sport­ar­ten in Be­we­gung ge­bracht und ver­mehrt, und die­se Spie­le er­fas­sen in Form von me­dia­lem Kon­sum so­wie kom­mer­zi­ell be­trie­be­nen Wet­ten wei­te Tei­le der Welt­be­völ­ke­rung. Die Fi­nanz­spe­ku­la­ti­on, die zu ei­nem der ent­schei­den­den Wirt­schafts­fak­to­ren ge­wor­den ist, un­ter­schei­det sich nicht we­sent­lich vom Wett­spiel, und es ist be­zeich­nend, daß man wirt­schaft­li­che Ak­teu­re heu­te ge­ne­rell oft als »Play­er« be­zeich­net. Auf der »volks­tümlichen« Ebe­ne hat das Vor­drin­gen von Com­pu­ter­tech­no­lo­gie und In­ter­net bis in die fi­nanz­schwa­chen Haus­hal­te hin­ein den über­wie­gen­den Teil der Be­völ­ke­rung zu Spie­lern ge­macht, die von füh­ren­den Kon­zer­nen der Welt­wirt­schaft mit im­mer neu­en Ge­rä­ten ver­sorgt wer­den. Und die Ver­brei­tung von Event- und Spaß­kul­tur, eben­falls wirt­schaft­lich lu­kra­tiv, trägt dem Mas­sen­be­dürf­nis nach thea­tra­li­scher In­sze­nie­rung, heu­te oft »Er­leb­nis« ge­nannt, Rech­nung. Und die Freu­de durch Mu­sik, nach der man sich im 19. Jahr­hun­dert noch seh­nen konn­te, ist heu­te so all­ge­gen­wär­tig, daß sie ei­nem schon wie­der ver­lei­det wer­den kann. Nietz­sches Po­stu­la­te und Ge­nets Fik­tio­nen sind mitt­ler­wei­le in der glo­ba­len Ge­sell­schaft ver­wirk­licht, sie ver­fü­gen über kei­ner­lei Pro­vo­ka­ti­ons­kraft mehr. Da­bei hat sich je­doch ge­zeigt, daß He­do­nis­mus, Selbst­dar­stel­lung und Spiel­ver­hal­ten kei­nes­wegs Eli­ten oder Au­ßen­sei­tern vor­be­hal­ten sind, son­dern mit der Ver­ma­ssung in al­len ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen har­mo­nie­ren. Auf ei­ne im­mer klei­ne­re, in Ni­schen zer­streu­te Eli­te be­schrän­ken sich die eben­falls be­frei­ten Mög­lich­kei­ten der Ver­fei­ne­rung, Dif­fe­ren­zie­rung, Bil­dung so­wie die Idee ei­ner grund­le­gen­den Er­neue­rung, die sich nicht den Rhyth­men von kul­tur­in­du­stri­ell ge­steu­er­ten Mo­den un­ter­wirft.

Un­ter den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen stellt sich die Fra­ge, ob es nicht eher im In­ter­es­se ei­ner Fort­füh­rung der abend­län­di­schen Ge­schich­te ist, sich auf je­ne Wer­te der christ­lich-bür­ger­li­chen Tra­di­ti­on zu be­sin­nen, die Nietz­sche kri­ti­sier­te und Ge­net spie­le­risch um­kehr­te. Zu hof­fen und zu er­pro­ben bleibt, ob man­ches da­von mit ei­ner frei­en Le­bens­kunst ver­ein­bar ist.

© Leo­pold Fe­der­mair


Ver­wen­de­te Li­te­ra­tur.

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  1. Can­cel Pro­gram GENESIS

    »Drei Ver­wand­lun­gen nen­ne ich euch des Gei­stes: wie der Geist zum Ka­me­le wird, und zum Lö­wen das Ka­mel und zum Kin­de zu­letzt der Lö­we.«

    Fried­rich Nietz­sche: Al­so sprach Za­ra­thu­stra / Von den drei Ver­wand­lun­gen

    Die Ar­beits­tei­lung er­hob den Men­schen über den Tier­zu­stand, und die Qua­li­tät der ma­kro­öko­no­mi­schen Grund­ord­nung be­stimmt den Grad der Zi­vi­li­siert­heit, die der Kul­tur­mensch er­rei­chen kann:

    »Die Ent­wick­lung vom Her­den­men­schen, vom Teil­men­schen zum selb­stän­di­gen Voll­men­schen, zum In­di­vi­du­um und Akra­ten, al­so zum Men­schen, der je­de Be­herr­schung durch an­de­re ab­lehnt, setzt mit den er­sten An­fän­gen der Ar­beits­tei­lung ein. Sie wä­re längst voll­ende­te Tat­sa­che, wenn die­se Ent­wick­lung nicht durch Män­gel in un­se­rem Bo­den­recht und Geld­we­sen un­ter­bro­chen wor­den wä­re – Män­gel, die den Ka­pi­ta­lis­mus schu­fen, der zu sei­ner ei­ge­nen Ver­tei­di­gung wie­der den Staat aus­bau­te, wie er heu­te ist und ein Zwit­ter­ding dar­stellt zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Frei­wirt­schaft. In die­sem Ent­wick­lungs­sta­di­um kön­nen wir nicht stecken blei­ben; die Wi­der­sprü­che, die den Zwit­ter zeug­ten, wür­den mit der Zeit auch un­se­ren Un­ter­gang her­bei­füh­ren, wie sie be­reits den Un­ter­gang der Staa­ten des Al­ter­tums her­bei­ge­führt ha­ben.«

    Sil­vio Ge­sell (Vor­wort zur 4. Auf­la­ge der NWO)

    Ist die Ma­kro­öko­no­mie noch feh­ler­haft, müs­sen Macht­struk­tu­ren auf­ge­baut wer­den. Da­zu be­darf es ei­ner »Ver­wand­lung des Gei­stes« (Re­li­gi­on = Rück­bin­dung auf künst­li­che Ar­che­ty­pen), um die ma­kro­öko­no­mi­schen Kon­struk­ti­ons­feh­ler und die dar­aus re­sul­tie­ren­de, sy­ste­mi­sche Un­ge­rech­tig­keit und Be­schränkt­heit aus dem Be­griffs­ver­mö­gen des ar­bei­ten­den Vol­kes aus­zu­blen­den.

    Weil die ei­gent­li­che re­li­giö­se Ver­blen­dung (künst­li­che Pro­gram­mie­rung des kol­lek­tiv Un­be­wuss­ten) dar­in be­steht, die ori­gi­na­le Hei­li­ge Schrift (die Bi­bel bis Genesis_11,9 so­wie ein we­sent­li­cher Teil der Nag Ham­ma­di Schrif­ten) NICHT zu ver­ste­hen – un­ab­hän­gig da­von, ob man an den Un­sinn glaubt, den die Prie­ster dar­über er­zäh­len, oder nicht -, birgt die Re­li­gi­on die Ge­fahr, sich zu ver­selb­stän­di­gen (Car­go-Kult), wenn es nie­man­den mehr gibt, der ih­re wirk­li­che Be­deu­tung noch kennt. Die ma­kro­öko­no­mi­schen Kon­struk­ti­ons­feh­ler und die eta­blier­ten Macht­struk­tu­ren kön­nen dann so­lan­ge nicht be­ho­ben wer­den, wie der Car­go-Kult an­dau­ert, selbst wenn das Wis­sen be­reits zur Ver­fü­gung steht, um die idea­le Ma­kro­öko­no­mie und die dar­auf auf­bau­en­de, herr­schafts­freie Ge­sell­schaft zu ver­wirk­li­chen, in der all­ge­mei­ner Wohl­stand auf höch­stem tech­no­lo­gi­schem Ni­veau, ei­ne sau­be­re Um­welt und der Welt­frie­den selbst­ver­ständ­lich wer­den.

    Das »Ka­mel«: zen­tra­li­sti­sche Plan­wirt­schaft oh­ne li­qui­des Geld (Ur­so­zia­lis­mus)
    Der »Lö­we«: Zins­geld-Öko­no­mie (ka­pi­ta­li­sti­sche Markt­wirt­schaft)
    Das »Kind«: Na­tür­li­che Wirt­schafts­ord­nung (Markt­wirt­schaft oh­ne Ka­pi­ta­lis­mus)

    http://www.deweles.de/willkommen/cancel-program-genesis.html

  2. 1. Ei­ne klei­ne Ant­wort be­zügl. der »Fi­gu­ren der Um­wer­tung“ be­schrei­be ich ge­ra­de... 1. a Die Links – Krank­heit der (An­ti) – Deut­schen
    2. Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen (Ant­wort auf „Stein­a­ger“)
    3. Die­ser Text ist mit ver­schie­de­nen, gro­ßen Schwie­rig­kei­ten in der Zeit
    ge­lan­det.

    (Mag sein, dass die deut­sche Lin­ke nicht in Gän­ze und so starr am
    Mar­xis­mus fest­hält, oder gar wie Hobs­bawm Mit­te der 90iger den
    Sta­li­nis­mus ver­tei­dig­te und für den von ihm ge­dach­ten Fort­schritt
    auch die Tö­tung von ca. 20 Mil­lio­nen Men­schen gut­hieß, ob­wohl es
    in­cl. Chi­na wohl 100 Mil­lio­nen wa­ren,
    da­für speist sie sich ge­nau­so aus re­li­giö­sen Quel­len, so daß man auch
    von ei­ner Krank­heit (sie­he Über­schrift) nicht nur un­ter sei­nen An­hän­gern
    auch in Deutsch­land re­den kann, )

    Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen 1/5 (Ant­wort auf „Stein­a­ger“)

    Die von Ass­heu­er zi­tier­te Kant‘sche Welt­öf­fent­lich­keit, die von „al­len
    ge­fühlt wird“ und von ihm als Fort­schritt der Ver­nunft „ge­fei­ert“ wird,
    ent­spricht wohl eher ei­nem Wunsch­den­ken; Sie be­wegt sich Heu­te in
    Rich­tung ei­ner tech­ni­schen Ein­för­mig­keit al­ler Be­rei­che und wird den
    Phä­no­me­no­lo­gi­en des Mensch-Seins und der Na­tur nicht mehr ge­recht.

    Ei­ne gründ­lich hin­rei­chen­de Ana­ly­se, müss­te (au­ßer den öko­no­mi­schen)
    Heu­te eher der Assmann´schen The­se nach­ge­hen, wo­bei ich den „jü­di-
    schen Mo­no­the­is­mus“ nicht in den Vor­der­grund stel­len wür­de, son­dern
    sei­ne christ­li­chen Ver­falls­for­men (der abend­län­di­schen Me­ta­phy­sik);
    und wür­de in­so­fern nicht die „mo­sai­sche Dif­fe­renz“ be­leuch­ten, son­dern
    die „on­to­lo­gi­sche Dif­fe­renz“ M. Hei­deg­gers.
    Ich wür­de des­wei­te­ren der Aus­sa­ge des Fo­ri­sten „Stein­a­ger“ nach­ge­hen:
    „Die Ideo­lo­gi­en des Mark­tes und des Is­la­mis­mus un­ter­drücken in un­heil- vol­ler Al­li­anz die Men­schen, kon­di­tio­nie­ren die­se gei­stig, sau­gen die­se aus
    und het­zen die­se auf­ein­an­der.“;
    Dies ist zwar et­was sim­pel ge­dacht, re­flek­tiert aber die bis Heu­te gel­ten­de
    (christ­li­che) Nach­kriegs­me­ta­phy­sik die sich zur (mar­xi­sti­schen) Ver­nunft- re­li­gi­on ent­wickeln soll­te;

    Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen 2/5

    die, im we­sent­li­chen in­au­gu­riert durch Karl Barth, des­sen „gött­lich ge­för- der­te Re­si­stenz ge­gen die po­li­ti­sche Macht“ der­zeit kul­mi­niert
    in die einst­wei­li­gen Hö­he­punk­te der jetzt ver­such­ten deut­schen
    Selbst­auf­lö­sung (die Fort­füh­rung des ESM) in ei­nen „ge­hei­men“ Je­sus-
    So­zia­lis­mus der links-he­ge­lia­ni­schen Welt­gei­stig­keit ( J. Ha­ber­mas )
    in der pro­vi­den­ti­el­len Ziel­füh­rung ei­nes Welt­fort­schritts nach Got­tes
    Gna­den, ei­nes in­so­fern süd­deutsch in­spi­rier­ten
    Welt­gu­ten, auch im Na­men des kon­ser­va­ti­ven M. Walsers und ei­nes Groß- teils der
    ge­gen­wär­ti­gen deut­schen Phi­lo­so­phie und – So­zi­al­wis­sen­schaf­ten mit
    und nach Marx, und al­ler sei­ner ideo­lo­gi­schen Zu­spit­zun­gen.
    Es ist grauß­lich, wenn man sich mal die Ver­schlei­mun­gen in die­ser
    Hin­sicht in den 60igern, 70igern und 80igern Jah­ren an­schaut.
    (uni­ver­si­tär, pu­bli­zi­stisch, po­li­tisch, l.b.n.l. theo­lo­gisch), es
    wür­den ei­nem vor lau­ter
    Rea­li­tät die Au­gen über­ge­hen be­züg­lich der Tat­sa­che, wie die
    da­ma­li­gen Ver­schwur­be­lun­gen zur ge­schicht­lich- po­li­ti­schen
    Dis­kur­s­ho­heit ge­lang­ten und jetzt mit der Eu­ro­ret­tung oben auf
    schei­nen. (Der Au­tor die­ser Zei­len hat bis­wei­len an maß­geb­li­cher
    Stel­le zum Ge­lin­gen der Welt­re­vo­lu­ti­on bei­getra­gen).

    Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen 3/5

    Es ist der Ha­bi­tus des Selbst­ge­recht und zu­tiefst Hoch­fah­rend
    emp­fin­den­den Men­schen der gut­mensch­li­chen Em­pö­rung über die
    Un­gleich­heit des Men­schen, die gleich­zei­tig ihr Sie­ger­lä­cheln des
    „Wil­lens zur Macht“ ge­nießt.
    Ei­ner­seits ist es ver­ständ­lich wie die­se un­end­li­che
    Be­sieg­ten­gei­stig­keit das Zep­ter ge­win­nen
    konn­te, an­de­rer­seits war die hi­sto­ri­sche Si­tua­ti­on zur
    Ver­ge­gen­wär­ti­gung des all­ge­mei­nen Abend­län­di­schen
    Ni­hi­lis­mus auf­ge­ru­fen!.
    War­um Nietz­sche UNBEGRIFFEN blieb (der doch die­se Krank­heit um­fas­send
    be­schrie­ben hat­te), bleibt zu fra­gen!; denn die­se Krank­heit,
    ins­be­son­de­re der Deut­schen,
    „mein Gott“ in­zwi­schen aber auch der Welt, ist die Groß­ar­tig­keit des
    idea­li­sti­schen GEFÜHLS ( un­ter­malt von
    der 9. Beet­ho­vens), daß die Welt in Gän­ze sich er­lö­sen könn­te,
    mit­tels des abend­län­di­schen Sub­jekts und
    sei­ner tech­ni­schen Mit­tel, die im üb­ri­gen „den schö­nen
    Göt­ter­fun­ken“ kon­se­quent in ih­ren phi­lo­so-
    phisch – ge­nea­lo­gi­schen Epi­ste­men hin­ter­treibt. (den Ha­ber­mas
    wie­der­um per Ka­tho­li­zis­mus zu ret­ten ver­sucht, na­tür­lich zu Gun­sten
    der so­zia­len Ko­hä­si­on.).
    Stell­ver­tre­tend steht da­für die Kri­ti­sche Theorie.und ihr
    mes­sia­ni­scher An­spruch den FORTSCHRITT per se
    und in al­ler Gleich­heit die MENSCHEIT per se und
    hoch­kom­mu­ni­zier­bar zu er­lö­sen;
    die die ei­gent­li­che Kon­se­quenz ih­res Den­kens scheut, in dem
    Qua­si-Dik­tum, daß kein Rich­ti­ges Le­ben im Fal­schen
    sei;

    Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen 4/5

    dies hat al­len sä­ku­la­ri­sier­ten Welt­ver­win­dern der Lin­ken ( part of a
    glo­bal Left, Ju­dith But­ler) in ein Un­end­li­ches der Uto­pie ver­hol­fen.,
    so daß sich ih­re mar­xi­sti­schen wie post­mar­xi­sti­schen Ide­en heu­te nur noch in theo-
    lo­gisch – in­tel­lek­tua­li­sti­scher Ma­nier of­fen­ba­ren, will sa­gen, sie
    sind nicht mehr hin­ter­frag­bar und na­he­zu über­flüs­sig.
    Die­se Krank­heit ist so­zu­sa­gen prä­ju­di­ziert durch das pau­li­ni­sche
    Chri­sten­tum, wel­che die Wahr­keit ei­nem si­cher­lich
    sel­te­nen Men­schen zu­schreibt und in­ner­halb der Ge­mein­den dem
    po­ten­ti­el­len Welt­bür­ger durch fort­zeu­gen­der
    Tau­fe dem pro­to­ty­pi­schen Sub­jekt „of­fen­bart“, in dem das nun ehe­mals
    grie­chi­sche Un­ter­schei­dungs­ver­mö­gen
    Zwi­schen Göt­tern und Men­schen nach Pla­ton in ei­nen Akos­mis­mus Der
    Wahr­heit für Al­le mün­det, wie ei­ne Waf­fe,
    die dem Welt-und Na­tur­schüt­zen­den Pan der An­ti­ke den Dolch ins Herz
    stößt und vollens köpft die Über­häupt-
    lich­keit (des Dio­ny­sos) der Na­tur. ( Mag die an­ge­deu­te­te Dithy­ram­be
    als Fin­ger­zeig gel­ten!.)

    Die Me­ta­phy­sik der (An­ti) – Deut­schen 5/5

    Dies ist nur die lei­se und klei­ne Um­schrei­bung ei­nes ge­wal­ti­gen
    Vor­gangs, die letz­lich zur Er­mäch­ti­gung des abend­län­di­schen
    Men­schen führt, zu tun und las­sen was er will, um nun in ge­sam­mel­ter
    Ein­falt der tech­ni­schen Völ­ker die Welt zu zer­stö­ren
    in dem Mas­sen­de­mo­kra­tie und die Aus­la­ge­rung des To­des in ent­le­ge­ne
    Fer­nen das Pro­jekt des Fort­schritts ge­biert
    in die Schick­sals­lo­sig­keit „des letz­ten Men­schen“ F. Nietz­sche.
    Nein, die ei­gen­li­che „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ ha­ben ein F.
    Nietz­sche und ein M. Hei­deg­ger ge­schrie­ben. Mit ei­ner Ra­di­ka­li­tät,
    die den bo­den­lo­sen Fort­schritts­glau­ben in all sei­nen nach-pla­to­ni­schen
    Fa­cet­ten auf­klär­te:
    (die Va­ri­an­te für den Ge­gen­warts­men­schen wä­re: Chri­sten­tum und der
    Is­lam ist Pla­to­nis­mus fürs Volk; So­zia­lis­mus war Pla­to­nis­mus für
    In­tel­lek­tu­el­le; der Eu­ro ist Pla­to­nis­mus für Po­li­ti­ker.).

    P.S.: Ei­ne klei­ne Ant­wort auf „Fi­gu­ren der Um­wer­tung“ be­schrei­be ich ge­ra­de........

  3. Im Vor­über­ge­hen zi­tie­re ich:
    »Was ich be­kämp­fe, ist der öko­no­mi­sche Op­ti­mis­mus: wie als ob mit den wach­sen­den
    Un­ko­sten al­ler auch der Nut­zen al­ler not­wen­dig wach­sen müß­te. Das Ge­gen­teil scheint
    mir der Fall: die Un­ko­sten al­ler sum­mie­ren sich zu ei­nem Ge­samt-Ver­lust: der Mensch
    wird ge­rin­ger: – so daß man nicht mehr weiß, wo­zu über­haupt die­ser un­ge­heu­re Pro­zeß
    ge­dient hat. Ein Wo­zu? ein neu­es »Wo­zu« ? – das ist es, was die Mensch­heit nö­tig hat

    Die So­zia­li­sten be­geh­ren für mög­lichst vie­le ein Wohl­le­ben her­zu­stel­len. Wenn die
    dau­ern­de Hei­mat die­ses Wohl­le­bens, der voll­kom­me­ne Staat, wirk­lich er­reicht wä­re, so
    wür­de durch die­ses Wohl­le­ben der Erd­bo­den, aus dem der gro­ße In­tel­lekt und über­haupt
    das mäch­ti­ge In­di­vi­du­um wächst, zer­stört sein: ich mei­ne die star­ke En­er­gie. –
    Der Staat ist ei­ne klu­ge Ver­an­stal­tung zum Schutz der In­di­vi­du­en ge­gen­ein­an­der: über­treibt
    man sei­ne Ver­ede­lung, so wird zu­letzt das In­di­vi­du­um durch ihn ge­schwächt, ja
    auf­ge­löst – al­so der ur­sprüng­li­che Zweck des Staa­tes am gründ­lich­sten ver­ei­telt.

    Dem Um­sturz der Mei­nun­gen folgt der Um­sturz der In­sti­tu­tio­nen nicht so­fort nach,
    viel­mehr woh­nen die neu­en Mei­nun­gen lan­ge Zeit im ver­öde­ten und un­heim­lich ge­wor­de­nen
    Hau­se ih­rer Vor­gän­ge­rin­nen und kon­ser­vie­ren es selbst, aus Woh­nungs­not.

    Nie­mand kann zu­letzt mehr aus­ge­ben, als er hat: das gilt von ein­zel­nen, das gilt von
    Völ­kern. Gibt man sich für Macht, für gro­ße Po­li­tik, für Wirt­schaft, Welt­ver­kehr, Par­la­men­ta­ris­mus,
    Mi­li­tär-In­ter­es­sen aus, gibt man das Quan­tum Ver­stand, Ernst, Wil­le,
    Selbst­über­win­dung, das man ist, nach die­ser Sei­te weg, so fehlt es auf der an­dern Sei­te.
    Die Kul­tur und der Staat – man be­trü­ge sich hier­über nicht – sind Ant­ago­ni­sten: »Kul­tur-
    Staat« ist bloß ei­ne mo­der­ne Idee. Das ei­ne lebt vom an­dern, das ei­ne ge­deiht auf
    Un­ko­sten des an­dern. Al­le gro­ßen Zei­ten der Kul­tur sind po­li­ti­sche Nie­der­gangs-Zei­ten:
    was groß ist im Sinn der Kul­tur, war un­po­li­tisch, selbst an­ti­po­li­tisch.

    Ei­ne hy­per­tro­phi­sche Tu­gend kann so gut zum Ver­der­ben ei­nes Vol­kes wer­den wie ein
    hy­per­tro­phi­sches La­ster.

    Ich ha­be den Deut­schen die tief­sten Bü­cher ge­ge­ben, die sie über­haupt be­sit­zen –
    Grund ge­nug, daß die Deut­schen kein Wort da­von ver­stehn.

    Chri­sten­tum war von An­fang an, we­sent­lich und gründ­lich, Ekel und Über­druß des Le­bens
    am Le­ben, wel­cher sich un­ter dem Glau­ben an ein »an­de­res« oder »bes­se­res« Le­ben
    nur ver­klei­de­te, nur ver­steck­te, nur auf­putz­te. Der Haß auf die »Welt«, der Fluch
    auf die Af­fek­te, die Furcht vor der Schön­heit und Sinn­lich­keit, ein Jen­seits, er­fun­den,
    um das Dies­seits bes­ser zu ver­leum­den, im Grun­de ein Ver­lan­gen ins Nichts, ans En­de,
    ins Aus­ru­hen, hin zum »Sab­bat der Sab­ba­te« – dies al­les dünk­te mich, eben­so wie der
    un­be­ding­te Wil­le des Chri­sten­tums, nur mo­ra­li­sche Wer­te gel­ten zu las­sen, im­mer wie
    die ge­fähr­lich­ste und un­heim­lich­ste Form al­ler mög­li­chen For­men ei­nes »Wil­lens zum
    Un­ter­gang«, zum min­de­sten ein Zei­chen tief­ster Er­kran­kung, Mü­dig­keit, Miß­mu­tig­keit,
    Er­schöp­fung, Ver­ar­mung an Le­ben – denn vor der Mo­ral (in­son­der­heit christ­li­chen, das
    heißt un­be­ding­ten Mo­ral) muß das Le­ben be­stän­dig und un­ver­meid­lich Un­recht be­kom­men,
    weil Le­ben et­was es­sen­ti­ell Un­mo­ra­li­sches ist, – muß end­lich das Le­ben er­drückt
    un­ter dem Ge­wich­te der Ver­ach­tung und des ewi­gen Neins, als be­geh­rens­un­wür­dig,
    als un­wert an sich emp­fun­den wer­den.

    Daß Chri­stus die Welt er­löst ha­be, ist dreist.
    In je­der Re­li­gi­on ist der re­li­giö­se Mensch ei­ne Aus­nah­me«.

  4. Sehr ge­ehr­ter Leo­pold Fe­der­mair

    Fül­le, Mäch­tig­keit und Al­les, die At­tri­bu­te des Gött­li­chen in Ver­bin­dung mit der Mü­dig­keit, ist durch­aus dem Wer­den nicht ent­ge­gen­ge­setzt (und über­zeugt die klei­ne Sub­jek­ti­vi­tät des Au­gen­blicks) aber Al­le, an die er (Nietz­sche) sich
    wen­den könn­te, gibt es nicht: „Er will sich an al­le wen­den, weil sein Werk als all­um­fas­sen­des ge­dacht ist“, ist
    grund­sätz­lich falsch. !

    Nietz­sche und die An­de­ren muß man 40ig ‑Jah­re ge­le­sen, ge­lebt, und in sich selbst be­schrie­ben ha­ben, um nicht ein schwu­les Recht­fer­ti­gungs­sze­na­rio zu ent­wer­fen.

    „War­um soll­te die kör­per­li­che, se­xu­el­le Be­frie­di­gung kein Selbst­zweck sein? Ein Selbst­zweck wie die Kunst, und das Kunst­werk ein Ort für die Ver­brü­de­rung der frei­en Zwecke, der Zweck­frei­hei­ten, als da sind: Schön­heit (ab­stra­hie­rend in männ­li­chen Kör­per­for­men dar­ge­stellt), se­xu­el­ler Ge­nuß und Pro­vo­ka­ti­ons­lust, wo­bei letz­te­re den Wi­der­stand des an­stän­di­gen Bür­gers und sei­ner In­sti­tu­tio­nen braucht, um sich ver­wirk­li­chen zu kön­nen.“

    Ih­re Bei­spie­le sind ja al­le wun­der­schön, aber ha­ben mit F. Nietz­sche nur am Ran­de zu tun.

    Sie schrei­ben hier ei­nen sehr gu­ten Schü­ler­auf­satz, der auch noch als Erst­se­me­ster­auf­satz durch­ge­hen könn­te!

    Ih­re ei­gen­ar­ti­gen Dia­lek­ti­ken über­zeu­gen nie­man­den und sie ha­ben ei­ne ge­wis­se rhe­to­ri­sche Finesse,......ja aber,
    was wol­len Sie sa­gen!?.

    Ja, es ist gut was Sie da ge­schrie­ben ha­ben, sie kön­nen mit Spra­che um­ge­hen; aber das reicht nicht,... ich wei­ge­re mich da­her Ih­ren schwach­brü­sti­gen Text wei­ter zu le­sen.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen pe­ter­von­kloss.

  5. schwul und christ­lich und links!?...... ist nichts schlim­mes, kommt vor, ist nor­mal,
    hatt‘ aber in der Re­gel nicht das Zeug zur »Phi­lo­so­phie« Grü­ße pe­ter­von­kloss.

  6. Al­so Schwu­le, Chri­sten und Lin­ke kön­nen nicht phi­lo­so­phie­ren, das wol­len Sie ernst­haft sa­gen? – Glau­ben Sie nicht, daß das Res­sen­ti­ment sind? Res­sen­ti­ments, wie sie Nietz­sche, der »Psy­cho­log«, in sei­nen frü­hen Schrif­ten gei­ßel­te, de­nen er ge­gen En­de sei­ner Lauf­bahn, 1888/89, aber mehr und mehr selbst er­lag.
    Ih­re Aus­füh­run­gen, lie­ber pe­ter­von­kloss, er­in­nern mich an den al­ler­letz­ten Nietz­sche, an die Aus­fäl­le ge­gen Ri­chard Wag­ner, die Ho­hen­zol­lern, den Ge­kreu­zig­ten und wen noch al­les; Aus­fäl­le, die oft ne­ben lu­zi­den Be­mer­kun­gen ste­hen, ein kras­ses Ne­ben­ein­an­der. Viel­leicht be­wei­sen Sie ge­ra­de da­mit, daß Sie Nietz­sche aufs in­ten­siv­ste ge­le­sen ha­ben. Das be­un­ru­higt mich, we­gen Ih­nen und we­gen Nietz­sche.

  7. Lie­ber Leo­pold Fe­der­mair,
    Her­vor­a­gend fin­de ich dies: »Jetzt be­gann je­nes lan­ge he­roi­sche Le­ben, das ei­nen gan­zen Tag dau­er­te. In­dem er al­le Wil­lens­kraft auf­bot, ent­ging er der Ba­na­li­tät: er hielt sei­nen Geist in ei­ner übermensch­lichen Sphä­re in der Schwe­be, er war Gott, der mit ei­nem Schlag ein ein­zig­ar­ti­ges Uni­ver­sum er­schuf, wor­in sich sei­ne Ta­ten der mo­ra­li­schen Prü­fung ent­zo­gen.«

  8. @petervonkloss
    ich wei­ge­re mich da­her Ih­ren schwach­brü­sti­gen Text wei­ter zu le­sen.
    Sie wei­gern sich ei­nen Text zu le­sen, aber er­drei­sten sich dann auf­grund der nur ru­di­men­tär vor­han­de­nen Text­kennt­nis­se die­sen zu kom­men­tie­ren? Das ist in höch­stem Ma­ße in­fan­til.

  9. Hin­weis: Auf ei­ge­nen Wunsch wur­den hier ei­ni­ge Kom­men­ta­re von pe­ter­von­kloss ge­löscht. – Als kei­nen Tip ver­mag ich zu sa­gen, dass man ei­nen Kom­men­tar in Word oder ei­nem an­de­ren Text­pro­gramm vor­schrei­ben kann um ihn dann hier­her zu ko­pie­ren. Da­bei sind be­stimm­te Zei­chen, die in HTML-Tags Ver­wen­dung fin­den (bspw. spit­ze Klam­mern) pro­ble­ma­tisch, da sie wo­mög­lich an­ders »ge­le­sen« wer­den. Ich bit­te auch von sen­sa­tio­na­li­sti­scher Zei­chen­set­zung wie »!!!!« oder »????« ab­zu­se­hen. Statt end­lo­se Zi­ta­te bit­te ich um ei­gen­for­mu­lier­te Ar­gu­men­te.