Von Quants und an­de­ren Mon­stern

Frank Schirr­ma­chers »Ego – Das Spiel des Le­bens« ist ei­ne wil­de Alarm­ma­schi­ne und ka­pi­tu­liert all­zu vor­ei­lig

Frank Schirrmacher: Ego - Das Spiel des Lebens

Frank Schirr­ma­cher: Ego – Das Spiel des Le­bens

Cover - Mario Puzo: Der Pate

Co­ver – Ma­rio Pu­zo: Der Pa­te

Das Co­ver von »Ego – Das Spiel des Le­bens« weckt As­so­zia­tio­nen an Ma­rio Pu­zos Buch (und auch dem Film) »Der Pa­te«. Hier wie dort das Sym­bol der Ma­ni­pu­la­ti­on: die Ma­rio­net­te. Am En­de zi­tiert Schirr­ma­cher den fran­zö­si­schen Schrift­steller Paul Va­lé­ry, des­sen Fi­gur Mon­sieur Te­ste die »Ma­rio­net­te« ge­tö­tet hat­te. Man muss ge­nau le­sen: Hier soll nicht die Ma­rio­net­te eman­zi­piert und von ih­ren Fä­den be­freit wer­den. Hier geht es um den Tod der Fi­gur. Erst wenn die­se tot ist, hat der Ma­rio­net­ten­spie­ler kei­ne Macht mehr. Das be­mer­kens­wer­te ist: Die Ma­rio­net­te sind wir sel­ber bzw. das, was im Lau­fe der Zeit Be­sitz von uns ge­nom­men hat. Der Tod der Ma­rio­net­te ist, so kann man das in­ter­pre­tie­ren, die Ex­or­zie­rung des Bö­sen in uns. Ob da der Satz Die Ant­wort war falsch als Slo­gan der Aus­trei­bung aus­reicht?

Wor­um geht es? Schon früh das Be­kennt­nis, das Buch be­stehe letzt­lich nur aus ei­ner einzige[n] The­se, die des »ökonomische[n] Im­pe­ria­lis­mus«: Da­mit ist ge­meint, dass die Ge­dan­ken­mo­del­le der Öko­no­mie prak­tisch al­le an­de­ren So­zi­al­wis­sen­schaf­ten er­obert ha­ben und sie be­herr­schen. Den Keim für die­se Ent­wick­lung zum »Öko­no­mis­mus« (das ist mei­ne For­mu­lie­rung, die wo­mög­lich un­ge­nau ist, aber viel­leicht ge­ra­de in ih­rer Verein­fachung vor­über­ge­hen­de Hil­fe­stel­lung bie­tet) fin­det Schirr­ma­cher im Er­folg der Spiel­theorie, die, so die The­se, den Kal­ten Krieg so­zu­sa­gen ge­won­nen ha­be. Als das planwirt­schaftliche Sy­stem ob­so­let wur­de, ahn­te nie­mand, wel­che Aus­wir­kun­gen dies ha­ben wür­de. Die Phy­si­ker wech­sel­ten an die Wall Street und im­ple­men­tier­ten die Lo­gik des Kal­ten Krie­ges in die Ma­schi­nen, die dann ab den 1990er Jah­re im­mer mehr den Pri­vat­raum der Men­schen er­ober­ten.

Der neue Kal­te Krieg

Im Kal­ten Krieg galt das »Gleich­ge­wicht des Schreckens«. Wer den ato­ma­ren Erst­schlag aus­lö­ste, muss­te da­mit rech­nen, eben­falls ver­nich­tet zu wer­den. Zu­erst zu­schla­gen hieß, als Zwei­ter ver­nich­tet zu wer­den. Der Erst­schlag bot kei­nen Ge­winn­an­reiz. Die­ses Sze­na­rio muss­te im­mer wie­der neu an­ge­strebt und als Prä­mis­se eta­bliert blei­ben bzw. wer­den. Da­mit war klar: Kei­ner wür­de ris­kie­ren, die Welt un­ter­ge­hen zu las­sen, wenn er selbst da­bei drauf­gin­ge. Und das ist dar­aus nach 1990 ge­wor­den: Kei­ner wird ris­kie­ren, uns un­ter­ge­hen zu las­sen, wenn wir da­für ei­ne gan­ze Welt in den Ab­grund stür­zen, war 50 Jah­re spä­ter nach­weis­lich die Lo­gik der Too-big-to-fail-Stra­te­gen von Leh­man bis AIG.

Schirr­ma­cher nennt dies pa­the­tisch den neu­en Kal­ten Krieg im Her­zen un­se­rer Gesell­schaft, der nach dem Mau­er­fall ziel­ge­rich­tet und lan­ge Zeit un­be­merkt vor­be­rei­tet wur­de. Der bis­her ab­ge­schnit­te­ne Teil der Welt wur­de suk­zes­si­ve durch den neu­en Informations­kapitalismus er­obert. Hier­für wur­den Raub­tier­al­go­rith­men von den Quants (den Phy­si­kern des Kal­ten Krie­ges) ent­wickelt, ver­fei­nert und in die Com­pu­ter­sy­ste­me im­plan­tiert. In­zwi­schen ha­ben sich die­se Sy­ste­me ver­selb­stän­digt und op­ti­mie­ren sich un­ab­hän­gig jeg­li­chen Ein­flus­ses ih­rer Schöp­fer. Aus dem Ho­mo oeco­no­mi­cus des 19. Jahr­hun­derts, ei­nem We­sen, das man nicht mehr durch dif­fu­se Lei­den­schaf­ten, son­dern durch sei­ne knall­har­ten In­ter­es­sen ver­ste­hen konn­te, wird in der Ge­sell­schaft des »öko­no­mi­schen Im­pe­ria­lis­mus«, der al­les zur Öko­no­mie mach­te in Ver­bin­dung mit dem Com­pu­ter, die­sem elek­tro­ni­schen Fun­ken, der zwi­schen Ma­schi­ne und Mensch über­sprang ein Ho­mun­cu­lus, der al­le li­te­ra­ri­schen Mon­ster (Fran­ken­stein, Jekyll/Hyde) in den Schat­ten stellt. Schirr­ma­cher scheut nicht vor der Ver­mensch­li­chung der Ma­schi­nen-Al­go­rith­men zu­rück; er gibt ih­nen ein We­sen (aber kei­ne See­le). HAL9000, schon dif­fus in »Pay­back« auf­leuch­tend, ist Rea­li­tät ge­wor­den. Der öko­no­mi­sche Agent, ei­ne Fi­gur, die aus­schließ­lich nach ego­isti­schen Mo­ti­ven han­delt, wird ab so­fort hy­per­ven­ti­lie­rend »Num­mer 2« ge­nannt. Noch ist er ab­zu­gren­zen von »Num­mer 1«, dem ech­ten Men­schen mit Emo­ti­on, Ko­ope­ra­ti­ons­be­reit­schaft und Em­pa­thie. Aber »Num­mer 2« ni­stet sich pan­de­misch in »Num­mer 1« ein und lockt ihn mit fal­schen Ver­spre­chun­gen, so­fern er sich rein öko­no­mi­stisch ver­hal­te. Num­mer 2 ist ein idea­les, ma­the­ma­ti­sches We­sen, das ger­ne mör­de­ri­sche Spie­le spielt. Man kann gut mit ihm rech­nen, aber ziem­lich schwer mit ihm le­ben. Er ist da­bei nicht v o r dem Bild­schirm, son­dern i n der Ma­schi­ne. Num­mer 2, die so­zia­le Pro­gram­mie­rung des Men­schen, ha­be nur zwei Ge­ne: ei­nes für Ego­is­mus und ei­nes für Pro­fit (und viel­leicht noch ein drit­tes für Angst). (War­um »viel­leicht« ein drit­tes, wenn es zwei sein sol­len?) Man möch­te ihm ant­wor­ten, dass es in Wirk­lich­keit nur ei­nes ist: Die­se Form des Pro­fits um je­den Preis und der Ego­is­mus sind die Dop­pel­ver­gla­sun­gen des Fen­sters mit Aus­blick auf die schö­ne, neue Hux­ley-Welt (schon in »Pay­back« sah Schirr­ma­cher Hux­ley als we­sent­lich dro­hen­der an als Or­wells »1984«). Am En­de des 20. Jahr­hun­derts, so Schirr­ma­cher, ope­rier­te al­les nach den Mo­del­len der neo­klas­si­schen und neo­li­be­ra­len Öko­no­mie. Und die Spiel­theo­rie hat­te es ver­mocht, selbst die zwischen­menschlichen Be­zie­hun­gen nach die­sem Bil­de zu for­men.

It’s the eco­no­my, stu­pid

Schon will man wi­der­spre­chen. Ist die Spiel­theo­rie tat­säch­lich die Sie­ger­waf­fe des Kal­ten Krie­ges ge­we­sen? Ein­flüs­se wer­den in der Wis­sen­schaft durch­aus dis­ku­tiert. Aber wur­de sie – wie da­mals so vie­les – nur am Ran­de in­stru­men­ta­li­siert und aus­pro­biert? Aber man kommt nicht recht zur Ru­he in die­sem Buch. Das Kon­ti­nu­um vom Kal­ten Krieg zur Öko­no­mi­sie­rung der Ge­sell­schaft reicht dem Au­tor nicht. Mit gro­ßem Fu­ror jet­tet er wie die Haupt­fi­gur in H. G. Wells Ro­man »Die Zeit­ma­schi­ne« durch die Jahr­hun­der­te und na­he­zu je­der Prot­ago­nist der Zeit­ge­schich­te – ob Na­tur­wis­sen­schaft­ler oder Auf­klä­rer – wird am En­de zum Bau­stein der Ent­wick­lung, in der der Mensch des 21. Jahr­hun­derts Eloi und Mor­lock gleich­zei­tig ist. Da­mit wer­den nicht nur wir (die Zeit­ge­nos­sen), die schon durch künst­li­che Mon­ster zum Werk­zeug de­gra­diert sind, zur wil­len­lo­sen Krea­tur, son­dern auch noch un­se­re Vor­fah­ren, denn im Fort­schritt der Jahr­hun­der­te sind be­reits die We­sens­ato­me des Nie­der­träch­ti­gen im­plan­tiert und wach­sen un­aus­weich­lich her­an. So ge­biert das fa­ta­li­sti­sche Welt­mo­dell Schirr­ma­chers en pas­sant ei­nen ve­ri­ta­blen Geschichts­revisionismus: Die Öko­no­mie, nicht die Phi­lo­so­phie und erst recht nicht die ab­strak­te »Auf­klä­rung«, setz­te Tech­no­lo­gie in so­zia­le Or­ga­ni­sa­ti­on um. Wir ahn­ten es im­mer schon: It’s the eco­no­my, stu­pid? Yeah!

Aber es be­durf­te ne­ben der Phy­sik noch ei­ner an­de­ren Na­tur­wis­sen­schaft, das Le­be­we­sen Mensch zu ei­ner Fa­brik für Ego­is­mus zu ma­chen – das über­nahm die Bio­lo­gie. Ge­meint ist vor al­lem Ri­chard Daw­kins, ei­ner von Dar­wins gefährliche[n] Schüler[n], die sich an 1976 mit den The­sen vom »ego­isti­schen Gen« zu Zu­lie­fe­rern neo­li­be­ra­ler Öko­no­men machte[n], die es dann flugs in die Spiel­theo­rie ein­schleu­sten. Nach En­de des Kal­ten Krie­ges war der Weg frei. Das gro­ße So­zi­al­ex­pe­ri­ment mit dem Men­schen der Zivil­gesellschaft be­gann zu­erst mit der Au­to­ma­ti­sie­rung des Par­kett­han­dels der Finanz­märkte. Schirr­ma­cher ver­misst die nicht mehr brül­len­den De­vi­sen- und Aktien­händler mit ih­ren all­seits un­ver­ständ­li­chen Ge­heim­zei­chen, die aber im­mer­hin ein Ge­fühl ei­ner mög­li­chen De­co­die­rung ga­ben. Es war ja auch zu schön, sie in Fil­men wie »Wall Street« als Ur­ein­woh­ner ei­ner frem­den, ge­heim­nis­vol­len Welt be­wun­dern zu dür­fen, statt die in­zwi­schen vor schau­fen­ster­gro­ßen PCs brü­ten­den Schwei­ger, die man am be­sten (und am ir­ri­tie­rend­sten) mit prot­zig-un­heils­schwan­ge­rer Wag­ner-Mu­sik aus dem »Ring des Ni­be­lun­gen« un­ter­ma­len möch­te (wenn sie nicht ge­ra­de ein In­ter­view ge­ben oder in ei­ner Talk­show ihr Buch vor­stel­len).

Schirr­ma­cher stellt klar: Es geht nicht um Psy­cho­lo­gie (das war ge­stern), es geht um Ana­ly­se – und schließ­lich In­fil­tra­ti­on. Das Pro­blem ist, dass wir Zeu­gen ei­nes Um­bruchs wer­den, in dem […] Mo­del­le die Wirk­lich­keit co­die­ren und da­durch selbst wirk­lich wer­den. Dau­ernd weist er dar­auf hin, dass Num­mer 2 nicht nur Be­ob­ach­ter, son­dern im­mer auch Ak­teur ist, des­sen Be­rech­nun­gen zur selbst­er­fül­len­den Pro­phe­zei­ung wer­den, weil die Spiel­theo­rie ist nicht nur de­skrip­tiv, son­dern auch nor­ma­tiv. Sie po­stu­liert nicht nur Ego­isten, sie pro­du­ziert sie. Num­mer 2 han­delt nicht mehr i m Markt, er w a r der Markt. Der Kör­per ver­schwin­det in der Ma­schi­ne. Einst als »Skla­ve« des Men­schen ge­dacht, wird der Com­pu­ter zum Herr­scher des­sel­ben.

Num­mer 2 ist da­von be­ses­sen, die Spiel­zü­ge der an­de­ren Sei­te vor­aus­zu­se­hen, zu re­pro­du­zie­ren und mit­hil­fe des Nash-Gleich­ge­wichts zu be­ant­wor­ten. Al­le Re­sul­ta­te mensch­li­chen Han­delns wer­den dar­auf re­du­ziert, ob sie dem je­wei­li­gen Ich die­nen. Es gibt, so die Theo­rie, kein al­tru­isti­sches Ver­hal­ten mehr. Ir­gend­wann kommt der Mo­ment, in dem sich die­ses Ver­hal­ten aus»zahlen« soll. Schirr­ma­cher ist über die­se Deu­tung im­mer wie­der em­pört, plä­diert in den sel­te­nen Stel­len die nicht de­skrip­tiv sind, für die Unbe­rechen­barkeit des Men­schen und adelt ein biss­chen na­iv die mensch­li­chen Schwä­chen zu Stär­ken (aber da­zu spä­ter).

Die An­thro­po­mor­phi­sie­rung

In­zwi­schen wur­de die Mensch-Maschine-Kommunikation…von der Ma­schi­ne-Ma­schi­ne-Kom­mu­ni­ka­ti­on ab­ge­löst. Die Fol­gen sind pa­ra­do­xer­wei­se Un­be­re­chen­bar­kei­ten – aber nicht von Men­schen, son­dern Ma­schi­nen, d. h. ei­nes sich selbst über­las­se­nen und stän­dig selb­st­op­ti­mie­ren­den Sy­stems. Schirr­ma­cher an­thro­po­mor­phi­siert per­ma­nent und spricht ein­mal so­gar von an­nä­hernd biologische[n] Or­ga­nis­men. Wä­re es nicht so platt, könn­te man Goe­thes Zau­ber­lehr­ling als tref­fen­des Bild zi­tie­ren. Die Deu­tung legt na­he, dass wir vom Zau­ber­lehr­ling, dem die Co­die­run­gen ab­han­den ge­kom­men sind zum schnö­den Mit­glied der Ar­mee der was­ser­tra­gen­den Be­sen wer­den – oder be­reits ge­wor­den sind.

Ver­harm­lo­sung ist Schirr­ma­chers Sa­che nicht und so muss die Skan­da­li­sie­rungs­ma­schi­ne stän­dig am Lau­fen ge­hal­ten wer­den. Bis zum Zer­rei­ßen wird der Re­kurs zum Kal­ten Krieg stra­pa­ziert: Nach ei­nem 50 Jah­re wäh­ren­den Kal­ten Krieg zwi­schen ei­nem sozialwirt­schaftlichen und ei­nem plan­wirt­schaft­li­chen Sy­stem, die bei­de über die Atom­bom­be ver­füg­ten, be­fin­den wir uns nach dem En­de des Kom­mu­nis­mus in ei­nem neu­en Kal­ten Krieg zwi­schen de­mo­kra­ti­schen Na­tio­nal­staa­ten und glo­ba­li­sier­ten Fi­nanz­markt­kör­pern.

Dies hat na­tur­ge­mäß Aus­wir­kun­gen auf das Ar­beits­le­ben der Men­schen. Frü­her ha­be der Mensch sei­ne Ar­beits­kraft »ver­kauft« – heu­te sei­ne See­le, so die em­pha­tisch-fau­sti­sche Con­clu­sio Schirr­ma­chers und er fragt sich: Wie kann man auf Dau­er oh­ne see­li­sche Be­schä­di­gun­gen in ei­ner Ge­sell­schaft blei­ben, die von je­dem Men­schen an­nimmt, er sei ver­nünf­tig, wenn er aus Ei­gen­nutz han­delt? Es ist in Wirk­lich­keit ei­ne Fra­ge nach an­de­ren Be­loh­nungs­mo­del­len als pe­ku­niä­rer Na­tur. Aber die­se Fra­ge wird nicht ge­stellt; die Ob­ses­si­on will Fut­ter, kei­ne Re­zep­te.

In den be­sten Sze­nen des Bu­ches führt die Spur von der ma­nisch-be­ses­se­nen Be­leg­su­che in das Ver­rä­te­ri­sche der Spra­che. Et­wa, wenn die un­ter­schied­li­chen Be­deu­tun­gen des Wor­tes »Ri­si­ko« her­aus­ar­bei­tet wer­den: Ri­si­ko, lau­te­te die […] im Jah­re 1921 for­mu­lier­te For­mel, ist et­was, an das man ein Prei­seti­kett kle­ben kann. Ri­si­ko, sag­ten die Poker­spieler der RAND-Cor­po­ra­ti­on, ist et­was, was man re­du­zie­ren kann, wenn man den Ge­gen­spie­ler auf sein ego­isti­sches Über­le­bens­in­ter­es­se fest­na­gelt. Ri­si­ko, sag­ten die Moo­dy-Leu­te, ist et­was, für das der Preis so hoch­ge­trie­ben wer­den muss, dass nie­mand es sich lei­sten kann, die Bom­be plat­zen zu las­sen. Oder auch wenn kurz über die Ver­heißungen der »Wis­sens­ge­sell­schaft« re­flek­tiert wird: Die »Wis­sens­ge­sell­schaft« liebt im­ma­te­ri­el­le Gü­ter und vir­tu­el­les Ka­pi­tal, betreibt…die Entkleidung…Einzelner und gan­zer Un­ter­neh­men, und ihr dar­wi­ni­sti­scher Ever­green heißt »le­bens­lan­ges Ler­nen«. In Wahr­heit be­deu­tet »le­bens­lan­ges Ler­nen« oft das Ge­gen­teil des­sen, was es sug­ge­riert. Häu­fig ge­nug geht es um die Fä­hig­keit, stän­dig zu ver­ler­nen, an was man noch ge­stern ge­glaubt hat, auch sei­ne ei­ge­ne Iden­ti­tät. Da­bei ist der skan­da­li­sie­rend wir­ken­de letz­te Halb­satz ei­gent­lich über­flüs­sig – die Aus­sicht, sein Ge­lern­tes in kür­ze­ster Zeit oft ge­nug ver­ges­sen zu müs­sen, bö­te reich­lich Stoff zur Dis­kus­si­on (viel­leicht lä­ge hier­in auch ei­ne Chan­ce zur Ver­än­de­rung). Aber da ist der Au­tor ganz schnell wie­der ent­eilt.

Der Vor­letz­te ge­winnt das Spiel

Schirr­ma­cher be­rich­tet auch von ei­ni­gen »schwar­zen Schwä­nen« (Pop­per lässt grü­ßen), d. h. un­be­kann­ten und un­kon­trol­lier­ba­ren Sy­stem­feh­lern wie dem »Flash Crash« vom 6. Mai 2010, die kurz­zei­tig Kur­se ins Bo­den­lo­se fal­len las­sen und die Agen­ten fas­sungs­los auf ih­re Ma­schi­nen blicken las­sen. Die­se Vor­gän­ge sei­en un­ge­klärt, schreibt er und rührt ein biss­chen in der Apo­ka­lyp­se-Trom­mel. Was wä­re aber, wenn die ge­sam­ten Vermögenswer­te auf der Welt plötz­lich – und auch ein­mal dau­er­haft – ato­mi­siert wür­den? Ei­ne theo­re­ti­sche Fra­ge. Aber wie sieht es mit den Bla­sen aus, die es tat­säch­lich gibt? Für Schirr­ma­cher sind es le­dig­lich falsch eingesetzt[e] In­for­ma­tio­nen. Kann aber es nicht auch sein, dass die Mo­del­le, die Be­rech­nun­gen von Num­mer 2, doch nicht der­art an­ti­zi­pa­tiv und ana­ly­tisch sind, wie dies sug­ge­riert wird? Denn si­cher ist für ihn: Es han­delt sich bei den kri­sen­haf­ten Aus­buch­tun­gen nicht um das Ver­sa­gen Ein­zel­ner (Men­schen). Denn die an­geb­li­chen mensch­li­chen Schwä­chen sind ja für Schirr­ma­cher Stär­ken. Was al­so, wenn die­se Un­be­re­chen­bar­kei­ten durch die »mensch­li­chen Schwä­chen« – die ja Stär­ken sind – die al­go­rith­mi­schen Be­rech­nun­gen kon­ter­ka­rie­ren? Da dies nicht sein darf – weil sonst das de­ter­mi­ni­sti­sche Welt­bild an­ge­kratzt wird – kommt es nicht vor.

Und nur ganz am Ran­de wer­den die un­ter­schied­li­chen Mo­del­le der Spiel­theo­rie ge­streift. Bei­spiels­wei­se zwi­schen ein­ma­li­gen und wie­der­hol­ten Spie­len. Zum ei­nen gibt ein so­ge­nann­tes »One-Shot-Game«. Hier wird ein Spiel si­mu­liert, das es nur ein­mal gibt. Dies kommt dem Kal­ten Krieg sehr na­he. Grob ge­sagt be­stand ja die Auf­ga­be dar­in, ein Gleich­ge­wicht zu hal­ten, da­mit das Spiel nicht fort­schrei­tet bzw. en­det. Ei­ne an­de­re Ver­si­on geht je­doch von sich end­los wie­der­ho­len­den Spiel­mög­lich­kei­ten aus. Dies wä­ren bei­spiels­wei­se die Bör­sen­ge­schäf­te. (Da­ne­ben gibt es sehr wohl auch Spiel­mo­del­le, die kul­tu­rel­le und so­zia­le Pa­ra­me­ter jen­seits des rei­nen Ego­is­mus-Den­kens be­rück­sich­ti­gen.) Schirr­ma­cher dä­mo­ni­siert aber die Al­go­rith­men und den im­plan­tier­ten Ego­is­mus von Num­mer 2 der­art, dass die­ser oh­ne Rück­sicht auf die Ver­lu­ste an­de­rer agie­re. Wenn er nun die Im­mo­bi­li­en­bla­se an­spricht und die Per­ver­si­on, die zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Haus­kre­di­te noch als Ak­ti­va ver­schlei­ert zu ver­kau­fen, so bleibt die Fra­ge, was pas­siert, wenn die­ses Ge­schäft ir­gend­wann an sei­ne Gren­zen kommt.

Hier zeigt sich, wie fra­gil der Ver­gleich zum Kal­ten Krieg und den spiel­theo­re­ti­schen Mo­del­len ist. Da­mals wur­de je nach Be­darf und Ein­schät­zung auf­ge­rü­stet und es wur­den Bom­ben ge­baut. Schirr­ma­cher schreibt, statt­des­sen wür­de heu­te Geld ge­druckt. Aber die­ses Ver­hal­ten ist doch nur ei­ne ru­sti­ka­le Che­mo­the­ra­pie im Kampf ge­gen ei­nen zäh sich wei­ter aus­brei­ten­den Krebs, der den Kör­per, den er be­nö­tigt, am En­de zer­stö­ren wird. Und das hat we­nig mit der Lo­gik des Kal­ten Krie­ges zu tun (denn da­mals nahm man eben den fi­na­len Crash ge­ra­de nicht in Kauf), son­dern eher mit ei­nem schnö­den Schneeball­system, dass nur dar­auf aus ist, am En­de Vor­letz­ter zu sein, denn den Letz­ten »bei­ßen die Hun­de«, d. h. der Letz­te bleibt auf wert­lo­sen Pa­pie­ren sit­zen. Im Kal­ten Krieg war da­ge­gen auch der Vor­letz­te der Ver­lie­rer. Schirr­ma­chers Kom­men­tar hier­zu ist un­be­frie­di­gend. Dif­fus rät er: Ein Sy­stem­feh­ler des Aus­ma­ßes, mit dem wir heu­te zu tun ha­ben, müss­te ei­ne gro­ße Re­vi­si­on ein­lei­ten. Aber wenn die Do­mi­nanz der Al­go­rith­men be­reits der­art weit fort­ge­schrit­ten ist – wo­her soll die­se Re­vi­si­on kom­men?

Die un­ter­schätz­te Po­li­tik

Den ein­zi­gen Mit­spie­ler, der dies tun könn­te, sieht Schirr­ma­cher eher hilf­los: die Po­li­tik, die sich spä­te­stens seit 2008 im Irr­flug be­fin­de. Da­bei wur­den die Be­din­gun­gen für den Usur­pa­tor Num­mer 2 weit vor 2008 ge­schaf­fen – und zwar von der Po­li­tik und nicht, wie Schirr­ma­cher glau­ben macht, von den Kal­ten Krie­gern um Rea­gan, ir­gend­wel­chen zu Quants mu­tier­ten Phy­si­kern, die vom Mi­li­tär zur Öko­no­mie ab­ge­wan­dert wa­ren oder Bio­lo­gen, die glaub­ten ego­isti­sche Ge­ne und Me­me ge­fun­den zu ha­ben (die Hirn­for­scher mit ih­ren bun­ten MRT-Bild­chen lässt Schirr­ma­cher merk­wür­di­ger­wei­se un­an­ge­ta­stet). Gran­di­os un­ter­schätzt Schirr­ma­cher das, was man fast als »öko­no­mi­sti­sche Wen­de« be­zeich­nen könn­te und die in den an­gel­säch­si­schen Län­dern ih­ren Ur­sprung nahm und dann, zu Be­ginn der 00er Jah­re nach Eu­ro­pa schwapp­te. Der er­ste Stein, der die Säu­len der Neo­klas­sik wie­der er­rich­te­te, war die Auf­he­bung des Glass-Ste­a­gall-Pak­tes von 1999 durch Bill Clin­ton. Die­ses Ab­kom­men war seit 1933 in Kraft und sah un­ter an­de­rem und vor al­lem ei­ne schar­fe Tren­nung zwi­schen In­vest­ment­ban­ken und Ge­schäfts­ban­ken vor. Die Auf­he­bung schuf nun die Grund­la­ge für das, was dann Jah­re spä­ter »sy­stem­re­le­van­te Ban­ken« ge­nannt wur­de. In we­ni­gen Jah­ren wa­ren der­art gro­ße, eng und un­durch­sich­tig mit­ein­an­der ver­floch­te­ne Ban­ken ent­stan­den, dass nicht nur die ver­hält­nis­mä­ßig we­ni­gen Spe­ku­lan­ten im In­vest­ment­be­reich ih­re Ver­mö­gen ver­lie­ren konn­ten, son­dern auch Un­ter­neh­men und die Spa­rer der Mit­tel­schicht. (Das die »Lehman«-Bank 2008 in die Plei­te ent­las­sen wur­de, ging nur, weil es sich um ei­ne rei­ne In­vest­ment­bank han­del­te. Aber ih­re Ver­flech­tun­gen mit der üb­ri­gen Wirt­schaft wa­ren der­art stark, dass län­ge­re Zeit ein Do­mi­no-Ef­fekt droh­te.)

Spä­te­stens ab En­de der 1990er Jah­re wur­den in Eu­ro­pa und den USA von der Po­li­tik die Schleu­sen für ein wirt­schafts­li­be­ra­les Mo­dell ge­stellt, dass die Wohl­fahrt gro­ßer Tei­le der Be­völ­ke­rung in die Hän­de von Un­ter­neh­men leg­te. Wenn es de­nen gut gin­ge, so die The­se, dann blie­be auch et­was für die Ar­beit­neh­mer. Fords Spruch, dass Au­tos kei­ne Au­tos kauf­ten, wur­de, po­le­misch for­mu­liert, zum neu­en So­zi­al­stan­dard (ins­be­son­de­re in den jun­gen ost­eu­ro­päi­schen De­mo­kra­ti­en). Die De­re­gu­lie­rung soll­te ver­knö­cher­te Struk­tu­ren auf­spren­gen. Die In­ef­fi­zi­enz gro­ßer, staat­li­cher In­sti­tu­tio­nen galt als zu über­win­den­des Hin­der­nis für den Wohl­stand al­ler. Ver­ges­sen wur­de da­bei, dass auch gro­ße, pri­va­te In­sti­tu­tio­nen bzw. Un­ter­neh­men in­ef­fi­zi­ent wer­den. Der Zeit­geist weh­te das Ide­al ei­nes har­mo­ni­schen Drei­klangs zwi­schen Öko­no­mie, Öko­lo­gie und So­zi­al­de­mo­kra­tie her­an. 1998 stell­ten in 11 von da­mals 15 Län­dern der EU So­zi­al­de­mo­kra­ten die Re­gie­rung. Der deut­sche Bun­des­kanz­ler schmück­te sich mit dem At­tri­but »Ge­nos­se der Bos­se«. In atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit knüpf­te To­ny Blair in Groß­bri­tan­ni­en mit sei­ner »New Labour«-Ideologie neue Fä­den zum That­che­ris­mus der 1980er Jah­re. Die USA be­rei­te­ten sich spä­te­stens ab 2001 auf zwei Krie­ge vor, was am be­sten mit sin­ken­den Zin­sen funk­tio­niert. Fast »ne­ben­bei« wur­de die Bin­nen­kon­junk­tur mit ei­nem Bau­boom an­ge­kur­belt. Ver­mut­lich wur­den jetzt erst die von Schirr­ma­cher so ge­fürch­te­ten Al­go­rith­men im­ple­men­tiert. Aber vor­her hat­te die Po­li­tik ge­han­delt.

Na­tür­lich passt die Po­li­tik als eher hilf­lo­ser Zu­schau­er bes­ser in ei­ne 300-sei­ti­ge Ver­schwö­rungs­schrift, de­ren er­ste Aus­läu­fer be­reits in »Pay­back« fest­zu­stel­len wa­ren. In­dem Schirr­ma­cher aber die Po­li­tik der­art rand­stän­dig be­han­delt, zeigt sich die Schwä­che sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on: Was Men­schen ge­schaf­fen ha­ben, kön­nen sie auch wie­der ab­schaf­fen, re­sor­bie­ren oder min­de­stens re­gle­men­tie­ren. Nie­mand braucht ei­ner Vi­si­on ei­ner neu­en Welt von »In­for­ma­ti­ons-Markt-Staa­ten«, wie Schirr­ma­cher die »Market-States«-Theorie von Phil­ip Bob­bitt über­setzt, in der aus Über­wa­chungs­staa­ten Über­wa­chungs­märk­te wer­den, zu fol­gen. Com­pu­ter­sy­ste­me las­sen sich, wenn sie nicht mehr um­pro­gram­mier­bar sein soll­ten, vom Netz neh­men. Es gä­be an­de­re Mög­lich­kei­ten, bei­spiels­wei­se den Bör­sen­han­del zu hand­ha­ben.

Ein­fach aus­schal­ten

In die Nie­de­run­gen die­ser Über­le­gun­gen be­gibt sich Schirr­ma­cher nicht. Das von Num­mer 2 ge­ka­per­te In­di­vi­du­um ist das Fa­tum des mo­der­nen Men­schen im 21. Jahr­hun­dert. Je­der Mensch muss zum Ma­na­ger sei­nes ei­ge­nen Ichs wer­den wird da kon­sta­tiert und na­tür­lich ist es der neue Ka­pi­ta­lis­mus, der es ge­schafft ha­be die Ver­ant­wor­tung auf das Ich der Men­schen ab­zu­wäl­zen. So be­we­ge man sich stän­dig im Ra­dar­mo­dus, füh­re ein Le­ben wie ein Bör­sen­tra­der, der mensch­li­che Ge­dan­ken und Hand­lun­gen trans­mu­tiert in konsumier­bare Stof­fe. Je­des Kind weiß in­zwi­schen Al­les ist Geld. Wir fin­den uns wie­der in ei­ner Welt, die ei­nem kei­ne Chan­ce ge­währt, et­was an­de­res zu sein als ei­ne Ego-Ma­schi­ne, wenn er als ra­tio­na­les We­sen gel­ten will und am Ge­samt­ku­chen ein klei­nes Stück­chen abbe­kommen möch­te. Die Fra­ge, was ge­sche­he, wenn die Sy­ste­me un­se­re Prä­fe­ren­zen nicht ab­bil­den, son­dern ak­tiv er­schaf­fen, ist rhe­to­ri­scher Na­tur – ge­nau­so wie Schirr­machers Ant­wort: Dann wä­re tech­no­lo­gi­scher De­ter­mi­nis­mus end­gül­tig so­zia­ler De­ter­mi­nis­mus ge­wor­den.

Ge­gen de­ter­mi­ni­sti­sche Sicht­wei­sen lässt sich schwer ar­gu­men­tie­ren. Denn »wer als Werk­zeug nur ei­nen Ham­mer hat, sieht in je­dem Pro­blem ei­nen Na­gel« (Paul Watz­la­wick zu­ge­schrie­ben). In­so­fern er­staunt es nicht, dass Schirr­ma­cher das viel­be­schwo­re­ne (und zu­wei­len me­di­al reich­lich stra­pa­zier­te) »Pri­mat der Po­li­tik« über­haupt nicht in Er­wä­gung zieht; er de­men­tiert es nicht ein­mal ex­pli­zit. Statt­des­sen ent­wirft er ge­gen En­de nur recht schmal­lip­pig ein in­di­vi­du­el­les Aus­stei­ger­mo­dell. Von der Grund­an­nah­me ge­tra­gen, dass der Schal­ter, mit dem man sei­nen Com­pu­ter und sein Han­dy an­schal­tet […] den elek­tri­schen Fun­ken, der Num­mer 2 zum Le­ben er­weckt ent­facht kann der Aus­weg nur dar­in be­stehen, die Öko­no­mi­sie­rung un­se­res Le­bens von ei­nem mitt­ler­wei­le fest in die Sy­ste­me ver­drah­te­ten Me­cha­nis­mus des ego­isti­schen und un­auf­rich­ti­gen Menschen­bildes zu tren­nen. Und viel­leicht ist es ganz ein­fach: nicht mit­spie­len. Je­den­falls nicht nach den Re­geln, die Num­mer 2 uns auf­zwingt. Aber wenn die Ver­ein­nah­mung der­art fort­ge­schrit­ten, zum Teil so­gar ir­rever­si­bel sein soll wie be­haup­tet wird, wie kann dann über­haupt ei­ne Tren­nung durch­ge­führt wer­den? Und was, wenn das Re­fu­gi­um des Ver­wei­ge­rers, des­je­ni­gen, der nicht sein Han­dy auf Dau­er­be­trieb ein­ge­stellt hat, nicht da­vor schützt, von den welt­wei­ten Spe­ku­la­tio­nen mit­tel­los ge­macht zu wer­den, und zwar in dem Mo­ment, wenn das Fi­nanz­sy­stem zu­sam­men­bricht?

Wä­re es tat­säch­lich un­mög­lich, dass die Öko­no­mi­sie­rung der Ge­sell­schaft ir­gend­wann wie­der ob­so­let wer­den könn­te? Wie lan­ge dau­ern ei­gent­lich Zy­klen, die man, grob ver­ein­facht, Zeit­geist nen­nen könn­te? Sind nicht die Ver­fech­ter der »Neo­klas­sik« längst wie­der auf dem Rück­marsch, weil sie die so­zia­len Ver­wer­fun­gen nicht mehr kon­trol­lie­ren kön­nen? In­dem Schirr­ma­cher die­se Fra­gen aus­blen­det und den Ein­zel­nen als prädis­poniertes Ob­jekt ei­nes Spiels de­fi­niert, des­sen man sich ma­xi­mal nur noch durch aus­schal­ten ent­zie­hen kann (oh­ne dass sich da­mit tat­säch­lich et­was für ihn und sei­ne Si­tua­ti­on än­dert), be­treibt er sel­ber ei­ne je­ner selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­un­gen, die er an­de­rer­seits be­klagt.

Es ist nicht nur die Kri­se des Fi­nanz­sy­stems, von dem wir re­den, son­dern ei­nes ko­gni­ti­ven Sy­stems, das zwi­schen In­for­ma­ti­on und Wis­sen nicht mehr zu un­ter­schei­den ver­mag, weil al­les zu Spiel­zü­gen (oder Dreh­buch­sze­nen) ge­wor­den ist). Das ist die Quint­essenz von Schirr­ma­chers The­se. Da­bei re­kur­riert er, wie sich am um­fang­rei­chen bi­blio­gra­fi­schen Teil zeigt, fast aus­schließ­lich auf Quel­len aus Groß­bri­tan­ni­en und vor al­lem den USA (er­staun­lich, am Ran­de, dass von den 408 Quel­len­an­ga­ben 361 Kind­le-Ver­sio­nen sind, aus de­nen Schirr­ma­cher zi­tiert – ein Tech­nik­feind im klas­si­schen Sinn ist Schirr­macher al­so nicht).

Das gal­li­sche Dorf und Suhr­kamp

Nach all die­sem ge­ball­ten Fa­ta­lis­mus ist es fast er­staun­lich, dass Schirr­ma­cher ein gal­li­sches Dorf aus­ge­macht hat: Die gro­ße Trans­mu­ta­ti­ons-Ma­schi­ne hat Deutsch­land noch nicht er­reicht, aber nur weil hier…die Re­al­wirt­schaft die Rol­le der bo­den­stän­di­gen Ver­nunft spie­len kann. Son­der­bar die­ser Re­kurs auf die Bo­den­stän­dig­keit der Ver­nunft – je­ne Ver­nunft, die ja in An­gel­sach­si­en schon durch hy­per­tro­phe Al­go­rith­men in ego­manische Ak­ti­on ka­na­li­siert wor­den ist (so­fern den die The­se stimmt). Schirr­ma­cher sieht al­so in Deutsch­land durch­aus ei­ne Kul­tur des Ver­zichts auf Ren­di­te zu Gun­sten an­de­rer, nicht sich di­rekt pe­ku­ni­är nie­der­schla­gen­der Wer­te. Da­mit wird ei­nem so­fort klar, war­um Schirr­ma­cher En­de ver­gan­ge­nen Jah­res mit enorm gro­ßer Ve­he­menz für die ak­tu­el­le Suhr­kamp-Ge­schäfts­füh­re­rin ein­ge­tre­ten war (»Dies ist kein Schund­ro­man«, 20.12.2012 und »Ein li­te­ra­ri­scher Stern soll ver­glü­hen«, 27.12.2012). Ul­la Un­seld-Ber­kéwicz, die vor ei­ni­gen Jah­ren im Feuil­le­ton ob ih­rer ver­meint­li­chen Irrationalität(en) übel ge­schmäh­te, wi­der­setzt sich der For­de­rung des Min­der­heits­ge­sell­schaf­ters Bar­lach nach ei­nem aus­kömm­li­chen »Ren­di­te­kor­ri­dor«. Da­mit agiert sie aus­drück­lich nicht nach dem Prin­zip von Num­mer 2. Für Schirr­ma­cher ist die­ses Ver­hal­ten ein Fa­nal.

Tat­säch­lich ist in den Me­di­en weit­ge­hend un­be­rück­sich­tigt ge­blie­ben, dass der Suhr­kamp-Ver­lag ak­tu­ell kei­ne Kre­di­te bei den Ban­ken be­an­sprucht, son­dern im Ge­gen­teil li­qui­de Mit­tel auf Kon­ten be­sitzt. In der An­sicht der Öko­no­men der Neo­klas­sik ist dies je­doch ein Ma­kel: Der Ver­lag müss­te nach ih­rer Lo­gik das Geld ein­set­zen und ge­ge­be­nen­falls Kre­di­te auf­neh­men, um zu in­ve­stie­ren oder – wie es Bar­lach sug­ge­riert – ihn aus­zah­len zu kön­nen. Für Schirr­ma­cher sind es Un­ter­neh­men wie Suhr­kamp, die das Land vor der Aus­lie­fe­rung an die Ego-Mon­ster be­wahrt.

»Ego – Das Spiel des Le­bens« ist ein hy­ste­ri­sches Buch ge­schrie­ben mit dem Vorschlag­hammer ei­nes grob­schläch­ti­gen Alar­mis­mus. Da­mit bie­tet es so­wohl den Ver­fech­tern neo­klas­si­scher Fi­nanz­öko­no­mie, eu­phe­mi­stisch (und da­mit falsch) als »neo­li­be­ral« oder auch nur »li­be­ral« be­zeich­net, als auch pseu­do-avant­gar­di­sti­schen In­tel­lek­tu­el­len, die die Auf­klä­rung in Ge­fahr se­hen (die se­hen sie im­mer in Ge­fahr, wenn ih­re Welt­sicht nicht aus­rei­chend kol­por­tiert wird) brei­te Ein­falls­to­re. Al­le­samt feu­ern sie auf die (zahl­rei­chen) wei­chen Flan­ken des Bu­ches. Die ei­nen ent­decken am zwang­haft-re­duk­tio­ni­sti­schen Fest­hal­ten an der Ver­bin­dung Kal­ter Krieg zum Ego-Ka­pi­ta­lis­mus über die Spiel­theo­rie ei­ne mehr als frag­wür­di­ge Kau­sal­ket­te. Tat­säch­lich wur­de der Kal­te Krieg mit der rei­nen (al­go­rith­mi­schen) Spiel­theo­rie nicht über­wun­den. Statt­des­sen wur­den Ver­hand­lun­gen, Ko­ope­ra­tio­nen und Ab­kom­men zu ei­nem es­sen­ti­el­len Be­stand­teil po­li­ti­scher (!) Ent­scheidungen. Un­ter­schätzt wird auch die At­trak­ti­vi­tät des Ka­pi­ta­lis­mus für die­je­ni­gen, die ihn ge­walt­sam ent­beh­ren muss­ten. Die an­de­ren se­hen wie­der­um ihr Mär­chen­mo­dell vom »Je­der-ist-sei­nes-Glückes-Schmied« be­schä­digt, ob­wohl die ent­spre­chen­den Fuß­no­ten ei­nes sol­chen Sy­stems so­fern es zur al­lei­ni­gen Ma­xi­me wird (ne­po­ti­sti­sche Netz­werk­kom­mu­ni­ka­ti­on in Eli­ten bei­spiels­wei­se) im Buch gar nicht erst the­ma­ti­siert wer­den.

Schirr­ma­cher hält den Ka­pi­ta­lis­mus nicht per se für schlecht. Sei­ne Kri­tik rich­tet sich auch nicht ge­gen den Ho­mo oeco­no­mi­cus auf dem Wo­chen- oder im Su­per­markt. Sie rich­tet sich ge­gen den in der Ge­sell­schaft dro­hen­den, selbst­ver­ständ­lich ge­wor­de­nen Dis­kurs, al­les ein­zu­prei­sen und zu öko­no­mi­sie­ren und ego­ma­ni­sches Ver­hal­ten als Selbst­ver­ständ­lich­keit und un­aus­weich­lich dar­zu­stel­len und zu be­loh­nen, so­zia­les und kol­la­bo­ra­ti­ves da­ge­gen eher ab­zu­stra­fen (bzw. als zu lang­at­mig zu ver­wer­fen). Ge­gen ein Ge­mein­we­sen, wel­ches dem »Wett­be­werb« al­les un­ter­wirft und in der sich Po­li­tik nach dem Markt­ver­hal­ten aus­richtet. Sie rich­tet sich ge­gen die Num­mer 2 in der Schul- und Uni­ver­si­täts­po­li­tik, in der Kul­tur, in der so­zia­len In­ter­ak­ti­on zwi­schen Men­schen.

Wer hier mit po­li­ti­scher Ge­säß­geo­gra­phie von »links« oder »rechts« kommt, hat nichts ver­stan­den. Schirr­ma­cher geht es um die Kon­ser­vie­rung ei­nes in Deutsch­land noch zum Teil sehr gut er­hal­te­nen Kul­tur­gu­tes: des Pro­vin­zia­lis­mus. So steht der deut­sche, »ver­nünftige« öko­no­mi­sche (und wohl auch po­li­ti­sche) Pro­vin­zia­lis­mus, der Ei­gen­sinn des un­ter­neh­me­ri­schen Mit­tel­stands, der sich nicht von smar­ten Uni­ver­si­täts­jün­gel­chen in Ren­di­te­kor­ri­do­re zwän­gen lässt und die so oft ver­spot­te­te Bie­der­keit der deut­schen Po­li­tik für den Kon­tra­punkt zur »Bra­ve New World« der Glo­ba­li­sie­rung, die Ul­rich Beck noch 2007 so wun­der­bar na­iv zäh­men und in ei­nen glo­ba­len Kos­mo­po­li­tis­mus mit (deut­schen) So­zi­al­stan­dards über­füh­ren woll­te.

Schirr­ma­cher er­zeugt mit den rhe­to­ri­schen Mit­teln der neu­ro­ti­schen Über­rei­zung ein eher un­ele­gan­tes, dys­to­pisch-de­ter­mi­ni­sti­sches Ver­schwö­rungs-Nar­ra­tiv, aber es kann nicht je­der ein Um­ber­to Eco sein. Wo­mög­lich dient die über­bor­den­de, auf Dau­er er­mü­den­de Pa­ra­noia (dem Kal­ten-Krieg-Den­ken der 1950er/60er Jah­re ge­le­gent­lich nicht ganz un­ähn­lich) als rhe­to­ri­scher Trick. Aber wenn es dann heißt, am En­de kön­ne es so­gar nur ein fal­scher Tweet sein, der al­les aufs Spiel set­zen vul­go: das Le­ben rui­nie­ren kann, ver­mag man nur noch den Kopf zu schüt­teln.

Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

20 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nach die­sem Re­fe­rat kann ich nur sa­gen: ich muss die­ses Buch le­sen! (Was ich al­ler­dings ge­ra­de ge­tan habe)Das ein­zi­ge Ge­gen­ar­gu­ment ist »Hy­ste­rie« und »Alar­mis­mus«. Der Re­zen­sent, fi­xiert auf Schirr­ma­cher-Bashing, über­sieht da­bei völ­lig, dass bei­des die Kenn­zei­chen der Kri­se selbst wa­ren und sind: hat Schirr­ma­cher von ei­ner »Welt am Ab­grund« ge­re­det oder die Fi­nanz­wirt­schaft? Hat er das mög­li­che En­de Eu­ro­pas und des Eu­ro be­schwo­ren? Wer hat die­se rhe­to­ri­schen nu­kes denn ge­zün­det? Das Buch , so le­se ich das, re­agiert dar­auf. In ei­nem In­zer­view zi­tiert Schirr­ma­cher Green­s­psn: »Un­ser gan­zes Denk­ge­bäu­de ist zu­sam­men­ge­bro­chen«. In­so­fern kann ich in die­ser Fleiß­ar­beit lei­der kein va­li­des Ge­gen­ar­gu­ment er­ken­nen son­dern im Ge­gen­teil völ­li­ge Böind­heut ge­gen­über den po­li­ti­schen und rhe­to­ri­schen Spe­zi­fi­ka der Kri­se. Ist halt fein, sich über FS zu er­he­ben. Ach: und war es nicht ein Tweet, der ei­ne Olym­pio­ni­kin Olym­pia ko­ste­te? Ei­nem Pi­ra­ten den Job? Ein Face­book Ein­trag, der zu Kün­di­gung führ­te? Zu Mob­bing und Selbst­mord: 1 Satz war das. Gu­tes Re­fe­rat, res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Sns­ly­se. Wann fin­det Schirr­ma­cher end­lich ei­nen sach­li­chen Geg­ner auf Au­gen­hö­hö­he? Da die Kri­tik fehlt, hal­te ich es lie­ber mit dem Lob von Ul­rich Beck in El Pais.

  2. Erst ein­mal ein Dan­ke für die­se Re­zen­si­on ei­nes, ha­be ich nach ih­rer Lek­tü­re, den Ein­druck, hoch­in­ter­es­san­ten Bu­ches. Viel­leicht, weil ich kein Pro­blem mit der – ec­co! – »Spiel»annahme ha­be, daß Ver­schwö­rungs­theo­ri­en durch­aus Trä­ger von Wahr­hei­ten sein, al­so Wirk­lich­kei­ten ab­bil­den kön­nen, kann ich in der Kri­tik ein Schirr­ma­cher-Bashing ei­gent­lich nicht er­ken­nen, wie mein Vor­kom­men­ta­tor es un­ter­stellt; das zwar spür­ba­re Res­sen­ti­ment ist je­den­fall nicht »au­to­ma­tisch« Bashing. Vor­ein­ge­nom­men­hei­ten sind, wenn sie ver­stellt wer­den, sich al­so un­kennt­lich ma­chen, sehr viel kri­ti­scher zu be­trach­ten. Zu kurz al­ler­dings wird auf Schirr­ma­ches Hal­tung zum Suhr­kam­p/Bar­lach-Kom­plex ein­ge­gan­gen, bei dem es sich schlicht um ei­nen ge­sell­schaf­ter­recht­li­chen Kon­flikt han­delt, zu dem ei­ne der bei­den Par­tei­en fak­tisch An­laß gab. Auch schon Schirr­ma­chers The­sen ha­ben da­mit we­nig zu tun; ein sol­cher Kon­flikt wä­re auch in den Jahr­zehn­ten zu­vor not­wen­di­ger­wei­se ent­stan­den, im­mer dann näm­lich, wenn (Minderheiten-)Gesellschafter zu ei­nem Un­ter­neh­men Ka­pi­tal bei­steu­ern, oh­ne daß ih­re da­durch ent­ste­hen­den Rech­te be­ach­tet wer­den. Auch, ob Suhr­kamp oder Sie­mens oder Schlecker, spielt bei so et­was gar kei­ne Rol­le.

    Ich ha­be das Buch noch nicht ge­le­sen; es scheint mir aber in­ter­es­sant zu sein, daß Schirr­ma­cher of­fen­sicht­lich sein ei­ge­nes Le­bens­feld, den Kul­tur­be­trieb näm­lich, nicht eben­falls ex­pli­zit sei­ner ei­ge­nen Ana­ly­se zu un­ter­zie­hen scheint. Trügt mich der Ein­druck? Und dann wüß­te ich ger­ne, wie Sie Ih­re An­sicht über die asteri­de Rol­le des Pro­ven­zia­lis­mus un­ter­mau­ern wol­len und wes­halb aus­ge­rech­net er sich als Wi­der­part eig­nen kön­nen soll. Hier emp­fin­de auch ich ei­nen Ha­ken, nein, ich spü­re meh­re­re, in Ih­rer Re­zen­si­on, die ge­nau da dem Ge­setz ei­ner Rhe­to­rik folgt, die Sie an­de­rer­seits Schirr­ma­cher vor­wer­fen.

  3. @Stefan
    Mei­nen Text als »Re­fe­rat« zu be­zeich­nen und »Schirr­ma­cher-Bashing« zu un­ter­stel­len, könn­te mich ver­an­las­sen, eben­falls zu un­ter­stel­len: Ent­we­der Sie ha­ben mei­nen Ver­such nicht (ge­nau) ge­le­sen – oder das Buch nicht. Nun ja.

    Schirr­ma­cher be­lässt es ja nicht bei der Be­schrei­bung der »Spe­zi­fi­ka« der Kri­se, son­dern be­schreibt sei­ne Wahr­neh­mung des un­auf­halt­sa­men Sta­tus quo, in dem er die ame­ri­ka­ni­schen Ver­hält­nis­se, wie sie sich ihm dar­stel­len, auf Eu­ro­pa über­trägt. Da­bei sug­ge­riert er ei­ne Un­aus­weich­lich­keit, die uns am En­de zu ma­schi­nen­haf­ten Ego­ma­nen ab­zu­rich­ten droht und ver­gisst die ele­men­ta­ren Steue­run­gen durch die Po­li­tik. Dass dies nicht ge­schieht, spricht ja nicht ge­gen die Mög­lich­keit, dass es ge­sche­hen könn­te. Aber die­se Mög­lich­keit zieht er nicht in Be­tracht, weil sie schlecht ins Kon­zept passt.

    Kei­ne Ah­nung, wel­cher »Tweet« ei­ner Olym­pio­ni­kin die Teil­nah­me ge­ko­stet ha­ben soll. Wenn Sie die Ru­de­rin mei­nen: die hat­te ih­re Teil­nah­me schon ab­sol­viert und stol­per­te nicht über ei­nen Tweet durch sich, son­dern über ei­ne De­nun­zia­ti­on der Me­di­en. Das ist ein Un­ter­schied. Dass bei den Pi­ra­ten Po­si­tio­nen durch Tweets und Face­book-Ein­trä­ge (oder auch nur SMS) va­kant wer­den kön­nen, liegt in der Na­tur der Sa­che, weil ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on fast aus­schließ­lich hier­über läuft und es sich um ei­ne Hor­de er­bar­mungs­wür­di­ger Nar­ziss­ten han­delt. Sie wür­den nie­mals die Herr­schaft des Fern­se­hens über die Po­li­tik be­kla­gen, nur weil je­mand in ei­ner Talk­show ei­ne skan­da­li­sie­ren­de Aus­sa­ge trifft.

    Ich ha­be die Be­spre­chung von Ul­rich Beck in der »Welt« nicht ge­le­sen, ge­schwei­ge denn in »El País«. Das über­las­se ich groß­zü­gig den Ver­ste­hern.

  4. @ANH
    Na­tür­lich ist der Suhr­kamp-Fall ein fir­men­in­ter­ner Ge­sell­schaf­ter­streit. Im Ge­gen­satz zu un­zäh­li­gen an­de­ren Kon­flik­ten die­ser Art wird er je­doch in der Öf­fent­lich­keit aus­ge­tra­gen. Und es er­schei­nen zwei Par­tei­en: Zum ei­nen Frau Un­seld-Ber­kéwicz und zum an­de­ren Herr Bar­lach. Die Äu­ße­run­gen Bar­lachs las­sen sich ver­ein­facht auf zwei Sät­ze zu­sam­men­fas­sen: 1. Der Ver­lag ver­dient ein­fach zu we­nig Geld. 2. Weg mit den Ni­schen­bü­chern, die nicht pro­fi­ta­bel sind. Da­mit pral­len vor­der­grün­dig zwei Wel­ten auf­ein­an­der: die ei­ne, die ei­ne Misch­kal­ku­la­ti­on be­treibt und auch ab­sei­ti­ge, sper­ri­ge Ar­ti­kel im Sor­ti­ment führt, so­fern sie ge­wis­sen äs­the­ti­schen Be­din­gun­gen (die der Ver­lag sel­ber er­stellt hat) ge­nü­gen. Und zum an­de­ren der des rein an der Ren­di­te ori­en­tier­te Ge­schäfts­manns, der, noch ein­mal ver­ein­facht, das Buch zur rei­nen Han­dels­wa­re macht. In die­sem sich der­art ab­zeich­nen­den Kon­flikt er­greift Schirr­ma­cher Par­tei für den Prot­ago­ni­sten, der sich nicht dem »Markt« und des­sen Re­gu­la­ri­en un­ter­wirft und auf ei­ne ge­wis­se »Op­ti­mie­rung« ver­zich­tet. Dies ha­be ich als ex­em­pla­ri­schen Fall für Schirr­ma­chers An­ti-Ego-Ide­al ge­se­hen. Die­se Deu­tung mag ab­sei­tig oder falsch sein, aber es ist ei­ne The­se.

    Ja, Schirr­ma­cher ver­liert kein Wort über spe­zi­fi­sche Bran­chen (au­ßer die Ban­ken, aber auch nur pe­ri­phär).

    Na­tür­lich be­nut­ze ich »Pro­vin­zia­lis­mus« als rhe­to­ri­sche Fi­gur ge­gen das, was Schirr­ma­cher da zu uns über­schwap­pen sieht. Wenn er, wie im Buch, die Ver­nunft des Mit­tel­stands lo­bend her­vor­hebt (das ge­naue Zi­tat ist in mei­ner Be­spre­chung), dann kann ich mit gu­tem Ge­wis­sen die­sen Schluß zie­hen. (Im üb­ri­gen ist »Pro­vin­zia­lis­mus« für mich kein Schimpf­wort. Mich stört er eher als Kampf­be­griff bei­spiels­wei­se wenn deutsch­spra­chi­ge Li­te­ra­tur als »pro­vin­zi­ell« be­zeich­net wird, wenn sie in ei­ner mitt­le­ren Stadt spielt, wäh­rend Bü­cher aus ame­ri­ka­ni­schen Pe­ri­phe­rie-Or­ten nie­mals der­art pe­jo­ra­tiv be­dacht wer­den.)

  5. Nur um ein De­tail zu er­gän­zen: Schon An­fang der 70er Jah­re ge­riet die Über­tra­gung der Spiel­theo­rie auf pli­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen in den USA in die Kri­tik, vor al­lem durch Hi­sto­ri­ker, die näm­lich frü­her als die Öko­no­men be­merk­ten, dass sich po­li­ti­sche Kräf­te mit­nich­ten so ra­tio­nal ver­hal­ten wie ein Ein­käu­fer beim Preis­ver­gleich. Das war auch den Po­li­ti­ker selbst im­mer be­wusst, die näm­lich schon früh die »Ver­stän­di­gungs­po­li­tik« wich­ti­ger fan­den als die Droh­ge­bär­den. Es war nur schwie­rig, un­ter der Dok­trin, dass Ost und West po­li­tisch in­kom­pa­ti­bel sein, den Vor­rat an Atom­waf­fen zu igno­rie­ren. Den »Ho­mo Oeco­no­mi­cus« soll­te man da­bei we­ni­ger in der Po­li­tik als viel­mehr bei der Rü­stungs­in­du­strie su­chen.
    Weil der Ho­mo Oeco­mi­cus im­mer nur ei­ne Chi­mä­re und kei­ne hin­rei­chen­de Be­schrei­bung von Hand­lungs­mo­ti­ven war – ob in der Wirt­schaft oder sonst wo in der Ge­sell­schaft – ist die An­nah­me, das Vor­teils­den­ken wür­de in­zwi­schen tat­säch­lich un­ser al­ler Her­zen und See­len be­sit­zen, schon auf der Sach- und Be­ob­ach­tungs­ebe­ne ein­fach falsch. Die Ar­gu­men­te, die da­ge­gen auf­zu­füh­ren sind, sind Le­gi­on. Sie wer­den von der Spiel­theo­rie selbst zur Ver­fü­gung ge­stellt, fer­ner von der Wirt­schaft, der Psy­cho­lo­gie in al­len er­denk­li­chen For­men, der Neu­ro­wis­sen­schaft, und am En­de auch durch die Be­ob­ach­tung, dass die Wirt­schaft selbst durch zu­neh­men­de Ar­beits­tei­lung im­mer mehr ih­ren Dop­pel­cha­rak­ter ent­fal­tet – die über­all zu be­ob­ach­ten­de Koo­exi­stenz von ego­isti­schen Hand­lungs­mo­ti­ven mit ko­ope­ra­ti­vem Wirt­schaf­ten. Es gibt kein Wirt­schaf­ten oh­ne Zu­sam­men­wir­ken.
    Man kann na­tür­lich leicht das le­sen­de Pu­bli­kum zur Zu­stim­mung ver­füh­ren, wenn man die For­mu­lie­run­gen, die ge­ra­de al­leg­mein en vogue sind, mit ir­gend­ei­ner her­bei­zi­tier­ten und zu­sam­men­ge­reim­ten Her­lei­tung ver­bin­det. Ich mei­ne, mo­men­tan muss man ja nur sa­gen, die Ban­ken ha­ben das Welt­ge­sche­hen und die gan­ze Po­li­tik im Griff und man be­kommt zu sei­ner Be­grün­dung Ap­plaus, egal wie sie lau­tet. Mit Fug und gu­ten Ar­gu­men­ten, aber mit we­ni­ger Ap­plaus-Ap­peal, könn­te man das Ge­gen­teil be­haup­ten, dass näm­lich die Po­li­tik be­reits vor Jahr­zehn­ten be­gon­nen hat, den Fi­nanz-Ver­stand aus­zu­schal­ten, um statt­des­sen den un­ge­trüb­ten »po­li­ti­schen Willen»durchzusetzen (vergl. da­zu zum Ex­em­pel »War­um Eu­ro­pas Her­zen im­mer noch ver­rot­tet sind«, .
    Noch eins, war­um mir Ih­re Be­spre­chung gut ge­fällt: Es fällt mir im­mer mehr auf, wie den Men­schen das Ver­nünf­tig­blei­ben im­mer schwe­rer zu fal­len scheint. Auf mich wirkt es so, als hät­te es auch Schirr­ma­cher auf­ge­ge­ben, über die Sach­ver­hal­te und Zu­sam­men­hän­ge ver­nünf­tig und dif­fe­ren­ziert nach­zu­den­ken, um statt­des­sen die The­se raus­zu­hau­en, die ge­ra­de am be­lieb­te­sten ist, le­dig­lich mit ei­nem neu­en »Ar­gu­ment« ver­se­hen. Das bringt nie­man­den wei­ter, son­dern trägt nur zum Tu­mult bei. Das ist für mich die gro­ße Ent­täu­schung, der Ver­lust von Dia­lek­tik und Nach­denk­lich­keit zu­gun­sten von po­pu­li­sti­scher Mei­nungs­ma­che­rei, mit der dann der Feuil­le­ton­chef der FAZ so­gar die Pop-Talk­shows im TV be­spie­len kann. In­so­fern se­he ich in die­ser Re­zen­si­on ei­nen an­ge­neh­men Kon­tra­punkt.

  6. @Fritz Iver­sen
    Schirr­ma­cher nimmt ja streng ge­nom­men nicht den »Ho­mo oeco­no­mi­cus« als Ego-Mon­ster, son­dern den die elek­tro­ni­schen Sy­ste­me suk­zes­si­ve in­fil­trie­ren­den Al­go­rith­mus (der na­tür­lich von Men­schen pro­gram­miert und ent­wickelt wur­de), die »Num­mer 2«, al­so ei­ne Art Wei­ter­ent­wick­lung.

    Es wä­re in­ter­es­sant ge­we­sen, den tat­säch­li­chen Teil von »Öko­no­mie«, al­so das, was man mal ein biss­chen un­ge­nau »so­zia­le Markt­wirt­schaft« nann­te, in den Ent­schei­dun­gen und Hand­lun­gen der Prot­ago­ni­sten zu un­ter­su­chen. In­dem man näm­lich ei­ne Au­steri­täts­po­li­tik be­treibt und für die Bank­schul­den bürgt und da­mit den Zu­sam­men­bruch bzw., we­ni­ger pa­the­tisch, den Kon­kurs von Ban­ken be­wusst un­ter­bin­det. be­treibt man ge­ra­de kei­ne »Öko­no­mie, son­dern Lob­by­is­mus und Po­li­tik. Das weiß Schirr­ma­cher sehr gut. Aber er sieht den Feh­ler in der Pro­gram­mie­rung von Ma­schi­nen zum ego­isti­schen Han­deln.

    Ver­mut­lich weiss nie­mand, was ge­sche­hen wür­de, wenn bspw. die spa­ni­sche »Banka« plei­te ge­hen wür­de. Da­her re­agiert man mit der Füt­te­rung des Fuch­ses, der vor­her die Hüh­ner ge­fres­sen hat­te – da­mit er bit­te­schön nicht noch mehr Hüh­ner fres­se.

    Schirr­ma­chers The­sen sind wo­mög­lich des­halb po­pu­lär, weil sie das dif­fu­se Ge­fühl der Ohn­macht be­stä­ti­gen. Ver­schwö­rungs­theo­ri­en le­ben da­von, dass ih­re Un­aus­weich­lich­keit den Be­trach­ter zum Zu­schau­er macht, der nichts mehr än­dern kann. Al­so ent­steht auch kei­ne Schuld, da an­de­re Mäch­te den Gang der Din­ge be­schleu­ni­gen.

  7. Von Schirr­ma­cher er­war­te ich schon seit sei­nem vor­letz­ten Buch, dass er bald über­schnappt. In­so­fern kann ich sei­ne Sze­na­ri­en der Ent­fes­se­lung, Ma­schi­ni­sie­rung und Ego-Zwangs-Ma­ni­en gut nach­voll­zie­hen. Al­les nur ei­ne Fra­ge der Zeit...

    Es ist, um Kom­men­tar bei­zu­pflich­ten, schon merk­lich, dass der Glau­be an die Ver­nunft, d.h. ih­re EXISTENZ, ih­re Kraft, ih­re Sinn­haf­tig­keit ab­nimmt. Dass dar­an kon­kur­rie­ren­de Theo­ri­en (?!) oder struk­tur-ge­walt­tä­ti­ge Al­gorhyth­men Schuld sein könn­ten, glau­be ich nicht. Der Ver­nunft-Be­griff im­pli­ziert zwar Plä­ne und Pro­gno­sen, aber nicht al­le Plä­ne, Pro­gno­sen und ab­ge­lei­te­ten Hand­lun­gen sind »ver­nünf­tig«. Das ist ka­te­go­ria­ler Quatsch, bzw. (wie Schirr­ma­cher es aus­drücken wür­de) das Ein­drin­gen der po­le­mi­schen Ab­sicht in den ei­ge­nen, der Ord­nung hal­ber aber stets zu pfle­gen­den Be­griffs­ap­pa­rat. Mer­ke: sich selbst tak­tisch-hy­ste­risch über den Hau­fen zu ar­gu­men­tie­ren, bringt nie­man­den ei­ne Vor­teil (spiel­theo­re­tisch be­trach­tet).
    Dan­ke i.üb. an Keu­sch­nig, der die Kor­rek­tur am Be­griff »Neo­li­be­ra­lis­mus« durch­ge­führt hat, mit Ver­weis auf die neo­klas­si­schen Theo­ri­en. In der Tat tut hier Über­sicht not. In­zwi­schen gei­stert im­mer mehr Halb­wis­sen durch den Äther.

  8. @die_kalte_Sophie
    Eben die­ses »Übergeschnappt«-Sein ist es ja, was mich ver­wun­dert. Und dann über­le­gen lässt, ob die­ses Buch ist ei­ne Art Er­zäh­lung ist.

    (Zur Ver­nunft und de­ren merk­wür­dig un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le im Dis­kurs: d’­ac­cord!)

  9. Was ist von dem Vor­wurf der all­zu­vie­len Feh­ler im EGO-Buch zu hal­ten? Über­treibt der Mer­kur?

  10. Hier noch ei­ne in­ter­es­san­te Deu­tung.

    (Und, ich ha­be das schon mal ge­sagt: Ich ha­be Schirr­ma­cher im­mer eher als ei­ne Art Blog­ger ge­se­hen – al­so we­ni­ger als »Jour­na­list« [»ob­jek­tiv«, ab­wä­gend etc.], wie es im­mer noch von Leu­ten wir ihm er­war­tet wird.)

  11. Ehr­lich ge­sagt kann ich mit die­sem Text we­nig an­fan­gen. Ab­ge­se­hen da­von, dass er dau­ernd »Ro­loff« statt »Roh­loff« schreibt, wer­den da Sa­chen mit­ein­an­der ver­knüpft, die we­nig mit­ein­an­der zu tun ha­ben. Ich zweif­le ernst­haft an, dass Schüt­te das Buch wirk­lich ge­le­sen hat; wo­mög­lich ur­teilt er auf­grund der Se­kun­där­li­te­ra­tur. Hier­für spricht sein letz­ter Satz zum Schirr­ma­cher-Buch: »Prü­fe sich doch ein­mal je­der, ob er frei da­von & kein ho­mo oeco­no­mi­cus ist – und wenn (falls): war­um, wo­bei, wo­durch?« – Um die­se Prä­gung bzw. Ver­führ­bar­keit geht es F. S. ei­gent­lich gar nicht. Es geht um das Fa­tum, die­sem Den­ken durch Ma­schi­nen (Com­pu­ter) so­zu­sa­gen ver­ein­nahmt zu wer­den, d. h. mei­ne tat­säch­li­chen Ent­schei­dun­gen spie­len gar kei­ne Rol­le mehr, son­dern wer­den im Sin­ne von Num­mer 2, der nicht Ho­mo oeco­no­mi­cus ist, für mich ge­trof­fen. (Das ist jetzt stark ver­kürzt.)

    Im Grun­de ist »Ego« ein Es­say, der mit ei­ner gro­ßen apo­dik­ti­schen Ge­ste da­her­kommt und im bi­blio­gra­fi­schen Teil den Le­ser mit 408 An­ga­ben fü­si­lie­ren möch­te. Man müss­te nun – in An­leh­nung an Roh­loff – nicht nur die Gram­ma­tik­feh­ler auf­zäh­len (so et­was fällt mir in der Re­gel eher sel­ten auf), son­dern die Zi­ta­te durch­for­sten nebst de­ren Über­set­zun­gen. Aber wer macht das?

    Ich ver­ste­he, was Sie mit dem »Blogger«-Rubrum sa­gen wol­len, ob­wohl das ja im­pli­zit schon be­deu­tet, dass »Blog­ger« per se emo­tio­na­le Schrei­ber sind, die es, sa­lopp for­mu­liert, nicht so ge­nau mit der Re­cher­che neh­men. Für mich sind Schirr­ma­chers re­gel­mä­ssi­ge Ana­ly­sen, die im­mer per­fekt or­che­striert sind, Be­le­ge da­für, wie in Me­di­en über­haupt noch kon­tro­ver­se Pro­ble­ma­ti­ken noch wahr­ge­nom­men wer­den: als alar­mi­sti­sche Über­trei­bun­gen mit stei­len The­sen. Die Ver­bin­dung »Pro­mi­nen­ter« und »apo­ka­lyp­ti­sche The­se« ist da­bei der­art fas­zi­nie­rend, dass die ei­gent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung vor lau­ter Ehr­furcht gar nicht zu­stan­de kommt, bzw. Mo­na­te oder Jah­re spä­ter. Dann gibt es aber wie­der ei­ne neue The­se, ein neu­es Buch. Will sa­gen: Der ab­wä­gen­de Jour­na­list hat nur Po­ten­ti­al für Sei­te 5 un­ten links bzw. ei­nen drei­mi­nü­ti­gen »Kulturzeit«-Beitrag. Ma­xi­mal. Das ist das Di­lem­ma. Aber auch schon wie­der Kul­tur­kri­tik.

  12. Aber wenn es doch nun mal so ist, das mit dem Alar­mis­mus? Al­les kri­ti­sie­ren es und müs­sen ihn doch mehr oder min­der be­die­nen. Tat­säch­lich passt das ja nicht mal mit dem Ana­ly­se-Ge­stus des Bu­ches.

    Wor­auf ich hin­aus­woll­te – und Schüt­te traue ich da so­zu­sa­gen In­si­der­wis­sen zu -, ist der Teil an per­sön­li­cher Mo­ti­va­ti­on, so et­was zu schrei­ben. Je­mand, der die Welt tie­fer le­sen und sie war­nen will (sie „ret­ten“), ver­knüpft ja doch stark sein Sen­dungs­be­wusst­sein mit ei­nem ver­nom­me­nen Ruf. (Bzw. ei­nem exi­stie­ren­den, den es da zu ver­tei­di­gen gilt.) Wenn das Buch al­so – oder auch nur ver­le­ge­risch – ein Schnell­schuss ist, ein sal­va­to­ri­scher, wür­de das Ei­ni­ges an den kri­ti­sier­ten Ar­gu­men­ten und vor al­lem den Ton­la­gen er­klä­ren. (Wie die Flüch­tig­keits­feh­ler ih­rer­seits et­was er­klä­ren.) (Wie aber die Ton­la­gen heut­zu­ta­ge ganz wich­tig ist, die Öf­fent­lich­kei­ten als „sound“.)

    Letzt­lich un­ter­liegt dem aber auch die von ei­nem län­ge­ren Atem ab­hän­gen­de Li­te­ra­tur, sie­he Goe­tz und so man­che an­de­re: Sie muss eben et­was schnel­ler wer­den – und kann es manch­mal auch.

    Ich mer­ke bei mir sel­ber, dass ich so man­ches gar nicht mehr le­sen will (es auch nicht muss) , aber in den mir auf­be­rei­te­ten Les­ar­ten doch be­stens mit Ak­tua­li­tät und „Agen­da-Set­ting“ be­dient wer­de. Da­für braucht es zu­spit­zen­de Au­toren, die ei­nen Ge­dan­ken- oder Ana­ly­se-Mehr­wert be­reit­stel­len für ein Me­di­en- und mind-set, das da­mit schon be­dient ist. „Ego“ ist so ge­se­hen in meh­re­rer Hin­sicht et­was für und auf ei­nem Markt.

    Und auch der Blog­ger fühlt sich ja be­ru­fen. Schirr­ma­cher (und die­ses „Ge­fühl“ hat­te ich bei ihm von An­fang an), passt da wun­der­bar rein. Mit ei­nem Alt­kanz­ler-Wort: „Er ist der Mann der Stun­de… im­mer wie­der.“ (So neh­me ich ihn wahr, und die Fra­ge ist, ob es bei all die­sen Din­gen dann um Kri­tik noch geht: Die ist schon mit ein­ge­rech­net, braucht es ja, um das Ge­dan­ken­ge­bäu­de zu trans­por­tie­ren. Letzt­lich brau­che ich dann auch gar nicht mehr ein­ver­stan­den sein. Als solch ei­nen Au­tor se­he ich S. Und in zwei Jah­ren geht es dann um ganz was an­de­res.)

  13. Sind nicht ge­ra­de die­se »zu­spit­zen­den« Au­toren das, was man ir­gend­wann nicht mehr le­sen kann (oder mag)? Wird mir nicht in­zwi­schen zu häu­fig ge­ra­de das hy­per­ven­ti­lie­ren­de, auf­rüt­teln­de, »en­ga­gier­te« ge­bo­ten? Und wird nicht ge­ra­de durch die­se Schnell­schuss-Stra­te­gie der Wert des­sen, was ge­sagt wer­den soll, un­ter Um­stän­den auch ent­wer­tet?

    Wie steht es um die »Ent­hül­lun­gen« von Roh­loff? Es sind ei­ner­seits gram­ma­ti­ka­li­sche Feh­ler. An­de­rer­seits soll F.S. in »Pay­back« falsch oder ent­stel­lend zi­tiert ha­ben. Mer­de, kann man da sa­gen. Aber ist da­durch schon die The­se wi­der­legt? Ich mei­ne, nein. So ist die­ses not­wen­dig ge­nau hin­schau­en­de auch im­mer et­was Spie­ßi­ges. Roh­loff hät­te dies nie un­ter­nom­men, wenn ihm nicht F. S. oder die The­se oder bei­des in ge­wis­ser Wei­se un­sym­pa­thisch ge­we­sen wä­re. Aber an­de­rer­seits wä­re ein sol­ches Buch nie durch ein Lek­to­rat ge­gan­gen, wenn nicht F. S. dort als Au­tor ge­stan­den hät­te.

    Muss nicht die Ge­sin­nungs­kri­tik im­mer mit­be­dacht wer­den? Ge­ra­de bei je­man­dem wie Schirr­ma­cher, der ver­meint­lich in Dra­chen­blut ge­ba­det ha­ben soll? Ein biss­chen kommt mir das vor, als un­ter­su­che man Bü­cher im­mer mehr wie je­ne ömi­nö­sen Dok­tor­ar­bei­ten. Wenn dann nichts oder nur we­nig bleibt, geht’s an die Gram­ma­tik. So ver­mei­det man ziel­si­cher den Dis­kurs in der Sa­che. Aber das liegt dann auch dar­an, mit wel­chem Aplomb ein sol­ches Buch be­glei­tet wird.

    Viel­leicht ist so­gar schon der Ti­tel »Ego« ei­ne tri­via­le Ver­kür­zung des­sen, was tat­säch­lich ge­sagt wer­den soll: Dass ein ge­mein­hin als dar­wi­ni­stisch be­zeich­ne­tes, jeg­li­chen ethi­schen Ver­hal­tens ent­leer­tes Ver­hal­ten in die Ma­schi­nen im­plan­tiert wur­de. Über­spitzt for­mu­liert bringt so et­was aber nur sehr vor­läu­fig den er­hoff­ten Ge­winn. Un­er­klärt blei­ben die Bla­sen, und, vor al­lem: die Fol­gen hier­aus. Dif­fus wird das Drucken von Geld als Maß­nah­me ge­nannt, aber da­mit ge­winnt man nur Zeit. Was ich Schirr­ma­cher vor­wer­fe ist, dass er sei­nen Sta­tus quo nicht zu En­de denkt. Das be­deu­tet – aber­mals poin­tiert for­mu­liert – das er zu we­nig Sci­ence-Fic­tion bie­tet, statt zu viel.

  14. Ich tue mir, oh­ne das Buch ge­le­sen zu ha­ben, äu­ßerst schwer auch nur an­satz­wei­se in Schirr­ma­chers Über­le­gun­gen hin­ein zu fin­den (sie al­so: nach­zu­voll­zie­hen).

    Ein Um­stand ist, so­weit ich das se­he, be­den­kens­wert: In dem Buch scheint die Über­le­gung zu stecken, dass ent­we­der ei­ne Theo­rie (mit ei­ni­gem Er­klä­rungs­wert) zu ei­ner Art Welt­sicht wur­de (mu­tier­te) oder aber, dass je­mand (oder vie­le — der Au­tor? die Men­schen?) Welt und Theo­rie mit­ein­an­der ver­wech­selt ha­ben. Je­den­falls be­deu­tet der Er­folg ei­ner öko­no­mi­schen Theo­rie, wie der je­der an­de­ren wis­sen­schaft­li­chen, nicht, dass sie wahr ist, nur weil sie Er­folg hat. Ein Irr­tum, den man häu­fig be­ob­ach­ten kann. Der sprin­gen­de Punkt ist nun: Sitzt Schirr­ma­cher die­sem Irr­tum al­lei­ne auf (re­flek­tier­te er die­sen Um­stand?)? Wur­de dies ab­sicht­lich pro­pa­giert, des öko­no­mi­schen Er­folgs we­gen und sind wir am En­de zu rei­nen (!) Ego­isten ge­wor­den, gab es al­so ei­gent­lich nie­mals et­was, das man Irr­tum nen­nen könn­te? Wie auch im­mer: Den Un­ter­schied zwi­schen Theo­rie und Wirk­lich­keit ins Au­ge zu be­kom­men, kann dem Dis­kurs, des­sen Män­gel oben völ­lig rich­tig be­nannt wur­den, ei­gent­lich nicht scha­den.

    Die An­ge­le­gen­heit mit der Ma­rio­net­te hät­te ich an­ders ge­deu­tet (zu­ge­ge­ben eng an das Thea­ter an­ge­lehnt): Nur der tat­säch­li­che Bei­na­he-Tod der­sel­ben, macht das Spiel über­haupt erst mög­lich.

  15. Schirr­ma­chers The­se geht da­hin, dass wir so­zu­sa­gen zu rei­nen Ego­isten dres­siert wer­den und die­sem Schick­sal nicht mehr ent­ge­hen kön­nen, da al­le an­de­ren Um­stän­de die­sem Den­ken un­ter­ge­ord­net sind (sehr ver­kürzt). Mir ist ge­ra­de die­ses schick­sals­haf­te, was mir nicht ge­fällt. Selbst wenn in­zwi­schen Ma­schi­nen, Al­go­rith­men uns »fremd­steu­ern«, dann kann dies bei ent­spre­chen­der Ein­sicht je­der­zeit ab­ge­bro­chen wer­den. Die Struk­tu­ren, war­um dies viel­leicht nicht ge­schieht, be­leuch­tet Schirr­ma­cher gar nicht.

  16. Schirr­ma­chers Ego-The­se ist ja kei­nes­wegs neu, nur ih­re Her­lei­tung (so weit ich das se­hen kann). Wir ha­ben das hier ir­gend­wann schon ein­mal dis­ku­tiert, ich weiß al­ler­dings nicht mehr wo, im Sinn ei­ner ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung (Tech­ni­sie­rung, In­di­vi­dua­li­sie­rung, Spe­zia­li­sie­rung).

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