Rü­di­ger Din­ge­mann: »Tatort«-Lexikon (E-Book)

Rüdiger Dingemann: Tatort Lexikon (E-Book)

Rü­di­ger Din­ge­mann: Tat­ort Le­xi­kon (E-Book)

Rü­di­ger Din­ge­mann hat sein »Tatort«-Lexikon von 2010 für die E-Book-Aus­ga­be er­gänzt und er­wei­tert. Es sind jetzt al­le Fol­gen bis 11. No­vem­ber 2012 er­fasst. Das sind ins­ge­samt 849 (im Print-Buch wa­ren es 765). Nicht nur je­de ein­zel­ne Fol­ge ist dort chro­no­lo­gisch mit ei­ner klei­nen In­halts­an­ga­be auf­ge­führt (der Sortierungs­schlüssel ist ein­fach: fort­lau­fen­de Fol­ge und nach dem Schräg­strich das Erst­aus­strah­lungs­jahr). Man fin­det auch An­ga­ben zur Quo­te bzw. zum Markt­an­teil, den Dreh­buch­au­tor, Re­gis­seur, die Haupt­dar­stel­ler und ei­ne kur­ze In­halts­an­ga­be.

Der Es­say aus dem Print­buch wur­de ein biss­chen ver­än­dert, klei­ne­re Kor­rek­tu­ren an­ge­bracht und die Zwi­schen­über­schrif­ten wur­den zu ei­ge­nen Ka­pi­teln. Es gibt im­mer noch ei­ne Zeit­rei­se in die »Tatort«-Geschichte mit zahl­rei­chen Ku­rio­si­tä­ten. Hervorge­gangen aus der »Stahlnetz«-Reihe, die sich, im Ge­gen­satz zu den »Tatort«-Folgen, an Ori­gi­nal­fäl­len ori­en­tier­te, soll­te ei­ne Art Ge­gen­ge­wicht zur seit 1968 im ZDF er­folg­rei­chen Kri­mi­rei­he »Der Kom­mis­sar« ge­schaf­fen wer­den. Der Ge­dan­ke, den Fö­de­ra­lis­mus an di­ver­sen Schau­plät­zen mit un­ter­schied­li­chen Er­mitt­lern zu spie­geln, er­wies sich, so Din­ge­mann, als Glücks­griff.

Din­ge­mann formt vier »In­halts­schwer­punk­te«, die, wenn man sie ana­ly­siert, stark den je­wei­li­gen Zeit­geist spie­geln. Ge­schult an den ge­sell­schafts­kri­ti­schen Kri­mi­nal­ro­ma­nen aus Schwe­den (be­gin­nend in den 70ern mit dem Au­toren­duo Sjöwall/Wahlöö) spiel­ten im­mer mehr ge­sell­schaft­li­che und be­ruf­li­che Kon­flik­te so­wie das Pri­vat­le­ben der je­wei­li­gen Er­mitt­ler ei­ne grö­ße­re Rol­le. De­ren oft­mals de­sa­strö­se Exi­sten­zen (es gibt im­mer das, was man nicht möch­te), die Pro­ble­me mit stör­ri­schen Vor­ge­setz­ten oder eher in die Schicke­ria oder gar Halb­welt ab­ge­tauch­ten Staats­an­wäl­ten wer­den im­mer do­mi­nie­ren­der. Die Lö­sung des ei­gent­li­chen Falls (meist ist es ja Mord), wird nicht Ne­ben­sa­che, ist aber nur ein As­pekt der Film­hand­lung. Manch­mal möch­te man von ei­ner Kri­mi-Soap spre­chen.

Main­stream

Din­ge­mann hebt her­vor, dass die »Tatort«-Filme im­mer Main­stream wa­ren und sind – aus­ge­legt auf gro­sse Zu­schau­er­zah­len. Ei­ne wich­ti­ge und rich­ti­ge Fest­stel­lung, wenn­gleich die Aus­sa­ge, die Rei­he ha­be »zu kei­ner Zeit wirk­lich für nach­hal­ti­ge Auf­re­gung ge­sorgt« viel­leicht ein biss­chen un­ter­trie­ben ist. Acht Fol­gen sei­en mit Sperr­ver­mer­ken ver­se­hen oder wür­den nur mit ge­än­der­ten Schnit­ten wie­der­holt (das wä­ren we­ni­ger als 1%). Den­noch: Fi­gu­ren wie Kres­sin oder Schiman­ski oder ak­tu­ell Paul Fa­ber er­reg­ten die Bou­le­vard-Le­ser. Und vor al­lem der Film »Wem Eh­re ge­bührt« von 2007, der ei­nen Mord in der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft der Ale­vi­ten the­ma­ti­sier­te, sorg­te durch­aus für ei­nen Skan­dal (der al­ler­dings, das stimmt dann wie­der, nicht nach­hal­tig war/ist).

Die zum Teil in­fla­tio­nä­ren Wie­der­ho­lun­gen in den Drit­ten Pro­gram­men zei­gen: »Tatort«-Folgen kön­nen fast im­mer als Blau­pau­sen für ge­sell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se in der je­wei­li­gen Zeit her­an­ge­zo­gen wer­den. Die Mi­lieu- und Ge­sell­schaft­ver­än­de­run­gen zei­gen sich da­bei nie re­vo­lu­tio­när, son­dern höch­stens evo­lu­tio­när. Die Ver­bre­chen »pass­ten« sich der je­wei­li­gen Zeit an; Kin­des­miss­brauchs­fäl­le gab es in den 80ern eben noch nicht, wäh­rend Zoll­de­lik­te heut­zu­ta­ge eher un­zeit­ge­mäß wir­ken. Be­stimm­te Gen­res in­ner­halb des Kri­mi­nal­films gibt es bis heu­te kaum (z. B. an­spruchs­vol­le Wirt­schafts­kri­mis). Fol­gen, die auch nur an­satz­wei­se avant­gar­di­stisch sind, feh­len eben­falls. Da­für sind fast al­le »Tatort«-Folgen heu­te po­li­tisch über­kor­rekt und wir­ken da­durch selt­sam ste­ril.

Ei­ne Zeit­lo­sig­keit, wie noch bei den »Kom­mis­sar«- und auch »Derrick«-Folgen, die auf dia­lo­gisch-psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren an­ge­legt wa­ren, ist ver­lo­ren ge­gan­gen. Die Na­tur­wis­sen­schaf­ten und de­ren Ana­ly­sen do­mi­nie­ren heut­zu­ta­ge; Be­grif­fe wie »Spu­si« oder »Pa­tho­lo­gie« sind ka­no­ni­siert, ei­ne »DNA-Prü­fung« er­spart drei bis vier Ver­hö­re. In den letz­ten Jah­ren gab es nur we­ni­ge Ver­su­che vom ab­ge­hetz­ten, über­näch­tig­ten, frei­zeit­lo­sen, mo­bil­te­le­fon­schwen­ken­den Er­mitt­ler, der ge­schie­den, un­glück­lich ver­liebt oder durch Ver­gan­ge­nes trau­ma­ti­siert ist und von sei­nem Vor­ge­setz­ten wahl­wei­se ge­trie­ben oder ge­dämpft wird, ab­zu­wei­chen.

Ein an­de­res Pro­blem der Rei­he zeigt sich beim Stu­di­um der Jah­res­über­sicht: Die in­fla­tio­nä­re Zu­nah­me der »Tatort«-Filme. In­zwi­schen sind es mehr als 30 Fol­gen im Jahr (bis 1994 gab es nur 15–18 Fol­gen). Hin­zu kommt, dass Mord-Kri­mis in­zwi­schen auf al­len Ka­nä­len prä­sen­tiert wer­den. Es ist längst pro­blem­los mög­lich, sich von 18 Uhr bis tief in die Nacht durch al­le mög­li­chen Pro­gram­me zu zap­pen und dort Mor­den und Mordauf­klärungen zu­zu­schau­en. Die Zahl der tat­säch­lich in der Bun­des­re­pu­blik be­gan­ge­nen Mor­de (es wa­ren ein­schließ­lich der Mord­ver­su­che 2011 723) wird da­bei über­di­men­sio­niert dar­ge­stellt; ein Zerr­bild ent­steht. Man könn­te ein­wen­den, dass sol­che Fil­me (al­so auch »Tat­or­te«) mit der Rea­li­tät nichts oder nur we­nig zu tun ha­ben. Tat­säch­lich stimmt das ja, wenn man die ge­ra­de­zu stüm­per­haf­ten Feh­ler be­trach­tet, die im­mer wie­der unnötiger­weise in sol­chen Fil­men vor­kom­men. Aber man darf den Ef­fekt der Ba­na­li­sie­rung ei­nes ei­gent­lich schreck­li­chen Ver­bre­chens, das dann ir­gend­wann zwi­schen zwei Cur­ry­wurst-Mahl­zei­ten wie ne­ben­bei auf­ge­klärt wird, nicht un­ter­schät­zen.

Das ist kei­ne mo­ra­li­sche Ar­gu­men­ta­ti­on, son­dern ei­ne äs­the­ti­sche. Der Kri­mi­nal­film im Fern­se­hen ist zu dem ge­wor­den, was in den 50er und 60er Jah­ren der Hei­mat­film war: Mas­sen­wa­re; rand­voll mit Ste­reo­ty­pen. Bei­de, Hei­mat­film und Kri­mi, lie­fern auf un­ter­schied­li­che Art und Wei­se ei­ne »hei­le Welt«. Durch den (fast im­mer) auf­ge­klär­ten Fall wird beim Re­zi­pi­en­ten ei­ne ka­thar­ti­sche Rei­ni­gung er­zeugt, ei­ne Ban­nung des Bö­sen. Es ge­schieht et­was merk­wür­dig Sel­te­nes, auch Künst­li­ches: Das »Gu­te« siegt. Be­son­ders schlimm sind sol­che Fil­me, wenn ge­gen En­de dann noch ein Mord ver­hin­dert wird. An die Gren­ze zur Zu­mut­bar­keit geht der di­dak­tisch-mo­ra­li­sie­ren­de Im­pe­tus wenn es gilt kurz vor Schluss den Tä­ter vor Selbst­mord oder Ra­che zu ret­ten.

Re­gio­na­li­sie­rung?

Und wie steht es mit der all­seits im­mer her­aus­ge­stell­ten Re­gio­na­li­sie­rung der »Tatort«-Reihe? Die exi­stiert, aber nur noch geo­gra­phisch (ab­ge­se­hen da­von, hat das ZDF seit vie­len Jah­ren auch Re­gio­nal-Kri­mis im Pro­gramm). Längst sind die Schau­plät­ze nur mehr zu Ku­lis­sen de­gra­diert. Sieht man sich al­ler­dings al­te »Tat­or­te« an so er­kennt man, dass es ei­gent­lich fast nie an­ders war. So brach­te das Ruhr­ge­biet den trocke­nen, eher intro­vertierten Kom­mis­sar Ha­ver­kamp (Es­sen) her­vor. Als die­ser Ty­pus dann nicht mehr »zeit­ge­mäss« war, kam der Schmal­spur­ram­bo Schiman­ski (Duis­burg). Bei­de sind in kei­nem Fall re­prä­sen­ta­tiv für das Ruhr­ge­biet, au­ßer, dass sie dort bei­de be­hei­ma­tet sein könn­ten. Au­ßer et­was Lo­kal­ko­lo­rit und dem üb­li­chen Dia­lekt wur­den spe­zi­fi­sche lo­ka­le Le­bens­ver­hält­nis­se in den »Tatort«-Folgen kaum ge­spie­gelt. Das wur­de auch nicht nach der Wen­de 1990 an­ders.

In­ter­es­sant ist, dass sich in den letz­ten Jah­ren die Ver­set­zun­gen »orts­frem­der« Kommis­sare häuf­ten; in den letz­ten bei­den Fäl­len durch­aus ex­zen­tri­sche Per­sön­lich­kei­ten (Tho­mas Ar­nold als Pe­ter Fa­ber in Dort­mund [an­schlie­ßend gab es ei­ne »Bild«-Schlagzeile] und, ganz ak­tu­ell, Devid Strie­s­ow in Saar­brücken). Über die Dar­stel­lung der Fremd­heit des neu­en Er­mitt­lers in ein zu­meist be­stehen­des Team wur­de in­di­rekt Re­gio­nal- oder Lo­kal­ko­lo­rit er­zeugt, wel­ches den »Frem­den« dann in ei­nen ähn­li­chen Stand wie den Zu­schau­er ver­setz­te. Über am En­de dann fast nur skur­ril-pos­sier­li­che Folk­lo­re kam das al­ler­dings sel­ten hin­aus (un­ver­ges­sen der tu­ba­spie­len­de Bay­er in Saar­brücken).

Kul­ti­sche Ver­eh­rung für ei­ni­ge Fi­gu­ren trat fast im­mer re­tro­spek­tiv ein, wenn der Zeit­geist nach­träg­lich be­trach­tet be­son­ders gut ge­trof­fen schien. Pro­ble­ma­tisch wird es im­mer dann, wenn die Prot­ago­ni­sten nur noch als Ty­pen funk­tio­nie­ren und von ei­ner Re­gie der­art in ih­re Rol­len­kli­schees ge­presst wer­den, dass sie nur noch zu ih­ren ei­ge­nen Dar­stel­lern wer­den. Dann ent­steht ein Über­druss; man kann die­ses vor­her­seh­ba­re Spiel nicht mehr gut er­tra­gen. So kann ich mir nicht vor­stel­len, in zehn Jah­ren frei­wil­lig ei­nen ak­tu­el­len Mün­ste­ra­ner »Tat­ort« in der Wie­der­ho­lung an­se­hen zu wol­len. Lie­fe aber ei­ner mit Klaus Schwarz­kopf, sä­he das an­ders aus.

Der Er­eig­nis­cha­rak­ter ei­nes »Tat­ort« ist au­ßer bei den hart­ge­sot­te­nen Fans längst ver­schwun­den. Auch für mich es auch nicht mehr das kon­kur­renz­lo­se Sonn­tag­abend-Ver­gnü­gen. Der Nach­hall bleibt zu­meist aus. Man be­kommt im­mer sel­te­ner das Ge­fühl, et­was ver­passt zu ha­ben; so man­che Buch­lek­tü­re statt­des­sen war an­re­gen­der. Die sie­ben Ta­ge in der Me­dia­thek ver­strei­chen oh­ne Reue. Die Zahl der Kom­mis­sa­re, die man nicht mehr an­schaut, wächst. An­de­re ge­hen nach we­ni­gen Fol­gen (was sagt das über die Dreh­bü­cher?).

Die zahl­rei­chen Ta­bel­len im Buch über Er­mitt­lungs­teams, Re­gis­seu­re, Schau­spie­ler, Gast­auf­trit­te und Dreh­buch­schrei­ber sind im E-Book mit Links un­ter­legt – man braucht nur noch ei­nen Klick. Ich ge­ste­he, dass mir die An­wen­dung mit Le­se­zei­chen, vor- und zu­rück­blät­tern sehr ge­wöh­nungs­be­dürf­tig ist; das Pro­gramm »Ado­be Di­gi­tal Edi­ti­ons 2.0« ist al­les an­de­res als kom­for­ta­bel. Zur Ab­ar­bei­tung der be­reits an­ge­spro­che­nen zahl­rei­chen Wie­der­ho­lun­gen ist die­ses E-Book nicht zu­letzt auf­grund der Such­funk­ti­on wun­der­bar, zu­mal die Span­nung er­hal­ten bleibt und sich Din­ge­mann jeg­li­cher Wer­tun­gen glück­licherweise ent­hält.

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20 Kommentare zu »Rü­di­ger Din­ge­mann: »Tatort«-Lexikon (E-Book)«:

  1. blackconti sagt:

    Ach ja, der „Tat­ort“. Ver­mu­te ich rich­tig, dass Du ge­ra­de jetzt mit die­ser Zu­sam­men­fas­sung ins Netz gehst, da die­se Sen­de­rei­he (wie­der ein­mal!) an ei­nem Tief­punkt an­ge­langt ist? Der Strie­s­ow- Plot vom letz­ten Sonn­tag war ja wohl nur noch als schlech­te Ka­ri­ka­tur zu ver­ste­hen, witz­los und so ha­ne­bü­chen, dass man ir­gend­wann nur noch kopf­schüt­telnd ab­schal­ten konn­te. Wie­so sich die­ser, an sich her­vor­ra­gen­de Schau­spie­ler, für so ei­nen Schrott zur Ver­fü­gung stellt, ist mir ein Rät­sel und dass sich ir­gend­ein ver­ant­wort­li­cher Re­dak­teur die­sen Mist vor der Aus­strah­lung an­ge­se­hen und ab­ge­seg­net hat, ist kaum vor­stell­bar.

    Ob­wohl die „Tat­ort“- Rei­he völ­lig aus­ge­lutscht ist, ist sie nach wie vor ein Quo­ten­ga­rant für die ARD und dass sei­tens Ma­cher im­mer mal wie­der so­wohl mit den Dreh­bü­chern, als auch op­tisch ex­pe­ri­men­tiert wird, um das In­ter­es­se auf­recht zu er­hal­ten, ist ver­ständ­lich. Wenn, wie am Sonn­tag, das Ex­pe­ri­ment aber ei­gent­lich un­send­bar ist, dann soll­te man das auch nicht aus­strah­len, es sei denn, man will mich bis zum Gün­ther Jauch durch­zie­hen, wo’s dann noch blö­der wird.

    #1

  2. Ich ge­ste­he frei­mü­tig, dass ich den Strie­s­ow-Tat­ort gar nicht so schlecht fand. Man muss ihn als das se­hen, wie er an­ge­legt war: als Kri­mi­nal-Kla­mot­te. Die Crux an die­sen Fil­men ist doch, dass uns ein ge­wis­ser Rea­lis­mus vor­ge­spielt wird, der – wie man an den Be­mer­kun­gen des Kri­mi­nal­be­am­ten auf dem Link sieht – mit der Rea­li­tät nichts zu tun hat. Es wä­re ja ein ein­fa­ches, die­se Feh­ler ab­zu­stel­len. Aber das wol­len die Re­gis­seu­re of­fen­bar nicht, um die Wie­der­erken­nungs­ef­fek­te mit an­de­ren Kri­mi­nal­fil­men nicht zu »ge­fähr­den«. Ich mag es nicht, in je­dem drit­ten Film zu se­hen, wie ein Er­mitt­ler ei­ne Tür auf­schiesst, ob­wohl das gar nicht funk­tio­niert. Wenn ich auf die­se Art und Wei­se für blöd ver­kauft wer­de, kann man auch Strie­s­ow als Kla­mot­te (ähn­lich wie wei­land »Kott­an er­mit­telt«) be­freit an­se­hen, oh­ne nach dem Rea­li­täts­be­zug zu fahn­den. Wir müs­sen uns end­lich klar­wer­den, dass die­se Fil­me rei­ne Fik­ti­on sind und mit der Wirk­lich­keit nichts zu tun ha­ben. Die Em­pö­rung in den FAZ-Vor­be­spre­chun­gen zie­len fast im­mer dar­auf hin, dass be­stimm­te Si­tua­tio­nen nicht »rea­li­stisch« sei­en. Aber dar­auf kommt es nicht an. Es ist Mas­sen­un­ter­hal­tung mit ei­nem un­glaub­li­chen Grad an Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rung. Die Fra­ge stellt sich mir, in­wie­fern ich die­se Mas­sen­un­ter­hal­tung noch se­hen will. Oder ob es nicht an­de­re Ver­gnü­gun­gen gibt.

    #2

  3. Doktor D sagt:

    Tat­ort als neu­er Hei­mat­film – das ist ei­ne tol­le Be­schrei­bung, die auch gleich die Ir-/Sur-Rea­li­tät der mei­sten Tat­ort-Fil­me um­fasst.
    Ich ha­be letz­tens mit in ei­ner Wo­che die kom­plet­te er­ste Staf­fel Kott­an er­mit­telt an­ge­schaut: Ei­ner­seits ver­rückt, was die sich ge­traut ha­ben; an­de­rer­seits selt­sam, wie ganz ähn­li­cher Kla­mauk in Mün­ster und Saar­brücken auch nicht an­satz­wei­se so sub­ver­siv wirkt wie Kott­an. Viel­leicht, weil sich Tat­ort nie of­fen­siv über sich selbst und das Fern­se­hen lu­stig macht?
    Zum Man­gel an Wirt­schafts­kri­mi-Plots: Da rau­schen Fi­nanz­kri­sen, Wirt­schafts­kri­sen, aber auch lo­ka­le Skan­da­le (Thys­sen­Krupp, Li­bor-Ma­ni­pu­la­ti­on, In den Sand ge­setz­te Groß­pro­jek­te, Sub­ven­ti­ons­be­trü­ge­rei­en zu­hauf etc.) durch die Me­di­en – und kein Dreh­buch­au­tor oder Plot­ent­wick­ler macht dar­aus was in­ter­es­san­tes?! Wor­an das lie­gen mag? Man kann ja selbst ei­nen Dro­gen- oder Men­schen­han­del-Plot als Wirt­schafts­kri­mi er­zäh­len – oder kann das nie­mand so rich­tig, weil im­mer wild psy­cho­lo­gi­siert und mo­ra­li­siert wer­den muss?

    #3

  4. In­ter­es­sant, dass Kott­an heu­te noch sub­ver­siv wirkt; ich ha­be zu we­nig in Er­in­ne­rung, um das be­ur­tei­len zu kön­nen. Dass es zu we­nig gu­te Wirt­schafts­kri­mis gibt könn­te mit der man­geln­den Ex­per­ti­se zu tun ha­ben. Man durch­schaut die Zu­sam­men­hän­ge noch we­ni­ger als in an­de­ren Gen­res und/oder fürch­tet, das Pu­bli­kum zu über­for­dern (all­um­fas­sen­de Aus­re­de für min­de­re Qua­li­tät -> so­zu­sa­gen die Pu­bli­kum­be­schimp­fung 2.0).

    #4

  5. blackconti sagt:

    @Gregor – Klar war der Strie­s­ow-Tat­ort be­wusst als Kla­mot­te an­ge­legt, aber den mit „Kott­an“ zu ver­glei­chen, be­lei­digt die groß­ar­ti­gen Dreh­buch­schrei­ber, Dar­stel­ler und Pro­du­zen­ten des ORF. „Kott­an“ war Fol­ge für Fol­ge wit­zig, sub­ver­siv und rea­li­täts­fern, aber äu­ßerst un­ter­halt­sam. Der Saar-Tat­ort hat­te nichts da­von, es sei denn, man hält ei­nen Kom­mis­sar in kur­zen Ho­sen und mit Gum­mi­stie­feln als Run­ning Gag für wit­zig. Und dann noch die­se grau­en­haft di­let­tan­tisch text­auf­sa­gen­de Staats­an­wäl­tin! Nee, tut mir leid, aber ko­misch ist ein­fach nur die Vor­stel­lung, dass ir­gend­je­mand bei der ARD so ei­nen Schrott für lu­stig hält.

    #5

  6. Rich­tig, mit »Kott­an« ist das wo­mög­lich nicht zu ver­glei­chen. Das war ei­ne Sa­ti­re (die auch sub­ver­siv sein kann bzw. soll). Ich sprach von ei­ner Kla­mot­te. Und ja, die Staats­an­wäl­tin war über­zeich­net und sag­te ih­ren Un­sinn auf. Aber Ste­reo­ty­pen gibt es auch in an­de­ren Kri­mis; hier wur­de es »nur« über­zeich­net.

    #6

  7. Jeeves sagt:

    Zu­rück zum Le­xi­kon.
    Sind nicht al­le (oder die mei­sten? oder vie­le?) der Da­ten auch in Wi­ki­pe­dia zu fin­den? oder sonst­wo im Netz: ARD-site? Tat­ort-site? Ich hab hier ’nen Aus­druck aus dem Netz zu lie­gen, der z.B. al­le Thiel/Bör­ne-Mün­ster-Tat­or­te pe­ni­bel auf­li­stet. Ich er­in­ne­re, dass ich beim Su­chen da­nach ei­ni­ge Web­sites fand, die über die »Tat­or­te« ta­bel­la­risch aber auch aus­führ­lich mit Da­ten, Hand­lungs­be­schrei­bung, Schau­spie­ler, Be­son­der­hei­ten usw. be­rich­ten.
    So ein Buch ist na­tür­lich vor­zu­zie­hen (sag­te ein Buch­lieb­ha­ber, der ger­ne abends im Bett le­gend liest oder manch­mal auch nur blät­tert).

    #7

  8. Film Blogger sagt:

    Wo­bei Kott­an manch­mal (zu­min­dest ab der drit­ten Fol­ge) durch­aus lei­der zu oft den Spa­gat zwi­schen hin­ter­sin­ni­ger Sa­ti­re und Kla­mot­te mit Slap­stick­ein­la­gen nicht mehr ge­schafft hat. Bes­ser als die­ser Tat­ort aus Saar­brücken war die Ösi-Se­rie na­tür­lich den­noch al­le­mal. Ich weiß auch nicht, war­um aus­ge­rech­net dem Saar­land-Tat­ort ein neu­es Er­mitt­ler­team ver­passt wer­den muss­te. Fand das bis­he­ri­ge ei­gent­lich ok.

    #8

  9. @Jeeves
    Ja, es gibt wohl ei­ne Viel­zahl Sei­ten, die den »Tat­ort« auf un­ter­schied­li­che Wei­se spie­geln und auf­be­rei­ten. Der Vor­teil von Buch/E-Book liegt dar­in, dass es bleibt, wäh­rend Web­sei­ten auch schon mal im Nir­wa­na ver­schwin­den.

    @Film_Blogger
    D’accord zu Kott­an (aus mei­ner Er­in­ne­rung). Das »al­te« Er­mitt­ler­team aus Saar­brücken wur­de ja ziem­lich lieb­los »ent­sorgt«. Ver­mut­lich ging es um Quo­te. Viel­leicht ris­kiert man da­her ein eher kla­mot­ti­ges Auf­tre­ten – Pro­test ist ja auch ei­ne Form der Wid­mung.

    #9

  10. Lothar sagt:

    Oder ist der Grund für die Nen­nung even­tu­ell die Tat­sa­che, dass das Buch mit dem Ti­tel wohl bald um­be­nannt wer­den müss­te, näm­lich in »Das Le­xi­kon über je­ne be­kann­te Sonn­tag­abend-Kri­mi­rei­he der ARD, de­ren mar­ken­recht­lich ge­schütz­ten Ti­tel zu nen­nen uns an die­ser Stel­le un­ter­sagt wur­de.«, wenn die Rechts­ab­tei­lung der ARD kon­se­quent das durch­zieht, was sie bei der »Er­mitt­lung in Sa­chen TATORT«-Reihe be­gon­nen hat [1].

    Dann soll­te man aber nicht bei Ama­zon oder Ap­ple kau­fen, die dann schon mal un­ge­fragt und re­mo­te die ge­kauf­ten Bücher/Musikstücke durch an­de­re bzw. gar nichts er­set­zen.

    [1] Sie­he hier­zu z.B. http://www.stefan-niggemeier.de/blog/langjaehrige-ard-krimireihe-mit-sechs-buchstaben-aber-nicht-vorsagen/

    #10

  11. @Lothar
    Ich glau­be, Din­ge­mann hat das OK der ARD. Ab­ge­se­hen da­von soll­ten Sie ge­nau le­sen: Die ARD ver­bie­tet den Na­men »Tat­ort« nicht per se. Sie un­ter­sagt le­dig­lich die Ver­wen­dung des Be­griffs in ei­ner Buch­rei­he, weil da­mit wo­mög­lich ei­ne Ver­wechs­lungs­ge­fahr ge­ge­ben ist.

    Tat­säch­lich hat der WDR die Mar­ke »Tat­ort« schüt­zen las­sen: hier

    #11

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