Nils Ha­ve­mann: Sams­tags um Halb 4

Nils Havemann: Samstags um Halb 4

Nils Ha­ve­mann:
Sams­tags um Halb 4

Zu Be­ginn klärt Nils Ha­ve­mann, dass es sich bei »Sams­tags um Halb 4« nicht um ein ver­klä­rend-sen­ti­men­ta­les Nost­al­gie­buch zum 50. Jah­res­tag der Fuß­ball-Bun­des­li­ga han­delt, wel­ches »um­ge­stürz­te Tor­pfo­sten«, fal­sche Schieds­rich­ter­ent­schei­dun­gen, Mei­ster­schaf­ten in letz­ter Mi­nu­te und »ku­rio­se Phan­tom­tref­fer« zum x‑ten Mal Re­vue pas­sie­ren lässt. Statt­des­sen soll ei­ne Kul­tur­ge­schich­te der Fuß­ball-Bun­des­li­ga prä­sen­tiert wer­den und be­reits in der Ein­leitung wun­dert sich der Au­tor, dass es bis­her kei­ne »his­torische Ge­samt­be­trach­tung« die­ser Bun­des­li­ga gä­be, was nun schein­bar nach­ge­holt wer­den soll. Aber nur we­ni­ge Sei­ten wei­ter re­la­ti­viert Ha­ve­mann den An­spruch wie­der: »Oh­ne­hin strebt die­ses Buch in sei­ner Mi­schung aus chro­no­lo­gi­scher und the­ma­ti­scher Er­zähl­wei­se kei­ne Dar­stel­lung im en­zy­klo­pä­di­schen Sin­ne an.« Gut, so­weit geht man noch mit. Aber fast ver­bor­gen folgt dann: »Ins­be­son­de­re für die Zeit nach 1989 wä­re dies schlicht­weg un­mög­lich, weil man sich hier zu stark der Ge­gen­wart nä­hert, die sich ei­ner eben­so um­fas­sen­den wie un­be­fan­ge­nen hi­sto­ri­schen Be­trach­tung ent­zieht.«

Blät­tert man dar­auf­hin zum In­halts­ver­zeich­nis zu­rück wird tat­säch­lich deut­lich, dass Ha­ve­mann prak­tisch mit dem Jahr 1989 sei­ne Stu­die be­en­det. Im wei­te­ren Ver­lauf des Bu­ches wird auch der Grund hier­für be­nannt: Die Ar­chi­ve der Ver­ei­ne und Ver­bän­de ge­ben die für Ha­ve­manns Vor­ge­hens­wei­se not­wen­di­gen Do­ku­men­te ein­fach noch nicht frei. Die aus­ge­spro­che­ne Ein­schrän­kung be­deu­tet ein­fach nur: Es gibt kei­ne In­nen­an­sich­ten, de­rer sich Ha­ve­mann für die Zeit nach 1989 be­die­nen kann.

Von kur­so­ri­schen Rück­blicken auf die An­fän­ge des Fuß­balls in Deutsch­land En­de des 19. bzw. An­fang des 20. Jahr­hun­derts ab­ge­se­hen, lie­fert Ha­ve­mann ei­ne aus­führ­li­che, manch­mal aus­ufern­de Stu­die über die Ent­wick­lung des (west-)deutschen Nachkriegfuß­balls bis 1989. Zwar gibt es ge­le­gent­lich Fort­schrei­bun­gen bis in die Ge­gen­wart, aber für Ha­ve­mann ist die Quel­len­la­ge of­fen­sicht­lich so un­be­frie­di­gend, dass es Aus­flü­ge wie in ei­ne an­de­re Welt blei­ben. So wird die Grün­dung der DFL 2000 und der dra­sti­sche Um­bau des in­sti­tu­tio­nel­len Fuß­balls nur ins­ge­samt an drei Stel­len und in Halb­sät­zen er­wähnt. Als gä­be es kei­ne we­nig­stens an­nä­hernd be­last­ba­re Ge­schich­te der Ent­wick­lung der DFL. In­so­fern ist der Ti­tel so­gar pro­gram­ma­tisch, denn in­zwi­schen sorgt die Zer­split­te­rung des Bun­des­­li­ga-Spiel­ta­ges längst nicht mehr da­für, dass die Spie­le ein­heit­lich »Sams­tags um Halb 4« be­gin­nen (mit Aus­nah­me der letz­ten bei­den Spiel­ta­ge ei­ner Sai­son).

Ge­mein­nüt­zig­keit über al­les

Ha­ve­mann wälzt die Ar­chi­ve et­li­cher ak­tu­el­ler und ehe­ma­li­ger Bun­des­li­ga-Ver­ei­ne, be­rich­tet von Vor­stands­sit­zun­gen in den 60er/70er Jah­ren bei­spiels­wei­se beim 1. FC Köln oder Schal­ke 04 in zum Teil epi­scher Brei­te, lässt sich über das Vor­ur­teil der Pres­se ge­gen­über dem ehe­ma­li­gen DFB-Prä­si­den­ten Neu­ber­ger an­hand der Fuß­ball WM in Ar­gen­ti­ni­en auf fast drei­ßig Sei­ten bis zur Er­schöp­fung des Le­sers aus (man fragt sich, was das mit der Bun­des­li­ga zu tun hat), zi­tiert aus Do­ku­men­ten, die be­le­gen, wie Städ­te und Ge­mein­den im­mer wie­der die durch Miss­wirt­schaft und Ver­schwen­dung er­zeug­ten Fi­nanz­lö­cher der Ver­ei­ne ge­stopft ha­ben, weil der Ver­ein je nach Be­darf als un­ver­zicht­bar für die Re­gi­on und die Kul­tur hoch­sti­li­siert wur­de und be­klagt be­harr­lich das »ir­ra­tio­na­le« Steu­er­recht in Deutsch­land, wel­ches – oh Wun­der – der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung des Fuß­balls so­lan­ge im We­ge ge­stan­den ha­ben soll.

Dass Ha­ve­mann die Far­cen um die so­ge­nann­te Ge­mein­nüt­zig­keit der Fuß­ball­ver­ei­ne mit ei­ner ge­wis­sen Im­per­ti­nenz de­co­u­vriert, ist al­ler Eh­ren wert. Er macht aus sei­ner Ver­ach­tung sol­cher halb­ga­ren Kon­struk­tio­nen kei­nen Hehl. Da geht es um Zu­schüs­se zu Sta­di­on­re­no­vie­run­gen oder ‑bau­ten, dem Weg­fall von Ver­gnü­gungs- oder son­sti­ger Steu­ern und dem Stop­fen von rie­si­gen Fi­nanz­lö­chern, die die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen in schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit in den po­ten­ti­el­len Ru­in zu trei­ben schie­nen. Ha­ve­mann über­sieht, dass das Steu­er­recht ge­ra­de des­we­gen so kom­pli­ziert war, um es al­len recht zu ma­chen. Die Ver­ren­kun­gen, die hier­für bis weit in die 80er Jah­re vor­ge­nom­men wur­den, wä­ren ja ein­fach nur ko­misch-lä­cher­lich – wenn es nicht um Gel­der der öf­fent­li­chen Hand ge­gan­gen wä­re.

Die sel­te­nen Pha­sen, in de­nen es Ge­win­ne bei den Ver­ei­nen gab, wur­de die­se in ex­or­bi­tant ho­he Spie­ler- und Trai­ner­ge­häl­ter ge­steckt statt in die Deckung der Schul­den. Exemp­larisch wird dies am TSV 1860 Mün­chen, dem 1. FC Nürn­berg und Schal­ke 04 er­läu­tert. Der »Nie­der­gang« die­ser (auch an­de­rer) Ver­ei­ne wird – et­was mo­no­kau­sal – auf man­geln­de Haus­halts­dis­zi­plin und das im­mer wie­der ein­kal­ku­lier­te – und auch statt­findende – »Ein­sprin­gen« der öf­fent­li­chen Hand zu­rück­ge­führt. Es ist ein Ver­dienst die­ses Bu­ches, dass dies nicht als neu­ar­ti­ges Phä­no­men ge­zeigt wird, son­dern prak­tisch vom Start der Bun­des­li­ga 1963 an Usus war (und schon vor­her, in den Ober­li­gen, be­gann). Die »Kom­mer­zia­li­sie­rung« des Fuß­balls macht Ha­ve­mann so­gar schon in der Wei­ma­rer Re­pu­blik aus.

Frü­her war nichts bes­ser

Es ge­lingt durch­aus, die Mär der Fuß­ballidea­li­sten, des »rei­nen« Fuß­balls, an­zu­krat­zen wenn auch der groß­spu­ri­ge Ton, den Ha­ve­mann mehr als nur ein­mal an­schlägt, der Sa­che nicht un­be­dingt ge­recht wird. (Das wird im wei­te­ren Ver­lauf des Bu­ches ein Grund­pro­blem blei­ben.) Wenn er schreibt, dass die Welt­mei­ster von 1954 be­reits das Dop­pel­te ei­nes Durch­schnitts­brut­to­ein­kom­mens ver­dient hät­ten (fast im­mer wa­ren es in­of­fi­zi­el­le Zu­wen­dun­gen wie Sach­lei­stun­gen, gün­sti­ge bzw. nicht rück­zahl­ba­re Kre­di­te und Ar­beits­platz- und Kar­rie­re­ga­ran­ti­en) und Uwe See­lers Aus­schla­gen der 600.000 DM-Of­fer­te von In­ter Mai­land 1961 we­ni­ger sei­ner Bo­den­stän­dig­keit und der Lie­be zum HSV als mit nüch­ter­nen Über­le­gun­gen zu sei­ner wei­te­ren au­ßer­fuß­bal­le­ri­schen, be­ruf­li­chen Kar­rie­re ver­bun­den war, so schwingt doch ei­ne un­an­ge­nehm auf­trump­fen­de Om­ni­po­tenz des Au­tors mit. Denn war sagt denn, dass See­ler nach sei­nem Auf­ent­halt ei­ne nicht un­gleich er­folg­rei­che­rer »Kar­rie­re« hät­te ein­schla­gen kön­nen?

Wenn es heißt, dass be­reits En­de der 60er Jah­re die aus steu­er­li­chen Grün­den Li­zenz­spie­ler ge­nann­ten Be­rufs­spie­ler das Sechs­fa­che des durch­schnitt­li­chen Arbeit­nehmergehalts ver­dient hät­ten, so blen­det Ha­ve­mann fast über den ge­sam­ten Ver­lauf des Bu­ches das heu­ti­ge Ver­hält­nis voll­kom­men aus. Man muss bis Sei­te 516 war­ten, um ei­nen arg ver­klau­su­lier­ten Hin­weis zu fin­den – der dann aber ab­rupt beim Jahr 1989 en­det. Die ent­spre­chen­de Rech­nung wird ver­wei­gert. Geht man von ei­nem durch­schnittlichen Brut­to­jah­res­galt von EUR 30.000 pro Ar­beit­neh­mer aus, wä­re die Ent­loh­nung in den 50er Jah­ren bei EUR 60.000 (Fak­tor 2) und in den 70ern bei rd. EUR 180.000 (Fak­tor 6) an­zu­sie­deln. Tat­säch­lich sind dies heut­zu­ta­ge die Ge­häl­ter für gu­te, auf­stre­ben­de Dritt­li­ga­spie­ler. Der Fak­tor Arbeitnehmer/Topspieler dürf­te ak­tu­ell bei bis zu 300 lie­gen; teil­wei­se so­gar hö­her, ins­be­son­de­re wenn man das Durch­schnitts­ge­halt ei­nes Polizei­beamten nimmt, der al­le zwei Wo­chen dem ran­da­lie­ren­den Pö­bel Ein­halt ge­bie­ten muss, da­mit die Ver­ei­ne ih­ren Stars die Mil­lio­nen­ge­häl­ter zah­len kön­nen. Man lernt aus dem Buch, dass ei­ne Be­tei­li­gung der Ver­ei­ne an den Ko­sten der Po­li­zei­ein­sät­ze min­de­stens ein­mal an­ge­dacht war. Mit fa­den­schei­ni­gen Grün­den wur­de dies am En­de von den eit­len Lokal­politikern nicht mehr wei­ter ver­folgt. Kein Wort ver­liert der Ana­ly­ti­ker Ha­ve­mann dar­über, war­um sich ver­gleichs­wei­se we­ni­ge über die Ge­halts­ent­wick­lun­gen der Fuß­bal­ler auf­re­gen, wäh­rend Mil­lio­nen­ge­häl­ter von Wirt­schafts­bos­sen, die im­mer­hin gan­ze Un­ter­neh­men zu füh­ren ha­ben, so­gar ge­deckelt wer­den sol­len.

Ha­ve­mann will die Ge­schich­ten aus der schö­nen Zeit des Fuß­balls de­stru­ie­ren. Das hört bei den Ge­häl­tern der Kicker und Trai­ner nicht auf. Auch die Ge­walt, die in den Sta­di­en zu­ge­nom­men ha­ben soll, ni­vel­liert er zu­nächst um dann wie­der ziem­lich bei­läu­fig zu er­wäh­nen, dass die­se seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung zu­ge­nom­men ha­be. Und so­gar die Kla­ge, es müs­se »mo­der­ner« ge­spielt wer­den, ent­blößt Ha­ve­mann als ur­alte Stamm- und Bier­tisch­flos­kel – ei­ne der über­zeu­gen­den De­kon­struk­tio­nen in die­sem Buch. An­son­sten wird oft der Ein­druck ei­nes »frü­her war nichts bes­ser« ver­mit­telt und da­mit die Zu­stän­de un­zu­läs­sig ver­ein­facht.

Aus­gie­big wird der Bun­des­li­ga-Be­stechungs­skan­dal von 1971 the­ma­ti­siert, der, so scheint es bei der Lek­tü­re, da­mals nur die Spit­ze des Eis­ber­ges war. Ha­ve­mann stellt klar, dass Ca­nellas’ schlech­ter Ruf als nach­träg­li­cher »Auf­decker« un­be­rech­tigt ist (er hat­te dem DFB schon vor­her In­for­ma­tio­nen zu­kom­men las­sen, die die­ser je­doch igno­rier­te). Lei­der blei­ben wei­ter­ge­hen­de Er­ör­te­run­gen aus (bei­spiels­wei­se hin­sicht­lich im­mer wie­der bekannt­werdender Schie­be­rei­en). Da­für wid­met er sich ziem­lich aus­führ­lich den Wal­lun­gen, die To­ni Schu­ma­cher 1987 mit sei­nem »Anpfiff«-Buch aus­lö­ste. Vor al­lem der Vor­wurf des Do­pings saß tief. Ha­ve­mann zeigt, wie bi­gott und heuch­le­risch das Ver­hal­ten ge­gen­über Schu­ma­cher so­wohl von Sei­ten der Funk­tio­nä­re als auch der Jour­na­li­sten war.

Aus­ufern­de Bes­ser­wis­se­rei

Lei­der stei­gert sich der Au­tor im Lau­fe des Bu­ches in ei­ne aus­ufern­de Bes­ser­wis­se­rei, die auch nicht vor den Schil­de­run­gen der po­li­ti­schen, so­zia­len und öko­no­mi­schen Entwick­lungen der Bun­des­re­pu­blik halt macht. Ir­gend­wie glaubt er, dass ein Fuß­ball­in­ter­es­sier­ter we­nig bis kei­ne Ah­nung von Zeit­ge­schich­te ha­ben muss. Und so wird al­les kom­men­tiert – ob es um Frem­den­feind­lich­keit (die es nicht nur im Fuß­ball ge­be), die Mittelstandsge­sellschaft (für Ha­ve­mann ir­gend­wie nicht exi­stent), die 68er (koch­ten auch nur mit Was­ser), die So­zia­le Markt­wirt­schaft (eher über­schätzt; ins­be­son­de­re was das At­tri­but an­geht), der Un­ter­schied zwi­schen Na­tio­na­lis­mus und Pa­trio­tis­mus in­ner­halb und au­ßer­halb des Sports, die Ten­denz zur Gleich­ma­che­rei, der das ach so heh­re Wett­bewerbs­gebot aus­he­belt oder das Ver­hält­nis der po­li­ti­schen Par­tei­en zum Fuß­ball an­geht. So ist ei­ne der The­sen, dass die CDU eher po­si­tiv den fi­nan­zi­ell not­lei­den­den Ver­ei­nen ge­gen­über agiert und im Zwei­fel Geld hin­ter­her ge­wor­fen ha­be (es droh­te so­gar die »Staats­bun­des­li­ga«, wie ein Un­ter­ka­pi­tel über­schrie­ben ist), wäh­rend die SPD-Po­li­ti­ker ent­ge­gen dem all­ge­mei­nen Vor­teil, die »So­zen« könn­ten nicht mit Geld um­ge­hen, eher zu­rück­hal­tend ge­han­delt hät­ten. Dass dies nicht der­art pau­scha­lier­bar ist, steht im ei­ge­nen Buch be­schrie­ben – wer­den doch die stän­di­gen Bet­te­lei­en und For­de­run­gen von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach an die Stadt ab Mit­te der 70er Jah­re akri­bisch auf­ge­führt. Im Ge­gen­satz zu so man­chem Ruhr­ge­biets­ver­ein biss die Bo­rus­sia beim CDU-do­mi­nier­ten Mönchen­gladbacher Stadt­rat oft ge­nug auf Gra­nit bzw. er­reich­te nur Teil­erfol­ge.

Zu­wei­len ent­geg­net Ha­ve­mann ei­nem schein­ba­ren Vor­ur­teil nur mit der rei­nen Ge­gen­be­haup­tung. Und manch­mal will er die Sub­tex­te, die im Fuß­ball ei­ne so ent­scheidende Rol­le spie­len, ein­fach nicht ver­ste­hen. Et­wa wenn er un­be­dingt er­klä­ren muss, war­um die Mön­chen­glad­ba­cher Bo­rus­sen in den 70er Jah­ren nicht die »Tor­fa­brik«, die »pro­gres­si­ven«, mo­der­nen Fuß­bal­ler wa­ren, wie dies im­mer an­ge­nom­men wird. Er nimmt To­re und Ge­gen­to­re von neun Spiel­zei­ten und ver­gleicht sie mit den ver­meint­lich kon­ser­va­ti­ven Bay­ern (in der End­no­te dann nur der Quel­len­hin­weis; kei­ne Auf­lö­sung).1 Zwar hat er durch­aus recht mit sei­ner The­se, dass vie­les, was Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach an­ge­dich­tet wur­de, bei Licht be­trach­tet nicht im­mer Be­stand hat. Er über­sieht je­doch, dass die Sym­pa­thi­en für die Bo­rus­sia vor al­lem da­her re­sul­tier­ten, dass dort schein­ba­re Un­der­dogs spiel­ten, die ein paar Jah­re vor Hen­nes Weis­wei­lers Trai­ner­schaft undiszi­pliniert her­um­kick­ten, wäh­rend beim FC Bay­ern schon da­mals eher eli­tä­re Struk­tu­ren nach au­ßen sicht­bar wa­ren. Der ko­me­ten­haf­te Auf­stieg der Mön­chen­glad­ba­cher kor­re­spon­dier­te mit dem Auf­stiegs­ver­spre­chen der »neu­en« Bun­des­re­pu­blik der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on. Netzer als Fer­ra­ri-Fah­rer er­zeug­te da­durch nicht Neid, son­dern Re­spekt. Im glei­chen Ma­ße rief die Sti­li­sie­rung Paul Breit­ners mit Mao-Bild und »Pe­king-Rund­schau« (bei­de Bil­der sind im Buch ab­ge­druckt) nur ein Kopf­schüt­teln her­vor. Die Zu­schrei­bun­gen, die Ha­ve­mann so ve­he­ment gei­ßelt, ent­stam­men Emp­fin­dun­gen, nicht rei­nen em­pi­ri­schen Fak­ten. Die Fuß­ball­spie­ler der Bo­rus­sia wa­ren auch das Ge­gen­mo­dell zum eher spie­ßig emp­fun­de­nen rhei­ni­schen Bür­ger­tum. Da­bei spiel­te es kei­ne Rol­le, dass sie spä­ter (oder da­mals) spie­ßi­ger wa­ren als so man­cher Bay­ern-Spie­ler. Ent­schei­dend war, dass die­se Zu­ord­nun­gen nicht durch die in­zwi­schen all­seits wal­ten­de »Trans­pa­renz« ent­stan­den, d. h. das Pri­vat­le­ben der Spie­ler blieb lan­ge Zeit weit­ge­hend un­be­kannt; die Iden­ti­fi­ka­ti­on er­folg­te fast aus­schließ­lich durch die Ak­ti­on auf dem Platz (was sich aller­dings än­der­te) und die von den Fans zu­ge­schrie­be­ne Au­ra. Das war (und ist) ex­akt das Ge­gen­teil von dem, was man heu­te so groß­spu­rig »Mar­ke­ting« nennt. Im üb­ri­gen war – wie be­reits er­wähnt – Mön­chen­glad­bach ei­ne CDU-Stadt, al­so »kon­ser­va­tiv«, wäh­rend Mün­chen da­mals von der SPD re­giert wur­de, so dass al­lei­ne von die­ser Zu­ord­nung her die Kli­schees nicht stim­men kön­nen.

It’s the eco­no­my…

Be­son­de­re Sub­jek­te der Aver­si­on für Ha­ve­mann: »Hi­sto­ri­ker, Po­li­to­lo­gen und So­zio­lo­gen«, die »in je­dem Ge­dan­ken, je­der Ent­schei­dung, je­der Idee, ei­ne fe­ste Gesinnung…entdecken, um sie mit­hil­fe ih­res an­spruchs­vol­len Vo­ka­bu­lars be­stimm­ten Ka­te­go­ri­en zu­ord­nen zu kön­nen« und in »vul­gär­mar­xi­sti­sche Klischee[s]« ver­fal­len und den Fuß­ball als gesell­schaftliches Mo­dell usur­pie­ren (da­bei macht er dies zu­wei­len sel­ber), nost­al­gi­sche Fußball­fans, die fal­schen My­then nach­hän­gen und der har­ten (kom­mer­zi­el­len) Rea­li­tät nicht ins Au­ge se­hen wol­len und ih­re Städ­te an­bet­teln­de Fuß­ball­funk­tio­nä­re, die das ka­pi­ta­li­sti­sche Prin­zip nicht er­kannt ha­ben und sich nach den al­ten Zei­ten seh­nen. Für Ha­ve­mann kommt nichts an­de­res in Fra­ge, als Fuß­ball­ver­ei­ne wie Wirtschaftsunter­nehmen zu füh­ren. Pe­ter Krohn hat­te in den 70ern beim Ham­bur­ger SV da­mit be­gon­nen und Uli Hoe­neß dies beim FC Bay­ern schließ­lich mehr oder we­ni­ger per­fek­tio­niert. Trotz der Ka­pi­tel­über­schrift »Ge­lun­ge­ne Re­for­men« wird dann der VfB Stutt­gart als Gegenbei­spiel auf­ge­führt, der in den 70ern ein ähn­li­ches Po­ten­ti­al wie die Bay­ern ge­habt ha­ben soll, aber lei­der mit Ger­hard May­er-Vor­fel­der den fal­schen Prä­si­den­ten ge­wählt hat­te. Der Grund: May­er-Vor­fel­der war ein Po­li­ti­ker, der sich auf sei­ne Ver­bin­dun­gen und sein Netz­werk ver­ließ und eben kein Kauf­mann, der öko­no­mi­sche Prio­ri­tä­ten setz­te. Dies muss – so die The­se – zwangs­läu­fig in die Kri­se füh­ren. An­de­rer­seits er­zählt Ha­ve­mann bis zur gäh­nen­den Lan­ge­wei­le von durch­ge­knall­ten Kauf­leu­ten in den Vor­stän­den bei Schal­ke 04 und sonst­wo. Auch hier fehlt die Strin­genz in der Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­nie.

Im­mer­hin fällt in Ha­ve­manns Be­richt­zeit­raum noch der Be­ginn des Pri­vat­fern­se­hens in Deutsch­land. Zwar bringt er Hin­wei­se dar­auf, wie die Po­li­tik mit den po­ten­ti­el­len Nutz­nie­ßern ver­ban­delt war (Kohl und Kirch zum Bei­spiel) und die flä­chen­deckend vor­ge­nom­me­nen Ver­ka­be­lun­gen ei­ne non­cha­lan­te Sub­ven­ti­on des Staa­tes für RTL, SAT.1 und Co. be­deu­te­ten, aber zu wei­ter­ge­hen­den Er­ör­te­run­gen lässt er sich nicht aus. Aber­mals feh­len die ent­spre­chen­de Do­ku­men­te und »Ge­heim­ver­trä­ge«. Es kommt le­dig­lich zur Stan­dard­aus­sa­ge, dass die Sen­dung »ran« die eher brä­si­ge (ARD/ZDF) bzw. chao­ti­sche (RTL) Bun­des­li­ga­be­richt­erstat­tung re­vo­lu­tio­niert und die Spie­le nun wie Events und ent­spre­chend mit Su­per­la­ti­ven ver­se­hen wur­den. Statt­des­sen greift er die Dis­kus­si­on zwi­schen Heynckes und Daum (nebst Udo Lat­tek und Uli Hoe­neß) von 1989 im ZDF-»Sport­studio« an, in dem der Mo­de­ra­tor Bernd Hel­ler nicht ge­schlich­tet son­dern dem Kra­wall zu­ge­ar­bei­tet ha­be.

Ha­ve­manns Buch bie­tet zahl­rei­che er­hel­len­de Ein­blicke. Dass der Fuß­ball das »Be­dürf­nis nach Ge­mein­schaft und Hei­mat« be­frie­digt und da­her so po­pu­lär ist, dürf­te nicht von der Hand zu wei­sen sein. Dar­aus aber zu schlie­ßen, die The­se von der »In­di­vi­dua­li­sie­rung der Ge­sell­schaft« sei »frag­wür­dig«, ist ein küh­ner Ge­dan­ke. Was auf­fällt, ist die kon­zi­li­an­te Hal­tung Ha­ve­manns dem DFB und sei­nen Funk­tio­nä­ren ge­gen­über. Und dies um­so weil, weil das Buch mit Her­mann Neu­ber­ger als DFB-Prä­si­dent auf­hört. Trai­ner und vor al­lem die Spie­ler kom­men we­ni­ger gut weg. Sie sind meist geld­gie­rig und stür­zen die Ver­ei­ne in den Ru­in. Hier­für macht Ha­ve­mann das »ir­ra­tio­na­le Ver­hal­ten der Fuß­ball­an­hän­ger« ver­ant­wort­lich, die »ih­ren Idea­len zu ei­ner enor­men Markt­macht« ver­hal­fen. Hier kom­men dann auch die Me­di­en ins Spiel. Aber wenn dies so ist – ich ha­be kei­nen Zwei­fel dar­an – wie kann Ha­ve­mann dann die Even­ti­sie­rung des Fuß­balls der­art gou­tie­ren? Tat­säch­lich ist sei­ne The­se, dass die­je­ni­gen Ver­ei­ne, die die Kom­mer­zia­li­sie­rung nicht mit­ma­chen, auch sport­lich un­ter­ge­hen wer­den, da sie dem Wett­be­werb (um die be­sten Spie­ler, Ma­na­ger und Trai­ner) nicht wi­der­ste­hen kön­nen. Er nennt die­je­ni­gen, die sich die­ser Ent­wick­lung ver­wei­gern fast pro­vo­ka­tiv »an­ti­mo­der­ni­stisch«. Aber was be­deu­tet dies für den Fuß­ball? Ha­ve­mann be­ant­wor­tet das nicht – auch weil das Buch 1989 prak­tisch auf­hört.

Ei­nes weiß der Au­tor: Der bun­des­deut­sche Be­rufs­fuß­ball funk­tio­nie­re nicht nach »po­li­tisch-so­zio­lo­gi­schen Denk­mu­stern«. Er hält es lie­ber mit dem »markt­wirt­schaft­li­chen Prin­zip«. Die­se sich früh ab­zeich­nen­de ideo­lo­gi­sche Ver­bis­sen­heit, die mit feh­len­der Em­pa­thie ein­her­geht, ent­wer­tet das Buch über das ab­rup­te En­de hin­aus. »Die Ge­schich­te der Fuß­ball­bun­des­li­ga«, wie es im Un­ter­ti­tel heißt, liegt hier be­dau­er­li­cher­wei­se nicht vor.


  1. Aus­ge­wer­tet wur­den hier­für die Spiel­zei­ten von 1968/69 bis 1976/77, als sich Bay­ern und Bo­rus­sia in der Mei­ster­schaft ab­wech­sel­ten. Der FC Bay­ern kommt da­bei auf 715:402 To­re, die Bo­rus­sia auf 676:374. Die An­ge­le­gen­heit sieht leicht an­ders aus, wenn man Sie­ge und Nie­der­la­gen bei­der Mann­schaf­ten in die­sem Zeit­raum ge­gen­über­stellt. Hier kommt der FCB auf 170 Sie­ge, 70 Un­ent­schie­den und 66 Nie­der­la­gen. Für die Bo­rus­sia sieht es ähn­lich aus: 166 / 75 / 65. Nach der Drei­punk­te­re­gel zeigt sich wie gleich­wer­tig bei­de Mann­schaf­ten wa­ren: 580 : 573. Nimmt man die Sai­son 1967/68 und 1977/78 noch hin­zu – als die Bo­rus­sia auf­kam bzw. nur knapp die Mei­ster­schaft ver­lor, än­dern sich die Ver­hält­nis­se. Ein Be­leg da­für, wie ten­den­zi­ös Sta­ti­stik sein kann.