Das Netz und alle damit verbundenen Phänomene lassen sich nicht nur unaufgeregter, sondern auch besser verstehen, wenn man zwei (ansonsten eigentlich übliche) Annahmen trifft: Erstens: Das Netz gibt es nicht, allenfalls als Vereinfachung und Abstraktion, es ist ein Medium über das Individuen miteinander interagieren und kommunizieren, und damit vielfältig, wie die Welt selbst, auch wenn es nur einen Teil derselben darstellt oder repräsentiert. Zweitens: Alle die daran teilhaben, es gestalten oder konsumieren, sind Menschen und bringen grundsätzlich jene Motive, Handlungen oder Verhaltensweisen mit, die sie aus ihrem Alltag gewohnt sind; deshalb sollten alle Phänomene des Netzes zunächst einmal dahingehend betrachtet werden, ob sie auch in der Welt außerhalb des Netzes beobachtbar sind. Das schließt nicht aus, dass dieses Medium spezifische Probleme oder Phänomene hervorbringt, fördert oder filtert: Genügen die bekannten Erklärungen nicht mehr, dann müssen neue gefunden und begründet werden, die dann mit dem Medium selbst zusammenhängen, es kennzeichnen und als typisch anzusehen wären.
Versuche über die Beginnlosigkeit
Einige Gedanken zu Rainer Rabowskis brillant-komplexem Erzählband »Unsere Sache« Sie heißen Yvonne, Helga, Raphaela, auch Novikova und Angélique oder – geheimnisvoll – »H.N« und spielen in fünf von sechs Erzählungen des Bandes »Unsere Sache« eine entscheidende Rolle. Oberflächlich betrachtet mit soziologischem Blick daherkommend sind es Erinnerungen an vergangene Bekannt- und Freundschaften aus einer zurückgelassenen Zeit. ...
Die Köche der Erbsensuppe
»Weltliteratur« prangt auf der Banderole auf dem Buch als Zitat von Peter Handke. In dessen Nachwort fehlt dieses Wort; es ist ein Interview-Zitat. Es handelt sich um Florjan Lipuš’ Roman »Boštjans Flug«. Und wie die Mechanismen im deutschsprachigen Literaturbetrieb funktionieren, kann man in diesen Zeiten wieder einmal genüsslich sehen. Da schreibt Matthias Weichelt eine hymnische Besprechung in der FAZ eben auf dieses Buch (da die FAZ gegen Zitate aus ihren Besprechungen klagt, gibt es hier keine Links zu FAZ-Artikeln). Weichelt klagt am Ende, dass das Buch trotz »namhafter Fürsprecher« unbekannt sei. Dies müsse sich, so das Urteil, ändern.
Dem ist natürlich zuzustimmen (und: Weichelts Besprechung ist sehr gut). Klar ist aber: Erst durch die Veröffentlichung des Buches im Suhrkamp-Verlag erreicht es die mediale Präsenz, die es literarisch längst verdient hätte. Das Buch existiert seit sechs Jahren im Klagenfurter Wieser Verlag. In der bräsigen Arroganz des deutschen Germanistenbeamten nannte Jürgen Brokoff Wieser einen »entlegenen« Verlag. Und das ist natürlich abschätzig gemeint.
Richard Ford: Kanada

Dell Parsons ist 1945 geboren. Er erzählt im Jahr 2011, als pensionierter Lehrer, über die Zeit zwischen August und Oktober 1960. Eine Zeit, die sein Leben radikal verändert und geprägt hat. Der durchaus furios daherkommende Anfang lässt hoffen: »Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.« Fast lakonisch wird ergänzt: »Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester«.
Aber nun beginnt ein unendlich in die Länge gezogenes, zähes Rekapitulieren über sich selber, seine Zwillingsschwester Berner und ihre Eltern, Vater Bev (geb. 1923), seine Frau Neeva (geb. 1926), über Great Falls, Montana (die Familie lebt seit einigen Jahren dort) und die prekäre finanzielle Situation. Der Vater, einst Flieger in der Armee (er warf Bomben auf Japan im Zweiten Weltkrieg), verlor seinen Captain-Rang und wurde entlassen (allerdings mit belobigender Urkunde).
Selektive Wahrnehmung
»Das große Schweigen der Autoren« lautet die Überschrift eines Artikels von Daniel Lenz bei »Buchreport«. Er beklagt darin, dass die »Hochkaräter« der deutschen (!) Literatur nichts zur »digitalen Revolution« und dem Verlags- und Buchhandelssterben sagen.
Wer wären denn die »Hochkaräter«? Drei Beispiele nennt er da: Rainald Goetz, Thomas Hettche und Matthias Polyticki, die schnell als Pioniere (oder irgend etwas in dieser Richtung) apostrophiert werden. Elfriede Jelineks »Neid«-Roman, der ausschließlich und vollständig im Netz steht, nennt Lenz nicht. Vermutlich, weil es keine »deutsche« Schriftstellerin ist. (Zugegeben: Derzeit hat die HP Jelineks technische Probleme, aber über über diese Seite geht’s.)
Ralph Dohrmann: Kronhardt

Verfängliche Katharsis
Dass Guido Knopp beim ZDF in Rente geht, hält Fernsehverantwortliche nicht von der weiteren Nazi-Fiktionalisierung ab. Gestern also wieder einmal zur besten Sendezeit im Fernsehen ein Film über den Nationalsozialismus. Diesmal ging es um Erwin Rommel (ARD, 20:15 Uhr) (lächerlich, wie die ARD in der Mediathek den Film nur zwischen 20 und 6 Uhr zeigt und betont, er sei für »Jugendliche unter 12 Jahren« nicht geeignet; ein entsprechender Hinweis unterblieb gestern). Man fand eine leidlich illustre Besetzung vor; Ulrich Tukur gab Erwin Rommel und wenn Tukur zur Rede ansetzte, versuchte er den Duktus Rommels zu erreichen. Am Sonntag gibt es auf SWR2 im Rundfunk noch Hörspiel basierend auf Niki Steins Film. Warum eigentlich? Es gibt keinen Anlass. Da war wohl einfach ein Film fertig. Oder sollte man bis 2014 warten – zum 70. Todestag des »Wüstenfuchs«? Soviel Ehre dann doch nicht. Gut so.
Was denken die Leser?
Strategieänderung bei der NZZ: Seit einiger Zeit sind im Netz nur noch 20 Artikel pro Monat frei, wer darüber hinaus gehen will, muss ein kostenpflichtiges Abo beziehen. War diese Entscheidung, vor allem hinsichtlich der sich Gewohnheiten der Leser, richtig?