Se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung

»Das gro­ße Schwei­gen der Au­toren« lau­tet die Über­schrift ei­nes Ar­ti­kels von Da­ni­el Lenz bei »Buch­re­port«. Er be­klagt dar­in, dass die »Hoch­ka­rä­ter« der deut­schen (!) Li­te­ra­tur nichts zur »di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on« und dem Ver­lags- und Buch­han­dels­ster­ben sa­gen.

Wer wä­ren denn die »Hoch­ka­rä­ter«? Drei Bei­spie­le nennt er da: Rai­nald Goe­tz, Tho­mas Hett­che und Mat­thi­as Po­ly­ticki, die schnell als Pio­nie­re (oder ir­gend et­was in die­ser Rich­tung) apo­stro­phiert wer­den. El­frie­de Je­lin­eks »Neid«-Roman, der aus­schließ­lich und voll­stän­dig im Netz steht, nennt Lenz nicht. Ver­mut­lich, weil es kei­ne »deut­sche« Schrift­stel­le­rin ist. (Zu­ge­ge­ben: Der­zeit hat die HP Je­lin­eks tech­ni­sche Pro­ble­me, aber über über die­se Sei­te geht’s.)

Beim ak­tu­el­len Goe­tz mo­niert er, dass die­ser nicht er­wähnt ha­be, dass sein neu­es Buch »Jo­hann Hol­trop« auch als E‑Book er­schie­nen ist. Das emp­fin­det Lenz wohl so, als ha­be je­mand in ei­ner Dan­kes­re­de ver­ges­sen, die Mut­ter zu er­wäh­nen. Auf Tho­mas Hett­ches Ar­ti­kel in der FAZ, der ja in vie­len Din­gen ein­deu­tig Po­si­ti­on über­nimmt, weist er so­gar hin. Als wä­re die­ser, Hett­ches Ab­ge­sang (wie im­mer man da­zu auch steht), kein State­ment.

Merk­wür­dig nur die­se se­lek­ti­ve Wahr­neh­mung. Al­ban Ni­ko­lai Herbsts Re­plik hier­auf nimmt er nicht zur Kennt­nis. Herbst ist mit sei­ner Web­sei­te »Die Dschun­gel« wo­mög­lich der netz­ak­tiv­ste Schrift­stel­ler deut­scher Spra­che. Er hat de­zi­dier­te Po­si­tio­nen, wenn auch wo­mög­lich nicht zu al­len ge­wünsch­ten The­men – und vor al­lem: nicht pla­ka­tiv. Und was ist mit Ben­ja­min Stein und sei­nem »Turm­seg­ler«? Und all die an­de­ren Schrift­stel­ler, die in »Lit­blogs« ak­tiv sind? Oder sind das kei­ne »Hoch­ka­rä­ter«? Sa­scha Lo­bo und Kath­rin Pas­sig, die Lenz her­aus­stellt, sind es ja de­fi­ni­tiv nicht; Lo­bo hat ei­nen schlech­ten Ro­man ge­schrie­ben, Pas­sig nur ei­ne ein­zi­ge Er­zäh­lung. Und was gilt über­haupt als State­ment in Lenz’ Sinn? Et­wa das von Gün­ter Grass? Und was ist mit all je­nen Äu­ße­run­gen von Schrift­stel­lern zum Lei­stungs­schutz- und Ur­he­ber­recht?

Man kann ja be­kla­gen, dass sich Schrift­stel­ler nicht im ge­wünsch­ten Ma­ße zu be­stimm­ten The­men äu­ßern. Da­hin­ter steht na­tür­lich im­mer noch der Wunsch an die Zeit, als sich Leu­te wie Grass, Pe­ter Weiss oder Mar­tin Wal­ser prak­tisch zu je­dem The­ma und über­all ge­äu­ßert ha­ben. In­zwi­schen drö­selt man de­ren Ir­run­gen und Wir­run­gen kon­ti­nu­ier­lich auf. Es muss kein Feh­ler sein, wenn sich Schrift­stel­ler auf ihr Hand­werk kon­zen­trie­ren. Als Ar­ti­kel­schrei­ber soll­te man sich vor­her schon in­for­mie­ren. Es gibt mehr Web­sei­ten und Blogs von deutschspra­chi­gen Schrift­stel­lern, die durch ih­re blo­ße Prä­senz und Li­te­ra­ri­zi­tät mehr aus­sa­gen als ir­gend­wel­che grif­fi­gen Phra­sen dies ver­mö­gen.

17 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Man kann sich da mit Bei­spie­len und Ge­gen­bei­spie­len be­wer­fen und man könn­te auf Karl Kraus, den Ur­va­ter des Blog­gens, hin­wei­sen, um zu zei­gen, dass es zu den »mo­der­nen« Mög­lich­kei­ten schon zahl­lo­se Pa­pier-Vor­läu­fer gibt, von No­tiz­zet­teln über Ta­ge­buch bis hin zu Selbst­ver­lag – aber das ist al­les mei­ner Mei­nung nach nicht der Punkt.
    Der – wie ich es emp­fin­de – in­fa­me Punkt von Lenz et al. ist der, dass sie den Au­toren ei­nen »Wan­del der Au­toren­rol­le im So­ci­al-Me­dia-Zeit­al­ter« vor­hal­ten, den sich die Au­toren ein­fach zu un­ter­wer­fen ha­ben. Es ist doch kein Scha­den für die Li­te­ra­tur, wenn sich ei­ni­ge im Stream nicht wohl füh­len, wenn sie so­gar mei­nen, sich vor die­sem Strö­men schüt­zen zu müs­sen.
    Alex­an­der Klu­ge, der auch nicht ge­nannt wird und dem man wahr­lich kei­nen Me­di­en-Kon­ser­va­tis­mus vor­hal­ten kann, Alex­an­der Klu­ge hat mal er­zählt, wie er mei­stens im Som­mer sich in die Ber­ge in ei­ne Hüt­te zu­rück­zieht, um dort früh mor­gens auf­zu­ste­hen und Ge­schich­ten zu schrei­ben, und dass er nur dort Ge­schich­ten schreibt, wo er die­se Ab­ge­schie­den­heit hat. War­um wohl?!
    Das schrift­stel­le­ri­sche Schrei­ben ist oft mit ei­ner Kon­zen­tra­ti­on und ei­nem Wen­den nach In­nen ver­bun­den, das sich in dem ex­tro­ver­tier­ten Ratz-fatz-Netz nicht wohl fühlt und den Ver­füh­run­gen von Stern­chen, Dau­men­hoch und das die­sem gan­zen Strom an Ka­laue­rei­en nicht an die An­gel ge­hen will, ge­schwei­ge denn dem Po­stu­lat des So­ci­al Self-Mar­ke­tings.
    Lenz ist ja nicht der ein­zi­ge, der so neo-na­iv die an­geb­li­chen Fort­schritts­fein­de der Li­te­ra­tur zum Schä­men in die Ecke stel­len möch­ten. Per­len­tau­chers Ober­kom­men­ta­tor hat doch da vor ei­ni­gen Mo­na­ten auch schon so ei­nen Un­fug ab­ge­las­sen.
    Die Schrift­stel­ler sol­len schrei­ben was und wie und wo sie wol­len. Es gibt gu­te Grün­de, im Netz zu pu­bli­zie­ren. Min­de­stens eben­so gu­te, wenn nicht bes­se­re Grün­de gibt es, sich von der Per­ma­nenz­ak­tua­li­tät fern­zu­hal­ten. Wer dar­aus ei­nen Glau­bens­kämpf­chen ma­chen will, weiß viel­leicht gar nicht, auf wel­che Li­te­ra­tur er hofft, son­dern möch­te nur »Ge­schrie­be­nes«. Das kann er na­tür­lich im Netz in Hül­le und Fül­le ha­ben.

  2. Ernst­haft: Sie ha­ben na­tür­lich recht. In der werk­täg­li­chen »Kul­tur­zeit« kann man das im­mer sehr schön se­hen: Dort wird auch im­mer das Aus­blei­ben be­stimm­ter (!) Kom­men­ta­re von »Schrift­stel­lern und In­tel­lek­tu­el­len« be­klagt. Gibt es dann wel­che und die pas­sen nicht, wird drauf ge­prü­gelt. Die­ser Be­kennt­nis­fe­ti­schis­mus exi­stiert prak­tisch seit den 70er Jah­ren (le­se ge­ra­de die Ta­ge­bü­cher von H. W. Rich­ter, wo dies sehr deut­lich durch­schim­mert) und hat prak­tisch nicht auf­ge­hört.

  3. Ich muss­te ge­ra­de an die­sen Ar­ti­kel den­ken: . Of­fen­bar ist es nicht so ein­fach, den »Weg nach drau­ßen« zu fin­den.

  4. Herr Keu­sch­nig, sie schreiben/fragen/zweifeln:
    »Und was gilt über­haupt als State­ment in Lenz’ Sinn?«

    Ja, zum Bei­spiel Gün­ter Grass. Mir fal­len da noch viel mehr li­te­ra­ri­sche State­ments ein, wie zum Bei­pi­el:
    Uwe Tim »Am Bei­spiel mei­nes Bru­ders«
    Jo­na­than Lit­tell »Die Wohl­ge­sinn­ten«
    Ro­bert Mer­le »Der Tod ist mein Be­ruf«
    Bern­hard Schlink »Der Vor­le­ser«
    Yas­mi­na Kha­dra »Wo­von die Wöl­fe träu­men«
    Ro­bert Matt­heis »Hohl­kör­per«
    un­d­so­wei­ter­und­so­fort.
    Wer von die­sen Au­toren als ebook er­hält­lich ist, kann man al­lei­ne er­for­schen.

    Vie­le Au­toren die im Netz un­ter­wegs sind, in lit­blogs oder wo auch im­mer, sind flei­ßig pe­ne­trant, aber ha­ben nichts zu sa­gen. Die Netz­auf­trit­te ei­ni­ger Möch­te­ger­ne­li­te­ra­ten hat nichts mit Li­te­ra­tur zu tun. Für mich ist das rei­ne Selbst­dar­stel­lung.

    Ei­nen sehr gu­ten Netz­auf­tritt hat der Au­tor Ro­bert Matt­heis mit sei­nem web­log . Er schreibt aus­schließ­lich li­te­ra­ri­sche Ar­ti­kel und die­se sind ak­tu­ell, mu­tig, span­nend, klug und wit­zig.

  5. @ohneeinander
    Ih­re Bei­spie­le ge­hen an Lenz’ The­ma vor­bei (ab­ge­se­hen da­von, dass die­ser nach »deut­schen« Au­toren fragt) . Wohl denn: Über Grass ha­be ich hier schon so ei­ni­ges ge­sagt. Er taugt als »mo­ra­li­sches Ge­wis­sen« schon weit vor sei­nem Waf­fen-SS-Ge­ständ­nis nicht mehr. Sei­ne po­li­ti­schen Ur­tei­le sind ober­fläch­lich bis lä­cher­lich. (Dass Sie ihn neh­men und dann »Möch­te­gern­li­te­ra­ten« als Selbst­dar­stel­ler de­nun­zie­ren ist fast lu­stig.) Lit­tells Buch ist ein rie­sen­gro­ßes Kitsch-Mocku­men­ta­ry.

    Die­se Bü­cher be­inhal­ten m. W. kei­ne State­ments zum Buch­han­dels­ster­ben, dem Er­star­ken von Ama­zon, der Kon­zen­tra­ti­on von Ver­la­gen. Und dass ein Buch als E‑Book er­scheint, ist ja noch kei­ne be­son­de­re Stel­lung­nah­me (au­ßer das Ge­gen­teil wie bei Grass, wo de­zi­diert nichts als E‑Book er­scheint).

    Es geht Lenz um ak­tu­el­le, zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­ten, die zu den o. g. Fra­gen Stel­lung neh­men. Jetzt kann auch kei­ne Stel­lung­nah­me ei­ne sein, was er nicht nur über­sieht, son­dern in be­ster 60er Jah­re Be­kennt­nis­ma­nie an­greift. Aber ein Ma­ler be­schäf­tigt sich ja auch nicht pri­mär mit dem Her­stel­ler sei­ner Far­ben.

    »Blo­go­zen­tri­ker« ist tat­säch­lich ein li­te­ra­ri­scher Blog mit gu­ter Qua­li­tät. Aber hel­fen Sie mir: Wer sind denn »Möch­te­gern­li­te­ra­ten«? Bit­te um Spe­zi­fi­zie­rung. Und dann auch gleich sa­gen, was Li­te­ra­tur ist. Bit­te.

  6. Ich woll­te mit der Auf­zäh­lung ei­gent­lich zum Aus­druck brin­gen, zu wel­chen The­men ein Au­tor mei­ner An­sicht nach ein li­te­ra­ri­sches State­ment ab­ge­ben sollte/muss. Sie ha­ben das nicht ver­stan­den, Herr Keu­sch­nig?

    Liegt die Ent­schei­dung, ob Buch, ebook, web­log nicht beim Le­ser? Müss­te nicht eher der Le­ser ein State­ment ab­ge­ben, als der Au­tor? Ent­schei­det nicht der Le­ser, ob der Buch­han­del stirbt?

    Was Li­te­ra­tur ist ent­schei­det der Le­ser und nicht je­der Le­ser ist gleich. Ab­fäl­li­ge Be­mer­kun­gen über die Le­se­ge­wohn­hei­ten und über die Aus­wahl der Lek­tü­re von Le­sern, fin­det man häu­fig in web­logs von Au­toren die pe­ne­trant State­ments ab­le­gen. Und die zu bei­nah je­den The­ma nur nicht zu den The­men über die ge­spro­chen wer­den sollte/muss.

    Nicht nur Herr Lenz fragt nach »deut­schen« Au­toren. Dies tat be­reits vor vie­len Jah­ren Mar­cel Reich Ra­nicki und sein LQ-Team. Man be­sprach häu­fig Au­toren aus dem Aus­land und man stell­te sich die Fra­ge WARUM? Gab es schon zu Zei­ten LQ we­ni­ge gu­te »deut­sche« Au­toren oder wur­den »deut­sche« Au­toren durch das LQ we­ni­ger be­ach­tet? Oder be­sprach man nur Au­toren die et­was zu sa­gen hat­ten wie zum Bei­spiel Pe­ter Hand­ke und Mar­tin Wal­ser?

  7. @ohneeinander
    Sie ha­ben recht – das ha­be ich nicht ver­stan­den. Denn dar­um ging es nicht. Le­sen Sie noch ein­mal den Lenz-Ar­ti­kel: Er for­dert Äu­ße­run­gen zur so­ge­nann­ten di­gi­ta­len Re­vo­lu­ti­on ein. Das kann man si­cher­lich for­dern, da­bei darf man aber nicht die­je­ni­gen igno­rie­ren, die die­se Äu­ße­run­gen (wie auch im­mer) vor­neh­men.

    Was war denn die »Fra­ge«? Es war, es ist, die »Fra­ge« nach Be­kennt­nis­sen, po­li­ti­schen Stel­lung­nah­men. Ge­sin­nun­gen halt. Das sind aber Re­lik­te aus der Zeit der 60er Jah­re, als sich Schrift­stel­ler zu al­les und al­lem be­kannt oder es eben ver­ur­teilt ha­ben. Es stößt mir der­zeit um­so hef­ti­ger auf als ich die Ta­ge­bü­cher von Hans Wer­ner Rich­ter le­se.

    Kon­kret ge­fragt: Was soll denn ein Schrift­stel­ler »sa­gen«? Oder, wenn Sie schon Be­zug auf das Li­te­ra­ri­sche Quar­tett neh­men, was hat­ten die Ame­ri­ka­ner zu »sa­gen« und die Deut­schen nicht? Über wel­che The­men muss denn ge­spro­chen wer­den? Wer legt das fest? Oder wird hier nur die In­stanz des Künst­lers, des In­tel­lek­tu­el­len her­bei­ge­sehnt? Ei­ne In­stanz, die längst (und schon fast im­mer) ver­sagt hat, so­bald sie ge­stal­te­risch wer­den soll­te. Künst­ler sind nicht die bes­se­ren, die klü­ge­ren Men­schen. Wenn es hoch­kommt, sind sie die bes­se­ren Künst­ler. Mir reicht das.

  8. Hans Wer­ner Rich­ter, so­so. Der Spit­zen­mann der (Or­ga­ni­sa­ti­on!?) Grup­pe 47, »den nie­mand ge­wählt hat, den nie­mand mit Voll­mach­ten aus­ge­stat­tet hat und der den­noch ei­ne un­ein­ge­schränk­te Macht aus­üb­te« schreibt M.R.R in »Mein Le­ben«. Hans Wer­ner Rich­ter wur­de in der Grup­pe 47 als Dik­ta­tor an­er­kannt, er hat be­stimmt, wer ein­ge­la­den wur­de und wer aus sei­nen Ma­nu­skrip­ten vor­le­sen durf­te. Nur HWR hat­te das Recht ei­ne Le­sung ab­zu­bre­chen. Ja­ja, Herr Ra­nicki schreibt nichts gu­tes über sei­ne Zeit als ZUHÖRER in der Grup­pe 47. Sei­ne Mei­nung war nicht ge­fragt. Zu­hö­ren soll­te er, mehr nicht. Ich bin ja mal ge­spannt, was sie uns über HWR schrei­ben wer­den. Wirk­lich, ich freue mich jetzt schon auf die Re­zen­si­on der Ta­ge­bü­cher.
    Wis­sen Sie Herr Keu­sch­nig, seit da­mals, hat sich nicht viel ver­än­dert. Au­toren wol­len un­ter sich blei­ben. Vie­le zeit­ge­nös­si­sche Au­toren hal­ten sich für Göt­ter. Sie kla­gen und jam­mern im Chor über Ver­la­ge, Le­ser und Kri­ti­ker und lie­fern sich schwach­sin­ni­gen, sinn­lo­sen und dum­men Dis­kus­sio­nen aus.. Sie sind zu ei­tel um zu hin­ter­fra­gen, war­um sie (ih­re Bü­cher) kei­ner le­sen möch­te und lie­fern State­ments oder auch nicht, an­statt das zu tun was sie kön­nen. Näm­lich schrei­ben. Den Le­ser freut’s, denn was wä­re das Le­ben oh­ne die Li­te­ra­tur. NICHTS!

  9. Die Apo­stro­phie­rung Rich­ters als Dik­ta­tor ist Un­sinn. Ein­la­den darf man, wen man will. Des­halb ist man kein Dik­ta­tor. Die »Grup­pe« war in­for­mell. Be­reits hier zeigt sich Sprach­ge­fühl. Rich­ter hat ‑zig Leu­te ein­ge­la­den, die nicht ge­kom­men sind.

    MRR woll­te schnell kei­ner hö­ren, aber das hat ihn nicht in­ter­es­siert. Das Quar­tett MRR, Wal­ter Jens, Joa­chim Kai­ser und Hans May­er kommt nicht gut bei Rich­ter weg. Die ha­ben ir­gend­wann die Tref­fen do­mi­niert (spä­ter dann das Feuil­le­ton; lei­der). Hin­zu kom­men die Ei­fer­süch­te­lei­en un­ter­ein­an­der. Reich-Ra­nicki war der er­ste, der sei­ne Ei­tel­keit dem Fern­se­hen an­dien­te; ei­ne per­fek­te Sym­bio­se. An­de­re (Rad­datz) wa­ren selbst da­für zu ei­tel.

    Rich­ters Grup­pe 47 ist nach 1967 qua­si aus­ein­an­der­ge­bro­chen, weil er es nicht ver­stan­den hat, die­se Leu­te raus­zu­wer­fen und durch an­de­re zu er­set­zen. Er war zu alt, zu schwach (1908 ge­bo­ren). Jün­ge­re Au­toren woll­ten sich die­sen Fi­gu­ren nicht mehr stel­len. Grass und Wal­ser wa­ren schon da­mals fi­nan­zi­ell gut aus­ge­stat­tet; an­de­re (En­zens­ber­ger, Lettau) in ideo­lo­gi­sche Schar­müt­zel ein­ge­spannt. Hand­kes »Beschreibungsimpotenz«-Vorwurf war ja nicht aus­schließ­lich an die Au­toren-Kol­le­gen ge­rich­tet.

  10. Ach­so, wenn sich ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on GRUPPE nennt, dann ent­schei­det nur ei­ner, wer kom­men und wer ge­hen darf? In­ter­es­sant.
    Ra­nicki hat nicht an­ge­dient. Die­ter Schwar­zen­au und Jo­han­nes Will­ms ha­ben nach ein paar Schnäp­sen Ra­nicki vor­ge­schla­gen ei­ne Li­te­ra­tur­sen­dung zu ma­chen. Ra­nicki lehn­te ab, aber die Her­ren ÜBERHÖRTEN das »Nein«. Ra­nicki stell­te Be­din­gun­gen mit dem Ziel, das die Her­ren ih­ren Wer­bungs­ver­such auf­ge­ben. Ver­ge­bens. Das er am En­de im LQ auch sei­ne Ei­tel­kei­ten aus­le­ben konn­te, stört mich nicht, weil er kein auf­dring­li­cher und kin­di­scher Un­ter­hal­ter war, son­dern ein Mann der die Li­te­ra­tur lei­den­schaft­lich lieb­te. Vll soll­ten sie »Mein Le­ben« von Ra­nicki le­sen um von dem Ide­al Grup­pe 47 und HWR ein we­nig ab­zu­rücken, lie­ber Herr Keu­sch­nig. Denn was mit In­ge­borg Bach­mann in der Grup­pe 47 pas­sier­te war auch nicht schön. Man emp­fand kei­ne Re­spekt für ei­ne groß­ar­ti­ge Ly­ri­ke­rin, son­dern nur Mit­leid.

  11. Sor­ry, aber Sie ha­ben of­fen­sicht­lich nur ru­di­men­tä­re Kennt­nis­se. Der Be­griff »Grup­pe 47« wur­de von au­ßen an die Ver­an­stal­tun­gen her­an­ge­tra­gen. Ge­nau­er ge­sagt von Hans Ge­org Bren­ner, der den Be­griff in An­leh­nung an die spa­ni­sche »Grup­pe 98« be­nutz­te. Rich­ter et. al. ha­ben das ir­gend­wann ein­fach über­nom­men.

    Ich ha­be MRRs »Mein Le­ben« ge­le­sen; ein im er­sten Teil sehr be­rüh­ren­des Buch. Der zwei­te Teil ist dann die üb­li­che Auf­schnei­de­rei. Ich glau­be nicht, dass Reich-Ra­nicki wirk­lich die Li­te­ra­tur »lei­den­schaft­lich lieb­te«, da­für hat er zu­viel Lei­chen im Kel­ler. Sein Ver­hal­ten im Quar­tett war teil­wei­se kin­disch, manch­mal lä­cher­lich und, in ei­nem Fall, bös­ar­tig. (Hier An­dré Mül­lers In­ter­view mit MRR; zu Be­ginn über Löff­ler.) Mein Ide­al ist die Grup­pe 47 nicht; Rich­ter in­ter­es­siert mich nur als Zeit­zeu­ge. Dass sei­ne Auf­zeich­nun­gen sub­jek­tiv sind, ist klar. Mit Span­nung darf man das neue Buch von Böt­ti­ger über die G47 er­war­ten.

    Wie Sie auf die Idee kom­men, dass man kei­nen Re­spekt vor Bach­mann emp­fand, weiss ich nicht. Da­mals war al­ler­dings der Um­gangs­ton we­sent­lich rau­er, als dies heu­te in der Öf­fent­lich­keit ist. Das zeigt sich in den ge­gen­sei­ti­gen Po­le­mi­ken und An­grif­fen. Heu­te läuft das mehr im Ver­bor­ge­nen.

  12. Zu Hett­che braucht man ei­gent­lich nicht all zu viel sa­gen, er spielt ein Me­di­um und ei­ne da­mit ver­bun­de­ne, un­ge­prüft dar­ge­leg­te Mei­nung ge­gen das aus, was be­kannt und eta­bliert ist; es geht ihm (an­schei­nend) um Macht und die Ab­si­che­rung be­stimm­ter Po­si­tio­nen, was nichts wei­ter als die Auf­ga­be in­tel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit ist. Nur in ei­nem Punkt sei­ner Kri­tik hat er recht: Nie­mand soll da­zu ge­nö­tigt wer­den, ei­nen Blog oder ähn­li­ches füh­ren zu müs­sen.

  13. Herr Keu­sch­nig, blei­ben Sie ei Ih­rer Ver­eh­rung für Rich­ter und sei­ner Ggrup­pe 47. Mir per­sön­lich lie­gen Men­schen wie Herr Mar­cel Reich Ra­nicki mehr. Er über­leb­te als Ju­de das War­schau­er Ghet­to und ist so­mit ein wich­ti­ger Zeit­zeu­ge der schreck­lich­sten und bru­tal­sten Zeit der deut­schen Ge­schich­te. Im Zu­sam­men­hang mit ihm, die Flos­kel »Lei­chen im Kel­ler« zu ver­wen­den, fin­de ich mehr als ge­schmack­los, Herr Keu­sch­nig. Sie wis­sen war­um.
    Ich weiß, war­um Frau Löff­ler das LQ ver­lies. Ich hal­te Frau Löf­fer für ei­ne der wich­tig­sten und be­sten Frau­en in der Literaturszene/kritik. Mit der Zeit­schrift »Li­te­ra­tu­ren« hat sie mich über Jah­re hin­weg, in mei­ner Welt der Li­te­ra­tur be­glei­tet. Wenn man sich al­ler­dings über die Ent­blö­ßung ei­nes nack­ten Frau­en­arms so der­ma­ßen in der Öf­fent­lich­keit ech­hauf­fiert, muss man gra­de bei ei­nem Mann wie Mar­cel Reich Ra­nicki mit ei­nem bö­sen Kom­men­tar rech­nen. MRR hat sich für sein Ver­hal­ten mehr als ein­mal bei Frau Löf­fer ent­schul­digt. Frau Löf­fer hat es nie ge­schafft zu ver­zei­hen, war­um auch im­mer, wird sie al­lei­ne wis­sen.
    Trotz un­se­rer Dis­kre­panz, Herr Keu­sch­nig, möch­te ich es nicht ver­säu­men Ih­nen mit­zu­tei­len, dass ich Sie als Dis­kus­si­ons­part­ner durch­aus in­ter­es­sant fin­de. Sie sind ein Mann der sich mit der Li­te­ra­tur be­schäf­tigt und et­was da­von ver­steht. Auch ich be­zie­he wie Sie mein Wis­sen und mei­ne In­for­ma­ti­on aus Quel­len di­ver­ser Li­te­ra­tur. Ob mei­ne Kennt­nis­se nur ru­di­men­tär sind kann ich nicht be­ur­tei­len. Sie an­schei­nend schon.
    Be­ste Grü­ße
    oh­ne­ein­an­der

  14. @ohneeinander:
    Es hilft in ei­ner Dis­kus­si­on un­ge­mein, auf die Äu­ße­run­gen der an­de­ren Dis­ku­tan­ten auch tat­säch­lich ein­zu­ge­hen. Wo Sie aus dem Satz »Mein Ide­al ist die Grup­pe 47 nicht; Rich­ter in­ter­es­siert mich nur als Zeit­zeu­ge.« Ver­eh­rung her­aus­le­sen, ist mir wirk­lich schlei­er­haft. Es mag ja be­quem sein, ei­nen Po­panz auf­zu­bau­en und die­sen dann zu at­tackie­ren, ernst­haf­ter Er­kennt­nis­ge­winn ist dar­aus aber nicht zu er­war­ten. Reich-Ra­nicki ist nun wahr­lich nicht ge­ra­de ein Hei­li­ger. Er hat im Lau­fe sei­ner lan­gen Wir­kungs­zeit ei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik ge­pflegt, die kei­ner­lei Wi­der­spruch dul­de­te, die in ei­nem Ma­ße Aus­druck von Selbst­herr­lich­keit war, die durch­aus über das bei ernt­haf­ter Li­te­ra­tur­kri­tik üb­li­che Maß hin­aus­ging. Was bei ei­nem Pro­vinz­kri­ti­ker noch an­ge­hen mag, bei sei­ner, ihm durch­aus be­wuss­ten und ge­woll­ten, Wirk­mäch­tig­keit aber ei­ne ethi­sche Di­men­si­on an­nimmt, die ich zu­min­dest nicht igno­rie­ren kann. Wer so lust­voll Au­toren nie­der­macht, ih­ren schrift­stel­le­ri­schen Ru­in da­bei wis­sent­lich in Kauf neh­mend, ist in mei­nen Au­gen kein »lei­den­schaft­li­cher Lieb­ha­ber der Li­te­ra­tur«.

  15. @Gachmuret: Soll­ten Sie Frau oh­ne­ein­an­der nicht eher an­la­sten, dass sie zu sehr auf den Vor­red­ner ein­ge­he, weil sie der­art stark aus den Sät­zen ex­tra­po­liert (was aber in Netz­dis­kus­sio­nen, in de­nen man nur die nack­ten Wor­te vor sich hat, mit­un­ter nicht aus­bleibt)? Führ­ten Ih­ren Ein­wür­fe wie Reich-Ra­nickis zu­ge­spitz­te Ur­tei­le nicht zu ei­ner le­ben­di­gen und un­ter­halt­sa­men Dis­kus­si­on? In der Sa­che möch­te ich nicht mei­ne Ver­tei­di­gung Reich-Ra­nickis wie­der­ho­len; als Ab­itu­ri­ent sah ich das Quar­tett sehr ger­ne und ha­be auch die Skan­dal­sen­dung ge­se­hen, bei der er den Bo­gen doch auch in mei­ner da­ma­li­gen Wahr­neh­mung schon deut­lich über­spannt hat­te.

    War­um soll­te Lei­den­schaft die Ein­sei­tig­keit, die Par­tein­am­he und viel­leicht so­gar die Lust an Zer­stö­rung aus­schlie­ßen? Soll­te Lei­den­schaft et­wa ob­jek­tiv und ge­mä­ßigt auf­tre­ten?

  16. Ach Gott­chen, man darf zu Reich Ra­nicki nicht sa­gen, dass er »Lei­chen im Kel­ler« ha­be. Wie bi­gott und lä­cher­lich das ist – und doch gleich­zei­tig ein Pro­blem auf­zeigt: Die Per­son soll un­an­tast­bar ge­macht wer­den, und das aus Grün­den der po­li­ti­cal cor­rect­ness. Das hat Reich Ra­nicki nicht ver­dient.

    Es ist in der Tat Un­sinn, ei­ne »Ver­eh­rung« für die Grup­pe 47 aus mei­nem Kom­men­tar her­aus­zu­le­sen. Al­lei­ne schon, weil es falsch wä­re, was wie­der­um dar­an liegt, dass Frau oh­ne­ein­an­der zu we­ni­ge Fak­ten kennt: die Grup­pe 47 war ir­gend­wann MRR – und das war ei­ner der Pro­ble­me: die Selbst­herr­lich­keit der Kri­ti­ker (die vier Haupt­prot­ago­ni­sten ha­be ich schon ge­nannt), die jeg­li­che Bei­trä­ge au­ßer­halb ih­res äs­the­ti­schen und po­li­ti­schen Welt­bil­des gar nicht mehr zu­lie­ßen.

    Die­se Fi­xie­rung wirkt bis heu­te fort. Und auf der Schrift­stel­ler­sei­te sind drei der vier Haupt­prot­ago­ni­sten der Hoch­zeit der Grup­pe 47 noch ak­tiv: Grass, Wal­ser und En­e­zens­ber­ger (Böll ist ver­stor­ben; er war, ge­wis­ser­ma­ßen, die ehr­li­che Haut in die­sem Quar­tett). Ih­re Kraft (ich sa­ge nicht den po­le­mi­schen Be­griff ‘Macht’) wirkt­bis heu­te nach. Bis heu­te sit­zen in den Re­dak­ti­ons­stu­ben der Feuil­le­tons Ent­schei­dungs­trä­ger, die von Reich Ra­nicki, Kai­ser und auch Rad­datz auf ih­re Po­sten ge­hievt wur­den (lang­sam dünnt sich das aus de­mo­gra­phi­schen Grün­den aus) oder ge­prägt wur­den (so­zu­sa­gen die »En­kel­ge­nera­ti­on«).

    @Phorkyas
    Nein, Lei­den­schaft schliesst zu­nächst ein­mal nichts aus. Aber sie soll­te sich auf dem ihr ge­mä­ßen Feld zei­gen. Lei­den­schaft auf dem Fuß­ball­platz zeigt sich ja auch nicht dar­in, dass die Spie­ler sich ge­gen­sei­tig ver­prü­geln. Man kann ei­nen Ver­riss über ei­nen li­te­ra­ri­schen Text ver­fas­sen, oh­ne die Per­son da­mit gleich­zei­tig an­grei­fen und zer­stö­ren zu wol­len. Das pas­sier­te je­doch bei Reich Ra­nicki mehr­fach. Ich be­strei­te auch, dass das mit »Lei­den­schaft« et­was zu tun hat. Und mit Li­te­ra­tur­kri­tik schon gar nichts. Das ist schlicht­weg ei­ne Cha­rak­ter­schwä­che.

    Dass man das LQ als ge­le­gent­lich un­ter­halt­sa­me Sen­dung ge­se­hen hat – das ha­be ich auch ge­macht. Aber wenn ich mal ei­nes der Bü­cher ge­le­sen hat­te, zeig­te sich, wie kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rend da über Li­te­ra­tur ge­spro­chen wur­de. (MRRs Über­gang lau­te­te ja häu­fig: »Zum näch­sten Fall« – als gel­te es hier ei­ne Ak­te ab­zu­ar­bei­ten.) Und wenn je­mand ein­mal et­was »tie­fer« ge­hen woll­te, wur­de er zu­meist von MRR ab­ge­blockt (das ist al­ler­dings kei­ne Sin­gu­la­ri­tät von MRR, son­dern liegt wo­mög­lich im »For­mat« be­grün­det – und dem Glau­ben, Zu­schau­ern nichts mehr zu­mu­ten zu dür­fen).