Al­bert Ca­mus: Der Fall

Albert Camus: Der Fall
Al­bert Ca­mus: Der Fall

Er nennt sich Jean-Bap­ti­ste Cla­mence, lebt in Am­ster­dam und hat sich in der Ma­tro­sen­knei­pe Me­xi­co-Ci­ty im Am­ster­da­mer Stadt­teil Ze­edi­jk, na­he zum Rot­licht­vier­tel, ein­ge­rich­tet. Hier spricht er Tou­ri­sten an, ver­wickelt sie in sei­ne Le­bens­ge­schich­te, er­zeugt Neu­gier. Auf die­se Wei­se trifft sich fünf Ta­ge lang ein Rechts­an­walt aus Pa­ris mit Cla­mance; bei­de, wie es ein­mal heißt, »Kin­der des Jahr­hun­derts«. Die Treff­punk­te va­ri­ie­ren: das Me­xi­co-Ci­ty, beim Spa­zie­ren­ge­hen, auf ei­nem Schiff, ei­ner In­sel und schließ­lich bei sich zu Hau­se. Das ist das Set­ting für Der Fall, Al­bert Ca­mus’ 1956 erst­mals er­schie­ne­ner Ro­man, der nun in ei­ner neu­en Über­set­zung von Gre­te Oster­wald vor­liegt.

Da­bei ist schon die Gen­re­bezeich­nung schwie­rig, denn die knapp ein­hun­dert Sei­ten stel­len eher ei­ne Er­zäh­lung dar. Aber auch stimmt nur teil­wei­se, denn man liest nur den Mo­no­log von Cla­mence, der dem An­walt sei­ne Le­bens- und Mo­ral­ge­schich­te vor­trägt. Ge­le­gent­li­che Ein­wür­fe des Ge­gen­über er­fährt man nur da­durch, dass Cla­mence sie wie­der­holt und dann dar­auf ein­geht. Im Nach­wort ver­weist Iris Ra­disch auf ei­ne Ta­ge­buch­stel­le von Ca­mus, der die­ses li­te­ra­ri­sche Ver­fah­ren als »ei­ne Tech­nik des Thea­ters (den dra­ma­ti­schen Mo­no­log und den im­pli­zi­ten Dia­log), um ei­nen tra­gi­schen Ko­mö­di­an­ten zu be­schrei­ben« spe­zi­fi­ziert. Aber wor­in be­steht die­se Tra­gik?

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Lud­wig Fels: Mit mir hast du kei­ne Chan­ce

Bei Jung & Jung ist un­ter dem schö­nen Ti­tel »Mit mir hast du kei­ne Chan­ce« ei­ne Aus­wahl von 98, teil­wei­se bis­her un­ver­öf­fent­lich­ten Ge­dich­ten von Lud­wig Fels aus den Jah­ren zwi­schen 1973 bis 2018 er­schie­nen. Os­kar Roeh­ler, der Sohn von Klaus Roeh­ler, dem ehe­ma­li­gen Luch­ter­hand-Lek­tor, der Fels’ er­ste Bü­cher pu­bli­zie­ren half, ver­fass­te ein Vor­wort. Die Jour­na­li­stin ...

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Knut Ham­sun: Be­noni (Ga­brie­le Haefs)

Sieb­zig Jah­re nach sei­nem Tod dür­fen nun Tex­te von Knut Ham­sun frei pu­bli­ziert wer­den. Dies ist der An­lass, dass es nun ver­mehrt neue Über­set­zun­gen von Ham­suns Ro­ma­nen gibt. Den An­fang mach­te Ul­rich Son­nen­bergs groß­ar­ti­ge Neu­über­tra­gung von Hun­ger. Jetzt liegt im Krö­­ner-Ver­­lag Ga­brie­le Haefs Über­set­zung von Be­noni vor. Schach­spie­ler ken­nen Be­noni als Be­zeich­nung für ei­ne Er­öff­nungs­va­ri­an­te. ...

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Ab­dul­razak Gur­nah: Die Ab­trün­ni­gen

Der Ein­gang in den Kos­mos des 2006 er­schie­ne­nen Ro­mans Die Ab­trün­ni­gen von Ab­dul­razak Gur­nah ge­lingt so­fort. Es ist das Jahr 1899. Ein voll­kom­men de­hy­drier­ter und ver­wahr­lo­ster »Mzun­gu« (was »Wei­ßer« bzw. »Eu­ro­pä­er« be­deu­tet) liegt »wie ei­ne Ge­stalt aus ei­nem My­thos« er­schöpft auf ei­ner Stra­ße in San­si­bar. Hass­a­na­li, »ein Krä­mer in ei­ner ver­fal­le­nen Stadt am Rand des ...

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»Ich kann in den Tod ge­hen«

Amina Handke: Mein Satz
Ami­na Hand­ke: Mein Satz

1966 sorg­te der da­mals 24jährige öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Pe­ter Hand­ke mit dem Thea­ter­stück Pu­bli­kums­be­schimp­fung für Fu­ro­re. We­ni­ge Mo­na­te zu­vor hat­te er auf der Ta­gung der »Grup­pe 47« in sei­ner be­rühmt ge­wor­de­nen Ein­las­sung von der »Be­schrei­bungs­im­po­tenz« ei­ne kon­tro­ver­se Kri­tik am »Neu­en Rea­lis­mus« der deutsch(sprachig)en Nach­kriegs­li­te­ra­tur ge­übt, wel­che Spra­che nur be­nut­ze, »um zu be­schrei­ben, oh­ne daß aber die Spra­che sel­ber et­was rührt«. Hand­ke at­tackier­te in dem Thea­ter­stück mit po­le­misch-skur­ri­len Aus­sa­gen von vier Schau­spie­lern das gän­gi­ge, für ihn über­kom­me­ne, in Kon­ven­tio­nen fest­stecken­de Mo­dell des Dra­ma­tur­gie­thea­ters (und, ge­gen En­de, auch der Re­zep­ti­on des sich sa­tu­riert dem Kon­sum hin­ge­ben­den Pu­bli­kums). In­mit­ten der Em­pö­rung hat­te man über­se­hen, dass er das Thea­ter nicht zer­stö­ren, son­dern re­ani­mie­ren woll­te.

Zwei Jah­re spä­ter, am 11. Mai 1968, fand die Ur­auf­füh­rung von Kas­par an zwei Or­ten zu­gleich statt; ein Kom­pro­miss, um die bei­den um Hand­kes Stücke kon­kur­rie­ren­den Re­gis­seu­re Claus Pey­mann (Frank­furt) und Gün­ter Büch (Ober­hau­sen) zu­frie­den zu stel­len. Mehr als die Pu­bli­kums­be­schimp­fung ent­sprach Kas­par Hand­kes li­te­ra­ri­scher So­zia­li­sa­ti­on in der avant­gar­di­sti­schen »Gra­zer Grup­pe« (be­kannt auch als »Fo­rum Stadt­park«), in der neue li­te­ra­ri­sche For­men ge­sucht und die Spra­che der zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur ra­di­kal be­fragt wur­de.

Trotz der weit­hin be­kann­te­ren Pu­bli­kums­be­schimp­fung dürf­te Kas­par je­nes Thea­ter­stück Hand­kes sein, wel­ches bis­her am mei­sten von Kri­ti­kern, Li­te­ra­tur- und Thea­ter­wis­sen­schaft­lern, Re­gis­seu­ren und Schau­spie­lern re­zen­siert, ge­deu­tet, ana­ly­siert, in­sze­niert und ge­spielt wur­de. Es ist da­her ein dop­pel­tes Wag­nis, wenn die Künst­le­rin Ami­na Hand­ke sich in ei­nem Film die­ses Stückes mehr als 50 Jah­re da­nach an­nimmt. Zum ei­nen ist der Au­tor ihr Va­ter und die Haupt­rol­le, die »Kas­pe­ra«, wur­de be­setzt mit ih­rer Mut­ter, der Schau­spie­le­rin Libgart Schwarz, die im Film als »Ich« auf­tritt. Und zum an­de­ren fragt man sich, wel­che neu­en Be­trach­tungs­wei­sen sich durch den Film er­ge­ben wer­den. Am En­de, so­viel sei ver­ra­ten, ist man ziem­lich über­rascht.

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Hof­fen, Er­in­nern, Se­hen

Esther Kinsky: Rombo
Esther Kin­sky: Rom­bo

Vor ei­nem Jahr ver­öf­fent­lich­te Esther Kin­sky den po­ly­pho­nen Ro­man Rom­bo, der von den ver­hee­ren­den Erd­be­ben im Mai und Sep­tem­ber im ita­lie­ni­schen Fri­aul, na­he dem da­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en und heu­ti­gen Slo­we­ni­en, er­zählt. Der Ti­tel er­klärt sich durch ein Zi­tat von 1838, in dem »Rom­bo« als Be­zeich­nung für das Ge­räusch an­ge­ge­ben wird, wel­ches sich kurz vor ei­nem Erd­be­ben »aus dem rol­len­den To­ne ei­ner an­ein­an­der hän­gen­den Rei­he von klei­nen Ex­plo­sio­nen« ein­stellt. Be­mer­kens­wert an Kin­skys Ro­man ist der Dua­lis­mus in­ter­mit­tie­ren­der Land­schafts- und Na­tur­er­zäh­lun­gen ei­ner­seits und den Fi­gu­ren­re­den von sie­ben Prot­ago­ni­sten an­de­rer­seits (fünf Frau­en und zwei Män­ner), die ihr Schick­sal wäh­rend und nach der Ka­ta­stro­phe und, ge­gen En­de, auch Kind­heits­er­in­ne­run­gen be­rich­te­ten und ihr Le­ben über­blick­ten.

Da­bei bleibt die Spra­che in den zum Teil be­tö­ren­den Land­schafts­er­zäh­lun­gen streng bei den Din­gen, die sich los­ge­löst von mensch­li­chen Wahr­neh­mun­gen und Ka­te­go­rien von sel­ber er­zäh­len und da­bei ei­nen kon­zi­sen geo­mor­pho­lo­gisch-bo­ta­ni­schen Über­blick auf­fä­chern, der bis hin­ein in die mensch­li­chen lo­ka­le Na­tur- und Sa­gen­my­stik reicht. Zu­wei­len schim­mert ei­ne Schick­sals­me­ta­pho­rik her­vor, et­wa wenn vom »Kalk­stein­bo­den« als dem »Bo­den der Ar­mut« die Re­de ist. Di­ver­gie­rend da­zu die Er­in­ne­run­gen der Dorf­be­woh­ner (de­ren Schil­de­run­gen sich teil­wei­se über­schnei­den, weil sie al­le aus der Re­gi­on um Ven­zo­ne stam­men), die sich im Lau­fe des Ro­mans zu fa­mi­liä­ren Auswanderer‑, Da­blei­ber- und Ver­rückt­wer­der-Ge­schich­ten aus­wei­ten und die ein­sti­gen und zu­künf­ti­gen Hoff­nun­gen der Prot­ago­ni­sten re­flek­tie­ren. Nach­träg­lich ist es emp­feh­lens­wert, die­se zwei Bü­cher – Na­tur- und Mär­chen­welt und Er­in­ne­run­gen – se­pa­rat zu le­sen.

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Bin­ge­ner / Weh­ner: Die Mos­kau
Con­nec­tion

Seit dem Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne im Fe­bru­ar 2022 steht die deut­sche Po­li­tik un­ter Schock. Be­glei­tet wird er mit dem Be­griff der »Zei­ten­wen­de«, der we­ni­ge Ta­ge nach dem Kriegs­be­ginn von Bun­des­kanz­ler Scholz als Pfla­ster ver­schrie­ben und in­zwi­schen bis zur Un­kennt­lich­keit stra­pa­ziert wur­de. Deutsch­land lie­fert der Ukrai­ne Waf­fen zur Selbst­ver­tei­di­gung, wo­bei die Sprün­ge von Hel­men ...

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Ma­ria Lass­nig: Am Fen­ster klebt noch ei­ne Fe­der

Maria Lassnig: Am Fenster klebt noch eine Feder
Ma­ria Lass­nig: Am
Fen­ster klebt noch ei­ne Fe­der

Wenn man über das Le­ben der öster­rei­chisch-kärnt­ne­ri­schen Ma­le­rin und Gra­phi­ke­rin Ma­ria Lass­nig (1919–2014) liest, kommt ei­nem das Wort der »spä­ten Ent­deckung« in den Sinn – und dies in je­der Hin­sicht. Erst 1980, mit 61 Jah­ren, er­hielt sie ei­nen Ruf an die Uni­ver­si­tät und war da­mit die er­ste Frau, die an ei­ner deutsch­spra­chi­gen Hoch­schu­le Ma­le­rei un­ter­rich­te­te. Auch ihr Werk fand erst spät grö­ße­re An­er­ken­nung. In den 1980ern ver­trat sie Öster­reich auf der Bi­en­na­le, 1982 und 1997 war sie auf der do­cu­men­ta zu se­hen, 1985 gab es die er­ste gro­ße Ma­le­rei-Re­tro­spek­ti­ve in Wien. Wäh­rend der 1990er Jah­ren nah­men ih­re Aus­stel­lun­gen auch au­ßer­halb des deutsch­spra­chi­gen Rau­mes zu (Am­ster­dam, Pa­ris und, kurz vor ih­rem Tod, New York). Ge­schätzt wur­de Las­sig vor al­lem we­gen ih­rer so­ge­nann­ten »Kör­per­be­wusst­seins­bil­der«, die sich jeg­li­cher Ka­te­go­ri­sie­rung ver­wei­gern.

Dem Ver­le­ger Lo­j­ze Wie­ser ge­lang es nun in Zu­sam­men­ar­beit mit der Ma­ria Lass­nig Stif­tung aus den zahl­rei­chen schrift­li­chen Do­ku­men­ten Lass­nigs (in der Haupt­sa­che No­tiz­bü­cher) ei­ne, wie es im kur­zen Nach­wort heißt, »knap­pe Text­aus­wahl« mit dem schö­nen Ti­tel Am Fen­ster klebt noch ei­ne Fe­der (ein Zi­tat aus dem Buch) zu pu­bli­zie­ren. Mit­her­aus­ge­ber sind Bar­ba­ra Mai­er und Pe­ter Hand­ke.

Letz­te­rer kommt – fast möch­te man sa­gen: na­tür­lich –in den No­ta­ten vor. »Hand­kevor­rat« war zwar von ihr er­wünscht, und sie be­wun­der­te, wie er »al­les bis­her Un­be­schrie­be­ne« auf­stö­bert, aber als er das Wort »phan­ta­sie­ren« ver­wen­det, dann glaub­te sie ihm nicht – au­ßer »wenn er über den Cé­zan­ne spricht«. Lass­nig pfleg­te, wie sie schrieb, ei­ne »un­glück­li­che Lie­be« zur Li­te­ra­tur, was sie nicht da­von ab­hielt, ei­ne wun­der­ba­re Hom­mage an Paul Ce­lan zu ver­fas­sen und ih­re Lie­be zu »I. B.« (In­ge­borg Bach­mann) zu be­kun­den. Witt­gen­stein ver­or­te­te sie in die »Op-Art«.

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