Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller


Im Juni 1969 ist die niederländische Königin Juliana im holländischen Norden unterwegs. Am 17. besucht sie mit ihrem Stab den kleinen Ort Slootdorp. Rathausempfang, kleines Essen, das auch hier scheinbar unvermeintliche Protokoll, ein minutiöser Terminplan. Zwei junge Zwergziegen als Geschenk. Dann sieht sie eine junge Frau näher kommen, gegen den allmählich versiegenden Strom. Sie trägt ein Kind auf dem Arm und schiebt mit der anderen Hand ein Fahrrad, was das Gehen etwas anstrengend macht. Ach ja, eine Frau, die sich verspätet hat. Die sich beeilt, um doch noch einen Blick von ihr zu erhaschen. Sie gibt dem Chauffeur ein Zeichen und geht der Frau ein Stück entgegen […] Das Kind, das höchstens zwei sein kann, schaut sie mit großen blauen Augen an. »Na, wie heißt du?« »Anne«, flüstert das Kind. »Hanne«, sagt die Mutter. Sie zieht den rechten Handschuh aus. »Das H ist nicht einfach«. Sie streicht dem Kind über die Wange. Es erschrickt und drückt das Gesicht an den Hals der Mutter.
Die Frau heißt Anna Kaan und nennt die Königin gnädige Frau, so, wie sie’s mag (Juliana wollte nie ‘Majestät’ genannt werden). Ein kleiner Dialog, Annas Blick weicht einem Lächeln. Sie antwortet nicht. Das Fahrrad, das an ihrer Hüfte lehnt, rutscht langsam ab und schlägt auf den Asphalt. Die Königin streckt unwillkürlich beide Arme aus. Natürlich werden Fotos gemacht, Juliana sieht es nicht, sie hört es. Aufreizend nah ist das Klicken. ‘Königin macht spontan kleinen Umweg’. Noch eine mögliche Schlagzeile für morgen. Kurz darauf fährt der Tross weiter. Es wartet eine Barfußwasserski-Vorführung.

Eine Figur Nai, ohne Biografie, erzählend in einer naiv-infantil anmutenden Sprache, will ein sehr meisterhaftes Abenteuer erleben. Zu diesem Zweck trägt er sogar im Bett wacker Schuh über Strumpf, hat die Schleifen gebunden und bleibt – stets einsatzbereit – im aufrechten Stand. Aber wer ist Nai? Ein Kobold? Dafür spricht vielleicht die angedeutete Kleinheit, der kaum vorhandene Hals. Ein Schwachsinniger, der Stimmen hört und sich in mehrere Personen (Naizwei, Naidrei) aufspaltet?
Zugegeben, dieser Satz ist arg provokativ:
Der Literaturbetrieb hat das literarische Leben geradezu vernichtet.
Und Heinz Pleschinski relativiert ihn auch sofort wieder: Schuldige sind schwerlich zu benennen. Doch selbst der Literaturbetrieb ist nur ein winziges Segment im allgemeinen Trend zur Verflachung. Wer Buchinhalte referiert, erntet ein Gähnen – niemand will mehr ruhig zuhören – allein die Verkaufszahlen halten in Atem und fungieren als Qualitätssiegel. Der Kampf um den Absatz bestimmt alles. Lektoren und Verleger winken ab und das Vertriebspersonal senkt den Daumen, wenn ihnen ein sperriges Manuskript unter die Augen gerät.
So weit, so bekannt, möchte man meinen. Aber die weitere Lektüre des Artikels in der »Welt« (unter dem martialisch-trotzigen Titel »Wir müssen weiter ins Gefecht«) ist dennoch empfehlenswert und hebt sich von der allgemeinen Literaturkritik-Melancholie, welches im Moment die Feuilletons durchzieht (kein Wunder: die alten Männer treten ab und die Neuen sehen ihre Erbhöfe vor sich hin modernd), wohltuend ab.

Das vom Arche-Verlag jüngst herausgebrachte Buch »Hochzeit des Lichts« von Albert Camus umfasst genaugenommen zwei Bücher. Zum einen vier Erzählungen, die 1938 in Frankreich unter dem Titel »Noces« (»Hochzeit«; in Deutschland erstmals 1954 unter »Hochzeit des Lichts«) erschienen. Sie entstanden, wie der Verlag in einer editorischen Notiz erklärt, in den Jahren 1936–1937. Camus war damals also ungefähr 23 Jahre alt. Zum anderen gibt es acht Erzählungen, die 1954 in Frankreich unter dem Titel »L’été« (»Sommer«) erschienen waren und zwischen 1939 und 1953 entstanden. Der deutsche Titel lautet »Heimkehr nach Tipasa«. Die deutschen Übersetzungen der beiden Bücher von 1954 und 1957 wurden für dieses Buch teilweise überarbeitet.
Es ist nun mehr als ein Fauxpas, wenn der Verlag sowohl im Klappentext als auch in der Pressemitteilung schreibt, dass alle »in diesem Band versammelten Texte« zwischen 1936 und 1938 »erstmals erschienen« seien. Die hier abgedruckten Erzählungen, die mit der Zeit essayistischer und philosophischer werden (Camus hätte letzteres vielleicht bestritten), sind, wie oben ausgeführt, keinesfalls dieser eng umrissenen Zeitspanne zuzuordnen.
Trösten, ohne den Trostlosen wahrzunehmen (die Kirche) Peter Handke: Das Gewicht der Welt. Ein Journal. – 1977, Suhrkamp-Verlag
1998 las ich Josef W. Jankers »Zwischen zwei Feuern«. Der Roman hat keinen einzelnen Hauptprotagonisten, sondern mehrere. Geschildert werden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Russland bis ungefähr Anfang 1945. Wie alle Romane dieses Genres erzählt der Autor zunächst von den bekannten Gegebenheiten: der Kälte, dem stumpfsinnigen Wacheschieben, dem ewigen »Auf-der-Hut-Sein«, usw. Es ist dann die ...
»Barfuß« heißt eigentlich Nicolai. Jeder hat einen solchen Kampfnamen, ob nun »Igel«, »Mel«, »Taiga«, »Pflaume«, »Gagarin« oder »Nebel«. Sie sind Sibirer heißt es ein bisschen pauschal und gleichzeitig geheimnisvoll und Mitglieder in einer starken Welt. Sie gehören zu den Urki. Man hält das anfangs für einen indigenen Stamm, aber »Urki« ist eigentlich nur ein Synonym für »Ganove«. Sie leben in Transnistrien, weil ihre Vorfahren vor dem Kommunismus fliehen mussten oder geflohen sind, weshalb sie sich als politische Widerständler gerieren, denn sie waren gegen den kommunistischen Staat. Aber sie sind gegen jeden Staat, denn keine politische Macht, unter welcher Flagge auch immer, ist so viel wert wie die natürliche Freiheit einer einzigen Person. Ein flammendes Plädoyer für die Freiheit – und keines einer pseudo-liberalen Partei. Hier ist eine andere Freiheit gemeint. Es ist eine anarchistisch-pervertierte Form eines Freiheitsbegriffs von Verbrechern, die sich auch so bezeichnen und stolz sind, anständige Kriminelle zu sein.
Kriminelle mit einem komplizierten und bis ins letzte Detail ausgefeilten Verhaltens‑, Ehren- und Sanktionscodex; nicht unähnlich dem albanischen Kanun. Nicolai Lilin beschreibt in seinem Buch »Sibirische Erziehung« Aufwachsen und Erziehung als Krimineller und verschafft einen umfassenden Einblick in Denken, Handeln und Leben dieser Menschen, die Polizisten Köter nennen und nicht einmal mit ihnen reden. Sie, die Verweigerer jeglicher Regeln einer Staatsgewalt, akzeptieren nur ihre alten, überlieferten Handlungsmaxime, die sie mit einem Gerechtigkeitsgeruch versehen, das unter Umständen auch für viele Desillusionierte enorm attraktiv ist.