In­ge­borg Bach­mann: Kriegs­ta­ge­buch

Her­aus­ge­ge­ben und mit ei­nem Nach­wort von Hans Höl­ler

Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch

In­ge­borg Bach­mann: Kriegs­ta­ge­buch

In­ge­borg Bach­mann hat­te mit Schreib­ma­schi­ne auf »sechs eng­zei­lig be­schrie­be­nen DIN-A-4-Blätter[n]« ih­re Er­leb­nis­se von März bis Ju­ni 1945 auf­ge­schrie­ben, wo­bei al­ler­dings der er­ste Ein­trag aus dem Sep­tem­ber 1944 stam­men könn­te, als In­ge­borg Bach­mann in die »Leh­rer­bil­dungs­an­stalt« ein­trat und in den letz­ten Mo­na­ten des Krie­ges Hilfs-Leh­re­rin wur­de. Ver­mut­lich schrieb sie die­se Sei­ten aus ih­rem (nicht er­hal­te­nen) Ta­ge­buch ab. Sie wer­den nun mit dem leicht rei­ße­ri­schen Ti­tel »Kriegs­ta­ge­buch« »erst­mals« (Klap­pen­text) ver­öf­fent­licht. Es be­ginnt im Buch auf Sei­te 9 und en­det auf Sei­te 24. Ab Sei­te 16 ist der Krieg zu En­de; man er­fährt von der bri­ti­schen Be­sat­zung und de­ren Ad­mi­ni­stra­ti­on, von Ver­hö­ren, Bach­manns eher apa­thi­schen El­tern und dem eu­pho­ri­schen Ge­fühl für den Frie­den, wel­che die fast Neu­zehn­jäh­ri­ge emp­fand – ganz im Ge­gen­satz zu den mei­sten an­de­ren Er­wach­se­nen im Ort, de­ren Welt zu­sam­men­brach.

Nach dem Krieg lernt Bach­mann Jack Hamesh ken­nen. Hamesh ist Ju­de, Jahr­gang 1920, al­so sechs Jah­re äl­ter als Bach­mann, in Wien ge­bo­ren und leb­te bis 1938 dort. Da­nach emi­grier­te er nach Groß­bri­tan­ni­en. Es ist nicht klar, ob sein Na­me dort »an­gli­siert« wur­de. 1945 kam er als bri­ti­scher Sol­dat in sei­ne Hei­mat zu­rück. Hamesh be­fragt Bach­mann un­ter an­de­rem nach ih­rer BDM-Zu­ge­hö­rig­keit. Ob­wohl sie die Wahr­heit spricht, wird sie ner­vös und ver­le­gen, was für al­ler­lei Über­le­gun­gen An­lass gibt. Ein paar Ta­ge spä­ter spricht er sie auf der Stra­ße an. An­fangs ist sie re­ser­viert, aber als sie mit­ein­an­der über Li­te­ra­tur ins Ge­spräch kom­men, wird sie en­thu­si­astisch.

»Nein, mit den Er­wach­se­nen kann man nicht mehr re­den« kon­sta­tier­te sie un­mit­tel­bar vor dem »Zu­sam­men­bruch«. Hier ist nun end­lich je­mand, mit dem sie re­den kann. Ein in­tel­lek­tu­ell eben­bür­ti­ger Ge­sprächs­part­ner, der Li­te­ra­tur schätzt und Ste­fan Zweig, Tho­mas Mann und Hof­manns­thal kennt. »Ich ha­be noch nie im Le­ben so­viel ge­re­det« gibt sie zu. Auch über »So­zia­lis­mus und Kom­mu­nis­mus« gibt es ei­nen re­gen Aus­tausch. Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: »Ge­dich­te hat er nicht be­son­ders gern.«

Als er ihr die Hand küsst, re­agiert sie wie ein Back­fisch, der sich die ge­küss­te Stel­le nicht mehr wa­schen will und klet­tert auf ei­nen Baum. Ihr im­po­nie­ren sei­ne gu­ten Um­gangs­for­men, sei­ne freund­li­che Zu­rück­hal­tung. Hamesh ist über­rascht und an­ge­tan von Bach­manns Kennt­nis­sen der einst ver­bo­te­nen Li­te­ra­tur. Schnell wird das »Ver­hält­nis« zum Dorf­ge­spräch. Sie be­merkt bit­ter, wie arg­wöh­nisch man die­ses Ge­hen »mit dem Ju­den« (auch von­sei­ten ih­rer Mut­ter) sieht und nimmt die­sen an­ti­jü­di­schen Af­fekt als Kon­ti­nu­um aus der NS-Zeit durch­aus wahr.

Die elf er­hal­te­nen Brie­fe von Jack Hamesh an In­ge­borg Bach­mann, ge­schrie­ben zwi­schen April 1946 und Ju­li 1947 (es sind ei­gent­lich nur neun; die an­de­ren bei­den Schrift­stücke sind sehr kur­ze Te­le­gram­me), wer­den von Sei­te 27 bis 69 ab­ge­druckt. Sie er­wei­sen sich – wenn man nicht ge­ra­de ein In­ge­borg-Bach­mann-Ex­eget ist – in man­cher Hin­sicht als die auf­schluss­rei­che­re Lek­tü­re. Brie­fe der Bach­mann an Hamesh (auf die er teil­wei­se Be­zug nimmt) sind of­fen­sicht­lich nicht er­hal­ten. Den­noch las­sen sich aus den Brie­fen Hameshs teil­wei­se Rück­schlüs­se auf Bach­manns Re­ak­tio­nen ab­lei­ten.

Hamesh ver­lässt Öster­reich im Lau­fe des Früh­jahrs 1946 über Nea­pel nach Pa­lä­sti­na. Die ge­nau­en Grün­de für die­se (er­neu­te) Emi­gra­ti­on blei­ben un­klar. Der Ab­schied von Öster­reich und be­son­ders von In­ge­borg Bach­mann fällt ihm schwer. Er ver­mei­det, ihr sei­ne Lie­be di­rekt zu ge­ste­hen (zwei­mal kommt er dem sehr na­he). Mit wach­sen­der Ent­fer­nung wird die Hei­mat­lo­sig­keit schier un­er­träg­lich. Wie die Bach­mann in ih­rem Ta­ge­buch aus dem Som­mer 1945 be­schwört auch er den Früh­ling, den Som­mer, je­ne herr­li­chen Ta­ge des Zu­sam­men­seins (und be­zieht – wie es sich ge­hört – die Ver­wand­ten Bach­manns si­cher­heits­hal­ber mit ein).

In­ge­borg Bach­mann stu­diert in­zwi­schen in Wien. In ei­nem Brief spricht er an, dass sie nicht von ei­nem Wie­der­se­hen schreibt; Hamesh ist vol­ler Selbst­zwei­fel. Er über­legt, ob der ihm ent­ge­gen­ge­brach­te Re­spekt nur auf­grund sei­nes Sta­tus als bri­ti­scher Be­sat­zungs­sol­dat re­sul­tier­te. Sei­ne Ein­sam­keit, die er mit den Er­in­ne­run­gen eher noch ver­stärkt, muss enorm ge­we­sen sein. Sei­ne »Sehn­sucht nach Ober-Vel­lach« und da­mit im­pli­zit nach In­ge­borg Bach­mann ver­strömt bis­wei­len ei­ne herz­zer­rei­ßen­de Me­lan­cho­lie. Er möch­te »la­chend die­ser Zeit trot­zen«, aber das kommt ei­nem wie ein Pfei­fen im Wald vor. Ihr dürf­te früh nicht ent­gan­gen sein, dass hier je­mand bis über bei­de Oh­ren ver­liebt ist. Man ahnt aus Hameshs Er­wi­de­run­gen, dass sie in ihm wohl nur ei­nen gu­ten Freund ge­se­hen hat. Und noch aus der se­li­gen Zeit vom Som­mer 1945 ist bei Hamesh der »schweig­sa­me Schwimm­nach­mit­tag« in Er­in­ne­rung.

Die letz­ten von Hamesh mit Schreib­ma­schi­ne ver­fass­ten Brie­fe sind lang. Hoch­in­ter­es­sant und auf­schluss­reich ist der Ein­blick, den man vom Pa­lä­sti­na 1946/47 be­kommt. Er schlägt sich mit meh­re­ren Be­ru­fen durch, sagt von sich sel­ber, er sei »zu­frie­den, aber nicht glück­lich«; si­cher­lich ei­ne eu­phe­mi­sti­sche For­mu­lie­rung. Ein glü­hen­der Zio­nist ist er ge­nau so we­nig wie re­li­gi­ös. Den­noch glaubt er, dass die Im­mi­gra­ti­on von Ju­den nach Pa­lä­sti­na ei­ne Zwangs­läu­fig­keit ist und viel­leicht die ein­zi­ge Mög­lich­keit, dem »Ur­ü­bel al­ler Übel«, dem An­ti­se­mi­tis­mus, zu ent­ge­hen. Er ist der Über­zeu­gung, »die Ara­ber« wür­den von den Ein­wan­de­rern pro­fi­tie­ren, so­wohl öko­no­misch als auch so­zi­al. Und ein­mal lüf­tet er auch den ela­bo­rier­ten Freund­lich­keits­code, was die Öster­rei­cher im Ver­hält­nis zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an­geht und spricht dar­über »wo die Schuld ist«.

Über Jack Hamesh gibt es of­fen­sicht­lich kei­ne wei­te­ren In­for­ma­tio­nen mehr. Sei­ne Spur ver­liert sich 1947. Man kann ihn zwei­fel­los als In­tel­lek­tu­el­len be­zeich­nen. Um­so un­ver­ständ­li­cher, dass man die or­tho­gra­fi­schen Feh­ler (»vil­l­eicht«, »nähm­lich«, »Ma­schie­ne«) und die oft un­be­hol­fen wir­ken­de Gram­ma­tik, die nicht zu­letzt sei­ner Emi­gra­ti­on von 1938–45 nach Eng­land ge­schul­det wa­ren, un­kor­ri­giert ließ. Höl­ler sug­ge­riert, dies sei aus Grün­den der Au­then­ti­zi­tät ge­sche­hen und durch­aus Pra­xis in der Text­wie­der­ga­be von Schrift­stel­lern. Vor­her er­klärt er, dass in In­ge­borg Bach­manns Auf­zeich­nun­gen Schreib­feh­ler kor­ri­giert wur­den. Die­ses un­ter­schied­li­che Vor­ge­hen ist in­kon­se­quent und prägt un­be­wusst das Ur­teil des Le­sers über die bei­den Schrei­ber: Hamesh er­scheint da­bei in deut­lich schlech­te­rem Licht, auch wenn es durch­aus an­ders ge­dacht sein soll­te.

So­gar die Be­schrif­tun­gen der Ku­verts von Hameshs Brie­fen wer­den in die­sem Buch do­ku­men­tiert. Aber ein Feh­ler wur­de bei al­ler Akri­bie über­se­hen: Die Brie­fe wer­den chro­no­lo­gisch auf­ge­li­stet. Der er­ste Brief ist von »Ostern 1946« (er wur­de ab­ge­ge­ben, nicht ver­schickt). Bei Brief Num­mer 3 fin­det sich das Da­tum »27. Ju­li 1946«. Dies muss je­doch falsch sein, da die nach­fol­gen­den Do­ku­men­te auf den 3. bzw. 6. Ju­li ver­wei­sen (hier be­geht Hamesh ei­nen Feh­ler, in dem er »6. Ju­ni« schreibt, was Höl­ler kor­ri­giert). Wo war hier das Lek­to­rat?

Wie er­war­tet er­läu­tert Hans Höl­ler im Nach­wort die Be­deu­tung die­ses »Kriegs­ta­ge­buchs« auf das spä­te­re Werk In­ge­borg Bach­manns. Es wird deut­lich, wie Tei­le des Er­leb­ten im »Ga­li­ci­en-Ka­pi­tel« des »Buch Fran­za« ver­ar­bei­tet wer­den. Nicht schlecht staunt man je­doch, wie Höl­ler die­se we­ni­gen Sei­ten zum »Grund­text für das Ver­ständ­nis der un­ge­heue­ren Zei­len über das Dra­ma von Va­ter und Toch­ter« der »Traum-Sze­nen von ‘Ma­li­na’ « er­hebt. Und wo er die »Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ‘Va­ter’ « aus­macht, hat sich dem Le­ser auch nach mehr­ma­li­ger Lek­tü­re nicht er­schlos­sen. Spä­te­stens hier wird die­sen Ein­tra­gun­gen ei­ne Be­deu­tung zu­ge­schrie­ben, die reich­lich über­trie­ben er­scheint. Al­ler­dings ist der Ver­such, durch Sen­sa­tio­na­li­sie­rung Auf­merk­sam­keit zu er­rin­gen, nicht un­be­dingt neu.

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