Ni­co­lai Li­lin: Si­bi­ri­sche Er­zie­hung

»Bar­fuß« heißt ei­gent­lich Ni­co­lai. Je­der hat ei­nen sol­chen Kampf­na­men, ob nun »Igel«, »Mel«, »Tai­ga«, »Pflau­me«, »Ga­ga­rin« oder »Ne­bel«. Sie sind Si­bi­rer heißt es ein biss­chen pau­schal und gleich­zei­tig ge­heim­nis­voll und Mit­glie­der in ei­ner star­ken Welt. Sie ge­hö­ren zu den Ur­ki. Man hält das an­fangs für ei­nen in­di­ge­nen Stamm, aber »Ur­ki« ist ei­gent­lich nur ein Syn­onym für »Ga­no­ve«. Sie le­ben in Trans­ni­stri­en, weil ih­re Vor­fah­ren vor dem Kom­mu­nis­mus flie­hen muss­ten oder ge­flo­hen sind, wes­halb sie sich als po­li­ti­sche Wi­der­ständ­ler ge­rie­ren, denn sie wa­ren ge­gen den kom­mu­ni­sti­schen Staat. Aber sie sind ge­gen je­den Staat, denn kei­ne po­li­ti­sche Macht, un­ter wel­cher Flag­ge auch im­mer, ist so viel wert wie die na­tür­li­che Frei­heit ei­ner ein­zi­gen Per­son. Ein flam­men­des Plä­doy­er für die Frei­heit – und kei­nes ei­ner pseu­do-li­be­ra­len Par­tei. Hier ist ei­ne an­de­re Frei­heit ge­meint. Es ist ei­ne an­ar­chi­stisch-per­ver­tier­te Form ei­nes Frei­heits­be­griffs von Ver­bre­chern, die sich auch so be­zeich­nen und stolz sind, an­stän­di­ge Kri­mi­nel­le zu sein.

Kri­mi­nel­le mit ei­nem kom­pli­zier­ten und bis ins letz­te De­tail aus­ge­feil­ten Ver­hal­tens-, Eh­ren- und Sank­ti­ons­co­dex; nicht un­ähn­lich dem al­ba­ni­schen Ka­nun. Ni­co­lai Li­lin be­schreibt in sei­nem Buch »Si­bi­ri­sche Er­zie­hung« Auf­wach­sen und Er­zie­hung als Kri­mi­nel­ler und ver­schafft ei­nen um­fas­sen­den Ein­blick in Den­ken, Han­deln und Le­ben die­ser Men­schen, die Po­li­zi­sten Kö­ter nen­nen und nicht ein­mal mit ih­nen re­den. Sie, die Ver­wei­ge­rer jeg­li­cher Re­geln ei­ner Staats­ge­walt, ak­zep­tie­ren nur ih­re al­ten, über­lie­fer­ten Hand­lungs­ma­xi­me, die sie mit ei­nem Ge­rech­tig­keits­ge­ruch ver­se­hen, das un­ter Um­stän­den auch für vie­le Des­il­lu­sio­nier­te enorm at­trak­tiv ist.

Nicolai Lilin: Sibirische Erziehung

Ni­co­lai Li­lin: Si­bi­ri­sche Er­zie­hung

Da­bei ist fast al­les bis ins Klein­ste re­gu­liert und sym­bo­lisch auf­ge­la­den: Die Ein­rich­tung der Woh­nung; die Platz­ie­rung von Kru­zi­fix und Iko­nen im Haus (sie sind durch­aus gläu­big und be­schwö­ren häu­fig Je­sus Chri­stus); der Kult um die »Pi­ka«, ein Ein­hand­mes­ser, wel­ches von rang­hö­he­ren Per­sön­lich­kei­ten in ei­ner Art In­itia­ti­on über­ge­ben wird und da­zu dient, im Kampf dem Geg­ner die Knie­seh­nen zu durch­tren­nen; die Tau­ben­zucht der Groß­vä­ter; Art und Ty­pus der Waf­fen, die nach fe­sten Re­geln in Woh­nung und Grund­stück ver­steckt sein müs­sen; Form, Aus­maß und Funk­ti­on der Kör­per­tä­to­wie­run­gen (sie die­nen un­ter an­de­rem als ei­ne Art Aus­weis); ei­ne streng hier­ar­chi­sche Struk­tur der kri­mi­nel­len Au­to­ri­tä­ten; das Ver­bot, zu schwö­ren; So­zi­al- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten un­ter sich, mit an­de­ren, freund­lich wie feind­lich ge­son­ne­nen Kri­mi­nel­len und »nor­ma­len« Men­schen. So kommt man bei­spiels­wei­se im Ge­spräch (oder auch bei Bit­ten in Brie­fen) nie di­rekt zur Sa­che, son­dern be­nutzt ei­nen aus­ge­klü­gel­ten Sprach­code, der sich in in­di­rek­ten An­deu­tun­gen er­geht und für den un­kun­di­gen Zu­hö­rer oder Le­ser reich­lich ela­bo­riert wirkt. Das wird un­ter­halt­sam und trotz­dem ein­dring­lich und sehr an­schau­lich er­zählt.

Par­al­lel­welt in­klu­si­ve »tö­ten von klein auf«

Es gibt in die­ser Par­al­lel­welt ein­deu­ti­ge Ge- und Ver­bo­te, de­ren Nicht­be­ach­tung von der vor­über­ge­hen­den Äch­tung bis zum Tod sank­tio­niert wird. Dro­gen­han­del, Schutz­geld­erpres­sung, Pro­sti­tu­ti­on und jeg­li­che Art ge­hei­mer Ab­spra­chen mit Po­li­zei oder KGB oder po­ten­ti­el­len Op­fern wer­den ka­te­go­risch ab­ge­lehnt; nur Über­fäl­le und Dieb­stäh­le sind ak­zep­tiert. Hier­in un­ter­schei­den sich die Ur­ki von an­de­ren Grup­pen des or­ga­ni­sier­ten Ver­bre­chens (am ehe­sten fühlt man sich an die »Die­be im Ge­setz« er­in­nert). Be­sitz ist für sie un­in­ter­es­sant; ein Kri­mi­nel­ler be­sitzt nichts au­ßer der Macht des Wor­tes; nicht ein­mal das Haus, in dem er wohnt, ge­hört ihm. (Die Macht des Wor­tes ist da­bei sehr ele­men­tar, denn [e]inmal Ge­sag­tes kann man nicht mehr zu­rück­neh­men.) Als Syn­onym für »Geld« sa­gen sie Dreck. Es ist für sie nur Mit­tel zum Zweck, um bei­spiels­wei­se In­for­ma­tio­nen von Drit­ten zu be­kom­men.

Ei­ne in vie­len Din­gen ar­cha­isch an­mu­ten­de Ge­sell­schaft: Ei­ne Bril­le ist ein Zei­chen von Schwä­che. Ho­mo­se­xua­li­tät wird »fleisch­li­ches Übel« ge­nannt und gilt als schlim­me, an­stecken­de Krank­heit, wel­ches die mensch­li­che See­le zer­stört. Sie kann so­gar durch Blicke über­tra­gen wer­den. »Bar­fuß« sieht dies ein biss­chen an­ders, den­noch wir­ken im Buch die Schil­de­run­gen der se­xu­el­len Fol­te­run­gen un­ter den Ge­fan­ge­nen fast ein we­nig wol­lü­stig (Höchst in­ter­es­siert ver­folg­ten wir die Sze­ne). Be­grif­fe wie Eh­re und Wür­de wer­den sehr ei­gen­wil­lig de­fi­niert. Re­spekt muss man sich erst ver­die­nen. Und man be­zeugt sei­nem Geg­ner bei­spiels­wei­se da­hin­ge­hend Re­spekt, dass man ihm na­he­legt, sich bes­ser selbst zu tö­ten, um der quä­len­den Hin­rich­tung zu ent­ge­hen.

In die­sem Zu­sam­men­hang er­schei­nen die pro­gres­si­ven Merk­ma­le um­so ab­stru­ser. So gibt es bei­spiels­wei­se kei­nen Frem­den- oder Ju­den­haß. Ni­co­lai schil­dert ei­ne Sze­ne, in der man sich für ei­nen jü­di­schen Jun­gen prü­gelt, der von an­de­ren Ban­den ge­hän­selt und ge­de­mü­tigt wur­de und die­sen nun rächt. Ge­schil­dert wird auch die tief­ver­wur­zel­te Ak­zep­tanz für je­ne Men­schen […], die au­ßer­halb der Ge­sell­schaft ste­hen, in die man selbst hin­ein­ge­bo­ren wur­de. So wer­den Gei­stes­kran­ke als Men­schen mit natürliche[r] Rein­heit be­trach­tet und ste­hen un­ter be­son­de­rem Schutz. Die Re­gel ist ein­fach: Wer die be­stehen­de »Ver­bre­cher­welt« mit ih­ren Ge­set­zen ak­zep­tiert, wird be­schützt; wer dies nicht tut, wird be­kämpft.

Her­an­ge­führt in die­se Welt wer­den die Si­bi­rer früh – die De­vi­se lau­tet: tö­ten von klein auf. Bei Fa­mi­li­en­fei­ern gilt es als Kom­pli­ment, wenn man dem Kind ei­ne ent­spre­chen­de Zu­kunft pro­phe­zeit: »Das wird mal ein Mör­der der Jun­ge hier, der ist aus un­se­rem Holz«. Zu­nächst schau­en Kin­der bei Schlach­tun­gen zu. Spä­ter tö­ten sie die Tie­re sel­ber oder hel­fen da­bei. Sehr früh greift die Ein­bin­dung in Ban­den, das Ein­ste­hen für- und mit­ein­an­der. Mit dem Ge­setz der Kö­ter kom­men sie zu­meist sehr früh in Kon­flikt; Ju­gend­stra­fen sind die Re­gel. Sie über­sprin­gen die Kind­heit und sind mit 13, 14 schon das, was man ge­mein­hin ge­fähr­li­che Schwerst­kri­mi­nel­le nennt. Vor dem 18. Le­bens­jahr sind die mei­sten schon mehr­mals vor­be­straft; ei­ni­ge wa­ren schon im Ge­fäng­nis. Im Lau­fe ei­nes Le­bens ge­hört es zum gu­ten Ton re­gel­mä­ßig zu sit­zen und Haft­ur­lau­be wer­den zu Fe­sten.

All die­se Sta­tio­nen wer­den aus­führ­lich be­rich­tet. Sieht man vom Be­ginn des Bu­ches ab (der Er­zäh­ler be­fin­det sich als Sol­dat in Tsche­tsche­ni­en), wird meist chro­no­lo­gisch er­zählt. Ge­le­gent­lich wird die Zeit­fol­ge durch An­ek­do­ten un­ter­bro­chen, wo­bei der Ich-Er­zäh­ler ins­be­son­de­re im um­fang­reich­sten Ka­pi­tel (»Mein drei­zehn­ter Ge­burts­tag«) zum aus­ufern­den Be­rich­ten neigt, sich in klein­sten De­tails ver­liert und im­mer neue Er­zähl­bau­stel­len ent­deckt.

Schwie­rig zu sa­gen, ob mit die­sem »vom Hölz­chen aufs Stöckchen«-Erzählen ei­ner ge­wis­sen Fa­bu­lier­lust Tri­but ge­zollt wird oder ob es ein­fach nur ge­schwät­zig ist. Ähn­li­ches gilt für den durch­gän­gig harm­los-na­iv da­her­kom­men­den Ton­fall in der Spra­che. Bei­des könn­te durch­aus be­ab­sich­tigt sein, um mit ein­lul­len­der Harm­lo­sig­keits-Po­se den Le­ser bei­spiels­wei­se in der Kon­fron­ta­ti­on der Schil­de­rung der bru­ta­len Schlä­ge­rei­en und Ban­den­krie­ge auf­zu­rüt­teln. Aber ins­be­son­de­re wenn es um den Ge­fäng­nis­auf­ent­halt des sehr ju­gend­li­chen Ni­co­lai geht (ein un­fass­bar ge­walt­tä­ti­ges Re­gime spe­zi­ell der Ge­fan­ge­nen un­ter sich, die in rie­si­gen Sä­len wie Vieh ge­hal­ten wer­den und sich auch dem­entspre­chend be­neh­men) stößt Li­lins Spra­che an Gren­zen, weil es ihm nicht ge­lingt, die In­ten­si­tät der Er­eig­nis­se, Per­ver­sio­nen, und De­mü­ti­gun­gen ad­äquat zu er­zäh­len. Da wer­den die Or­na­men­te der Tä­to­wie­run­gen und de­ren Be­deu­tung mit glei­cher Ein­dring­lich­keit ge­schil­dert wie ei­ne Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gung ei­nes Häft­lings. Und manch­mal ist es ei­ne gu­te Por­ti­on ver­mut­lich un­frei­wil­li­ger Ko­mik, et­wa wenn es von Groß­va­ter Kus­ja heißt, er konn­te gut sin­gen und kann­te vie­le Ver­bre­cher­lie­der.

So an­ge­nehm die Ver­mei­dung ei­nes vor­aus­ei­len­den Be­trof­fen­heits­par­lan­do auch ist, so we­nig an­ge­mes­sen er­scheint die gleich­för­mi­ge La­ko­nik für die un­ter­schied­li­chen Er­eig­nis­se. Der Au­tor will, so scheint es, zu­viel und ist den un­ter­schied­li­chen Gen­res nicht ge­wach­sen: Hier Mi­lieu­stu­die, dort auf­re­gen­de Er­zäh­lung ei­nes Ban­den­kon­flikts. Hier Schil­de­rung ei­nes Ge­fäng­nis­auf­ent­hal­tes (wun­der­bar die Schil­de­rung wie mit­tels ein­fa­cher Zet­tel die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Ge­fan­ge­nen un­ter­ein­an­der durch ent­spre­chen­de »Bo­ten« funk­tio­niert), dort Er­klä­rung der Be­deu­tung der ein­zel­nen Tä­to­wie­run­gen. Hier Schel­men­ro­man, dort An­sät­ze zu ei­ner Ge­sell­schafts­stu­die. Wenn sich im Lau­fe des Bu­ches das exo­ti­sche Ele­ment ver­flüch­tigt hat, tritt durch die Gleich­för­mig­keit des Duk­tus, der in ei­ni­gen Si­tua­tio­nen der La­ge nicht mehr ge­recht wird, Ver­är­ge­rung oder Gleich­gül­tig­keit ein; nur ge­le­gent­lich durch die ein oder an­de­re ge­lun­ge­ne For­mu­lie­rung auf­ge­ho­ben. Zum Bei­spiel, wenn bei ei­nem be­stimm­ten Ver­hal­ten ei­ne Ra­che droht, bis selbst sein Schat­ten ge­blu­tet hät­te (da­bei geht es üb­ri­gens um ei­nen Löf­fel, al­ler­dings im Ge­fäng­nis).

Ro­ber­to Sa­via­nos Eu­pho­rie

Bei al­ler Be­schwö­rung des so eh­ren­vol­len Ko­dex der Kri­mi­nel­len und der Er­zähl­lust des Ich-Er­zäh­lers: Es blei­ben Lücken, Un­ge­reimt­hei­ten und ge­le­gent­lich so­gar Wi­der­sprü­che. Da er­zählt Nicolai/»Barfuß« mit gro­ßem Ver­gnü­gen, wenn je­mand ein Freund von gu­ter Li­te­ra­tur und Kul­tur ist, an­de­rer­seits bleibt er je­doch hier­für je­de Ent­spre­chung in sei­ner Spra­che schul­dig. Auch bleibt voll­kom­men un­klar, wo sich Ni­co­lai sei­ne Li­te­ra­tur­kennt­nis­se an­ge­eig­net ha­ben soll; von ei­nem Schul­be­such oder gar mehr ist über­haupt kei­ne Re­de. Und zwei­mal im Buch wird an­ge­deu­tet, wie Ni­co­lai mit drei­zehn an sei­nem Über­groß­va­ter Kus­ja lei­se zu zwei­feln be­ginnt, oh­ne dass dies wei­ter aus­ge­führt wird.

Der Au­tor Ni­co­lai Li­lin lebt in­zwi­schen in Ita­li­en. Durch die eu­pho­ri­sche Be­spre­chung von Ro­ber­to Sa­via­no, der mit sei­nem Buch »Go­mor­rha« in Ita­li­en ver- und in der rest­li­chen Welt ge­ach­tet wird, er­reg­te »Si­bi­ri­sche Er­zie­hung« gro­ße Auf­merk­sam­keit. Sa­via­no rät dem Le­ser (in ei­ner Be­spre­chung des Bu­ches in »La Re­pubbli­ca« vom 3. April 2009): »Wer die­ses Buch le­sen will, muss die Ka­te­go­ri­en von Gut und Bö­se, wie wir sie ken­nen, ver­ges­sen und die Ge­fühls­welt, in der er sich ein­ge­rich­tet hat, au­ßen vor las­sen. Ein­fach nichts tun: nur le­sen.« Und weil er dem Le­ser rät, nichts zu tun als zu le­sen, so macht er in sei­ner Be­spre­chung nichts an­de­res als sich mit Li­lin zu un­ter­hal­ten und ihn zu be­fra­gen (hier gibt es noch ein an­de­res In­ter­view mit Li­lin). Da­bei soll »Si­bi­ri­sche Er­zie­hung« of­fen­sicht­lich als au­to­bio­gra­fi­sches Do­ku­ment des Au­tors ge­le­sen wer­den und man ist dann er­staunt über die Of­fen­heit im Buch (ob­wohl nur die Kampf- bzw. Spitz­na­men ge­nannt wer­den).

Sa­via­no stellt fest, dass Li­lin »tief in der Tra­di­ti­on der Ur­ki ver­wur­zelt« ist und sich als »ehr­ba­ren Kri­mi­nel­len« sieht. Dem »ori­en­tie­rungs­lo­sen Russ­land« (im Buch ist vom post­so­wje­ti­schen Kon­su­mis­mus die Re­de) setzt die­ser (im­mer noch) die wohl­struk­tu­rier­te Welt der Kri­mi­nel­len ent­ge­gen, preist je­doch an­de­rer­seits sei­ne jet­zi­ge Hei­mat Ita­li­en, weil dort al­les ge­ord­net sei und es kei­ne Kor­rup­ti­on ge­be (Sa­via­no kom­men­tiert das nicht).

In In­ter­views wirkt Ro­ber­to Sa­via­no stets selbst­zwei­felnd und grüb­le­risch über die ihm in­zwi­schen zu­ge­wie­se­ne Rol­le und das da­durch ver­bun­de­ne Stig­ma (sieht man ein­mal von der Ge­fähr­dung sei­ner Per­son ver­mut­lich für den Rest sei­nes Le­bens ab). Es wä­re viel­leicht ei­ne über­trie­be­ne Deu­tung, aber sie soll hier den­noch ver­sucht wer­den: Sa­via­nos em­pha­ti­sches Plä­doy­er für »Si­bi­ri­sche Er­zie­hung« ist durch ei­ne star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Prot­ago­ni­sten Ni­co­lai er­klär­bar. Sa­via­no sieht sich als Ni­co­lai und wie es mit ihm er­gan­gen wä­re, wenn er in ei­nem sol­chen kri­mi­nel­len Ver­bund nebst de­ren ei­ge­ner Ge­setz­mä­ssig­keit auf­ge­wach­sen wä­re (bei­de sind fast gleich­alt­rig). Nicolai/»Barfuß« hält Sa­via­no den Spie­gel vor und zeigt ihm, was hät­te mög­lich sein kön­nen, wenn die Um­stän­de nur ein biss­chen an­ders ge­we­sen wä­ren.

So steht der Le­ser vor dem Di­lem­ma: So­wohl als li­te­ra­ri­sche Be­ar­bei­tung ei­nes au­to­bio­gra­fi­schen Vor­gangs als auch als Re­por­ta­ge ei­nes in kri­mi­nel­len Ver­hält­nis­sen auf­ge­wach­se­nen Jun­gen sum­mie­ren sich, ne­ben der un­ter­kom­ple­xen, kol­por­ta­ge­haf­ten Spra­che, noch wei­te­re Vor­be­hal­te. So dient »Si­bi­ri­sche Er­zie­hung« al­len­falls als De­mon­stra­ti­ons­ob­jekt für ei­ne (in­zwi­schen un­ter­ge­gan­ge­ne) Welt mit fe­sten, ei­ge­nen Re­geln, die sich jen­seits »lä­sti­ger« In­sti­tu­tio­nen (wie zum Bei­spiel Po­li­zei oder Ge­rich­te) für zü­gi­ge Pro­blem­lö­sun­gen und ein »rei­bungs­lo­ses« Zu­sam­men­le­ben sorgt. Fast pos­sier­lich wir­ken da die Groß­vä­ter und so ganz schlecht sind sie ja auch nicht, da sie ja die schlimm­sten Ver­bre­chen aus mo­ra­li­schen Grün­den ab­leh­nen. Un­ter­schwel­lig wird da ein biss­chen Ro­bin-Hood-Sym­bo­lik ge­paart mit Mar­lon-Bran­do-Charme aus »Der Pa­te« her­bei­be­schwo­ren. Und auch die aus­führ­li­che Schil­de­rung des Auf­spü­rens ei­nes Ver­ge­wal­ti­gers be­kommt ei­nen Hauch Wild-West-Ro­man­tik und möch­te den Le­ser auf das Glatt­eis der Af­fir­ma­ti­on ei­ner Selbst­ju­stiz füh­ren, die sich nicht lan­ge mit Form­feh­lern her­um­schlägt, son­dern han­delt.

Viel­leicht ist ja des­halb die­ser Ton ge­wählt wor­den: Man be­fürch­te­te – spe­zi­ell auch in Ita­li­en – die zu star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­on mit den Kur­zen-Pro­zeß-Voll­streckern. Aber ein biss­chen wird an ei­nem My­thos der ach so schö­nen Zeit der Ver­bre­cher­ge­mein­de schon ge­ba­stelt und das Ver­lot­tern der Sit­ten durch die all­ge­gen­wär­ti­ge und in­zwi­schen be­herr­schen­de rus­si­sche Ma­fia (die hier Tschor­ja­na mast heißt) be­klagt. Das wirkt dann in der fast pit­to­res­ken Idea­li­sie­rung der un­ter­ge­gan­ge­nen Welt ziem­lich auf­rei­zend-spie­ßig. Am En­de wird Ni­co­lai ge­gen sei­nen Wil­len und eher zu­fäl­lig in die rus­si­sche Ar­mee ge­kid­nappt und fin­det sich im Se­zes­si­ons­krieg im Kau­ka­sus wie­der. Die Ar­mee bricht ihn, sei­ne Ver­bre­cher­at­ti­tü­den ver­puf­fen und wir­ken lä­cher­lich. Zu­dem hat man ge­nug Sank­ti­ons­me­cha­nis­men, was Ni­co­lai, der ge­wohnt ist, sich dem Stär­ke­ren zu fü­gen, schnell er­kennt. Das ge­schieht aus­ge­rech­net in dem Mo­ment, als er sich ins bür­ger­li­che Le­ben be­ge­ben woll­te. So kann man das En­de als Pa­ra­bel auf die in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Form des Tö­tens (Sol­da­ten­tum) le­sen, die weit­ge­hend po­si­tiv be­setzt ist, ob­wohl sie ei­nem Sy­stem dient, wel­ches deut­lich we­ni­ger »eh­ren­voll« zu sein scheint als das al­te, un­ter­ge­gan­ge­ne Ur­ki-Uni­ver­sum.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.
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5 Kommentare zu »Ni­co­lai Li­lin: Si­bi­ri­sche Er­zie­hung«:

  1. Köppnick sagt:

    Die Re­geln die­ser Ver­bre­cher sind so selt­sam, dass man sich fragt, wie sie ent­ste­hen konn­ten. Denn ein Sy­stem, das über­le­ben will, muss un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den Vor­tei­le ge­gen­über Al­ter­na­ti­ven ha­ben.

    #1

  2. Ich ver­mu­te, die Re­geln sind »ge­wach­sen«, al­so über Jahr­hun­der­te über­lie­fert. Dass sie im spe­zi­el­len Fall zum »Un­ter­gang« der Ur­ki ge­führt ha­ben, muss da­bei m. E. nichts hei­ßen. Ma­fio­se Struk­tu­ren sind spe­zi­ell in Ita­li­en, Ex-Ju­go­sla­wi­en und Al­ba­ni­en teil­wei­se kon­sti­tu­ie­rend, vor al­lem dann, wenn der Staat nicht prä­sent ist.

    #2

  3. lou-salome sagt:

    Ru­mä­ni­scher Fo­to­graf Cosmin Bum­but
    Ich ha­be sei­ne Aus­stel­lung im Jahr 2007 in Fell­bach ge­se­hen und war sehr be­ein­druckt, vor al­lem von den Auf­nah­men aus dem Ge­fäng­nis. Die In­sas­sen hat­ten al­le in­di­vi­du­el­le Tä­to­wie­run­gen, der Künst­ler er­zähl­te von dem Stolz der Män­ner, der trotz har­ter Haft­be­din­gun­gen nicht ge­bro­chen war.
    In You­tube ha­be ich ei­nen klei­nen Film über sei­ne Fo­to­gra­fi­en ge­fun­den. Die Bil­der aus dem Ge­fäng­nis star­ten in der Mi­nu­te 3.03:
    http://www.youtube.com/watch?v=B6gHBYX5_IA

    Die Par­al­lel­wel­ten, die Sie im obi­gen Buch vor­stel­len, sind wirk­lich re­gel­rech­te Schat­ten­wel­ten. In­ter­es­sant zu le­sen ist auch der Ar­ti­kel über den Gu­lag-Rück­blick.

    #3

  4. Leser sagt:

    Auch wenn Li­lin nicht je­den As­pekt sei­nes Wer­de­gangs aus­führ­lich er­läu­tert hat und vie­le, für Sie in­ter­es­san­te, Apek­te zu­gun­sten an­de­rer Ge­schich­ten aus­ge­las­sen hat, so hat er doch auch kurz er­wähnt, wo­her er in Ju­gend­jah­ren sei­ne Bü­cher be­zog. In der Ge­schich­te über sei­nen 13. Ge­burts­tag stellt er sei­nen Freund Jew­gen­ji »Dsche­ka« vor und des­sen Mut­ter die Kin­der­ärz­tin »Tan­te Lo­ra«. In ih­rer Bi­blio­thek durf­te er sich be­die­nen und lern­te so Dickens, Doyle und den »sym­pa­ti­schen Kö­ter« Sher­lok Hol­mes ken­nen.

    Gruß L.

    #4

  5. Ja, schon. Nur: Wie er die­se Bü­cher bei in die­sem Al­ter trotz sei­ner eher be­schränk­ten Schul­bil­dung ver­stan­den ha­ben will er­schließt sich mir nicht...

    #5