An­dre­as Mai­er: On­kel J.

Andreas Maier: Onkel J.

An­dre­as Mai­er: On­kel J.

In den letz­ten Jah­ren ha­be ich viel­leicht zwei oder drei Aus­ga­ben der Li­te­ra­tur­zeit­schrift »Voll­text« ge­kauft. Ein­mal weiß ich es ganz ge­nau, weil dort Al­ban Ni­ko­lai Herbsts Ro­man »Mee­re« ab­ge­druckt war. Tat­säch­lich der gan­ze Ro­man. Voll­text eben. Die an­de­ren Ma­le weiß ich die Kauf­grün­de nicht mehr. Die Aus­ga­be mit »Mee­re« hat­te ich nach der Lek­tü­re kur­ze Zeit spä­ter ei­ner Freun­din ge­schickt. Die an­de­ren Aus­gaben fin­de ich nicht mehr, was ei­gent­lich un­ge­wöhn­lich ist, da ich ei­gent­lich so schnell nichts weg­wer­fe. Neu­lich ha­be ich so­gar noch zwei Aus­ga­ben von »Li­te­ra­tu­ren« ge­fun­den, die drei, vier Jah­re alt wa­ren.

Da ich nun of­fen­sicht­lich so ober­fläch­lich die we­ni­gen Aus­ga­ben von »Voll­text« ge­le­sen ha­be, ist mir ent­gan­gen, dass dort An­dre­as Mai­er Kolum­nen ge­schrie­ben hat. Viel­leicht schreibt er dort noch im­mer Ko­lum­nen. Je­den­falls sind nun drei­und­zwan­zig Ko­lum­nen, die An­dre­as Mai­er von 2005 bis 2010 in »Voll­text« ge­schrie­ben hat, in ei­nem Büch­lein er­schie­nen. Es heißt »On­kel J.« und im Un­ter­ti­tel »Hei­mat­kun­de«. Es ist sehr schön, dass die­se Ko­lum­nen jetzt zusammen­gefasst er­schie­nen sind.

Von An­dre­as Mai­er hör­te ich zum er­sten Mal beim Bach­mann­preis im Jahr 2000. Er las dort die Er­zäh­lung »Dia­gno­se­stun­de«, die manch­mal an Tho­mas Bern­hard er­in­ner­te, was die Ju­ry (meist ganz toll aus­ge­bil­de­te Ger­ma­ni­sten) na­tür­lich so­fort er­kann­te. Mai­er fiel schon vor­her auf, weil es über ihn kei­nen Film wie von al­len an­de­ren gab, der ihn vor­stel­len soll­te. Er lehn­te es ab, ei­nen Film über sich zu dre­hen. Die Fil­me be­nut­ze ich oft, um ei­nen Kaf­fee zu ho­len. Mai­ers Le­sung über­stand ich oh­ne Kaf­fee. Ob­wohl oh­ne Vor­stel­lungs­film be­kam er den drit­ten Preis, der aber nicht »drit­ter Preis« hieß, son­dern da­mals »Ernst-Will­ner-Preis«. Ich er­in­ne­re mich noch: Als An­dre­as Mai­er den Preis über­reicht be­kam, konn­te man hö­ren, wie er den Über­brin­ger der Ur­kun­de frag­te, wer Ernst Will­ner ge­we­sen war. Man konn­te aber die Ant­wort nicht ver­ste­hen, weil das Pu­bli­kum ap­plau­dier­te.

Und neu­lich ha­be ich (et­was ver­spä­tet) ein Ra­dio­ge­spräch auf hr2 mit An­dre­as Mai­er ge­hört. Dort sag­te er, die Fern­seh­sen­dung »Die Fa­mi­lie Hes­sel­bach« sei für ihn sehr wich­tig ge­we­sen (er er­wähnt dies auch in ei­ner Ko­lum­ne). Auch und vor al­lem äs­the­tisch. Da er­in­ner­te ich mich an »Wäld­chestag«, sei­nen Erst­ling über ein Volks­fest und die Ereig­nisse drum­her­um. Den Dorf­klatsch zum Bei­spiel. »Klau­sen« hat­te ich noch ge­le­sen, aber die­ses Buch kam ir­gend­wie nicht an »Wäld­chestag« her­an. Da­nach ha­be ich nur noch ei­ne Be­spre­chung von An­dre­as Mai­er in der »Zeit« über Grass’ »Die Box« ge­le­sen (hier gab er zu, vor­her noch nie ein Buch von Grass ganz ge­le­sen zu ha­ben, höch­stens viel­leicht ein paar Sei­ten). Und, Jah­re vor­her, ei­ne Art Re­por­ta­ge, eben­falls in der »Zeit«, über das Wend­land und die Atom­müll­trans­por­te.

Neu­lich…

An­dre­as Mai­ers Ko­lum­nen be­gan­nen (be­gin­nen?) im­mer mit Neu­lich. Manch­mal tra­gen sie ganz ko­mi­sche Ti­tel, wie »Neu­lich las ich die Rei­se nach Pe­tusch­ki und träum­te von Ger­hard Schrö­der«. Oder »Neu­lich ha­be ich mir ei­ne Ka­mel­haar­strick­jacke ge­kauft«. Das er­innert schon wie­der an Tho­mas Bern­hard (die Dra­mo­let­te) oder ei­ner Ge­schich­te aus »Mei­ne Prei­se«, die Mai­er aber gar nicht ken­nen konn­te, da sie da­mals noch gar nicht er­schie­nen war, es sei denn, je­mand von Suhr­kamp hät­te ihm da­von er­zählt. Auch sein Be­such der JVA Butz­bach er­in­nert ein biss­chen an Tho­mas Bern­hard, weil im Theater­stück »Der Thea­ter­ma­cher« die Ti­tel­fi­gur Brus­con von ei­ner Vor­stel­lung in ei­nem Ort na­mens »Utz­bach« er­zählt und je­der (auch die­je­ni­gen, die nicht un­be­dingt stu­diert ha­ben) weiß, dass mit »Utz­bach« ei­gent­lich »Butz­bach« ge­meint ist und als Me­ta­pher für das von Bern­hard so ver­hass­te deut­sche Stadt­thea­ter steht, wel­ches für ihn ein »Pro­vinz­thea­ter« war.

Ein­mal er­zählt An­dre­as Mai­er wie er »Mein Kampf« ge­le­sen hat, in ei­nem mo­bi­len Buchein­band mit ei­nem Hirsch­ge­weih, da­mit man in der Stra­ßen­bahn nicht an­ge­spro­chen und/­oder be­äugt wird. Ja, er re­zen­siert es fast. Es wä­re nicht lang­wei­lig ge­we­sen, schreibt er (ich fand es lang­wei­lig) und er wird am En­de das Ge­fühl nicht los, al­les das, al­so zum Bei­spiel die­se Be­schimp­fungs­vir­tuo­si­tät und Über­trei­bungs­vir­tuo­si­tät des Au­tors Adolf Hit­ler, schon mal ganz ähn­lich bei ei­nem an­de­ren öster­rei­chi­schen Au­tor ge­le­sen zu ha­ben. In ei­ner der näch­sten Ko­lum­nen schreibt er dann de­zi­diert, dass ihn die Sät­ze Adolf Hit­lers an Tho­mas Bern­hard er­in­nern. Was na­tür­lich ei­ne klei­ne Pro­vo­ka­ti­on ist, denn es gab in der öster­rei­chi­schen Li­te­ra­tur kaum je­man­den, dem der Hit­le­ris­mus und National­sozialismus der­art ver­hasst war als Tho­mas Bern­hard.

Oder Mai­er er­zählt von sei­nen Le­sun­gen. In Mos­kau. Oder in Karls­ru­he. In Karls­ru­he sag­te ich auf die Fra­ge, ob ich Hei­mat­dich­ter sei, ja. Und war für ei­nen Mo­ment plötz­lich sehr glück­lich. Auch hier prä­zi­siert Mai­er in ei­ner spä­te­ren Ko­lum­ne. Der Fra­ge­stel­ler ha­be ein sa­di­sti­sches Lä­cheln ge­zeigt. Er ha­be ihn da­mit bloß­stel­len wol­len. Aber es ist na­tür­lich klar, dass An­dre­as Mai­er ein Hei­mat­dich­ter ist. Ein Hei­mat­dich­ter wie Uwe John­son ei­ner war. Oder Hein­rich Böll. Her­mann Lenz. Mo­ni­ka Ma­ron und Uwe Tell­kamp (um auch le­ben­de Schrift­stel­ler zu nen­nen). In Gren­zen auch Tho­mas Bern­hard (der eher ein An­ti-Hei­mat­dich­ter war; der Na­me sei jetzt zum letz­ten Mal in die­ser Be­spre­chung er­wähnt). Mai­er nennt Pe­ter Kurz­eck und Ar­nold Stad­ler (er scheint bei­de zu be­nei­den).

An­dre­as Mai­er ist der Dich­ter der Wet­terau. Der Wet­ter­au­er sei der Schwei­zer Deutsch­lands. Ei­ne Ge­gend, die im fast wört­li­chen Sin­ne ver­schwin­det. Mai­er schreibt so­gar, das sie nicht mehr exi­stiert. Statt­des­sen exi­stie­ren Ortsumgehungs­straßen. Und die­se Orts­um­ge­hungs­stra­ßen zer­stört ei­ne Land­schaft; sie zer­stö­ren die Or­te, die durch sie ge­schützt wer­den sol­len. Ein Pa­ra­do­xon:

Die Wet­ter­au­er spa­zie­ren über die mit Sand auf­ge­schüt­te­te Tras­se der Umgehungs­straße, von Fried­berg, vom al­ten Pro­me­na­den­weg aus, der nicht mehr exi­stiert, über die Fel­der, die nicht mehr exi­stie­ren, nach Ock­stadt, das noch exi­stiert und das zu­künf­tig eben­falls um­gan­gen wird, das heißt um­fah­ren, und wo man den al­ten Ock­städ­ter Kirsch­berg bald bei ein­hun­dert­drei­ßig Stun­den­ki­lo­me­tern aus dem Au­to­fen­ster be­trach­ten kann.

Die Hei­mat wird zur Orts­um­ge­hungs­stra­sse

Und so geht die Welt lang­sam zu­grun­de. Mei­ne Hei­mat wird jetzt zu ei­ner Ortsum­gehungs­straße, un­ser Kur­park wird durch die Lan­des­gar­ten­schau ver­nich­tet, nie­mand trinkt mehr Ap­fel­wein, und ich sit­ze, mit neun­und­drei­ßig of­fen­bar schon ver­greist und zum al­ten Ei­sen und zur al­ten Welt ge­hö­rend, ir­gend­wo mit­ten im Nichts ei­ner mir nicht mehr ver­ständ­li­chen Um­ge­bung, durch die ich des­ori­en­tiert tap­pe und die, wie zum Hohn, im­mer noch Bad Nau­heim und im­mer noch Wet­terau heißt.

Aber im­mer wie­der be­sucht Mai­er die Wet­terau, die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit, die ihm da auf Schritt und Tritt be­geg­net, die aber im­mer sel­te­ner wird, weil al­les ver­schwin­det, Ort­schaf­ten, Häu­ser, Knei­pen, Ap­fel­wein­stu­ben. Da­für sind die Er­in­ne­run­gen um­so stär­ker, be­son­ders an den ge­burts­be­hin­der­ten On­kel J., den er und al­le an­de­ren nicht moch­ten, die­sen stin­ken­den, zu­rück­ge­blie­be­nen Mann und nach all den Jahr­zehn­ten stellt Mai­er fest, dass er dem On­kel im­mer ähn­li­cher wird, er wohnt in des­sen Haus, sucht ähn­li­che Lo­ka­le auf und spricht beim Gän­see­ssen schon so wie der On­kel zu Weih­nach­ten. On­kel J. wird zum Dreh- und An­gel­punkt in Mai­ers Le­ben und sei­nen Ko­lum­nen um sein Le­ben.

Es gibt wun­der­ba­re Per­si­fla­gen in die­sen Ko­lum­nen, et­wa über den Li­te­ra­tur­be­trieb und die Ver­ga­be von Sti­pen­di­en im Li­te­ra­tur­be­trieb (er rech­net aus, dass er in knapp zwei Jah­ren Sti­pen­dia­ten­tum mi­nus 80 Sei­ten ge­schrie­ben hat [er hat ein grö­ße­res Text­konvolut ver­nich­tet] und so­mit für je­de ver­nich­te­te Sei­te 250 Eu­ro be­kam). Es gibt ein biss­chen Po­sie­ren über das ul­ti­ma­tiv letz­te Buch (mit dem Ti­tel »Orts­um­ge­hung«), wel­ches auf 3.000 Sei­ten ei­ne Weg­strecke von 500 Me­tern be­schrei­ben soll (auch das ei­ne An­spie­lung auf ein In­ter­view des be­kann­ten öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers, des­sen Na­me nicht mehr er­wähnt wer­den soll).

Oder die tra­gi­ko­mi­sche Ge­schich­te von Tan­te Len­chen, de­ren bruch­lo­ses Le­ben von der NSDAP-Mit­glied­schaft in die Deut­sche Bau­ern­par­tei der DDR und die Ver­nich­tung all ih­rer Auf­zeich­nun­gen durch die näch­sten Ver­wand­ten nach ih­rem Tod: Da schrieb sie sieb­zig Jah­re an ih­rem pri­va­ten Echo­lot, und an­schlie­ßend so­fort weg. Ent­sorgt. Es gibt humor­volle Be­schrei­bun­gen aus dem Wend­land, ei­nem of­fen­sicht­lich ganz ei­ge­nen Menschen­schlag in ih­ren Rund­lin­gen, je­der ein Aste­rix­dorf und die Män­ner ha­ben al­le­samt Bär­te. Es gibt bis­wei­len ko­mi­sche Sät­ze wie Die Lie­be ist sehr laut im Pfer­de­stall. Und manch­mal ist Mai­er auch ein biss­chen mo­ra­lisch, et­wa wenn er auf den »Wil­ly-Brandt-Platz« in Frank­furt hin­weist, der frü­her Thea­ter­platz hieß, und auf die Tat­sa­che, dass man Wil­ly Brandt in Frank­fur­ter Gast­wirt­schaf­ten hier und da nach wie vor als Deutschland­verräter be­zeich­net.

»Vom Neu­lich ins Einst­mals pla­niert«

Aber in kei­nem die­ser The­men er­reicht Mai­er die In­ten­si­tät und durch­aus auch das Pa­thos all die­ser Wet­terau- und Kind­heits­ge­schich­ten, ei­ner Hei­mat, die vom Neu­lich ins Einst­mals ge­ra­de­zu pla­niert wird. Und das al­les, ob­wohl Mai­er be­kennt, Ver­gan­gen­heit ha­be ihn noch nie in­ter­es­siert, nur die Ge­gen­wart. Die Ver­gan­gen­heit war auch nie besser…aber man kann die Ver­gan­gen­heit wun­der­bar ge­gen die Ge­gen­wart ver­wen­den, denn das ver­steht im­mer je­der, auch wenn er gar nicht merkt, dass das bloß ein Trick ist. Mai­er ver­wen­det sich aus­drück­lich ge­gen ein »frü­her war al­les bes­ser« und die Zustimm­ungen von der »fal­schen« Sei­te. Die Frie­dens­be­we­gung, das links-sein, die Pha­se des an­strengenden An­ti-Spie­ßer­tums – al­les über­standen. Er ver­teu­felt das al­les nicht, be­schwört aber auch nicht die ver­gan­ge­ne Zeit, son­dern me­di­tiert nur der Mög­lich­keit hin­ter­her, un­ter den glei­chen Be­din­gun­gen wie all die Ver­wand­ten (in­klu­si­ve On­kel J.) le­ben zu kön­nen (und es viel­leicht ein biss­chen bes­ser ma­chen zu kön­nen). Mai­ers Ab­ge­sang auf die Wet­terau ist die Trau­er um die Mög­lich­keit, sei­ner Her­kunft ge­mäß zu al­tern. Es sind Pro­to­kol­le ei­ner Schwer­mut um ein ihm vor­ent­hal­te­nes Wei­ter-Le­ben.

Und was bleibt? Die Wet­ter­au­er Ma­le­rin, die mit ei­ner hart­näcki­gen Kon­se­quenz malt, ob­wohl es kei­ne Aus­stel­lun­gen, kei­ne Do­ku­men­ta­ti­on, kei­ne Öf­fent­lich­keit, nichts gibt, ihr Na­me ist nie­man­dem be­kannt (auch Mai­er nennt ihn nicht) und nicht ein­mal den Wet­ter­au­er Kul­tur­preis hat sie be­kom­men. Und der Wichs­busch, ein Busch ne­ben dem Fried­ber­ger Sport­feld, aus dem, wenn die Zehnt­kläß­le­rin­nen trai­nie­ren, al­le paar Mi­nu­ten klei­ne wei­ße Pa­pier­chen her­aus­flie­gen. Heißt es. Es gibt ihn noch, den Wichs­busch, und manch­mal fin­den so­gar Bun­des­ju­gend­spie­le di­rekt ne­ben ihm statt. Zehn Me­ter hin­ter ihm be­ginnt die Tras­se der Um­ge­hung. Der Wichs­buch hat es ge­schafft. Ge­ra­de noch so.

An­dre­as Mai­ers Ko­lum­nen sind ge­ball­te Hei­mat­kun­de. Vom Fein­sten. Dar­auf ei­nen Ap­fel­wein.


Die kur­siv ge­setz­ten Stel­len sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Him­mel­hilf, was ist »Haupt­ein­heit 234?«
    Ob­wohl in Geo­gra­fie und Hei­mat­kun­de recht gut, muss­te ich doch erst nach­schau­en, was und wo die »Wet­terau« ist.
    Der Ein­stiegs-Satz im Wi­ki­pe­dia-Ein­trag zur »Wet­terau« scheint An­dre­as Mai­ers Um­ge­hungs­stra­ßen-Text voll zu be­stä­ti­gen:
    »Die Wet­terau ist ei­ne Land­schaft in Hes­sen (Deutsch­land). Na­tur­räum­lich wird sie zum Rhein-Main-Tief­land ge­zählt und bil­det die Haupt­ein­heit 234.«

  2. Len­chen Voll­text-Mai­er (klingt ir­gend­wie nach SPD, oder?)
    Nur um rasch die Fra­ge zu be­ant­wor­ten: Ja, Mai­er schreibt noch an sei­ner Ko­lum­ne. Al­ler­dings mit in letz­ter Zeit stark wech­seln­der Qua­li­tät. Kann sein, das Wis­sen, dass das Ge­schrie­be­ne dem­nächst in an­de­re Kon­tex­te ge­stellt wird, nimmt den Tex­ten ein we­nig die Prä­senz für’s Jetzt. So wird’s ein paar­mal schon re­gel­recht »selbst­re­fe­ren­ti­ell«. (Und Hei­mat­kun­de: braucht sie nicht ei­ne mu­ti­ge­re Art Tri­an­gu­la­ti­on des Be­ob­ach­tungs­punk­tes? Oder eben mehr Bernhard’sche Kau­zig­keit.)

    Zur Zeit­schrift »Voll­text« noch: Ich ver­ste­he Ih­ren Re­flex ge­gen das Blätt­chen nicht so ganz. Für we­nig Geld kon­ti­nu­ier­lich the­ma­tisch durch­aus wech­sel­haf­te Tex­te zu brin­gen, find ich nicht schlecht! Da muss ich dann auch nicht im­mer ein­ver­stan­den sein mit den ex- oder im­pli­zi­ten Wer­tun­gen bzw. den Seil­schaf­ten, die da­hin­ter ste­hen. Wenn es zwei drei le­sen­wer­te Ar­ti­kel gibt (und die gibt es im­mer), hat es sich schon ge­lohnt. Fin­de ich.

     

  3. Ja, Sie ha­ben recht, was Voll­text an­geht. Ich ha­be auch kei­ne Aver­si­on ge­gen das Blatt. Ich füh­le mich nur in der letz­ten Zeit so we­nig in der La­ge ne­ben Bü­cher auch noch Zeit­schrif­ten oder Zei­tun­gen zu le­sen (wie bspw. die ZEIT). Al­len­falls reicht es für den ein oder an­de­ren Ar­ti­kel aus dem Netz.

    Tja, Mai­ers Kau­zig­keit. ich fand das Büch­lein sehr, sehr nett. Na­tür­lich ko­ket­tiert er manch­mal mit sei­ner Kau­zig­keit ein we­nig, aber die­ses Ver­lie­ren der Kind­heits­hei­mat durch die schnö­der Ver­stra­ssung fin­de ich schon ei­nen ge­lun­ge­nen und in den Ko­lum­nen ge­nug ge­lin­gen­den To­pos (viel­leicht weil es et­was ähn­li­ches der­zeit in mei­ner Hei­mat-/Kind­heits­stadt auch gibt, in der gan­ze Stra­ßen­zü­ge ab­ge­ris­sen wer­den, um ir­gend­wel­che Stra­ssen zu er­rich­ten).

    Und na­tür­lich tut es meist Ko­lum­nen (oder auch Ta­ge­bü­chern) nicht so be­son­ders gut, wenn der Au­tor weiss, dass sie spä­ter ver­wer­tet (bzw. zweit­ver­wer­tet) wer­den. Mai­er ist im üb­ri­gen ein Schrift­stel­ler, den ich zur sehr ge­ho­be­nen Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur zäh­len möch­te. Et­was wirk­lich Gro­sses wird er m. E. nicht schaf­fen. Aber viel­leicht will er das auch gar nicht.

  4. ?
    »Mai­er ist im üb­ri­gen ein Schrift­stel­ler, den ich zur sehr ge­ho­be­nen Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur zäh­len möch­te. Et­was wirk­lich Gro­sses wird er m. E. nicht schaf­fen.«
    – Sie er­stau­nen mich manch­mal! Die zwei Sät­ze klin­gen mir fast ein we­nig nach Re­sü­méen à la MRR. Ich ken­ne ich von Mai­er wei­ter nichts (bin aber auch nicht neu­gie­rig).

    Ta­ge­bü­cher ha­be ich im­mer gern ge­le­sen, und ich bin mir nicht ganz si­cher, war­um. (Bei Jün­ger et­wa ist es fast das ein­zi­ge, was ich über­haupt von ihm er­tra­ge. Bei Gom­bro­wicz ist es fast an­nä­hernd gleich­wer­ti­ge Schrift wie auch er­gie­bi­ger und er­hel­le­ner Selbst­kom­men­tar. Bei Pave­se da­ge­gen mehr oder we­ni­ger schie­len­de, ver­qua­ster Un­ter­bie­tung sei­ner lu­zi­den Kraft zur Li­te­ra­tur.)

    Ha­be ge­ra­de, um­stän­de­hal­ber, Ta­ge­bü­cher von Rühm­korf und Wal­ser durch­ge­ackert. Fühl­te mich wirk­lich sehr gut un­ter­hal­ten! Ich den­ke noch nach, wo­her das kommt. Ich tip­pe auf so et­was wie ver­dich­te­te Zeit­ge­nos­sen­schaft, die ei­ner­seits Echos in ei­nem sel­ber aus­löst, an­de­rer­seits aus sich an­ge­rei­chert ge­nug ist, auch aus dem »Be­gleit­schrei­ben« des Be­han­del­ten viel auf­zu­ru­fen. Das al­les, wäh­rend das Re­gio­na­le, nur ört­lich Be­zo­ge­ne, mich oft nicht so recht er­reicht (es sei denn, ich ha­be sel­ber ei­ne Be­zie­hung zu dem be­tref­fen­den Ort).

    Au­ßer­dem: Sehr ähn­li­cher Ef­fekt auch bei mir, dass ich ei­gent­lich nur noch im­mer we­ni­ger Se­kun­där­schrift le­sen mag. Ich ver­mu­te fast, es ist auch ein ver­scho­be­nes Zeit-Ma­nage­ment mit mir sel­ber: Kei­ne Lust mehr, viel zu ver­plem­pern.

     

  5. !
    Wie ge­sagt, »Wäld­chestag« fand ich ganz gut, »Klau­sen« nicht mehr so. Die an­de­ren Bü­cher ken­ne ich nicht mehr – dann jetzt »On­kel J.« Viel­leicht ist ‘ge­ho­be­ne Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur’ die fal­sche Ka­te­go­rie.

    Mir fällt auf An­hieb je­mand wie Mar­cel Bey­er oder auch Tell­kamp ein: die­se Vir­tuo­si­tät se­he ich bei Mai­er nicht. Viel­leicht hat er aber auch gar nicht die­sen An­spruch. Von den an­de­ren Gran­den will ich gar nicht re­den.

    Walsers Ta­ge­bü­cher: Ge­ra­de die Stel­le über MRR vor­ge­le­sen ge­hört (in der »Bestenliste«-Sendung im Ra­dio). Sel­ten et­was tref­fen­de­res über den so­ge­nann­ten Gross­kri­ti­ker mit­be­kom­men. Und das war 1976.

    Viel­leicht braucht man die Se­kun­där­li­te­ra­tur auch im­mer we­ni­ger, weil man in­zwi­schen sei­ne ei­ge­ne im Kopf hat.

  6. Ich moch­te »On­kel J.« auch sehr. Ha­be Mai­er schon öf­ter dar­aus le­sen hö­ren, zu letzt im aus­ver­kauf­ten Frank­fur­ter Li­te­ra­tur­haus. Er ist ein Au­tor, der das Vor­tra­gen durch­aus be­herrscht und sehr gut zu un­ter­hal­ten ver­mag. Im Lit. Haus hat­te er noch ei­nen ira­ni­schen Oud spie­ler da­bei, was ei­nen in­ter­es­san­ten Ge­gen­satz zu den Ge­schich­ten aus der Wet­terau bil­de­te. Ich bin jetzt sehr ge­spannt auf sein gro­ßen Pro­jekt mit der »Orts­um­ge­he­hung«.