Tho­mas Bern­hard: Mei­ne Prei­se

Thomas Bernhard: Meine Preise

Tho­mas Bern­hard: Mei­ne Prei­se

Ei­ne Zeit­rei­se. Ein déjà-vu. Er ist wie­der da. Man hält ein neu­es Buch in der Hand, »Mei­ne Prei­se«. Na­tür­lich weiss man – es ist ein nach­ge­las­se­nes Werk. Rai­mund Fel­lin­ger ord­net es am En­de phi­lo­lo­gisch ein. Um 1980 (viel­leicht 1981) her­um hat­te es Tho­mas Bern­hard fer­tig­ge­stellt; ei­ni­ge Sei­ten des Ty­poskripts sind fak­si­mi­liert. Für ei­nen kur­zen Nach­mit­tag nur be­ginnt die Wü­ste wie­der zu le­ben. Aber klar, Tho­mas Bern­hard bleibt tot und bis auf wei­te­res sind kei­ne Wun­der zu er­war­ten.

Na­tur­ge­mäss (!) möch­te der Ver­lag ei­ne Art Re­vi­val be­grün­den. Ein neu­es Buch! Zwan­zig­ster To­des­tag! Jo­sef Wink­ler mein­te neu­lich, dass kaum ein Schrift­stel­ler die öster­rei­chi­sche Li­te­ra­tur der 1960er bis 90er Jah­re so be­ein­flusst ha­be wie Tho­mas Bern­hard (zu den Epi­go­nen seufz­te er). Tat­säch­lich war Bern­hard kur­ze Zeit auch der meist­ge­spiel­te Dra­ma­ti­ker auf deutsch­spra­chi­gen Büh­nen. Und heu­te? Bern­hard wer­de von den jun­gen Schrift­stel­lern, so Wink­ler, kaum noch ge­le­sen (ähn­lich wie Hand­ke, aber das ist ein an­de­res The­ma).

Vom Schrift­stel­ler zum In­ter­view­künst­ler

Wor­an liegt das? An Ro­ma­nen wie »Holz­fäl­len« oder »Aus­lö­schung« und dem Thea­ter­stück »Hel­den­platz« – al­le­samt von ho­hem skan­dal­träch­ti­gen Po­ten­ti­al? An der fast my­sti­schen Ver­eh­rung, die dem Auf­re­ger Bern­hard schon zu Leb­zei­ten zu­teil wur­de? Bern­hard war das, was man in der Po­li­tik ei­nen »Po­la­ri­sie­rer« nennt.

Un­ver­gess­lich die­se mal­lor­qui­ni­schen (und ma­dri­le­ni­schen) Ge­sprä­che (Ge­sprä­che? oder doch eher pla­to­ni­sche Dia­lo­ge?) mit Kri­sta Fleisch­mann (ver­blüf­fend die Par­al­le­le die­ses Set­tings mit der des Prot­ago­ni­sten Ru­dolf aus »Be­ton«).

Fleisch­mann hat­te ver­stan­den, dass man Bern­hard nur aus­re­den las­sen muss, um sei­nen Welt­zorn, der ge­le­gent­lich als Ekel von ihm ar­ran­giert wur­de, zu mil­dern und in hin­ter­sin­ni­ge, manch­mal arg wohl­klin­gen­de Sen­ten­zen zu ver­wan­deln. Und welch ein Un­ter­schied zwi­schen die­se locke­ren Kaf­fee­haus­plau­de­rei­en und dem blei­schwe­ren Zy­nis­mus des an­de­ren gro­ssen Welt­zor­ni­gen Hei­ner Mül­ler we­ni­ge Jah­re spä­ter (ins­be­son­de­re mit sei­nem Ecker­mann Alex­an­der Klu­ge). Nie war die Dif­fe­renz zwi­schen öster­rei­chi­scher Gran­dez­za und deut­schem Schwer­mut sicht­ba­rer als hier. Bern­hard und Mül­ler wur­den, als ih­re schrift­stel­le­ri­sche Kraft nach­liess, In­ter­view­künst­ler; sie ver­wan­del­ten sich mehr und mehr in Schrift­stel­ler-Dar­stel­ler. Im Ge­gen­satz zu den heu­ti­gen Plap­per­lüm­meln hör­te man bei­den (al­ler Un­ter­schie­de zum Trotz) noch mit Ge­winn (und Ver­gnü­gen) zu.

Aber ih­re Werk­re­zep­ti­on litt dar­un­ter.

Der frü­he und der spä­te Bern­hard

Der wah­re Bern­hard-Le­ser er­in­nert sich: Wie atem­los folg­te man dem ere­mi­ten­haft le­ben­den Ma­ler Strauch aus »Frost«, der sei­ne Welt­ab­ge­wandt­heit aus pu­rer Ver­zweif­lung ze­le­briert (aber nicht re­flek­tiert), da­bei ge­le­gent­lich in sar­ka­sti­schen Hu­mo­res­ken flüch­tet und am En­de ent­we­der dem Wahn­sinn oder dem Frei­tod na­he scheint. Dann ein ru­hi­ges, fast sanf­tes, aber den­noch un­heim­li­ches Buch (»Am­ras«) über die Flucht von zwei Brü­dern. Und mit wel­cher In­ten­si­tät er­puz­zel­te man sich die Ge­schich­te um den Frau­en­mör­der Kon­rad in »Das Kalk­werk«, die in un­ter­schied­lich­sten Ver­sio­nen der »Kron­zeu­gen« Fro und Wie­ser und aus Kon­rads Auf­zeich­nun­gen her­aus­de­stil­liert wer­den muss­ten (und ei­nen Ge­rüch­te­raum son­ders­glei­chen hin­ter­lie­ssen). Und wie er­grif­fen folg­te man den Aus­füh­run­gen des wahn­sin­nig schei­nen­den Für­sten in »Ver­stö­rung«. Und dann die­se be­ses­se­ne Ber­se­ker­haf­tig­keit des Prot­ago­ni­sten Roit­ham­mer in »Kor­rek­tur«, der ein Bau­werk für sei­ne Schwe­ster plant, den »Ke­gel«, und dann den Frei­tod wählt (un­ver­gess­lich die letz­ten Wor­te des Bu­ches: »Das En­de ist kein Vor­gang. Lich­tung.«). Auch hier die­ses Ge­spinst von nach­ge­tra­ge­nen Er­zäh­lun­gen, Ge­rüch­ten und Mut­ma­ssun­gen.

Die Li­te­ra­tur des frü­hen Bern­hard, ein Fas­zi­no­sum. El­lip­ti­sche Schach­tel­sät­ze, die ab­schnitts- und ka­pi­tel­los die Sei­ten fül­len und nie­mals kommt man auf die Idee vor­zu­blät­tern. All die­se wuch­ti­gen, be­klem­mend-ein­neh­men­den Bü­cher, die ei­nen im­mensen Sog und auf ei­ne ver­blüf­fen­de Wei­se am En­de Hoff­nung er­zeu­gen konn­ten. Und manch­mal fühl­te man sich auf ei­ne ku­rio­se Wei­se ver­stan­den, weil da je­mand stell­ver­tre­tend für ei­nen sel­ber die Welt so sah, wie man sie im Zu­stand des Über­gangs von Me­lan­cho­lie in die Re­si­gna­ti­on fühlt (und fürch­tet) und tat­säch­lich emp­fand man sich am En­de mit­un­ter ka­thar­tisch ge­rei­nigt.

Die spä­ten Bü­cher dann, mit eher glat­ter Rou­ti­ne ge­schrie­ben, so häu­fig nur noch Über­trei­bungs­ma­schi­ne, die manch­mal sehr ge­ölt wirk­te, sprach­lich zwar im­mer noch au­sser­ge­wöhn­lich, aber es fehl­te der Nach­klang. Li­te­ra­tur, die nicht mehr durch­läs­sig war, son­dern, wie es mo­der­ne Tex­ti­li­en ver­mö­gen, den Re­gen ab­per­len lässt. Statt exi­sten­zia­li­sti­scher Welt­ver­zweif­lung blei­ben meist nur wü­ten­der Fu­ror und ein paar drol­lig-skur­ri­le Prot­ago­ni­sten. We­ni­ge Ma­le nur noch durch­brach Bern­hard die­ses all­zu durch­schau­ba­re, af­fekt­re­du­zier­te Kunst­hand­werk (un­ter an­de­rem mit sei­nem wohl be­sten Thea­ter­stück »Der Thea­ter­ma­cher«).

In­sti­tu­tio­na­li­sier­tes Ba­nau­sen­tum

Die er­nüch­tern­de Fest­stel­lung Bern­hards in »Mei­ne Prei­se« ist, dass die ihm zu­er­kann­ten Prei­se (die merk­wür­di­ger­wei­se in nicht-chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge auf­ge­führt wer­den) mit ihm und sei­nen Bü­chern höch­stens (wenn über­haupt) nur am Ran­de zu tun ha­ben. Zur Ver­lei­hung des Grill­par­zer-Prei­ses 1972 (hier­mit be­ginnt das Buch) setzt er sich, da man am Ein­gang nicht die ge­ring­ste No­tiz von ihm nimmt und kein Mensch ihn emp­fängt, zu­sam­men mit sei­ner »Tan­te« (Hed­wig Sta­via­nicek, die in Wirk­lich­keit in kei­ner­lei ver­wandt­schaft­li­chem Ver­hält­nis zu ihm stand) in ei­ne hin­te­re Rei­he (und va­ri­iert da­mit den kind­li­chen Ge­dan­ken, bei sei­ner ei­ge­nen Be­er­di­gung zu Gast zu sein), be­vor er dann auf­ge­for­dert wird, in der er­sten Rei­he Platz zu neh­men, ne­ben der Mi­ni­ste­rin, die flugs in ein Mi­ni­ster­schnar­chen ver­fällt. Akri­bisch wer­den im­mer wie­der die teil­wei­se gra­vie­ren­den Feh­ler oder mehr oder we­ni­ger ver­steck­ten Ge­mein­hei­ten auf­ge­li­stet, die in den Lau­da­tio­nes auf­tau­chen (so wird er ein­mal als ein in ‘Hol­land ge­bo­re­ner Aus­län­der’ be­zeich­net). Für Bern­hard Be­le­ge für so et­was wie ein in­sti­tu­tio­na­li­sier­tes Ba­nau­sen­tum.

Den Preis­ge­bern und de­ren Re­prä­sen­tan­ten sind Per­so­nen und Werk, die mit ih­ren Prei­sen aus­ge­zeich­net wer­den sol­len, gleich­gül­tig. Bern­hard er­fährt das selbst, als er als Ju­ry­mit­glied des Bre­mer Li­te­ra­tur­prei­ses 1966 (er hat­te den Preis ein Jahr vor­her ge­won­nen und war da­her au­to­ma­tisch in der Ju­ry) das Pro­ze­de­re der Preis­fin­dung bei­wohnt. Bern­hard woll­te Eli­as Ca­net­ti vor­schla­gen, der, wie ich glau­be, bis da­hin noch kei­nen ein­zi­gen Li­te­ra­tur­preis be­kom­men hat­te.

Und dann,

al­le hat­ten ih­ren Kan­di­da­ten, der nie­mals Ca­net­ti ge­we­sen war, ge­nannt, als ich an die Rei­he ge­kom­men war und ‘Ca­net­ti’ sag­te. Ich war da­für, Ca­net­ti den Preis zu ge­ben für sei­ne ‘Blen­dung’, das ge­nia­le Ju­gend­werk, das ein Jahr vor die­ser Ju­ry­sit­zung wie­der neu ge­druckt wor­den war. Meh­re­re Ma­le sag­te ich das Wort ‘Ca­net­ti’ und je­des Mal hat­ten sich die Ge­sich­ter an dem lan­gen Tisch weh­lei­dig ver­zo­gen. Vie­le an dem Tisch wuss­ten gar nicht, wer Ca­net­ti war, aber un­ter den we­ni­gen, die von Ca­net­ti wuss­ten, war ei­ner, der plötz­lich, nach­dem ich wie­der Ca­net­ti ge­sagt hat­te, sag­te: aber der ist ja a u c h Ju­de. Dann hat­te es nur noch ein Ge­mur­mel ge­ge­ben und Ca­net­ti war un­ter den Tisch ge­fal­len.

Die Dis­kus­si­on zieht sich schier end­los hin, Na­men fal­len und wer­den ver­wor­fen; es muss­te ei­ne Ent­schei­dung fal­len.

Zu mei­ner gro­ssen Ver­blüf­fung zog plötz­lich ei­ner der Her­ren, ich weiss wie­der nicht, wel­cher, aus dem Bü­cher­hau­fen auf dem Tisch, wie mir schien wahl­los, ein Buch von Hil­des­hei­mer her­aus und sag­te in um­wer­fend nai­vem To­ne und ge­ra­de­zu schon im Auf­ste­hen zum Mit­tag­essen: ‘Neh­men wir doch Hil­des­hei­mer, neh­men wir doch Hil­des­hei­mer’ und Hil­des­hei­mer war ge­ra­de je­ner Na­me, der wäh­rend der gan­zen stun­den­lan­gen De­bat­ten über­haupt nicht ge­fal­len war […] Wer wirk­lich Hil­des­hei­mer war, wuss­ten sie wahr­schein­lich al­le nicht. Im Au­gen­blick wur­de auch schon an die Pres­se die Mit­tei­lung ge­ge­ben, Hil­des­hei­mer sei nach die­ser über zwei­stün­di­gen Sit­zung der neue Preis­trä­ger. Die Her­ren er­ho­ben sich und gin­gen hin­aus in den Spei­se­saal. Der Ju­de Hil­des­hei­mer hat­te den Preis be­kom­men. Für mich was d a s die Poin­te des Prei­ses. Ich ha­be sie nicht ver­schwei­gen kön­nen.

Das Preis­geld zählt

Bern­hard stellt fest, dass man die Prei­se nicht ver­gibt, um je­man­den aus­zu­zeich­nen, son­dern um sich selbst in ein be­stimm­tes (gu­tes) Licht zu stel­len. Der Ruhm des Aus­ge­zeich­ne­ten soll auf den Preis­ge­ber aus­strah­len, der dies wie­der­um mit ent­spre­chen­dem Ge­stus an­zu­er­ken­nen hat. Bern­hard möch­te je­doch den Preis­ge­bern die­sen »fal­schen Ruhm« mit al­ler Kraft ver­der­ben. Die Dan­kes­re­den ver­fasst er bei­na­he im­mer in al­ler­letz­ter Mi­nu­te (was man bei der Lek­tü­re – zu­mal aus dem zeit­li­chen Ab­stand her­aus – durch­aus be­merkt) und ver­wei­gert die üb­li­chen for­mel­haf­ten Ela­bo­riert­hei­ten. Bern­hards Re­ak­tio­nen in Form der im wahr­sten Sin­ne des Wor­tes vom Mun­de ab­ge­spar­ten Re­den sind le­gen­där. Spä­te­stens mit der Dan­kes­re­de zum »Klei­nen Öster­rei­chi­schen Staats­preis«, die im An­hang des Bu­ches ab­ge­druckt ist und für ei­nen Eklat sorg­te, ist die Stig­ma­ti­sie­rung in der Öf­fent­lich­keit per­fekt. Liest man die­se Re­de heu­te nach (sie ist im An­hang ab­ge­druckt), so wun­dert man sich ob der ho­hen Wel­len, die sie ge­schla­gen hat.

Fahrt zu ei­ner Hin­rich­tung nennt er ein­mal die Ta­xi­fahrt zum Ver­an­stal­tungs­ort. Er be­gibt sich zu den Demütigung[en] in die­se Salonlöwenhöhle[n] letzt­lich nur auf­grund der Preis­gel­der. Nur halb­her­zig gei­sselt er sich ob der Cha­rak­ter­lo­sig­keit die­se Preis­gel­der an­zu­neh­men, aber er braucht das Geld, kauft sich da­von ein Au­to (es folgt ei­ne wun­der­bar leich­te, fröh­li­che Ge­schich­te mit fast kin­di­scher Freu­de über den Kauf ei­nes Tri­umph He­rald, die An­nehm­lich­kei­ten des Au­to­fah­rens und die Rei­se da­mit nach Ju­go­sla­wi­en – hier war er so glück­lich, wie noch nie), stürzt sich von ei­nem an­de­ren Preis­geld in ein Aben­teu­er na­mens Haus­kauf, leiht auch noch sei­nem Lek­tor Geld (und scheint froh, ihn end­lich auch ein­mal fi­nan­zi­ell un­ter­stüt­zen zu kön­nen).

Das Ge­schrie­be­ne ver­lei­tet da­zu, den Tho­mas Bern­hard im Buch für den rea­len Tho­mas Bern­hard zu hal­ten und da­mit die Er­eig­nis­se sel­ber al­le für wahr zu neh­men. In min­de­stens ei­nem Fall wi­der­sprach nach dem Vor­ab­druck von Tei­len des Bu­ches in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung der Schrift­stel­ler Ar­nold Stad­ler der Dar­stel­lung (es han­delt sich um das Preis­geld bzw. die Schil­de­rung von des­sen Über­ga­be zur Eh­ren­ga­be des Kul­tur­krei­ses des Bun­des­ver­ban­des der Deut­schen In­du­strie im Jahr 1967, die Stad­ler an­ders wi­der­gibt). Im die­sem Kon­text, ei­ner ge­wis­sen Vir­tuo­si­tät beim »Ge­stal­ten der Fak­ten« (Stad­ler), muss auch die­se, mit Ab­stand wuch­tig­ste und grob­schläch­tig­ste Erup­ti­on aus »Mei­ne Prei­se« ge­le­sen wer­den:

Die Leu­te, die mich auf den Preis an­ge­spro­chen ha­ben, dach­ten al­le, ich hät­te na­tür­lich den Gro­ßen Staats­preis be­kom­men, und ich war je­des Mal der Pein­lich­keit aus­ge­setzt, ih­nen zu sa­gen, dass es sich um den Klei­nen hand­le, den schon je­des schrei­ben­de Arsch­loch be­kom­men ha­be. Und ich war je­des Mal ge­zwun­gen, den Leu­ten den Un­ter­schied zwi­schen dem Klei­nen und dem Gro­ßen Staats­preis aus­ein­an­der­zu­set­zen, hat­te ich das ge­tan, hat­te ich den Ein­druck, dass sie mich über­haupt nicht mehr ver­stan­den. Der Gro­ße Staats­preis, sag­te ich im­mer wie­der, sei für ein so­ge­nann­tes Le­bens­werk und man be­kom­me ihn im hö­he­ren Al­ter und er wer­de von dem so­ge­nann­ten Kunst­se­nat ver­lie­hen, der sich aus al­len je­ne zu­sam­men­set­ze, die bis­her die­sen Gro­ßen Staats­preis be­kom­men ha­ben und es gä­be nicht nur den Gro­ßen Staats­preis für Li­te­ra­tur, son­dern auch den für die so­ge­nann­te Bil­den­de Kunst und den für Mu­sik et­ce­te­ra. Wenn mich die Leu­te fra­gen, wer denn die­sen so­ge­nann­ten gro­ßen Staats­preis schon be­kom­men ha­be, sag­te ich je­des Mal, lau­ter Arsch­lö­cher und wenn sie mich frag­ten, wie denn die­se Arsch­lö­cher hie­ßen, so nann­te ich ih­nen ei­ne Rei­he von Arsch­lö­chern, die ih­nen al­le un­be­kannt wa­ren, nur mir wa­ren die­se Arsch­lö­cher be­kannt. Und die­ser Kunst­se­nat set­ze sich al­so aus lau­ter Arsch­lö­chern zu­sam­men, sag­ten sie, weil du al­le, die in dem Kunst­se­nat sit­zen, als Arsch­lö­cher be­zeich­nest. Ja, sag­te ich, in dem Kunst­se­nat sit­zen lau­ter Arsch­lö­cher und zwar lau­er ka­tho­li­sche und na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche Arsch­lö­cher und da­zu noch ein paar Ali­bi­ju­den. Mich wi­der­ten die­se Fra­gen und die­se Ant­wor­ten an. Und die­se Arsch­lö­cher, sag­ten die Leu­te, wäh­len je­des Jahr neue Arsch­lö­cher in ih­ren Se­nat, in­dem sie ih­nen den Gro­ßen Staats­preis ver­lei­hen. Ja, sag­te ich, je­des Jahr wer­den neue Arsch­lö­cher in den Se­nat, der sich Kunst­se­nat nennt und ein un­aus­rott­ba­res Übel und ei­ne per­ver­se Ab­sur­di­tät in un­se­rem Staa­te ist, ge­wählt. Es ist ei­ne Ver­samm­lung der al­ler­größ­ten Nie­ten und Schwei­ne­hun­de, sag­te ich je­des Mal.

Ver­ket­tung von Miss­ver­ständ­nis­sen

Das sind die Aus­brü­che, die heu­te wei­test­ge­hend das Bild von Tho­mas Bern­hard und sei­ner Li­te­ra­tur prä­gen. Das vor­lie­gen­de Buch könn­te bei ober­fläch­li­cher Lek­tü­re die­se all­zu ein­sei­ti­ge Re­zep­ti­on durch­aus be­för­dern, zu­mal auch Bern­hards def­ti­ge (und da­bei doch kunst­vol­le) Aus­tritts­er­klä­rung aus der Deut­schen Aka­de­mie für Spra­che und Dich­tung vom De­zem­ber 1979 ab­ge­druckt ist (Bern­hard sel­ber hat­te dies ver­fügt).

Da die­se kas­ka­di­schen Er­re­gun­gen je­doch tat­säch­lich beim nä­he­ren Hin­se­hen häu­fig ge­nug ziem­lich flau er­schei­nen und nur für den kur­zen Mo­ment den Le­ser zu af­fi­zie­ren ver­mö­gen (mehr je­doch aus Me­lan­cho­lie die­sem tat­säch­lich gro­ssen Schrift­stel­ler ge­gen­über als aus Er­grif­fen­heit), ver­puf­fen sie am En­de als epi­sodi­sche Apho­ris­men, wer­den je­doch (irr­tüm­lich) re­prä­sen­ta­tiv für das ge­sam­te Werk ge­nom­men. Was dann (lei­der) schwa­che Gei­ster zum er­bärm­li­chen Epi­go­nen­tum treibt, mit dem sie dem gro­ssen (für sie auf im­mer un­er­reich­ba­ren) Hass­lie­be­ob­jekt den Gar­aus ma­chen wol­len (Schan­de über die Re­dak­teu­re, die ih­re Em­pa­thie ei­nem bank­rot­ten Schrift­stel­ler ge­gen­über durch die­se Schä­big­keit aus­to­ben und »trau­ri­ges Land, das sol­che Schwät­zer für Ori­gi­na­le hält«).

Aber in ei­ner Ge­schich­te aus »Mei­ne Prei­se« zeigt sich auch der ge­fühl­vol­le, men­schen­freund­li­che Tho­mas Bern­hard. An­läss­lich ei­nes Prei­ses für sein au­to­bio­gra­fi­sches Buch »Der Kel­ler« sitzt er ne­ben dem Prä­si­den­ten der Salz­bur­ger Han­dels­kam­mer, ei­nem Herrn Hai­den­t­hal­ler, am Tisch. Sein Salz­bur­ger Ver­le­ger flü­stert ihm ins Ohr, dass die­ser Mensch tod­krank sei und kei­ne zwei Wo­chen mehr zu le­ben ha­be (es wer­den dann sech­zehn Ta­ge sein). Bern­hard, der schon vor­her für die­sen na­tür­li­chen und je­den Pseu­do-In­tel­lek­tua­lis­mus un­ver­däch­ti­gen Mann Sym­pa­thi­en ent­wickelt, und sich er­in­nert, dass Hai­den­t­hal­ler sei­ne münd­li­che Kauf­manns­ge­hil­fen­prü­fung vor über drei­ssig Jah­ren ab­ge­nom­men hat­te, über­kommt nun ei­ne Er­schüt­te­rung. Er war nun noch viel be­hut­sa­mer mit dem vor­neh­men Her­ren, der, wie ich wuss­te, aus ei­ner der äl­te­sten Salz­bur­ger Fa­mi­li­en stamm­te. Die Schil­de­rung des wei­te­ren Fort­gangs die­ses Abend­essens und den ge­fühl­vol­len Um­gang mit die­sem Mann ge­hört zum ein­fühl­sam­sten, was Tho­mas Bern­hard ne­ben »Witt­gen­steins Nef­fe« und sei­nen pri­mär au­to­bio­gra­fi­schen Bü­chern (ins­be­son­de­re »Die Ur­sa­che« und »Der Kel­ler«) ge­schrie­ben hat.

Die Dis­kus­si­on und Er­re­gun­gen um Tho­mas Bern­hard und sei­ne skan­dal­träch­ti­gen Bü­cher und Dra­men be­frem­den und er­stau­nen heu­te aus zwei Grün­den: Zum ei­nen ist der Ton in der öf­fent­li­chen De­bat­te im Ver­hält­nis zur Zeit En­de der 80er Jah­re heu­te deut­lich schär­fer und per­sön­li­cher ge­wor­den (sieht man von ei­ni­gen Ent­glei­sun­gen ein­mal ab). Und zum an­de­ren wirkt Bern­hards Hal­tung auf ei­ne rüh­ren­de Wei­se red­lich, weil sie nicht in den heu­te fast üb­li­chen Zy­nis­mus ab­glei­tet, son­dern mo­ra­lisch (und auch su­chend) da­her­kommt (oh­ne frei­lich in Flos­kel- und For­mel­haf­tig­keit zu ver­fal­len). Trotz durch­aus ge­schick­ter me­dia­ler Be­feue­rung sei­nes Zorns wä­re es zu kurz ge­grif­fen, hier­aus ei­ne rein in­sze­na­to­ri­sche Ma­sche zu ent­decken.

Wer un­ter die Ober­flä­che die­ses »Er­re­gungs­künst­lers« schaut, ent­deckt auch in »Mei­ne Prei­se« ei­ne sehr ver­letz­li­che, sen­si­ble Per­sön­lich­keit. Zum pol­tern­den Bern­hard wur­de er im­mer mehr als er be­griff, dass man sein Werk nur als Pro­fi­lie­rungs- und Markt­in­stru­ment ge- bzw. miss­brauch­te. Bern­hards künst­le­risch-äs­the­ti­scher An­spruch wur­de ent­we­der igno­riert oder vom bür­ger­li­chen Feuil­le­ton be­kämpft. Dass dar­auf­hin Tei­le des links­li­be­ra­len Estab­lish­ments Bern­hard zu ver­ein­nah­men such­ten, be­ruh­te auf ei­nem Miss­ver­ständ­nis. Trotz sei­ner The­ma­ti­sie­rung der Ver­drän­gung der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in der öster­rei­chi­schen Ge­sell­schaft sah sich Bern­hard nie als po­li­ti­sche Ga­li­ons­fi­gur oder gar Re­vo­lu­tio­när. So fühl­te er sich zu­se­hends so­wohl schrift­stel­le­risch als auch in­tel­lek­tu­ell un­ver­stan­den. Da­her rührt Bern­hards Zeit sei­nes Le­bens (auch in die­sem Buch) be­schwo­re­ne Af­fi­ni­tät so­ge­nann­ten »ein­fa­chen Leu­ten« ge­gen­über, die ih­re Gunst nicht nach Ge­sin­nung ver­ga­ben.

Aus der fun­da­men­ta­len Des­il­lu­sio­nie­rung, die sich für Bern­hard so­wohl um ei­ne Per­son als auch dem Werk ge­gen­über her­aus­kri­stal­li­sier­te, ver­such­te er ir­gend­wann ei­ne Tu­gend zu ma­chen und tat dann (fast) al­les, um min­de­stens wei­ter wahr­ge­nom­men zu wer­den. Wenn man ihn schon nicht lieb­te, so soll­te man ihn we­nig­stens ver­ach­ten. Und für die Ver­ach­tung sei­ner Ver­äch­ter wur­de er dann um­so mehr ge­liebt. Bis heu­te.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich kenn das Werk Bernhard’s un­ge­nü­gend
    um dar­über Mei­nun­gen zu äu­ssern, ich er­in­ne­re mich als ich 1964 her­um den FROST für den ame­ri­ka­ni­schen Ver­le­ger Ge­or­ge Bra­zil­ler las, an ein Ge­fühl des Ekels wie von ei­ner ver­fau­len­den grün-brau­nen So­sse, trotz­dem mich das wuch­ti­ge die­ses Buch’s von ei­ner Emp­feh­lung zu ei­ner Ame­ri­ka­ni­schen Aus­ga­be über­zeug­te, was glau­be dann nicht bei Bra­zil­ler ge­schah. Ich setz­te mich dort ein für Car­lo Emi­lio Gadda’s Via Me­ru­la­na und das wur­de dort ge­macht, ge­ra­de wie­der neu ver­legt von der New York Re­view of Books Books, That Awe­ful Mess on the Via Me­ru­la­na.
    http://web.archive.org/web/20090923182309/http://www.nybooks.com:80/shop/product?usca_p=t&product_id=6733

    Aber ich ver­stand schon Handke’s er­ste Ae­u­sse­rung zu Bern­hard; »Ich las und las und las...« Ein Sog vor dem ich mich viel­leicht fürch­te?

    Von Bern­hard In­ter­views ha­be ich eins vor kur­zer Zeit ge­le­sen und dach­te dann, daß der viel­leicht ei­ner der dümm­sten Men­schen über­haupt sei. Der An­griff Diller’s in der FAZ zu dem Keu­sch­nig linkt er­in­nert mich ir­gend­wie an das Wit­zi­ge der 20iger Jah­re im Deut­schen Feuil­li­ton, es ist aber das er­ste was ich von dem Kerl ge­le­sen . In nuce scheint Bil­ler zu sa­gen: al­so Bern­hard: sie wa­ren tot un­glück­lich in der Welt, und als kon­se­quent ehr­li­cher Mensch hät­ten sie über­haupt nichts mit der Welt zu tun ha­ben sol­len; und nicht an dem Spiel der Welt mit spie­len. Das kann man ja ge­nau so gut Herrn Dil­ler selbst vor­hal­ten. Sieg­fried Un­seld sag­te mir ein­mal, so um 1980 her­um, »der Bern­hard macht das rich­tig.« Ich frag­te ihn nicht was er da­bei ge­nau­er mein­te, das so ein Buch und Dra­ma per Jahr, oder das ewi­ge Gau­di des An­griffs und die Pu­bli­zi­ta­et die das er­zeugt. Wahr­schein­lich bei­des. Hand­ke macht es bei­nah ge­nau so, nennt dann auch den Preis [den Tho­mas Mann Preis der Baye­ri­schen Aka­de­mie] gleich da­nach ei­nen Scheiss Preis nach dem er ihn an­ge­nom­men. Ber­nard hat schon recht das vie­le die­ser Prei­se sich nur mit dem Na­men von Be­rühm­ten schmücken wol­len, al­so auch sie wün­schen »im Bild zu blei­ben« [P.H.].

    Das Un­glück der Ver­le­ger, ob gro­sser Kul­tur oder nied­rie­gem Mist, ist dass sie bei­de Pa­pier ein­kau­fen, Tin­te rauf­drucken, and das Pa­pier wie­der ver­kau­fen müs­sen, in dem Sinn glei­chen sie al­len an­de­ren To­ten!, nur dass sie sich schon so be­neh­men müs­sen wäh­rend sie noch am Le­ben sind!

    Keu­sch­nig be­schreibt das geist­vol­ler als ich:

    »Da die­se kas­ka­di­schen Er­re­gun­gen je­doch tat­säch­lich beim nä­he­ren Hin­se­hen häu­fig ge­nug ziem­lich flau er­schei­nen und nur für den kur­zen Mo­ment den Le­ser zu af­fi­zie­ren ver­mö­gen (mehr je­doch aus Me­lan­cho­lie die­sem tat­säch­lich gro­ssen Schrift­stel­ler ge­gen­über als aus Er­grif­fen­heit), ver­puf­fen sie am En­de als epi­sodi­sche Apho­ris­men, wer­den je­doch (irr­tüm­lich) re­prä­sen­ta­tiv für das ge­sam­te Werk ge­nom­men.«

    »Bern­hard und Mül­ler wur­den, als ih­re schrift­stel­le­ri­sche Kraft nach­liess, In­ter­view­künst­ler; sie ver­wan­del­ten sich mehr und mehr in Schriftsteller-Darsteller.Aber ih­re Werk­re­zep­ti­on litt dar­un­ter.«

  2. Die Am­bi­va­lenz zu Prei­sen ist tat­säch­lich bei Bern­hard und bei Hand­ke be­merk­bar. Bern­hard hat ir­gend­wann man in ei­nem sei­ner In­ter­views ge­sagt, er wol­le ei­gent­lich nur noch den No­bel­preis – um ihn dann so­fort ab­leh­nen zu kön­nen. Bei bei­den scheint die Eh­rung an sich ak­zep­tiert und ge­wollt zu sein – das ei­gent­li­che Pro­ze­de­re wird dann ab­ge­lehnt. Weil man ver­hin­dern will, dass sich der »Be­trieb« mit Per­son und/oder Werk durch die Preis­ver­ga­be schmückt, dreht man durch die Ab­leh­nung (oder Schlecht­ma­chung des Prei­ses) den Spiess ein­fach um. Das hat ir­gend­wann dann ein biss­chen was von ei­nem trot­zi­gen Kind, das mit dem Fuss auf­stampft um Wid­mung zu er­zeu­gen, dann je­doch jeg­li­che Für­sor­ge ab­lehnt.

    Hand­kes »Ich las und las...« be­trifft die »Ver­stö­rung«, al­so den von mir so ge­nann­ten »frü­hen« Bern­hard. Das Ver­hält­nis der bei­den zu­ein­an­der war spä­ter eher das des Re­spekts. Bern­hard be­schreibt in ei­ner Ge­schich­te in »Mei­ne Prei­se«, wie ne­ga­tiv die öster­rei­chi­sche Öf­fent­lich­keit auf sei­ne und Hand­kes Pro­sa und Stücke ein­ge­stellt war.

    Spä­ter nann­te er ihn ei­nen »Wit­zel« – s. In­ter­view mit dem »Spie­gel« (16.4.1990):

    SPIEGEL: Am Burg­thea­ter sind Sie mit Ih­rem »Spiel vom Fra­gen« in­zwi­schen der Nach­fol­ger Tho­mas Bern­hards als Haus­dra­ma­ti­ker ge­wor­den. Wie stan­den Sie zu ihm?

    HANDKE: Im Ge­gen­satz zu euch fand ich ihn gar nicht so wit­zig, eher ei­nen hal­blu­sti­gen Men­schen. Mehr ein Wit­zel als ein Ko­mi­ker. Im letz­ten Jahr­zehnt hat ihm das Da­hin­wit­zeln schon sehr ge­fal­len. Er kam ja da­mit sehr gut an. Da ha­be ich aber nichts mehr da­von ge­habt. Tho­mas Bern­hard war an­fangs ei­ne rie­si­ge Ge­schich­te für uns jun­ge Schrei­ber in Öster­reich. Da hat ei­ner was auf­ge­macht, auf­ge­ris­sen kann man fast sa­gen. Der war das Vor­bild, von dem ich nie dach­te, ich könn­te es er­rei­chen. Dann wur­de er ei­ne Art Her­aus­for­de­rung. Aber in den letz­ten Jah­ren war er lei­der nicht mehr die Her­aus­for­de­rung, die ich mir ge­wünscht ha­be.

    SPIEGEL: Weil er die Er­war­tungs­ma­schi­ne­rie be­dient hat?

    HANDKE: Er hat­te ein­fach kei­ne Pro­ble­me mehr beim Schrei­ben. Ich ha­be ihn ein paar Mal ge­trof­fen und ge­dacht, so wie der re­det, könn­te er am Tag drei Stücke aufs Ton­band re­den. Bei der Pro­sa war er ein biß­chen vor­sich­ti­ger, aber er hat fast so ge­schrie­ben, wie er ge­spro­chen hat. Mit Edith Cle­ver und Bern­hard Mi­net­ti.

    Im »Spie­gel« 5/1990 ist ein »letz­tes In­ter­view« mit Tho­mas Bern­hard ab­ge­druckt (ge­führt von Kurt Hof­mann). Hof­mann be­sucht Bern­hard in sei­nem Haus in Ottnang.Dort gibt es ei­ne klei­ne Pas­sa­ge in Be­zug auf Hand­ke:

    HOFMANN: Ott­nang ist an­ge­neh­mer als Ohls­dorf, ru­hi­ger.

    BERNHARD: Auch nicht für je­den. Neh­men Sie den Hand­ke, und set­zen Sie ihn da her. Dann rennt er nach drei Ta­gen wei­nend zu sei­ner Toch­ter...

    Das Ge­spräch ist lei­der nicht on­line; auch nicht im »Spiegel«-Archiv.

  3. Ja, es ist schon wun­der­lich
    dass so je­mand wie Bern­hard dann »Ma­sche« wird! [ge­wor­den ist]. Hand­ke ja nicht [auch nicht der Mül­ler], sein be­son­de­rer Stolz sich nicht zu wie­der­ho­len, was der Markt­wirt­schaft die doch an­geb­lich im­mer was Neu­es will dann ei­gent­lich nicht ge­fällt. Je­mand wie der Sim­mel Sem­mel schmeckt ihr, der M.W., dann ver­läss­lich bes­ser.
    Muss wahr­schein­lich den gan­zen frü­hen Bern­hard noch le­sen. Da­für kenn ich den Mül­ler aber sehr aus­führ­lich, da­durch dass ich bei der Ue­ber­set­zen vie­le der Tex­te mit­ge­hol­fen ha­be. Es gab ei­ne Ge­dänk­niss Fei­er für B. bei
    »Beyond Ba­ro­que«, in Venice/ L.A. Ca­li­for­nia
    http://www.beyondbaroque.org/
    der ich bei­wohn­te, er hat­te [hat] auch ei­ne Ge­folg­schaft un­ter Ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­lern die ne­ga­tiv der Ami-Ge­sell­schaft ge­gen­über­ste­hen. Hier in Se­at­tle, hab ich dann ei­ne ziem­lich gro­sse Ge­dänk­niss Le­sung, vor-Füh­rung, Dis­kus­si­on für den Mül­ler ar­ran­giert an der Uni, der hat­te auch ei­ne ziem­li­che Ge­folg­schaft, wie ja auch der Hand­ke... da­mit ist es aber ko­mi­scher­wei­se in die­sen bei­den letz­ten Fäl­len jetzt vor­bei... es gibt hier kei­ne wirk­li­che Kon­ti­nui­tae­ten von ei­ner Ge­nera­ti­on zu der an­de­ren, au­sser dass je­de ih­re ei­ge­nen Ab­göt­ter hat!
    Für Hand­ke war der Bern­hard auch der nicht sehr will­kom­me­ne Ue­ber­buh­ler! Wenn H. in der Rich­tung »Jo­sef Bloch, Mör­der aus Un­glück« wei­ter ge­macht hät­te... aber mit Hand­ke kann man ei­ne Kul­tur auf­bau­en, nicht mit B. Aber von ei­nem Mo­ment zum an­de­ren im­plo­diert so­was wie­der.

  4. Ja, mein Lie­ber, mit die­ser Re­zen­si­on schaffst Du es, dass ich das Buch wohl le­sen wer­de müs­sen.

    Es scheint so, als wä­re Bern­hard nicht der kri­ti­sie­ren­de­Ungustl ge­we­sen, als den man ihn ger­ne hin­stellt, son­dern le­dig­lich ein Spie­gel je­ner Ge­sell­schaft, die heu­te in Sei­ten­blicken und »High So­cie­ty« ma­stur­biert.

    Da­für hät­test Du aber gar kei­ne Wer­bung ma­chen müs­sen:)

  5. Schö­ner Bei­trag.

    »Und heu­te? Bern­hard wer­de von den jun­gen Schrift­stel­lern, so Wink­ler, kaum noch ge­le­sen (ähn­lich wie Hand­ke, aber das ist ein an­de­res The­ma).«

    Als Hand­ke-Un­kun­di­ger ha­be ich mich beim Le­sen die­ser Sät­ze ge­fragt: Wel­ches Buch Hand­kes soll­te ich zu mei­nem er­sten Buch Hand­kes ma­chen?

  6. Das ist schwer zu sa­gen
    Den­noch möch­te ich drei fik­tio­na­le Bü­cher nen­nen:

    Die Wie­der­ho­lung
    Ver­such über die Juke­box
    Die mo­ra­wi­sche Nacht

    Von den »Jour­na­len« (ta­ge­buch­ähn­li­chen No­ti­zen):

    Am Fels­fen­ster mor­gens
    Ge­stern un­ter­wegs

    Sie hat­ten nach EINEM Buch ge­fragt, stimmt’s?

    Dann »Die Wie­der­ho­lung«.