Al­bert Ca­mus: Hoch­zeit des Lichts

Albert Camus: Hochzeit des Lichts

Al­bert Ca­mus: Hoch­zeit des Lichts

Das vom Ar­che-Ver­lag jüngst her­aus­ge­brach­te Buch »Hoch­zeit des Lichts« von Al­bert Ca­mus um­fasst ge­nau­ge­nom­men zwei Bü­cher. Zum ei­nen vier Er­zäh­lun­gen, die 1938 in Frank­reich un­ter dem Ti­tel »Noces« (»Hoch­zeit«; in Deutsch­land erst­mals 1954 un­ter »Hoch­zeit des Lichts«) er­schie­nen. Sie ent­stan­den, wie der Ver­lag in ei­ner edi­to­ri­schen No­tiz er­klärt, in den Jah­ren 1936–1937. Ca­mus war da­mals al­so un­ge­fähr 23 Jah­re alt. Zum an­de­ren gibt es acht Er­zäh­lun­gen, die 1954 in Frank­reich un­ter dem Ti­tel »L’é­té« (»Som­mer«) er­schie­nen wa­ren und zwi­schen 1939 und 1953 ent­stan­den. Der deut­sche Ti­tel lau­tet »Heim­kehr nach Ti­pa­sa«. Die deut­schen Über­set­zun­gen der bei­den Bü­cher von 1954 und 1957 wur­den für die­ses Buch teil­wei­se über­ar­bei­tet.

Es ist nun mehr als ein Faux­pas, wenn der Ver­lag so­wohl im Klap­pen­text als auch in der Pres­se­mit­tei­lung schreibt, dass al­le »in die­sem Band ver­sam­mel­ten Tex­te« zwi­schen 1936 und 1938 »erst­mals er­schie­nen« sei­en. Die hier ab­ge­druck­ten Er­zäh­lun­gen, die mit der Zeit es­say­isti­scher und phi­lo­so­phi­scher wer­den (Ca­mus hät­te letz­te­res viel­leicht be­strit­ten), sind, wie oben aus­ge­führt, kei­nes­falls die­ser eng um­ris­se­nen Zeit­span­ne zu­zu­ord­nen. Noch är­ger­li­cher ist al­ler­dings, dass vie­le Be­spre­chun­gen die­se zeit­li­che Fehl­ein­schät­zung ein­fach über­neh­men (ex­em­pla­risch da­für Iris Ra­disch, die im Fe­bru­ar das Buch im »Li­te­ra­tur­club« als Früh­werk an­pries, was tat­säch­lich nur für die er­sten 65 Sei­ten – von 163 – gilt). Wie­der ein­mal zeigt sich, wie »ge­nau« gro­ße Tei­le der Kri­tik mit dem Ob­jekt ih­rer Lek­tü­re um­ge­hen. Da­bei hät­te man nur ei­nen Blick auf die Sei­ten 165 und 166 die­ses Bu­ches wer­fen müs­sen.

Auch oh­ne in all­zu de­tail­rei­che phi­lo­lo­gi­sche Deu­tun­gen ab­zu­glei­ten und den Zau­ber die­ser Pro­sa da­mit zu pro­fa­ni­sie­ren ist es nicht un­wich­tig, dass die episch-es­say­isti­sche Er­zäh­lung »Heim­kehr nach Ti­pa­sa« (»Re­tour à Ti­pa­sa«; im deut­schen so­zu­sa­gen die Ti­tel­ge­schich­te aus »L’é­té«) aus dem Jahr 1952 stammt (und da­mit eben nicht fünf­zehn Jah­re vor­her). Zu die­sem Zeit­punkt la­gen dem­nach be­reits die be­deu­tend­sten Wer­ke (so­wohl die Ro­ma­ne »Der Frem­de« und »Die Pest« als auch die phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten) von Al­bert Ca­mus vor. Um­so in­ter­es­san­ter, dass man in die­sen Er­zäh­lun­gen bis­wei­len das Ge­fühl hat, der Au­tor ex­pe­ri­men­tie­re hier, und zwar so­wohl sti­li­stisch, was sich im manch­mal ruck­ar­ti­gen Wech­sel von Na­tur­be­schrei­bung und (Selbst-)Reflexion zeigt, als auch li­te­ra­risch, denn na­tür­lich möch­te Ca­mus we­der ei­ner rei­nen Idyl­li­sie­rung der Na­tur das das Wort re­den (früh gei­ßelt er die öden Trak­ta­te der Na­tur­schwär­mer) als auch die Na­tur nicht als Ur­grund für me­ta­phy­sisch-phi­lo­so­phi­sche Be­trach­tun­gen in­stru­men­ta­li­sie­ren.

Nicht Se­hen, son­dern Schau­en

Zu er­le­ben wie Ca­mus die­ses Span­nungs­feld fast im­mer sou­ve­rän mei­stert ist ei­ne der Qua­li­tä­ten die­ser Pro­sa. Auch in den stim­mungs­voll-schwär­me­ri­schen Stel­len, die es nicht nur in den frü­hen Er­zäh­lun­gen gibt (al­ler­dings dort häu­fi­ger), wird die Na­tur nie­mals ver­mensch­licht, d. h. es exi­stiert im­mer ein Er­zäh­ler (der mit Ca­mus weit­ge­hend gleich­ge­setzt wer­den dürf­te), der die­se Wahr­neh­mun­gen mit sei­nem See­len­le­ben ver­bin­det, um­formt und dem­zu­fol­ge: in­ter­pre­tiert. Die Na­tur exi­stiert dem­zu­fol­ge nie »an sich« son­dern stets durch den »Wahr­neh­mungs­ap­pa­rat« des Er­zäh­lers. Ca­mus wird da­hin­ge­hend zi­tiert, dass sein Herz und sein Ge­fühl die­se Er­zäh­lun­gen ge­schrie­ben hät­ten, nicht der Ver­stand (man hofft, die Über­tra­gung die­ses Aus­spruchs ist au­then­tisch und zu­ver­läs­si­ger wie­der­ge­ge­ben als die schlam­pi­gen An­ga­ben zur Ent­ste­hung die­ser Ge­schich­ten). Das stimmt nur in­so­fern, als hier aus der Ich-Per­spek­ti­ve ge­schrie­ben wird und ei­ne ro­man­haf­te Ver­frem­dung bei­spiels­wei­se durch Prot­ago­ni­sten un­ter­bleibt. Dies ver­leiht den Er­zäh­lun­gen ei­ne sehr per­sön­li­che Au­ra und zeigt ei­nen (viel­leicht un­be­wusst tie­fen?) Ein­blick in die Welt von Ca­mus, die im­mer auch ei­ne Welt des Zwei­fels war. An­son­sten ist das exi­sten­tia­li­sti­sche Denk­ge­rüst schon En­de der 1930er Jah­re prä­sent, wenn auch nicht im­mer aus­ge­reift.

Wirk­lich gran­di­os sind die­se Im­pres­sio­nen sei­nes al­ge­ri­schen Ar­ka­di­ens. Es ist sei­ne Hei­mat der See­le, in der Ge­bir­ge, Him­mel und Meer…wie Ge­sich­ter [sind], de­ren Öde oder Pracht man nicht durch Se­hen ent­deckt, son­dern durch Schau­en. Zu ge­wis­sen Stun­den ist das Land schwarz vor lau­ter Son­ne. Jahr­zehn­te spä­ter gibt es Be­schwö­run­gen der ver­gan­ge­nen Au­gen­blicke und vom Schei­tel des Him­mels her­nie­der­fal­lend, wer­den die Flu­ten des Son­nen­lichts hart von der Land­schaft um uns her zu­rück­ge­wor­fen. Al­les schweigt vor die­sem Ge­tö­se, und der Lub­e­ron, dort drü­ben, ist nur noch ein un­ge­heu­rer Block des Schwei­gens, dem ich un­ab­läs­sig zu­hö­re. Ich lau­sche, von Fer­ne eilt es zu mir, un­sicht­ba­re Freun­de ru­fen mich, mei­ne Freu­de wächst, die­sel­be wie vor Jah­ren. Und dann wie­der so ein jä­her Per­spek­tiv­wech­sel mit der schein­bar aus dem Nichts as­so­zi­ier­ten Fra­ge nach der Sinn­lo­sig­keit der Welt.

Ein an­der­mal dann wie­der eu­pho­risch: Ich lern­te at­men, ich ord­ne­te mich ein und er­füll­te das eig­ne Maß. Und al­les hier lässt mich gel­ten, wie ich bin; ich ge­be nichts von mir auf und brau­che kei­ne Mas­ke. Hier ist er Mensch und kann nach hoch­zeit­li­cher Welt­um­ar­mung das Glück der Er­mat­tung ge­nie­ßen. Ja, es ist kei­ne Schan­de, glück­lich zu sein, son­dern so­gar ei­ne Art Men­schen­pflicht. Trot­zig-schwär­me­risch, die­ser Stolz, ein Mensch zu sein und dann das päd­ago­gi­sche Wie arm sind Men­schen, die My­then brau­chen von 1937. So et­was von ihm, dem spä­te­ren Si­sy­phos-In­ter­pre­ten, der sich reich­lich an und in der grie­chi­schen Göt­ter- und My­then­welt be­die­nen soll­te und schon 1947, in der Er­zäh­lung »Pro­me­theus in der Höl­le« wird die­se Hal­tung leicht re­la­ti­viert: Die My­then le­ben nicht aus sich selbst. Sie war­ten dar­auf, dass wir sie ver­kör­pern..

Aber die­ses Glück, je­ner ein­fa­che Ein­klang ei­nes Ge­schöp­fes mit sei­ner Exi­stenz ist im­mer ephe­me­rer Na­tur. Es wird ge­speist aus der Am­bi­va­lenz dau­ern zu wol­len und ster­ben zu müs­sen; dem Ab­sur­den, wie es bei Ca­mus heißt (der Be­griff spielt in die­sen Er­zäh­lun­gen kei­ne tra­gen­de Rol­le, da­her kommt man eher auf das Wort vom Pa­ra­do­xon). Und in die­sen (in dop­pel­ter Hin­sicht) lich­ten Mo­men­ten ent­steht die Lei­den­schaft, le­ben zu wol­len und un­be­irrt wird die Schön­heit der Welt po­stu­liert: Au­ßer ihr gibt es kein Heil und auch kein über­mensch­li­ches Glück [,] und kei­ne Ewig­keit au­ßer dem Hin­flie­ßen der Ta­ge. Ca­mus ahnt, dass der Tod, die­ses schmut­zi­ge Aben­teu­er, das Nach­den­ken dar­über und sei­ne Todesangst…nur die Kehr­sei­te ei­ner un­bän­di­gen Le­bens­gier ist.

»Stei­ne, Lei­be und Ster­ne«

Der al­ge­ri­sche Som­mer hat ihm ge­lehrt, dass ei­nes noch tra­gi­scher als das Lei­den ist: das Le­ben ei­nes glück­li­chen Men­schen. Wel­cher Zwie­spalt: Glück­lich­sein und die Tra­gik des Glück­lich­seins! Ca­mus nimmt nun kei­nes­falls ei­ne re­si­gna­ti­ve Hal­tung ein, re­det kei­ner billige[n] Zu­frie­den­heit das Wort. Wer die­sen Weg wäh­le, wür­de mo­geln; die­se Men­schen prahl­ten mit ih­rer Lie­be zum Le­ben, um der ei­gent­li­chen Lie­be aus­zu­wei­chen. Man will ge­nie­ßen und er­le­ben.

Da wird die Ver­su­chung hin zu ei­nem he­do­ni­sti­schen Le­bens­stil zum Ge­sichts­punkt des Gei­stes; der ech­te Ge­nie­ßer lebt sein Le­ben oh­ne den Bei­stand sei­nes Gei­stes, oh­ne sein Zu­rück­wei­chen wie sein Vor­drin­gen, sei­ne Ein­sam­keit und sei­ne Ge­gen­wart. Da­bei be­gibt sich Ca­mus in ei­nen Wi­der­spruch, denn die­ses Ge­nie­sser­tum oh­ne Geist ist nach stren­ger Aus­le­gung letzt­lich nur mit ent­spre­chen­der Re­fle­xi­on, er­go ei­nem »Geist«, mög­lich. Bei den Al­ge­ri­ern sel­ber kon­sta­tiert er ei­ne eher ar­chai­sche, glü­hen­de Le­bens­gier, spe­zi­ell in den jun­gen Jah­ren (was, wie er mut­maßt, viel­leicht mit ih­rem ver­hält­nis­mä­ßig frü­hen Tod zu tun hat). Hier­in er­kennt er ei­nen Le­bens­wil­len, der dem Le­ben nichts ver­wei­gert, ei­ne Tu­gend, die er, Ca­mus, am höch­sten ver­ehrt auf die­ser Welt.

Ca­mus’ strecken­wei­se eth­no­lo­gi­scher Ton be­frem­det zu­wei­len durch­aus. Die Ras­se der Al­ge­ri­er, so schreibt er, sei gleich­gül­tig ge­gen den Geist. Statt­des­sen ver­ehrt und be­wun­dert sie den Leib. Er ist die Quel­le ih­rer Kraft wie ih­res nai­ven Zy­nis­mus. Er spricht von der sympathische[n] Nai­vi­tät die­ses Han­dels­vol­kes und so­gar vom geist­lo­sen Volk, meint dies je­doch, wie oben er­läu­tert, nicht pe­jo­ra­tiv. Die­ses ganz und gar ge­gen­wär­ti­ge Volk kennt kei­ne My­then und kei­nen Trost, es kennt kei­ne trü­ge­ri­sche Gott­heit die Zei­chen der Hoff­nung oder der Er­lö­sung ge­schrie­ben hat. Zwi­schen die­sem Him­mel und den zu ihm auf­blicken­den Ge­sich­tern ist kein Platz für ei­ne My­tho­lo­gie, ei­ne Li­te­ra­tur, ei­ne Ethik oder ei­ne Re­li­gi­on, son­dern nur für Stei­ne, Lei­be und Ster­ne und für Wahr­hei­ten, die sich mit Hän­den grei­fen las­sen.

Die Al­ge­ri­er sind nicht nur Sta­ti­sten in die­sem Sehn­suchts- und, vor al­lem, Selbst­ver­ge­wis­se­rungs­ort oder ‑land. Bei al­ler Sym­pa­thie und so­gar Idea­li­sie­rung blei­ben sie ihm gleich­zei­tig fremd. Ca­mus reist auch in an­de­re Län­der, na­tür­lich Frank­reich und auch nach Ita­li­en, die­sem Land der In­ze­ste und sinnlich[n] Gra­zie mit ei­ner Land­schaft, de­ren Grö­ße ei­nem die Keh­le zu­schnürt. Aber es zeigt sich, dass hier die­se Ver­schmel­zung zwi­schen Er­zäh­ler und Ort, die je­ne Re­fle­xio­nen und As­so­zia­tio­nen aus­löst, zu­min­dest in Ita­li­en nicht mög­lich ist. So wird er dort viel­fach mit dem Ka­tho­li­zis­mus kon­fron­tiert, ge­nießt zwar ei­nen lor­be­er­duf­ten­den Klo­ster­gar­ten, lehnt aber gleich­zei­tig die christ­li­che Trö­stung ve­he­ment ab. Da­bei ent­deckt er stän­dig Be­le­ge für die­se Ab­leh­nung, et­wa die­sen grimmige[n], seelenlose[n] Blick des aus dem Grab ent­stei­gen­den Chri­stus des Pie­ro del­la Fran­ce­s­ca. Und man liest auch poin­tier­te, nicht im­mer schmei­chel­haf­te Be­ob­ach­tun­gen zu an­de­ren eu­ro­päi­schen Städ­ten (Salz­burg wä­re fried­lich oh­ne Mo­zart).

So kommt Ca­mus stets zu­rück. Es gibt wun­der­ba­re Land­schafts­be­schwö­run­gen, klu­ge Be­mer­kun­gen über Schrift­stel­ler und Werk, Be­trach­tun­gen zum Elend des Lu­xus oder über den Zu­sam­men­hang zwi­schen Nackt­heit und Wild­heit. Ge­bannt ver­folgt man die Er­zäh­lung ei­nes Box­kamp­fes (der Box­kampf, die »Cor­ri­da« der Exi­sten­tia­li­sten) in Oran, je­nem Ort frei von Poe­sie, die­sem Haupt­sitz der Lan­ge­wei­le aber auf die­sen Ge­sta­den von Oran sind al­le Som­mer­mor­gen wie die er­sten der Welt und die­se muss man er­lebt ha­ben. Oder eben Al­gier, die­se An­ti­po­den­stadt zu Oran (die Be­woh­ner Al­giers und Orans be­fin­den sich in ei­nem töd­li­chen Streit), ei­ne schlaf­wan­deln­de und wahn­sin­ni­ge Stadt.

Die Man­del­bäu­me der Val­lée des Con­suls und »un­end­li­che Me­lan­cho­lie«

Hin­ge­ris­sen zwi­schen Na­tur und Stadt; Schön­heit und Häß­lich­keit. Ca­mus’ Zivilisations‑, Ge­schichts- und vor al­lem Phi­lo­so­phie­kri­tik ist ins­be­son­de­re in den spä­ten Er­zäh­lun­gen über­aus stark aus­ge­prägt. Et­wa sei­ne Aus­füh­run­gen zu Pro­me­theus, für Ca­mus ei­ne Art Ur­va­ter. Wir (die Mensch­heit) ha­ben, so die The­se, Pro­me­theus ver­ra­ten, der dem Men­schen nicht nur das Feu­er brach­te, son­dern ihn auch aus der Knecht­schaft der Ge­schich­te be­frei­en woll­te, denn die Ge­schich­te ist un­frucht­ba­rer Bo­den, wo kein Hei­de­kraut wächst. Und wir ha­ben das Feu­er neu zu er­fin­den, die Wirk­stät­ten neu zu er­bau­en, um den Hun­ger des Kör­pers zu be­schwich­ti­gen.

Die zeit­ge­nös­si­sche Phi­lo­so­phie kommt bei ihm eben­falls nicht gut weg: Wo Pla­ton noch al­les um­fass­te, den Wi­der­sinn, die Ver­nunft und den My­thos, be­sit­zen uns­re Phi­lo­so­phen nur noch den Wi­der­sinn oder die Ver­nunft, weil sie die Au­gen vor dem Üb­ri­gen schlie­ßen. Der Maul­wurf me­di­tiert. Das Chri­sten­tum be­gann da­mit, die Be­trach­tung der Welt durch die Tra­gö­die der See­le zu er­set­zen. Doch wand­te es sich zu­min­dest an ei­ne ver­gei­stig­te Na­tur und be­wahr­te so ein ge­wis­ses Gleich­maß (so Ca­mus 1947).

Auch der Glau­ben an die Ver­nunft ist ge­schei­tert, selbst Nietz­sche ist über­holt. Gott ist tot und so blei­ben nur noch Ge­schich­te und Macht. Aber das ist durch­aus men­schen­ge­wollt. Das Ge­gen­mo­dell ist dann tat­säch­lich die Na­tur, frei­lich nicht in ei­nem na­iv-to­ta­li­tä­ren Rous­se­auis­mus. Ca­mus er­kennt in der Na­tur, in der Be­schau­lich­keit der Aben­de, die Dau­er, wel­che die Mensch­heit der Welt im Lau­fe der Jahr­hun­der­te am­pu­tiert ha­be. Na­tur setzt dem Irr­sinn der Men­schen ih­re ru­hi­gen Him­mel und ih­ren Sinn ent­ge­gen. Und wie ist es mit der Mo­ral? Ein biss­chen schau­rig wird es ei­nem schon, wenn es heißt wir le­ben für et­was Hö­he­res als die Mo­ral.

Und im­mer wie­der ist der Le­ser ent­zückt ob die­ser Mi­schung zwi­schen Es­say und die­sen wun­der­ba­ren Bil­dern, et­wa das ge­dul­di­ge, fast bud­dhi­sti­sche War­ten auf das Er­blü­hen ei­nes Man­del­baums mit­ten in der Stadt: Als ich in Al­gier leb­te, ge­dul­de­te ich mich den gan­zen Win­ter hin­durch, weil ich wuss­te, dass in ei­ner Nacht, in ei­ner ein­zi­gen kal­ten und rei­nen Fe­bruar­nacht, die Man­del­bäu­me der Val­lée des Con­suls sich mit wei­ßen Blü­ten be­decken wür­den. (Ca­mus be­eilt sich dar­auf hin­zu­wei­sen, dass dies kein Sym­bol sei.) Und im­mer wie­der spielt na­tür­lich auch das Was­ser, das Meer (des­sen Kuß­ge­räu­sche an den Fels­klip­pen schlür­fen und sau­gen) ei­ne Rol­le. Und im Früh­jahr, wenn an den Strän­den die Ah­nung von Som­mer und ei­ne neue Ern­te blü­hen­der Mäd­chen zu se­hen ist. Die letz­te Ge­schich­te ist ein (fik­ti­ve?) Um­run­dung des süd­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents mit – für die­sen Au­tor un­ge­wöhn­lich – durch­aus auch phan­ta­sti­schen Ele­men­ten.

Wun­der­bar das Er­zäh­len über und mit Düf­ten. DerSom­mer­ge­ruch der al­ge­ri­schen Er­de, der her­be Ge­ruch der Kräu­ter oder die­ser Duf­täther der Wer­mut­bü­sche, der zur Son­ne steigt und den Him­mel schwan­ken macht. So­gar die un­end­li­che Me­lan­cho­lie des Au­tors duf­tet nach Meer und Re­gen. Und dann, ein we­nig ver­steckt in die­sem schwel­ge­ri­schen, sinn­li­chen ge­le­gent­lich grüb­le­ri­schen, aber nie­mals schwe­ren Buch ent­deckt der Le­ser den ein­sa­men Er­zäh­ler Al­bert Ca­mus, den lie­be­be­dürf­ti­gen – und den Lie­ben­den. Das er­in­nert dann von Fer­ne ein we­nig an die Kind­heits­im­pres­sio­nen aus »Der er­ste Mensch«, die­ser über drei­ßig Jah­re spä­ter nach sei­nem Tod 1994 in Frank­reich (1995 in Deutsch­land) ver­öf­fent­lich­te, ein we­nig au­to­p­hi­le Ro­man, die­se Va­ter­su­che und Leh­rer­hom­mage, der die hef­ti­ge Kind­heit, die hier nur ein­mal zart an­ge­deu­tet wird, auf­fä­chert und ins­be­son­de­re die Selbst­er­zie­hung des stark au­to­bio­gra­fi­sche Zü­ge tra­gen­den Hel­den Jac­ques mit ei­ner Mi­schung von Trotz, De­mut und Stolz er­zählt.

Und da ist dann noch so ei­ne Sen­tenz, schein­bar bei­läu­fig ein­ge­wor­fen, die ei­nem nicht mehr los­lässt und lan­ge Zeit mit sich trägt: Nicht ge­liebt zu wer­den ist nur miss­li­cher Zu­fall, nicht zu lie­ben je­doch ist Un­glück. Wir al­le ster­ben heu­te an die­sem Un­glück. Da Ca­mus kei­ne Le­bens­rat­ge­ber ge­schrie­ben hat, ver­rät er nicht, wie man die­ses Un­glück ab­wen­den kann. Man ahnt al­ler­dings – nicht zu­letzt auf­grund des Ge­schrie­be­nen – dass es mög­lich sein muss. Das al­les ist kein bil­li­ger Trost. Eher Ar­beit.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kein Film kann sol­che Bil­der pro­du­zie­ren, die beim Le­sen (Le­se­pro­be und auch Ih­re Re­zen­si­on) vor dem in­ne­ren Au­ge auf­tau­chen. Nach Ih­rer Re­zen­si­on ha­be ich den on­line ge­stell­ten Text des Ar­che-Ver­lags auf­ge­schla­gen ( Hoch­zeit in Ti­pa­sa) und wenn nach sechs Sei­ten nicht Schluss ge­we­sen wä­re, ich hät­te ver­ges­sen, dass der Tag nur 24 Stun­den hat.

    Ich wür­de lie­bend gern gleich vie­le Bei­spiel­sät­ze zi­tie­ren, aber das Buch muß am Stück ge­le­sen wer­den, um die Zu­sam­men­hän­ge zu ver­ste­hen. Da­mit ein Satz wie die­ser: „ Un­ter der Mor­gen­son­ne wiegt sich ein gro­ßes Glück im Rau­me. Wie arm sind die Men­schen, die My­then brau­chen.“ sei­nen Raum be­kommt.
    Da­seins­ur­sprung, Schick­sal, Nä­he zum Tod ( war Ca­mus nicht lan­ge Zeit Lun­gen­krank? Tu­ber­ku­lo­se?), das le­se ich aus Ih­rer Buch­vor­stel­lung her­aus. Und die Fül­le zur Na­tur und so­wie zur Spra­che, ei­ne wort­ge­wal­ti­ge Pro­sa. Das ge­fällt mir un­ge­mein!
    Ein ganz neu­es Bild be­kom­me ich plötz­lich auch von Al­ge­ri­en. Bis­her as­so­zi­ie­re ich mit die­sem nord­afri­ka­ni­schem Land fast nur Al­ge­ri­en­krieg, Frem­den­le­gio­nä­re, fran­zö­si­sche Ko­lo­nie, Ar­mut, Boat­peop­le.
    Im Ja­nu­ar 2010 jähr­te sich der 50. To­des­tag des Schrift­stel­lers und viel­leicht ge­lingt es dem Ver­lag, mit die­ser Neu­auf­la­ge den Le­sern Ca­mus nä­her zu brin­gen ( ich ha­be schon mal an­ge­bis­sen :) ). Mit Ih­rer wun­der­ba­ren Re­zen­si­on hat der Ver­lag auf je­den Fall ein Schnäpp­chen ge­macht!

  2. Ich glau­be, das Al­ge­ri­en Ca­mus’ ist nicht mehr das heu­ti­ge Al­ge­ri­en. Da­mals war es ja noch ei­ne fran­zö­si­sche Ko­lo­nie; es er­lang­te of­fi­zi­ell erst 1962 die Un­ab­hän­gig­keit (da war Ca­mus schon zwei Jah­re tot).

    Hier ein paar bio­gra­fi­sche In­for­ma­tio­nen über Ca­mus und sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment in Be­zug zu Al­ge­ri­en.

  3. Der Trost des Un­tröst­li­chen
    Für mich ei­nes der Bü­cher. Ich hat­te es mal, und das war nur Zu­fall, in ei­ner Pe­ri­ode in die Hand be­kom­men, als es mir sehr schlecht ging. Ich wür­de wirk­lich be­haup­ten, das Buch hat mir ge­hol­fen, in ei­nem über­haupt nicht recht ab­grenz­ba­ren Sin­ne.

    Es liegt heu­te wie­der ne­ben mei­nem Bett. Im­mer mal, wenn ich nicht lan­ge, nichts »Rich­ti­ges« le­sen will, son­dern nur ein paar wohl tu­end rich­ti­ge Sät­ze auf­neh­men, grei­fe ich da­zu.

    (Und nein, das heu­ti­ge Al­ge­ri­en ist ein ganz an­de­res. Der gro­ße Reiz von so et­was wie ei­ner dop­pel­ten Kul­tur ist prak­tisch ver­schwun­den. Mir ist sei­ner­zeit aber auch klar ge­wor­den, wie sehr das um kul­tu­rel­le Kon­no­ta­tio­nen »er­wei­ter­te« Be­wusst­sein die Or­te oder ein gan­zes Land mit­be­stimmt, mehr als ein vor­der­grün­di­ges, ver­all­ge­mei­ner­ba­res »Image«. Die auch von vie­len Al­ge­ri­ern mitt­ler­wei­le heu­te als Irr­tum er­kann­te »Rein­heit« ih­res Lan­des ist ei­ne Ver­ar­mung.)

  4. Ist si­cher nicht ganz falsch...
    zu­min­dest in dem Sin­ne, wie »hi­sto­ri­sches« Land sich oft in uto­pi­sches Land ver­wan­delt, und um­ge­kehrt: Ei­nem Ort muss man an­schei­nend im­mer ei­ne Kraft zum Heil oder zur Syn­the­se zu­schrei­ben. Si­cher könn­te man dann über­haupt ei­nen Teil der Li­te­ra­tur un­ter die­sem As­pekt le­sen.

     

  5. @Gregor Keu­sch­nig & @en-passant
    Ja, das ist wahr, das Al­ge­ri­en von heu­te ist ganz si­cher ein an­de­res Land als zu Zei­ten Ca­mus oder Rim­baud. Für mich ist die­ses Land sehr „weit weg“, da liegt mir Süd­afri­ka oder Ru­an­da, nicht we­gen der Ne­ga­tiv­schlag­zei­len, nä­her. Ich ha­be ei­ni­ges an afri­ka­ni­scher Li­te­ra­tur ge­le­sen ( u.a. Ache­be, Mach­fus, Emech­e­ta ...) Al­ge­ri­en ist nicht da­bei. Und Wi­ki­pe­dia nennt un­ter der Ru­brik Kul­tur nur die Be­grif­fe Sport und Ho­mo­se­xua­li­tät ( Bit­te! Mehr gibt es nicht an Kul­tur in Al­ge­ri­en? Ein „trau­ri­ger“ Al­ge­ri­en­ein­trag in der frei­en En­zy­klo­pä­die). Al­ge­ri­sche Li­te­ra­tur ha­be ich dann un­ter ei­ner an­de­ren Adres­se ge­fun­den, je­doch für mich nichts be­kann­tes da­bei.

    Über das Buch und die Lek­tü­re „Hoch­zeits des Lichts“ freue ich mich. Ich kann mir gut vor­stel­len, nach obi­ger Vor­stel­lung, die­ses Buch auch in näch­ster Nä­he auf­zu­be­wah­ren. Ich ha­be ein paar we­ni­ge Schrift­stel­ler und de­ren Bü­cher, die ich un­heim­lich ger­ne wie­der in die Hand neh­me und dar­in le­se, auch wenn es zum x‑ten Mal ist. Mir geht es da be­son­ders so bei Bor­chert, Ha­gel­stan­ge und Aitmatow, bei der neue­ren Au­toren­ge­nera­tio­nen auf je­den Fall Mar­tin von Arndt ( z.B. Der 40. Tag vor So­phien­lund) oder die Bü­cher von Joa­chim Zel­ter. Aus die­ser Li­te­ra­tur strahlt ir­gend­et­was her­aus, was ich bei an­de­ren Schrift­stel­lern beim Le­sen nicht so emp­fin­de. Und nun stösst viel­leicht Ca­mus da­zu. Ich wer­de es bei Ge­le­gen­heit schrei­ben.

  6. @lou-salome
    wür­de nur gern den Rim­baud rasch et­was an­ders­wo­hin sor­tie­ren wol­len, und zwar so­wohl zeit­lich (er leb­te wäh­rend der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts), als auch geo­gra­phisch eher in die Rich­tung öst­li­ches Nord­afri­ka: Äygpten, heu­ti­ges Dschi­bou­ti, Mo­ga­di­schu... bis nach Aden.

    Und nein, Al­ge­ri­en wird man un­ter den kul­tu­rell die Welt be­rei­chen­dern Län­dern wohl so rasch nicht fin­den: Da wird zu früh im­mer gleich zu ra­di­kal ab­ge­schnit­ten. Und das Un­ver­mö­gen et­was Her­aus­ra­gen­des her­vor­zu­brin­gen wur­de ei­ne lan­ge Zeit – vor der Pha­se re­li­giö­sen Hirn­wä­sche – auch noch mit so­zia­li­sti­schem Gleich­schal­tung ge­recht­fer­tigt. Des­we­gen sind sie heu­te so stolz auf ih­re Fuß­bal­ler und ih­re Rap-Sän­ger: Die kann dann je­der Al­ge­ri­er lie­ben. (Mmh. Klingt aber jetzt bö­ser, als es von mir ge­meint ist.)

    und @G.K.
    Man darf aber nicht ver­ges­sen, dass Ca­mus in Al­ge­ri­en ge­bo­ren wur­de. Was be­deu­tet, er kann nicht nur, son­dern hat auch das Recht ganz an­ders dar­über zu schrei­ben. (So­wohl als die ewig ih­rer Ver­lo­ren­heit hin­ter­her rei­sen­den Eu­ro­pä­er als auch die sich gern schon des­we­gen über­le­gen füh­len­den Au­to­chtho­nen – die da­durch, durch oft aus­schließ­li­chen be­zug, doch oft pro­vin­zi­ell blei­ben: Es fehlt ih­nen viel­leicht we­sent­lich die­se Ab­lö­sung, schmerz­lich, war­um auch im­mer, von ih­rem »hei­len« Ort.)

    Da­zu kommt, dass die »pieds noir« (die von Fran­zo­sen ab­stam­men­den Afri­ka­ner) ein wahr­haft tra­gi­sches Schick­sal ha­ben, ent­wur­zelt sind wie – und die Ana­lo­gie scheint mir nicht zu weit ge­grif­fen – sonst nur noch die Ju­den. Ich den­ke, das stellt auch Ca­mus’ Den­ken in ei­ne ganz an­de­re Per­spek­ti­ve, bis hin zu den As­pek­ten des bei ihm pro­mi­nen­ten Grie­chen­tums: Das nicht nur Schul- oder Lehr­weis­heit. So wie es auch sein Schrei­ben auf ei­ner zeit­li­chen Ebe­ne et­was (nicht nur den sei­ner­zeit skan­da­li­sier­ten Zeit­be­zü­gen) »ent­rückt«.

     

  7. Oja, dar­in liegt der Un­ter­schied: Ca­mus wur­de in Al­ge­ri­en ge­bo­ren, d. h. die Ver­bin­dung ist dann doch ei­ne an­de­re, in­ten­si­ve­re (viel­leicht) als bei den sich eher an­ver­wan­del­ten Sehn­suchts­or­ten (wo­bei Hand­ke auf sein Kärnt­ner Slo­wen­en­tum hin­wei­sen könn­te; das der Mut­ter und des so ver­ehr­ten Groß­va­ters). Das Wort Hei­mat fällt ja auch.

    Den­noch glau­be ich, dass es das von Ca­mus be­schrie­be­ne (er­zähl­te!) Al­ge­ri­en so nie gab. Es war im­mer auch Pro­jek­ti­on (ein schreck­li­ches Wort, wie auch viel­leicht ei­ne schreck­li­che Un­ter­stel­lung?) ei­ner Sehn­sucht, die durch po­li­ti­sche und so­zia­le Um­stän­de im­mer ei­ne Uto­pie blieb (wie so vie­len afri­ka­ni­schen Län­dern ging es ja der Mas­se der Al­ge­ri­er nach der Un­ab­hän­gig­keit nicht we­sent­lich bes­ser, auch wenn es ge­ra­de dort das so ver­hei­ßungs­vol­le Öl gibt). Ca­mus hat sich im Ge­gen­satz zum früh des­il­lu­sio­nier­ten Er­wach­se­nen sonst, des­sen Kin­der-Uto­pi­en und –Or­te so schnell ei­nem öden Rea­lis­mus buch­stäb­lich zum Op­fer fal­len, die­sen »nai­ven« Blick er­hal­ten, ja, ihn be­schwo­ren.

  8. @en-passant
    Oh jo, ich dan­ke für die geo­gra­fi­sche Rich­tig­stel­lung! Aden ha­be ich im Kopf und nach Al­ge­ri­en ge­steckt.
    Zeit­lich ha­be ich mich nicht schön aus­ge­drückt – Rim­bauds Bio­gra­fie ken­ne ich ( Yves Bon­ne­foy).
    LG l‑s

  9. #9
    Be­schwö­rung – ja. Aber wä­re nicht das Er­zäh­len auch das fäl­li­ge „Be­grün­den“, in ei­nem em­pa­thi­schen, dann so oft die­se Er­zäh­ler als Na­tio­nal­dich­ter ver­ein­nah­men­den Epi­schen? Ich hat­te so­gar ge­ra­de hier an Hand­ke den­ken müs­sen, an des­sen an­ti-ra­tio­na­li­sti­schen Zug sei­ner Epik.

    Ich kann es nicht wirk­lich mit Be­stimmt­heit sa­gen, weil mei­ne Kon­tak­te nach Al­ge­ri­en nicht mehr sehr ak­tu­ell sind. Aber ich glau­be, es gibt da im un­ter­st­rö­mi­gen Lang­zeit­dis­kurs (zu­min­dest an den Uni­ver­si­tä­ten) es ge­wis­ses Rück­ho­len Ca­mus’ – und das nicht nur, weil kein an­de­rer da ist – wäh­rend er vor­her eher ei­ne Ge­gen­fi­gur war, ir­gend­was ei­gen zu Be­haup­ten­des erst mal zu be­stim­men.

    Das Tra­gi­sche an den Ma­ghre­b­län­dern ist, wie all die­se Re­gime seit­her po­li­tisch / fi­nan­zi­ell / mi­li­tä­risch – heim­lich oder um­weghaft – doch von Frank­reich ge­stützt wur­den (wer­den). So bleibt Frank­reich ein Dreh- und An­gel­punkt, pro­fi­tiert so­gar da­von, wirt­schaft­lich wie vom brain-drain dort. Der Ko­lo­nia­lis­mus, das ist mir über­all in Afri­ka auf­ge­fal­len, ist höchst le­ben­dig. Und von da­her wä­re ei­ne epi­sche Neu(be)gründung viel­leicht wei­ter­füh­rend?

     

  10. Ich weiss nicht, ob ich noch an so et­was wie »epi­sche Neu­be­grün­dung« glau­ben kann. Das kam ja auch beim Le­sen des Odes­sa-Bu­ches ein biss­chen auf: Weg mit den »un­heil­vol­len« Tra­di­tio­nen – hin zur...zum...ja, was? »Geist des An­fan­gens«? Dar­an woll­ten Sie auch nicht so recht glau­ben.

    Die po­li­ti­schen Ab­hän­gig­kei­ten zum Ko­lo­ni­al­land (die auch im­mer von den je­wei­li­gen Macht­eli­ten in Afri­ka ge­sucht wur­den) – ich bin nicht si­cher, ob die Rech­nung nicht schon längst zu Un­gun­sten der ehe­ma­li­gen Ko­lo­nia­li­sten aus­fällt. Die Er­war­tun­gen, die man in »den We­sten« – im­mer noch – setzt, kann die­ser doch längst nicht mehr er­fül­len. Die Eli­ten vor Ort ha­ben meist auf gan­zer Li­nie ver­sagt (bis auf ein paar Aus­nah­men wie viel­leicht Gha­na, Ma­li oder Be­nin). Al­ge­ri­en hat aus sei­nem Öl auch nicht das ge­macht, was man hät­te ma­chen kön­nen. Statt­des­sen sah man sein Heil (!) in der FIS und als die­se mit­tels de­mo­kra­ti­scher Wahler re­üs­sier­te, un­ter­stütz­te der We­sten die­je­ni­gen, die die­ses Re­sul­tat nicht an­er­kann­ten.

  11. Hoch­zeit in Ti­pa­sa
    Das ist Li­te­ra­tur. Man ar­bei­tet sich dar­an ab, muss es, liest wie­der und wie­der, spürt das All­ge­mei­ne im er­zähl­ten Er­le­ben auf, die bei­de in ei­ner Span­nung zu ein­an­der ste­hen. Dass Ca­mus nicht auf Deutsch schrieb, ist ganz und gar nicht selbst­ver­ständ­lich, und man möch­te sich vor den Über­set­zern ver­nei­gen. Und nach den er­sten zehn Sei­ten, nach der Hoch­zeit in Ti­pa­sa, fragt man sich wo­zu man noch Ro­ma­ne le­sen soll, wenn auf so knap­pem Raum al­les We­sent­li­che zur Spra­che kommt.

    Der (1942 er­schie­ne) My­thos des Si­sy­phos schim­mert als ei­ne Auf­fas­sung vom Le­ben, als ei­ne Art zu le­ben, im­mer wie­der durch: Lie­be See­le, trach­te nicht nach dem ewi­gen Le­ben, son­dern schöp­fe das Mög­li­che aus (Pin­dar, drit­te Py­thi­sche Ode), stellt Ca­mus dem My­thos des Si­sy­phos vor­an.

    Wir su­chen we­der Be­leh­rung noch bit­te­re Weis­heit der Grö­ße. Son­ne, Küs­se und er­re­gen­de Düf­te – al­les Üb­ri­ge kommt uns nichts­sa­gend vor. Die Rück­kehr der Rui­nen, der be­haue­nen Stei­ne, der ver­lo­re­nen Kin­der in die Na­tur, und ih­re Freu­de dar­über, kann man als ein Miss­trau­en ge­gen das Be­haue­ne und das Be­hau­en-wer­den wer­ten, als be­frei­tes Le­ben. Es ist nicht leicht, der zu wer­den der man ist, und die ei­ge­ne Tie­fe aus­zu­lo­ten. […] Ich lern­te at­men, ich ord­ne­te mich ein und er­füll­te das ei­ge­ne Maß.

    Ein Vor­rang des Er­le­bens, des Un(ver)mittelbaren, Reich­tum der man­nig­fa­chen und man­nig­fal­ti­gen Er­fah­rung: Wie arm sind Men­schen, die My­then brau­chen.[…] Wo­zu brau­che ich von Dio­ny­sos zu re­den, um zu sa­gen wie gern ich die Mastix­kü­gel­chen un­ter mei­ner Na­se zer­drücke. […] Se­hen! Auf die­ser Er­de se­hen! – Wie könn­te man die­se Leh­re ver­ges­sen? Wo­zu ab­strak­te Göt­ter und Vor­stel­lun­gen, wenn le­ben et­was ganz an­de­res be­deu­tet (an­ders in kon­kre­tem Sinn): Hin­ga­be an Er­de und Meer, den Duft der Wer­mut­bü­sche, und die Er­mat­tung hin­ter­her. Al­les hier lässt mich gel­ten, wie ich bin; ich ge­be nichts von mir auf, und brau­che kei­ne Mas­ke: Es ge­nügt mir, dass ich, ge­dul­dig, wie ei­ne schwie­ri­ge Wis­sen­schaft, die so viel wich­ti­ger ist als all die Le­bens­kunst der an­dern, ler­ne: zu le­ben.

    Und auch das un­be­ding­te ja zum Le­ben, das Ca­mus im My­thos des Si­sy­phos als lo­gisch nicht zu ver­nei­nen an­se­hen wird, kling her­auf: [Ich] sa­ge aus vol­lem Her­zen Ja zu je­nem Le­bens­stolz den die­se gan­ze Welt mir ein­re­den will. Kei­ne Angst vor dem Ge­nuss, dem Er­grei­fen der Welt, sie ist das We­sent­li­che und nichts jen­seits von ihr.

    Das Er­le­ben ver­langt das Ver­ges­sen um wie­der neu ent­facht zu wer­den, und das ist kein Grund zur Kla­ge, son­dern zur Freu­de; es ver­langt, und es wird ei­ne be­stimm­te Hal­tung zur Welt, die et­was an­de­res ist als Kunst und schöp­fe­ri­sche Tä­tig­keit, die eben­falls ih­re Stun­de hat – wie un­se­re Frei­heit es will.

    Die Ket­ten der Welt sind kei­ne, zu­min­dest kei­ne die der Ver­ach­tung wert wä­ren: in der küh­len Abend­luft be­ru­hig­te sich der Geist, und der ent­spann­te Geist ge­noss je­nes in­ne­re Schwei­gen, das ei­ne Frucht ge­still­ter Lie­be ist. Und da wo Be­täu­bung, Er­mat­tung und Satt-sein an­klin­gen, fühlt man die Schwe­re (und ein we­nig Un­be­ha­gen) die die Welt auch be­deu­ten kann, die aber auch an­nehm­bar er­schei­nen, und da­zu­ge­hö­ren. Ich hat­te mei­ne Men­schen­pflicht ge­tan und hat­te ei­nen gan­zen lan­gen Tag in Freu­de ver­bracht; und war mir so auch nichts Un­ge­wöhn­li­ches ge­lun­gen, ich hat­te doch er­grif­fe­nen Her­zens je­nem Le­bens­sinn ge­horcht, der uns bis­wei­len be­fiehlt glück­lich zu sein.

    Und Der Wind in Dje­mi­la spinnt den Ton gleich zu Be­ginn, et­was ver­än­dert fort: Es gibt Or­te, wo der Geist stirbt um ei­ner Wahr­heit wil­len, die ihn ver­neint.