Zwi­schen Nicht­be­ach­tung und Hel­den­tum: Der Sol­dat und die (eu­ro­päi­sche) De­mo­kra­tie

Den Wan­del des Sol­da­ten­bil­des in­ner­halb der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te (in­klu­si­ve ei­nes bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Schwer­punkts) hat Clau­de Haas in der letz­ten Aus­ga­be der Zeit er­hel­lend dar­ge­legt. Und dort wo er ge­en­det hat, gilt es wei­ter zu ge­hen. Man muss sei­ne Be­trach­tung, die et­was ab­rupt schließt, und we­sent­li­che Fra­gen auf­wirft, fort­spin­nen, und er­wei­tern, ge­ne­ra­li­sie­ren: Wie ist das sol­da­ti­sche „Hand­werk“, die­ser Be­ruf in Zei­ten ei­nes weit­ge­hend ge­ein­ten Eu­ro­pa, jen­seits ein­deu­ti­ger Be­dro­hungs- und Kon­flikt­sze­na­ri­en, zu be­ur­tei­len? Wol­len wir es be­ur­tei­len? Wir, d.h. die Po­li­tik muss es, soll­te es. Die Fra­ge war­um man am Hin­du­kusch steht, be­nö­tigt ei­ne kla­re Ant­wort. Man ist sie den Hin­ter­blie­be­nen schul­dig, und dem Bür­ger.

Krie­ge füh­ren, für den Frie­den (Pop­per). Ge­hen wir da­von aus, dass es ge­rech­te Krie­ge gibt, las­sen wir Ver­tei­di­gungs­sze­na­ri­en und die Ab­wehr von Ag­gres­si­on au­ßen vor, und eben­so Krie­ge als blo­ße Fort­füh­rung, als Mit­tel der Po­li­tik, der Macht. Wel­che Auf­ga­ben ha­ben Sol­da­ten dann zu er­le­di­gen, wel­che ge­rech­ten Krie­ge aus­zu­fech­ten, wenn wir da­von aus­ge­hen, dass sie da­für in ih­rer Hei­mat nicht be­nö­tigt wer­den? Bür­ger­krie­ge, Se­pa­ra­ti­ons­be­we­gun­gen, ter­ro­ri­sti­sche Ver­ei­ni­gun­gen, Völ­ker­mord, Grenz­kon­flik­te und vie­les mehr er­for­dern Ein­spruch und Hil­fe de­rer, die hel­fen und ein­spre­chen kön­nen: Wer zu­sieht und nicht hilft, trägt Mit­schuld oder zu­min­dest Ver­ant­wor­tung.

Und da­mit sind wir bei der al­les ent­schei­den­den Fra­ge: Wie sehr hängt das de­mo­kra­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis Eu­ro­pas (des We­stens) von sei­nen Sol­da­ten ab, wie weit be­nö­tigt Eu­ro­pa bzw. der We­sten Sol­da­ten für sei­ne zi­vi­li­sa­to­ri­sche Er­zäh­lung? Und falls ja: Ist er im Rah­men de­mo­kra­tisch-west­li­cher Er­zäh­lun­gen be­son­ders? Hat sei­ne Rol­le als Held aus­ge­dient, oder muss man sie ehr­li­cher­wei­se wie­der re­ak­ti­vie­ren?

Be­ginnt man die Din­ge der­ge­stalt zu be­trach­ten, er­hält man den Ein­druck, dass der Sol­dat je­mand ist, den man zwar braucht, aber ger­ne schnell wie­der ver­gisst, und um den man am be­sten we­nig Auf­he­bens macht, weil man nicht recht weiß wie man mit ihm (und den To­ten) um­ge­hen soll.

Wir be­sit­zen Kon­zep­te, Ide­en, von de­nen wir den­ken, dass sie auch für an­de­re nütz­lich sein kön­nen, et­wa zur Frie­dens- und Wohl­stands­för­de­rung die wir »ex­por­tie­ren« (ver­brei­ten), und an die wir selbst glau­ben, auch aus ei­ge­ner Er­fah­rung. Da­für be­nö­ti­gen wir Sol­da­ten, da­mit sie Hil­fe lei­sten, bzw. Hil­fe­lei­stung erst er­mög­li­chen, und die­se Hil­fe steht un­ter dem Ein­fluss eben je­ner zi­vi­li­sa­to­ri­scher Ide­en.

Wir be­nö­ti­gen Sol­da­ten al­so für die so­ge­nann­ten ge­rech­ten Krie­ge, für Sta­bi­li­sie­rung, Hil­fe, Un­ter­stüt­zung und auch Ver­tei­di­gung. Und sie tun dann nichts an­de­res, als ei­nen zi­vi­li­sa­to­ri­schen „Glau­ben“ – na­tür­lich ei­nen ar­gu­men­tier­ten, ei­nen fun­dier­ten -, aber trotz­dem ei­nen Glau­ben, Ver­trau­en, ei­ne Hoff­nung, zu ver­brei­ten. Letzt­lich spinnt der Sol­dat in sei­nem Wir­ken, ob im Kon­go oder in Af­gha­ni­stan, die west­lich-de­mo­kra­ti­sche Er­zäh­lung fort, ja er ver­tei­digt sie so­gar.

Der Sol­dat tritt mit sei­nem Le­ben für das Fun­da­ment un­se­res Ge­mein­we­sens im Sin­ne sei­ner Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen ein. De­mo­kra­tie ist ein Ver­spre­chen wi­der Ge­walt und Will­kür, für Sta­bi­li­tät, Frie­den und Wohl­stand. Selbst­ver­ständ­lich le­ben wir nicht im Pa­ra­dies, aber bei all ih­ren Schwä­chen, ken­nen wir doch kei­ne bes­se­re Staats­form. Steht der Sol­dat nicht für un­ser al­ler Glau­ben, un­ser Ver­spre­chen und un­se­ren Al­tru­is­mus? Kon­kre­ti­siert und re­pro­du­ziert er un­se­re Er­fah­rung nicht da­durch, dass er sein Le­ben in die Waag­scha­le wirft? Ge­wiss: Er tut das nicht al­lei­ne, nicht oh­ne Ent­wick­lungs- und ad­mi­ni­stra­ti­ve Hil­fe, aber in wie vie­len Kri­sen­re­gio­nen wä­re sie oh­ne mi­li­tä­ri­sche Un­ter­stüt­zung und Si­che­rung mög­lich? Soll­te das al­lei­ne nicht zu ei­ner Neu­be­wer­tung, jen­seits von Nicht­be­ach­tung und Hel­den­tum füh­ren?

Die deut­schen Sol­da­ten sind für Deutsch­land ge­fal­len (wenn man die­ses Wort ge­brau­chen möch­te), aber eben nicht aus­schließ­lich – ge­nau­so für Ide­en eu­ro­päi­scher, west­li­cher, mensch­li­cher Na­tur. Sie kämp­fen nicht ge­gen den Feind, zu­min­dest nicht aus­schließ­lich, und ihr Auf­trag ist im­mer auch der ei­nes Hel­fen­den und ei­nes Schieds­rich­ters.

Das an­zu­er­ken­nen und sich des­sen be­wusst zu sein, und zu wer­den, wä­re ei­ne Mög­lich­keit po­li­ti­schen Han­delns, oh­ne auf das ei­ne oder an­de­re Ex­trem zu ver­fal­len, viel­leicht ein neu­er Weg, oder zu­min­dest der An­stoß ei­nen sol­chen zu fin­den. Wie An­er­ken­nung und Be­wusst­sein aus­se­hen wer­den, lässt sich vor­her nicht be­stim­men, und wer woll­te das auch? Aber es wird sich zei­gen, so­fern man will, und da­zu be­reit ist.

32 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sol­dat und Mensch
    Das Sol­da­ten­tum in Deutsch­land war aus sehr gu­ten Grün­den nach 1945 gründ­lich dis­kre­di­tiert. Nicht un­be­dingt in der brei­ten Be­völ­ke­rung (das kam erst spä­ter – durch­aus und im Rah­men der 68er auch bei den Krei­sen, die an­son­sten mit 68ern nicht viel an­fan­gen konn­ten), aber in der po­li­ti­schen Klas­se. Das ist sehr deut­lich an der Dis­kus­si­on um die deut­sche Wie­der­be­waff­nung Mit­te der 50er Jah­re zu se­hen, an der die SPD fast zer­bro­chen wä­re, letzt­lich je­doch die­sen Schritt mit um­ge­setzt hat. Da­bei war die »Ar­mee«, die Deutsch­land sich zu­le­gen durf­te und soll­te durch­aus im Rah­men der da­ma­li­gen Be­sat­zungs­struk­tu­ren ein­ge­bet­tet und soll­te höch­stens lang­fri­stig in ei­ne Art trans­at­lan­ti­sche Ar­mee ein­ge­bun­den sein. Selbst als ich bei der Bun­des­wehr »dien­te« (An­fang der 80er Jah­re), galt die Bun­des­wehr all­ge­mein als »Ka­no­nen­fut­ter«, was nicht zu­letzt mit dem nu­klea­ren Be­dro­hungs­po­ten­ti­al be­grün­det wur­de. Da­mals galt es als schick, den Wehr­dienst zu ver­wei­gern; der »Zi­vi« hat­te in der Be­völ­ke­rung ei­ne hö­he­re mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät als der Wehr­dienst­lei­sten­de; aus­ge­nom­men von den­je­ni­gen, die in den 20er und 30er Jah­ren ge­bo­ren wur­den. Hier gab es die mei­ste An­er­ken­nung, de­rer man sich manch­mal durch­aus schäm­te.

    Die Bun­des­wehr ver­such­te das sol­da­ti­sche Prin­zip des Be­fehls und Ge­hor­sams ei­ner­seits mit dem des so­ge­nann­ten de­mo­kra­ti­schen Bür­gers an­de­rer­seits in Ein­klang zu brin­gen. Dies be­gann schon da­mit, dass es theo­re­tisch die Mög­lich­keit gab, den (Zwangs-)Wehrdienst mit der Waf­fe zu ver­wei­gern, wenn es fun­da­men­ta­le (und nach­prüf­ba­re!) Ge­wis­sens­kon­flik­te gab. Die Be­din­gun­gen für die­se Ver­wei­ge­rung wur­den suk­zes­si­ve li­be­ra­li­siert; heu­te ist dies fast mit der ob­li­ga­to­ri­schen Post­kar­te mög­lich.

    Für die Ver­blie­be­nen galt das Wort vom »Staats­bür­ger in Uni­form« als De­vi­se. Die Pra­xis sah – na­tur­ge­mäss – leicht an­ders aus. Be­feh­le konn­ten und kön­nen nicht ver­wei­gert, be­fragt oder gar dis­ku­tiert wer­den (es gab/gibt sehr eng de­fi­nier­te Aus­nah­men, bei­spiels­wei­se wenn der Be­fehl fun­da­men­ta­len Rechts­prin­zi­pi­en wi­der­spricht – so et­was schien da­mals je­doch schwer vor­stell­bar). Wenn ein Vor­ge­setz­ter in ei­ner Übung be­fahl durch den Schlamm zu rob­ben, ob­wohl zwei Me­ter wei­ter die Er­de trocken ist, muss­te man das erst ein­mal ma­chen. Die Mög­lich­keit der Be­schwer­de gab es al­ler­dings – die Kon­se­quen­zen ver­mag sich je­der vor­zu­stel­len. Den­noch ha­be ich aus per­sön­li­cher An­schau­ung nie­mals Drang­sa­lie­run­gen be­ob­ach­tet, die die Wür­de des ein­zel­nen Sol­da­ten tan­gier­ten. Der Haupt­feld­we­bel »mei­ner Kom­pa­nie« hat­te den­noch auf den Per­so­nal­ak­ten im­mer ei­nen gro­ßen Ver­merk, ob es sich bei dem je­wei­li­gen Sol­da­ten um ei­nen ver­such­ten Ver­wei­ge­rer han­del­te. Wenn es dann ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Dienst gab (z. B. am Wo­chen­en­de war ein Wach­sol­dat aus­ge­fal­len), wur­de aus die­sem »Re­ser­voir« der Er­satz­mann »ge­zo­gen«. Na ja.

    Den Wehr­dienst als »Frie­dens­dienst« zu be­zeich­nen – auf die­se Idee wä­re von den Wehr­pflich­ti­gen da­mals kaum je­mand ge­kom­men. Es galt es fast un­ver­meid­li­ches Übel und wur­de oh­ne Ver­ve durch­ge­führt, »ab­ge­ris­sen« so­zu­sa­gen. In­ter­es­sant da­bei: Auch in der Mit­te der 70er Jah­re auf­kom­men­den Frie­dens­be­we­gung wur­de selt­sa­mer­wei­se im­mer ei­ne Tren­nung zwi­schen »Sol­dat« und »Mensch« prak­ti­ziert. Ich weiss nicht, ob dies in an­de­ren Län­dern auch so war/ist oder ob es sich um ein spe­zi­fisch deut­sches Phä­no­men han­delt: Der Sol­dat galt – im schlimm­sten Fall – als »ar­me Sau«, der ei­nem re­pres­si­ven Ap­pa­rat folgt, ob­wohl er viel­leicht selbst an­de­rer Mei­nung ist (bzw. vor­her ei­ner Ge­hirn­wä­sche un­ter­zo­gen wur­de). Die­se Kon­struk­ti­on der Tren­nung zwi­schen Funk­ti­on und Mensch sorg­te da­für, dass die Bun­des­wehr in der Bun­des­re­pu­blik selt­sam un­wi­der­spro­chen blieb (die ra­di­kal­pa­zi­fi­sti­schen Ele­men­te bei den Grü­nen wa­ren früh auf dem Rück­zug). Gleich­zei­tig ver­schaff­te die Auf­spal­tung Mensch ver­sus Sol­dat die Mög­lich­keit, den Men­schen im Sol­da­ten noch als An­sprech­part­ner zu er­hal­ten. Al­so durch­aus ein dia­lo­gi­sches Sy­stem. Und in­di­rekt ent­sprach dies dem »Staats­bür­ger in Uni­form« und da­mit der gül­ti­gen po­li­ti­schen Dik­ti­on. Der »bö­se Sol­dat« konn­te in sei­ner Frei­zeit der »gu­te Mensch« blei­ben. Das ging so­lan­ge gut, so­lan­ge die Bun­des­wehr aus­schließ­lich im ei­ge­nen Saft schmor­te und selbst als in­ter­ven­tio­na­li­sti­sche Ar­mee bspw. bei Blau­helm-Ein­sät­zen nicht in­fra­ge kam. Da war es dann ganz hilf­reich, sich auf die Ge­schich­te zu­rück­zie­hen zu kön­nen.

    Die­sen rein de­fen­si­ven Auf­trag gab man nach dem En­de des bi­po­la­ren Kon­flik­tes und der Sou­ve­rä­ni­tät der Bun­des­re­pu­blik in den 90er Jah­ren (noch un­ter Kohl) auf. Be­grün­det wur­de dies mit den Er­war­tun­gen der Ver­bün­de­ten. Kohl als ge­schichts­be­wuss­ter Kanz­ler tat sich ziem­lich schwer, aus­ge­rech­net in Ex-Ju­go­sla­wi­en mit der Bun­des­wehr als frie­dens­sta­bi­li­sie­ren­de Ein­heit mit­zu­wir­ken. Ei­ne wirk­li­che Wahl dürf­te er nicht ge­habt ha­ben. Die Ein­sät­ze wur­den dem­zu­fol­ge als Frie­dens­ein­sät­ze halb ver­klärt, halb be­män­telt. Deutsch­land war im Grun­de – ein sehr po­si­ti­ver As­pekt – nicht mehr mi­li­ta­ri­siert. Das zeig­te sich 1991, als die USA Ku­wait von der ira­ki­schen Be­sat­zung be­frei­ten (und das olig­ar­chi­sche Sy­stem wie­der­her­stell­ten; weit­ge­hend ver­ges­sen üb­ri­gens die hi­sto­ri­sche Ein­ma­lig­keit, dass Bush se­ni­or dies völ­ker­recht­lich ein­wand­frei ein­fä­del­te) und 1998/99. Aus­ge­rech­net un­ter Rot-Grün wur­de der er­ste Kampf­ein­satz der Bun­des­wehr nach dem Zwei­ten Welt­krieg be­schlos­sen. Auch hier wur­den mo­ra­li­sche Grün­de ge­nannt, die bis zu Fäl­schun­gen der Fak­ten­la­ge ein­her­gin­gen. Die Bun­des­re­pu­blik be­tei­lig­te sich an ei­nem zu­mal noch völ­ker­rechts­wid­ri­gen Kriegs­ein­satz un­ter dem Män­tel­chen der Hu­ma­ni­tät.

    Dass da­bei die Grü­nen ei­ne zen­tra­le Rol­le spiel­ten, mag nur an­fangs über­ra­schen. Mis­sio­na­ri­scher Pa­ter­na­lis­mus ist ein Ur­ele­ment der Grü­nen. Noch vor Jah­res­frist stimm­ten in Um­fra­gen die Mehr­heit der Grü­nen-Wäh­ler für den Af­gha­ni­stan-Ein­satz der Bun­des­wehr. Selbst un­ter den CDU/C­SU-An­hän­gern gab es nicht ei­ne solch gro­ße Mehr­heit. Bushs De­mo­kra­ti­sie­rungs­mis­si­on und der In­ter­ven­tio­na­lis­mus gro­ßer Tei­le der Grü­nen sind Ver­wand­te im Gei­ste. Dar­über täuscht auch nicht der Irak­krieg. Der Maß­stab ist Ju­go­sla­wi­en und Af­gha­ni­stan.

    Die In­ter­ven­ti­on in Af­gha­ni­stan hat­te zwei Grün­de: Zum ei­nen soll­ten die Trai­nings­mög­lich­kei­ten, die die Ta­li­ban-Re­gie­rung po­ten­ti­el­len Ter­ro­ri­sten bot, be­sei­tigt wer­den. Zum an­de­ren soll­te die Ta­li­ban-Re­gie­rung sel­ber be­sei­tigt wer­den. Es gab al­so so­wohl si­cher­heits­po­li­ti­sche als auch macht­po­li­ti­sche Grün­de. Loui­se Ri­chard­son meint, dass man aus si­cher­heits­po­li­ti­schen Grün­den nicht in Af­gha­ni­stan hät­te ein­mar­schie­ren müs­sen. Ge­ziel­te mi­li­tä­ri­sche Schlä­ge ge­gen Ter­ror­camps oder ähn­li­ches hät­ten es auch ge­tan. Das ist m. E. rich­tig, wenn es auch streng völ­ker­recht­lich sehr schwie­rig ge­we­sen wä­re, dies zu recht­fer­ti­gen. Die Ta­li­ban-Re­gie­rung hät­te man mit Ge­heim­dienst­me­tho­den na­tür­lich auch be­sei­ti­gen kön­nen, aber ob dies dau­er­haft er­folg­reich ge­we­sen wä­re, bleibt of­fen. So ent­schloss man sich zur In­ter­ven­ti­on. Deutsch­land (Schrö­der als Kanz­ler) konn­te und woll­te sich ei­ner Teil­nah­me nicht ent­zie­hen. Um nicht ein­ge­ste­hen zu müs­sen, dass man sich in­ner­halb ei­nes ag­gres­si­ven mi­li­tä­ri­schen Ak­tes be­fand, wur­de der Ein­satz der deut­schen Sol­da­ten (wie schon in Ju­go­sla­wi­en) als Frie­dens­maß­nah­me ver­klärt. Die Sol­da­ten soll­ten beim Brun­nen- oder Schul­bau hel­fen, bzw., so der me­di­al-na­iv ver­mit­tel­te Blick »ro­bust« be­wa­chen.

    Still­schwei­gend war man da­von aus­ge­gan­gen, dass die Af­gha­nen (die es als ho­mo­ge­ne und vor al­lem als de­zen­tra­le En­ti­tät so gar nicht gibt) dies auch wol­len. Man mach­te den Feh­ler fast al­ler Re­vo­lu­tio­nä­re, dass man die ge­mein­sa­me Geg­ner­schaft (die Ta­li­ban Re­gie­rung war in brei­ten Krei­sen der Be­völ­ke­rung auf­grund ih­rer stein­zeit­li­chen An­sich­ten nicht be­liebt) mit ei­ner ge­mein­sa­men Zu­kunft ver­wech­sel­te. Man hat­te die Be­völ­ke­rung ge­gen die Ta­li­ban auf ih­re Sei­te – aber wel­che Form das neue Ge­sell­schaft­mo­dell ha­ben soll­te war nicht aus­ge­macht. Hier wur­den die Feh­ler be­gan­gen, die sich heu­te bit­ter rä­chen. Der Sol­dat wur­de in der Öf­fent­lich­keit und nicht zu­letzt durch die Me­di­en als be­waff­ne­ter Auf­bau­hel­fer ver­kitscht. (Der lang­jäh­ri­ge ZDF-Aus­lands­kor­re­spon­dent Ul­rich Til­g­ner hat­te sei­ne Mit­ar­beit beim ZDF auf­ge­ge­ben, weil er kri­ti­sche Be­rich­te, die nicht in die­sen Rah­men pass­ten, nicht sen­den durf­te.) Um dies mo­ra­lisch zu un­ter­mau­ern wur­de das Wort von der Frei­heit, die man am Hin­du­kusch ver­tei­di­ge, ge­schwun­gen. Dies stimm­te nur, wenn man die west­li­che Bril­le auf­setz­te. Es war (und ist) ein im­pe­ria­ler Blick.

    Der deut­sche, ame­ri­ka­ni­sche, bri­ti­sche, nor­we­gi­sche, ka­na­di­sche Sol­dat: Er ver­tei­digt in Af­gha­ni­stan nicht un­se­re Wer­te. Er stülpt sie die­sen Leu­ten über. Ei­ne wirk­li­che Wahl ha­ben sie nicht. Pro­for­ma gibt es zwar Wah­len, aber auch das ent­spricht nicht un­be­dingt den so­zia­len und po­li­tisch ge­wach­se­nen Struk­tu­ren. Statt die­se in lang­fri­sti­gen Pro­zes­sen mit ein­zu­bin­den, wur­de un­ser De­mo­kra­tie- und Men­schen­rechts­ver­ständ­nis, wel­ches sich über mehr als 300 Jah­re suk­zes­si­ve ent­wickelt hat in ei­nem Crash­kurs über­tra­gen. Ich glau­be, dass der Be­völ­ke­rung dort die west­li­chen Hel­fer und Sol­da­ten wie Au­ßer­ir­di­sche vor­ge­kom­men sein müs­sen (bzw. noch vor­kom­men), die zwar al­le nur ihr Be­stes wol­len, aber dies in ein­deu­tig hier­ar­chi­scher Ma­nier ok­troy­ie­ren.

    Ein Wer­te­uni­ver­sa­lis­mus kann – wenn es ihn über­haupt gibt – nicht von oben ver­ord­net und schon gar nicht mit Waf­fen­ge­walt um­ge­setzt wer­den. Die Sol­da­ten, die dort Dienst tun, wer­den von po­li­tisch zu kurz den­ken­den Ent­schei­dungs­trä­gern ver­heizt. Auch die Mis­sio­na­re, die im 16. Jahr­hun­dert ihr Werk be­gan­gen, glaub­ten, das Be­ste für die »Wil­den« zu tun. (Üb­ri­gens durch­aus mit Er­folg: Süd­ame­ri­ka ist per­fekt chri­stia­ni­siert.)

    Vie­le An­ti-In­ter­ven­tio­na­li­sten be­grün­den ih­re Mei­nung nun mit den stei­gen­den Op­fer­zah­len. Nichts ist ab­sur­der. Auch sie miß­brau­chen die Sol­da­ten für ih­re Mei­nung. Es gab und gibt durch­aus sinn­vol­le Aus­lands­ein­sät­ze. Sie müs­sen je­doch mit den ent­spre­chen­den lo­ka­len Eli­ten des Lan­des ko­or­di­niert sein. An­son­sten bricht das Land bzw. der er­reich­te Sta­tus nach dem Ab­zug wie­der zu­sam­men.

    Es ge­hört zu den Ri­si­ken des Sol­da­ten, beim Ein­satz ums Le­ben zu kom­men. Man soll­te dies prag­ma­tisch se­hen und nicht in schein­hei­li­ger Trau­er­r­he­to­rik ver­fal­len, die dann dar­auf­hin ei­nen so­for­ti­gen Ab­zug for­dert. Wä­re der Ein­satz der Sol­da­ten in Af­gha­ni­stan ge­bo­ten, kä­me es nicht auf die An­zahl der ge­tö­te­ten Sol­da­ten an. Wä­re es da­nach ge­gan­gen, wä­ren die US-Trup­pen nie­mals an D‑Day in der Nor­man­die ge­lan­det und die Ro­te Ar­mee hät­te sich der Wehr­macht er­ge­ben müs­sen.

    Die Dis­kus­si­on um den Af­gha­ni­stan-Ein­satz ist nie ge­führt wor­den. Die La­ge nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 wur­de aus­ge­nutzt; die deut­sche Re­gie­rung nahm schon des­halb dar­an teil, um sich vom durch­aus zu er­war­ten­den Ein­satz im Irak ab­sen­tie­ren zu kön­nen.

    Ein Sol­da­ten­tum, wel­ches den Hel­den braucht, ist m. E. nicht mehr wün­schens­wert. Die Sol­da­ten sind auch nicht »ge­fal­len«, sie sind »ge­tö­tet« wor­den (hier zeigt der ZEIT-Ar­ti­kel In­ter­es­san­tes auf). Denk­fa­bri­ken in­ner­halb der EU le­gen na­he, wo­zu Sol­da­ten in der näch­sten Zu­kunft »ge­braucht« wer­den. Sie sol­len u. a. da­zu die­nen, un­se­re Roh­stoff­ver­sor­gung zu si­chern, wenn dies not­we­nig ist. Die­se Dis­kus­si­on wer­den – lei­der – gar nicht ge­führt: Der Sol­dat von mor­gen – ist er der Men­schen­rechts­krie­ger des west­li­chen Wer­te­sy­stems oder ein­fach nur Söld­ner des ka­pi­ta­li­stisch-frei­heit­li­chen Le­bens­stils?


    Ei­gent­lich hat­te ich ge­hofft, dass es dann doch ein paar mehr Mei­nun­gen zu die­sem Bei­trag gibt, aber es wohl deut­lich, dass die­se Platt­form hier ziem­lich tot ist.

  2. »Noch vor Jah­res­frist stimm­ten in Um­fra­gen die Mehr­heit der Grü­nen-Wäh­ler für den Af­gha­ni­stan-Ein­satz der Bun­des­wehr. Selbst un­ter den CDU/C­SU-An­hän­gern gab es nicht ei­ne solch gro­ße Mehr­heit.«

    Das ist (für mich) schwer zu glau­ben. Ei­ne Fuß­no­te und ein »Be­weis« wä­re viel­leicht hilf­reich (?)
    Dan­ke.

  3. Das steht hier und ist vom Sep­tem­ber 2009 (die zeit­li­che Ein­ord­nung ist al­so et­was grob).

    Es ist nur auf den er­sten Blick schwer zu ver­ste­hen. In Wirk­lich­keit sind die Grü­nen im­mer schon stark pa­ter­na­li­stisch ge­we­sen.

  4. Dan­ke.
    In letz­ter Zeit war in der Pres­se im­mer (?) die Re­de da­von, dass 70 bis 80% der Deut­schen GEGEN den Af­gha­ni­stan-Ein­satz deut­scher Sol­da­ten sind; auch ich ken­ne nie­man­den, der für die­sen Un­sinn ist. Selt­sam, die­se Zah­len in der »ta­ges­schau«.
    Dass »Die Grü­nen« sich stark ge­wan­delt ha­ben, ist lei­der trau­rig und wahr. Ist’s das Al­ter? Auch ich werd ja nicht jün­ger und in­zwi­schen les ich tat­säch­lich auch mal die FAZ, was in mei­nen jün­ge­ren Jah­re un­mög­lich war, denn es war ja »re­ak­tio­nä­res Ge­sül­ze!« Aber ei­nem Krieg zu­stim­men? das werd’ ich in die­sem Le­ben (hof­fent­lich) nicht mehr.

  5. Na­tur­ge­mäss än­dern sich Zah­len der Zu­stim­mung / Ab­leh­nung im­mer auf­grund spe­zi­fi­scher Er­eig­nis­se. Der Link zeigt, dass im Sep­tem­ber 2009, nach dem Kun­dus-Bom­bar­de­ment die Zu­stim­mung noch bei 57% war und da­bei über­pro­por­tio­nal viel Zu­stim­mung bei den Grü­nen. Das mag sich in den letz­ten Mo­na­ten ge­än­dert ha­ben (durch die Er­läu­te­run­gen der nä­he­ren Um­stän­de des Vor­falls und/oder durch die stei­gen­de An­zahl to­ter Sol­da­ten) (im De­zem­ber sieht es tat­säch­lich mit 69:27 schon an­ders aus).

    Im üb­ri­gen glau­be ich gar nicht, dass sich die Grü­nen so stark ge­wan­delt ha­ben – höch­stens, was das pa­zi­fi­sti­sche Mo­ment an­geht. Im Prin­zip hat­ten sie im­mer ei­nen stark mis­sio­nie­ren­den Trieb, der sich durch­aus auch am Ran­de der Ar­ro­ganz und In­to­le­ranz bewegt(e). So tritt man in Af­gha­ni­stan für Frau­en­rech­te ein (grund­sätz­lich na­tür­lich rich­tig), will dies je­doch vor Ort hier­ar­chisch durch­set­zen. In Eu­ro­pa en­ga­gie­ren sie sich bei­spiels­wei­se ge­gen die in ei­ni­gen Län­dern for­cier­ten so­ge­nann­ten Bur­ka-Ver­bo­te.

    Po­li­tik be­deu­tet üb­ri­gens noch lan­ge nicht, dass, wenn 70–80% ge­gen oder für et­was sind, dies auch ent­spre­chend um­ge­setzt wer­den muss. Und das nicht nur aus den oben er­wähn­ten sehr emo­tio­nal steu­er­ba­ren Schwan­kun­gen her­aus. Aber das ist ein an­de­res The­ma.

  6. Kom­men­tar­man­gel
    Die Wort­men­ge muss man erst­mal ver­dau­en – Ih­ren zwei­ten Kom­men­tar dar­auf ha­be ich auch noch nicht voll­sta­en­dig ge­le­sen, ich bin nur ue­ber fol­gen­de Saet­ze ge­stol­pert:

    Vie­le An­ti-In­ter­ven­tio­na­li­sten be­grün­den ih­re Mei­nung nun mit den stei­gen­den Op­fer­zah­len. Nichts ist ab­sur­der. Auch sie miß­brau­chen die Sol­da­ten für ih­re Mei­nung.

    Ei­ne In­stru­men­ta­li­sie­rung von Men­schen­le­ben ist im­mer ver­werf­lich (der schoe­ne Satz von Kant, dass ein Mensch nur Zweck an sich, nie Mit­tel zum Zweck sein du­er­fe?) – Noch ver­werf­li­cher wenn dann nur das be­sorg­nis­er­re­gen­de An­stei­gen ei­ner Zahl als Ar­gu­ment die­nen soll, da stim­me ich zu.

    Al­ler­dings fin­de ich es pro­ble­ma­tisch, dass dies wie­der­um fu­er ei­ne Im­mu­ni­sie­rungs­stra­te­gie be­nutzt wer­den kann. Die­se rhe­to­ri­sche Fi­gur ha­be ich vor kur­zem ir­gend­wo in Rein­form ge­se­hen – glaub ich ha­be es wie­der­ge­fun­den: Ei­ne Dis­kus­si­on im Vor­feld gab es nicht (das schrei­ben Sie ja auch). Nun ist man schon drin und dann: »In Af­gha­ni­stan muss ein le­gi­ti­mer mi­li­tä­ri­scher Geg­ner be­kämpft, d.h. wo nö­tig VERNICHTET wer­den. Wer das, noch da­zu oh­ne jeg­li­che si­cher­heits­po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Kom­pe­tenz, als po­li­tisch mor­la­lisch ver­werl­fich ein­stuft, ge­fähr­det das Le­ben deut­scher Sol­da­ten.« (krach­le­der­te da ein Lt874,

    Es gibt na­tu­er­lich Fa­el­le, in de­nen ei­ne mi­li­tae­ri­sche In­ter­ven­ti­on not­wen­dig ist (ob sie al­ler­dings in ge­nau die­sen Fa­el­len statt­fin­det? s. Voel­ker­mord in Ru­an­da?) – Die mi­li­tae­ri­sche Ver­tei­di­gung oder gar der Ex­port ir­gend­wel­cher ab­strak­ter Ord­nun­gen oder Wer­te, mit die­sem Ge­dan­ken ha­be ich noch so mei­ne Pro­ble­me,.. wer­de spae­ter mal in den Zeit-Ar­ti­kel schau­en..

  7. Im­mu­ni­sie­rungs­stra­te­gie
    Ich bin auch ge­gen Im­mu­nise­run­gen und woll­te die­ser auch nicht das Wort re­den. Ich ha­be Re­spekt vor Leu­ten, die die­sen Ein­satz ab­ge­lehnt ha­ben und im­mer noch ab­leh­nen – sie ha­ben nach­voll­zieh­ba­re Grün­de. Aber ich weh­re mich ge­gen die un­ter­schwel­li­ge Strö­mung: ‘jetzt ha­ben wir schon wie­der vier To­te und müs­sen da so­fort raus.’ Das fin­det man üb­ri­gens so­wohl in vie­len Blogs als auch bei der SPD und Tei­len der Grü­nen, die plötz­lich nichts mehr da­von wis­sen wol­len, nach dem Mot­to: Wir konn­ten doch nicht wis­sen, dass die an­de­ren dort zu­rück­schie­ßen.

    Die Kriegs- und Ver­nich­tungs­rhe­to­rik ist ei­ne mi­li­tä­ri­sche; man soll­te sie zum Maß­stab ma­chen. Sie taucht m. E. im­mer dann auf, wenn man prak­tisch schon ver­lo­ren hat. Sie ist Pro­dukt ei­ner (rhe­to­ri­schen) Hilf­lo­sig­keit. Als Sol­dat dort wür­de ich mir viel mehr Sor­gen auf­grund die­ser Äu­sse­run­gen ma­chen als auf­grund der Ab­zugs­for­de­run­gen. Das Prin­zip ist alt­be­kannt: Wer den Ein­satz be­fragt wird als Dolch­sto­ßer ge­gen die Sol­da­ten ru­bri­ziert. In Wahr­heit ge­fähr­den die­je­ni­gen das Le­ben der Sol­da­ten, die sie schlecht aus­ge­rü­stet in ein Kri­sen­ge­biet schicken und ih­nen vor­ma­chen, sie sei­en will­kom­men und wür­den nur ein biß­chen beim Brun­nen­bau­en hel­fen.

    Der Kon­flikt in Af­gha­ni­stan ist nicht ge­winn­bar, zu­mal wenn, wie es den An­schein hat, die dor­ti­ge Be­völ­ke­rung nicht mit ins Boot ge­holt wird son­dern zwi­schen die Fron­ten ge­rät. Das er­in­nert ja teil­wei­se durch­aus an den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg als die je­weils ma­ro­die­ren­den Söld­ner­trup­pen durch die Städ­te zo­gen und die zi­vi­le Be­völ­ke­rung drang­sa­lier­ten.

    In­ter­es­sant ist auch, dass in dem Fall, als ei­ne In­ter­ven­ti­on wirk­lich not­wen­dig ge­we­sen wä­re – Sie spre­chen Ru­an­da an – nichts ge­schah. Die Welt war da­mals an­schei­nend mit Ju­go­sla­wi­en aus­ge­la­stet...

  8. @Gregor
    Schö­ner, lan­ger Kom­men­tar. Zu­nächst gilt es aus­ein­an­der zu­hal­ten, ob man uni­ver­sa­li­sti­sche Wer­te (oder viel­leicht et­was ab­ge­schwächt: sei­ne, für gut be­fun­de­nen, Ide­en und Kon­zep­te) an­de­ren na­he legt (über­stülpt, ver­mit­telt), oder das für gut und rich­tig hält. Ich hal­te dass durch­aus für pro­ble­ma­tisch, stel­le aber weit­ge­hend fest, dass man (»der We­sten«) das tut – et­wa die Or­ga­ni­sa­ti­on der UN, das Ver­ständ­nis von Staat­lich­keit ins­ge­samt, Ver­brei­tung von De­mo­kra­tie, Ent­wick­lungs­hil­fe, Sta­bi­li­sie­rungs­ein­sät­ze, ... All spricht ganz ein­deu­tig ei­ne west­li­che Spra­che. Die­ser »Ex­port« fin­det al­so statt, ich den­ke das ist ein »Fak­tum«, und da­mit soll­te es auch Aus­gangs­punkt ei­ner Be­ur­tei­lung sein.

    Wie das von stat­ten geht, und ob das über­haupt wün­schens­wert ist, steht zwar nicht auf ei­nem an­de­ren Blatt, aber un­ter dem Schat­ten, dass es ge­schieht. Das Pro­blem des Sol­da­ten ist nun, dass er im­mer Be­fehls­aus­füh­ren­der ist, was ihn zwar nicht ge­ne­rell von Fehl­ver­hal­ten frei­spricht, aber man kann ihm ei­ne ge­ne­rell fal­sche Stra­te­gie schwer zur Last le­gen, das ent­zieht sich sei­ner Ver­ant­wor­tung.

    Für ei­ne ge­ne­rel­le Be­ur­tei­lung muss man, den­ke ich, sei­nen (des Sol­da­ten) all­ge­mei­nen Hand­lungs­rah­men (»Auf­trag«) her­an­zie­hen (da­zu ge­hö­ren die an­ge­spro­che­nen »Wer­te«), und die je­wei­li­gen Spe­zi­fi­ka (wie se­hen die kon­kre­ten De­tails aus).

    Du zeigst in Dei­nem Kom­men­tar, dass ei­ne all­ge­mei­ne Be­ur­tei­lung schwie­rig ist, dass die Rea­li­tät in­ho­mo­gen ist, dass je­der Kon­flikt, je­der Ein­satz an­de­res aus­sieht, und die Ent­schlüs­se und Mo­ti­va­ti­on ein­zu­grei­fen sich än­dern. Viel­leicht neh­men wir Af­gha­ni­stan ein­mal als Bei­spiel, oder auch ger­ne et­was an­de­res, und ver­su­chen zu er­ör­tern wel­ches Bild des Sol­da­ten, der ent­spre­chen­de Kon­flikt ver­mit­telt.

    Ab­schlie­ßend noch: Ich glau­be, dass sich die Kriegs­füh­rung und Recht­fer­ti­gung tat­säch­lich ge­än­dert hat, dass es schwie­ri­ger (oder mo­ra­lisch we­nig ver­tret­bar) ge­wor­den ist bloß Macht­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen (was nicht hei­ßen soll, dass es nicht ge­schieht). In dem Zu­sam­men­hang wä­re es auch auf­schluss­reich (aber das ha­be ich nicht pa­rat), ei­nen Ver­gleich zwi­schen dem Ein­drin­gen der So­wjet­uni­on und dem We­sten zu zie­hen.

    Mor­gen dann mehr.

  9. Kur­zer Zwi­schen­ruf
    Na­ja, die Or­ga­ni­sa­ti­on der UN ist nicht un­be­dingt mit der Be­set­zung ei­nes Lan­des gleich­zu­set­zen. Auch der Be­griff un­se­rer Na­ti­on macht z. B. vie­len afri­ka­ni­schen Staa­ten Pro­ble­me, weil ih­re Gren­zen will­kür­lich ge­setzt wur­den. Die Ver­brei­tung von De­mo­kra­tie kann durch po­li­ti­sche und/oder Un­ter­stüt­zung statt­fin­den, oh­ne dass man dort ein­mar­schie­ren muss. Die Chi­ne­sen ma­chen das der­zeit in Afri­ka vor: Län­der, die auf­grund ih­rer po­li­ti­schen Re­gime vom We­sten boy­kot­tiert wer­den (bspw. der Su­dan) oder de­nen Auf­la­gen für so­ge­nann­te Ent­wick­lungs­hil­fe mit­ge­ge­ben wird, wer­den durch sie un­ter­stützt – und zwar auf rein öko­no­mi­scher Ebe­ne. Frei­lich ist die po­li­ti­sche Ge­sin­nung im­mer schon für den We­sten wich­tig ge­we­sen; man den­ke an den so­ge­nann­ten Kal­ten Krieg.

    Na­tür­lich ist der ein­zel­ne Sol­dat macht­los, was sei­ne Vefü­gung an­geht (ich glau­be, das gilt für die Wehr­pflich­ti­gen in Deutsch­land nicht ganz – sie kön­nen Aus­lands­ein­sät­ze auf­grund der Ge­fähr­dung ab­leh­nen). Ein Punkt, der die Ame­ri­ka­ner zum Bei­spiel nach dem Viet­nam­krieg da­zu ge­bracht hat, auf ei­ne Frei­wil­li­gen­ar­mee um­zu­stel­len.

    Blei­ben wir bei Af­gha­ni­stan. Die UdSSR war dort 1979 ein­ge­drun­gen – ein von ihr un­ter­stütz­tes Re­gime schwank­te und droh­te re­vo­lu­tio­när ge­stürzt zu wer­den. Das Land war aus geo­stra­te­gi­schen Grün­den für die so­wje­ti­sche Füh­rung wich­tig. Ähn­li­che Grün­de könn­te man auch für 2001 an­füh­ren. Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker glau­ben gar ei­ne Par­al­le­le zwi­schen dem Schei­tern der Ge­heim­ver­hand­lun­gen der USA mit der an­geb­lich ge­bann­ten Ta­li­ban-Re­gie­rung um ei­ne Pipe­line als Mit­ur­sa­che aus­ma­chen zu kön­nen.

    Ich ver­ste­he Dei­ne In­ten­ti­on, hier zu­nächst nur über das Ver­hält­nis des Sol­da­ten zum »Hei­mat­volk« re­den zu wol­len. Aber es geht auch dar­um, ob der »Hei­mat«, al­so uns, be­wusst es, wor­um es geht bzw. ob wir das Ri­si­ko für den Ex­port un­se­rer Wer­te Men­schen zu »op­fern« ein­ge­hen wol­len. Da­bei geht es auch um die (et­was plat­te) Dis­kus­si­on, ob Sol­da­ten nun Mör­der ge­nannt wer­den kön­nen und/oder sol­len, oder nicht.

  10. Et­was aus­führ­li­cher
    Sol­dat­sein ist kein (nor­ma­ler) Be­ruf (zu­min­dest so­lan­ge et­was wie ei­ne all­ge­mei­ne Wehr­pflicht be­steht, auch wenn man sich ihr ent­zie­hen kann, zu­nächst ist ein­mal je­der [männ­li­che] Staats­bür­ger be­trof­fen), weil hier doch of­fen­bar die Pflicht, das Ge­mein­we­sen, und die es be­grün­den­den Wer­te ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. Oh­ne die all­ge­mei­ne Teil­nah­me und den Nut­zen den je­der aus dem Ge­mein­we­sen zieht, ist der Sol­dat in sei­nem mo­der­nen Sinn nicht denk­bar (wie das in dem Zeit­ar­ti­kel oben auch auf­ge­zeigt wird). Von ei­nem Be­ruf wür­de ich dann spre­chen, wenn man sich für Be­zah­lung und aus­schließ­lich frei­wil­lig da­für ent­schei­den kann. Und man be­den­ke ein­mal wel­ches Un­be­ha­gen die pri­va­ten Söld­ner (sie­he Irak) aus­ge­löst ha­ben, eben weil sie käuf­lich sind, und sich »um nichts wei­ter küm­mern« – das wä­re dann tat­säch­lich ein Be­ruf wie je­der an­de­re. Ei­ne Be­rufs­ar­mee steht wohl ir­gend­wo da­zwi­schen.

    Zum Mör­der wird ein Sol­dat dann, wenn er be­wusst Un­be­waff­ne­te tö­tet, mit­schul­dig wenn er es an­ord­net, aber selbst nicht aus­führt.

    Mit Dei­nen An­mer­kun­gen zu den UN hast Du na­tür­lich recht, ich ge­be aber zu be­den­ken, dass nach be­stimm­ten Wer­ten, Rech­ten oder Ge­set­zen, die ein­mal eta­bliert wur­den, auch ge­han­delt wird, und das schließt das Mi­li­tär mit ein (In ei­nen Bür­ger­krieg wird man ent­we­der ein­grei­fen, oder zu­se­hen, an­de­re Wahl­mög­lich­kei­ten gibt es nicht, wenn die Par­tei­en nicht an den Ver­hand­lungs­tisch zu brin­gen sind).

    Ich mein­te oben nicht so sehr die Ver­füg­bar­keit über den Sol­da­ten, son­dern den Ein­satz selbst – Wel­che Stra­te­gie wird ver­folgt, usw., auf die­sen Rah­men hat er kaum Ein­fluss.

    Wenn man ei­nem der letz­ten Zeit-Dos­siers Glau­ben schenkt, dann ha­ben die zu­neh­men­den Sym­pa­thi­en der Be­völ­ke­rung für die Ta­li­ban ih­re Ur­sa­che schlicht dar­in, dass die Men­schen nicht wis­sen »was Sa­che ist«, was sie tun dür­fen und was nicht (die Ta­li­ban wa­ren nicht be­liebt, aber das war klar – heu­te pas­siert es, dass Men­schen ein hal­bes Jahr oh­ne im Ge­fäng­nis sit­zen, nur weil nie­mand weiß, was mit ih­nen ge­sche­hen soll), dass der (im Auf­bau be­find­li­che) Staat (viel­leicht ist es auch der Feh­ler, ein west­li­ches Ge­bil­de schaf­fen zu wol­len) nicht (aus­rei­chend) funk­tio­niert.

    Na­tür­lich gab es ein geo­stra­te­gi­sches In­ter­es­se, das ist aber nicht schon per se ver­werf­lich, wenn man dar­an denkt, dass auch Staa­ten für ih­re Si­cher­heit (und die ih­rer Bür­ger) sor­gen dür­fen, und dar­an, dass die Ta­li­ban die Aus­bil­dung von Ter­ro­ri­sten in La­gern ge­stat­te­ten (über die Pipe­line-An­ge­le­gen­heit weiß ich zu we­nig). Für ei­ne Be­ur­tei­lung wä­re wich­tig, was

    • die tat­säch­li­che Mo­ti­va­ti­on für den Ein­satz aus­ge­se­hen hat,
    • wie er ge­stal­tet wer­den soll­te (war von An­fang an hu­ma­ni­tä­re, auf­bau­en­de Hil­fe vor­ge­se­hen, und war­um, al­so wel­chem Ziel ge­schul­det),
    • und wel­che Rol­le die deut­schen Sol­da­ten da­bei ge­spielt ha­ben.

    Wenn man nun ein Ver­fech­ter ei­nes Uni­ver­sa­lis­mus ist, dann wä­re die Be­ur­tei­lung des Ein­sat­zes und der Sol­da­ten dann po­si­tiv, wenn er (und sie) pri­mär die­sem Uni­ver­sa­lis­mus dien­ten. Na­tür­lich bleibt die Fra­ge, ob man das will, und ob das gut ge­hen kann, ob der Uni­ver­sa­lis­mus nicht auch blind ist (sein muss). Aber es ist zu­min­dest ei­ne Dis­kus­si­ons­ba­sis. Und die Fra­ge ist na­tür­lich auch, war­um deut­sche Sol­da­ten »mit­ge­schickt wur­den«, al­so war­um man sich (po­li­tisch) da­zu ent­schlos­sen hat.

    Ich glau­be fast, dass der Uni­ver­sa­lis­mus nur die Fra­ge ob der »Hei­mat«, al­so uns, be­wusst [ist], wor­um es geht zu­lässt. Es wä­re ja kein Ex­port von Wer­ten, sie sind ja all­ge­mein gül­tig. Und sie selbst schrei­ben vor wann ge­han­delt wer­den soll, bzw. wann es ge­recht­fer­tigt (ge­bo­ten) ist.

    Oder man dis­ku­tiert jen­seits des Uni­ver­sa­lis­mus, was wün­schens­wer­ter und of­fe­ner wä­re. Und man könn­te auch um­ge­kehrt vor­ge­hen, und sich über­le­gen wo­für es ge­recht­fer­tigt wä­re Men­schen­le­ben aufs Spiel zu set­zen, ob man – wie Du schreibst – das Ri­si­ko ein­ge­hen will. Oder man be­ur­teilt im­mer neu, das er­for­dert aber viel Stand­haf­tig­keit.

  11. Et­was län­ger
    Die deut­sche Bun­des­wehr kennt ja sehr wohl den Be­rufsol­da­ten (mit Pen­si­ons­an­spruch). Zwi­schen dem Wehr­pflich­ti­gen (der »im Frie­den« m. W. nicht zu Aus­lands­ein­sät­zen ge­zwun­gen wer­den kann) und dem Be­rufs­sol­dat gibt es noch den Zeit­sol­da­ten, der für ei­ne ge­wis­se Zeit (min­de­stens zwei Jah­re) ei­ne Ver­pflich­tung ein­geht. Wenn ge­wünscht und mög­lich kann dies mit ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung ein­her ge­hen.

    Die Bun­des­wehr war auch im Kal­ten Krieg ei­ne nur sym­bo­li­sche Ar­mee. Ab­ge­se­hen da­von, dass sie bei ei­nem nu­klea­ren Kon­flikt zwi­schen den Groß­mäch­ten höch­stens Ka­no­nen­fut­ter ge­we­sen wä­re, be­haup­te ich, dass sie für ex­zes­si­ve, be­waff­ne­te Kon­flik­te we­der per­so­nell noch ma­te­ri­ell aus­rei­chend ge­rü­stet war.

    Der Ein­satz in Af­gha­ni­stan ge­schah aus zwei po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen hin­aus: (1.) Schrö­der hat­te nach dem 11. Sep­tem­ber ei­ne »un­ein­ge­schränk­te So­li­da­ri­tät« mit den USA ver­kün­det. Wenn Bush nun we­ni­ge Mo­na­te spä­ter ge­gen Af­gha­ni­stan zog, konn­te man sich als in­zwi­schen sou­ve­rä­ner Staat nicht mehr mit dem Scheck­buch her­aus­kau­fen. Und (2.) war min­de­stens zu er­ah­nen, dass Bush in den Irak ge­hen woll­te bzw. die Si­tua­ti­on dem­entspre­chend es­ka­lie­ren las­sen woll­te. Da­her nahm man Af­gha­ni­stan als das »klei­ne­re Übel«.

    Da zu er­war­ten war, dass der Ein­satz in­ner­halb der Be­völ­ke­rung und, in Be­trach­tung der Dis­kus­si­on um den Ein­satz ge­gen Ju­go­sla­wi­en 1999 auch bei dem grü­nen Ko­ali­ti­ons­part­ner nicht be­son­ders po­pu­lär war, muss­ten Er­klä­run­gen und Zie­le vor­ge­ge­ben wer­den. Sie be­stan­den im we­sent­li­chen aus drei Zu­sa­gen: (1.) Sol­da­ten wur­den pro­pa­gan­di­stisch und me­di­al zu »be­waff­ne­ten Ent­wick­lungs­hel­fern« so­zu­sa­gen um­de­kla­riert. (2.) Man be­kam ein Ein­satz­ge­biet, wel­ches sich als re­la­tiv »harm­los« zeig­te; die Wi­der­stän­de in Af­gha­ni­stan la­gen weit­ge­hend im Sü­den, man sel­ber be­kam den Nor­den. Es soll­ten mög­lichst we­ni­ge To­te ge­ben. (3.) Man wer­de die Men­schen­rech­te ein­füh­ren, die Frau­en be­frei­en, Mäd­chen in Schu­len brin­gen, usw.

    Strucks Wort, die Frei­heit wür­de auch am Hin­du­kusch ver­tei­digt, stör­te ei­gent­lich die­ses Bild. Sie zeig­te näm­lich, dass es sehr wohl si­cher­heits­po­li­ti­sche In­ter­es­sen gab: Da die Ta­li­ban als Aus­bil­der für zu­künf­ti­ge Ter­ro­ri­sten gal­ten, woll­te man dies ver­hin­dern. Lei­der hat man dies ver­mut­lich nur ver­la­gert – nach Pa­ki­stan.

    Der Sol­dat sel­ber hat we­nig bis kei­ne Ein­fluss­mög­lich­kei­ten. Ihm bleibt fast nichts an­de­res üb­rig, als die Dik­ti­on zu über­neh­men. Pass­te doch die Rol­le des »Staats­bür­gers in Uni­form« wun­der­bar mit der des »ro­bu­sten« Ent­wick­lungs­hel­fers zu­sam­men. Über die Feh­ler, die trotz die­ser im Gro­ssen und Gan­zen ja nicht fal­schen Vor­ge­hens­wei­se, braucht man nicht mehr zu re­den. Sie sind of­fen­bar: Wie fast al­le Krie­ger hat­te man ver­ges­sen, den Rück­zug zu pla­nen. Und man hat­te kei­nen Plan für ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung des Lan­des bzw. hat die lo­ka­len Ei­gen­hei­ten we­der wahr- noch ernst ge­nom­men.

    Da­mit kom­men wir zur der Dis­kus­si­on des Uni­ver­sa­lis­mus. Ich glau­be, dass es ein Un­ter­schied ist, ob ein Land (pro­for­ma) der Men­schen­rechts­char­ta der UN zu­ge­stimmt hat und wie die­se Men­schen­rechts­char­ta dann um­ge­setzt wird. Das ist nicht nur in der Pra­xis sicht­bar – son­dern auch in der Theo­rie. Na­tür­lich hat Chi­na das Do­ku­ment un­ter­schrie­ben – aber wür­de dies ei­ne In­ter­ven­ti­on des We­stens nach Chi­na recht­fer­ti­gen? Zu­mal die Men­schen­rechts­er­klä­run­gen ja durch­aus Spiel­räu­me für In­ter­pre­ta­tio­nen las­sen. Das, was wir hier als »men­schen­ver­ach­tend« emp­fin­den, spielt in an­de­ren Län­dern kaum ei­ne Rol­le – und um­ge­kehrt. Nicht zu­letzt die­se Über­le­gun­gen hat­ten ja neo­kon­ser­va­ti­ve Krei­se in den USA da­zu ver­an­lasst, ei­ne Art »Men­schen­rechts-UN« zu grün­den, in der nur Län­der ver­ei­nigt sind, die die­se Stan­dards um­set­zen. Dumm nur, dass nach die­sen Kri­te­ri­en bei­spiels­wei­se auch die USA un­ter Um­stän­den nicht mehr Mit­glied hät­ten wer­den dür­fen (Gu­an­tá­na­mo; To­des­stra­fe).

    Na­tür­lich ist der Si­cher­heits­rat der UN, was die Be­set­zung an­geht, ei­ne fra­gi­le An­ge­le­gen­heit. Und zwar nicht nur, weil dort Chi­na, Russ­land und die USA als stän­di­ge Mit­glie­der Welt­po­li­zei nach Be­lie­ben spie­len bzw. blockie­ren kön­nen. Auch die nicht-stän­di­gen Mit­glie­der ge­ben oft ge­nug An­laß zur Kri­tik. Es ist ja in der Tat nicht ein­zu­se­hen, dass Län­der wie der Su­dan oder Sau­di Ara­bi­en über Men­schen­rechts­fra­gen ent­schei­den sol­len.

    Oder ist das aber­mals nur ei­ne eu­ro-/alta­nik­zen­tri­sti­sche Sicht? Die Chi­ne­sen fra­gen bei ih­rer Ent­wick­lungs­hil­fe nicht nach den »in­ne­ren An­ge­le­gen­hei­ten« des Lan­des, dem sie hel­fen. Sie schlie­ßen har­te öko­no­mi­sche Ver­trä­ge. Das ma­chen wir, der We­sten, üb­ri­gens nicht an­ders: An­son­sten dürf­ten wir bei­spiels­wei­se kei­ne Pro­duk­te aus Chi­na im­por­tie­ren.

    Mit­ten in die­sem Dschun­gel steht nun der Sol­dat in Af­gha­ni­stan und soll dort et­was auf­bau­en, wo­zu Eu­ro­pä­er drei­hun­dert Jah­re und –zig Krie­ge be­nö­tig­ten. Ich glau­be, dass die Wer­te, von den Du sprichst und die all­ge­mei­ne Gül­tig­keit be­an­spru­chen, nur sehr, sehr grob für al­le Kul­tu­ren fest­zu­schrei­ben sind. Sie zei­gen sich un­ter Um­stän­den mit gu­ten Grün­den nicht dar­in, ob es all­ge­mei­ne, glei­che und ge­hei­me Wah­len für ein Staats­or­gan gibt, wel­ches hun­der­te von Ki­lo­me­tern ent­fernt sitzt. Sie zei­gen sich viel­leicht auch nicht un­be­dingt dar­in, den Leu­ten vor­zu­schrei­ben, was sie an­zu­zie­hen ha­ben oder nicht (auch den Frau­en). Sie zei­gen sich ganz si­cher im Re­spekt vor den ge­wach­se­nen Struk­tu­ren in den je­wei­li­gen Kul­tu­ren. Wie­so muss­te die er­ste Af­gha­ni­stan-Kon­fe­renz in Bonn statt­fin­den? Wie­so nicht in Ka­bul oder in Pro­vinz­städ­ten? War­um hat man das Prin­zip der Lo­ja Dschir­ga nicht auf­ge­nom­men?

    In den 70er Jah­ren hat die deut­sche Bun­des­re­gie­rung das Prin­zip »Wan­del durch An­nä­he­rung« in der Po­li­tik mit den ost­eu­ro­päi­schen Län­dern pro­kla­miert. Dies ist viel­fach an­ge­grif­fen und dif­fa­miert wor­den. Aber es war im­mer­hin da­von ge­prägt, den an­de­ren zu­nächst ein­mal zu re­spek­tie­ren, wenn man auch nicht mit sei­ner Po­li­tik und sei­nen Wer­ten über­ein­stimm­te. Die­ses Prin­zip wür­de uns und vor al­lem den Sol­da­ten hel­fen. Die müs­sen sich nun mehr bzw. fast nur noch um sich sel­ber küm­mern und – kämp­fen! Die Po­li­tik lässt sich mit ei­nem selt­sam dif­fu­sen Durch­hal­te­wil­len al­lei­ne. Ich glau­be, die deut­schen Sol­da­ten in Af­gha­ni­stan wer­den auf per­fi­de Wei­se ver­heizt. Das lässt sich aber nicht da­durch lö­sen, dass man po­pu­li­stisch den so­for­ti­gen Ab­zug for­dert.

  12. Der Be­rufs­sol­dat der frü­he­ren Ta­ge, da­mals noch Söld­ner ge­nannt, wur­de ent­we­der an die Front ge­peitscht und dort er­schos­sen oder beim aus­büch­sen von sei­nen ei­ge­nen Leu­ten fü­si­liert. Das wa­ren die Elen­den, die kei­ne an­de­re Wahl hat­ten und ver­such­ten sich auf dem Vul­kan zu ar­ran­gie­ren.

    Ein klei­ner Blick in die USA: In je­dem ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf wird die Ge­schich­te des all ame­ri­can boy er­zählt, der die Rech­te der Frei­en wahl­wei­se in Eu­ro­pa, Viet­nam oder Ko­rea ver­tei­digt hat­te. Die Rea­li­tät sieht heu­te na­tür­lich völ­lig an­ders aus. In der Ar­mee oder bei Black­wa­ter lan­den heu­te Ge­schei­ter­te, Kri­mi­nel­le, Schwar­ze, die Dum­men. Wie im 30-jäh­ri­gen Krieg, nur das man heu­te das Män­tel­chen der Heu­che­lei be­die­nen muss und die Er­geb­nis­se dann bei Wi­ki­Leaks be­trach­ten kann.

    Und in Deutsch­land: Der Be­rufs­sol­dat hat ei­ne schicke Uni­form, be­dient im Ma­nö­ver (mittel-)kompliziertes Ge­rät. Aber ster­ben tut er von be­rufs­we­gen nicht. Wo­für wür­de er denn ster­ben wol­len? Wa­ren da nicht die Fra­gen in der Ge­wis­sens­prü­fung für Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, die bis ins Mark tref­fen soll­ten? »Sie ge­hen mit ih­rer Freun­din spa­zie­ren, als...«. Ja, ge­nau. Der ein­zi­ge Grund den Krieg und da­mit den Tod als denk­bar an­zu­se­hen, wä­re die per­sön­li­che Be­trof­fen­heit.

    Wä­re das Welt­ethos im Küng’schen Sin­ne auch ei­ne per­sön­li­che Be­trof­fen­heit wert? Die Fra­ge stellt sich gar nicht, weil da­zu die Ein­sät­ze si­cher­lich so­wohl im Ort als auch im Ziel die­ser In­ten­ti­on un­ter­wor­fen sein müss­ten. Woll­te je­mand be­haup­ten, dass dies der Fall ist? Es müss­ten al­so in ei­ner trans­pa­ren­ten Welt Men­schen ge­fun­den wer­den, die sich die geo­stra­te­gi­sche Op­ti­mie­rung Deutsch­lands als Grund ih­rer töd­li­chen Be­rufs­wahl den­ken kön­nen. Welch ab­sur­de Vor­stel­lung. Soll­ten wir uns da­her an den Ge­dan­ken ge­wöh­nen, dass auch die Wer­ber der Bun­des­wehr in den Spiel­kon­so­len­ab­tei­lun­gen der Kauf­häu­ser Re­kru­ten ab­grei­fen?

  13. @Zivilist
    Wenn Sie ei­nen Be­rufs­sol­da­ten mit ei­nem Söld­ner ver­glei­chen zeigt dies, dass Sie kei­ne Ah­nung ha­ben oder kei­ne Ah­nung ha­ben wol­len. Bei­den ist ge­mein­sam, dass sie Geld für ih­re Tä­tig­keit des Kriegs»handwerks« neh­men. Das ist aber auch schon al­les. Ein Be­rufs­sol­dat mo­der­nen Zu­schnitts ist an die En­ti­tät der Na­ti­on ge­bun­den. Die Fran­zo­sen ha­ben die­ses Pro­blem tat­säch­lich da­hin­ge­hend ge­löst, dass sie ei­ne Söld­ner­ar­mee für die »Dreck­ar­beit« grün­de­ten, die sich eu­phe­mi­stisch »Frem­den­le­gi­on« nennt.

    Die Aus­wüch­se in den USA sind ein Grund da­für, dass ich ge­gen ei­ne rei­ne Be­rufs­ar­mee bin. Frei­lich ist das Prin­zip der Wehr­pflicht zu­min­dest in Deutsch­land auch längst nur noch Schein ge­wor­den. Den Sol­da­ten ih­re Ta­ten vor­zu­wer­fen, ist m. E. un­sin­nig, wenn sie dies im Rah­men von Kriegs­hand­lun­gen tun. Die Ver­ant­wor­tung tra­gen – au­sser bei Ex­zes­sen – zu­nächst ein­mal die po­li­ti­schen Füh­rer, die die je­wei­li­gen Kriegs­ein­sät­ze an­ge­ord­net ha­ben. Der Sol­dat bleibt in der Re­gel Er­fül­lungs­ge­hil­fe (was ihn frei­lich nicht von al­ler Ver­ant­wor­tung ent­bin­det).

    Die Ein­sät­ze der USA in Ko­rea und Viet­nam wa­ren in der je­wei­li­gen Zeit min­de­stens am An­fang in Über­ein­stim­mung mit der po­li­ti­schen Mei­nung der Mehr­zahl der Be­völ­ke­rung. Der Kriegs­ein­tritt der USA in den (spä­ter so­ge­nann­ten) Zwei­ten Welt­krieg war an­fangs deut­lich un­po­pu­lä­rer. Ich wür­de heu­te be­haup­ten, dass die USA und auch die Ro­te Ar­mee der da­ma­li­gen UdSSR (aus un­ter­schied­li­chen Be­weg­grün­den, im Er­geb­nis je­doch deut­lich) in Eu­ro­pa die Frei­heit mit­tels mi­li­tä­ri­scher Ge­walt neu be­grün­det hat. Das kann man nicht an­zwei­feln.

    Dass die­ser Punkt spä­ter über­stra­pa­ziert und miß­braucht wur­de, ist auch klar.

  14. @Gregor Keu­sch­nig
    Ich hat­te ver­sucht deut­lich zu ma­chen, dass ein Be­rufs­sol­da­ten­tum nur bei mar­gi­na­ler To­des­ge­fahr halt­bar ist, oh­ne dies mit Grün­den zu un­ter­füt­tern, die den ma­xi­mal mög­li­chen Ein­satz recht­fer­ti­gen. Für die Eh­re stirbt heu­te kaum noch je­mand. Man muss al­so ent­we­der Söld­ner wie z.B. Black­wa­ter re­kru­tie­ren oder die Auf­ga­be ver­brä­men. Der größ­te Teil Ih­rer Ant­wort hat nichts mit mei­nem Kom­men­tar zu tun und zeigt man­geln­de Le­se­fä­hig­keit und schlech­te Ma­nie­ren.

  15. @Zivilist
    Es kann ja auch sein, dass Sie sich ein we­nig um­ständ­lich und miss­ver­ständ­lich aus­ge­drückt ha­ben.

    ich glau­be auch nicht, dass ein »Be­rufs­sol­da­ten­tum nur bei mar­gi­na­ler To­des­ge­fahr« halt­bar ist. Die Grün­de, die de­rer des dem Kriegs­ein­satz be­darf, wer­den ja im­mer gleich mit­ge­lie­fert – so falsch sie sich auch her­aus­stel­len mö­gen (im Fal­le des Zwei­ten Welt­krie­ges wa­ren sie m. E. nicht falsch).

    Dass je­mand für die »Eh­re« nicht ster­ben will, ist ei­ne ty­pisch west­li­che Pro­jek­ti­on, die auch jen­seits der po­litsch-re­li­giö­sen Fa­na­ti­sie­rung durch Selbst­mord­at­ten­ta­te nicht so oh­ne wei­te­res halt­bar ist. Bo­tho Strauß schreibt in sei­nem »An­schwel­len­den Bocks­ge­sang«:

    Wir war­nen et­was zu selbst­ge­fäl­lig vor den na­tio­na­li­sti­schen Strö­mun­gen in den ost­eu­ro­päi­schen und mit­tel­asia­ti­schen Neu-Staa­ten. Das je­mand in Ta­dschi­ki­stan es als po­li­ti­schen Auf­trag be­greift, sei­ne Spra­che zu er­hal­ten, wie wir un­se­re Ge­wäs­ser, das ver­ste­hen wir nicht mehr. Das ein Volk sein Sit­ten­ge­setz ge­gen an­de­re be­haup­ten will und da­für be­reit ist, Blut­op­fer zu brin­gen, das ver­ste­hen wir nicht mehr und hal­ten es in un­se­rer li­be­ral-li­ber­tä­ren Selbst­be­zo­gen­heit für falsch und ver­werf­lich.

  16. @Gregor Keu­sch­nig
    Ich darf auf den Ti­tel des Bei­trags ver­wei­sen. Dass die Welt in Berg­ka­ra­bach an­ders aus­sieht ist evi­dent. Möch­ten Sie Sol­da­ten aus dem Kau­ka­sus in Kun­dus sta­tio­nie­ren, um wel­che Wer­te zu ver­tei­di­gen?

  17. @Zivilst
    Möch­ten Sie Sol­da­ten aus dem Kau­ka­sus in Kun­dus sta­tio­nie­ren, um wel­che Wer­te zu ver­tei­di­gen?
    Nun, wenn die Wer­te uni­ver­sell sind, dürf­te es hier ja kei­ne Pro­ble­me ge­ben. Die UN-Trup­pen bei­spiels­wei­se sind ja mul­ti­na­tio­nal. Man ver­sucht ja in­zwi­schen durch­aus, Trup­pen­kon­tin­gen­ten, die ih­ren Ein­satz in Afri­ka ha­ben auch mit afri­ka­ni­schen Sol­da­ten zu be­set­zen.

    Grund­sätz­lich ha­ben Sie recht, was die Be­gei­ste­rungs­fä­hig­keit der west­li­chen Sol­da­ten an­geht. Des­halb gibt es im üb­ri­gen Pro­pa­gan­da – was man in Deutsch­land sehr schön 1998/99 an­läß­lich des Ju­go­sla­wi­en­krie­ges se­hen konn­te. In den USA sieht das noch ein­mal ganz an­ders aus: Die Be­reit­schaft zum Hel­den ist dort meist ins­be­son­de­re am An­fang ei­nes Krie­ges ziem­lich aus­ge­prägt.

    Zum Af­gha­ni­stan-Ein­satz der Bun­des­wehr: Ich war und bin der An­ge­le­gen­heit stets re­ser­viert ge­we­sen (bin aber ge­gen ei­nen so­for­ti­gen Ab­zug jetzt). Die Ge­schich­te zeigt, dass Af­gha­ni­stan kei­ne ho­mo­ge­ne Ein­heit ist. Al­le In­ter­ven­tio­nen dort sind frü­her oder spä­ter ge­schei­tert. Der Glau­be, die Leu­te war­te­ten auf ei­ne Be­frei­ung, war na­iv. Das mag tat­säch­lich hin­sicht­lich des Ta­li­ban-Re­gimes ge­gol­ten ha­ben, aber es gab über die Be­sei­ti­gung des Re­gimes hin­aus kei­ner­lei po­li­ti­sche und mi­li­tä­ri­sche Per­spek­ti­ve. Man hät­te, wenn über­haupt, mit sehr viel mehr Sol­da­ten und Ma­te­ri­al dort ein­mar­schie­ren müs­sen. Man hät­te auf die Men­ta­li­tä­ten vor Ort Rück­sicht neh­men und ein­bin­den müs­sen hin zu ei­ner neu­en Zi­vil­ge­sell­schaft, die sich mit der Zeit un­se­rem Sy­stem an­nä­hert. Dort so­fort Wah­len ab­zu­hal­ten ist un­ge­fähr so, als wol­le ein Frei­zeit­jog­ger so­fort den Mount Ever­est be­stei­gen. Der Af­gha­ni­stan-Ein­satz ist ein Bei­spiel da­für, dass rein po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen fa­tal sind (ein an­de­res Bei­spiel ist die Eu­ro-EIn­füh­rung, die eben­falls di­let­tan­tisch vor­ge­nom­men wur­de), zu­mal wenn sie nur aus ei­ner ge­wis­sen tak­ti­schen Über­le­gung her­aus ge­trof­fen wer­den.

  18. @Gregor Keu­sch­nig
    Ih­re Be­schrei­bung des Af­gha­ni­stan-Ein­sat­zes kann ich un­ter­schrei­ben, blickt aber aus stra­te­gi­scher Sicht, die häu­fig nicht ei­ner ge­wis­sen Zy­nik ent­behrt, auf die Ge­menge­la­ge. Die Wirk­lich­keit sieht an­ders aus, da dort die Dy­na­mik des Au­gen­blicks ent­schei­det. Wie­vie­le un­sin­ni­ge Krie­ge sind be­gon­nen wor­den, weil Ent­schei­dun­gen nicht stra­te­gisch be­grün­det, son­dern wie Do­mi­no­stei­ne ge­fal­len sind.

    Von der an­de­ren Sei­te muss die Wahr­schein­lich­keit des To­des für ei­nen Be­rufs­sol­da­ten die aus­schlag­ge­ben­de Grö­ße sein. Wie soll­te man je­man­den be­zah­len, des­sen Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit bei 99% liegt? Man ver­glei­che den irr­sin­ni­gen Auf­wand, der häu­fig ge­trie­ben wird, um ge­rin­ge­res Ri­si­ko ab­zu­wen­den. In Frie­dens­zei­ten war die Bun­des­wehr mit Recht nur ei­ne Folk­lo­re­trup­pe und wur­de ent­spre­chend ali­men­tiert.

    P.S.:
    Für die Fi­ji-In­seln z.B. wa­ren die Blau­helm­sol­da­ten lan­ge Zeit Haupt­ein­nah­me­quel­le des Staa­tes. Das wür­de ich Söld­ner un­ter UNO-Fah­ne nen­nen, auch wenn der Diens­theer ei­ne Na­ti­on, na gut ein Na­ti­ön­chen, war.

  19. @Zivilist
    Die Zy­nik ent­steht ja erst durch die Ent­schei­dung, sich in die­sem Teil der Welt zu »en­ga­gie­ren« (falls es über­haupt zy­nisch ist und nicht ein­fach nur rea­li­stisch).

    Die USA stan­den im Herbst 2001 vor der Ent­schei­dung ent­we­der mit ge­ziel­ten Luft­schlä­gen (die dann meist doch nicht so ge­zieht sind) Trai­nings­camps und/oder Re­gio­erungs­ein­rich­tun­gen der Ta­li­ban zu bom­bar­die­ren oder ein­zu­mar­schie­ren. Bush ent­schied schied für letz­te­res, weil man da­bei un­ter an­de­rem auch die Me­di­en bes­ser kon­trol­lie­ren kann (man er­in­ne­re sich an die Luft­schlä­ge von Clin­ton u. a. im Su­dan, als dort an­geb­lich ei­ne phar­ma­zeu­ti­sche Fa­brik bom­bar­diert wur­de und Clin­ton nebst Ar­mee wie Dep­pen da­stan­den).

    Das Be­rufs­sol­da­ten­tum wie ich es in der deut­schen Bun­des­wehr (als Wehr­pflich­ti­ger!) ge­se­hen ha­be (ge­le­gent­lich pri­va­ter Kon­takt mit Of­fi­zie­ren beim Kaf­fee­trin­ken), war sehr be­quem. Je­der Feu­er­wehr­mann hat­te ein hö­he­res Ri­si­ko bei ei­nem be­ruf­li­chen Ein­satz zu ver­un­fal­len als ein Sol­dat. Un­ter an­de­rem liegt hier­in auch der eher ne­ga­ti­ve Ruf des Sol­da­ten­tums in Deutsch­land. Es ist ei­ne Mi­schung aus die­sem ekel­haf­ten He­ro­is­mus der Kai­ser- und Na­zi-Zeit und dem Fau­len­zer-Eti­kett der Nach­kriegs­ära.

    Mit der Sou­ve­rä­ni­tät der Bun­des­re­pu­blik än­der­te sich das. Bzw.: Man glaub­te, dass es sich zu än­dern hat­te. Schrö­der streb­te ja durch­aus au­ßen­po­li­ti­sche Macht an (stän­di­ger Sitz im Welt­si­cher­heits­rat). Das war nicht oh­ne ent­spre­chen­des En­ga­ge­ment zu ha­ben. Als gänz­lich »Un­ge­dien­ter« hat­te er al­ler­dings kei­ne Er­fah­run­gen (au­ßer die, dass sein Va­ter »im Feld blieb«). Ei­ne zu­sätz­li­che De­gra­die­rung und Zu­mu­tung der Trup­pe be­stand in der No­mi­nie­rung ei­nes Herrn Schar­ping als Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster. Das hat nicht we­sent­lich zur Ver­bes­se­rung des Bil­des des Sol­da­ten in der Öf­fent­lich­keit bei­getra­gen (au­ßer Mit­leid zu er­re­gen ob ei­nes sol­chen Dienst­her­ren).

    Ak­tu­ell stellt sich m. E. die Fra­ge nach der Be­zahl­bar­keit des Be­rufs­sol­da­ten im Ver­hält­nis zu sei­nem To­des­ri­si­ko für die deut­sche Ar­mee nicht. Der Tod wäh­rend ei­nes Ein­sat­zes ist nach wie vor re­la­tiv un­wahr­schein­lich. Zu­mal die Sol­da­ten um die Ri­si­ken wis­sen. Nimmt man dies als Maß­stab, ist die Be­zah­lung ver­mut­lich ad­äquat. In den USA mag dies an­ders aus­se­hen, da hier Re­kru­tie­run­gen aus so­zi­al un­te­ren Schich­ten do­mi­nie­ren.

  20. @Gregor
    Ich mein­te dass die Wehr­pflicht, d.h. im Dien­ste ei­nes Staa­tes oder ei­nes Ge­mein­we­sens zu ste­hen (und das gilt auch für den Be­rufs­sol­da­ten), ei­ne Loya­li­tät (die sich letzt­lich auf be­stimm­te Wer­te oder Prin­zi­pi­en grün­det) im­pli­ziert, die ein Söld­ner nicht kennt, er dient dem­je­ni­gen, der den höch­sten Ver­dienst bie­tet (das gilt zu­nächst auch un­ab­hän­gig da­von ob man zu Aus­lands­ein­sät­zen ge­zwun­gen wer­den kann oder nicht). Das un­ter­schei­det ihn (den Sol­da­ten) auch vom Feu­er­wehr und Ret­tung, nä­her steht ihm die Po­li­zei.

    Die Fra­ge ist was hin­ter Schrö­ders So­li­da­ri­täts­er­klä­rung stand – kam sie nur auf Grund po­li­ti­schen Drucks zu­stan­de (konn­te er nicht mehr aus), oder spiel­te da nicht doch auch ei­ne Art »Ver­wandt­schaft«, eben auf Grund ge­mein­sa­mer Wer­te und Vor­stel­lun­gen ei­ne Rol­le?

    Mit vor­ge­ge­ben meinst Du, dass die Zie­le und Er­klä­run­gen vor­ge­scho­ben wa­ren, al­so aus­schließ­lich der all­ge­mei­nen Mei­nung ge­schul­det?

    Man kann ei­gent­lich sa­gen, dass in Af­gha­ni­stan und im Irak (im Nach­hin­ein be­se­hen) sehr ähn­li­che Feh­ler ge­macht wur­den, nur dass man sie im Irak schnel­ler in den Griff be­kom­men hat.

    Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen zie­hen zu­nächst ein­mal po­li­ti­schen Druck nach sich, au­ßer bei wirt­schaft­li­chen und an­de­ren Ab­hän­gig­kei­ten (wie im Fal­le Chi­nas) ver­druckst bzw. hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Ein mi­li­tä­ri­sches Ein­grei­fen wird (grob be­trach­tet) dann in Er­wä­gung zu zie­hen sein, wenn die vor­han­de­nen staat­li­chen Struk­tu­ren, eth­ni­sche Säu­be­run­gen, Völ­ker­mor­de, Bür­ger­krie­ge etc. nicht ein­zu­däm­men ver­mö­gen oder die­se decken. Über ein paar Fol­te­run­gen wird man meist hin­weg­se­hen (auch wenn das na­tür­lich in­kon­se­quent ist), oder eben auf po­li­tisch-di­plo­ma­ti­scher Ebe­ne agie­ren.

    Be­züg­lich der Lo­ja Dschir­ga wird man wohl Un­wis­sen­heit oder Ar­ro­ganz an­neh­men kön­nen. Ich hal­te ge­ne­rell viel da­von Wi­der­sprü­che zu­nächst ein­mal be­stehen zu las­sen. Was aber tut man wenn sie un­er­träg­lich, als nicht mehr duld­bar er­schei­nen? Du hast im Prin­zip völ­lig recht, es ist aber im­mer, ja, ei­ne Fra­ge von To­le­ranz. Wie lan­ge ver­han­delt man mit je­man­dem, der hin­ter­rücks wei­ter mor­det? Oder Ter­ro­ri­sten aus­bil­det? Wie lan­ge ist es le­gi­tim das Leid an­de­rer in Kauf zu neh­men? Wenn es nur um Struk­tu­ren geht, kann man sich Zeit las­sen, aber so­bald Men­schen­le­ben be­trof­fen sind?

  21. @Metepsilonema
    Die gan­ze Dis­kus­si­on um/mit dem Be­griff des Söld­ners ist höch­stens da­hin­ge­hend in­ter­es­sant, weil die USA im Irak pro­be­wei­se mit pri­va­ten Fir­men agie­ren, die die »Drecks­ar­beit« bzw. Über­wa­chun­gen vor­neh­men, um Sol­da­ten für an­de­re Auf­ga­ben zur Ver­fü­gung zu hal­ten. Auch das sind streng ge­nom­men kei­ne Söld­ner, es sei denn, sie wä­ren min­de­stens theo­re­tisch auch für die »an­de­re Sei­te« zu »bu­chen«. Die­ses Vor­ge­hen ist üb­ri­gens sehr ge­fähr­lich, weil tat­säch­lich pri­va­te Fir­men hö­her be­zahlt wer­den müs­sen als die »nor­ma­len« Sol­da­ten – aber das wä­re ein an­de­res The­ma.

    Schrö­ders So­li­da­ri­täts­er­klä­rung ent­stand un­ter dem EIn­druck der An­schlä­ge des 11. Sep­tem­ber; ich glau­be, sie fiel am näch­sten Tag. Da­mals war die Stim­mung ent­spre­chend emo­tio­nal auf­ge­la­den. Dass Bush die­sen Scheck ir­gend­wann ein­lö­sen wird, war klar. All­ge­mein war der Te­nor, dass er ja noch re­la­tiv lan­ge ge­war­tet ha­be, als er dann am 7. Ok­to­ber sei­ne Ope­ra­ti­on star­te­te.

    Die Teil­nah­me der Bun­des­wehr muss­te der deut­schen Öf­fent­lich­keit ent­spre­chend »ver­kauft« wer­den. Da­her wur­de der Sol­dat nicht als Kämp­fer vor­ge­stellt (das wä­re un­po­pu­lär ge­we­sen; spe­zi­ell auch nach dem Ju­go­sla­wi­en-Krieg), son­dern als ro­bu­ster Hel­fer, der die Men­schen­rech­te durch­setzt und all dies in ei­nem »harm­lo­sen« Ge­biet. Aus der Ge­schich­te ler­nen woll­te man nicht; ver­mut­lich, weil man es nicht konn­te. Ich glau­be, dass Schrö­der die­sem Ein­satz zu­stimm­te, um evtl. an­de­re Ein­sät­ze, die noch droh­ten (u. a. Irak, aber auch an­de­re Sze­na­ri­en wur­den durch­ge­spielt), ab­wen­den zu kön­nen. (Ab­ge­se­hen von Ex-Ju­go­sla­wi­en ging man 1999 schon mal pro­be­hal­ber in Ost­ti­mor – üb­ri­gens auch mit mä­ßi­gem Er­folg, was aber nicht an den Sol­da­ten, son­dern am po­li­ti­schen Dil­lan­tis­mus lag.)

    Wer­te und Prin­zi­pi­en: Ich will nicht zu weit aus­ho­len und auch nicht zu per­sön­lich wer­den. Ich bin da­mals be­wusst zur Bun­des­wehr ge­gan­gen, wenn auch sehr un­gern. Man hat­te ja so ei­ni­ges ge­hört. Ich konn­te mir ei­nen Zi­vil­dienst bspw. an al­ten Men­schen für mich über­haupt nicht vor­stel­len. Und ich konn­te mir min­de­stens theo­re­tisch vor­stel­len, die Grund­wer­te die­ses Lan­des bei ei­nem An­griff (wie auch im­mer) zu ver­tei­di­gen. Es war mir min­de­stens theo­re­tisch mög­lich (wo­bei ich mir die­sen Ver­tei­di­gungs­fall nicht vor­stel­len konn­te). Ich wä­re aber nie­mals – wenn es das da­mals ge­ge­ben hät­te – in ei­nen Aus­lands­ein­satz ge­gan­gen, weil die Not­wen­dig­keit für mich nicht be­stan­den hät­te. Dort wer­den kei­ne Wer­te ver­tei­digt. Die Bun­des­wehr de­fi­nier­te sich da­mals als Ver­tei­di­gungs­ar­mee. Durch die Ein­bet­tung in NA­TO-Ak­tio­nen hat man die­sen Sta­tus spä­te­stens 1999 auf­ge­ge­ben und nur ver­brämt. Die­se Dis­kus­si­on wur­de zu we­nig ge­führt. Die Sol­da­ten als Per­so­nen wur­den al­lei­nen ge­las­sen da­mit.

    Zu Kri­te­ri­en für »EIn­mi­schun­gen« in frem­de Staa­ten sie­he mei­nen Kom­men­tar wei­ter un­ten an »Zi­vi­list«.

  22. @Gregor
    Wä­re man da­mals an­ders vor­ge­gan­gen (das »ver­kau­fen«), hät­te man sich heu­te wohl ei­ni­ge Dis­kus­sio­nen er­spart, von den Sol­da­ten ein­mal ganz ab­ge­se­hen. Aber um ei­ne Dis­kus­si­on her­um ge­kom­men wä­re man nicht.

    Po­lit­tak­tisch ist Schrö­ders Vor­ge­hen durch­aus ver­ständ­lich, auch wenn es grund­falsch war, weil man sämt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung auf ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt ver­legt hat. An­de­rer­seits: Der deut­sche Ein­satz ver­lief dann doch in ei­nem an­de­ren Rah­men (Stich­wort »ro­bust«), als et­wa der der US-ame­ri­ka­ni­schen, aber viel­leicht auch aus ei­ner Art Selbst­be­trug her­aus.

    Ha­ben nicht auch noch (was ich mir vor­stel­len könn­te) hi­sto­ri­sche Grün­de (drit­tes Reich) ei­ne Rol­le ge­spielt? Dass man viel­leicht ei­ne Rol­le nicht ein­neh­men wollte/konnte, ob­wohl es an­ge­bracht ge­we­sen wä­re, oder sich da­mit »schwer tat« (ob­wohl, wie du ja schon ge­sagt hast der Sta­tus der Ver­tei­di­gungs­ar­mee be­reits auf­ge­ge­ben wur­de)?

    Wer­te zu ver­tei­di­gen klingt in die­sem Kon­text (wie soll ich sa­gen), un­an­ge­bracht, ja eu­phe­mi­stisch, aber ganz falsch ist es dann auch wie­der nicht, denn wenn Sol­da­ten in ei­nem an­de­ren Land ge­gen Ter­ro­ri­sten vor­ge­hen, dann doch weil man/sie ihr Hei­mat­land schüt­zen bzw. ver­tei­di­gen wol­len, auch wenn das nun of­fen­siv von stat­ten geht (die Al­ter­na­ti­ve wä­re ja auf An­schlä­ge zu »war­ten«, was ris­kant ist).

    PS: Ich kann, von mor­gen an, die näch­sten paar Ta­ge nicht ant­wor­ten, d.h. aber nicht, dass mein In­ter­es­se ab­ge­flaut wä­re.

  23. @Metepsilonema
    Na­tür­lich ist die gan­ze Kon­struk­ti­on die­ses Ein­sat­zes ein Re­kurs auf die hi­sto­ri­sche Ver­gan­gen­heit Deutsch­lands (die bei den Ver­bün­de­teen in die­ser Kon­no­ta­ti­on ver­blüf­fend we­nig Ver­ständ­nis fin­det). Ein bloß ag­gres­siv-mi­li­tä­ri­scher, geo­po­li­ti­scher Mi­li­tär­akt ge­gen wel­ches Re­gime auch im­mer wä­re in der Öf­fent­lich­keit nicht durch­zu­set­zen ge­we­sen.

    Die Al­ter­na­ti­ve wä­re nicht nur das Ab­war­ten ge­we­sen. Sie be­stand bei­spiels­wei­se in ge­heim­dienst­lich-mi­li­tä­ri­schen Ak­tio­nen, die po­ten­ti­el­le Trai­nings­camps mit Luft­schlä­gen zer­stört hät­te. Man hat das nicht ge­macht, weil die Er­fah­run­gen der USA mit sol­chen Ope­ra­tio­nen eher schlecht wa­ren. Oft hat­te man fal­sche Zie­le bom­bar­diert. Oder nur At­trap­pen. »Ne­ben­bei« kre­iert man Mär­ty­rer.

    Das mit der Wer­te­ver­tei­di­gung ist so ei­ne Sa­che: Hät­te man es da­mit Ernst ge­meint, hät­te man Pa­ki­stan gleich mit be­set­zen müs­sen. Und das al­les mit sehr viel mehr Sol­da­ten und Ma­te­ri­al. So hat man die Rück­zugs­ge­bie­te der Ta­li­ban in kauf ge­nom­men und letzt­lich ge­gen de­ren Wie­der­erstar­kung nichts aus­ge­rich­tet. Auch die zi­vi­len Pro­jek­te, mit de­nen man die Be­völ­ke­rung hät­te ge­win­nen kön­nen, sind da­hin­ge­hend ge­schei­tert, dass man es meist gar nicht im gro­ssem Stil ver­sucht hat.

    Wenn die po­li­ti­sche Ent­schei­dung mi­li­tä­ri­sche As­pek­te aus­blen­det, führt es meist in die Ka­ta­stro­phe. Um­ge­kehrt al­ler­dings auch.

  24. @Gregor
    Pa­ki­stan ist ei­ne Atom­macht, die be­setzt man nicht ein­fach so (wo­mit sich wie­der ein­mal zeigt, dass sich der Be­sitz sol­cher Waf­fen lohnt), und ver­sucht hat man ja sie »mit an Bord zu ho­len« – mit mä­ßi­gem Er­folg.

    Über die tat­säch­li­che An­zahl zi­vi­ler Pro­jek­te weiß ich nichts.

  25. @Gregor Keu­sch­nig
    »Der Tod wäh­rend ei­nes Ein­sat­zes ist nach wie vor re­la­tiv un­wahr­schein­lich. Zu­mal die Sol­da­ten um die Ri­si­ken wis­sen.«

    Das ist zu ein­fach. Ein Sol­dat, der sei­nen Ein­satz­be­fehl für Af­gha­ni­stan in der Ta­sche und die Wor­te Mc­Chry­stals im Ohr hat, wird dies et­was dif­fe­ren­zier­ter se­hen. Er­stens war die La­ge zum Zeit­punkt der Be­rufs­wahl meist ei­ne an­de­re, zwei­tens ha­ben auch wir mitt­ler­wei­le An­sät­ze ei­ner Söld­ner­trup­pe (wie­vie­le Sol­da­ten im Aus­lands­ein­satz sind mitt­ler­wei­le ehe­mals ar­beits­lo­se Ost­deut­sche) und drit­tens kann sich je­der Sol­dat an fünf Fin­gern ab­zäh­len, dass er im Fal­le ei­nes Fal­les Bau­ern­op­fer ist. Je­der weiß, dass der Krieg ver­lo­ren ist, aber ein Sol­dat soll, um dass Ge­sicht der Po­li­ti­ker zu wah­ren sein Le­ben op­fern. Das ist zy­nisch. Die gan­zen pu­bli­zier­ten Kriegs­grün­de hal­te ich, auf die Ge­fahr hin für ei­nen Ver­schwö­rungs­trot­tel ge­hal­ten zu wer­den, für Un­fug. Da wird Ur­sa­che und An­lass ver­wech­selt und für ge­rech­te Krie­ge hät­te es so vie­le an­de­re Ort in der Welt ge­ge­ben.

    [EDIT: 2010-05-03 23:14]

  26. Ihr Ko­ket­tie­ren mit dem Be­griff des Söld­ners ist ner­vig. Bit­te schla­gen Sie ge­nau nach, was ein Söld­ner ist: Je­mand, der ge­gen Be­zah­lung auch die Sei­ten wech­selt. Wenn Sie den Be­griff des Söld­ners schon dar­auf ver­wen­den, wenn ei­ner für sein Sol­da­ten­tum Geld be­kommt, dann kann je­der, der ei­ner nor­ma­len Ar­beit nach­geht, als Prostituierte(r) be­zeich­net wer­den. So kommt man nicht wei­ter.

    Es wä­re wich­tig von ih­nen zu er­fah­ren, wel­che Grün­de Sie als Un­fug be­trach­ten. Dass es Trai­nings­camps für Ter­ro­ri­sten gab? Si­cher, wenn man die­sen Maß­stab an­legt, hät­te man si­cher­lich auch nach Pa­ki­stan oder in den Su­dan ein­mar­schie­ren müs­sen. Dass es dort ein men­schen­ver­ach­ten­des Sy­stem gab? Na­tür­lich gibt es die in Myan­mar und Nord­ko­rea auch.

    Die »pu­bli­zier­ten Grün­de« sind nicht »Un­fug«. Sie stim­men schon. Dass sie auf un­zäh­li­ge an­de­re Staa­ten auch zu­tref­fen, mag sein, aber Af­gha­ni­stan war 2001 oh­ne po­ten­ten Bünd­nis­part­ner. All die an­de­ren »Schur­ken­staa­ten« sind ent­we­der mi­li­tä­risch viel zu mäch­tig (in ge­wis­sem Ma­ße auch Nord­ko­rea – durch die Atom­bom­be) oder ha­ben mäch­ti­ge Bünd­nis­part­ner, die ih­ren di­plo­ma­ti­schen und po­li­ti­schen Schutz­schirm auf­ge­spannt hal­ten (bspw. Myan­mar). Erst die­se Kom­bi­na­ti­on macht ei­nen An­griff auf ei­nen Staat / ein Staats­we­sen heut­zu­ta­ge mög­lich bzw. ver­un­mög­licht ihn.

    Was ein Sol­dat dif­fe­ren­zier­ter zu se­hen hat oder nicht, weiss ich nicht. Ein Sol­dat, der heu­te 30 Jah­re alt ist, hat sei­nen Dienst 1998/99 be­gon­nen. Er ist kein Kind des Kal­ten Krie­ges mehr und müss­te wis­sen, dass die Bun­des­wehr grund­sätz­lich Aus­lands­ein­sät­ze durch­führt. Die mei­sten Sol­da­ten im Un­ter­of­fi­ziers­be­reich sind deut­lich jün­ger und teil­wei­se mit Af­gha­ni­stan »auf­ge­wach­sen«. In­so­fern ver­mag ich nicht zu er­ken­nen, dass sich die La­ge we­sent­lich ge­än­dert hat.

    Dass der Krieg nicht zu ge­win­nen ist, ist klar. Es ist aber längst schon kei­ne mi­li­tä­ri­sche, son­dern ei­ne po­li­ti­sche Ent­schei­dung, die­ses »En­ga­ge­ment« bei­zu­be­hal­ten. Ich glau­be so­gar, dass es nie­mals ei­ne mi­li­tä­ri­sche gab (an­son­sten hät­te man an­ders vor­ge­hen müs­sen). Das fa­ta­le an sol­chen po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen ist, dass sie nur noch aus ei­nem ge­wis­sen Pre­sti­ge her­aus »durch­ge­zo­gen« wer­den. Ein so­for­ti­ger Ab­zug wür­de die we­ni­gen Punk­te, die sich ver­bes­sert ha­ben, auch noch zu­nich­te ma­chen. Ein Blei­ben streckt je­doch die Nie­der­la­ge. Wie­der ein­mal ha­ben da die Ent­schei­dungs­trä­ger ih­ren Clau­se­witz nicht ge­le­sen.

    [EDIT: 2010-05-04 08:03]

  27. @Gregor Keu­sch­nig
    (ir­gend­wie war der Kom­men­tar an der fal­schen Stel­le ge­lan­det)

    »Ein Be­rufs­sol­dat mo­der­nen Zu­schnitts ist an die En­ti­tät der Na­ti­on ge­bun­den«

    schrie­ben Sie. Was ist denn dann mit ei­nem NVA-Sol­da­ten, der zur Bun­des­wehr um 180° kon­ver­tier­te? Ist das ein Söld­ner? Da emp­fin­de ich den jun­gen Mann aus der Ucker­mark, der ger­ne Kfz-Me­cha­ni­ker ge­wor­den wä­re, aber aus der Not und oh­ne Be­zug zur Bun­des­wehr ging eher als die ver­kauf­te See­le. Den Söld­ner im klas­si­schen Sin­ne se­he ich heu­te üb­ri­gens und ne­ben­bei am ehe­sten im Ma­nage­ment der mul­ti­na­tio­na­len Un­ter­neh­men. Ob Frank­furt School of Fi­nan­ce oder Har­vard, ob GE oder Sie­mens. Kul­tur und Na­ti­on wer­den dort zum tech­ni­schen Pa­ra­me­ter.

    Nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs such­te die USA nach stra­te­gi­schen Per­spek­ti­ven in den GUS-Staa­ten. In den Län­dern mit ei­ner Zen­tral­macht konn­te man sich meist mit Geld ein­kau­fen und so den Ein­fluss er­hö­hen. Die un­an­ge­nehm­ste Si­tua­ti­on für den west­li­chen Ein­fluss ist in den Län­dern, in de­nen es kei­ne Macht­mo­no­po­le gibt, wie z.B. in Af­gha­ni­stan und So­ma­lia. Da­her war den Ame­ri­ka­nern Af­gha­ni­stan schon we­gen der wich­ti­gen La­ge län­ger ein Dorn im Au­ge. Ver­sucht hat­te man vie­les, es gibt ja kaum ei­ne Grup­pe, die man noch nicht mas­siv un­ter­stützt hat­te. Beim Irak­krieg ist man sich wohl ei­nig, dass 9/11 als will­kom­me­ner Aus­lö­ser dien­te, bei Af­gha­ni­stan hal­te ich das für sehr wahr­schein­lich.

    Und die Qua­li­tät der Si­tua­ti­on wird nicht nur von der Öf­fent­lich­keit als ver­än­dert wahr­ge­nom­men. Mc­Chry­stals Be­schrei­bung der ak­tu­el­len La­ge im Nor­den ist ein No­vum für die Bun­des­wehr. Das ist nicht mehr mit dem Qua­si-Po­li­zei­ein­satz auf dem Bal­kan zu ver­glei­chen und da­her auch ei­ne neue Sicht für die Sol­da­ten. Das Rin­gen um die Be­grif­fe, um die Aus­rü­stung und um die Le­bens­ver­si­che­run­gen ist deut­li­ches In­diz, dass et­was pas­siert. Neue Si­tua­tio­nen er­for­dern neue Ka­te­go­ri­en.

    [EDIT: 2010-05-04 16:15]

  28. An ver­kauf­te See­len aus der Ucker­mark glau­be ich nicht. Sie schei­nen fi­xiert zu sein auf das Söld­ner­tum, oh­ne es zu durch­drin­gen. An­son­sten wür­den Sie nicht die Aus­nah­me­si­tua­ti­on NVA/Bundeswehr her­an­zie­hen.

    Um die neue Sicht auf den Sol­da­ten, die Sie an­mah­nen, geht es glau­be ich hier. Der Auf­bau­hel­fer in Uni­form ist so­zu­sa­gen »tot« (das ist jetzt nicht zy­nisch ge­meint) – es geht dar­um, den Sol­da­ten als kämp­fen­den Sol­da­ten wahr­zu­neh­men. Das wür­de un­will­kür­lich da­zu füh­ren, die An­ge­le­gen­heit Krieg zu nen­nen. Da­her ziert man sich so.

    Nach Af­gha­ni­stan wird al­les an­ders sein. Der deut­sche Sol­dat wird zum er­sten Mal Kämp­fer. Das über­rascht vie­le.

    [EDIT: 2010-05-04 18:33]

  29. »An­son­sten wür­den Sie nicht die Aus­nah­me­si­tua­ti­on NVA/Bundeswehr her­an­zie­hen.«

    Das Ge­gen­teil ist na­tür­lich rich­tig, da die Si­tua­ti­on das Pro­blem wie mit ei­ner Lu­pe iso­liert. Ein Sol­dat, der ge­stern noch ge­drillt war den Bun­des­wehr­sol­da­ten als Tod­feind an­zu­se­hen, soll plötz­lich die Wer­te des We­stens mit sei­nem Le­ben ver­tei­di­gen? Das zeigt doch die Will­kür, die nichts mit dem fran­zö­si­schen Sol­da­ten der Re­vo­lu­ti­on in zer­fled­der­ter Uni­form aber mit stol­zer Idee zu tun hat. Mich wun­dert, dass die­se Zer­ris­sen­heit nie li­te­ra­ri­siert wur­de (ken­ne zu­min­dest nichts der­glei­chen).

    Es wird heu­te kei­nem Nor­mal­bür­ger zu ver­mit­teln sein, ei­ne kämp­fen­de Trup­pe im Aus­land zu sta­tio­nie­ren, wenn es nicht um edel­ste Mo­ti­ve geht. Mich schau­dert bei dem Ge­dan­ken, die Di­vi­den­de des II. Welt­krie­ges wie­der zu zer­stö­ren, in dem man dem deut­schen Bür­ger bei­bringt, In­ter­es­sens­krie­ge zu füh­ren. Wel­ches Leit­bild wür­de die­ser Kam­pa­gne auf­ge­pflanzt wer­den, so wie da­mals bei der Wie­der­be­waff­nung der lan­ge als Ver­rä­ter ge­schmäh­te Stauf­fen­berg aus dem Hut ge­zau­bert wur­de? Ich hof­fe in­stän­dig, dass es in die­sem Fall ei­ne wirk­sa­me bür­ger­li­che Ge­gen­be­we­gung gibt.

    [EDIT: 2010-05-04 20:14]

  30. Was sind »edel­ste Mo­ti­ve«?
    Ge­nau dar­um geht es. Was sind denn die­se »edel­sten Mo­ti­ve«? Men­schen­rech­te? Frau­en­eman­zi­pa­ti­on? Freie Wah­len und De­mo­kra­tie? Da­für könn­te man – Sie schrie­ben es sel­ber sinn­ge­mäss – in ein­hun­dert Län­der gleich­zei­tig ein­mar­schie­ren. Wenn die Ta­li­ban nicht Ter­ro­ri­sten Aus­bil­dung in grö­sse­rem Stil hät­ten an­ge­dei­hen las­sen, wä­ren sie heu­te noch un­be­hel­ligt an der Macht. So­lan­ge ex­tre­mi­sti­sche Re­gie­run­gen nicht ex­pan­siv ge­gen­über dem We­sten wer­den und/oder ih­re Roh­stof­fe nicht dem Markt zur Ver­fü­gung stel­len, blei­ben sie un­an­ge­ta­stet.

    [EDIT: 2010-05-04 20:24]

  31. @Gregor Keu­sch­nig
    Die Wort­wahl soll­te de­spek­tier­lich sein, da ich nicht glau­be, dass es oh­ne star­ke me­dia­le Un­ter­stüt­zung und lang­fri­stig mög­lich ist ir­gend­ei­ne Be­grün­dung durch­zu­set­zen, wenn ge­stor­ben wird. Die west­li­che Ge­mein­schaft wird uns nicht wei­ter das Scheck­buch be­nut­zen las­sen und Po­li­ti­ker for­dern, die ei­ne mir Angst ma­chen­de Kalt­schnäu­zig­keit ha­ben müs­sen. Ver­mut­lich wird es ein Pro­jekt für die Dau­er min­de­stens ei­ner Ge­nera­ti­on (ei­ne hal­be ha­ben wir schon), dass mit der nor­ma­ti­ven Kraft des Fak­ti­schen den Stein höhlt. Wir le­ben am En­de ei­ner Ära, das mit dem Fall der Mau­er erst ein­ge­lei­tet wur­de.

    [EDIT: 2010-05-05 01:07]

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