Die westlichen Demokratien und das Regime Mubarak haben eines gemeinsam: Beide haben Angst vor dem ägyptischen Volk. Die Bekenntnisse in den Sonntagsreden zu Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verpuffen, wenn die Realpolitik übermächtig und »Stabilität« zum alleinentscheidenden politischen Kriterium wird. Die sorgenvollen Mienen bei der deutsch-israelischen Kabinettsitzung gestern sprechen Bände. Die USA und Israel wollen das System Mubarak erhalten. Vielleicht haben sie ihm ja eine Pille entwickelt, damit der 82jährige noch zwanzig oder dreißig Jahre lebt. Ihnen ist ein autokratischer Mubarak mit seiner »richtigen« Politik lieber als die Perspektive eines freien Landes. Als wäre es sicher, dass Ägypten wie weiland der Iran zum Gottesstaat wird (die Auguren sagen das Gegenteil).
Sprache
FAZ-Rhetorik
FAZ-Rhetorik* halt: Die »neue« Handke-Biographie »enthüllt« (gibt es auch eine alte, die es verschwiegen hat?), dass Handke »heimlich« bei R. K. war, als dieser bereits per Haftbefehl gesucht war. Kein Wort davon, dass die IFOR R. K. nicht verfolgte und sich dieser noch im Februar 1997 zu Wort meldetete und drohen konnte.
Es fehlt natürlich auch nicht der Hinweis auf die »proserbischen« Äusserungen Handkes und die »umstrittene« Grabrede (es waren, wie in der Biographie auch erwähnt wird, übrigens zwei). Dem Online-Artikel der FAZ ist ein Bild von Handkes Anwesenheit bei der Beerdigung Miloševićs beigefügt. Es trägt den Untertitel »In engem Kontakt.« Mit wem? Mit einem Toten? Oder gar mit dem damals schon über neun Jahre untergetauchten Karadžić?
Roman-Arrondierungen
Der unabsichtliche Verschreiber in diesem ansonsten sehr hübschen Artikel von Marc Reichwein, der die beiden Roman von Peter Handke »Die Wiederholung« und »Langsame Heimkehr zu »Wiederkehr« unvermittelt verschmolz, hat mich zu anderen Arrondierungen inspiriert: Heinrich Mann: »Professor Untertan« Thomas Bernhard: »Ausgehen« Hermann Lenz: »Herbstzeit« Elfriede Jelinek: »Die Liebesspielerin« Wolfdietrich Schnurre: »Funke im Schatten«
Vom Machtkampf
Pressefreiheit und – vielfalt sind ein wesentlicher Kern unserer freiheitlich-demokratischer Grundordnung. Umso schöner ist es, das Funktionieren dieser Vielfalt in der Praxis zu beobachten. Da kandidiert der amtierende Umweltminister Norbert Röttgen für den Vorsitz der CDU in Nordrhein-Westfalen. Damit gibt es plötzlich zwei Kandidaten für diese Position, denn der ehemalige NRW-Integrationsminister Armin Laschet kandidiert ebenfalls für dieses Amt. Aus dem vollkommen normalen, demokratischen Vorgang, dass sich für ein Amt mehrere Kandidaten zur Wahl stellen, wird nun ein Skandalon produziert. Es herrscht, so wird suggeriert, »Streit« in der Partei. Die am meisten verwandte Vokabel ist nicht die der Kandidatur, sondern des »Machtkampfes«. Mehrere Kandidaten für ein Amt, die im demokratischen Verfahren gefunden werden, sind demnach keine Bereicherung, sondern werden mit leicht bellizistischen Vokabeln per se negativ konnotiert.
Lächerliche Spielchen
Wieder einmal ist es geschafft: Die Diskurswächter haben das Monopol auf ihre Deutungshoheit anderen aufgedrängt. Aktuell im Beispiel Tchibo und Esso. Hatten beide Unternehmen (in seltsamer Parallelität) doch die Frechheit besessen mit dem (merkwürdig anmutenden) Spruch »Jedem den Seinen« für ihre Produkte zu werben. Das durfte natürlich nicht sein. Der scheinbar notorisch unterbeschäftigte Zentralrat der ...
Die Pharisäer
Viel wäre schon gewonnen, wenn einem die Meldungen über die lächerlich-heuchlerischen Weihnachtspredigten diverser Bischöfe und Kardinäle erspart bliebe. Denke ich gerade, als ich von Bischof Hubers Weihnachtspredigt lese. »Wir dürfen das Geld nicht länger vergötzen« heisst es da wohl – so von tagesschau.de zitiert. Auch der Rest des Beitrags: der übliche Schmus, die Appelle an ...
Möchtegernbesserwisser
Seit Donnerstag bin ich ein Möchtegernbesserwisser. So ganz offiziell. Sagt ein Grimme-Preisträger. Der Stefan Niggemeier. Der muß es ja wissen. Der sieht ja ständig die Splitter in den Berichten der Anderen. Ich weiss noch nicht, ob irgendwo eine Preisvergabe stattfinden wird oder ob es einen Orden gibt. Wenigstens eine Urkunde? Meine Mitpreisträger haben auch noch keine Nachricht erhalten. Wir sind ganz aufgeregt. Ich habe noch nie einen Preis bekommen.
Und das kam so. Vorgestern hat der Stefan Niggemeier so einen schönen Beitrag geschrieben. Und da haben drei, vier Leute geschrieben, dass sie es komisch finden, warum man in den deutschen Medien immer »Bombay« liest. Sicher, die Menschen dort haben andere Probleme. Nicht erst seit diesen Terroranschlägen. Die Stadt hiesse aber Mumbai. So ganz offiziell. Den Hinweis fand Stefan Niggemeier ganz toll. So richtig investigativ.
Angst und bange
Der Schock saß sichtbar tief. Tränen flossen an diesem 17. März 2005. Heide Simonis war zum vierten Mal in der Wahl zum schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten gescheitert. Mindestens eine Stimme aus der fragilen Koalition SPD/Grüne/SSW hatte gefehlt. Zum vierten Mal.
Was für eine Empörungsmaschinerie da losgetreten wurde! Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Hay bezeichnete den/die »Abweichler/in« öffentlich als »Schwein«. Eine Rüge oder Zurechtweisung für diese Entgleisung gab es natürlich nicht.