Lä­cher­li­che Spiel­chen

Wie­der ein­mal ist es ge­schafft: Die Dis­kurs­wäch­ter ha­ben das Mo­no­pol auf ih­re Deu­tungshoheit an­de­ren auf­ge­drängt. Ak­tu­ell im Bei­spiel Tchi­bo und Es­so. Hat­ten bei­de Unter­nehmen (in selt­sa­mer Par­al­le­li­tät) doch die Frech­heit be­ses­sen mit dem (merk­würdig an­mu­ten­den) Spruch »Je­dem den Sei­nen« für ih­re Pro­duk­te zu wer­ben.

Das durf­te na­tür­lich nicht sein. Der schein­bar no­to­risch un­ter­be­schäf­tig­te Zen­tral­rat der Ju­den schmeisst – wie in­zwi­schen üb­lich – ganz schnell die Em­pö­rungs­ri­tu­al­ma­schi­ne an. »Nicht zu über­bie­ten­de Ge­schmack­lo­sig­keit« oder ein Bei­spiel »to­ta­ler Geschichts­unkenntnis« schmet­tern sie dann in die Run­de. Weil wäh­rend der Zeit des Nationalso­zialismus der Spruch »Je­dem das Sei­ne« über dem Ein­gang des Konzentrations­lagers Bu­chen­wald prang­te, scheint es so zu sein, dass das Ei­gen­tum der Rech­te an die­sem ur­sprüng­lich harm­lo­sen Le­bens­hil­fe-Dik­tum aus der An­ti­ke an den Zen­tral­rat überge­gangen zu sein scheint und von nun an im rhe­to­ri­schen Gift­schrank zu ver­blei­ben ha­be. Ob man da­mit den Na­tio­nal­so­zia­li­sten nicht ein biss­chen zu­viel Eh­re zu­kom­men lässt?

Ähn­li­ches durf­te der Mi­ni­ster­prä­si­dent Nie­der­sach­sens, Chri­sti­an Wulff, mit dem Be­griff des »Po­groms« er­fah­ren. Auch hier be­harr­te man auf die Ex­klu­siv­rech­te. Wulff hat­te in ei­ner Talk­show fol­gen­de For­mu­lie­rung ge­braucht: »Ich fin­de, wenn je­mand 40 Mil­lio­nen Steu­ern zahlt als Per­son und Zehn­tau­sen­de Jobs si­chert, dann muss sich ge­gen den hier nicht ei­ne Po­grom­stim­mung ent­wickeln.« Zwei­fel­los ist die­ser Ver­gleich un­an­ge­mes­sen und über­trie­ben. Aber ist er auch ei­ne »nicht hin­nehm­ba­re« Ent­glei­sung, wie die Vor­sitzende Kno­bloch na­he legt? Ge­ra­de­zu ab­surd die »For­de­rung« des Ge­ne­ral­se­kre­tärs des Zen­tral­rats der Ju­den, Ste­phan Kra­mer nach ei­nem Rück­tritt des Ministerprä­sidenten. Wulff te­le­fo­nier­te mit Kra­mer, der sich zu­nächst »nicht zu­frie­den« mit der Ent­schul­di­gung des Mi­ni­ster­prä­si­den­ten zeig­te. Ein al­ber­nes Spiel: ein frei­ge­wähl­ter Po­li­ti­ker, der ei­nen blö­den Ver­gleich in­to­nier­te, sich da­für je­doch ent­schul­dig­te, wird öf­fent­lich ei­nem vir­tu­el­len Tri­bu­nal un­ter­zo­gen.

Lang­sam aber si­cher ver­spielt der Zen­tral­rat der Ju­den mit sol­chen lä­cher­li­chen Spiel­chen sei­nen Ruf als in­tel­lek­tu­el­le In­stanz der Bun­des­re­pu­blik. Die Zei­ten ei­nes Ignatz Bu­bis, der sich mit Mar­tin Wal­ser an ei­nen Tisch setz­te und dis­ku­tier­te, sind of­fen­sicht­lich lei­der längst vor­bei. Von Kier­ke­gaard stammt das Bild des Thea­ter­be­su­chers, des­sen Feuer­warnung nicht mehr ge­hört wird, weil er vor­her im­mer sei­nen Spass da­mit ge­trie­ben hat­te. Un­ter der Ägi­de von Char­lot­te Kno­bloch rück-ent­wickelt sich der Zen­tral­rat zur pro­fa­nen Dis­kurs­po­li­zei, die mit paw­low­schen Af­fek­ten die »Ver­feh­lun­gen« aus Po­li­tik, Wirt­schaft und Pop­kul­tur ab­stra­fen will. Da­bei scheu­en sie vor kei­nen noch so ab­we­gi­gen Über­trei­bun­gen zu­rück, als müss­ten sie die In­fla­tio­nie­rung der Na­zi-Ver­glei­che (die es zwei­fel­los in ei­ner auf­merk­sam­keits­gei­len Dis­kurs­ge­sell­schaft gibt) mit su­per­la­ti­vem Be­trof­fen­heits­ge­stus kon­tern (viel­leicht ei­ne Fol­ge der lang­sam aber si­cher ein­tre­ten­den Ab­ge­stumpft­heit eben auf­grund über­mä­ssi­ger Or­che­strie­rung).

Die Su­che nach Em­pö­rungs­fut­ter lässt in­zwi­schen so­gar »Bild«-Leserreporter »Na­zi-Klei­der­stän­der« ent­decken. Und in den USA fand man vor an­dert­halb Jah­ren ei­nen Jahr­zehn­te al­ten US-Na­vy-Stütz­punkt in Ha­ken­kreuz­form. Das er­in­nert al­les ein biss­chen an die (be­leg­te) Sze­ne im 1977 ent­führ­ten Flug­zeug »Lands­hut«, als ei­ne Pas­sa­gie­rin vom »An­füh­rer« der Ent­füh­rer, ei­nem ra­sen­den An­ti­se­mi­ten, als »jü­disch« be­schimpft wur­de, weil das Lo­go ih­res Mont-Blanc-Stif­tes für ihn als Da­vid­stern in­ter­pre­tiert wur­de.

Wie wä­re es, nicht mehr je­den Un­sinn und je­den blöd­sin­ni­gen Na­zi-Ver­gleich durch über­trie­be­ne und ir­gend­wann selbst den wohl­wol­len­den Gei­stern ener­vie­ren­de Erre­gungen noch künst­lich auf­zu­wer­ten? Wie wä­re es mit ei­ner rhe­to­ri­schen und ver­ba­len Ab­rü­stung, da­mit tat­säch­lich be­sorg­nis­er­re­gen­de Ent­wick­lun­gen nicht mit dem glei­chen Ge­stus kom­men­tiert wer­den müs­sen wie die de­bi­len Ab­son­de­run­gen di­ver­ser Pro­mis? War­um nicht ein ge­wis­ses Ver­trau­en in ei­ne Dis­kurs­kul­tur ent­wickeln?

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  1. Dei­ne Hoff­nung auf ei­ne Ab­rü­stung und ei­ne Dis­kurs­kul­tur in al­len Eh­ren, aber das scheint mir ver­geb­lich, ist doch das Schwin­gen der Na­zi­keu­le bei je­der sich bie­ten­den Lap­pa­lie nach­ge­ra­de der Le­bens­zweck des ZRdJ. Be­son­ders deut­lich wur­de das, als man sei­ner­zeit die öli­ge Kra­wall­schach­tel Mi­chel, Ver­zei­hung, Mi­chél Fried­mann zum Vi­ze­prä­si­den­ten er­kor. Er ist es nicht mehr, ich weiß, aber das Prin­zip des Hau-drauf- Re­fle­xes be­steht und wird sich nicht än­dern. Dass man da­durch echt be­denk­li­chen Ent­wick­lun­gen im Neo-Na­zi-Um­feld ge­ra­de­zu Vor­schub lei­stet, hat für den ZRdJ den po­si­ti­ven Ef­fekt, durch Ver­weis auf eben die­se Zu­nah­me ideo­lo­gi­scher Arm­leuch­ter die ei­ge­ne Not­wen­dig­keit und Ein­fluss­mög­lich­keit als Lob­by­isten­grup­pe zu un­ter­mau­ern.

  2. Der Zen­tral­rat der Ju­den kann kei­ne mo­ra­li­sche In­stanz sein, je­den­falls nicht, so­lan­ge er re­gel­mä­ßig (ver­mut­lich be­wusst) Kri­tik an Is­ra­el, An­ti­zio­nis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus gleich­setzt.

  3. Es gibt ei­ne ein­fa­che Mög­lich­keit, »Is­rael­kri­tik« auf An­ti­se­mi­tis­mus zu prü­fen
    Näm­lich Sha­ran­skys »3‑D«: Dä­mo­ni­sie­rung, Dop­pel­stan­dards, De­le­gi­ti­mie­rung
    An­ti­se­mi­tis­mus in 3‑D

    Ei­ne ähn­li­cher ein­fa­cher An­satz ist beim »all­ge­mei­nen« An­ti­se­mi­tis­mus lei­der nicht mög­lich.

    Al­ler­dings ha­be ich im kon­kre­ten Fall »Je­dem das Sei­ne« Ver­ständ­nis für die dünn­häu­ti­ge Re­ak­ti­on des Zen­tral­ra­tes der Ju­den in Deutsch­land. Denn der muss da­von aus­ge­hen, dass die Wer­ber sich sehr ge­nau über­le­gen, wel­che Ge­dan­ken und Bil­der ein Spruch wie »Je­dem das Sei­ne« in den Köp­fen der Ver­brau­cher aus­löst. Der Spruch ist, auch wenn er ur­sprüng­lich kein Na­zi-Spruch ist, so­zu­sa­gen durch den Na­zi-Miss­brauch für Zwecke der Wer­bung »ver­brannt«. (Für den pri­va­ten und li­te­ra­ri­schen Ge­brauch gel­ten da ganz an­de­re Maß­stä­be.)
    Vor die­sem Hin­ter­grund kann ich nur sa­gen: die Wer­be­agen­tur, die für die­se Slo­gans ver­ant­wort­lich ist, war fahr­läs­sig und ihr ge­hört zu­recht auf die Fin­ger ge­klopft.

  4. #3
    Man soll­te be­ach­ten, dass Spra­che und Sprach­ge­brauch ei­nem Wan­del un­ter­lie­gen, und sich Be­deu­tung und Kon­no­ta­ti­on än­dern kön­nen. Un­ter die­sem Ge­sichts­punkt se­he ich nicht, war­um das bei dem Satz »Je­dem das Sei­ne« nicht pas­sie­ren kann, soll, oder darf, vor al­lem wenn man be­ach­tet, dass das »Ar­gu­men­ta­ti­ons­mu­ster« xyz hat, und des­halb dür­fen wir auch nicht, kei­ner­lei lo­gi­sche, oder son­sti­ge Stich­hal­tig­keit be­sitzt. Wenn man nicht be­reit ist das nä­her aus­zu­füh­ren, ge­winnt das Gan­ze den Cha­rak­ter ei­ner au­to­ri­tär da­her­kom­men­den Be­haup­tung. Zu­dem ist bei sprach­li­chen »Richt­li­ni­en« oh­ne­hin Vor­sicht ge­bo­ten: ich mei­ne, die mei­sten sind mün­dig das selbst zu ent­schei­den. Gilt dann die oft be­schwo­re­ne Li­be­ra­li­tät west­li­cher Ge­sell­schaf­ten nichts mehr?

  5. Es ist zwar schwer zu ak­zep­tie­ren, aber es ist lei­der so ...
    ... dass es aus­reicht, dass ein be­stimm­ter Spruch oder ein be­stimm­tes Sym­bol bei ei­nen Teil der Be­völ­ke­rung ei­ne Na­zi-Kon­no­ta­ti­on ha­ben, um sie für den Wer­be­ge­brauch (!) un­mög­lich zu ma­chen. Es geht nicht um Kunst oder Pri­va­tes, es geht nicht um den mün­di­gen Bür­ger – es geht schlicht um Ver­kaufs­för­de­rung, und da geht so et­was gar nicht.

    An­de­res Bei­spiel: Ru­nen. Die ha­ben seit der Na­zi-Zeit eben­falls ei­ne ne­ga­ti­ve Kon­nata­ti­on. Ich ma­che mich so­gar straf­bar, wenn ich be­stimm­te Ru­nen ver­wen­de – auch wenn die Na­zis die Ru­nen na­tür­lich nicht er­fun­den ha­ben. Ich ver­wen­den – in ei­nem heid­nisch-ger­ma­ni­schen Kon­text sel­ber Ru­nen – so­gar in der Öf­fent­lich­keit, auch aus dem Grun­de, den Na­zis die­se Sym­bo­le nicht zu über­las­sen.

    Wür­de ich aber Wer­bung ge­stal­ten, wür­de ich be­wusst auf Ru­nen ver­zich­ten. Oder auch die Ver­wen­dung ger­ma­ni­scher Göt­ter­na­men. Weil ich aus viel­fa­cher Er­fah­rung weis, wie vie­le Men­schen da­bei zu­erst an Na­zis den­ken.

  6. Es ist nicht ein­zu­se­hen, daß be­stimm­te For­mu­lie­run­gen, die wäh­rend der NS-Zeit in ei­nem be­stimm­ten Kon­text ver­wen­det (miss­braucht) wur­den, für im­mer und ewig für nur ir­gend et­was »ver­brannt« sein sol­len.

    Im kon­kre­ten Fall ist ja noch nicht ein­mal »Je­dem das Sei­ne« als Wer­be­spruch be­nutzt wor­den, son­dern »nur« ein Spruch, der ei­ne ge­wis­se Ähn­lich­keit as­so­zi­iert (ge­stern auf »ar­te« Woo­dy Al­lens Film »Man­hat­tan Mur­der Hi­sto­ry« ge­se­hen – dort sagt Al­len in der syn­chro­niseir­ten Fas­sung auch ein­mal »je­dem das Sei­ne«, als sei­ne Frau merk­wür­di­ge Vor­komm­nis­se bei ih­rem Nach­barn ent­deckt – ist jetzt Al­len sank­tio­nie­rungs­pflich­tig? oder der Syn­chro­ni­sie­rer?)

    Selbst wenn der Spruch »ver­brannt« sein soll­te – ist die hy­ste­ri­sche Re­ak­ti­on dar­auf nicht voll­kom­men un­an­ge­mes­sen? (Noch mehr fin­de ich das im Bei­spiel »Po­grom« – als sei »Po­grom« Ex­klu­siv­be­sitz für ei­ne be­stimm­te »Volks­grup­pe« [huch, das Wort darf man be­stimmt auch­nicht sa­gen].)

    Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te ich Klem­pe­rers »LTI« ge­le­sen. Klem­pe­rer war ja Ver­folg­ter; sei­ne Ta­ge­bü­cher sind be­we­gen­des Do­ku­ment die­ser schreck­li­chen Zeit. Die »LTI« wur­de von ihm aus sei­nen Auf­zeich­nun­gen wäh­ren der NS-Zeit zu­sam­men­ge­stellt und En­de der 40er Jah­re her­aus­ge­ge­ben. Es ist sehr in­ter­es­sant, wel­che Be­grif­fe und Be­griffs­ver­wen­dun­gen er als na­zi­stisch her­aus­ar­bei­tet. Aber es wä­re ein Feh­ler, die­se Wör­ter und Be­grif­fe, die im­mer in ei­nem be­stimm­ten Kon­text ste­hen, als ewi­ge Pa­ria-Be­grif­fe zu ver­wen­den, wie dies bei­spiels­wei­se hier an­ge­deu­tet wird. Ne­ben schreck­li­chen und ein­deu­ti­gen Forn­mu­lie­run­gen und Ent­glei­sun­gen ste­hen dort auch Re­de­wen­dun­gen wie »herz­li­che Grü­ße« oder »schwe­ren Her­zens«. Ab­stru­ser wird das noch, wenn ei­ne Wör­ter­li­ste an­ge­legt wird, nach der dann Dis­kurs­po­li­zi­sten nur noch me­cha­nisch agie­ren kön­nen.

    Das »3 D-»Modell über­zeugt mich üb­ri­gens gar nicht. Shake­speares »Kauf­mann von Ve­ne­dig« als »an­ti­se­mi­tisch« zu po­stu­lie­ren, ist voll­kom­me­ner Un­sinn. Ins­ge­samt ist die­ses »Mo­dell« viel zu holz­schnitt­ar­tig; es lei­stet ei­ner ver­ein­fach­ten Dar­stel­lung bzw. Ver­ur­tei­lung, die man in sol­chen Zu­sam­men­hän­gen ge­ra­de ver­mei­den soll­te, so­zu­sa­gen von der an­de­ren Sei­te Vor­schub, in dem es mit locker-flocki­gem Po­stu­lat ein be­que­mes Ur­teil er­mög­licht.

  7. @Gregor & Me­tep­si­lo­n­e­ma
    Es steht je­dem frei, al­le Be­grif­fe so zu ver­wen­den, wie er das gern möch­te. Aber man soll­te das Ziel von Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht au­ßer acht las­sen: Ver­stän­di­gung. Wir hat­ten das­sel­be The­ma ge­ra­de bei den Be­grif­fen »Neo­li­be­ra­lis­mus« und »So­zia­lis­mus«. Na­tür­lich kann man dar­auf be­har­ren, es in ei­ner be­stimm­ten Be­deu­tung zu ver­wen­den. Wenn ei­ne gro­ße Mehr­heit den Be­griff aber an­ders ver­wen­det, wird man miss­ver­stan­den. Un­be­wusst kann das im­mer pas­sie­ren, aber wenn man es be­wusst dar­auf an­legt, muss man auch den Preis da­für ak­zep­tie­ren – der Streit dreht sich dann um Wor­te und nicht mehr um In­hal­te.

    Ich zucke je­den­falls bei »je­dem das Sei­ne« zu­sam­men, weil in un­se­rem Kul­tur­kreis si­cher je­der Ge­bil­de­te das­sel­be Bild vor Au­gen hat – das be­kann­te Fo­to vom KZ-Ein­gang. Ein Wer­ber dis­qua­li­fi­ziert sich so­wohl in dem ei­nen als auch dem an­de­ren Fall – wenn er das weiß und wenn er das nicht weiß.

  8. Fra­gen
    Wo ist hier ein Ar­gu­ment? Ich le­se, dass et­was lei­der so ist und dann: da geht so et­was gar nicht. Noch ein­mal: Ich will wis­sen, wie die Ar­gu­men­ta­ti­on lau­tet, war­um der Satz nicht ver­wen­det wer­den darf. Ich mag die­se au­to­ri­tä­ren Fest­stel­lun­gen nicht. Al­so: Wer legt das fest, und war­um? Falls es die Spre­cher sind, dann neh­me ich mir her­aus, mir mei­nen Wort­ge­brauch selbst auss­zu­su­chen.
    Falls je­mand nicht weiß, dass die­ser Satz über dem Ein­gang des KZ Bu­chen­wald stand, wie könn­te er wis­sen, ob die Ver­wen­dung le­gi­tim ist? Und war­um darf der Satz pri­vat, aber nicht in der Öf­fent­lich­keit ver­wen­det wer­den? Wo ist hier der prin­zi­pi­el­le Un­ter­schied?

  9. @Köppnick
    Es geht nicht um Be­grif­fe, son­dern um ei­ne For­mu­lie­rung, und im Grun­de dar­um, ob es ge­recht­fer­tigt ist ei­nen be­stimm­ten Ge­brauch vor­zu­schrei­ben. Ich hal­te das für sehr pro­ble­ma­tisch, weil vie­les oft nur aus ei­ner per­sön­li­chen Per­spek­ti­ve ver­ständ­lich ist, wie Du selbst schreibst (Ich zucke je­den­falls bei »je­dem das Sei­ne« zu­sam­men).

  10. Das »3‑D-Mo­dell« ist für den Son­der­fall »Is­rael­kri­tik« ge­dacht
    Es ist lei­der nicht auf an­de­re Si­tua­tio­nen über­trag­bar.

    Shake­speares »Kauf­mann von Ve­ne­dig« hat ei­ne – aus der Zeit er­klär­ba­re, ent­schuld­ba­re, aber ein­deu­tig vor­han­de­ne – an­ti­jü­di­sche Ten­denz. Im Kon­text von Sha­ran­skys (po­li­ti­schem) Ar­ti­kel ist es – der grö­ße­ren Deut­lich­keit hal­ber – völ­lig ak­zep­ta­bel, das Stück »an­ti­se­mi­tisch« zu nen­nen. Zu­mal Shy­lock tat­säch­lich ein tref­fen­des und be­kann­tes Bei­spiel für die Dä­mo­ni­sie­rung ei­nes Ju­den ist. (In ei­ner Thea­ter­kri­tik wä­re das Wort si­cher nicht an­ge­mes­sen, es sei denn, ein um­ge­schick­ter oder ge­wis­sen­lo­ser Re­gis­seur in­sze­niert das Stück so, dass Shy­locks dä­mo­ni­sche »Bos­heit« völ­lig in den Vor­der­grund tritt – und der bei Shake­speare durch­aus vor­han­de­ne As­pekt, dass Shy­lock von den Chri­sten Ve­ne­digs ver­ach­tet und von An­to­nio öf­fent­lich be­lei­digt wird, al­so ei­nen Grund für sei­nen Hass hat, und dass Shy­lock ein Ju­de, aber nicht der Ju­de ist, ver­nach­läs­sigt wird.)
    Dass heißt nun nicht, dass man für den »Kauf­mann« ein Auf­füh­rungs­ver­bot er­las­sen soll­te – das ist ein ge­nau so gro­ßer Un­sinn, wie der jahr­zehn­te­lan­ge Wag­ner-Boy­kott in Is­ra­el, der zum Glück in­zwi­schen Ge­schich­te ist. (Wo­bei Wag­ner im Ge­gen­satz zu Shake­speare tat­säch­lich An­ti­se­mit im heu­ti­ge Sin­ne war.)

  11. @MMarheinecke
    Die Tat­sa­che, dass Shy­lock im Stück ein Ju­de ist und ei­ne un­be­hag­li­che Fi­gur dar­stellt, reicht mir nicht aus, es als an­ti­se­mi­tisch zu se­hen (un­ab­hän­gig von der In­sze­nie­rung, die na­tür­lich hier star­ke bis un­er­träg­li­che Ak­zen­te set­zen kann). Ich ha­be das Ge­fühl, dass die »An­ti­se­mi­tis­mus-Hell­se­he­rei« (Slo­ter­di­jk [in an­de­rem Zu­sam­men­hang ver­wen­det]) den Blick für das We­sent­li­che ver­liert, in dem es sich in Klei­nig­kei­ten ver­zet­telt. So wur­de den be­dau­er­li­chen xe­no­pho­ben Aus­schrei­tun­gen in der Bun­des­re­pu­blik oft ge­nug mit xe­no­phi­len Ab­gren­zun­gen »ge­ant­wor­tet«, so als müs­se man die ei­ne Ra­di­ka­li­tät mit ei­nem an­de­ren ra­di­ka­len Denk­mu­ster ex­or­zi­stisch aus­trei­ben. Das ist letzt­lich ein Akt von Hilf­lo­sig­keit. Ähn­li­ches ent­decke ich in der per­ma­nen­ten Su­che, an­ti­se­mi­ti­sche Ver­satz­stücke zu ent­decken wo kei­ne sind. Ein Bei­spiel ist das Fass­bin­der-Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod«. Nicht nur an die­sem Bei­spiel zeigt sich, dass sehr oft die Wahr­neh­mung in Is­ra­el sel­ber sehr viel ab­ge­klär­ter, be­son­ne­ner und kri­ti­scher ist.

    An­ti­se­mi­tis­mus bzw. An­ti­ju­da­is­mus (Ara­ber sind streng ge­nom­men auch Se­mi­ten) soll­te man dort an­ge­hen, wo es an­steht. Es gibt ei­nen Blog hier auf two­day, der mehr als nur is­rael­kri­ti­sche Bei­trä­ge ver­fasst und der tat­säch­lich par­ti­ell an­ti­se­mi­tisch ist. Dort kur­siert Ju­de als Schimpf­wort und der In­ten­dant des DLF ist ei­ne »Krumm­na­se«. two­day interessiert’s nicht (das sind ver­mut­lich die­je­ni­gen, die Köpp­nick meint, wenn er von den Un­ge­bil­de­ten spricht – oder sie sind be­reits im­mu­ni­siert).

  12. #9 – @Metepsilonema
    Ich ver­wen­de sol­che Be­grif­fe und Re­de­wen­dun­gen nicht, weil ich mit mei­nen Aus­sa­gen das Ziel ver­fol­ge, mög­lichst gut ver­stan­den zu wer­den. Wenn ich un­ein­deu­ti­ge Be­grif­fe ver­wen­de, wer­de ich eher miss­ver­stan­den. Es liegt aber nicht in mei­nem In­ter­es­se miss­ver­stan­den zu wer­den. An ei­ner Pro­vo­ka­ti­on bzw. an al­lem, was so ver­stan­den wer­den könn­te, ha­be ich (mei­stens) kein In­ter­es­se.

    Ich schrei­be kei­nem an­de­ren den Ge­brauch oder Nicht­ge­brauch be­stimm­ter Wör­ter vor. Aber na­tür­lich kann ich sei­ne Aus­sa­gen nur in mei­nem ei­ge­nen Kon­text in­ter­pre­tie­ren. Und bei sol­chen zwei­deu­ti­gen For­mu­lie­run­gen über­le­ge ich dann, wie er es ge­meint ha­ben könn­te. Sehr ne­ga­tiv ge­se­hen gibt es dann bei miss­ver­ständ­li­chen For­mu­lie­run­gen drei Mög­lich­kei­ten:

      – Mein Ge­gen­über ist zu dumm, um den Zu­sam­men­hang zu se­hen.

      - Mein Ge­gen­über will mich pro­vo­zie­ren.

      - Mein Ge­gen­über ist starr­sin­nig, weil er auf Ko­sten der Ver­ständ­lich­keit auf sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on be­harrt, ob­wohl es Al­ter­na­ti­ven gä­be, mit de­nen bei­de Sei­ten gut le­ben könn­ten.

    Man muss es nicht im­mer so streng se­hen, aber je­mand, der be­stän­dig Wör­ter die­ses Ka­li­bers ver­wen­det, sinkt in mei­ner Wert­schät­zung ganz au­to­ma­tisch, weil Dumm­heit, Bos­heit oder Starr­sinn für mich nicht at­trak­tiv sind.

  13. @Köppnick
    Grund­sätz­lich stim­me ich mit Dir über­ein. Ich fra­ge mich nur wor­an man hier das Miss­ver­ständ­nis ge­nau fest­ma­chen möch­te. Ei­gent­lich doch nur dar­in, dass es ei­nen be­stimm­ten Bei­geschmack gibt (ge­ben kann)? Der Kon­text soll­te das klar stel­len. Ab­ge­se­hen da­von sind in die­sem Fall die Wur­zeln, und der Miss­brauch ein­deu­tig fest­zu­stel­len: Der Satz geht auf die An­ti­ke zu­rück.

  14. @Metepsilonema/Köppnick
    Ich stim­me Me­tep­si­lo­n­e­mas Fra­ge-Kri­tik zu.

    Las­sen wir das Bei­spiel »Je­dem das Sei­ne« ein­mal weg. Tat­säch­lich ist ja DIESER Spruch gar nicht the­ma­ti­siert wor­den, son­dern nur ein Slo­gan, der die­sem äh­nel­te.

    Neh­men wir den Be­griff »Po­grom« im Zu­sam­men­hang mit Wulffs Äu­sse­rung (sie­he Bei­trag oben). Fest steht für mich: Die Aus­sa­ge Wulffs, Ma­na­ger wür­den ei­ner Po­grom­stim­mung aus­ge­setzt, ist Blöd­sinn. Ein Pro­grom ist ei­ne Art Massen-Lynch­ju­stiz, die sich bspw. ge­gen Mit­glie­der ei­ner be­stimm­ten Eth­nie oder Re­li­gi­on rich­tet. Im »Wil­den We­sten« gab es auch Lynch­ju­stiz, die sich aber in der Re­gel an ei­nen (ver­mu­te­ten) Tä­ter wand­te und nicht eth­nisch, re­li­gi­ös oder sonst­wie kon­no­tiert war.

    Mehr­heit­lich wird der Be­griff »Po­grom« (der­zeit) mit der sy­ste­ma­ti­schen Ver­fol­gung und Er­mor­dung von Ju­den durch Chri­sten und – in der Zeit ab 1933 – durch das NS-Re­gime ver­wen­det. Es gibt Wis­sen­schaft­ler (u. a. Völ­ker­mord­for­scher wie Hein­sohn), die den Be­griff nicht aus­schliess­lich in Ver­bin­dung mit der Ver­fol­gung und Er­mor­dung von Ju­den se­hen, son­dern auch auf an­de­re, ähn­li­che Si­tua­tio­nen an­wen­den (bspw. der Tür­ken ge­gen die Ar­me­ni­er).

    Zu­rück zu Wulff: Die Aus­sa­ge, Ma­na­ger wür­den (trotz ih­rer »gu­ten Ta­ten« [hier­über kann man ja ge­teil­ter Mei­nung sein, aber las­sen wir das ein­mal weg]) ei­ner mas­sen­wei­sen Ver­fol­gung aus­ge­setzt sein, die min­de­stens Leib und so­gar Le­ben be­droht (nur dann kann man von ei­nem Po­grom spre­chen), ist an sich nun voll­kom­men blöd­sin­nig (sie­he oben). Die­se Blöd­sin­nig­keit kann man fest­stel­len, oh­ne den Be­griff mit der Aus­schliess­lich­keit auf Ju­den­po­gro­me zu as­so­zi­ie­ren. Streng ge­nom­men wä­re es ver­mut­lich so­gar falsch, ihn nur auf Ju­den zu fo­kus­sie­ren.

    Wenn es je­doch ein­deu­tig ist, dass Wulffs Aus­sa­ge »da­ne­ben« ist (um es freund­lich aus­zu­drücken), be­darf es nicht dem alar­mi­stisch-hy­ste­ri­schen Ap­pa­rat der Em­pö­rungs­ma­schi­ne­rie, die bis zur Rück­tritts­for­de­rung des MP geht. Die knap­pe und sach­li­che Fest­stel­lung (für die Un­wis­sen­den, mit de­nen Köpp­nick und ich so un­ger­ne re­den), dass die­se Aus­sa­ge un­zu­tref­fend ist, müsste/sollte aus­rei­chen. Ja, sie, die kur­ze, dar­stel­len­de Aus­sa­ge, wä­re auf Dau­er di­dak­ti­scher und nach­hal­ti­ger.

    War­um wird das gan­ze In­stru­men­ta­ri­um vom Zen­tral­rat aus­ge­packt? War­um schiesst man mit ei­ner Ka­no­ne auf die Kat­ze, wo es die Zwil­le auch tä­te?

    Der Akt der Ver­stän­di­gung, den Köpp­nick be­nennt, tan­giert es nicht. Die »Be­wusst­seins­ma­chung«, die an­ge­strebt wer­den soll, ist bzw. wird durch die per­ma­nen­te Rei­zung der Öf­fent­lich­keit ir­gend­wann stumpf.

    Die Aus­sa­ge, dass et­was so ist, wie es ist, ist ei­ne tau­to­lo­gi­sche und in die­sem Fall (wie so oft) wehr­los. So kann man al­len­falls Kin­der still­hal­ten, weil man ih­nen nicht die gro­sse Welt er­klä­ren will; schon in der Pu­ber­tät ver­fan­gen sol­che tau­to­lo­gi­schen Er­klä­rungs­ver­su­che nicht mehr.

  15. @Gregor
    Ich stim­me dir bzgl. »Po­grom« zu. Man soll­te Wulff zu­gu­te hal­ten, dass er das in ei­ner Talk­show ge­sagt hat und nicht schrift­lich ir­gend­wo ge­äu­ßert. Die Auf­re­gung fällt für mich in die­sel­be Ka­te­go­rie wie da­mals im Zu­sam­men­hang mit Eva Her­mans miss­glück­tem Zi­tat. Ge­gen Eva Her­man mo­bi­li­sier­ten sei­ner­zeit Ali­ce Schwar­zer & Co.

    Und zum Zen­tral­rat der Ju­den ha­be ich mich schon ge­äu­ßert. Im üb­ri­gen: Habt ihr das schon ge­le­sen: Is­ra­els Er­fol­ge im Pro­pa­gan­da­krieg. Das sagt doch ei­gent­lich sehr viel zur Dis­kus­si­ons­kul­tur in Deutsch­land bzgl. Pa­lä­sti­na und Is­ra­el.

  16. @Köppnick
    Biss­chen arg ver­schwö­rungs­theo­re­tisch. Als wür­de sich der Staat Is­ra­el für ei­ne deut­sche Talk­show in­ter­es­sie­ren.

    Das, was da vom »Spie­gel­fech­ter« als Sen­sa­ti­on dar­ge­stellt wird, ist gang und gä­be. Im Lu­y­en­di­jk-Buch ist sehr gut be­schrie­ben, wie ge­schickt Is­ra­els »Mar­ke­ting« funk­tio­niert. Das zu kri­ti­sie­ren, fin­de ich eh­ren­rüh­rig; es be­kannt zu ma­chen, wich­tig.

  17. Ich stim­me Gre­gor prin­zi­pi­ell zu, aber ...

    die Pro­ble­ma­tik der Re­de­wen­dung »Je­dem das Sei­ne« ist sei­ne Per­fi­die. Ich ken­ne kei­nen Satz aus dem Wort­schatz der NS-Ideo­lo­gen, der ähn­lich harm­los klingt, aber so ins Mark trifft. Die ge­spreiz­te Bös­ar­tig­keit haf­tet an dem Satz, wie ei­ne Flie­ge am Kle­be­strei­fen. Das mag un­ter­schied­lich re­zi­piert zu wer­den, aber mir sträu­ben sich tat­säch­lich die Nacken­haa­re.

    Ich wür­de aber eben­so aus­drück­lich das ge­nann­te Bei­spiel von dem Ver­gleich frei­spre­chen, da der Wer­be­spruch die­se Kon­no­ta­ti­on kaum noch hat, und Frau Kno­bloch tat­säch­lich nur noch die stumpf ge­wor­de­ne Auschwitz­keu­le schwingt, oh­ne die mo­ra­li­sche In­te­gri­tät ih­rer Vor­gän­ger zu ver­sprü­hen.