Angst und ban­ge

Der Schock saß sicht­bar tief. Trä­nen flos­sen an die­sem 17. März 2005. Hei­de Si­mo­nis war zum vier­ten Mal in der Wahl zum schles­wig-hol­stei­ni­schen Mi­ni­ster­prä­si­den­ten ge­scheitert. Min­de­stens ei­ne Stim­me aus der fra­gi­len Ko­ali­ti­on SPD/Grüne/SSW hat­te ge­fehlt. Zum vier­ten Mal.

Was für ei­ne Em­pö­rungs­ma­schi­ne­rie da los­ge­tre­ten wur­de! Der da­ma­li­ge SPD-Frak­­ti­ons­vor­sit­zen­de Hay be­zeich­ne­te den/die »Abweichler/in« öf­fent­lich als »Schwein«. Ei­ne Rü­ge oder Zu­recht­wei­sung für die­se Ent­glei­sung gab es na­tür­lich nicht.

Be­son­ders »ver­werf­lich« galt die Ab­wei­chung, da in ge­hei­men »Pro­be­ab­stim­mun­gen« der Frak­tio­nen das ge­wünsch­te ein­heit­li­che Vo­tum er­reicht wur­de. Das die­se Probeab­stimmungen je­doch aus­schliess­lich dis­zi­pli­na­ri­sche Funk­ti­on ha­ben und we­der ver­fassungsrechtlich vor­ge­se­hen noch in ir­gend­ei­ner Form ver­bind­lich sind, wur­de non­cha­lant über­se­hen. Sie über­haupt durch­zu­füh­ren ist be­reits ge­hor­sams­stra­te­gi­scher Be­stand­teil ei­ner per­fi­den frak­tio­nel­len Macht­ma­schi­ne­rie von Par­tei­en.

Si­mo­nis konn­te sich sei­ner­zeit als Op­fer ei­nes rück­grat­lo­sen Ab­weich­lers me­di­al in­sze­nie­ren und von ih­rer ge­schei­ter­ten Füh­rungs- und Po­li­tik­kom­pe­tenz pri­ma ab­len­ken. Der »Ab­weich­ler« wur­de bis heu­te nicht ge­fun­den; es ist nicht ein­mal klar, wel­cher Frak­ti­on er (sie?) ent­stammt (viel­leicht sind es auch meh­re­re, was dann al­ler­dings be­deu­ten wür­de, dass Ab­ge­ord­ne­te der CDU/FDP für Si­mo­nis ge­stimmt ha­ben müss­ten).

Das Schick­sal von Si­mo­nis wur­de auch im­mer wie­der An­drea Yp­si­lan­ti vor­ge­hal­ten, als sich die­se ent­schlos­sen hat­te, ei­ne Dul­dung durch die Lin­ke mit ei­ner SPD/Grü­nen-Re­gie­rung zu ver­su­chen. Die Mehr­heit war ähn­lich knapp. Nach­dem sich sehr früh Dag­mar Metz­ger ge­outet hat­te, ei­ne Dul­dung durch die Lin­ke nicht zu ak­zep­tie­ren, gab es nur noch ei­ne Stim­me Mehr­heit für ein sol­ches Bünd­nis.

Das Di­lem­ma der Gret­chen-Fra­ge

Die Um­stän­de, wie Yp­si­lan­ti ih­ren Wort­bruch in­sze­niert und um­ge­setzt hat, sind aus­reichend dis­ku­tiert und er­wo­gen wor­den. Das es ein Wort­bruch ist, dürf­te zwei­fels­frei fest­stehen. Wer vor der Wahl ein­schrän­kungs­los »A« ge­sagt hat und dann »B« macht, hat sein Wort ge­bro­chen.

Si­cher ist, dass die Me­di­en in ih­rer ver­ein­fa­chen­den Zu­spit­zung der Fra­ge nach »A« (al­so ei­ner SPD-Re­gie­rung mit der Lin­ken) die­sen Wort­bruch mit­be­för­dert ha­ben. Yp­si­lan­ti war mit der Fra­ge, die ei­ne ver­stecke Sug­ge­stiv­fra­ge ist, so­fort in ei­nem Di­lem­ma: Lehnt sie ei­ne Be­tei­li­gung der Lin­ken nicht ka­te­go­risch ab, dient dies als Mu­ni­ti­on der Wahlkampf­maschine von Koch (und hät­te auch in­ner­halb der Gro­ssen Ko­ali­ti­on für erheb­lichen Alar­mis­mus ge­sorgt). Weicht sie der Fra­ge aus, bei­spiels­wei­se in dem sie auf inhalt­liche Über­ein­künf­te re­kur­riert, wä­re das Echo ähn­lich ge­we­sen. Al­so ent­schloss sie sich in ei­nem en­ga­gier­ten Wahl­kampf, der »links« ge­führt wur­de (und pro­gram­ma­tisch auch durch­aus fun­diert war), die Lin­ke in­halt­lich we­nig­stens teil­wei­se zu ver­ein­nah­men, um sie un­ter die 5%-Hürde zu hal­ten und gleich­zei­tig in der Öf­fent­lich­keit ein ir­gend­wie ge­ar­te­tes Bünd­nis aus­zu­schlie­ssen.

Stra­te­gisch war die­ses Vor­ge­hen falsch (es wä­re auch falsch ge­we­sen, wenn es mit Glück ma­the­ma­tisch funk­tio­niert hät­te) und dem äu­sserst emo­tio­nal ge­führ­ten Wahl­kampf von Ro­land Koch ge­schul­det, der – wie schon 1999 – ei­ne Hai­de­ri­sie­rung übel­sten Stils be­trieb (der so­gar die F.A.Z. auf Di­stanz ge­hen liess). In die­ser auf­ge­la­de­nen Stim­mung ver­such­te Yp­si­lan­ti ne­ben der the­ma­ti­schen Aus­rich­tung ei­ne »Anti-Koch«-Stimmung zu be­feu­ern. Da Koch in selt­sam au­ti­sti­scher Art mit kru­den The­sen zur Ver­bre­chens­be­kämp­fung die­ser Stim­mungs­la­ge selbst im­mer neue Nah­rung gab, ent­stand ei­ne Art Missions­gedanke: »Koch muss weg!« Das war die Bot­schaft, mit der Yp­si­lan­ti auch bürger­liche Krei­se zur Stimm­ab­ga­be für die SPD brach­te.

Es geht we­ni­ger um Po­li­tik, als um »Koch muss weg«

Die ein­zel­nen Sta­tio­nen, die Yp­si­lan­ti nun nahm, um dann doch mit der Lin­ken ein Dul­dungs­bünd­nis zu schnü­ren, dürf­ten all­ge­mein be­kannt sein. Ins­ge­samt zog sich der Pro­zess über vie­le Mo­na­te. An­fang No­vem­ber schien nun der Tag ge­kom­men. Trotz der ab­wei­chen­den Mei­nung von Frau Metz­ger (die sei­ner­zeit be­reits in al­ler Form da­für de­nun­ziert wur­de) schien die Mehr­heit mit ei­ner Stim­me ge­si­chert.

Bis ei­nen Tag vor der ge­plan­ten Ab­stim­mung drei Ab­ge­ord­ne­te öf­fent­lich die Unter­stützung für Yp­si­lan­ti ver­wei­ger­ten. Der Si­mo­nis-Ef­fekt blieb Yp­si­lan­ti zwar er­spart, aber die rhe­to­ri­schen Ge­schüt­ze, die nun ge­gen die drei auf­ge­fah­ren wur­den, hat­ten es in sich.

Wer an­de­ren Cha­rak­ter­lo­sig­keit vor­wirft, hat sel­ber er­heb­li­che De­fi­zi­te

Hielt sich An­drea Yp­si­lan­ti mit per­sön­li­chen At­tacken noch zu­rück (sie kennt das Rebellen­tum aus der Zeit, als sie ge­gen Schrö­ders Agen­da-Po­li­tik Min­der­hei­ten­po­si­tio­nen be­zog), nann­te der schles­wig-hol­stei­ni­sche SPD-Chef Ralf Steg­ner die drei »cha­rak­ter­los«. Klaus Wo­we­reit sah De­fi­zi­te im »mensch­li­chen Be­reich«. Der SPD-Vor­sit­zen­de Münte­fering wun­der­te sich, dass man ei­nen Tag vor­her das Ge­wis­sen »ent­decke«. Und als Be­leg, wie de­mo­kra­tisch und of­fen die SPD ist, lau­fen nun Säu­be­run­gen Ausschluss­verfahren ge­gen Car­men Everts, Sil­ke Tesch und Jür­gen Wal­ter.

Zu­nächst ein­mal zu­ge­ge­ben: Der Zeit­punkt, die Ab­leh­nung öf­fent­lich zu ma­chen, ist kri­tisch. Al­ler­dings hat­te ein SPD-Son­der­par­tei­tag erst am Sams­tag (mit gro­sser Mehr­heit) der Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung zu­ge­stimmt. Ei­ner der drei, Jür­gen Wal­ter, hat­te dort sei­ne Vor­be­hal­te ge­gen die­se Ver­ein­ba­rung her­vor­ge­bracht.

Al­ler­dings sind Par­tei­tags­be­schlüs­se für den ein­zel­nen Ab­ge­ord­ne­ten über­haupt nicht bin­dend. Wer glaubt, dass die Mehr­heit der De­le­gier­ten so­zu­sa­gen im­pe­ra­tiv die Zu­stimmung der Frak­ti­on be­schlie­ssen kann, irrt fa­tal. Der Ab­ge­ord­ne­te bleibt näm­lich im­mer sei­nem Ge­wis­sen ver­ant­wort­lich. Par­tei­ta­ge die­nen da­zu, die aus­ge­han­del­ten Ver­ein­ba­run­gen (z. B. über Re­gie­rungs­ko­ali­tio­nen) an der Ba­sis »ab­zu­si­chern«. Und es ist auch nir­gend­wo fest­ge­legt, dass je­mand, der der Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung zwi­schen SPD und Grü­ne zu­stimmt, der Art und Wei­se der Re­gie­rungs­bil­dung (SPD/Grüne mit Dul­dung der Lin­ke) zu­stim­men muss.

Wenn man al­so am Sams­tag Abend mit der Ent­schei­dung des Par­tei­ta­ges kon­fron­tiert wird (erst von da an gilt die Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­rung als »an­ge­nom­men«) und dann am Mon­tag er­klärt, dann doch nicht zu­stim­men zu kön­nen – was ist dar­an über­ra­schend?

Die Hes­sen-SPD wird ge­säu­bert – und da­mit auf Dau­er zur 25%-Partei

Wel­ches Bild von de­mo­kra­tisch ge­wähl­ten Ab­ge­ord­ne­ten ha­ben Po­li­ti­ker, die der­art tief in die Ki­ste der per­sön­li­chen Dif­fa­mie­run­gen grei­fen wie Steg­ner (der dies mehr­fach wie­der­hol­te) oder Wo­we­reit? Sind die­se Fi­gu­ren über­haupt noch trag­bar? Ver­birgt sich nicht hin­ter dem Po­li­tik­ver­ständ­nis die­ser Her­ren nicht ein au­to­ri­tä­res Füh­rer­prin­zip-Den­ken, wel­ches sonst in die­ser un­ver­bräm­ten Form nur noch in Dik­ta­tu­ren an­zu­tref­fen ist?

Es geht jetzt gar nicht dar­um, ob die Grün­de und Er­klä­run­gen, die Everts, Tesch und Wal­ter vor­ge­bracht ha­ben, rich­tig oder falsch sind. Es geht dar­um, ob Gewissensent­scheidungen von frei ge­wähl­ten Ab­ge­ord­ne­ten in der­art rü­pel­haf­tem Ton de­nun­ziert ge­hö­ren. Zwar ha­ben die Ab­ge­ord­ne­ten die In­fra­struk­tur der Par­tei SPD ver­wen­det, um ihr Man­dat zu er­lan­gen, aber hier­aus ei­ne Ni­be­lun­gen­treue ab­zu­lei­ten, ist ver­rä­te­risch. Wer da »cha­rak­ter­los« sagt, kann ei­gent­lich nur vor dem Spie­gel ge­stan­den ha­ben. Steg­ner und Wo­we­reit be­trei­ben ein un­wür­di­ges Kes­sel­trei­ben und of­fen­ba­ren ein stark ge­stör­tes Ver­hält­nis zu Grund­rech­ten. Das ist zwar nicht neu (sie­he Ko­ep­pens »Treib­haus«, die sich an der Wie­der­be­waff­nungs­de­bat­te in den 50er Jah­ren ori­en­tiert), aber in dem man nun of­fen die Per­sön­lich­keit der Ab­ge­ord­ne­ten an­greift, be­kommt es ei­ne neue, er­schrecken­de Di­men­si­on.

»Gu­te Ab­weich­ler vs. bö­se Ab­weich­ler« – Heu­che­lei in den Me­di­en

Wenn sich aus­ge­recht links­ori­en­tier­te Me­di­en an die­se Art Kam­pa­gnen be­tei­li­gen, ist das kein Deut bes­ser. Aus­ge­rech­net die­je­ni­gen, die den (be­rech­tig­ten) Wi­der­stand von 20 SPD-Ab­ge­ord­ne­ten ge­gen das BKA-Ge­setz als de­mo­kra­ti­schen Akt fei­ern, ver­teu­feln die so­ge­nann­ten Hin­ter­bänk­ler, die sich mit ähn­li­chen Mo­ti­ven ge­gen die Yp­si­lan­ti-Po­li­tik stell­ten. Ty­pi­scher Ge­sin­nungs­jour­na­lis­mus. Le­dig­lich bei »An­ne Will« gab es zar­te Nach­fra­gen an den Stahl­helm-Frak­tio­ni­sten Steg­ner. Auch die Me­di­en lie­ben den Ver­rat mehr als den Ver­rä­ter. Die ver­pas­sen das At­tri­but »Ab­weich­ler« als Ti­tel – an­fangs noch mit An­füh­rungs­zei­chen, in­zwi­schen un­ge­niert oh­ne.

Es wä­re tat­säch­lich bes­ser für die drei ge­we­sen, sie hät­ten sich nicht of­fen­siv ge­äu­ssert, son­dern in der ge­hei­men Ab­stim­mung ein­fach ge­gen Yp­si­lan­ti ge­stimmt. Ein fa­ta­les Si­gnal, wel­ches da aus­ge­sen­det wird. Ge­ra­de so re­du­ziert man ge­hei­me Ab­stim­mun­gen auf Ra­che­kam­pa­gnen. Und be­schä­digt das de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­we­sen aber­mals. Mit sol­chen Prot­ago­ni­sten kann ei­nem nur angst und ban­ge wer­den.

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  1. Die­sen Kon­flikt zwi­schen dem ein­zel­nen Ab­ge­ord­ne­ten und sei­ner Par­tei gibt es si­cher schon im­mer. Bei gro­ßen Mehr­hei­ten spielt er kei­ne Rol­le, weil es da auf die ein­zel­nen Stim­me we­ni­ger an­kommt und des­halb pa­ra­do­xer­wei­se der Ein­zel­ne auch eher mit sei­ner Par­tei ab­stimmt, weil sich ein Kon­flikt eh nicht lohnt. Ich ver­mu­te auch, dass die ge­for­der­te Ni­be­lun­gen­treue im bür­ger­li­chen La­ger so­gar noch grö­ßer ist, weil die Lin­ken tra­di­tio­nell zu ei­ner stär­ke­ren Zer­split­te­rung und Selbst­zer­flei­schung nei­gen.

    Dass die­ser Kon­flikt jetzt bei Yp­si­lan­ti so vi­ru­lent wur­de, ist eher Zu­fall. Aber dass es die SPD trifft, ist es nicht. So­lan­ge sie nicht zu ei­nem nor­ma­len Ver­hält­nis zu den Lin­ken ge­langt, be­kommt sie (par­la­men­ta­risch) kein Bein mehr auf den Bo­den. Frau Yp­si­lan­ti wä­re so­wie­so ge­schei­tert: Ent­we­der hät­te sie Koch gleich die Re­gie­rung über­las­sen oder sie wä­re mit ih­rer Re­gie­rung ge­schei­tert oder eben bei der Ab­stim­mung.

    Der für die Bun­des-SPD am we­nig­sten schmerz­haf­te Weg wä­re der der so­for­ti­gen Op­po­si­ti­on ge­we­sen – aber da­für stellt man sich ja nicht zur Wahl, dass man frei­wil­lig an­de­re re­gie­ren lässt. In­so­fern war das ein klas­si­sches Dra­ma mit vor­her­sag­ba­rem Aus­gang. Als Au­ßen­ste­hen­der sieht man das sehr leicht, aber wenn man nur von Leu­ten um­ge­ben ist, die ru­fen »An­drea mach mal!« hat man selbst bei leich­ten Selbst­zwei­feln kei­ne Wahl. An­drea Yp­si­lan­ti ist so selbst ei­ne Ge­trie­be­ne ih­rer ei­ge­nen Ge­folgs­leu­te.

  2. Teil­wei­se Wi­der­spruch
    Die ge­for­der­te Ni­be­lun­gen­treue mag im bür­ger­li­chen La­ger grö­sser sein – sie ist es aber im Zwei­fel auch. Die »Ge­wis­sens­kon­flik­te«, die ich aus der jün­ge­ren Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik er­in­ne­re, spie­len fast al­le in der SPD. Und das ist in der Tat kein Zu­fall, da hast Du recht. (Es gibt die gro­sse Aus­nah­me des Wort­bruchs der FDP 1982, als die­se zu Kohl ging. Die Fol­gen für die FDP bei der an­schlie­ssen­den Wahl wa­ren er­staun­lich mild; die we­ni­gen Ab­ge­ord­ne­ten, die zur SPD wech­sel­ten, ha­ben der FDP nicht gross ge­scha­det.)

    Das es Hes­sen trifft (al­so Yp­si­lan­ti) ist kein Zu­fall. Er­stens wa­ren die Ver­hält­nis­se in der Hes­sen-SPD im­mer schon reich­lich »rau« (be­reits ein SPD-MP hat­te dort mit Wort­bruch re­giert). Und zwei­tens war die Si­tua­ti­on mit der An­ti-Koch-Stim­mung emo­tio­nal auf­ge­la­den (das fehl­te bspw. in Schles­wig-Hol­stein). Die Fra­ge war dort, ob der (heh­re) Zweck in je­dem Fall die Mit­tel hei­ligt.

  3. Yp­si­lan­ti hat Füh­rungs­schwä­che be­wie­sen. Das ist so ziem­lich al­les, was ich als Sum­me der Nach­richt er­ken­nen konn­te, als die vier Ab­ge­ord­ne­ten vor die Pres­se tra­ten. Wie hät­te sie da das wacke­li­ge Bünd­nis an­lei­ten sol­len, dass im we­sent­li­chen ein NO­KOCH-Bünd­nis war, al­so ei­ne zu­tiefst un­po­li­ti­sche – in je­dem Fall aber un­pro­duk­ti­ve Ziel­set­zung ver­folg­te? Und si­cher­lich muss die SPD das Ver­hält­nis zur Lin­ken klä­ren, so wie die ge­sam­te Öf­fent­lich­keit.

    Hier ein gran­dio­ser Bei­trag von dra­dio

  4. Na­ja, den Bei­trag fin­de ich nicht so schlecht. Was der Hö­rer über den tra­di­tio­nel­len An­ti­kom­mu­nis­mus sagt, ist nicht ganz falsch (es aber gleich in Kon­text zu den ‘al­ten Na­zis’ zu set­zen, eher schwach).

    Ich stim­me mit Ih­nen über­ein, dass die­ses »NO­KOCH-Bünd­nis« letzt­lich un­po­li­tisch war. Kochs Wahl­kampf war zwar ka­ta­stro­phal, aber wie so oft ist man sich im Geg­ner schnell ei­nig – in der kon­struk­ti­ven Po­li­tik hakt es dann oft ge­nug. Es wä­re ver­mut­lich kei­ne dau­er­haf­te Re­gie­rung da­bei her­aus­ge­kom­men. Frau Yp­si­lan­ti wä­re MP ge­wor­den – viel­leicht nur für ein hal­bes Jahr.

  5. Wäh­rend ei­ni­ge »par­la­men­ta­ri­sche Re­gie­rungs­voll­strecker« sei­ne Exi­stenz ne­gie­ren er­läu­tern an­de­re ganz frei­mü­tig die Not­wen­dig­keit des Frak­ti­ons­zwangs:

    An­ge­li­ka Graf (SPD): »ein Ver­zicht auf je­de Frak­ti­ons­dis­zi­plin (wür­de) un­wei­ger­lich zum Cha­os füh­ren und die Re­gie­rungs­ar­beit prak­tisch un­mög­lich ma­chen.« »Im Üb­ri­gen soll­te ei­ne ge­gen die Frak­ti­ons­dis­zi­plin ge­hen­de Ent­schei­dung – aus Ge­wis­sens­grün­den – nur der letz­te Weg sein, denn bes­ser ist es im­mer, et­wai­ge Be­den­ken be­reits vor der Ab­stim­mung zu the­ma­ti­sie­ren und auf ei­ne Än­de­rung der Vor­la­ge zu drän­gen. Wenn ei­ne Än­de­rung nicht durch­setz­bar ist, dann muss man sich mei­ner Mei­nung dem Mehr­heits­wil­len der Frak­ti­on beu­gen.«

    Mi­cha­el Hart­mann (SPD): »Ich bin aber auch De­mo­krat ge­nug, um mich in ele­men­ta­ren Sach­the­men (…) fern ab von Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen der Frak­ti­ons­li­nie un­ter­zu­ord­nen.«

    Chri­stoph Strä­sser (SPD): »Zum The­ma Frak­ti­ons­zwang möch­te ich an­mer­ken, dass nur durch ei­ne ge­wis­se Dis­zi­plin in den Frak­tio­nen Po­li­tik plan­bar bleibt. Zum ei­nen für die Re­gie­rung und das Par­la­ment, da so ver­hin­dert wer­den kann, dass ein­zel­ne Ab­ge­ord­ne­te durch Ent­hal­tun­gen oder Ab­leh­nun­gen Ge­setz­ent­wür­fe der ei­ge­nen Frak­ti­on blockie­ren oder ver­hin­dern. Zum an­de­ren für den Bür­ger selbst.« »Da das ge­plan­te Ge­set­zes­vor­ha­ben (Anm.: Ren­te mit 67) trotz wei­ter be­stehen­der Be­den­ken für mich nicht den Rang ei­ner »Ge­wis­sens­ent­schei­dung« hat, ha­be ich als Mit­glied der Frak­ti­on zu­ge­stimmt.«

    Ste­pha­nie Jung (SPD): »Man kann po­li­tisch da­für oder da­ge­gen sein und sich bis zur letz­ten Ge­le­gen­heit ent­spre­chend da­für oder da­ge­gen in­tern ein­set­zen. Aber am Tag der Ab­stim­mung gilt der Frak­ti­ons­zwang – sonst ist par­la­men­ta­ri­sche Ar­beit nicht mög­lich.«

  6. In den Ant­wor­ten tau­chen be­stimm­te Mo­ti­ve auf.

    (1) »Die Ge­wis­sens­ent­schei­dung«

    Da­mit wird of­fen­bar Be­zug auf den Be­griff Ge­wis­sen im Grund­ge­setz ge­nom­men. In der par­la­men­ta­ri­schen Pra­xis macht man sich ei­ne sehr ei­gen­wil­li­ge Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes zu ei­gen.

    Wäh­rend man im Ab­stim­mungs­ver­hal­ten i. d. R. an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen der Frak­ti­on ge­bun­den ist (Frak­ti­ons­zwang), gilt dies im Fal­le von Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen nicht. Als Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen sol­len nur Fra­gen von Krieg oder Frie­den oder Ab­stim­mun­gen über den An­fang oder das En­de des Le­bens gel­ten.

    (2) »Die Re­gie­rungs­ar­beit er­mög­li­chen«

    Da­für muss man wis­sen, dass die mei­sten Ge­set­ze, über die die Ab­ge­ord­ne­ten des Par­la­ments ab­zu­stim­men ha­ben (Le­gis­la­ti­ve = ge­setz­ge­ben­de Ge­walt), von der In­itia­ti­ve der Re­gie­rung aus­ge­hen (Exe­ku­ti­ve = aus­füh­ren­de Ge­walt).

    Das Re­gie­ren wird na­tür­lich er­heb­lich er­leich­tert, wenn man über Ab­ge­ord­ne­te ver­fügt, die kein Pro­blem da­mit ha­ben, ei­nem Ge­setz zu­zu­stim­men, wel­ches sie selbst für falsch hal­ten.

    Selbst wenn ei­ne kla­re Mehr­heit der ge­wähl­ten und »an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen nicht ge­bun­den Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes« ge­gen ein Ge­setz ist, kann sich die Re­gie­rung dar­auf ver­las­sen, dass sich na­he­zu al­le par­la­men­ta­ri­schen Re­gie­rungs­voll­strecker für das ent­spre­chen­de Ge­setz aus­spre­chen.

  7. Ich glau­be nicht, dass es all­zu vie­le Ab­ge­ord­ne­te gibt, die ei­nem Ge­setz zu­stim­men, weil sie es für falsch hal­ten. In­so­fern hal­te ich den Satz Selbst wenn ei­ne kla­re Mehr­heit der ge­wähl­ten und »an Auf­trä­ge und Wei­sun­gen nicht ge­bun­den Ver­tre­ter des gan­zen Vol­kes« ge­gen ein Ge­setz ist, kann sich die Re­gie­rung dar­auf ver­las­sen, dass sich na­he­zu al­le par­la­men­ta­ri­schen Re­gie­rungs­voll­strecker für das ent­spre­chen­de Ge­setz aus­spre­chen für rei­ne Dem­ago­gik.

    Ich glau­be al­ler­dings, dass die Fül­le der Ge­set­ze, über dies es zu be­schlie­ssen gilt, oft ge­nug den Ho­ri­zont des Ab­ge­ord­ne­ten über­schrei­ten. Er ist Ex­per­te auf dem Ge­biet X – aber nicht bei Y und Z.

    Den Be­griff der »Ge­wis­sens­ent­schei­dung« hal­te ich für pro­ble­ma­tisch, weil er tat­säch­lich sug­ge­riert, dass es um vi­ta­le In­ter­es­sen des Lan­des geht. Ich wür­de als Hilfs­kon­strukt von »sitt­li­chen Ent­schei­dun­gen« spre­chen, die grund­le­gen­de Wer­te be­tref­fen und be­fra­gen.

    So et­was wie Frak­ti­ons­disz­plin kann es üb­ri­gens nur des­halb ge­ben, weil die Par­tei, die über die Li­ste das Par­la­ment »be­stückt«, ei­nen gro­ssen An­teil dar­an hat, dass der je­wei­li­ge Ab­ge­ord­ne­te im Par­la­ment sitzt. Denn selbst wenn er di­rekt ge­wählt sein soll­te (über die Erst­stim­me), hat er dies mei­stens der In­fra­struk­tur der Par­tei zu ver­dan­ken. Gänz­lich schwie­rig wird es für den­je­ni­gen, der über die Li­ste ein­ge­zo­gen ist (weil er kein Di­rekt­man­dat ge­won­nen hat). Hier wird sehr schnell mit ei­ner Ver­schie­bung der Li­sten­po­si­ti­on ge­droht. Durch ei­ne Än­de­rung des Wahl­rechts könn­te man dies be­he­ben. Aber die­je­ni­gen, die am mei­sten von der jet­zi­gen Re­ge­lung pro­fi­tie­ren wer­den kaum re­form­freu­dig sein.

  8. Un
    Auf mich wirkt das Be­har­ren der Vier auf ihr Ge­wis­sen viel zu be­müht, viel zu kon­stru­iert. Das »kurz vor Schluss« ih­res Nicht-Be­kennt­nis­ses wirkt auch auf mich eher wie ei­ne »Ra­che­kam­pa­gne«, ein po­li­ti­sches Un­wohl­ge­fühl neh­me ich ih­nen ein­fach nicht ab. Aber viel­leicht ist das die Per­spek­ti­ve ei­nes Zy­ni­kers, der kein Wort mehr dreht und wen­det, weil er so­wohl der Be­richt­erstat­tung als auch den po­li­ti­schen Ak­teu­ren nicht traut. Es fehlt, so me­tep­si­lo­n­e­ma an Trans­pa­renz. An ei­ner Nach­voll­zieh­bar­keit der In­ter­es­sen, die zwi­schen die tat­säch­lich ge­fäll­ten Ent­schei­dun­gen und ih­rer Ver­mitt­lung an den Bür­ger zwi­schen­ge­schal­tet sind.

    Die­se Trans­pa­renz schafft die po­li­ti­sche Si­tua­ti­on in Hes­sen ge­ra­de aus dem ne­ga­ti­ven her­aus. Du hast recht: Das Si­gnal ist de­fi­ni­tiv und oh­ne Ein­schrän­kung fa­tal – weil es den Wi­der­spruch zwi­schen de­mo­kra­ti­schem Wahl-/Man­dats­an­spruch und par­la­men­ta­ri­scher Wirk­lich­keit auf­zeigt. Die Trans­pa­renz ist die, dass nichts trans­pa­rent ist. Dass statt Trans­pa­renz im We­sent­li­chen In­ter­es­sen im Vor­der­grund ste­hen, die Dir und mir un­be­kann­te Va­ria­blen sind. Das ist ne­ga­ti­ve Auf­klä­rung. Wenn kei­ner an die Ver­trakt­hei­ten po­li­ti­scher Ent­schie­dungs­struk­tu­ren glau­ben will, muss er ih­re Ein­schrän­kun­gen selbst vor­ge­führt be­kom­men – zum Bei­spiel in Form sol­cher »Skan­da­le«. Das schockiert, be­scä­digt in Dei­nen Wor­ten »das de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­we­sen aber­mals«, ge­nau weil da­mit ein Rea­lis­mus in die Ein­bil­dung der De­mo­kra­tie ein­bricht. Das Sy­stem führt sich ge­ra­de selbst vor. Das wirk­lich be­un­ru­hi­gen­de da­bei ist »nur«, dass un­se­re ver­meint­li­che »Vier­te Ge­walt« die­se Ent­wick­lung nicht kri­tisch be­glei­tet.

  9. Per­spek­ti­ve des Zy­ni­kers? Viel­leicht.
    War­um soll denn das Be­har­ren auf so et­was wie »Ge­wis­sen« be­müht wir­ken? Nur, weil man sich viel­leicht in ei­ner Ab­wä­gung schwer ge­tan hat (und noch schwer tut)? Weil man das »Stahl­ge­wit­ter«, wel­ches schon Frau Metz­ger traf, nun sel­ber be­fürch­tet?

    Ge­stern gab es ei­nen Ma­ga­zin-Bei­trag (zu­ge­ge­ben: »Re­port« aus Mün­chen – nicht im­mer un­be­dingt ganz neu­tral), in dem sich ein hes­si­scher SPD-Kreis­ver­band »im Exil« in Bay­ern traf, um sich von den dor­ti­gen Ge­nos­sen ein­mal ab­zu­gren­zen. Die An­ti-Koch-Stim­mung wur­de (und wird) in Hes­sen of­fen­bar der­art ag­gres­siv eineg­setzt und mit ei­nem der­art gro­ssen Grup­pen­druck agiert, dass man sich sehr lan­ge über­legt, wie man han­delt.

    Viel­leicht ist auch ein­fach nur der Be­griff des »Ge­wis­sens« in­zwi­schen dis­kre­di­tiert. Oder viel­leicht ver­al­tet? Soll­te man nicht bes­ser von ei­ner »mo­ra­li­schen Ent­schei­dung« spre­chen, die über rein sach­li­che Er­wä­gun­gen hin­aus geht? Da das Ge­wis­sen auf den Ge­wis­sens­trä­ger re­flek­tiert und die­se Per­son in den Vor­der­grund stellt, wä­re viel­leicht ei­ne Ab­strak­ti­on auf den mo­ra­li­schen Ka­non an­ge­brach­ter? Aber wel­cher Ka­non ist das? Im Zwei­fel doch nur der des Ab­ge­ord­ne­ten.

    An­de­rer­seits: War­um muss man sich in­zwi­schen fast schä­men, ein Ge­wis­sen zu ha­ben? Weil da­für im Macht­spiel der Po­li­tik, im Rausch der Öko­no­mie oder in der Ver­lockung des Gel­des kein Platz mehr zu sein scheint? Weil in­zwi­schen über­all der Zweck die Mit­tel hei­ligt?

    War­um muss der­je­ni­ge, der sein Ge­wis­sen be­fragt (und es als Ab­ge­ord­ne­ter ja so­gar muss) plötz­lich Trans­pa­renz er­zeu­gen? Kann ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Ent­schei­dung per Mehr­heits­be­zug de­kre­tiert wer­den? Wo lä­ge da die Trans­pa­renz?

    Mir ma­chen Po­li­ti­ker wie Steg­ner Angst, die blin­den Ge­hor­sam ein­for­dern. Mir macht ei­ne Par­tei Angst, die vier Leu­te aus­schlie­ssen will, weil sie sich nicht an vor­her fest­ge­leg­te Grund­sät­ze hal­ten wol­len.

    Mei­ne Fra­gen sind nicht rhe­to­risch. Die viel­leicht durch­schim­mern­de Nai­vi­tät ist nicht ge­spielt oder gar ko­kett.

    Ich fra­ge mich üb­ri­gens auch, war­um ei­ne ab­wei­chen­de Ent­schei­dung in die­sem Fall ne­ga­tiv kon­no­tiert wird – im an­de­ren Fall (BKA Ge­setz) je­doch gou­tiert wird (oder auch um­ge­kehrt). Und das nicht nur in der »vier­ten Ge­walt«.

  10. Ich fas­se Dei­ne Fra­gen we­der als rhe­to­ri­sche noch als nai­ve auf. Ge­ra­de weil sie es nicht sind, le­se ich hier und nicht an­ders­wo. Das vor­ab.

    Ich blei­be da­bei: Ei­ne Ein­schät­zung der Si­tua­ti­on in Hes­sen fällt mir aus­ge­spro­chen schwer. Nicht, weil ich den Vie­ren ih­re Ge­wis­sen­haf­tig­keit ab­spre­che; nicht, weil zwei von ih­nen erst kurz vor Schluss ge­mein­sam mit zwei schon frü­her Be­un­ru­hig­ten ih­re Stim­men er­ho­ben / ent­hal­ten ha­ben; und nicht, weil ich den­ke, dass ein schlech­tes Ge­wis­sen sich schon frü­her be­merk­bar macht. Son­dern weil ich ih­re Mo­ti­ve nicht durch­schau­en kann (Wal­ter z.B. woll­te das Wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um, hat­te aber Kon­kur­renz von Scheer).

    Ein gro­ßes »aber« ein­ge­scho­ben: Dass ich den »Ab­weich­lern« Ge­wis­sens­grün­de ab­spre­che, heißt nicht: dass ich ih­ren öf­fent­li­chen Aus­tritt aus der Par­tei­sek­te als falsch be­wer­te oder gar ver­ur­tei­le. Das ge­mur­mel­te »Koch weg um je­den Preis« war dümm­lichst, und die Re­ak­ti­on der Vier (ich wünsch­te, sie hät­te ei­ne grö­ße­re Min­der­heit ge­fun­den) war prin­zi­pi­ell rich­tig und wich­tig. Mit geht’s aus­drück­lich um die Be­grün­dung, nicht die Ent­schei­dung als sol­che. Ver­mut­lich hab’ ich das bis­her nicht so aus­drück­lich ver­mit­telt.

    Ih­re Be­ru­fung auf das Ge­wis­sen ist für mich viel­leicht aus den von Dir auf­ge­führ­ten Ver­mu­tun­gen be­müht: weil es über­holt, ver­al­tet, dis­kre­di­tiert ist. Und da ei­nem die­se Wahr­neh­mung, Po­li­tik sei prin­zi­pi­ell ge­wis­sen­los und durch rei­nen Prag­ma­tis­mus ge­lei­tet, doch dann und wann öf­fent­lich be­geg­net, er­war­te ich zu­min­dest für den Fall ei­nes tat­säch­li­chen Ge­wis­sens­kon­flikts ei­ne kur­ze Re­fle­xi­on über das all­ge­mei­ne über­holt und ver­al­tet sein. Ein In­ne­hal­ten, ein The­ma­ti­sie­ren – um zu be­to­nen, wie sehr es ge­ra­de doch das Ge­wis­sen, und nicht Ra­che ist, die je­man­den zu ei­nem sol­chen Schritt ver­an­lasst. Der ei­ge­nen Glaub­wür­dig­keit hal­ber.

    [W]äre viel­leicht ei­ne Ab­strak­ti­on auf den mo­ra­li­schen Ka­non an­ge­brach­ter? Aber wel­cher Ka­non ist das?
    Lang­wei­li­ger­wei­se grei­fe ich da gern auf Max We­ber zu­rück, der ja so­wohl aka­de­misch als auch po­li­tisch en­ga­giert ge­we­sen ist. Er sprach im­mer von der »Wi­der­spruchs­lo­sig­keit des Ge­woll­ten selbst«, die man kri­tisch zu über­prü­fen ha­be. Auch wenn er in die For­mu­lie­rung mehr in­ve­stiert als ein ein­fa­ches »wer a sagt, kann nicht b be­haup­ten«, kann man da erst­mal an­set­zen und dar­auf zu­rück­grei­fen: Wort­bruch bleibt Wort­bruch. Und um den ab­zu­leh­nen, braucht man nicht das Ge­wis­sen be­mü­hen. Ist das nicht so­gar ei­ne nüch­ter­ne, sach­li­che Ent­schei­dung?

    Was die For­de­rung nach ei­ner Wi­der­spruchs­lo­sig­keit des Ge­woll­ten ef­fek­tiv be­deu­tet (auch wenn ich mich wie­der­ho­le): Trans­pa­renz. Po­li­ti­sche Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen soll­ten, wie al­le Ent­schei­dun­gen, der Trans­pa­renz, der Zu­gäng­lich­keit und Nach­voll­zieh­bar­keit un­ter­wor­fen sein. Nur muss, wie wir mehr und mehr wis­sen und gern be­kla­gen, die­se Trans­pa­renz ge­schaf­fen wer­den. Wenn sie die Po­li­tik nicht lie­fert, ist das ein Pro­blem­kom­plex. Der näch­ste ist dann aber der, dass sich die Pres­se zu gro­ßen Tei­len in­kom­pe­tent zeigt, wäh­rend sie gleich­zei­tig aus ei­ge­nen In­ter­es­sen be­ri­che­tet und dra­ma- bzw, tra­gö­di­siert.

    Ich fra­ge mich üb­ri­gens auch, war­um ei­ne ab­wei­chen­de Ent­schei­dung in die­sem Fall ne­ga­tiv kon­no­tiert wird – im an­de­ren Fall (BKA Ge­setz) je­doch gou­tiert wird (oder auch um­ge­kehrt). Und das nicht nur in der »vier­ten Ge­walt«.
    Ich sag­te ja: Wer wirk­lich wis­sen woll­te, was tag­täg­lich par­la­men­ta­risch vor sich geht, müss­te al­le, zu­min­dest ALLE grund­sätz­li­chen In­ter­es­sen, die zwi­schen die tat­säch­lich ge­fäll­ten Ent­schei­dun­gen und ih­rer Ver­mitt­lung an den Bür­ger zwi­schen­ge­schal­tet sind, aus­leuch­ten. Ei­ne Sa­che der Un­mög­lich­keit: Jour­na­li­sten wä­ren ein­ge­schleu­ste, klei­ne Wall­raffs. :-)

  11. Re­fle­xi­on über das Ge­wis­sen
    Das ist ei­ne For­de­rung, die letzt­lich zu ei­nem tau­to­lo­gi­schen Re­sul­tat füh­ren muss: Es ist so, weil es so ist. Die Pres­se­kon­fe­renz fand ja statt; die drei (mit Metz­ger vier) ha­ben ja da­zu et­was ge­sagt (ich ha­be nicht al­les ge­se­hen). Aber letzt­lich bleibt ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung nicht hin­ter­frag­bar, weil nie­mand in »mein« Ge­wis­sen leuch­ten kann. Das macht sie ja so schwie­rig – und auch (in der Ver­gan­gen­heit) so be­lie­big (bzw. als sol­che ma­ni­pu­lier­bar). Voll­ends falsch wä­re es, die Keu­le Ge­wiss­ent­schei­dung zu ver­ab­so­lu­tie­ren. Zwar bleibt rein for­mal die Ver­ant­wor­tung für die Ent­schei­dung be­stehen, aber der tat­säch­lich sitt­li­che »Kon­text« ist nicht im­mer gleich be­deu­tungs­voll.

    Wort­bruch bleibt Wort­bruch
    Man kann auch ar­gu­men­tie­ren: Den Wort­bruch ach­te ich nicht für so we­sent­lich, als den Ver­such, ei­ne neue Po­li­tik (nebst »Koch muss weg«) zu im­ple­men­tie­ren. Bör­ner hat­te sei­ner­zeit so ent­schie­den und war mit den Grü­nen ge­gan­gen, ob­wohl er das Ge­gen­teil ver­sprach. Das heisst: Der Zweck hei­ligt in die­sem Fall die Mit­tel. Die­se an­de­re Mög­lich­keit ist zu­min­dest ge­ge­ben.

    Es kä­me nun im Ein­zel­fall dar­auf an fest­zu­stel­len, ob bzw. wie­vie­le der 34 Zu­stim­mer ex­akt die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on aus der Über­zeu­gung des Ar­gu­ments ge­folgt sind – oder auch macht­po­li­ti­scher Tak­tik oder aus frak­tio­nel­lem Grup­pen­zwang. Ich bin näm­lich kei­nes­falls der Mei­nung, dass der­je­ni­ge, der für Yp­si­lan­ti ge­stimmt hät­te, nicht auch Ge­wis­sens­grün­de DAFÜR hat­te. Ich un­ter­stel­le nicht per se, dass dies al­les macht­gei­le Op­por­tu­ni­sten ge­we­sen sind oder ängst­li­che Kar­rie­re­ty­pen.

    Trans­pa­renz
    Ich kom­me wie­der zum Punkt Re­fle­xi­on: Trans­paranz be­deu­tet im kon­kre­ten Fall, dass ich ei­ner ge­hei­men Wahl vor­grei­fe, in dem ich of­fen­siv er­klä­re, war­um ich mich für ei­ne Ab­stim­mung ge­gen die (ver­mu­te­te!) Mehr­heit stel­le. Ab­ge­se­hen da­von, dass ich es (wie ge­sagt) nicht für mög­lich hal­te, au­sser-tau­to­lo­gi­sche Er­klä­run­gen hier­zu ab­zu­ge­ben (oder eben rein tech­ni­sche »Wort­bruch ist Wort­bruch«) – war­um müs­sen sich die Min­der­heit­ler al­lei­ne er­klä­ren? War­um wer­den nicht al­le 38 Mit­glie­der ei­nem »Hea­ring« un­ter­zo­gen, wel­ches sie dies­be­züg­lich be­fragt? Wel­cher Art soll die­se Trans­pa­renz sein?

    Wall­raffs
    Grund­sätz­lich ha­be ich im­mer Be­den­ken mit au­sser­in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Or­ga­nen oder Struk­tu­ren, weil sie sich eben durch ih­re AU­ssen­po­si­ti­on jeg­li­cher (de­mo­kra­ti­scher) Kon­trol­le ent­zie­hen. Will sa­gen: Jour­na­li­sten, die sich als Wel­ten­ret­ter vor­kom­men, wer­den ir­gend­wann ideo­lo­gisch. Die­sen Punkt hat je­mand wie Wall­raff längst über­schrit­ten, der sich nur noch als Ego­ma­ne in­sze­niert.

    Vie­le Jour­na­li­sten glau­ben, weil es so­vie­le »Schwei­ne« gibt, hät­ten sie das Recht und die Pflicht, sich mit der »gu­ten Sa­che ge­mein« ma­chen zu müs­sen. Da­bei ver­ges­sen sie ih­ren ei­gent­li­chen Auf­trag – von ei­nem mög­lichst neu­tra­len Punkt aus zu be­ob­ach­ten und zu be­rich­ten. Aber das ist ein an­de­res, wei­tes Feld.

  12. War­um wer­den nicht al­le 38 Mit­glie­der ei­nem »Hea­ring« un­ter­zo­gen, wel­ches sie dies­be­züg­lich be­fragt?
    Kei­ne Ah­nung, aber das wä­re m.E. ei­ne Mög­lich­keit, Trans­pa­renz zu schaf­fen. Ge­hei­me Ab­stim­mun­gen sind nur der letz­te Schutz­raum, in den man sich als De­li­gier­ter be­zie­hen soll­te. Na­iv?

    Noch­mals aus an­de­rer Sicht be­leuch­tet, war­um ich die Ge­wis­sens­ent­schei­dung in die­sem kon­kre­ten Fall pro­ble­ma­tisch fin­de: weil die Vier eher sach­lich als emo­tio­nal ar­gu­men­tie­ren. Ich kann ih­re Mo­ti­ve ver­ste­hen, ich kann sie nach­voll­zie­hen. Car­men Everts er­klärt sich bei­spiels­wei­se: Im Rah­men ih­rer Pro­mo­ti­on hat sie sich mit der SED und ih­rer Nach­fol­ge­par­tei aus­ein­an­der­ge­setzt und ist zum dem Schluss ge­kom­men, dass ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit ihr un­trag­bar ist. Das ist für mich »ge­wis­sen­haft«, weil gründ­lich re­flek­tiert – aber im Kern ei­ne sach­li­che, und kei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung.

    Was den Wil­len zu ei­ner neu­en Po­li­tik an­be­langt: den hät­te man im Vor­feld der Wah­len so äu­ßern müs­sen und ei­ne An­nä­he­rung an die Lin­ke nicht so ka­te­go­risch aus­schlie­ßen dür­fen. Aber nach­dem er nun­mal so ge­äu­ßert wor­den ist: kon­se­quent und trans­pa­rent wä­re es, die Wäh­ler von der Wich­tig­keit die­ser neu­en Po­li­tik zu über­zeu­gen, die De­bat­te über die Lin­ke (und mit ihr?) zu su­chen. Das wä­re mein Wunsch, mei­ne For­de­rung, nach der ich ent­schei­den kann, wie schwer ich den Wort­bruch ge­wich­te.

    [V]ergessen sie [die Jour­na­li­sten] ih­ren ei­gent­li­chen Auf­trag – von ei­nem mög­lichst neu­tra­len Punkt aus zu be­ob­ach­ten und zu be­rich­ten? De­fi­ni­tiv – und das be­dau­er­li­che ist wohl: dass die In­kom­pe­ten­ten die Ideo­lo­gi­schen erst he­vor­brin­gen.

  13. Sach­lich oder emo­tio­nal?
    Everts’ Ent­schei­dung mag sach­lich be­grün­det sein – aber sie bleibt na­tür­lich ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung, bzw. ei­ne sitt­li­che Ent­schei­dung, weil sie die an­de­re Kom­po­nen­te (die Re­gie­rung un­ter der Füh­rung der SPD) da­ge­gen in die Waag­scha­le ge­wor­fen hat. Hät­te sie emo­tio­nal ar­gu­men­tiert, wä­re ihr vor­ge­wor­fen wor­den, sich rein auf das per­sön­li­che Emp­fin­den zu­rück­zu­zie­hen.

    Dass Yp­si­lan­ti in der Fest­le­gun­gen ei­nen Feh­ler ge­macht hat, weiss sie längst sel­ber. Ich glau­be ja, dass ihr die­se Fest­le­gung (nicht zu­letzt durch die Me­di­en) ok­troy­iert wur­de. Ih­re Schwä­che be­stand dar­in, die­ser Ok­troy­ie­rung nach­zu­ge­ben (sich al­so fest­zu­le­gen), statt ak­tiv zu kom­mu­ni­zie­ren, dass es ihr um Po­li­tik geht. Das hat sie nicht ge­sagt, weil es un­ter Um­stän­den weit­rei­chen­de Kon­se­quen­zen hät­te (in an­de­ren Bun­des­län­dern könn­te sich die CDU auf ei­ne Dul­dung durch rechts­ra­di­ka­le Par­tei­en mit dem glei­chen Ar­gu­ment ein­las­sen).

    Den Wäh­ler muss Yp­si­lan­ti VOR der Wahl über die Wich­tig­keit ih­rer Po­li­tik über­zeu­gen – nicht NACHHER. Bei al­len nach­träg­li­chen Ent­schei­dun­gen ist der Wäh­ler nicht mehr be­tei­ligt, al­so ist er auch – so ist die Lo­gik – nicht zu über­zeu­gen. Die Um­fra­gen zeig­ten zu­letzt, dass rd. 75% der Wäh­ler ge­gen Yp­si­lan­tis Kurs wa­ren. Die Zahl sagt na­tür­lich kaum was, weil nicht klar ist, war­um. Aber sie zeigt: Yp­si­lan­ti hat es nicht ge­schafft, in zehn Mo­na­ten die Not­wen­dig­keit ih­res neu­en Po­li­tik­ent­wurfs zu kom­mu­ni­zie­ren. Und das trootz enor­mer me­dia­ler Prä­senz (Beck­mann, Ker­ner, Ill­ner, was weiss ich). Ent­schei­dend aber ist: Wer­den NACHHER an­de­re Kon­stel­la­tio­nen ruch­bar als vor­her po­stu­liert, dann han­delt es sich um ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on.

    Das se­he ich bei­spiels­wei­se in Bay­ern. Dort wur­de in ei­ner Land­tags­wahl ent­schie­den und Herr Beck­stein als Kan­di­dat der CSU er­hielt rd. 44% der Stim­men. Was pas­siert? Herr See­ho­fer wird Mi­ni­ster­prä­si­dent. Ei­nen grö­sse­ren igno­ran­ten Akt dem Wäh­ler ge­gen­über hat es lan­ge nicht mehr ge­ge­ben. Al­lei­ne: den Pres­se­ver­tre­tern ist das kaum auf­ge­fal­len; auch der Pro­test der SPD fiel eher...zaudernd aus (Herr Ma­get ist so­wie­so ein ganz Bra­ver).

  14. Ge­wis­sen de­fi­niert
    Wenn mein Wis­sen um die Ge­schich­te ei­ner Par­tei mich da­zu an­lei­tet, jeg­li­che Zu­sam­men­ar­beit mit ihr ab­zu­leh­nen, weil die­se Ge­schich­te noch Ge­gen­wart ist, nen­ne ich das »ka­te­go­risch«, aber »sach­lich«. Ge­wis­sens­ent­schei­dun­gen sind, zu­min­dest mei­ner que­ren De­fi­ni­ti­on nach, per se emo­tio­nal. Das zu Ent­schei­den­de be­trifft mei­ne Wert­vor­stel­lun­gen auf so grund­le­gen­derm Fuß, dass ich sie sprach­lich nicht fas­sen kann. Ich bin da­bei ganz auf mich zu­rück­ge­wor­fen. Ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung ist nur mir zu­gäng­lich, und das nur zu Tei­len. Sie hält et­was »Un­sag­ba­res« zu­rück.

    Da­her mei­ne Schwie­rig­keit, die Ent­schei­dung der Vier so zu be­zeich­nen. Weil ich sie nach­vol­zie­hen kann. An­ders wie­der­um stellt sich die Fra­ge ob ihr Schritt für mich zwar ver­ständ­lich, aber in der po­li­ti­schen Rea­li­tät »un­sag­bar« und »un­vor­stell­bar« ist, dass man ihm den Rang ei­ner Ge­wis­sens­ent­schei­dung ein­räumt.

  15. Noch ein­mal: Die Ge­wis­sens­ent­schei­dung liegt nicht dar­in, das Trei­ben der Links­par­tei da­mals und heu­te zu ge­wich­ten. Sie liegt dar­in, dies vor dem Hin­ter­grund bzw. mit der Mög­lich­keit ei­ner an­de­ren (ge­woll­ten) Po­li­tik als pri­mär oder se­kun­där ein­zu­stu­fen.

    Letzt­lich ist es egal, ob es sich um ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung oder um ei­ne ra­tio­na­le Ent­schei­dung han­delt. Ei­ne Ge­wis­sens­ent­schei­dung im­pli­ziert im­mer ei­ne Ab­wä­gung; ei­ne ra­tio­na­le Ent­schei­dung be­darf nicht des Ar­gu­ments, sie steht un­ab­hän­gig da­von.

    Ich ha­be ei­ne ver­mut­lich in­ter­es­san­te Schrift ge­fun­den, die ich aber noch nicht ge­le­sen ha­be: Es ist ei­ne Dok­tor­ar­beit vom April 2008 und heisst schlicht »Das Ge­wis­sen« – pdf 1,74 MB. Sie be­ginnt mit ei­nem Ka­pi­tel über den »Kol­laps des Ge­wis­sens im 20. Jahr­hun­dert«.