Nai­vi­tät, Dumm­heit oder Faul­heit?

Wenn man in den letz­ten Wo­chen die Be­richt­erstat­tung ver­folgt hat, dann kann man nur noch mit dem Kopf schüt­teln. Da ist von ei­ner Kri­se der Au­to­mo­bil­in­du­strie die Re­de, die an­geb­lich al­les bis­her Ge­se­he­ne in den Schat­ten stellt. Ein ähn­li­ches Vo­ka­bu­lar hat­te man zwar im ver­gan­ge­nen Jahr schon an­ge­stimmt – frei­lich aus an­de­ren Grün­den (da­mals war es die Mehr­wert­steu­er­erhö­hung in Deutsch­land). Ein »Re­kord­jahr« war es dann doch ir­gend­wie.

Merk­mal solch alar­mi­sti­scher Pro­sa ist in der Re­gel, dass die Be­stä­ti­gung mit Fak­ten bzw. ei­ne halb­wegs neu­tra­le Ein­ord­nung des Phä­no­mens un­ter­bleibt. Wenn be­haup­tet wird, die Nach­fra­ge nach Au­to­mo­bi­len bre­che dra­stisch ein, bleibt un­be­rück­sich­tigt, auf­grund wel­cher (fal­scher) Pro­gno­sen über die Ab­nah­me die Pro­duk­ti­on be­ruh­te und wel­ches Ni­veau als Ba­sis für den »Ein­bruch« gilt. Tat­säch­lich war man An­fang des Jah­res von ei­nem un­ver­än­der­ten Nach­fra­ge­boom in Eu­ro­pa aus­ge­gan­gen. Das hat zu teil­wei­se aber­wit­zi­gen Über­ka­pa­zi­tä­ten ge­führt.

Das auf­grund der an­ge­spann­ten welt­wirt­schaft­li­chen La­ge die Nach­fra­ge ein­ge­dämmt wird, steht zwar au­sser Zwei­fel, aber war­um selbst se­riö­se Me­di­en die voll­kom­men über­zo­ge­nen Alarm­mel­dun­gen der Au­to­mo­bil­in­du­strie un­re­flek­tiert nach­plap­pern, bleibt rät­sel­haft.

Da wird von der »ge­beu­tel­ten« Au­to­mo­bil­in­du­strie ge­spro­chen, weil Daim­ler En­de Ok­to­ber sei­ne Ge­winn­erwar­tung von 7,7 Mrd. Eu­ro auf 7 Mrd. Eu­ro sen­ken muss. Da­bei wird be­reits an­ge­deu­tet, mit wel­chen bi­lanz­tech­ni­schen Tricks man das Er­geb­nis wei­ter her­un­ter­zu­rech­nen ge­denkt. Der Ab­satz bei Mer­ce­des wer­de des­halb im Ge­samt­jahr auf dem Vor­jah­res­ni­veau ver­har­ren heisst es bei »boerse.ard« – aber was wä­re an ei­nem Ab­satz, der sei­ner­zeit als Re­kord be­zeich­net wur­de, schlimm?

Bei BMW hat­te man schon im Au­gust in die Kla­ge­ge­sän­ge ein­ge­stimmt. Ne­bu­lös heisst es, dass die Um­satz­ren­di­te von 6,7% auf 4% fal­len wer­de; das pro­gno­sti­zier­te Er­geb­nis von 3,78 Mrd. Eu­ro sei nicht zu hal­ten. Je­der der rech­nen kann, ver­mag fest­zu­stel­len, dass BMW trotz­dem weit da­von ent­fernt ist, sub­ven­ti­ons­wür­dig zu sein. Kaum ei­ne Mel­dung ist es den Alar­mi­sten wert, dass VW sei­ne Ge­winn­pro­gno­se nicht zu­rück­ge­nom­men hat (in den er­sten drei Quar­ta­len hat man dort ei­nen Ge­winn von 3,7 Mrd. Eu­ro er­zielt).

Manch­mal weiss man nicht, ob es Nai­vi­tät, Dumm­heit oder ein­fach nur Faul­heit ist, wie Jour­na­li­sten von ei­ner Prü­fung der so wun­der­bar von den Lob­by­ver­bän­den auf­be­rei­te­ten Zah­len ab­hält. Wie kommt die Re­dak­ti­on »Der We­sten« da­zu, die Pro­gno­se, dass 3,2 Mil­lio­nen neue Fahr­zeu­ge ver­kauft wer­den sol­len, als Richt­li­nie für die Be­ur­tei­lung ei­ner Kri­se her­an­zu­zie­hen? War­um wird nicht ge­fragt, nach wel­chen Kri­te­ri­en bzw. in wel­chem ge­samt­wirt­schaft­li­chen Kon­text die­se Pro­gno­se ge­trof­fen wur­de? Und war­um ist es be­reits ei­ne schein­bar exi­sten­zi­el­le Kri­se, wenn die­ses – will­kür­lich fest­ge­legt »Ziel« – mit viel­leicht 3,1 Mil­lio­nen nicht ganz er­reicht wird?

War­um wer­den die The­sen von VDA und VDIK fast im­mer kri­tik- und re­cher­che­los über­nom­men? Se­hen sich Jour­na­li­sten im­mer mehr nur noch als Mul­ti­pli­ka­to­ren der In­for­ma­tio­nen, die sie er­hal­ten? Liegt das even­tu­ell dar­an, dass sie ent­we­der kei­ne Zeit mehr ha­ben, Zah­len und Fak­ten zu re­cher­chie­ren oder ein­fach zu we­nig Ba­sis­wis­sen ha­ben um be­stimm­te Hin­ter­grün­de ent­spre­chend ein­zu­ord­nen?

Die Ge­hirn­wä­sche zeigt der­weil schon er­ste Früch­te: 62% wün­schen sich mehr staat­li­che Ein­grif­fe in die Wirt­schaft und 51% plä­die­ren so­gar da­für, dass sich der Staat ver­stärkt an wich­ti­gen Un­ter­neh­men be­tei­ligt. Wer ge­stern »An­ne Will« ge­se­hen hat, konn­te er­neut die ge­fähr­li­che Leicht­gläu­big­keit et­li­cher Be­tei­lig­ter se­hen. Die dro­hen­de In­sol­venz ei­nes Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rers wur­de (von ei­nem Ar­beit­neh­mer die­ser Fir­ma) zu zwei Drit­teln der Fi­nanz­kri­se zu­ge­schrie­ben und nur zu ei­nem Drit­teln der »Duss­lig­keit« der Ge­schäfts­lei­tung der Fir­ma. Das blieb un­wi­der­spro­chen. Statt selbst zu re­cher­chie­ren, war­um ei­ne Fir­ma, die seit zwei Mo­na­ten ei­nen si­cher­lich schlech­ten Auf­trags­ein­gang hat, in die­ser kur­zen Zeit in­sol­vent ge­hen kann, wer­den Stim­mun­gen und va­ge An­deu­tun­gen als Fak­ten aus­ge­ge­ben und gel­ten als Be­leg, nur da­mit die ei­ge­ne The­se stimmt.

Und was macht die Po­li­tik? Mit der Giess­kan­ne wer­den Eil­ent­schlüs­se zur Sen­kung der Kfz-Steu­er ge­macht um die »ar­me« Au­to­mo­bil­in­du­strie, die bis auf ei­ni­ge Aus­nah­men (wo es zum gro­ssen Teil haus­ge­mach­te Feh­ler han­delt, die zu Schief­la­gen ge­führt ha­ben) noch sehr gu­tes Geld ver­dient, zu un­ter­stüt­zen. Das ist schon schlimm ge­nug. Aber die Dumm­heit und Faul­heit von Jour­na­li­sten, die sich zum wil­li­gen Sprach­rohr ei­ner gan­zen In­du­strie ma­chen – die schreit schon zum Him­mel.

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  1. Die ‘La­fon­tai­ni­sie­rung’ der Wirt­schaft scheint auch oh­ne ‘Die Lin­ke’ zu funk­tio­nie­ren – wo­zu be­darf es da noch ei­ner po­li­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­on?

  2. Nai­vi­tät, Dumm­heit, Faul­heit?
    »...oder ein­fach zu we­nig Ba­sis­wis­sen ha­ben ...«
    DAS trifft’s ex­akt.
    Wie oft liest man in ernst­zu­neh­men­den Blogs Kom­men­ta­re von Leu­ten die sich in ei­ner be­stimm­ten Ma­te­rie aus­ken­nen und trau­rig oder ent­setzt fest­stel­len: Die Jour­nail­le liegt ja völ­lig schief in mei­nem Fach; ist das et­wa in den an­de­ren »Fä­chern« ge­nau­so: in Po­li­tik, Wirt­schaft, Mu­sik, Sport...?
    Ich bin in der Mu­sik­bran­che, und das nicht erst seit ge­stern. Ich kann das für mein Fach be­stä­ti­gen: Jour­na­li­sten ha­ben ein­fach zu we­nig Ba­sis­wis­sen (& schrei­ben ger­ne ab: von Kol­le­gen die eben­falls kei­ne Ah­nung ha­ben, ...oder von der mit­ge­lie­fer­ten Re­kla­me, sor­ry: Pro­mo­ti­on)

  3. Ich ar­bei­te in ei­ner ver­wand­ten Bran­che, in­so­fern ken­ne ich nicht nur die Zah­len in den Zei­tun­gen, son­dern auch die Schät­zun­gen in­ner­halb der Fir­men selbst. Man geht bei den Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rern von 25–50% ver­rin­ger­ter Pro­duk­ti­on im näch­sten Jahr aus. Die­se Zu­lie­fe­rer (Na­men darf ich hier kei­ne nen­nen) pro­du­zie­ren für die ge­sam­te Welt, in­so­fern spie­gelt die Sen­kung von 3,2 auf 3,1 Mil­lio­nen pro­du­zier­ter Au­tos die Dra­ma­tik die­ser Ent­wick­lung nicht mal an­nä­hernd rich­tig dar. Die mei­sten fah­ren jetzt schon nur noch 80% Pro­duk­ti­on, zum Jah­res­en­de ma­chen die er­sten be­reits dicht. In den Fir­men mit den in­tel­li­gen­te­ren Ma­na­gern dür­fen we­nig­stens die Ent­wick­lungs­ab­tei­lun­gen wei­ter ar­bei­ten, ma­chen zum Teil so­gar sat­te Über­stun­den, wäh­ren in den dum­men Fir­men auch die Ent­wick­ler nur noch an­tei­lig ar­bei­ten dür­fen.

  4. Ich be­strei­te ja nicht, dass es Pro­ble­me gibt. Die Dis­kre­panz zwi­schen 25 und 50% ist al­ler­dings sehr hoch. Man muss im Ernst­fall im­mer als Ni­veau an­se­hen, von dem man aus­geht. Ich ha­be auch Kun­den, die für die Au­to­mo­bil­in­du­strie ar­bei­ten und jetzt jam­mern. Ei­ni­ge Leu­te dort ge­ben aber hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand zu, dass man sich zu lan­ge zu sehr auf den ei­nen Ge­schäfts­zweig (Au­to­mo­bi­le) fo­kus­siert hat. Da­bei wa­ren die Ge­winn­mar­gen teil­wei­se ka­ta­stro­phal (aber der Um­satz ste­tig und stei­gend!). Vie­le Zu­lie­fe­rer ha­ben sich auf ei­ne stän­dig stei­gen­de Boom­kon­junk­tur ver­las­sen.

    Im üb­ri­gen wür­de die För­de­rung (Sub­ven­tio­nie­rung) der Au­to­mo­bil­in­du­strie den Zu­lie­fe­rern nur zum Teil hel­fen. Die be­fürch­ten näm­lich wie­der ei­ne Neu­auf­la­ge von so et­was wie dem »Lopez-Ef­fekt«: knall­har­tes Ko­sten­ma­nage­ment.

  5. Die ein­zi­ge sinn­vol­le Re­ge­lung der Bun­des­re­gie­rung war bis jetzt die Kurz­ar­bei­ter­re­ge­lung. Dass sie funk­tio­niert, setzt aber ei­ne aus­nahms­wei­se so­zia­le Ver­ant­wor­tung des Ma­nage­ments der schwä­cheln­den Fir­men vor­aus plus mas­si­ven po­li­ti­schen Druck plus funk­tio­nie­ren­de Ge­werk­schaf­ten. Hin­ter je­den die­ser Punk­te kann man ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen set­zen.

    Ich ha­be am Wo­chen­en­de das Geo Epo­che Heft über New York ge­le­sen. Ein Ar­ti­kel be­schrieb die Ab­läu­fe an der Wall Street 1929. Wenn man nicht wüss­te, dass die­ser Ar­ti­kel VOR den ak­tu­el­len Er­eig­nis­sen ge­schrie­ben wur­de – er be­schreibt bis in die De­tails den Ab­lauf. Na­tür­lich wird es kei­nen 3. Welt­krieg ge­ben, na­tür­lich weiß man heu­te mehr, und es gibt auch ei­ne Men­ge wei­te­rer Un­ter­schie­de. Aber die Par­al­le­len ge­hen bis zum Ak­ti­en­kauf auf Kre­dit, dem ge­gen­sei­ti­gen Ver­wei­gern von Kre­di­ten und dem Gut­s­prech der Po­li­ti­ker.

  6. Zwei Un­ter­schie­de zu 1929
    ...und zwar in der Be­he­bung bzw. den Ver­su­chen der Be­he­bung die­ser Kri­se: 1. Man ar­bei­tet mul­ti­la­te­ral zu­sam­men (auch wenn dann je­der sein ei­ge­nes Süpp­chen kocht, aber man legt we­nig­stens ge­mein­sam die Zu­ta­ten fest) und 2. man macht das Geld nicht knapp wie da­mals, sondern...schreitet ei­gent­lich fort, in dem man ver­sucht, den Geld­kreis­lauf zu er­hal­ten.

    Ein we­sent­li­cher Punkt fehlt noch: Ver­trau­en. Das kann man – ge­ra­de in der Wirt­schaft – eben nicht kau­fen.

  7. Klei­ne Er­gän­zung
    Ein ziem­lich wü­stes In­ter­view zum The­ma »Kri­se der Au­to­mo­bil­in­du­strie« steht hier. Herr Mei­ning, der zwei Mi­ni­ster be­schimpft, führt ernst­haft an, dass die Un­si­cher­heit über die Kfz-Steu­er den Ver­brau­cher da­von ab­hält, neue Au­tos zu kau­fen. Ich er­spa­re mir ei­nen Kom­men­tar da­zu.

    In­ter­es­sant am En­de des In­ter­views die Zah­len über Ge­win­ne 2007 ein­zel­ner Kon­zer­ne.

  8. Nai­vi­tät, Dumm­heit oder Faul­heit – wohl eher In­kom­pe­tenz.
    Den we­nig­sten Jour­na­li­sten ist es wohl ge­gönnt, mit der Ga­be ge­seg­net zu sein, Bi­lan­zen rich­tig le­sen und in­ter­pre­tie­ren zu kön­nen. Statt­des­sen lehrt man in Re­dak­tio­nen und Jour­na­li­sten­schu­len wohl eher me­ta­kri­ti­sche Be­trof­fen­heits­rhe­to­rik.

  9. Aber man soll­te doch we­nig­stens ver­su­chen, sich in Sach­ver­hal­te ein­zu­ar­bei­ten. Man muss kei­ne Bi­lanz le­sen kön­nen, um hin­ter dem Ge­jam­mer ei­ne ziem­lich ge­schick­te PR-Ak­ti­on zu ver­mu­ten.

  10. Aber man macht es sich auch sehr ein­fach, ge­ne­rell al­lem bö­ße PR-Tak­tik zu un­ter­stel­len. Dann braucht man sich nicht mehr ernst­haft mit der wirt­schaft­li­chen La­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen. »Ist ja eh al­les ge­stun­ken und ge­lo­gen – war­um soll­te ich mir da ir­gend­wel­che Kenn­zah­len an­gucken, von de­nen ich ja eh nix ver­ste­he...«

  11. Zu ein­fach? Nö. Ich will nur nicht ver­ste­hen, war­um ein In­du­strie­zweig von Steu­er­gel­dern un­ter­stützt wer­den soll, der jahre‑, wenn nicht jahr­zehn­te­lang fal­sche un­ter­neh­me­ri­sche Zie­le ver­folgt hat, tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen ver­schlief, mit aus­ge­buff­ten Ge­schäfts­me­tho­den den Neu­wa­gen­kauf künst­lich for­cier­te (Lea­sing­mo­dell), da­bei rie­si­ge Ge­win­ne ver­buch­te und jetzt, bei ei­nem ein­zu­kal­ku­lie­ren­den Markt­tief, so­fort evtl. Ver­lu­ste so­zia­li­sie­ren will.

  12. Auch wenn es der Staat dem Selbst­lauf (~dem Markt) über­lässt, wer­den die Ver­lu­ste so­zia­li­siert. Denn die dann ent­las­se­nen Ar­bei­ter er­hal­ten ih­re Ar­beits­lo­sen­gel­der nicht von den Ak­tio­nä­ren, son­dern vom Staat. Wenn der Staat mit sei­nem Geld ver­ant­wort­lich han­deln soll, muss er zwei­er­lei tun:
    – Er muss ab­wä­gen, wel­che Lö­sung ihn lang­fri­stig(!) we­ni­ger Geld ko­stet und
    – er muss sei­nen Fuß in die Tür stel­len und für das ge­ge­be­ne Geld Ent­schei­dungs­rech­te ver­lan­gen.

    Letz­te­res ist sehr wich­tig, denn nur so lässt sich ver­hin­dern, dass, wie z.B. in den USA, Staats­gel­der in Bo­nus­zah­lun­gen für das Ma­nag­ment zweck­ent­frem­det wer­den. Bo­fin­ger mit sei­ner For­de­rung nach ei­ner (zeit­wei­sen) Ver­staat­li­chung von Opel passt ge­nau in die­se Über­le­gun­gen.

    Und un­ab­hän­gig von die­sem kon­kre­ten Fall ist tat­säch­lich zu über­le­gen, wel­che Wirt­schafts­zwei­ge ge­ne­rell in staat­li­cher Hand blei­ben soll­ten, um nicht ei­ne Mehr­heit von Bür­gern zu Gei­seln von Mo­no­po­len zu ma­chen.

    Es gibt ja ei­ne ein­fa­che Re­gel, der man fol­gen kann: Über­all, wo sich ein Mo­no­pol ge­bil­det hat, wird es ver­staat­licht (oder zer­schla­gen). Wo Mo­no­po­le sind, gibt es kei­nen Markt, Mo­no­po­le be­tref­fen die ge­sam­te Ge­sell­schaft, und »ge­sam­te Ge­sell­schaft« be­deu­tet »Staat«.

  13. @Köppnick
    Was im Mo­ment im Rah­men von Opel dis­ku­tiert wird, ist schon lu­stig. Da ist von ei­ner Ver­staat­li­chung die Re­de (Du er­wähnst das). An­de­re glau­ben Be­din­gun­gen stel­len zu kön­nen, dass das Geld dann nicht doch in den USA bei GM ver­sickert.

    Bei­des zeigt ei­ne er­schrecken­de Ah­nungs­lo­sig­keit. Die Adam Opel GmbH ist ei­ne 100% Toch­ter von Ge­ne­ral Mo­tors (was üb­ri­gens der Wirt­schafts­kri­se 1929 ge­schul­det ist). Da es sich um ei­ne GmbH han­delt (seit 2005), ist we­der ei­ne Los­lö­sung oh­ne Zu­stim­mung von GM mög­lich noch ei­ne Ver­staat­li­chung. Letz­te­res höch­stens dann, wenn man GM ent­eig­net, was wohl au­sser Sah­ra Wa­gen­knecht kaum je­mand er­wä­gen dürf­te.

    Ge­nau­so ab­surd ist die For­de­rung, dass das Geld, wel­ches für Bürg­schaf­ten zur Ver­fü­gung ge­stellt wird, nicht bei GM ver­sickern soll. Spä­te­stens wenn es dann ir­gend­wann zu ei­ner Ge­winn­aus­schüt­tung kommt (den GM zu 100% be­an­spru­chen dürf­te), fliesst min­de­stens in­di­rekt Geld zu­rück. Ein Ver­trag mit der Opel GmbH mit ent­spre­chen­dem Pas­sus wä­re un­wirk­sam, weil Opel im Zwei­fel gar nicht be­stim­men kann, was mit sei­nem Geld ge­schieht.

    Na­tür­lich wer­den die Ko­sten bei ei­ner In­sol­venz von Opel auch der All­ge­mein­heit auf­ge­bür­det – in dem es eben So­zi­al­lei­stun­gen gibt. Es be­deu­tet al­ler­dings nicht, dass so­fort al­le Mit­ar­bei­ter von Opel auf der Stra­sse ste­hen. Min­de­stens theo­re­tisch könn­te ein In­ve­stor ge­fun­den wer­den und die Stand­or­te mit klei­ne­rer »Flam­me« wei­ter­ma­chen.

    DIe Dis­kus­sio­nen um ei­ne Bürg­schaft bei Opel er­in­nern fa­tal an die jahr­zehn­te­lan­gen Dis­kus­si­on in Deutsch­land um die Koh­le­sub­ven­tio­nen. Auch hier hat man im­mer mit den po­ten­ti­el­len Ar­beits­lo­sen ar­gu­men­tiert und sinn­los Steu­er­gel­der ver­brannt, statt recht­zei­tig Struk­tur­ver­än­de­run­gen in den Re­gio­nen vor­zu­neh­men. Aus­ge­rech­net die­je­ni­gen, die für ei­ne so­for­ti­ge Be­en­di­gung der Koh­le­sub­ven­tio­nen ein­tre­ten sind nun an vor­der­ster Front, wenn es dar­um geht, Opel zu sub­ven­tio­nie­ren (Rütt­gers). Da­mit tritt man ei­ne La­wi­ne los, denn nach Opel kommt Ford, dann dürf­ten sich die Wett­be­wer­ber von Opel und Ford be­schwe­ren und sei­ner­seits in ih­ren Län­dern Sub­ven­tio­nen er­hal­ten, usw.

    Ins­ge­samt be­trach­tet geht es der Au­to­mo­bil­in­du­strie in Deutsch­land sehr gut – auch wenn es gra­vie­ren­de Ab­satz­pro­ble­me in 2009 ge­ben dürf­te. Aber Un­ter­neh­men wie BMW, Daim­ler oder die VW-Toch­ter Au­di, die jah­re­lang im­mer wei­ter auf Mo­tor­kraft ge­setzt ha­ben und ih­ren Krem­pel jetzt nicht mehr los­wer­den für die­se ver­fehl­te Pro­dukt­po­li­tik noch di­rekt oder in­di­rekt (Kfz-Steu­er) zu be­loh­nen, ist ab­surd.

  14. Ge­stern abend gab es ei­ne Dis­kus­si­ons­run­de zu Opel. Teil­neh­mer wa­ren Bo­fin­ger (ei­ner der Wirt­schafts­wei­sen der Bun­des­re­gie­rung), der die Ver­staat­li­chung vor­ge­schla­gen hat, Brü­der­le von der FDP, Sah­ra Wa­gen­knecht (sic!) und ein IG-Me­tall­mann, der bei Opel ar­bei­tet.

    Au­ßer Herr Brü­der­le, der das üb­li­che FDP-Man­tra her­un­ter­ge­be­tet hat, hat­ten al­le et­was Kon­struk­ti­ves zu sa­gen. Es ging ge­nau um die Punk­te, die du hier an­ge­spro­chen hast. Nach dem Opel­mann ist Opel ein ge­sun­des Un­ter­neh­men, es will kei­ne Kre­di­te vom Staat, son­dern ei­ne Bürg­schaft. Bis­her ka­men die Kre­di­te von GM, was auch die Be­grün­dung für das sat­te Ab­flie­ßen der Ge­win­ne ge­lie­fert hat. Jetzt be­kom­men die Ope­la­ner kein Geld mehr von GM, aber von den Ban­ken auch nicht, u.a. weil die das Ab­flie­ßen ih­rer Gel­der nach GM be­fürch­ten.

    Ge­nau dar­auf zielt Bo­fin­gers Ver­staat­li­chungs­vor­schlag und die Idee des Her­aus­lö­sens aus GM. Bo­fin­ger ist kein Dum­mer, so wie die Sah­ra auch kei­ne Dum­me ist. (Auf letz­te­res brauchst du nicht ein­ge­hen, das ist eben mei­ne per­sön­li­che Mei­nung und un­ser Dis­sens.) Die Ver­staat­li­chung soll­te nach Bo­fin­gers Mei­nung so schnell wie mög­lich rück­gän­gig ge­macht wer­den. Und – Ver­staat­li­chung heißt ja nicht Ent­eig­nung, das wird in vie­len Dis­kus­sio­nen häu­fig gleich­ge­setzt.

  15. Wie kann man denn ei­ne GmbH »ver­staat­li­chen« oh­ne die bis­he­ri­gen Ei­gen­tü­mer ih­rer Rech­te zu »be­rau­ben«? Ei­ne GmbH hat ju­ri­sti­sche und/oder na­tür­li­che Per­so­nen als In­ha­ber. Es gibt ei­nen Ge­sell­schaf­ter­ver­trag, der das re­gelt. Ich ha­be zwei Mal er­lebt, dass Ge­sell­schaf­ter ei­nen an­de­ren Ge­sell­schaf­ter (ein­mal war es ein ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter) los­wer­den woll­ten. Die Ver­trä­ge ga­ben das nicht so ein­fach her. Es ging in bei­den Fäl­len nur, weil die An­tei­le des Ge­sell­schaf­ters von den an­de­ren auf­ge­kauft wur­den. Die Be­stim­mung der Wer­te (an­ders als bei der AG gibt es ja kei­nen Ak­ti­en­wert, an dem man das schnell fest­ma­chen kann) ob­liegt in der Re­gel ei­ner Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft, die sich die Ge­schäfts­ent­wick­lung der letz­ten Jah­re an­schaut und dann ei­ne Emp­feh­lung ab­gibt;: ge­ei­nigt wer­den muss sich dann am Tisch.

    Im FTD-Ar­ti­kel wird ein an­de­rer Wirt­schafts­for­scher zi­tiert, der das Ver­fah­ren so um­reisst: »Auch Udo Lud­wig vom In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung Hal­le (IWH) for­der­te ei­ne Ab­spal­tung Opels vom US-Mut­ter­kon­zern Ge­ne­ral Mo­tors. Der Staat soll­te Opel zu­rück­kau­fen und das Un­ter­neh­men in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft um­wan­deln, sag­te Lud­wig der ‘Thü­rin­ger All­ge­mei­nen’.«

    Die Fol­ge von Bo­fin­gers und Lud­wigs Vor­schlag wä­re, dass GM sich die An­tei­le fürst­lich ent­loh­nen lie­sse – an­dern­falls wür­de man ein­fach ei­ner Über­nah­me nicht zu­stim­men.

    Man kann üb­ri­gens auch nicht Ge­sell­schaf­ter mal für kur­ze Zeit »kalt­stel­len« und dann wie­der ein­set­zen. Ein ent­spre­chen­des Ge­setz (»Lex Opel«) wä­re ga­ran­tiert ver­fas­sungs­wid­rig, weil es die Ver­trags­frei­heit tan­giert.

    Die ein­zi­ge Mög­lich­keit ei­ne Fir­ma so­zu­sa­gen an­zu­eig­nen, wä­re die In­sol­venz. Hier­für gibt es al­ler­dings ein­deu­ti­ge Kri­te­ri­en. Dann wür­de der Staat zum In­sol­venz­ver­wal­ter be­stimmt. Das wä­re aber dann aber erst recht der To­des­stoss.

    Dass Bo­fin­ger kein Dumm­kopf ist, glau­be ich ger­ne. Wenn aber je­mand ei­nen sol­chen ver­ein­fa­chen­den Un­sinn er­zählt, zweif­le ich an sei­ner Kom­pe­tenz.

    Von der Wett­be­werbs­ver­zer­rung mal gar nicht erst zu re­den.

  16. In der be­sag­ten Fern­seh­sen­dung wur­de er­wähnt, dass das In­sol­venz­recht in den USA an­ders aus­sieht als in Deutsch­land. Man kann wohl dort in In­sol­venz ge­hen, wird al­le sei­ne Schul­den los (zum Scha­den der Gläu­bi­ger) und macht da­nach mit dem­sel­ben Ma­nage­ment ein­fach wei­ter. Nach deut­schem Recht geht das nicht. Wenn sich bei uns die Gläu­bi­ger be­dient ha­ben, ist nichts mehr da. Wir soll­ten uns da nicht groß den Kopf zer­bre­chen, wie sich das die Vor­schla­gen­den ge­dacht ha­ben, es wird wohl ju­ri­sti­sche Mög­lich­kei­ten ge­ben.

    Ich den­ke ganz prag­ma­tisch: Wenn die Bun­des­re­gie­rung mit Ent­eig­nung droht und auf der an­de­ren Sei­te die US-Re­gie­rung GM mit Staats­gel­dern ret­tet und die Er­neue­rung der Pro­dukt­pa­let­te mas­siv sub­ven­tio­niert, dann kann man sich si­cher auf ei­nen Preis ei­ni­gen, der dem tat­säch­li­chen Wert von Opel ent­spricht.

    Wett­be­werbs­ver­zer­rung ist für mich kein Ar­gu­ment, was da­ge­gen spricht – es gibt über­all in un­se­rer Ge­sell­schaft kei­ne wirk­li­che Chan­cen­gleich­heit, war­um soll­te man das aus­ge­rech­net jetzt be­rück­sich­ti­gen, wo es über­all brennt? Das Ein­zi­ge, wor­auf mei­ner Mei­nung nach der Staat ach­ten soll­te, ist, dass das zur ver­fü­gung ge­stell­te Geld nicht zu Leu­ten ab­fließt, die ge­nug da­von ha­ben. Und ge­nau das ga­ran­tiert ei­ne Ver­staat­li­chung: Wenn Geld üb­rig bleibt, kas­siert das der Staat wie­der ein.

  17. Es geht mir nicht um das ame­ri­ka­ni­sche Recht oder ame­ri­ka­ni­sche In­sol­venz­recht, es geht um das deut­sche Recht in Be­zug auf ei­ne GmbH.

    Kei­ne deut­sche Re­gie­rung mit nur 5 cent Ver­stand kann mit Ent­eig­nung dro­hen und auf »prag­ma­ti­sche Lö­sun­gen« hof­fen. GM hat heu­te den Ver­kauf ab­ge­lehnt (was nichts hei­ssen muss, son­dern nur den Preis nach oben brin­gen soll). Lei­der funk­tio­niert so­was aber nicht wie im Mo­no­po­ly-Spiel.

    Ich weiss im üb­ri­gen auch nicht, ob der Staat mit sol­chen Auf­ga­ben nicht völ­lig über­for­dert wä­re (wie die Lan­des­ban­ken ja zei­gen).

    Die Wett­be­werbs­ver­zer­rung wird spä­te­stens dann zum Ar­gu­ment, wenn die USA ih­re Au­to­m­bil­in­du­strie mit 25 Mrd. $ un­ter­stüt­zen wer­den (heu­te gab es ei­ne An­hö­rung da­zu). Im üb­ri­gen ha­be ich nicht be­merkt, dass staats­wirt­schaft­lich ge­lenk­te Sy­ste­me wie der Koh­le­berg­bau oder die Land­wirt­schaft nur ei­nen Deut bes­ser funk­tio­nie­ren.

  18. Bei Staats­be­trie­ben gibt es zwei As­pek­te zu be­ach­ten:

    1. Das In­ter­es­se des Ei­gen­tü­mers an ei­nem mög­lichst ef­fi­zi­ent ar­bei­ten­den Be­trieb. Für mit­tel­stän­di­sche Be­trie­be führt das da­zu, dass sie in pri­va­ter Hand (mei­stens) bes­ser funk­tio­nie­ren – weil es hier ei­nen un­mit­tel­ba­ren Durch­griff der Ei­gen­tü­mer auf die Fir­men­lei­tung gibt. Bis zu ei­ner ge­wis­sen Fir­men­grö­ße tum­meln sich auch meh­re­re Fir­men auf dem Markt, so­dass Wett­be­werb funk­tio­niert. Bei sehr gro­ßen Fir­men, die sich in Pri­vat­hand be­fin­den (ge­streu­ter Ak­ti­en­be­sitz), ha­ben die Be­sit­zer kein In­ter­es­se an den Pro­duk­ten, son­dern nur noch am Ge­winn. Zu­dem ver­rin­gert sich im­mer wei­ter der Wett­be­werb, es ent­ste­hen Mo­no­po­le, bei de­nen die we­ni­gen Ei­gen­tü­mer den Rest der Ge­sell­schaft über­vor­tei­len.

    2. Im Staats­be­sitz be­fin­den sich Un­ter­neh­men (Lan­des­ban­ken, Koh­le), bei de­nen es ein *po­li­ti­sches* In­ter­es­se am Er­halt gibt. Die­se Fir­men sind be­reits vor der Ver­staat­li­chung wirt­schaft­lich schlech­ter, bzw. in Pri­vat­be­sitz wür­de es sie über­haupt nicht ge­ben, weil sie ge­gen ei­ne rei­ne Wirt­schafts­lo­gik am Le­ben er­hal­ten wer­den.

    Man muss bei­de As­pek­te im Hin­ter­kopf be­hal­ten, und in je­dem Fall zei­gen sie, dass ein Ver­gleich von Staats­un­ter­neh­men und Pri­vat­fir­men nur nach wirt­schaft­li­chen Ge­sichts­punk­ten nicht sinn­voll ist – es gibt auch an­de­re (po­li­ti­sche, ge­sell­schaft­li­che) As­pek­te da­für und da­ge­gen.

    Der Vor­schlag zur Ver­staat­li­chung kam ja nicht, weil man glaubt, Opel wür­de dann bes­ser pro­du­zie­ren, son­dern weil die Ge­fahr be­steht, dass man aus *wirt­schaft­li­chen* Grün­den Ar­beits­plät­ze ab­baut und da­mit Scha­den an­rich­tet, den *Po­li­tik* und *Ge­sell­schaft* aus­zu­ba­den ha­ben. Spä­te­stens die Ar­beits­lo­sig­keit der Be­tref­fen­den ist ja ei­ne Ver­staat­li­chung der Pro­ble­me.

    Man kann dei­nen As­pekt der »Wett­be­werbs­ver­zer­rung« auch so se­hen: Ist nicht die Ent­las­sung von Mit­ar­bei­tern ei­ne Wett­be­werbs­ver­zer­rung, weil sie die Ko­sten über die dann not­wen­dig er­höh­ten Steu­ern an­de­ren Fir­men zum Vor­teil der ei­ge­nen Fir­ma auf­brummt?

  19. Zu 1. könn­te man sehr viel sa­gen. Prin­zi­pi­ell stimmt das zwar, was Du sagst, al­ler­dings ist es auch so, dass KMUs, die in pri­va­ter Hand sind, im Lau­fe der Zeit häu­fig an ih­ren star­ren Struk­tu­ren schei­tern.

    Mei­ne Er­fah­rung mit pri­vat ge­führ­ten Fir­men sind un­ter­schied­lich. Man glaubt zu­nächst, dass man mit kur­zen Ent­schei­dungs­we­gen fle­xi­bler am Markt agie­ren kann. Das stimmt aber nur dann, wenn die Bret­ter, die beim je­wei­li­gen In­ha­ber (den In­ha­bern) zu boh­ren sind, nicht dicker sind, als in Gross­un­ter­neh­men, wo es mehr um rei­ne Fak­ten geht, wäh­rend in­ha­ber­ge­führ­te KMUs häu­fig emo­tio­na­le Ent­schei­dun­gen tref­fen (oder – noch schlim­mer – Ent­schei­dun­gen aus emo­tio­na­len Grün­den un­ter­las­sen). Aber las­sen wir das.

    2. Der »po­li­ti­sche Er­halt« von Lan­des­ban­ken, Bau­ern (die ent­we­der zu teue­re oder über­flüs­si­ge Pro­duk­te er­zeu­gen) und Koh­le (die zu teu­er ist), kann nur für ge­wis­se Zei­ten Sinn ma­chen. Das hat man im­mer ver­ges­sen. Man hat ge­glaubt, die Koh­le be­fin­de sich nur mo­men­tan in der Kri­se – die Rea­li­tät zeigt aber seit mehr als 30 Jah­ren, dass die­ses »Mo­dell« nicht mehr sinn­voll ist (es sei denn, wann will ei­ne En­ge­rie­aut­ar­kie um tat­säch­lich je­den Preis er­rei­chen).

    Lan­des­ban­ken wa­ren (und sind) ei­gent­lich voll­kom­men über­flüs­sig und zwar seit je. Sie sol­len die Wirt­schaft des je­wei­li­gen (Bundes)Landes för­dern, was an sich schon Un­sinn ist, weil es sich um kei­ne aut­ar­ken Wirt­schafts­räu­me han­delt.

    War­um Un­ter­neh­men, die Pro­duk­te her­stel­len, die nie­mand zu die­sen Prei­sen kau­fen kann und/oder zwangs­wei­se er­hal­ten wer­den, leuch­tet mir nicht ein. Statt sich recht­zei­tig auf Ver­än­de­run­gen ein­zu­rich­ten und ggf. Ni­schen­pro­duk­ti­on zu im­ple­men­tie­ren, wird ein lah­mer Gaul zu To­de ge­rit­ten.

    Es ist ja kei­nes­falls ge­sagt, dass oh­ne staat­li­che Un­ter­stüt­zung die Opel GmbH in­sol­vent wird. Es könn­te sich bei­spiels­wei­se ein Käu­fer fin­den (wo­bei na­tür­lich die Mel­dung von So­lar­world ge­stern ei­ne Lach­num­mer ist), der ei­nen ad­äqua­ten Preis be­zahlt (das will man ver­mut­lich nicht un­be­dingt weil es sich zum Bei­spiel um ei­nen »vor­wit­zi­gen« Chi­ne­sen han­deln könn­te). Oder Opel könn­te per Ge­richts­be­schluss die aus­ste­hen­den Zah­lun­gen von GM ein­kla­gen (zu­ge­ge­ben, das ist arg hy­po­the­tisch, vor al­lem wenn man das hier liest). Selbst ei­ne In­sol­venz der Opel GmbH hat ja nicht zwangs­läu­fig zur Fol­ge, dass ALLE be­schäf­tig­ten ar­beits­los wür­den. An­de­rer­seits hört man doch im­mer, dass In­ge­nieu­re feh­len. Be­trof­fen sind von sol­chen Ar­beits­lo­sig­kei­ten meist (nicht nur) die schle­cher aus­ge­bil­de­ten.

    Wenn die Bun­des­re­gie­rung mit 1 Mrd. Eu­ro für Opel bürgt, kommt mit Si­cher­heit mor­gen Ford (ähn­li­che Pro­ble­ma­tik). Da­nach die Zu­lie­fe­rer der an­de­ren Au­to­mo­bil­kon­zer­ne, die nun fürch­ten, dass ih­re Au­tos auf­grund der Sub­ven­tio­nie­rung der an­de­ren nicht mehr ge­nom­men wer­den. Im üb­ri­gen hal­te ich es im­mer für ex­trem pro­ble­ma­tisch, Gross­un­ter­neh­men zu sub­ven­tio­nie­ren, nur weil sie mit ei­ner ent­spre­chen ho­hen Zahl po­ten­ti­el­ler Ar­beits­lo­ser ar­gu­men­tie­ren kön­nen.

  20. So wie ich es in der Talk­show ver­stan­den hat­te, ist Opel ein ge­sun­des Un­ter­neh­men. Es be­kommt aber von Pri­vat­ban­ken der­zeit kei­ne Kre­di­te, weil die­se Ban­ken Angst ha­ben, dass im Fall ei­ner In­sol­venz von GM die­ses Geld in den USA ver­schwin­det. Die Bürg­schaft der Bun­des­re­gie­rung er­mög­licht es Opel Kre­di­te von Pri­vat­ban­ken auf­zu­neh­men.

    Da dann im Zwei­fels­fall die Bun­des­re­gie­rung für ei­nen Kre­dit­aus­fall ver­ant­wort­lich *wä­re*, wenn GM-USA plei­te geht – nicht Opel-Eu­ro­pa – be­steht sei­tens der Bun­des­re­gie­rung ei­ne Ver­pflich­tung, mit der Re­gie­rung der USA ei­ne Ver­ein­ba­rung zu fin­den, wie das GM-Opel-Pro­blem ge­löst wer­den kann.

    Im markt­wirt­schaft­li­chen Selbst­lauf geht das al­les der­zeit nicht – des­halb in­ter­ve­niert doch über­all Vä­ter­chen Staat – weil man im Li­be­ra­li­sie­rungs­wahn der letz­ten Jah­re sämt­li­che Ge­set­ze be­sei­tigt hat, mit de­nen sich Volks­wirt­schaf­ten vor­ein­an­der schüt­zen kön­nen. Das ist auch der Hin­ter­grund der Ver­staat­li­chungs-Idee: Dem deut­schen Staat kön­nen pri­va­te GM-Gläu­bi­ger kein Geld weg­neh­men, und wenn, dann druckt er ein­fach wel­ches.

  21. Der Li­be­ra­li­sie­rungs­wahn ist po­le­misch. Deutsch­land war (und ist, aber nicht mehr lan­ge) »Ex­port­welt­mei­ster«. Man nicht of­fe­ne Gren­zen für sei­ne ei­ge­nen Pro­duk­te in An­spruch neh­men und gleich­zei­tig Mau­ern auf­zie­hen.

    Dass der Staat die Ban­ken ab­si­chert, ist ei­ne not­wen­di­ge Mass­nah­me (wenn auch übel, denn was pas­siert, wenn tat­säch­lich der Damm bre­chen soll­te). Das aber jetzt in »lu­sti­ger Fol­ge« bald je­der In­du­strie­zweig un­ter dem Män­tel­chen des Staa­tes schlüp­fen möch­te, ist in der Tat be­fremd­lich. Re­gie­run­gen soll­ten sich nicht mit Ar­beits­lo­sen er­pres­sen las­sen. Das ist – zu­ge­ge­be­ner­ma­ssen – in Wahl­jah­ren schwie­rig.

  22. Dass Deutsch­land Ex­port­welt­mei­ster war, ist Teil des Pro­blems, aber das schrieb ich ja be­reits. Denn zum Ex­port­welt­mei­ster Deutsch­land ge­hört der Im­port­welt­mei­ster USA. Wäh­rend die Ame­ri­ka­ner mehr kon­su­mie­ren durf­ten, als sie er­ar­bei­tet hat­ten, ha­ben die Deut­schen we­ni­ger kon­su­miert, als ih­nen ei­gent­lich zu­stand.

    Und auch das mit der Er­pres­sung se­he ich ei­gent­lich an­ders (es fällt in die­sel­be Ka­te­go­rie wie der üb­li­che Po­pu­lis­mus­vor­wurf). Wo­für sind Po­li­ti­ker da? Um die In­ter­es­sen des Vol­kes zu wah­ren. Und Ar­beits­lo­se ge­hö­ren auch zum Volk, und das nicht nur in Wahl­jah­ren. Die Er­pres­sung geht von den pri­va­ten Ei­gen­tü­mer der be­tref­fen­den Fir­men aus, de­nen soll­te man ans Porte­mon­naie, mit al­len zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln.

  23. Na­ja, was sol­len die Deut­schen an­de­res tun, als ih­re Pro­duk­te zu ex­por­tie­ren? An­son­sten ist doch der Bin­nen­markt viel zu klein. Dass die Deut­schen we­ni­ger kon­su­miert ha­ben, hat nichts mit dem seit Jahr­zehn­ten be­stehen­den Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit der USA zu tun, son­dern mit der Be­la­stung ins­be­son­de­re der Mit­tel­schich­ten, die das Geld, was sie üb­rig ha­ben, ge­spart und/oder noch in (teil­wei­se win­di­ge) Bank­pro­duk­te an­ge­legt ha­ben (und jetzt Rotz und Was­ser heu­len). Und ir­gend­wann hat dann auch je­der mal sein Au­to, sei­nen Flach­bild­schirm, usw.

    An­son­sten sind wir wohl sehr weit vom The­ma ab­ge­kom­men. Man kann die Dumm­heit et­li­cher Me­di­en in der Be­richt­erstat­tung über Sub­ven­tio­nen nicht mit Ent­eig­nungs­the­sen be­geg­nen. Und den Un­ter­neh­men an die Geld­bör­se zu ge­hen – das ist ex­akt das Ge­gen­teil des­sen, was man will: Man will sie sub­ven­tio­nie­ren. Bei­des ist gleich un­sin­nig. Was da­bei her­aus­kommt, wenn staat­li­che oder gar mul­ti­staat­li­che En­ti­tä­ten Märk­te re­geln, sieht man wun­der­bar hier.

  24. In­ter­es­san­te Dis­kus­si­on hier, in die ich mich gar nicht ein­mi­schen möch­te, aber zum „Ex­port­welt­mei­ster“ stim­me ich Gre­gor zu: „Was sol­len die Deut­schen an­de­res tun, als ih­re Pro­duk­te zu ex­por­tie­ren? An­son­sten ist doch der Bin­nen­markt viel zu klein.“ Das Pro­blem ist je­doch der Jahr für Jahr be­ju­bel­te Han­dels­bi­lanz­über­schuss und hier ins­be­son­de­re mit den USA. De­ren Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit hat mitt­ler­wei­le astro­no­mi­sche Grö­ßen­ord­nun­gen er­reicht, was ja wohl be­deu­tet, dass die er­ar­bei­te­ten Pro­duk­te aus al­ler Welt in den USA kon­su­miert wer­den, aber aus den USA kei­ne ent­spre­chen­de Ge­gen­lei­stung er­folgt, von grü­nem Pa­pier ein­mal ab­ge­se­hen. Soll­te ir­gend­wann mal je­mand mit die­sen Schei­nen nicht mehr zu­frie­den sein und auf Wa­ren­aus­gleich be­stehen, so kann er ja mal ver­su­chen sei­ne Au­ßen­stän­de ein­zu­trei­ben. Da wird er auf Gra­nit bei­ßen, denn nicht um­sonst ge­ben die USA al­lein in 2008 rund 700 Mil­li­ar­den Dol­lar fürs Mi­li­tär aus.

  25. Das Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit der USA ist seit vie­len Jah­ren schon be­kannt. Em­ma­nu­el Todd hat es 2002 in sei­nem Buch »Welt­macht USA – Ein Nach­ruf« zum An­lass ge­nom­men, die USA schon da­mals für bank­rott zu er­klä­ren. Er er­läu­tert dar­in, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit na­he­zu al­len Län­dern der Welt ne­ga­ti­ve Han­dels­bi­lan­zen ha­ben (auch mit Staa­ten wie der Schweiz oder Ukrai­ne). Dies gilt üb­ri­gens nicht für den Im­port von Roh­stof­fen al­lei­ne, son­dern auch für In­du­strie­er­zeug­nis­se und – zu­neh­mend – auch in Pro­duk­ten, die all­ge­mein der „Spit­zen­tech­no­lo­gie” zu­ge­rech­net wer­den (Com­pu­ter; Bio­tech­no­lo­gie; Luft­fahrt).

    Das hat schwer­wie­gen­de Fol­gen – nicht nur fis­kal­po­li­ti­scher Na­tur (man braucht lau­fend fri­sches Geld, um die Ma­schi­ne am Lau­fen zu hal­ten): Man be­gibt sich in wirt­schaft­li­che Ab­hän­gig­keit von Im­port­pro­duk­ten, ver­liert Pro­duk­ti­ons-Know-How, usw.

    Bei der De­fi­ni­ti­on des Ex­port­welt­mei­sters ist es na­tür­lich wich­tig zu wis­sen, dass die an­de­ren EU-Län­der auch als »Ex­port­na­tio­nen« gel­ten. Der gröss­te Teil un­se­rer Ex­por­te wer­den längst in der EU ab­ge­wickelt (>60%; in die USA gin­gen nur rd. 10% [star­ker Eu­ro!], nach Asi­en ähn­lich viel.)