FAZ-Rhe­to­rik

FAZ-Rhe­to­rik* halt: Die »neue« Hand­ke-Bio­gra­phie »ent­hüllt« (gibt es auch ei­ne al­te, die es ver­schwie­gen hat?), dass Hand­ke »heim­lich« bei R. K. war, als die­ser be­reits per Haft­be­fehl ge­sucht war. Kein Wort da­von, dass die IFOR R. K. nicht ver­folg­te und sich die­ser noch im Fe­bru­ar 1997 zu Wort mel­de­te­te und dro­hen konn­te.

Es fehlt na­tür­lich auch nicht der Hin­weis auf die »pro­ser­bi­schen« Äu­sse­run­gen Hand­kes und die »um­strit­te­ne« Grab­re­de (es wa­ren, wie in der Bio­gra­phie auch er­wähnt wird, üb­ri­gens zwei). Dem On­line-Ar­ti­kel der FAZ ist ein Bild von Hand­kes An­we­sen­heit bei der Be­er­di­gung Mi­loše­vićs bei­gefügt. Es trägt den Un­ter­ti­tel »In en­gem Kon­takt.« Mit wem? Mit ei­nem To­ten? Oder gar mit dem da­mals schon über neun Jah­re un­ter­ge­tauch­ten Ka­ra­džić?

Und na­tür­lich kein Wort da­von, dass der ehe­ma­li­ge Suhr­kamp-Au­tor Nor­bert Gst­rein im »Volltext«-Interview im Au­gust 2008 das schon min­de­stens als Ge­rücht an­ge­spro­chen hat­te. Aber die FAZ-Zen­so­ren schal­ten auch ei­nen dies­be­züg­li­chen Kom­men­tar nicht frei. Zwei Mal ab­ge­setzt – um 20.07 Uhr und 22.29 Uhr. Manch­mal hilft das. Dies­mal nicht. Man will man kei­ne Stö­run­gen.


PS: Der Wort­laut des nicht frei­ge­schal­te­ten Kom­men­tars:

»So ganz neu ist das nicht. In ei­nem In­ter­view mit der Zeit­schrift »Voll­text« deu­te­te der da­ma­li­ge Suhr­kamp-Au­tor Nor­bert Gst­rein dies [schon] im Au­gust 2008 an.«

Das »schon« wur­de im zwei­ten Kom­men­tar­ver­such mei­ner­seits ein­ge­fügt.

Auch der Ver­such ei­nes an­de­ren Le­sers auf den »Volltext«-Artikel hin­zu­wei­sen, blieb bis­her er­folg­los.


* Er­gän­zung, De­zem­ber 2010: Der Ar­ti­kel ist nicht mehr ab­ruf­bar; auch nicht im ko­sten­pflich­ti­gen On­line-Ar­chiv der FAZ.

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich fin­de nach wie vor, dass das ei­ne selt­sa­me Art ist, sein Haus­her­ren­recht aus­zu­üben. Ei­ner Zei­tung un­wür­dig. Und dem, was sich Jour­na­lis­mus nennt, auch.

    Mal ab­ge­se­hen da­von, dass sich mei­ne Ein­stel­lung zu Zei­tungs­kom­men­ta­ren mitt­ler­wei­le ge­än­dert hat, siehst Du es noch im­mer wie »da­mals«?

  2. Ei­ne ein­deu­ti­ge Ant­wort:
    Jein.

    Ich ha­be nichts ge­gen Lö­schun­gen bzw. dem Nicht­ver­öf­fent­li­chen von Kom­men­ta­ren, wenn sie be­lei­di­gend sind oder an­de­re (Straf-)Tatbestände er­fül­len. Das ist kei­ne Zen­sur. (Im üb­ri­gen hal­te ich es auch so.) Und auch die in der deut­schen Blog­ger­sze­ne hit­zig dis­ku­tier­te »Konstantin«-Affäre bei Nig­ge­mei­er se­he ich dif­fe­ren­zier­ter (ich hät­te die zahl­lo­sen an­ony­men, mit sich sel­ber dis­ku­tie­ren­de Kom­men­ta­re ein­fach ent­fernt.)

    Hier liegt die Sa­che an­ders – und das sa­ge ich nicht, weil es mich bzw. mei­nen Kom­men­tar be­trifft (die an­de­ren be­kommt man ja nicht mit). Hier wird ein nicht op­por­tu­ner Kom­men­tar un­ter­drückt. Wie­so man dann über­haupt die Mög­lich­keit des Kom­men­tie­rens an­bie­tet, er­schließt sich mir nicht. Das hal­te ich in der Tat für un­wür­dig.

  3. Mit ei­nem Kom­men­tar ha­be ich ae­hn­li­che Er­fah­rung ge­macht. Er war viel­leicht auch nicht mehr ganz sach­lich,.. aber im Nach­hin­ein war ich bei­na­he froh, weil mir vor­her nicht klar war, dass die an­de­ren In­for­ma­tio­nen, die man beim Ein­log­gen mit ein­gibt, eben­falls an­ge­zeigt wer­den, so dass dort bei­na­he mein Klar­na­me ge­stan­den ha­et­te (wo­mit wir auch fast bei der »Konstantin«-Affaere wae­ren, de­ren Auf­bau­schung zum Skan­dal ich ein biss­chen be­frem­det von der Sei­te be­trach­te – auch bei­na­he so ei­ne FAZ-»Kampagne«? Je­den­falls scheint mir da schon zu­viel »Po­li­tik« bei­gemengt...)

    ..Aber dass sie die­ser Ge­schich­te nicht mue­de wer­den. Ich ha­be schon nach dem An­riss in der Ar­ti­kelu­e­ber­sicht ab­ge­schal­tet, dach­te nur: »Aha, jetzt kommt wie­der die­ser Mist. ‘Neue En­thu­el­lung’, sind wir jetzt im Edel-Bou­le­vard?«
    (Ge­ra­de auch in Zu­sam­men­hang mit Ih­rem Kom­men­tar, denn das »Neue« ist nicht ein­mal neu und nur ge­eig­net die­se al­te, ran­zi­ge Fass mal wie­der auf­zu­ma­chen – wi­der­lich)

  4. @Phorkyas
    Wo­bei zu klä­ren ist: Das »ran­zi­ge« Fass macht die FAZ auf. Die Bio­gra­phie von Her­wig ist über­haupt nicht sen­sa­tio­na­li­stisch, auch wenn dies jetzt den An­schein hat. Von al­len Neu­ig­kei­ten, die der Bio­graph prä­sen­tiert, pickt man sich die­se Pseu­do-Neu­ig­keit na­tür­lich ger­ne her­aus.

    Zum Kom­men­tie­ren bei der FAZ: Tat­säch­lich hät­te ich da­mals auch fast den feh­ler ge­macht, mei­nen Or­gi­nal­na­men MIT an­zu­ge­ben. Der er­scheint näm­lich dann zu­sätz­lich zum Pseud­onym. Dar­auf wird (wur­de?) m. W. beim ein­log­gen nicht hin­ge­wie­sen. Wenn Sie aber bei­de Ma­le Ihr Pseud­onym an­ge­ben, müss­te es ge­hen.

  5. Ich ha­be nichts ge­gen Lö­schun­gen bzw. dem Nicht­ver­öf­fent­li­chen von Kom­men­ta­ren, wenn sie be­lei­di­gend sind oder an­de­re (Straf-)Tatbestände er­fül­len. Das ist kei­ne Zen­sur. (Im üb­ri­gen hal­te ich es auch so.) Und auch die in der deut­schen Blog­ger­sze­ne hit­zig dis­ku­tier­te »Konstantin«-Affäre bei Nig­ge­mei­er se­he ich dif­fe­ren­zier­ter

    Ich auch nicht. Das lässt sich ja gut be­grün­den. An­son­sten: d’accord. Die »Konstantin«-Affäre ha­be ich an­schei­nend ver­schla­fen.

  6. Aber sind nicht auch Schrill­hei­ten oft höchst auf­schluss­reich?
    (Mal ab­ge­se­hen von ih­rem Un­ter­hal­tungs­wert... falls es ei­nen gibt.)

    Ich mei­ne kein Ge­pö­be­le und of­fen­sicht­li­che Doof­heit. Aber ei­ne Bloß­stel­lung kann an sich ei­ne Nach­richt sein, zu­min­dest irhe Er­hel­lung aus un­er­war­te­ter Rich­tung. (In­so­fern so­gar ei­ne »In­for­ma­ti­on«: Der Un­ter­schied, der ei­nen Un­ter­schied aus­macht.)

    Und die be­sag­te Af­fäi­re in ih­rer Bi­zar­re­rie sagt ei­nem doch auch et­was... hat jetzt ei­ni­ges ins Rol­len ge­bracht. Ist sie al­so nicht auch wert do­ku­men­tiert ste­hen zu blei­ben?

     

  7. @en-passant
    Muss denn wirk­lich al­les an die Öf­fent­lich­keit ge­zerrt wer­den? Hät­te es nicht ge­reicht, Herrn Kon­stan­tin bei­sei­te zu neh­men und ihn per­sön­lich an­zu­spre­chen (nicht nur per Mail oder Te­le­fon)? Wenn das nichts ge­bracht hät­te, dann könn­te man ja im­mer noch nach au­ßen? Oder ist das schon »Er­pres­sung« oder »Nö­ti­gung«? Muss ein Jour­na­list im­mer al­les ver­wer­ten, was er weiss? Und vor al­lem: Wo ist da sein Maß­stab? Ich bin da im Zwei­fel.

  8. Aber wie­so denn »al­les«?
    So Vie­les, was viel­leicht viel be­zeich­nen­der wä­re als die Üb­lich­kei­ten dringt ja doch nie durch. (Wer war der Mensch bei Suhr­kamp?)

    Und Nig­ge­mei­er hat es sich doch ge­nug über­legt – und es ist ei­ne Be­son­der­heit, die be­rich­tet ge­hört – und sie hat so­gar Kon­se­quenz auf die Me­di­en­land­schaft (wenn auch viel­leicht lach­haf­te). Al­so hat es »Re­le­vanz«.

    Kann sein, dass die Bou­le­var­di­sie­rung von al­lem und je­dem für den ei­nen oder an­de­ren Ge­schmack längst ih­rer­seits lä­sti­ge Üb­lich­kei­ten schafft, aber oh­ne sol­che Un­ter­hal­tungs­scho­ten wä­re die teils po­panzhaf­te Ernst­haf­tig­keit des Feuil­le­tons oft doch gar nicht aus­zu­hal­ten. Man schüt­tel­te auch so ge­nug den Kopf!

     

  9. @en-passant
    Das ist auch ei­ne Fra­ge der Quan­ti­tät: Ein Dis­kurs, ein Ge­spräch, ei­ne Er­ör­te­rung brau­chen auch et­was wie Ord­nung. Grund­sätz­lich sind Schrill­hei­ten nichts Fal­sches, oder Schlech­tes, sie sind so­zu­sa­gen an­ders. Aber wenn sie nicht mehr in­te­griert wer­den kön­nen, weil sie (in der Mas­se) zer­stö­re­risch wir­ken, muss man sie ban­nen, wenn man den Dis­kurs auf­recht er­hal­ten will.

  10. @en-passant
    Hat er es wirk­lich über­legt? Ich weiss es nicht. Wie lan­ge hat er von der Kon­takt­auf­nah­me mit Du­Mont bis zur Ver­öf­fent­li­chung ge­war­tet? Wie­vie­le Spam-Kom­men­ta­re gab es da­nach?

    Nicht, dass mich das in­ter­es­siert. Oder nur so­weit, als ich nicht in ei­nen Hype hin­ein­ge­linkt wer­den möch­te. Nig­ge­mei­er war – be­rech­tig­ter­wei­se – sau­er. Hat er da­bei Stan­dards ver­letzt, die er sel­ber in »neu­tra­le­ren The­men« bei an­de­ren ein­for­dert? Auch das wiss ich nicht. Aber ich muss es wis­sen, so­fern ich mich da­mit be­schäf­ti­ge. Aber ge­nau das will ich viel­leicht nicht.

    Wenn aber schon Leu­te, de­nen man frü­her ein­mal fast im­mer ei­nen Ver­trau­ens­vor­schuss ge­ge­ben hat, der­art be­äugt wer­den – was gilt dann über­haupt noch? Vor al­lem: Was gilt in die­ser Er­re­gungs­ge­sell­schaft (Slo­ter­di­jk) noch? Wird nicht längst al­les skan­da­li­siert, um über­haupt noch vor­han­den zu sein? Die Blog­go­sphä­re ist ja dem­entspre­chend kon­di­tio­niert: Da geht oh­ne Skan­da­lon und Hy­ste­rier­he­to­rik ja nichts mehr. Und wenn Herr Herbst kei­ne gu­ten Zu­griffs­zah­len mehr hat, macht er ei­nen ver­däch­ti­gen Spruch (ras­si­stisch oder se­xi­stisch – wenn’s geht bei­des), schreibt sich selbst ei­nen »Anti-Herbst«-Kommentar und die Ma­schi­ne be­ginnt zu lau­fen.

    Ist DAS nicht tat­säch­lich de­ka­dent?

  11. D’accord: Zur De­ka­denz! Das ist so!
    Aber es scheint doch auch so zu sein, dass die Spiel­re­geln eben zum Sy­stem sel­ber ge­hö­ren. Und die lernt man üb­ri­gens auch, wenn man dar­in wie ich fast kaum vor­kommt – von da­her könn­te auch ich mir ho­he Stan­dards ab­ver­lan­gen. Tue ich aber nicht.

    Mir scheint aber auch das Be­wusst­sein der Ab­sur­di­tät vie­ler Din­ge zu ih­rer Be­wäl­ti­gung zu hö­ren. So­gar die FAZ hat ja ih­re »Nach­rich­ten von der Pro­mi­nenz«. Das scheint ei­ne Art Be­gleit­mu­sik, ein bun­tes Pro­gramm, das an­schei­nend zur Grund­ver­sor­gung ge­hört, nach / mit de­ren Ge­nuss man sich dann wie­der leich­ter den müh­se­li­ge­ren Din­gen zu­wen­den kann.

    Und da­zu ha­ben die­se bun­ten Ab­sur­di­tä­ten eben doch ge­wis­se auf­klä­re­ri­sche Ef­fek­te. Die schmut­zi­ge Wä­sche der mei­sten Leu­te wür­de mich auch nicht in­ter­es­sie­ren und ich per­sön­lich be­trach­te »Pro­mi­nen­te« als ei­ne Art neu­mo­di­sche Pest. Aber ih­rer pro­mi­nen­ten Be­hand­lung, wenn ich Me­di­en kon­su­mie­re, ent­kom­me ich eben auch nicht. Da fin­de ich es – und sei es aus mei­nen klein­li­chen Grün­den – in­ter­es­sant, wenn / wie / war­um sich ei­ner von ih­nen den Hals bricht: Es ist so­zu­sa­gen ent­lar­vend auch für die Um­stän­de, in de­nen al­le agie­ren. Der mo­der­ne Idio­tis­mus, wenn man durch die di­ver­sen Ka­nä­le zappt (und ich mei­ne hier nicht nur TV) sagt et­was über uns aus, al­le ler­nen letzt­lich auch da­von. Das Ab­sur­de ge­hört da­zu.

     

  12. Die mo­der­nen Gla­dia­to­ren
    Das Me­di­en­spek­ta­kel um Pro­mi­nenz (aber auch um Po­li­tik, Wirt­schaft, Sport und Feuil­le­ton) ver­kommt doch im­mer mehr zum Durch­wüh­len von Müll­ton­nen, in de­nen man hofft, ein In­diz oder gar ei­nen Be­weis für et­was zu fin­den, die Per­son, Par­tei, Fir­ma, Stil­rich­tung, usw. des­avou­ie­ren könn­te.

    Nichts ge­gen das Auf­klä­re­ri­sche und Ent­decke­ri­sche – aber letzt­lich geht es nur noch um Af­fek­te. Blogs im be­son­de­ren und das In­ter­net im all­ge­mei­nen ha­ben die­se Af­fekt­kom­mu­ni­ka­ti­on noch be­för­dert. Wer nicht lau­ter schreit, wird nicht mehr wahr­ge­nom­men, weil al­le in­zwi­schen laut schrei­en. Öf­fent­lich­keit wird ir­gend­wann nur noch über den Skan­dal her­ge­stellt bzw. das, was zum Skan­dal ge­hört. Die Pro­mi­nen­ten (und Pseu­do-Pro­mi­nen­ten), die sich vor­her für ei­ne ge­wis­se Zeit auf den Son­nen­decks aa­len durf­ten, sind die mo­der­nen Gla­dia­to­ren, die, wenn sie lang­wei­lig zu wer­den dro­hen, in der me­dia­len Are­na den a prio­ri aus­sichts­lo­sen Kampf um ih­re Re­pu­ta­ti­on aus­fech­ten dür­fen. Da sind üb­ri­gens al­le gleich. »Bild« wie »FAZ«.

  13. Der Kampf um Auf­merk­sam­keit ist schon ei­ne fast pa­ra­do­xe Per­ver­tie­rung (der Habermas’schen Idee) des Ver­han­delns in der Öf­fent­lich­keit.

    Es wä­re in­ter­es­sant zu wis­sen, ob Tei­le von Sar­ra­zins Buch ge­nau die­ser Pro­ble­ma­tik ge­schul­det sind.

  14. @Metepsilonema – OT
    Zu Sar­ra­zin wer­de ich viel­leicht noch Be­mer­kun­gen schrei­ben, wo­bei das Buch al­lei­ne durch die me­dia­le Ver­ar­bei­tung fast un­rett­bar kon­ta­mi­niert scheint. Nur so­viel (und voll­kom­men »off to­pic«): Die Per­ver­tie­rung des öf­fent­li­chen Dis­kurs­rau­mes wurde/wird im Fal­le Sar­ra­zin min­de­stens von bei­den Sei­ten be­trie­ben. Das ge­ra­de macht(e) es ja so schwie­rig, sich dem ei­gent­li­chen The­ma dann zu wid­men. Die Fra­ge ist nur, in­wie­fern es die­ser Form des me­dia­len Han­delns be­darf um über­haupt noch ge­hört zu wer­den...

  15. Ich woll­te Sar­ra­zin nicht al­lei­ne für die Aus­wüch­se ver­ant­wort­lich ma­chen, wo­bei er na­tür­lich weiß wie man sich Ge­hör ver­schafft.

    [Ich wer­de üb­ri­gens et­was län­ger brau­chen, mir ist noch et­was da­zwi­schen ge­kom­men...]

  16. ...Aber auf der an­de­ren Sei­te ist Öf­fent­lich­keit, das was der Fall ist? Denn auch in die­ser Kom­men­tar­spal­te be­fas­sen wir uns mit den Din­gen über die ge­ra­de al­le re­den, – Ne­ven Du Mont, Sar­ra­zin – als ei­ne Art An­ker­punkt wird zwi­schen die­sen Fäl­len hin- und her­ge­zappt.
    (Das könn­te jetzt wie Kri­tik klin­gen,.. aber viel­leicht ist es nur na­he an dem Per­vers-voye­ri­sti­schem, Dia­lek­ti­schem das »Öf­fent­lich­keit« so mit sich bringt: selbst wenn man die Gla­dia­to­ren­spie­le ab­lehnt und Kri­tik üben möch­te, muss man sie doch erst ein­mal kon­su­mie­ren.. und dann ist es ver­mut­lich auch psy­cho­lo­gisch tief ver­an­kert, sich für das zu in­ter­es­sie­ren, für das sich al­le in­ter­es­sie­ren, muss man im­mer »da­bei« sein.. wie die Köl­ner..)

    @Keuschnig: »ran­zi­ge« Fass, die ei­ge­ne Me­ta­pher ge­fällt mir noch nicht so, und Sie ha­ben voll­kom­men recht, dass ich es der FAZ ein­deu­ti­ger hät­te zu­wei­sen sol­len... Mitt­ler­wei­le be­tei­ligt sich Herr Ass­heu­er von der Zeit ja auch. – bei dem ich im­mer noch an sei­ne Ein­las­sun­gen zu der Slo­ter­di­jk-Ha­ber­mas-De­bat­te den­ken muss, da war er wohl ge­wis­ser­ma­ßen ei­ner der Chef­an­klä­ger... Amü­sant, dass dann in den Kom­men­ta­ren end­lich auch Goodwin´s Law be­folgt wird (lag bei Ge­no­zid ja auch na­he), denn das Na­zi-Fe­tisch-Ta­bu scheint doch Hin­ter­grund­mo­tiv für bei­na­he all die Skan­dal­de­bat­ten (Slo­ter­di­jk, Kun­kel, Sar­ra­zin)..

  17. @Phorkyas
    Man kann Kri­tik auch igno­rie­ren. Ich glau­be ja, dass dies IN Blogs durch­aus auch ge­schieht, in dem sie aus­ge­blen­det wird. In­so­fern sind die so­ge­nann­ten »neu­en Me­di­en« kaum ei­ne be­rei­che­rung – man bleibt auch ger­ne un­ter sich. Zu­mal Kri­tik üben ei­ne Kunst ist.

    Ass­heu­ers Re­plik ist von ei­ner un­ter­ir­di­schen Nie­der­tracht. Er und sei­ne Epi­go­nen be­we­gen sich auf dem Dis­kus­si­ons-Ni­veau von Jam­mer­ge­stal­ten wie Seibt und Pe­ter Schnei­der von 1996. En pas­sant soll auch noch der Suhr­kamp-Ver­lag »ver­nich­tet« wer­den. Der passt ei­nem ja nicht. Ass­heu­er stel­le ich mir im­mer wie ei­nen sta­li­ni­sti­schen Kul­tur­funk­tio­när vor. Er weiss über Jour­na­lis­mus, über Fra­gen, über Neu­gier nichts. Die kennt er nicht, weil er mit der rich­ti­gen Mei­nung im Mund ge­bo­ren wur­de. Aber Ass­heu­er ist auch ein Spie­gel­bild ei­ner schon län­ger da­hin­dar­ben­den Kul­tur­ein­rich­tung, der ZEIT.

  18. Her­me­tis­mus?
    Über die Igno­ranz oder prak­ti­zier­te Mei­nungs­ho­heit der Zeitung(en) kein Wort. (Und der Be­hand­lung von par­ti­zi­pa­to­ri­schen An­sprü­chen der doch mut­maß­lich wich­tig zu neh­men­den Le­ser­ge­mein­de. Aber es ist hier viel­leicht ein biss­chen wie mit der De­mo­kra­tie: Wäh­len al­le vier Jah­re ja, aber die Leu­te wirk­li­chen Ein­fluss auf Ent­schei­dun­gen neh­men las­sen...)

    Aber als ich die­se Ge­schich­te da­mals in Voll­text las, fing auch bei mir ein lei­ser Zwei­fel über Hand­ke an sich zu re­gen. Sei­ne per­sön­li­che Hal­tung, sei­ne „Po­si­ti­on“, sein Ab­weich­ler­tum ge­gen­über der ja tat­säch­lich fast gleich­ge­schal­te­ten Welt­pres­se sei­ner­zeit und teils bis heu­te leuch­te­ten mir ein. Ich könn­te so­gar noch nach­zu­voll­zie­hen ver­su­chen, wie­so er sich mit der – er­kenn­bar po­li­ti­schen Fin­ster­ge­stalt Mi­lo­se­vic ein­ließ, der die im­mer­hin „rea­le“ Füh­rer­schaft in­ne­hat­te (wenn auch aus wie­der­um in sich eher zwei­fel­haf­ten Um­stän­den – da­zu ein na­tio­na­li­sti­scher Dem­ago­ge).

    Aber dass sei­ne, Hand­kes – für mich erst mal oh­ne wei­te­res so zu le­gi­ti­mie­ren­de – „poe­ti­sche“ Hal­tung, näm­lich nach dem An­ders­spre­chen­den der kom­pli­zier­ter als be­rich­te­ten Um­stän­de zu su­chen, ei­ne Be­geg­nung auch mit ei­nem sol­chen wirk­li­chen Ver­bre­cher er­laub­te (im Sin­ne nicht nur des Völ­ker­rechts, son­dern auch je­der son­sti­gen ihm zu un­ter­stel­len­den Ver­ant­wort [so­gar ei­ge­ne Hand­greif­lich­kei­ten ge­gen­über Ge­fan­ge­nen wur­den da­mals über „Arzt“ Ka­rad­zic kol­por­tiert]), das ist schon et­was an­de­res.

    Na­tür­lich ist Hand­ke kein Po­li­ti­ker und hat sich in dem Sin­ne nicht zu recht­fer­ti­gen. Aber eben in ei­ner Per­spek­ti­ve sei­ner In­tel­li­genz, ei­ner von mir wie­der­um „poe­ti­schen“, ist das, wenn es denn so stimmt, ei­ne Sa­che, die man auch als „Sym­pa­thi­sant“ (al­so ich) nicht so ein­fach weg­steckt, und ger­ne aus er­ste Hand auch ein­mal er­klärt oder „in­ter­pre­tiert“ er­hal­ten wür­de.

    Was man dann ver­lan­gen kann, wie mit so et­was in der öf­fent­li­chen Be­hand­lung ver­fah­ren wird, ist ei­ne Sa­che. Die an­dau­ern­de Un­er­klär­lich­keit des Dich­ters ist ei­ne an­de­re.

    Sol­cher­art „Her­me­tis­mus“ je­den­falls – wenn sich ihn schon die be­sag­te Zei­tung her­aus­nimmt – passt nach mei­nem Ver­ständ­nis zu Pe­ter Hand­ke nicht.

     

    [EDIT: 2010-10-29 13:23]

  19. Kann es nicht sein, dass die Neu­gier grö­sser sein kann als die Ab­scheu? Schon in der »Win­ter­li­chen Rei­se« weist Hand­ke auf die Zu­ord­nun­gen zu R. K. hin, der, eben weil er als »Kriegs­ver­bre­cher« (als sei der Krieg kein Ver­bre­chen an sich) gilt/galt, auch kei­ne gu­ten Ge­dich­te ge­schrei­ben ha­ben durf­te. Ob­wohl die – na­tür­lich! – nie­mand ge­le­sen hat­te. Auch Hit­lers Bil­der brauch­te man nicht ge­se­hen zu ha­ben, um sie als schlecht zu qua­li­fi­zie­ren, oder?

    Her­wig weist ja auf die Li­ste von Ver­miss­ten hin, die Hand­ke von zwei Freun­den aus Salz­burg be­kom­men hat­te. Und der Bio­graph hat ja so­gar R. K. be­fragt, um die In­for­ma­ti­on aus dem Ge­fäng­nis zu be­kom­men, Hand­ke ha­be »har­te und boh­ren­de Fra­gen« ge­stellt.

    Ehr­lich ge­sagt kann ich den Be­such in Pa­le eher nach­voll­zie­hen als bei der Be­er­di­gung von S. M. Dort hat sich Hand­ke – so Her­wig – auch teil­wei­se sehr un­wohl ge­fühlt, so mar­tia­lisch die Re­den dort ge­we­sen wa­ren (und zu­min­dest ge­klun­gen hat­ten).

    (Und dann, in punk­to FAZ: Wie war das noch auf der Par­ty von Fest, die reich-Ra­nicki so ein­dring­lich be­schreibt, als Al­bert Speer dort als Eh­ren­gast lo­gier­te? Kein Ver­gleich? Ver­jäh­ren »Kriegs­ver­bre­chen«?)

    [EDIT: 2010-10-29 13:33]

  20. »Neu­gier grö­ßer als Ab­scheu«?
    Ich weiß es nicht. Aber für je­man­den wie Hand­ke, der schon der­art lan­ge aus sich schöp­fen kann, leuch­te­te mir das nicht ein.

    Gut, die »Zu­ord­nun­gen« zu Ka­rad­zic kann­te ich nicht. Das fol­gen­de Bild aber fin­de ich et­was schief (oder ich ver­ste­he die Ziel­rich­tung des Ge­dan­kens nicht): An Ka­rad­zics Ge­dich­te oder Hit­lers Ge­mäl­de denkt man wohl kaum, um die­se Per­so­nen zu qua­li­fi­zie­ren oder gar in ei­ner der Di­men­sio­nen ih­rer Wir­kun­gen zu er­fas­sen.

    Ich über­le­ge viel mehr – aber das ist nur ein Ge­fühl, und ich ha­be so kurz­fri­stig kei­nen (de­tal­liert aus­zu­füh­ren­den) Be­leg da­für au­ßer die­ser Emp­fin­dung -, ob P.H. sich da sel­ber (schließ­lich) ein zu gro­ßes Sen­dungs­be­wusst­sein für sei­ne Sa­che an­ge­maßt hat, her­aus der sei­ner­zeit (auch aus der Em­pö­rung der Be­hand­lung der Sa­che) so emp­fun­de­nen Be­trof­fen­heit. (Sie ha­ben ja sel­ber mehr­mals die di­ver­sen tief­rei­chen­den Sub­tex­te in Be­zug auf das qua­si-uto­pi­sche Ju­go­sla­wi­en bei H. be­han­delt.) Und wie­so soll­te auch er sich nicht ein­mal ver­ren­nen dür­fen?

    Ich will jetzt nicht dar­auf hin­aus, für den et­was »le­bens­fer­nen« Poe­ten ir­gend­ei­ne dümm­li­che Nach­sicht her­aus­zu­schla­gen: Im Ge­gen­teil, man wür­de P.H. rund­um min­dern, wenn man ihm auch sei­ne Ver­ant­wort­lich­keit näh­me. Dass aber je­der Schritt des mut­maß­lich in­tel­lek­tu­el­len Kop­fes im­mer gut über­legt sei (und nicht viel­mehr oft nach­träg­lich um­ständ­lich be­grün­det), glaubt man ja auch nicht mehr.

    Sein Pro­blem bleibt nur, da er ein­mal die Stim­me er­ho­ben hat, dass er in der Me­di­en-Fal­le ge­ra­ten ist; dass ihm nun An­wor­ten zu­flie­gen (un­sach­ge­rech­te Kom­men­ta­re, Dumm­hei­ten, bös­wil­li­ges Miss­ver­ste­hen...) – und er sich auf die Art und Wei­se wie Me­di­en ar­gu­men­tie­ren (zu­spit­zen, ver­ein­fa­chen, aus­blen­den...) nicht recht ein­stel­len kann. (Oder das auch gar nicht will und sich ver­wei­gert – aber eben da­durch ant­wort­los bleibt.)

    Das ist der ei­ne Bruch, der die asyn­chro­ne Welt »öf­fent­li­cher« Wahr­neh­mung be­stimmt, ob er will oder nicht. (Man weiß ja, die­se Zei­tungs­frit­zen mit ih­rer tag­täg­li­chen Auf­la­ge sind am län­ge­ren He­bel.)

    Der an­de­re Bruch blie­be dann tat­säch­lich, sol­chen »Un­ge­heu­er­lich­kei­ten« per se die Spit­ze zu neh­men und sich be­wusst zu sein, dass da­mit bei vie­len ei­ne Gren­ze über­schrit­ten wird. (Ich re­de nicht von mir – ich zäh­le ja nicht ein­mal als [wohl zu se­lek­ti­ver] Le­ser.)

    Sich in solch ei­ner Cau­sa zu er­klä­ren aber (nach­dem man es ge­dul­dig auch sonst ja schon lei­ste­te), wä­re viel­leicht doch gut. Da ei­nen Schluss­punkt zu set­zen, auch als Au­tor – so emp­fin­de ich es -, das ist ihm aus der Hand ge­nom­men wor­den.

     
    [EDIT: 2010-10-29 14:08]

  21. Nein, an die Ge­dich­te (oder die Bil­der) denkt man nicht. Aber man zieht sie als zu­sätz­li­che In­di­zi­en für die Be­wer­tung der Ta­ten der Per­so­nen her­an. Nie­mand kä­me bspw. auf die Idee R. K. den Li­te­ra­tur­no­bel­preis für sei­ne Ge­dich­te zu ge­ben – auch wenn sie – theo­re­tisch ge­spro­chen – no­bel­preis­wür­dig wä­ren. Al­lei­ne durch die Un­ta­ten die­ses Men­schen (oder die Un­ta­ten, die ihm zur Last ge­legt wer­den), ist al­les was die­ser Mensch ge­tan hat, gleich mit dis­kre­di­tiert.

    Al­ler­höch­stens ist noch ei­ne Deu­tung »ge­stat­tet«, wie sie vor zwei Jah­ren an­läß­lich der Ver­haf­tung von K. Zi­zek vor­ge­nom­men hat­te. Die muss dann al­ler­dings tun­lichst in die »rich­ti­ge Rich­tung« ge­hen.

    Und na­tür­lich spiel­te da der Trotz Hand­kes ei­ne gra­vie­ren­de Rol­le; 1996 wie 2006. Wie üb­ri­gens auch 1999, als er – voll­kom­men ko­se­quent – den Büch­ner-Preis zu­rück­gab (und auch das Geld).

    Wo­bei im ak­tu­el­len Fall die »Ent­hül­lung« nun nach 14 Jah­ren eher da­ge­gen spä­che. Es wä­re dem­zu­fol­ge kein öf­fent­li­cher Trotz ge­we­sen, son­dern ein in ihm we­sen­der. (Mich wür­de nur in­ter­es­sie­ren, wer der Suhr­kamp-Mit­ar­bei­ter war, der die drei Rei­sen­den be­glei­tet hat­te.)

    [EDIT: 2010-10-29 14:21]

  22. Stimmt, die FAZ zen­siert Kom­men­ta­re zu heik­len
    bei dem Brock­hoff Ar­ti­kel um Hand­ke in Ver­bin­dung mit Sre­bre­ni­ce zu brin­gen und auch jetzt bei dem Ka­ra­dics Aus­zug aus dem hoechst in­ter­res­san­ten und sehr gut re­scherier­ten Her­wig Bio­ga­pie, und ich war sach­lich und hoeflich, die Leu­te da wol­len Hand­ke fer­tig ma­chen. Ich schrei­be an die Re­kak­ti­on – kei­ne Ant­wort. Kein Schwein will zu­ge­ben das der Zer­fall Ju­go­s­la­vi­ens falsch be­ur­teilt und be­ri­cher­stat­tet wor­den ist, wo­bei Hand­ke auch nicht ei­ne un­be­dingt ruehm­li­che Rol­le spielt.

    Hier der link der den gan­zen Aus­zug bei der FAZ frei­schal­tet den Mal­te mir ge­schickt

    und hier ein Link zu der Dis­kus­si­on von Herwig’s Hand­ke Bio­ga­phie