Auf dem Umschlag steht nur »Mahler«. Der Titel: »Längen und Kürzen«. Man staunt, einen »Band I« eines »schriftstellerischen Gesamtwerks« in den Händen zu halten. Die Figuren hat man aber schon einmal irgendwo gesehen.
Mahler? Ja. Klar. Es handelt sich um den österreichischen Zeichner Nicolas Mahler (bekannt aus für FAZ, NZZ und »Titanic«, zum Beispiel).
Und ganz schnell geht man Mahler auf den Leim: Ist nicht der vor dem Verlagschef stehende und später in seinen Briefen mit »M.« zeichnende Dichter Mahler selber? Ein findiger Trick, denn man glaubt zunächst genau das Buch zu lesen, welches der Dichter seinem Verleger vorstellt (wie lakonisch diese gezeichneten Comics) und seiner Freundin Dorothee anpreist.
Vielleicht steht es einfach zu früh dort – in dieser kurzen, kursiv gesetzten Einleitung: Dieses Buch sei im Bauch von Berlin geschrieben worden als die Stadt noch ein ummauertes, gefesseltes Tier war. Es handele sich um Protokolle des Verlusts, so der Autor. Vielleicht hätte aber dem Leser der Untertitel »Versuche« zu diesen »Konstruktion einer Stadt« zunächst einmal genügt; die Spuren, dass hier aus einer vergangenen Zeit erzählt wird (abgesehen von zwei Exkursen: einem fast restaurativ anmutenden Idyllenszenario, stark erinnernd an die Emmanuel Bove-Welt beispielsweise aus »Meine Freunde« oder »Armand«, und, ziemlich am Anfang, einer kruden Weltapokalypse) hätten sich wenn nicht sofort, so doch im Erzählten langsam ergeben. So lehnt man sich zurück und staunt ob dieser so unendlich fern liegenden einundzwanzig (?) Jahre, in der hier noch einmal eine Großstadt aufscheint (viel mehr als diese Großstadt dann diese Zeit). Wie fast niedlich dieses mobilfunklose Treiben da plötzlich erscheint, obwohl die »Protokolle« des Erzählers auch damals schon kein Glück in den Gesichtern der Fußgänger, Nachtschwärmer, Nachmittagsspaziergänger, Voyeure, Barmänner, Trainingshosenträger, Betrunkenen und/oder Beschäftigungslosen entdecken.
Hermann schreibt in einer expressiven Einleitung vom welken und stummen Leben der Städter (und setzt dabei Städter unterschwellig als synonym für den [post-?]modernen Menschen), deren Poren verstopft sind. Sie wagen sich nicht aus ihren kleinen Häusern, denn Sterben vor Angst, das ist Gesetz. Lieber Maus sein als einmal freien Wind atmen. Und sie fragen ‘Warum bin ich hier’, sie verstehen nicht, aber es muss etwas mit Gott zu tun haben, dem namenlos Beispielgebenden. Und sie übertreiben, um das Maß wiederzufinden.
LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!... Eine grosse (großspurige?) Eröffnung. Dann: »loslabern« als ethischer Akt. Als neue Diskursform im Habermasien der Nullerjahre? Und natürlich auch gleich die »passende« literaturhistorische Selbsteinstufung: Ein richtig losgelaberter Text würde seine, dass man aber dann, ohne sich dabei zu unter; Finsternis: Steuer, Erwachsenenleben, Verantwortung, Einsicht, Vernunft; ENDHÖLLE. Verstanden? Nein? Macht nichts. »loslabern« ist eben auch zwangloses bzw. ‑haftes Absondern. (Das aber glücklicherweise eher selten.)
Vom Größenwahn wechselt Rainald Goetz dann bisweilen ins theatralische und geriert sich auch schon mal als der Gefangene. Aber tröstend für den Leser: Er meint wenig in diesem Buch wirklich Ernst. Hinter diesen Textkaskaden steckt (zu) oft (zu) wenig. Nur ab und an ist das anders, etwa wenn er Schirrmacher vorhält, die Seriosität des (FAZ-)Feuilletons drohe nachzulassen. Dann blitzt die Angst des Kindes hervor, seine Spielwiese zu verlieren. Denn Goetz weiß sehr wohl, was er an seiner Spielwiese hat.
Roberto Bolaño: 2666
Das Buch beginnt so harmlos. Drei Literaturprofessoren (Jean-Claude Pelletier aus Frankreich, Manuel Espinoza aus Spanien und Piero Morini aus Italien) und die englische Literaturdozentin Liz Norton (später heißen sie nur noch die Kritiker) entwickeln über die Jahre eine Affinität zum Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Anfangs ein Geheimtip, forcieren nicht zuletzt die vier die Rezeption Archimboldis in der Literaturwissenschaft; unter anderem auch durch Übersetzungen. Auf Kongressen, Colloquien und andere Zusammentreffen (die es offensichtlich reichlich gibt) lernen sie sich persönlich kennen und vertiefen nicht nur ihre fachlichen Kenntnisse. Durch Liz Norton kommt es zu allerlei Liebesverwicklungen; die Dame hat zunächst Pelletier als Geliebten, etwas später dann Espinoza, längere Zeit beide parallel und mindestens einmal auch gleichzeitig. Die körperlichen Gebresten Morinis (er ist im Alltag auf einen Rollstuhl angewiesen) scheinen da Barrieren zu bilden, wobei es am Ende dieses ersten Teils dann doch noch eine Überraschung gibt.
Neben diesen Interaktionen unter den vier Kritikern (Telefon‑, Mail‑, Gesprächsaustausch), dem gelegentlichen Beäugen, den Idiosynkrasien, den Verletzungen, den Merkwürdigkeiten, den Sexualstellungen und –frequenzen – alles in einer Mischung zwischen Protokoll und Reportage aufbereitet – geht es natürlich auch um Literatur. Das Geschriebene bleibt die einzige Referenz für die Adepten, denn Archimboldi ist so phantomhaft wie im realen Leben sonst nur Thomas Pynchon.
An jedem ersten Mittwoch im Monat erhält Julio C. Rampf ein Einschreiben. Die Zustellung ist inzwischen längst ritualisiert: das tragbare Terminal mit dem Stift, der aussieht wie ein krumm geschlagener Zimmermannsnagel, die gewagte…und doch für zu leicht befundene Unterschrift Julios, der Zeigefinger des Postboten, der flüchtig an seine Kopfbedeckung, einen Tirolerhut fährt, der Wachholderschnaps im ...
Ein furios-melancholischer, manchmal sentimentaler Beginn. Gregor Korff, 1948 geboren, durchschreitet in Gedanken seine Kindheit und Jugend. Vom Vorharz ins Friesische gekommen, für seine Mitschüler mit einem Geheimnis [ausgestattet]…das er gar nicht hatte, entwickelt sich eine Freundschaft zu Nott (der später ein Anwalt in der linksalternativen Szene wird). Man richtet sich heimlich eine alte, baufällige Hütte ein, beschäftigt sich mit den Beatles und dem Profumo-Skandal (vor allem mit Christine Keeler), hat kurzfristig Respekt vor dem britischen Posträuber Biggs, rezitiert Beckett (den man nur teilweise versteht), spielt Schach und lässt irgendwann zwei Schwestern (die Füchsinnen) ins Refugium hinein (und Gregor erinnert sich an Reni Fuchs und seine aufkommende Lust).
Jochen Schimmang: Das Beste was wir hatten
Dann die Studentenzeit in Berlin (der seit Schulausflugtagen ungeliebten Stadt), die (Zufalls-)Bekanntschaft mit Lea (im Raum des Möglichen hätte ja eingangs der Party durchaus auch eine andere Blickrichtung gelegen), dadurch Gefolgschaft und Funktion in einer K‑Gruppe. Anfang der 70er Jahre geht Lea in den Untergrund (er hört nie mehr von ihr). Die Fussballtruppe der PL/PI (»Proletarische Linke/Parteiinitiative«) bleibt noch, diese seltsame Truppe von Träumern und Versprengten; für die Augenblicke des Spiels scheinen alle Probleme und Differenzen getilgt. Hier lernt er Leo Mürks kennen (das Heinrich-Böll-Gesicht), der nach Köln ging (und Uli Goergen [später Professor] und Carl Schelling). Der kommunistische Orden verliert trotz des Fussballs schnell seinen Reiz; der schleichenden Infiltration widersteht er, schreibt einen Abschiedsbrief, verlässt Berlin und geht »in den Westen« zurück.
S. U. Bart: Goodbye BismarckZweifellos ein Husarenstück (das Denkmal ist über 30 Meter hoch!), hier verstanden als kurzlebiges Kunstobjekt mit politischer Intention. Es ist die Grundlage für Stephanie Barts Roman »Goodbye Bismarck« (nun ja, der Nachklang zu »Goodbye Lenin« ist wohl durchaus gewollt). Klugerweise weist die Autorin (die S. U. Bart genannt werden möchte) am Anfang darauf hin, dass es sich zwar um »nackte, sauber recherchierte Tatsachen« handele von denen sie jedoch »manche mit Macht und Bedacht verdreht habe«. Und glücklicherweise sind wohl einige »Erfindungen« darunter, »die weder mit den Wahrheiten noch mit den Wirklichkeiten von damals irgendetwas zu tun haben«.
David Wroblewski: Die Geschichte des Edgar Sawtelle Zwei Vorbemerkungen:
1. Das dem Verfasser dieser Besprechung vorliegende Leseexemplar sei ein »unkorrigiertes Vorausexemplar«, wie der Verlag auf Seite 1 schreibt und man bittet hieraus nicht zu zitieren. Diesem Wunsch wurde nicht stattgegeben, denn es liegt weder ein anderes Exemplar vor – und grundsätzliche Veränderungen dürften nicht zu erwarten sein. Die Zitate sind kursiv gesetzt und müssen unter dem Vorbehalt des oben gesagten betrachtet werden.
2. Das Ende des Buches ist überraschend und pointiert. Es wird in dieser Besprechung verwendet und im entsprechenden Abschnitt ist eine Spoilerwarnung ausgesprochen. Das Buch ist ohne den Schluss nicht zu bewerten. Insofern kann auf eine Berücksichtigung des Spannungserhalts keine Rücksicht genommen werden.
Wisconsin/USA, 1950er Jahre. Gar und Trudy Sawtelle züchten Hunde, setzen die Arbeit von Gars Großvater John fort. Es kommt ihm dabei weniger auf hochgezüchtete Blutlinien als auf den Charakter der Tiere an. Penibel sucht Gar nach seinen eigenen, speziellen Kriterien Hunde aus und scheut dabei nicht auch außergewöhnliche Kreuzungen, die von den »normalen« Züchtern verpönt sind. Er hat einen Plan, bildet die Hunde aus, will ihren Charakter im Training hervorholen und formen (er lehnt das Wort Dressur ab und legt Wert darauf, dass man mehr züchtet als nur gut dressierte Promenadenmischungen). Die Entwicklungen der Tiere werden akribisch dokumentiert. Nach anderthalb Jahren werden sie für 1500 Dollar verkauft. Die Dokumentation geht weiter; Gar befragt die Besitzer regelmäßig und zieht hieraus Schlüsse für seine weitere Zucht.