Sal­man Rush­die: Die be­zau­bern­de Flo­ren­ti­ne­rin

Saman Rushdie: Die bezaubernde Florentinerin

Sa­man Rush­die: Die be­zau­bern­de Flo­ren­ti­ne­rin

In ei­nem Och­sen­kar­ren kommt er da­her, der gelb­haa­ri­ge Frem­de, ein an­mu­ti­ger Narr…vielleicht aber auch gar kein Narr. Nicht sit­zend son­dern ste­hend, auf­recht wie ein Gott, im rum­peln­den Ge­fährt ge­schickt die Ba­lan­ce hal­tend. Man schreibt das Jahr 1572 (laut Klap­pen­text) und be­fin­det sich in Fa­teh­pur Sik­ri, ei­nem Ort jen­seits von Re­li­gi­on, Re­gi­on, Rang und Stamm, der Stadt der schö­nen Lü­ge, der Haupt­stadt des Rei­ches von Ja­la­lud­din Mu­ham­mad Ak­bar, dem in­di­schen Gross­mo­gul, dem Welt­ver­schlin­ger.

Der Frem­de sei im Na­men der eng­li­schen Kö­ni­gin un­ter­wegs und müs­se Ak­bar un­be­dingt per­sön­lich ei­ne Bot­schaft der Mon­ar­chin über­mit­teln. Da­für hat er die wei­te Rei­se von Eu­ro­pa über das Kap der Gu­ten Hoff­nung nach In­di­en ge­macht. Zu­nächst geht er al­ler­dings in ein Hu­ren­haus, macht Be­kannt­schaft mit den Hu­ren Ske­lett und Ma­trat­ze. Dort er­probt er erst ein­mal ei­ne Sal­be, die se­xu­el­les Ver­lan­gen stei­gern soll, be­vor die bei­den Hu­ren ihn mit spe­zi­el­len Düf­ten par­fü­mie­ren. Er soll rie­chen wie ein Kö­nig da­mit er die ver­schie­de­nen In­stan­zen am Hof ent­spre­chend über­win­den kann und auch tat­säch­lich zu Ak­bar, dem Schirm­herr der Welt, vor­ge­las­sen wird.

Die­sen Ak­bar hat es wirk­lich ge­ge­ben. Al­ler­dings heisst es bei Rush­die aus­drück­lich, dass es sich bei die­sem Buch um ein »Werk der Phan­ta­sie« han­de­le und »im In­ter­es­se der Wahrheit…einige Frei­hei­ten im Um­gang mit dem hi­sto­risch Ver­bürg­ten« not­wen­dig wa­ren. Die­se Frei­hei­ten wer­den be­reits bei der Lek­tü­re des Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kels über den hi­sto­ri­schen Ak­bar deut­lich. Wo­bei die Fra­ge bleibt, war­um es dann über­haupt der hi­sto­ri­schen Per­so­nen und Or­te be­darf, wenn sie der­art ver­bo­gen wer­den (frei­lich ein in den letz­ten Jah­ren im­mer häu­fi­ger ver­wand­tes Ver­fah­ren).

Grau­sam und me­lan­cho­lisch

Rush­dies Ak­bar ist ein (aus heu­ti­ger Sicht na­tür­lich) grau­sa­mer Des­pot, was aber oft ge­nug dem Selbst­ver­ständ­nis des ab­so­lu­ten Herr­schers ei­nes gro­ssen Rei­ches ge­schul­det zu sein scheint. Sei­ne an­de­re Sei­te ist die Me­lan­cho­lie; dann ist er schlach­ten­mü­de…, nach­denk­lich, …poe­tisch und so­gar zu Über­ge­wicht nei­gend. Ein eher ver­ein­sam­ter Re­gent, der mit sich sel­ber dar­über phi­lo­so­phiert, ob er nicht lie­ber »Ich« zu sich sa­gen oder doch beim »Wir« blei­ben soll (er bleibt beim »Wir«) und sich nach den Freu­den des Diskurs[es] sehnt. Als er ei­nen auf­müp­fi­gen Re­bel­len köpf­te, über­kam ihn wie­der die­ser Dä­mon der Ein­sam­keit und er äng­stig­te sich, dass er viel­leicht just den Men­schen ge­köpft ha­ben könn­te, mit dem er in ei­nen schö­nen Dis­kurs hät­te tre­ten kön­nen.

Ak­bar gibt sich frei­den­ke­risch (er lässt ein Zelt er­rich­ten, in dem Phi­lo­so­phen und Ge­lehr­te dis­ku­tie­ren kön­nen), bleibt je­doch emp­find­lich, wenn er glaubt, dass sei­ne Au­to­ri­tät un­ter­gra­ben zu wer­den droht und um­gibt sich – ganz un­in­tel­lek­tu­ell – mit Schmeich­lern, de­ren Kopf auch im­mer ein biss­chen lo­se zu sit­zen scheint, die er aber bei ent­spre­chen­den »Ver­ge­hen« gross­zü­gig be­gna­digt (du darfst wei­ter­le­ben).

Über­fluss ist sel­ten vor­teil­haft (be­ru­hi­gend, dass dies kei­ne pri­mä­re Er­fah­rung der Mo­der­ne zu sein scheint), so auch bei Ha­rems­da­men. Der sex­be­ses­se­ne Rush­die-Ak­bar ist den rea­len Da­men wohl über­drüs­sig und ima­gi­niert sich statt­des­sen sei­ne lieb­ste Kon­ku­bi­ne – ei­ne ge­wis­se Jodha. Die Vor­zü­ge die­ser Phan­ta­sie­ge­stalt lie­gen auf der Hand: Kei­ne ech­te Frau konn­te sein wie sie, voll­kom­men in ih­rer Auf­merk­sam­keit, ab­so­lut an­spruchs­los, im­mer­zu ver­füg­bar. Sie war …das per­fek­te Fa­bel­we­sen… Der Rush­die-Ak­bar weiss of­fen­sicht­lich, dass das wich­tig­ste Ge­schlechts­or­gan das Ge­hirn ist. Und weil ihm nie­mand zu wi­der­spre­chen wagt, wird die ima­gi­nä­re Lieb­lings-Ge­lieb­te von den an­de­ren Frau­en ge­fürch­tet. Ihr Ein­fluss wuchs ste­tig, Künst­ler be­san­gen sie in ih­ren Lie­dern, und in Ate­lier und Skrip­to­ri­um wur­de ih­re Schön­heit mit Ver­sen und Bild­nis­sen ge­fei­ert.

In die­se Welt ver­sucht nun der Frem­de (be­reits auf Sei­te 15 er­fährt der Le­ser, dass die­ser mit ei­nem Ge­heim­nis an­ge­reist ist), der sich zu­nächst Uc­cel­lo di Firen­ze nennt, Ein­lass zu fin­den. Durch die Par­fü­mie­run­gen der bei­den Hu­ren und durch Glück und Ge­schick über­win­det er die di­ver­sen Tür­hü­ter und kommt tat­säch­lich ins Macht­zen­trum um Ak­bar, sei­ner Fa­mi­lie, sei­nen bei­den Be­ra­tern Bird­al und Ab­ul Fazl (der Mann, der al­les wuss­te – nur nicht, dass er Jah­re spä­ter in ei­nen Hin­ter­halt ge­ra­ten wird) und Ak­bars treu­esten Spi­on, dem haar­lo­sen Eu­nu­chen Um­ar der Ay­yar.

»Lie­be auf den er­sten Blick«

Mit gro­sser, thea­tra­li­scher Ge­ste ver­liest Uc­cel­lo ei­ne Bot­schaft der Kö­ni­gin von Eng­land (Jah­re spä­ter, als man des Schrift­stückes hab­haft wird, stellt sich her­aus, dass die ei­gent­lich harm­lo­se Bit­te, den Han­del Eng­lands mit In­di­en zu er­mög­li­chen, von Uc­cel­lo enorm auf­ge­bauscht und für sei­ne Zwecke ma­ni­pu­liert wur­de). Aus Uc­cel­lo wird der Mo­gor del­l’A­mo­re, was die Skep­sis un­ter den Be­ra­tern Ak­bars und im Um­feld des Hof­staa­tes ver­grö­ssert. Aber fa­bu­lie­ren kann der Frem­de. Al­lei­ne die Ge­schich­ten der aben­teu­er­li­chen Über­fahrt sind kunst­voll ge­spon­ne­nes See­manns­garn. Ak­bar bringt die­sem schwa­dro­nie­ren­den Gross­maul so­fort Lie­be auf den er­sten Blick ent­ge­gen, ist ent­zückt und be­lu­stigt, bleibt aber – ganz Herr­scher – äu­sser­lich re­ser­viert.

Es kommt, was kom­men muss: Im Hof­staat wird Mo­gor im­mer kri­ti­scher be­äugt; Ka­ba­le bil­den sich. Ak­bar stellt ihn zur Re­de, es kommt zu ei­nem »Pro­zess« und aus Uc­cel­lo be­zie­hungs­wei­se Mo­gor del­l’A­mo­re wird nach ent­spre­chen­der Ver­hand­lung und Ge­ständ­nis Niccolò Vespuc­ci, der nun die Un­ge­heu­er­lich­keit be­sitzt zu be­haup­ten, er sei ein On­kel Ak­bars; Sohn der schön­sten Frau, die die Welt je ge­se­hen hat, ei­ner Toch­ter von Dschin­gis Khan, Qa­ra Köz, auch An­ge­li­ca ge­nannt, der schwarz­äu­gi­gen Prin­zes­sin.

Und Niccolò be­ginnt nun die Ge­schich­te und Ge­schicht­chen der drei Freun­de aus Flo­renz zu er­zäh­len. Von An­to­nio Ar­ga­lia, ge­nannt der Tür­ke, der spä­ter der Ge­lieb­te eben je­ner An­ge­li­ca wer­den soll­te (aber – und das ver­wirrt al­le – al­lei­ne schon aus ma­the­ma­ti­schen Grün­den nicht der Va­ter von Niccolò Vespuc­ci sein kann), Niccolò ‘Il Ma­chia’, wo­mit kein ge­rin­ge­rer als Niccolò Ma­chia­vel­li ge­meint ist (des­sen Vi­ta nur epi­sodisch aus­ge­führt wird) und Ago Vespuc­ci, ein Nef­fe des gro­ssen Ame­ri­go.

Bil­der­reich, de­tail­ver­ses­sen, red­un­dant – und er­mü­dend

Auf den näch­sten rund zwei­hun­dert Sei­ten ent­wickelt Rush­die ein opu­lent-ba­rockes, exo­ti­sches Er­zähl­pan­ora­ma: bil­der­reich, de­tail­ver­ses­sen, red­un­dant, na­men- und zah­len­my­stisch (häu­fig dau­ert et­was ein Jahr und ei­nen Tag oder 101 Ta­ge und es gibt ei­ne Nacht der hun­dertundei­nen Ko­pu­la­ti­on), ver­spielt, aus­schwei­fend bis zo­tig – und für den Le­ser der­art er­mü­dend, dass man die ge­le­gent­li­chen un­ge­dul­di­gen Ein­wür­fe Ak­bars (dem die­se Ge­schich­ten er­zählt wer­den) nur all­zu gut nach­voll­zie­hen kann.

Es gibt zwei Er­zähl­per­spek­ti­ven – zum ei­nen die des aukt­oria­len Er­zäh­lers, der in und um Ak­bars Pa­last spricht, auch Ak­bars Ge­dan­ken kennt und re­flek­tiert und die an­de­re des weit aus­ho­len­den, osten­ta­tiv er­zäh­len­den Niccolò Vespuc­ci. Die Un­ter­schie­de sind mar­gi­nal; Klang und Stil der bei­den Er­zäh­ler sind zum ver­wech­seln ähn­lich, aber auf sol­che De­tails kommt es of­fen­sicht­lich (lei­der) nicht an. Am En­de des Bu­ches fin­det sich ei­ne Bi­blio­gra­fie, die zeigt, wel­cher Li­te­ra­tur Rush­die sich für die­ses Buch be­dient hat. Ne­ben Sach­bü­chern über die Zeit­ge­schich­te des 16. Jahr­hun­derts in Flo­renz, der Me­di­ci und In­di­en (de­rer er sich nur be­dient zu ha­ben scheint, um sie zu igno­rie­ren oder um­zu­dich­ten), fin­den sich dort auch fik­tio­na­le Wer­ke, wie zum Bei­spiel (merk­wür­di­ger­wei­se) Ita­lo Cal­vi­no (den Rush­die ver­ehrt) und na­tür­lich auch der »Or­la­no Fu­rio­so«, der »Ra­sen­de Ro­land« und der Ka­ma­su­tra. An­de­re Bü­cher, de­nen er Mo­ti­ve ent­lehnt, führt er merk­wür­di­ger­wei­se nicht auf, so bei­spiels­wei­se die Ge­schich­ten aus tau­send­und­ei­ner Nacht, Boc­cac­ci­os »De­ca­me­ro­ne« (ein­mal liest je­mand die­ses Buch) oder Süskinds »Das Par­füm«.

Als der Le­ser dann tau­melnd vor Mat­tig­keit vor dem letz­ten Drit­tel des Bu­ches steht sind Qa­ra Köz mit ih­rer Ge­fähr­tin Spie­gel end­lich in Flo­renz an­ge­kom­men. Und plötz­lich, wenn al­le Schlacht­fel­der ver­las­sen und Krie­ge ge­führt sind, wenn al­le See­fah­rer an­ge­kom­men und die fast un­zäh­li­gen Rand- und Ne­ben­fi­gu­ren ent­we­der tot, ge­flüch­tet oder tat­säch­lich (end­lich!) un­wich­tig ge­wor­den sind: dann be­ginnt das Buch auf ein­mal zu leuch­ten und zu flir­ren.

Von der Zau­be­rin zur He­xe

Auf ein­mal ge­lingt es Rush­die den Le­ser wie­der auf­zu­wecken, den Er­zähl-Ne­bel weg­zu­pu­sten und den Zau­ber der schö­nen Frau und ih­rer fast so schö­nen, mit ihr un­trenn­bar ver­bun­de­nen Ge­fähr­tin les­bar, spür­bar, er­leb­bar zu ma­chen. Die­se Schil­de­rung der Ver­zau­be­rung der Be­woh­ner der vier­zig­tau­send See­len-Stadt Flo­renz: ein Brücken­bau zwi­schen den gro­ssen Kul­tu­ren Eu­ro­pas und des Ostens scheint sich da plötz­lich zu er­ge­ben. Sie an­zu­be­ten, war der Freu­de ge­nug heisst es dann, wenn die Schön­heit jeg­li­ches se­xu­el­le Ver­lan­gen se­kun­där wer­den lässt und in den Hin­ter­grund schiebt. Die­ser Pest­hauch der Fas­zi­na­ti­on den Qa­ra Köz ver­ström­te und der sich rasch in der ge­sam­ten Gegend…ausbreitete, die­se Schön­heit und Gra­zie der un­ver­schlei­er­ten Frau(en) las­sen die Stadt in fried­li­che Ver­zückung fal­len. So­gar von Wun­dern ist die Re­de und der Kle­rus hat kei­ne Ein­wän­de.

Die­se Zeit, die wohl ei­ni­ge Jah­re um­fasst, rafft Rush­die, denn hier spielt sich das Er­zäh­lens­wer­te nicht in der Idyl­le ab. Und so macht sich dann ir­gend­wann ei­ne Er­schöp­fung bei Qa­ra Köz be­merk­bar (ver­mut­lich sind Schön­heit und Lieb­reiz an­stren­gend und die Da­me ist schon 28 Jah­re alt), es gibt De­nun­zia­tio­nen (Sa­ra­ze­nen­hu­re); die Stim­mung kippt. Wäh­rend Ar­ga­lia als »con­do­tierre« (ei­ne Art Feld­herr ei­ner Söld­ner­ar­mee) mit sei­nen Un­be­sieg­ba­ren die Stadt Flo­renz auf ei­nem Schlacht­feld ver­tei­digt, wird die frem­de Schön­heit von Lo­ren­zo Me­di­ci un­ver­hoh­len be­droht, aber als die­ser nach ei­nem Fest plötz­lich stirbt, wird aus der Zau­be­rin, der in­of­fi­zi­el­len Schutzheilige[n] der Stadt plötz­lich (plötz­lich?) die He­xe und wie die­ser kur­ze Weg von [der] Zau­be­rin zur He­xe er­zählt wird, das ist in­ten­siv, dicht und packend. Zwar kommt Ar­ga­lia mit sei­nem stark re­du­zier­ten Heer ge­ra­de noch recht­zei­tig um die Prin­zes­sin zu ret­ten, aber er ist ver­wun­det, sei­ne Haut weiß wie der Tod und we­nig spä­ter stirbt er und An­ge­li­ca und Spie­gel zie­hen wei­ter mit dem neu­en Ge­fähr­ten Ago Vespuc­ci und sie las­sen sich von An­drea Do­ria nach Ame­ri­ka, in die Neue Welt (»No­vus Mun­dus«) ver­schif­fen (und Ak­bar är­gert es beim An­hö­ren der Ge­schich­te, dass die West­ler die­se bizarre[n], unfassbare[n] Män­ner und Frau­en mit Fe­dern, Haut und Kno­chen »In­dia­ner« nen­nen).

Und dann sind wir wie­der am Pa­last von Ak­bar, der am Tag sei­nes vier­und­vier­zig­sten Ge­burts­tags (das müss­te al­so – folgt man der Hi­sto­rie – 1586 ge­we­sen sein) über­legt, den skur­ri­len, ge­schwät­zi­gen jun­gen Va­ga­bun­den als sei­nen Sohn an­zu­neh­men. »Sei­ne« Jodha wird in der Ima­gi­na­ti­on Qa­ra Köz im­mer ähn­li­cher.

Aber längst ist Ak­bar nicht mehr der mäch­ti­ge Herr­scher. Kron­prinz Sa­lim, ei­ner sei­ner Söh­ne, ein bru­ta­ler Fol­te­rer, hat­te die eng­sten Be­ra­ter sei­nes Va­ters in Hin­ter­hal­te ge­schickt und er­mor­den las­sen und ver­sucht, sei­nen Va­ter po­li­tisch zu schwä­chen. Ak­bar stärkt den­noch de­mon­stra­tiv Sa­lims Po­si­ti­on als Kron­prinz (man­gels Al­ter­na­ti­ve, denn die an­de­ren Söh­ne sind der Trunk­sucht ver­fal­len und noch un­taug­li­cher für die Nach­fol­ge). Als Sa­lim hei­ra­tet und sei­ne Frau wei­te­re In­tri­gen ge­gen den Frem­den spinnt, be­ginnt Niccolòs Stel­lung im­mer fra­gi­ler zu wer­den. Er soll nun end­lich die gan­ze Ge­schich­te, die gan­ze Wahr­heit er­zäh­len, denn ei­ne Ent­schei­dung soll fal­len (al­le Op­tio­nen of­fen – von »Ad­op­ti­on« bis Exe­ku­ti­on). Niccolò bleibt bei sei­ner Ver­si­on der Ge­schich­te – Ak­bar ent­wickelt ei­ne an­de­re. Der Gross­mo­gul hat die Ge­duld ver­lo­ren und ver­bie­tet den Um­gang mit dem Frem­den. Niccolò flüch­tet mit den bei­den Hu­ren Ske­lett und Ma­trat­ze. Ak­bar, der am En­de noch ei­ne An­wei­sung zum Ent­kom­men­las­sen gab, ver­fällt aber­mals in Me­lan­cho­lie ob der Ab­we­sen­heit des in­zwi­schen doch ir­gend­wie lieb­ge­won­ne­nen Kau­zes und wir er­fah­ren dann auf der letz­ten Sei­te noch das »Ge­heim­nis« von Niccolò (wel­ches, ge­nau­er ge­sagt, zwei Ge­heim­nis­se sind – bei­de wer­den aber hier nicht ver­ra­ten).

Höl­zer­ne Fi­gu­ren, bunt ko­stü­miert

Ins­be­son­de­re wenn die Ge­schich­te zum re­flek­tie­ren­den Ak­bar geht, zeigt sich die Schwä­che des Bu­ches. Die­se Pas­sa­gen wir­ken höl­zern und das nicht nur, weil sie im Ge­gen­satz zum son­sti­gen osten­ta­ti­ven Er­zäh­len ste­hen. Mit Le­ben er­füllt Rush­die nur die Ti­tel­hel­din; das an­de­re »Per­so­nal« bleibt selt­sam matt und hat die Au­ra ei­ner Folk­lo­re­grup­pe – so­wohl im re­fle­xi­ven als auch im ma­gi­schen Er­zäh­len. So nimmt man am En­de mit ei­ner ge­wis­sen Gleich­gül­tig­keit die­ses Ge­heim­nis von Niccolò Vespuc­ci auf; ei­ne Fi­gur, die beim Le­ser auf vier­hun­dert Sei­ten kaum Em­pa­thie er­zeu­gen konn­te.

»Die be­zau­bern­de Flo­ren­ti­ne­rin« (»Die Zau­be­rin von Flo­renz« wä­re die tref­fen­de­re Über­set­zung ge­we­sen und wür­de nicht so­fort an ei­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Fern­seh­se­rie der 60er Jah­re er­in­nern) ist ir­gend­wie ei­ne Mi­schung zwi­schen Sche­he­ra­za­de, Um­ber­to Eco, Ro­bert Lou­is Ste­ven­son, ei­ner Pri­se Lord By­ron und – par­don – Karl May. Rush­die gilt na­tür­lich zu Recht als Ver­tre­ter des »ma­gi­sche Rea­lis­mus«, der de­zi­diert an­ders er­zählt als die (an­geb­lich so in­di­vi­dua­li­sti­sche) west­li­che, mo­der­ne Li­te­ra­tur (die – zu­ge­ge­ben – all­zu oft ei­ne Art la­ko­ni­schen »Neo­rea­lis­mus« fei­ert oder akri­bisch das See­len­heil der Prot­ago­ni­sten bis in die letz­ten Ver­äste­lun­gen aus­leuch­tet). In­so­fern geht es nicht dar­um, Rush­die mit ei­nem klas­si­schen eu­ro­päi­schen oder ame­ri­ka­ni­schen Er­zäh­ler der Ge­gen­wart zu mes­sen. Auch die Tat­sa­che, dass hier Re­kurs auf das 16. Jahr­hun­dert ge­nom­men wird, kann nicht per se ge­gen den Ro­man zu spre­chen.

Aber wenn bei all die­sem über­bor­den­den Er­zäh­len, die­ser wuch­tig da­her­kom­men­den Fa­bu­lier­lust letzt­lich nur ein L’art pour l’art-Sen­ti­ment bleibt, wenn dop­pel­bö­di­ges, hin­ter­grün­di­ges, ja dia­bo­li­sches, aus­bleibt oder be­sten­falls Fas­sa­de ei­nes ku­lis­sen­schie­be­risch agie­ren­den Er­zähl­mon­sters wird und wenn es da­bei fast nur noch um schö­ne For­mu­lie­rungs­kün­ste zu ge­hen scheint (und – das ist das er­nüch­tern­de und über­ra­schen­de – so oft kei­ne Spra­che ge­fun­den wird, son­dern nur die Wor­te klin­gen ge­las­sen wer­den) – kurz: wenn die Harm­lo­sig­keit do­mi­niert und Fi­gu­ren wie bunt ko­stü­mier­te Holz­pup­pen wir­ken, wenn Niccolò Vespuc­ci, die drei Freun­de, die schö­ne An­ge­li­ca, der in­di­sche Gross­mo­gul und sein Hof­staat (nebst vir­tu­el­len und rea­len Lust­da­men) wie Ste­reo­ty­pen ei­ner Papp­ma­ché-Mär­chen­welt wir­ken und Rush­die als ein Ani­ma­teur ei­nes vir­tu­el­len Phan­ta­sia­lands da­her­kommt, dann ver­mag auch der ge­dul­dig­ste Le­ser ir­gend­wann je­ner Mi­schung zwi­schen Öd­nis, Über­sät­ti­gung und gäh­nen­der Lan­ge­wei­le nicht mehr wi­der­ste­hen zu kön­nen und ei­ne Fra­ge schiebt sich in den Vor­der­grund: War­um [das al­les]?

Und der viel­leicht schon mit al­ler­lei »west­li­cher« Li­te­ra­tur ver­dor­be­ne Re­zi­pi­ent ist lei­der nur teil­wei­se mit Qa­ra Köz’ und Spie­gels Ge­schich­te ver­söhnt. Zu sel­ten wird ein Zau­ber durch das Er­zähl­te er­zeugt – zu oft wird bloss be­bil­dert. Nein, das hier ist kein Ge­dächt­nis­pa­last, auch kein Bor­dell der Er­in­ne­run­gen. Eher ein klei­nes Dach­stüb­chen.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich tä­te ger­ne ei­nen Ro­man von Ih­nen le­sen. Ich den­ke, wenn man er­kennt, wie so ei­ne klei­nes Dach­st­üb­lein (wie Rush­dies an­ge­führ­tes Werk) kon­stru­iert und be­schaf­fen ist, da könn­te man aus all den Er­kennt­nis­sen her­aus, im­stan­de sein, ein Buch zu schrei­ben, das ein so­li­des Haus auf ei­nem sol­den Fun­da­ment dar­stellt.

  2. Das glau­be ich nicht
    Es gibt ei­ne (dümm­li­che) Fern­seh­sen­dung, in der nach Fuss­ballän­der­spie­len in ei­ner Art Stamm­tisch mit Gä­sten über das Spiel ge­re­det wird. Der Ein­spiel­film zu die­ser Sen­dung ist al­ler­dings fast ge­ni­al. Da kom­men Alt­her­ren­fuss­bal­ler an­ge­lau­fen, spie­len Fuss­ball und der Mo­de­ra­tor gibt sei­ne Be­mer­kun­gen ab (»den macht doch mei­ne Oma«). ir­gend­wann spricht ei­ner der Spie­ler ihn mal an: »Spielst auch mal mit?« Und dann die Ant­wort: »Na, i red bloss drü­ber« (soll baye­risch sein).

    Das tan­giert in ge­wis­sem Sinn das We­sen der Kri­tik (und ist ei­ner der Haupt­vor­wür­fe ge­gen sie): Sol­len sie’s doch bes­ser­ma­chen. Ich glau­be, die mei­sten Kri­ti­ker wä­ren lau­si­ge Ro­man­schrei­ber. Was sie aber nicht per se dis­qua­li­fi­ziert fest­zu­stel­len, dass da was nicht stimmt (das es ih­nen nicht ge­fällt – al­so ei­ne Ge­schmacks­kri­tik – las­se ich nicht gel­ten; das ist in der Tat zu bil­lig). In die­sem Fall grei­fe ich im­mer zum Les­sing-Wort: Ich muss nicht Koch sein um fest­zu­stel­len, dass die Sup­pe ver­sal­zen ist.

    Lan­ge Re­de – kur­zer Sinn: Ich kann kei­ne Ro­ma­ne, kei­ne Er­zäh­lun­gen schrei­ben.

  3. So ein­fach kau­fe ich Ih­nen das nicht ab, dass sie kei­ne Ro­ma­ne, kei­ne Er­zäh­lun­gen schrei­ben könn­ten. Um beim Bei­spiel der Sup­pe zu blei­ben, Sie ken­nen die Zu­ta­ten und Sie ken­nen das Er­geb­nis. Al­so bleibt nur doch die Zu­be­rei­tung, bei der sie mög­li­cher­wei­se Schwie­rig­kei­ten hät­ten. Aber se­hen Sie, ein Fein­schmecker wie Sie bringt im Lau­fe der Jah­re ge­wis­se Grund­kennt­nis­se über Zu­be­rei­tungs­ar­ten mit. Der Fein­schmecker weiß schon, dass man ei­nen Brot­laib nicht in Was­ser kocht, Sa­lat nicht durch ei­ne Kaf­fee­müh­le treibt, und ein schmack­haf­ter Weich­kä­se nicht durch Frit­tie­ren in der Brat­pfan­ne ent­steht.
    Oder an­ders ge­sagt, vom Er­gen­bis las­sen sich ja ge­zielt Rück­schlüs­se zie­hen auf die Zu­be­rei­tung. Wo et­was ver­sal­zen ist, nimmt man we­ni­ger Salz, wenn das Brot zu stark ge­bräunt ist, re­du­ziert man die Hit­ze, wenn der Bra­ten halb­gar ist, dann wird er noch ins Rohr be­scho­ben, wenn der Teig zu we­nig ge­kne­tet wur­de, so er­höht man die Knet­zeit.

    Ich kann mir nicht vor­stel­len, dass Sie als Fein­schmecker in der Sze­ne der Buch­vor­stel­lung über kei­ner­lei Kennt­nis­se der Zu­be­rei­tung ver­füg­ten.

    Edit: Wenn Sie al­ler­dings sa­gen, dass sie als be­gei­ster­ter Le­ser lie­ber die Bü­cher an­de­rer vor­stel­len, als selbst ei­nes zu Schrei­ben, das neh­me ich Ih­nen so­fort ab.

  4. »Ich kann kei­ne Ro­ma­ne, kei­ne Er­zäh­lun­gen schrei­ben.« – Ich ver­mu­te, das gilt für die mei­sten Kri­ti­ker. Um­ge­kehrt ge­ben die we­nig­sten Schrift­stel­ler gu­te Kri­ti­ker ab. Was Goe­the von Kleist hielt, oder was Tho­mas Mann über die an­de­ren Schrift­stel­ler sei­ner Fa­mi­lie schrieb, oder was Pe­ter Hanke so in di­ver­sen In­ter­views über Schrift­stel­ler­kol­le­gen äu­ßer­te, das zeigt m. E., dass Schrift­stel­lern of­fen­sicht­lich die nö­ti­ge Di­stanz fehlt, um per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten, Ge­schmacks­ur­tei­le und Ri­va­li­tä­ten bei­sei­te zu las­sen, um brauch­ba­re Kri­ti­ken schrei­ben zu kön­nen.

  5. @rosenherz
    Ih­re Bild­fort­füh­rung ist ver­füh­re­risch. Um da wei­ter­zu­ma­chen: Wenn Sie statt des Re­zept ei­nes kom­ple­xen Ge­richts nur die rei­nen Zu­ta­ten ken­nen (oh­ne Men­gen­an­ga­ben), so ist die Wahr­schein­lich­keit, dass da et­was ge­niess­ba­res her­aus­kommt, was auch noch ei­nen ge­wis­sen An­spruch hat, sehr ge­ring.

    @MMarheineke
    Hand­kes Be­spre­chun­gen sind sel­ten, aber fast al­le sehr gut (nach­zu­le­sen u. a. in »Mei­ne Orts­ta­feln – mei­ne Zeit­ta­feln« Es­says 1967–2007) und im üb­ri­gen nie Ver­ris­se.

    Sei­ne »Aus­rei­sser« gibt er in In­ter­views. Und da über Au­toren, die er nie be­spricht.

  6. Wie ver­spro­chen...
    mei­ne paar An­mer­kun­gen. Wo­bei Du hier in der Lang­ver­si­on ei­ni­ges schon selbst ein­räumst (z.B. was den In­di­vi­dua­lis­mus in der west­li­chen Li­te­ra­tur be­trifft – den gibt es nicht nur an­geb­lich, wie ich mei­ne. Liegt doch nach un­se­rem Mass­stab auf der Cha­rak­ter­ent­wick­lung gleich viel Ge­wicht wie auf dem Plot, wenn nicht noch mehr).

    Rush­die ist im We­sent­li­chen ein ori­en­ta­li­scher Mär­chen­ma­gi­er (mit ei­nem very Bri­tish Hu­mor, der lässt sich auch schlecht über­set­zen). Im ori­en­ta­li­schen Er­zäh­len ist die Tie­fe der Prot­ago­ni­sten, im Ge­gen­satz zu un­se­rer west­li­chen Li­te­ra­tur, die den Hy­per­in­di­vi­dua­lis­mus wie­der­spie­gelt, weit­ge­hend ne­ben­säch­lich. Auch in 1001 Nacht sind die Fi­gu­ren meist aus­tausch­bar (wo­bei ich bei­spiels­wei­se den Ak­bar durch­aus viel­schich­tig fin­de). Es geht viel mehr um den bun­ten Tep­pich, das Ge­schich­ten­ge­we­be, die Men­schen als so­zia­les Ge­flecht, um Na­tu­ral­le­go­rie, Lie­be und Krieg, ums Mas­ken­spiel – wo­mög­lich das, was Du Papp­ma­ché-Mär­chen­welt­/ku­lis­sen­schie­be­risch nennst. Ori­en­ta­lisch heisst auch: brei­ter und lang­sa­mer; für uns mit un­se­rem zacki­gen Tem­po kann das lang­at­mig wir­ken.
    Ge­nau die­se Vor­wür­fe tau­chen in deutsch­spra­chi­gen Re­zen­sio­nen über ori­en­ta­li­sche Bü­cher im­mer wie­der auf (et­wa Pa­muk, oder neu­lich wie­der Scha­mi). Oder so wie Rush­dies »Shali­mar« ver­ris­sen wur­de, weil er als Bei­trag zur ak­tu­el­len Ter­ro­ris­mus­de­bat­te ge­wer­tet wur­de, was fal­scher gar nicht sein könn­te. Rush­die zeigt ja ge­ra­de auf, was viel fun­da­men­ta­ler mensch­lich ist, den Kaf­fee­satz un­ter den Ober­fläch­lich­kei­ten wie Bom­ben­le­ge­rei – »Po­li­tik« in all ih­ren Spiel­ar­ten ist ja nur das Schäum­chen oben­drauf. Kaf­fee­satz-Bü­cher wer­den lei­der oft für zu leicht be­fun­den; aber es sind die Schäum­chen-Bü­cher (al­so z.B. die ge­sam­ten 9/11-Ro­ma­ne), die die Ge­schich­te nicht über­dau­ern wer­den.

    Über­set­zer ge­hen dem Eu­ro­zen­tris­mus viel­leicht auch auf den Leim, wer weiss? Ich ha­be mei­ne er­sten 2 Rush­dies auf Deutsch ge­le­sen (von 2 un­ter­schied­li­chen Über­set­zern) und fand zu­min­dest ei­nen da­von ganz schlecht. Ein Glück, ha­be ich mich des­we­gen nicht von Rush­die ab­ge­wandt. Zur Über­set­zung der En­ch­an­tress kann ich nichts sa­gen, möch­te dem Über­set­zer (der glau­be ich noch­mals ein an­de­rer ist) gar nichts un­ter­stel­len.

    Ich kann in dem Buch we­nig L’art pour l’art er­ken­nen (so­weit es nicht dem ori­en­ta­li­schen Er­zäh­len ge­schul­det ist, sie­he oben). Das Hin­ter­grün­di­ge, Dop­pel­bö­di­ge ver­misst man nur dann, wenn man »Ma­gi­schen Rea­lis­mus« (im wei­ten Sin­ne) so­zu­sa­gen als Gen­re be­trach­tet mit der Hal­tung »es ist ja nur ei­ne Ge­schich­te«. Ich ge­be zu, dass ich dies­be­züg­lich ein Ex­tre­mist bin, aber: ich neh­me sol­che Ge­schich­ten für wahr, weil sie mei­ner Er­fah­rung und Wahr­neh­mung ent­spre­chen. Tut das ein Le­ser, der nicht so wahr­nimmt, dann wird die Ge­fähr­lich­keit des Bu­ches of­fen­sicht­lich: es gibt die­se künst­li­chen Gren­zen zwi­schen Hü­ben und Drü­ben nicht. Al­lein die Be­zie­hung zwi­schen Qa­ra Köz und dem Spie­gel bei­spiels­wei­se könn­te ei­nen bei nä­he­rer Be­trach­tung in den Wahn­sinn trei­ben. Oder auch die Fi­gur des Ar­ga­lia, Tul­pen­prinz, der wie ei­ne Frau lie­ben und wie ein Mann tö­ten kann. Jodha, die gar nicht exi­stiert (?), ist pla­sti­scher als die exi­sten­ten Frau­en Ak­bars (und gar nicht aus­schliess­lich von sei­ner Phan­ta­sie ab­hän­gig – es gibt An­sät­ze zur Eman­zi­pa­ti­on). Der Ma­ler, der in sei­nem Bild ver­schwin­det. Oder der Ele­fant, des­sen Zorn da­her rührt, dass er mit ei­nem »fal­schen« Na­men aus­ge­stat­tet wur­de. Oder die Al­rau­ne ... Das sind al­les Fi­gu­ren – ich seh nichts Höl­zer­nes. Das Ko­stüm ge­hört zum Fleisch da­zu, manch­mal ist die Mas­ke das wah­re Ge­sicht. Nack­te Fi­gu­ren sind doch lang­wei­lig.

    Ich weiss, Du weisst, dass Rush­die ei­ner mei­ner Olym­pi­er ist. Das schrie nach Ver­tei­di­gung.
    Trotz­dem: Er hat den Shali­mar da­mit nicht ge­toppt, wie ich in der er­sten Hälf­te dach­te – mir hat näm­lich ge­ra­de der Flo­renz-Teil nicht mehr so ge­fal­len wie das Üp­pi­ge und Phan­ta­sti­sche am Hof des Mug­hals.
    (Wa­ren wir uns schon je­mals so un­ei­nig?! :-) )

  7. Wenn je­mand ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len will, in der die Tie­fe der Prot­ago­ni­sten nicht er­zählt wird (un­wich­tig kann sie ei­gent­lich nie sein – da­zu spä­ter), dann ist das in Ord­nung. Aber sie – die Tie­fe, das Dop­pel­bö­di­ge in der Per­son (oder dem Ort) – muss sich dann dem Le­ser durch das Han­deln her­aus­kri­stal­li­sie­ren und er­schlie­ssen. Es muss nicht in tief­grün­di­gen Re­fle­xio­nen »be­haup­tet« wer­den (vie­le schlech­te Ro­ma­ne agie­ren so), es muss auch nicht in pseu­do-re­fle­xi­vem Tief­gang ge­schürft wer­den (was Rush­die mit Ak­bar macht, der da­durch ei­ne an­ge­dich­te­te Viel­schich­tig­keit be­kommt, die arg kli­schee­haft wirkt). An­de­ren Ver­tre­tern des »ma­gi­schen Rea­lis­mus« wie z. B. Gar­cia-Mar­quez ge­lingt das sehr wohl. Die Fi­gu­ren be­kom­men oh­ne in­di­vi­dua­li­sti­sche Aus­deu­tung ei­ne Tie­fe, die dem Le­ser aber – und das ist ein Ge­winn! – nicht ein­deu­tig er­scheint, son­dern even­tu­ell noch ge­bro­chen wird. In ge­wis­ser Wei­se ist dies auch bei Ivo An­drić der Fall (na­tür­lich den­ke ich nicht nur an die Er­zäh­lun­gen son­dern an der »Brücke über die Dri­na«). An­drić ist ein gu­tes Bei­spiel, wie »ori­en­ta­li­sches Er­zäh­len« in – ich weiss, das ist ein Schimpf­wort, mir fällt aber kein bes­se­res ein – »mo­der­nes« Er­zäh­len ein­ge­bet­tet wer­den kann, oh­ne auf Dop­pel­bö­dig­keit und Tie­fe ver­zich­ten zu müs­sen (wo­bei ich An­drić nicht als »ma­gi­schen Rea­li­sten« se­he; aber sol­che Eti­ket­ten sind eh pro­ble­ma­tisch, ich ver­wen­de sie nur aus Grün­den der Ver­ein­fa­chung).

    Von ei­nem »brei­ter und lang­sa­mer« mer­ke ich bei Rush­die nichts; eher ein zäh und lang­at­mig. Ge­nau nichts Epi­sches, weil al­le Leer­stel­len mit Fa­bu­lie­ren aus­ge­füllt wer­den. Ich fin­de wei­te Tei­le des Bu­ches ex­akt das Ge­gen­teil von Phan­ta­sie an­re­gend, son­dern eher Phan­ta­sie aus­trei­bend.

    Die Sa­che mit den Über­set­zern ist schwie­rig. »Shali­mar« ist auch von Rob­ben über­setzt; da­vor gibt es an­de­re Übersetzer/innen. Ich frag mich im­mer, war­um dies so ist, zu­mal die letz­ten Bü­cher al­le bei Ro­wohlt er­schie­nen sind. Ein »no­bo­dy« ist Rob­ben nicht.

    Die Be­zie­hung zwi­schen Qa­ra Köz und Spie­gel fin­de ich arg stra­pa­ziert. Zu­nächst meint man, es han­de­le sich um ein und die­sel­be Per­son (ähn­lich wie Jeckyll/Hyde), aber als sie in Wein­fäs­sern aus Flo­renz flie­hen wird spä­te­stens klar, dass es zwei sind. Und ei­nes der Ge­heim­nis­se hat ja mit »Spie­gel« zu tun (ich ver­ra­te da nicht). Ich fin­de das eher kon­ven­tio­nell er­zählt: Spie­gel be­rei­tet Qa­ra Köz die Her­ren für das Lie­bes­spiel vor und wenn die­se kei­ne Lust hat, dann »springt« sie auch mal ein.

    Die­se Jodha, die Rush­die als ima­gi­nä­re Frau dar­stellt, hat wohl auch tat­säch­lich exi­stiert (es gibt so­gar ei­nen Bol­ly­wood-Film dar­über). In­dem im Buch die­se Exi­stenz als »vir­tu­ell« (Klap­pen­text) dar­ge­stellt wird, wird ein Ge­heim­nis hin­ein­pro­ji­ziert, was den Le­ser (= mich) kalt lässt. Ima­gi­niert nicht je­der Mann ei­ne »Traum­frau«, die er nie »be­kom­men« wird? Al­ler­welts­psy­cho­lo­gie.

    Ich will na­tür­lich kei­ne »nack­ten Fi­gu­ren«; die sind in der Tat lang­wei­lig. Aber wenn un­ter dem Ko­stüm, der Mas­ke nichts mehr ist (und das Nichts we­ni­ger als Nackt­heit ist)? Ein Mas­ken­ball ist nur in­ter­es­sant, wenn ich die Men­schen hin­ter den Mas­ken we­nig­stens an­deu­tungs­wei­se glau­be zu ken­nen. Was ist ein Ko­stüm­fest oh­ne die Über­ra­schung, wer sich in wel­chem Ko­stüm ver­klei­det hat?

    Wir hat­ten vor ei­ni­ger Zeit ei­ne klei­ne pri­va­te Dis­kus­si­on über den »Turm« von Tell­kamp. Du hat­test sinn­ge­mäss ge­schrie­ben, dass Dich die DDR-The­ma­tik nicht in­ter­es­siert und Du ihr aus dem Weg ge­hen möch­test. Das ist na­tür­lich Dein Recht. Ich ha­be auch sol­che The­men­krei­se, über die ich ei­gent­lich nichts (mehr) le­sen möch­te – sei es in der Hy­bris, al­les schon zu ken­nen, sei es, weil man durch Wie­der­ho­lun­gen ge­lang­weilt wird und neue As­pek­te nicht greif­bar sind.

    Den­noch durch­bre­che ich ge­le­gent­lich sol­che Vor­sät­ze (sei es halb­wegs »er­zwun­gen«, sei es aus Neu­gier). Und oft ge­nug ha­be ich fest­ge­stellt: Wenn der Au­tor sein Hand­werk (sic!) ver­steht, dann in­ter­es­siert mich plötz­lich auch das Le­ben ei­nes Buch­hal­ters in Por­tu­gal oder ein Bil­dungs­bür­ger, der in ei­ner Kur­kli­nik schlicht­weg »hän­gen­bleibt«. Das macht ja ge­ra­de den Zau­ber von Li­te­ra­tur aus.

    Aber wenn das Ge­schich­ten­er­zäh­len al­lei­ne schon reicht – sor­ry, das ist mir zu we­nig. Egal, ob die Fi­gu­ren flie­gen kön­nen, ob­szö­ne Zo­ten er­zäh­len oder den Leu­ten die Köp­fe ab­schla­gen. Das ist dann pu­re Il­lu­stra­ti­on.

    Viel­leicht kennst Du Eu­gen Dre­wer­mann. Der ist nicht nur Kir­chen­kri­ti­ker, son­dern auch Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Ich ha­be neu­lich ei­ne Ra­dio­sen­dung ge­hört, in der er Mär­chen (der Ge­brü­der Grimm) psy­cho­ana­ly­tisch ge­deu­tet hat. Ich kann und will mich zu der Qua­li­tät die­ser Deu­tun­gen nicht im De­tail äu­ssern (vie­les hal­te ich für weit her­ge­holt). Aber ei­nes bleibt fest­zu­hal­ten: Die Mär­chen ga­ben die­se Deu­tun­gen her. Dre­wer­mann saug­te sich sei­ne Ex­ege­sen nicht aus den Fin­gern, son­dern fand im­mer wie­der An­knüp­fun­gen im ei­gent­li­chen »Text«. Ich glau­be, dass er bei die­sem Rush­die Buch nicht so fün­dig wür­de. Das mei­ne ich mit »L’art pur l’art«: Die blo­sse Ge­schich­te ge­nügt nicht, da­mit es Li­te­ra­tur ist.

    Noch et­was zum Po­li­ti­schen: Ich glau­be, dass gro­sse Tei­le der Li­te­ra­tur­kri­tik Rush­die aus po­li­ti­schen Grün­den nicht »ver­rei­ssen«. Seit den »Sa­ta­ni­schen Ver­sen« gilt er ei­ni­gen als Dum­my für die Mei­nungs­frei­heit. Au­sser­dem sind sei­ne Bü­cher exo­tisch und kon­tra­stie­ren tat­säch­lich mit der fast üb­li­chen La­ko­nik. Wirk­li­che »Fans« (wie Du ei­ne bist) dürf­te es deut­lich we­ni­ger ge­ben; man hält sich nur zu­rück.

  8. Ei­ne schoen ue­ber­zeu­gend be­schrie­be­nes Buch
    das ich wahr­schein­lich nicht ein­mal in den drit­ten Stea­mer Trunk
    auf dem Tramp Stea­mer packen wer­de. Hier in der USA hab ich
    haupt­saech­lich Ver­ris­se ge­le­sen, kei­ne von de­nen sich die Be­mue­hung
    ei­ner Be­schrei­bung lei­ste­ten, und des­we­gen dem moeg­li­chen Kae­ufer auch nicht im ge­ring­sten be­hilf­lich sind. Ich er­in­ne­re mich, das jetz schon vor vie­len Jah­ren, als er noch der Ver­le­ger des Holtz­brinck Ver­lags Holt in New York war, Mi­cha­el Nau­mann mit ei­ni­gen Mil­lio­nen den Rush­die zu sich ge­holt hat. Es gibt ein In­ter­view mit R. in der Zeit