Si­byl­le Le­witschar­off: Apo­stol­off

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff

Si­byl­le Le­witschar­off: Apo­stol­off

Rum­en Apo­stol­off kut­schiert zwei Schwe­stern in ei­nem schon be­tag­ten Daihatsu über die Stra­ssen Bul­ga­ri­ens. Die bei­den Schwe­stern könn­ten nicht un­ter­schied­li­cher sein. Ei­ne ist zap­pe­lig, ge­schwätzig, na­se­weis und be­schallt vom Rück­sitz in schier atem­lo­sen Mo­no­lo­gen die bei­den an­de­ren Rei­sen­den. Sie ist in Si­byl­le Le­witschar­offs Buch »Apo­stol­off« die Ich-Er­zäh­le­rin. Ih­re Schwe­ster, zwei Jah­re äl­ter, ne­ben Rum­en sit­zend (der sie an­him­melt), ist das ru­hi­ge, ge­dul­di­ge, ge­fass­te, manch­mal et­was som­nam­bul wir­ken­de, klein­tragödinnenhafte Pen­dant. Bei­de Schwe­stern blei­ben na­men­los, was den Ti­tel des Bu­ches son­der­bar er­schei­nen lässt, da für den Le­ser nun Rum­en, der den Schwe­stern er­ge­be­ne Ner­vös­ling (und un­ser Her­mes) zum Ti­tel­held mu­tiert und ei­ne ge­wis­se Er­war­tungs­hal­tung auf­ge­baut wird.

Aber so selt­sam wie die drei in ih­ren Dia­lo­gen, Mo­no­lo­gen und ge­le­gent­li­chem Schwei­gen (je­der von uns war an­ders schweig­sam) durch die­ses Ma­l­e­fiz­land Thra­ki­en, ei­nem Ope­ret­ten­land, fah­ren, es­sen, schla­fen, Bur­gen und Häu­ser be­sich­ti­gen und sich er­in­nern, so selt­sam scheint auch mit fort­lau­fen­der Lek­tü­re der Ti­tel ge­wählt, denn Rum­en ist kei­nes­wegs der auf­trump­fen­de »Held« in die­sem Buch, ob­wohl sei­ne Rol­le na­tür­lich weit über das zu­nächst na­he lie­gen­de hin­aus­geht.

Über­füh­rung nach Bul­ga­ri­en

Die bei­den Schwe­stern sind zu­nächst zu­sam­men mit an­de­ren Stutt­gar­ter Bulgarien­kinder[n] auf Ein­la­dung des Mul­ti­mil­lio­närs, lan­ge in Deutsch­land le­ben­den und schliess­lich in Ame­ri­ka re­üs­sie­ren­den Ta­ba­koff un­ter­wegs. Ta­ba­koff ist auf die Idee gekom­men, die ihm aus Stutt­gart be­kann­ten und in­zwi­schen ver­stor­be­nen Bul­ga­ren und ih­re Ver­wand­ten (ins­ge­samt sind es 19 Kum­pa­ne, dar­un­ter auch sei­ne Frau Li­lo, mit die Er­zäh­le­rin als neun­jäh­ri­ge ei­ne un­ver­gess­li­che Au­to­fahrt un­ter­nahm) zu ex­hu­mie­ren, mit­tels ei­ner du­bio­sen Kryo­tech­nik zu be­han­deln und nach Bul­ga­ri­en zu über­füh­ren; dort­hin wo sie, so sei­ne Mei­nung, hin­ge­hö­ren. Auch die El­tern der bei­den Schwe­stern ge­hö­ren da­zu und die Äl­te­re trotzt Ta­ba­koff sa­gen­haf­te 70.000 Eu­ro für die Ge­neh­mi­gung ab (der an­fangs nur zehn­tau­send ge­ben woll­te).

Die Ko­lon­ne mit ins­ge­samt drei­zehn Lu­xus­li­mou­si­nen (ih­re Schei­ben wa­ren ge­schwärzt) setzt sich von De­ger­loch aus in Be­we­gung, man speist in den vor­züg­lich­sten Re­stau­rants, über­nach­tet in den be­sten Ho­tels bis man end­lich in So­fia ans Ziel kommt und in ei­ner gran­di­os ge­plan­ten In­sze­nie­rung (die dann un­ge­wollt et­was pro­fa­ner aus­fällt) die fei­er­li­che Be­stat­tung vor­nimmt. Hier ler­nen die bei­den Schwe­stern Rum­en ken­nen und sie ma­chen sich aus dem Staub um das Land auf ei­ge­ne Faust »neu« zu ent­decken. Da­mit be­ginnt das (nicht chro­no­lo­gisch er­zäh­len­de) Buch.

Die Über­füh­rung der sterb­li­chen Über­re­ste hat ein biss­chen was von Gra­ham Swifts »Letz­te Run­de«; die Haupt­prot­ago­ni­sten er­in­nern an Hand­kes Mau­er­schau­er (die ru­hi­ge Schwe­ster) und Spiel­ver­der­ber (die Er­zäh­le­rin) und dem Ein­hei­mi­schen (Rum­en) aus dem »Spiel vom Fra­gen«. Die Er­zäh­le­rin mä­kelt bei je­der sich bie­ten­den Ge­le­gen­heit an den Zu­stän­den die­ses Lan­des her­um. Bul­ga­ri­en sei ein ver­zwei­fel­tes Land und ver­baut, ver­patzt, ver­dreckt. Das asch­graue Meer – leer­ge­fischt. Das bul­ga­ri­sche Es­sen? Ein in schlech­tem Öl er­sof­fe­ner Matsch. Bul­ga­ri­sche Kost sei ab­scheu­lich, und zwar oh­ne je­de Aus­nah­me. Die Ho­tels sind häss­li­che Groß­blöcke, die ih­re Gä­ste mit rhom­ben­ge­mu­ster­ten Tep­pich­bo­den emp­fan­gen, die wie das Auf­marsch­ge­län­de zu ei­ner mo­nu­men­ta­len Fuß­pilzhölle wir­ken. Wenn die Er­zäh­le­rin be­ginnt, Ru­mä­ni­en zu prei­sen, schrei­tet Rum­en ein und ver­tei­digt sein Land, wäh­rend die Schwe­ster (mit ih­rem pro­te­stan­ti­schen Athe­is­mus) ver­meint­lich teil­nahms­los bleibt (die Haupt­waf­fe der Schwe­ster: Sie ist nicht an­we­send) und nur ein­mal, ge­gen En­de, ex­plo­diert sie; dann je­doch mit Ver­ve (ei­ne herr­li­che Sze­ne wi­der Mu­sik­be­schal­lun­gen in Re­stau­rants).

Der »Kri­sto-Va­ter«

Wir er­fah­ren viel über die bul­ga­ri­sche Emi­gran­ten­sze­ne spe­zi­ell in Stutt­gart und noch spe­zi­el­ler aus dem Um­feld der Fa­mi­lie der bei­den Schwe­stern. Ihr Va­ter kam 1943 zum Stu­di­um nach Tü­bin­gen (Bul­ga­ri­en war Ver­bün­de­ter des na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Deutsch­land), kehr­te 1946 nach Bul­ga­ri­en zu­rück, wur­de dort ver­haf­tet und zur Mit­ar­beit zum Geheim­dienst ver­pflich­tet (das er­fährt die Er­zäh­le­rin erst wäh­rend der Ta­ba­koff-Fahrt, al­so neun­und­drei­ssig Jah­re nach dem Tod des Va­ters), be­vor er wie­der nach Deutsch­land (Stutt­gart) ging und prak­ti­zie­ren­der Arzt wur­de. Er wird als zu­rück­hal­tend, weich, spä­ter de­pres­siv ge­schil­dert (als die Er­zäh­le­rin in die Schu­le kommt, wur­de er mehr und mehr zum Fin­ster­ling. Ein Fin­ster­ling, der die Her­zen sei­ner Kin­der ver­dü­ster­te) und nahm sich (es muss wohl in den spä­te­ren 60er Jah­ren ge­we­sen sein) das Le­ben. Die (deut­sche) Mut­ter hat den Tod nie ver­kraf­tet; im Ge­gen­satz zum im­mer wie­der er­scheinenden und her­bei­be­schwo­re­nen Va­ter bleibt sie im Buch bis auf we­ni­ge Sze­nen selt­sam sche­men­haft.

Ne­ben der bul­ga­ri­en­has­se­ri­schen Er­zähl­ebe­ne, die ko­misch-skur­ril an­ge­legt ist und manch­mal nur haar­scharf an (ver­däch­tig epi­go­na­lem) bern­hard­schem Über­trei­bungs­fu­ror vor­bei­schrammt (da­bei ge­le­gent­lich nervt, was al­ler­dings durch­aus be­ab­sich­tigt sein könn­te um dem Duk­tus der Er­zäh­le­rin ge­recht zu wer­den), der im­po­sant-ku­rio­sen Über­füh­rungs­rei­se (Ta­ba­koff und sei­ne En­tou­ra­ge wir­ken wie me­dio­kre Ma­fia-Pa­ten oder de­ren Imi­ta­tio­nen) und der be­hut­sam sich ent­wickeln­den, fast keu­schen Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Rum­en und der Schwe­ster (nur ein­mal ver­irrt sich ei­ne Hand auf ein Knie) gibt es dich­te Er­in­ne­rungs­sze­nen, Aus­wei­se un­er­wi­der­ter Va­ter­lie­be, die der Er­zäh­le­rin auf die­ser Rei­se (noch ein­mal? wie­der?) her­vor­bre­chen; der wah­re Kern die­ses Bu­ches.

Dann zeigt sich die­ses kratz­bür­sti­ge, ner­vi­ge Plap­per­maul als ver­letz­li­che Per­son de­ren Va­ter­haß nur äu­sser­li­cher Schutz ist (ver­mut­lich wird so auch der Län­der­haß; auf Bul­ga­ri­en er­klär­bar). Aus dem Va­ter-Kri­sto, an­fangs kein wert­vol­ler Va­ter, der da weg­ge­stor­ben ist son­dern bloss ein al­ber­ner Bul­ga­re wird dann plötz­lich ein ver­bli­che­ner Held aus ei­ner ver­schwom­me­nen Ge­schich­te und die sel­te­nen Sonn­tags­aus­flü­ge wer­den als voll­kom­me­nes Glück evo­ziert.

Un­ser Va­ter war ein aus­ge­zeich­ne­ter Len­ker heisst es da (Rum­en in sei­nem Daihatsu – ein Er­satz­va­ter, so kommt es da dem vul­gär­psy­cho­lo­gisch ver­dor­be­nen Le­ser in den Sinn) und sei­ne Klei­dung ent­sprach der des Au­to­mo­bi­li­sten der drei­ßi­ger Jah­re. …Er ra­ste nicht, fuhr we­der lahm noch ruck­haft, fluch­te nie. Trotz­dem wur­de mir je­des Mal schlecht, und es war die Auf­ga­be mei­ner Schwe­ster, nach vor­ne zu mel­den, dass wir an­hal­ten müss­ten. Wie im­mer saß ich auf der rech­ten Sei­te, um schnell die Tür öff­nen zu kön­nen, kotz­te rou­ti­niert, kehr­te zu­rück al­le wa­ren dar­an ge­wöhnt. Da­nach wur­de ich über­mü­tig und kas­per­te mit mei­ner Schwe­ster laut­los herum…Kein Wort ent­schlüpf­te uns, ein un­ter­drück­tes Ki­chern höch­stens, das so­fort ab­brach, wenn sich un­se­re Mut­ter nach uns um­dreh­te. Frei­wil­li­ges Schwei­gen: In ge­ein­ter Stumm­heit räch­ten wir uns an den fal­schen El­tern, die glaub­ten, uns mit ei­ner lä­cher­li­chen Gut­wet­ter­ak­ti­on da­von über­zeu­gen zu kön­nen, sie führ­ten sich wie rich­ti­ge auf. Frei­mü­tig heisst es Die gro­sse Lie­be zu mei­ner Schwe­ster rührt von die­sen ge­mein­sa­men Kämp­fen her und die Re­si­gna­ti­on (Er­nüch­te­rung?) der Ge­gen­wart über­la­gert dann plötz­lich die Er­in­ne­rung: Aber aus mei­ner Schwe­ster ist längst ei­ne ge­schmei­di­ge Er­wach­se­ne ge­wor­den, die al­les nimmt, wie’s kommt, und sehr im Un­ter­schied zu mir fast al­les ver­zeiht. (Spä­ter er­fah­ren wir, dass sie zwei Kin­der hat, de­nen nicht ein­mal die Tragik…vergönnt sei.)

Aber die­ses Nicht-Ver­zei­hen, die­ses nach­tra­gen­de Ele­fan­ten­ge­dächt­nis ist auch schon wie­der ein biss­chen Po­se. Es geht auch ge­fühl­vol­ler, wie die­se hei­te­re Er­in­ne­rung an den Va­ter – oh­ne die Schwe­ster (das be­deu­tet Ver­rat) ‑und das Boll­werk der Ver­schwö­rung bröckelt so­fort: Der Va­ter lieb­te es, wenn ich ihm aus der ‘Stutt­gar­ter Zei­tung’ vor­las – be­vor ich le­sen konn­te. Er amü­sier­te sich kö­nig­lich, wenn ich wür­de­voll die Zei­tung ent­fal­te­te und nach ei­nem ge­eig­ne­ten Ar­ti­kel Aus­schau hielt, gluck­ste vor La­chen, wenn ich an­fing zu le­sen, sporn­te mich an und be­dach­te mich am En­de mei­nes Vor­trags mit ei­nem zar­ten Kuß. So sehr ge­noß ich die­ses Pri­vi­leg, dass ich an man­chen Ta­gen mit we­nig an­de­rem be­schäf­tigt war, als mir aus­zu­den­ken, was ich dem Va­ter am Abend vor­le­sen wür­de.

Tank­stel­len­luft, Fen­ster­ste­her und Rauch­ka­nail­len

Ein an­der­mal fah­ren sie an Gär­ten vor­bei und plötz­lich die Er­in­ne­rung an den klei­nen Bal­kon in De­ger­loch, der eben­falls nach hin­ten in die Gär­ten hin­ein­schweb­te, an die Klein­gärt­ner und Au­to­bast­ler mit al­ler­hand Ge­rät­schaf­ten in und ne­ben der Garage…ein Ge­wur­stel, wenn auch kein bul­ga­ri­sches, son­dern ein über­leg­tes, schwä­bisch hart­näckiges. Und an die aus­la­den­den Äste des Birn­baums, die mit Stüt­zen ver­se­hen wa­ren; som­mers hing er schwer an sei­nen Krücken, im Win­ter be­haup­te­te er ei­sern und starr sei­nen Platz. Als viel­ar­mi­ger Greis, der in ei­ner dro­hen­den Be­we­gung hin und her schwang und den Schnee von sich schüt­tel­te, plötz­lich ren­nen konn­te und die Stöcke hob, gei­ster­te er durch mei­ne Träu­me. Und ge­gen­über die rie­si­ge Tan­ne, die im Sturm rausch­te, als un­ter­hal­te sie sich mit ih­ren Schwe­stern im Schwarz­wald. Der Va­ter starb mit 43 (die Er­zäh­le­rin war da im Teen­ager­al­ter); der Birn­baum als viel­ar­mi­ger Greis – Wi­der­schein für den so in­nig ver­miss­ten Va­ter?

Epi­pha­ni­en, auch (oder ge­ra­de?) beim ei­nem dü­ste­ren Stilleben mit der Mut­ter, der al­ko­ho­li­sier­ten Rauch­ka­nail­le (wo­bei Rauch­ka­nail­le durch­aus eh­ren­voll ge­meint sein soll, aber wie nennt man ei­nen Men­schen, der 80 Zi­ga­ret­ten am Tag raucht?). Die Mut­ter, kurz vor ih­rem Tod (das war 2001), wie sie Nacht für Nacht am ho­hen, er­leuch­te­ten Fen­ster über das zer­stückel­te De­ger­loch schaut…Blutwolken über den Dä­chern von De­ger­loch. Kal­ter Be­ton der acht­zi­ger Jah­re. Ein har­ter Mond über den Ne­on­leuch­ten. Tankstellen­luft. Klein­ge­häu­sel­tes. Nach­barn er­zähl­ten, sie ha­be re­gungs­los am Fen­ster ge­stan­den, ewig lang, wenn das Bild auf­taucht, packt’s mich. Un­ser Va­ter war näm­lich auch so ein ent­setz­li­cher Fen­ster­ste­her ge­we­sen Hals tief im Nacken ver­senkt, wort­taub, wo­mit er die Gast­ge­ber ver­stör­te. Das sind Bil­der, die sich wie Säu­re ins Hirn fres­sen, so spricht sie, die Er­zäh­le­rin, ein biss­chen schnod­de­rig und ver­sucht da­mit, das Pa­thos der Wie­der-Ho­lung, die Me­lan­cho­lie, zu ver­scheu­chen.

Was auch oft ge­nug (zu oft?) ge­lingt, et­wa wenn die­ser über­schäu­men­de Mit­tei­lungs­drang in hal­lu­zi­na­to­ri­sche Wachträu­me über­geht. Oder sich auf ei­nem De­tail ei­ne rie­si­ge Theo­rie ent­wickelt (ei­ne, wie be­haup­tet wird, lan­des­ty­pi­sche Ei­gen­schaft) oder kräf­tig der bul­garische[n] Nei­gung, Ge­rüch­ten Glau­ben zu schen­ken ge­frönt wird (et­wa wenn es heisst, der Va­ter sei – wahl­wei­se – vom Ge­heim­dienst er­mor­det oder von sei­ner deut­schen Frau ver­gif­tet wor­den) und die­se mit kind­li­cher Lust wei­ter­phan­ta­siert wer­den. Wundersüch­tige Nei­gun­gen at­te­stiert die Er­zäh­le­rin sich selbst und stel­len­wei­se be­wundert man die Ge­duld der bei­den Mit­rei­sen­den (und der Le­ser wird im Lau­fe des Bu­ches ent­we­der zum Kom­pli­zen – oder zum Geg­ner).

Aber manch­mal ge­lin­gen eben wun­der­ba­re Be­schrei­bun­gen, et­wa von Pflanzenkübel[n], aus de­nen es mit ei­ner Ver­zweif­lung blüht, den zu­fal­len­den Schlaf­häu­ten (Au­gen­li­der), den Ge­nicken mit de­nen die drei mü­de über den Tel­lern [hän­gen] oder dem Är­ger, der bei der Schwe­ster an ih­ren ver­schlier­ten Herzkammern…schmaust. Beim Be­such bei Rum­ens Schul­freund, dem Ma­fio­so Sasch­ko und sei­ner ex­al­tier­ten Frau, gibt es herr­li­che Dar­stellungen bal­ka­ne­sisch-prot­zi­gen Ein­rich­tungs­kit­sches, wo­bei die niederschmet­terndste (und tref­fend­ste) Wahr­neh­mung aus der pro­fa­nen Fest­stel­lung Nir­gend­wo ein Buch be­steht. Die Schwe­stern wol­len flie­hen, wäh­rend Rum­en im rie­si­gen Pool noch ei­ne Run­de plantscht.

Dis­kre­pan­zen

Das as­so­zia­ti­ve, aus­ho­len­de, teil­wei­se phan­tas­ma­go­rische Er­zäh­len ver­langt den ge­dul­di­gen und vor al­lem auf­merk­sa­men Le­ser. Ein, zwei Sät­ze zu schnell oder un­kon­zen­triert ge­le­sen – und schon ist man plötz­lich raus aus der Ge­schich­te, dem Ge­dan­ken, dem Traum. Wo­mit ge­sagt sein soll, dass Le­witschar­off ei­ne prä­zi­se und ge­naue Sti­li­stin ist. Nur äu­sserst sel­ten geht ihr der Er­zähl­gaul durch und ih­re Prot­ago­ni­stin ver­hed­dert sich ih­ren As­so­zia­ti­ons­ket­ten. Das sie die Er­zähl­per­spek­ti­ve nie wech­selt, kann man be­dau­ern, ihr aber nicht vor­wer­fen. So bleibt die­ses Buch zwar ei­ner­seits mono­perspektivisch, an­de­rer­seits je­doch ver­wäs­sert Le­witschar­off da­durch nicht die Ein­drücke, weil der Le­ser auf ei­ne Er­zäh­le­rin fi­xiert bleibt und nicht auf an­de­re »Mei­nun­gen« aus­wei­chen kann.

Den­noch: »Apo­stol­off« lässt den Le­ser am En­de eher rat­los zu­rück. Ei­ni­ge bio­gra­fi­sche Par­al­le­len könn­ten den Schluss na­he­le­gen, in der Er­zäh­le­rin das Al­ter Ego von Si­byl­le Le­witschar­off zu er­ken­nen. Man könn­te es als »Ab­rech­nung« oder spä­ten Emanzipations­versuch von den El­tern deu­ten. Viel­leicht ist es so – viel­leicht auch nicht. Für die (li­te­ra­ri­sche) An­nä­he­rung ist das al­ler­dings (zu­nächst) ziem­lich un­in­ter­es­sant. Mit au­to­bio­gra­fi­schen Aus­deu­tun­gen ba­na­li­sie­ren ei­ni­ge Re­zen­sen­ten die ei­gent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem vor­lie­gen­den »Stück Li­te­ra­tur«. Man trans­fe­riert das Ge­schrie­be­ne ein­fach auf den Au­tor und klopft es mit des­sen Bio­gra­phie ab. Statt Li­te­ra­tur­kri­tik wird dem Le­ser ei­ne Art Kon­for­mi­täts-Me­mo­ry un­ter dem Schlag­wort der »Au­then­ti­zi­tät« un­ter­ge­ju­belt.

Die ge­heim­nis­voll­ste Fi­gur im Buch ist die Schwe­ster mit ih­rem pro­vo­zie­ren­den Ge­sund­heits­weiß, und dem merk­wür­di­gen Gang, die­ser gewisse[n] elastische[n] Art (ein­mal ko­kett mit der Lin­ken, oh­ne sich um­zu­dre­hen we­delnd). Rum­en und sie dürf­ten ein Paar wer­den und die Er­zäh­le­rin kehrt wie­der zu­rück nach Stutt­gart.

Die Fi­gur der Ich-Er­zäh­le­rin, mit der das Buch letzt­lich steht und fällt, bleibt am­bi­va­lent. Viel­leicht ris­kiert Si­byl­le Le­witschar­off zu we­nig: Zu ge­schlif­fen und zu »sau­ber« wirkt die­ses Buch. Die Fi­gur bleibt zwi­schen der ma­gi­schen Traum- und Evo­ka­ti­ons­welt ih­rer Kind­heit und dem Rea­lis­mus der schmut­zi­gen bul­ga­ri­schen Strän­de und häss­li­chen Ho­tels in der Schwe­be.

Wenn die­se Er­zäh­le­rin schon un­ge­dul­dig, akri­bisch de­tail­ver­ses­sen und as­so­zia­tiv da­her­kommt, war­um wirkt sie nur wie ein Wild­fang? Ei­ner­seits kri­ti­siert sie klug und wort­ge­wandt al­les und je­den – an­de­rer­seits gibt sie sich mit der Lek­tü­re von Mar­tin Amis zu­frie­den. Ei­ner­seits muss sie über fünf­zig Jah­re sein – an­de­rer­seits hat man manch­mal das Ge­fühl, ei­nem bocki­gen Teen­ager zu­zu­hö­ren. Wo bleibt das Dop­pel­bö­di­ge, das Ab­grün­di­ge (das Dia­bo­li­sche)? Nicht, dass es gänz­lich in­exi­stent sei; al­le Haupt­fi­gu­ren be­sit­zen durch­aus An­la­gen zum Tief­gang.

Et­wa wenn sie von ih­rer Drecks­mi­grä­ne er­zählt, die­ser Thea­ter­krank­heit und dann kommt das Ge­spräch auf das Mit­leid, die Fra­ge Je Mit­leid ge­habt? Ich hö­re und es bricht aus ihr her­aus: Kei­nes. Mit der ster­ben­den Mut­ter nicht, mit über­haupt nie ei­nem Men­schen, höch­stens mit ver­wahr­lo­sten Stra­ßen­kö­tern und strup­pi­gen Kat­zen… Be­ein­druckend (auch wie es wei­ter­geht), aber wä­re ein sol­cher Mensch nicht wider­sprüchlicher, un­beug­sa­mer, sper­ri­ger, aso­zia­ler als die hier prä­sen­tier­te Fi­gur, die dann doch zu oft nur als pos­sier­lich-skur­ri­le Au­ssen­sei­te­rin da­her­kommt?

Die Su­chen­den, die wirk­lich Un­ge­dul­di­gen, die an der Fül­le des Au­gen­blicks nicht nur ver­zwei­feln, son­dern im­mer noch neu­gie­ri­ger wer­den – die­se Fi­gu­ren der voll­kom­me­nen Hin­ga­be an der Welt (oder ge­gen die Welt – je nach La­ge und Lau­ne) gibt es – auch und ge­ra­de in der Li­te­ra­tur*. Si­byl­le Le­witschar­offs na­men­lo­se Er­zäh­le­rin ist es nur teil­wei­se, da­her er­greift sie den Le­ser zu sel­ten, son­dern fo­kus­siert sich (lei­der) zu sehr auf das vor­der­grün­di­ge Amü­se­ment.


Die kur­siv ge­druck­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch.

33 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nur rasch ein Hin­weis...
    und zwar auf das – dies­mal für ei­nen Li­te­ra­ten aus­nahms­wei­se ein­mal wirk­lich das Buch er­hel­len­de – In­ter­view in der ak­tu­el­len »Voll­text«: Macht mit al­lem Wei­te­ren, was man so hört, im­mer mehr Neu­gier auf das Buch.

  2. Voll­text
    war mir bis jetzt un­be­kannt – ich schrei­be aus der USA – und scheint nichts seit Ja­nu­ar 2008 auf ih­rer Web­site zu ha­ben. xx m.r.

  3. Apro­pos Bul­ga­ri­en
    Ver­bün­det mit Na­zi Deutsch­land nur im Sin­ne dass da ei­ne fa­schi­sti­sche Re­gie­rung nach der Con­qui­sta
    auf­ge­stülpt wur­de. Die Bul­ga­ren wa­ren, au­sser Ser­bi­en, das ein­zi­ge Land das sei­ne [haupt­säch­lich Se­phar­di­schen] Ju­den von der
    Aus­mer­zung durch die Deut­schen ge­schützt hat, das konn­te man al­so.
    Ein von zwei Grün­den war­um die Bul­ga­ren so pro-So­viet/ pro-Rus­sisch wäh­rend des »kal­ten Krie­ges« wa­ren hat da­mit zu tun, dass sie sich von der »Ro­ten Ar­mee« be­freit fühl­ten; so­wie im 19ten Jahr­hun­dert von der »Tür­kisch
    Ot­to­m­an­schen« Ober­herr­schaft.

    Ein Land vie­ler Dich­ter, we­ni­ger Ro­man­ciérs, aber sehr al­ter Tra­di­tio­nen, wel­ches nach dem es sich für die USSR ent­schied, schnell­stens von ei­nem haupt­säch­lich klein land­wirt­schaft­li­chen Land in ein gross­agro­no­mi­sches ver­wan­del­te; Brot­ki­ste schon seit Roe­mi­schen Zeiten,aber nach 1947 [der Er­mor­dung von Tito’s Freund Di­mitroff, der waeh­rend des Reichs­tags­brand be­rühmt in Ber­lin weil­te] un­dEin­ver­lei­bung un­ter die Schirm­herr­schaft Sta­lins schnell­stens auf gross Kol­cho­sisch mach­te, da wur­de u.a. der Ta­bak ge­pflanzt für all die Marl­bo­ros die in West Eu­ro­pa ge­raucht wur­den.

    Was der Keu­sch­nig von dem Buch be­rich­tet, errin­nert auch an Faulkner’s AS I LAY DYING, die­se Be­gräb­nis Fahrt.

  4. @mikerol69
    Sor­ry , did­n’t me­an to igno­re your com­ment... but ac­tual­ly I’m mo­re or less igno­ring my own blog right now (wri­ting el­se­whe­re).
    (Gon­na fol­low you’­re links ’n pa­ges la­ter...)

    But Voll­text may­be would be in­te­re­st­ing to you!
    Au­stria ba­sed, pret­ty much wi­th a dif­fe­rent look from the­re but ful­ly up to date re­gar­ding the lit-agen­da (if any ap­plies), its worth re­a­ding! You should gi­ve it a look, re­al­ly!

    Did you know the sto­ry how PH met Ka­rad­zic (at least ac­cor­ding to Nor­bert Gst­rein)? Never found it el­se­whe­re... Less a scan­dal than amusing! And weird!

  5. @mikerol
    Die Rol­le Bul­ga­ri­ens wäh­rend der NS-Zeit und auch die Treue zur So­wjet­uni­on wird im Buch am Ran­de ge­streift; vor al­lem der Tod von Bo­ris III 1943 (da gibt es ei­ni­ge Ver­schwö­rungs­theo­rien). Die Ju­den­ret­tung hab’ ich nicht ge­fun­den (wür­de zur Haupt­fi­gur pas­sen, die nur das Ne­ga­ti­ve am Bul­ga­ri­schen sieht).

  6. Was ich jetzt noch nicht be­grif­fen ha­be: Was ge­nau will die Au­torin mit der Er­zäh­le­rin des Bu­ches er­rei­chen oder be­wir­ken?
    Geht es um ei­ne Aus­söh­nung mit der Fa­mi­li­en­ge­schich­te, um die An­nä­he­rung an ein Land, um die Ver­ar­bei­tung al­ter Er­in­ne­rung oder um Ab­schied?

  7. Was ein Autor/eine Au­torin
    »be­wir­ken« will, ist für mich im­mer se­kun­där; ich hab’s als rhe­to­ri­sche Fra­ge der 08/15-Kul­tur­jour­na­li­sten ein­ge­bracht. Was »will« man mit Li­te­ra­tur?

  8. Gut, für Sie ist die Ab­sicht der Au­torin se­kun­där. Aber ist es nicht so, dass die In­ten­si­on der Au­torin die sti­li­sti­sche Form des Bu­ches be­ein­flusst, wenn nicht so­gar grund­sätz­lich prägt? Ich mei­ne, der Ab­sicht ent­spre­chend fällt der Blick aus, mit dem die Au­torin den Cha­rak­ter der (in Le­witschar­offs Fall na­men­lo­sen) Er­zäh­le­rin und die Fi­gu­ren im Ro­man als Han­deln­de aus­stat­tet.
    Ich den­ke da jetzt zu Le­witschar­offs Bul­ga­ri­en­rei­se ver­glei­chend an »Mein ru­mä­ni­sches Ta­ge­buch« von Eli­sa­beth Kraus-Kas­segg. Dar­in reist die Au­torin und Er­zäh­le­rin 1940 nach Ru­mä­ni­en, um dort bei der Auf­lö­sung der Haus­hal­te von 96.000 Bu­ko­wi­na-Deut­schen, die nach Deutsch­land aus­ge­sie­delt wer­den sol­len, mit­zu­hel­fen. Ih­re da­ma­li­ge Ab­sicht war, als tüch­ti­ge Frau bei ei­ner (ver­meint­lich) gu­ten Sa­che zu hel­fen, und auch »et­was zu er­le­ben«. Mit die­ser Ab­sicht rich­tet sich der Blick der Schrei­be­rin auf die Rei­se, die Men­schen, die Si­tua­ti­on und die Land­schaf­ten die ihr be­geg­nen. Im Ta­ge­buch tau­chen folg­lich Aus­sa­gen wie »Da ich für zi­vi­li­sier­te Ver­hält­nis­se sor­gen woll­te ...« auf. Der Blick der Ta­ge­buch­schrei­bern rich­tet sich auf Schmutz und Un­ord­nung in ru­mä­ni­schen Häu­sern und auf ei­ne Un­ge­pflegt­heit der ru­mä­ni­schen Be­völ­ke­rung. Es wer­den an­de­re Hel­fe­rin­nen zi­tiert, die hoch­mü­tig zu sa­gen wag­ten: »Wo die Män­ner das Hemd über der Ho­se tra­gen, dort gibt es kei­ne Kul­tur.« Ge­gen­tei­li­ges wird im Buch nicht er­wähnt, so­dass man als Le­sen­de ge­neigt sein könn­te, zu glau­ben, ru­mä­ni­sche Haus­hal­te wä­re da­mals grund­sätz­lich schmut­zig, chao­tisch und vol­ler Un­ge­zie­fer ge­we­sen. Mit dem Blick und der Rol­le als »Hel­fe­rin« rich­tet sich die Auf­merk­sam­keit auf »Hilf­lo­se und Hilfs­be­düf­ti­ge« und prägt den Stil des Ta­ge­bu­ches mit.

    Bei »Apo­stol­off« ist die beip­siels­wei­se die Re­de von ei­ner bul­ga­ri­en­has­se­ri­schen Er­zähl­ebe­ne. Mit ei­ner sol­chen rich­tet sich der Blick der Schreiberin/Erzählerin ent­we­der dar­auf, die Ge­füh­le des Has­ses zu be­stä­ti­gen, al­so Grün­de hie­für zu sam­meln oder zu lie­fern. Oder die In­ten­si­on rich­tet sich im Ver­lauf des Ro­mans in die ent­ge­gen­gestzte Rich­tung: den Hass zu be­wäl­ti­gen und die ge­fühls­mä­ßi­ge Ge­bun­den­heit dar­an auf­zu­lö­sen.

    Wür­de es bei­spiels­wei­se die Ab­sicht der Au­torin ge­we­sen sein, die Schön­heit bul­ga­ri­scher Land­schaft und Kul­tur­reich­tü­mer den Le­sen­den na­he­zu­brin­gen, wür­de sich der Blick auf ei­ne dem­entspre­chen­de Er­zähl­ebe­ne ge­rich­tet ha­ben – auch wenn dies für se­kun­där er­ach­tet wird.Für mich stellt sich schon die Fra­ge, was da­mit er­eicht wer­den sol­le, wenn nur ein­sei­tig ei­ne neag­ti­ve Sicht über Bul­ga­ri­en trans­por­tiert wird.

  9. Ich ken­ne das Buch von Eli­sa­beth Kraus-Kas­segg nicht (ha­be nur hier et­was über die Au­torin ge­fun­den), aber mir sind per se Bü­cher (und de­ren Au­toren) su­spekt, die vor­der­grün­dig mit ih­ren Bü­chern et­was an­de­res wol­len als zu er­zäh­len.

    Die bul­ga­ri­en­has­se­ri­sche Ebe­ne bei Apo­stol­off ha­be ich mit Tho­mas Bern­hard (und sei­nem Öster­reich-Hass) ver­gli­chen, wo­bei (hier wie dort) nicht klar ist, ob die­se ne­ga­ti­ven Äu­sse­run­gen nicht das Ge­gen­teil des­sen sind, was sie schei­nen. Das lässt die Au­torin (glück­li­cher­wei­se) in der Schwe­be und setzt in der Fi­gur des Rum­en Apo­stol­off (der Ti­tel­fi­gur!) ei­nen Kon­tra­punkt zur Sei­te. Das ist sehr viel in­ter­es­san­ter her­aus­zu­ar­bei­ten als in nor­ma­len Ka­te­go­rien vor­der­grün­di­ge In­ten­tio­nen auf­zu­spü­ren (was ei­gent­lich mei­ne Auf­ga­be, wie ICH sie ver­ste­he, nicht sein kann; ich bin schliess­lich KEIN Re­zen­sent).

    Wenn ich sa­ge, dass mir die In­ten­ti­on des Au­tors nicht so wich­tig ist, dan mei­ne ich, dass es für mich als Le­ser ei­nes Bu­ches kei­ne not­wen­di­ge (eher ei­ne stö­ren­de) In­for­ma­ti­on ist, zu er­fah­ren, dass ein Au­tor sei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te »auf­ar­bei­ten« oder sich et­was von der See­le schrei­ben woll­te, usw. Das möch­te ich nicht er­fah­ren, das möch­te ich e r l e s e n.

    (Ich er­in­ne­re mich an ein Ge­spräch mit dem Pu­bli­kum, wel­ches Hand­ke zu­sam­men mit Pey­mann nach ei­ner Auf­füh­rung sei­nes Stückes »Das Spiel vom Fra­gen« gab. Das Stück dau­er­te rund zwei­ein­halb Stun­den. Ein Zu­schau­er frug Hand­ke, was er mit dem Stück aus­drücken woll­te. Hand­ke re­agier­te der­art zor­nig, dass er das Mi­kro­phon, was vor ihm auf­ge­stellt war, um­warf. Die Fra­ge fass­te er als Be­lei­di­gung auf; m. E. zu recht. Da hat­ten nun al­le Be­tei­lig­ten zwei­ein­halb Stun­den ein Stück ge­se­hen, wel­ches ih­nen ent­we­der ge­fal­len hat­te oder nicht, viel­leicht Fra­gen auf­warf – aber statt die­se Fra­gen zu stel­len, gab es die Al­let­welts- und Sinn­lo­sog­keits­fra­ge Num­mer Eins: Was wol­len Sie mit dem Stück sa­gen? – Bei Buch­be­spre­chun­gen ist das et­was an­ders: Sie ha­ben das Buch nicht ge­le­sen, da­her er­scheint die Fra­ge nach der In­ten­ti­on lo­gisch. Ich glau­be al­ler­dings, dass mei­ne Be­spre­chung schlecht ist, wenn sie solch ei­ne Fra­ge auf­wirft.)

  10. Sie mö­gen mir ver­zei­hen, dass ich ge­ra­de Ih­nen die­se Fra­ge nach ei­ner mög­li­chen In­ten­si­on der Au­torin ge­stellt ha­be.
    Viel­leicht liegt es dar­an, dass ich nach dem wie­der­hol­ten Le­sen des Bei­trags ein we­nig ver­stört zu­rück­ge­blie­ben bin, mit der Fra­ge: Was könn­te mich an dem Buch in­ter­es­sie­ren, dass ich es voll­stän­dig le­sen wür­de?

  11. apro­pos VOLLTEXT
    auch der oben an­ge­ge­be­ne Link fuehrt nur zu Zeug das ein Jahr alt ist, hat wohl den Geist auf­ge­ge­ben. In­ter­es­sant war es schon in­wie­fern ich das auf An­hieb be­ur­tei­len kann..

    [EDIT: 2009-02-22 22:29]

  12. VOLLTEXT ist ei­ne net­te Zeit­schrift; ich le­se sie ge­le­gent­lich. Der Web­auf­trtt ist ei­ne Ka­ta­stro­phe.

    Es stimmt mich skep­tisch, wenn Schriftsteller/innen in In­ter­views im­mer ih­re Bü­cher er­klä­ren. Hier wä­re ich aber sehr neu­gie­rig; viel­leicht kann en-pas­sant da­zu was sa­gen?

    [EDIT: 2009-02-23 17:19]

  13. Vol­le und hal­be Tex­te
    Na­tür­lich ist Le­witschar­off – die eh klug ist -, viel zu klug, ihr Buch zu er­klä­ren; sie ant­wor­tet aber (zu­min­dest für mich) ei­ni­ger­ma­ßen er­hel­lend und aus­führ­lich (!) auf Fra­gen, die an sich klug sind (zu eben ei­ni­gen wich­ti­gen Mo­ti­ven des Buchs).

    Dass es dar­auf aber viel­leicht nicht an­kommt, konn­te man am WE bei ei­ner Re­zen­si­on von je­man­dem le­sen, vom den ich mir über­li­cher­wei­se sonst nicht viel er­hof­fe. Es ist ei­ne le­sens­wer­te (das Buch in Tei­len er­hel­len­de) Re­sen­si­on ge­wor­den.

    Zu Voll­text: Dass die Zei­tung sich dem dem nicht auch noch ei­nen glo­rio­sen In­ter­net­auf­tritt lei­sten kann, kommt mir ver­ständ­lich vor. Ich mes­se ei­ne sol­che Zei­tung eher nach dem, was sie mir an an­ders­wo nicht ge­bo­te­nen Lek­tü­ren lie­fern.

     

    [EDIT: 2009-02-23 17.53]

  14. die re­zen­si­on in der welt
    ver­lei­tet dem buch ei­ne wei­te­re di­men­si­on, da der re­zen­sent sei­ne be­schrei­bung und ur­teil auch im ge­samt­werk des autor’s an­sie­delt. trotz­dem wird das buch bei mir auf der gro­ssen nach­hol rei­se mit dem »tramp steam­er« in den drit­ten »steam­er trunk« ge­packt.

  15. @en-passant / mik­e­rol – Re­zen­si­on in der »Welt«
    Dan­ke für den Link. Dass dies ein Buch mit re­li­giö­ser Di­men­si­on sein soll – das ist mir dann tat­säch­lich »durch­ge­gan­gen« (aus­ge­rech­net mir).

    In ei­nem scheint der Re­zen­sent nicht auf der Hö­he: »Kryo­tech­nik« ist sehr wohl ein Ver­fah­ren, wel­ches auch bei Be­stat­tun­gen an­ge­wandt wird; er scheint da aus­schliess­lich die me­ta­pho­ri­sche Ebe­ne zu se­hen.

    In der »Be­sten­li­ste« des SWR für März wird das Buch auf Platz 2 ge­führt wer­den. Hin­ter Phil­ip Roth.

  16. man soll­te sich die zeit neh­men
    je­des buch ueber das man schreibt min­de­stens zwei­mal le­sen. bei hand­ke war’s bei mir all ge­mein fue­nef mal, beim del gre­dos nur drei­mal, aber auch nicht so­fort hin­ter­ein­an­der, und des­we­gen ha­be ich in die­sem fall, trotz al­ler kennt­nis und und emp­find­sam­keit, be­stimmt vie­les ver­passt. vi­de:

    http://www.handke-discussion.blogspot.com

    tschuess, bis bald, au bien­tot...

  17. »Del Gre­dos« drei­mal – al­le Ach­tung! Ich ge­ste­he, die­ses Buch bei ein­ma­li­gem Le­sen nicht ver­stan­den zu ha­ben. Ich ha­be es aber auch nie be­spro­chen und wür­de es auch nicht tun.

    Ich glau­be, dass vie­le Re­zen­sen­ten die Bü­cher nicht mehr voll­stän­dig le­sen. Ei­ni­ge Ver­la­ge bie­ten vor­ge­fass­te In­halts­an­ga­ben, aus de­nen dann nach Lust und Lau­ne zi­tiert wird; der tat­säch­li­che Vor­gang der »Kri­tik« fin­det im­mer sel­te­ner statt (die Be­spre­chung von »Apo­stol­off« in der »Welt« ist da­von aus­drück­lich aus­ge­nom­men). Im deut­schen Fern­se­hen gibt es bald ei­ne neue Li­te­ra­tur­sen­dung. Ei­ne Tri­vi­al­ro­man­schrei­be­rin und ein Li­te­ra­tur­kri­ti­ker mo­de­rie­ren sie. Die Tri­vi­al­ro­man­schrei­be­rin wur­de neu­lich be­fragt, was sie denn so le­se. Ih­re Ant­wort, die Aus­weis gro­ssen Flei­sses sein soll­te, of­fen­bart für mich er­schreckend, wie das heu­te läuft: Sie le­se im Mo­ment sechs, sie­ben Bü­cher gleich­zei­tig, so die Aus­sa­ge.

  18. Der lie­be Keu­sch­nig
    koenn­te ja we­nig­stens mein Kom­men­tar zum Del Gre­dos le­sen, ist zwar auch lang, aber ich hab beim le­sen die­ses Bu­ches gro­sse Fun­de ge­macht, und es, der Ro­man, ent­haelt nicht nur viel­leicht die be­sten 5 tau­sen Wor­te ei­ner ge­wis­sen Art die ich je­mals in bald 70 Jah­re le­sen zu le­sen be­kam [die Be­schrei­bung des­sen was der Or­kan da im Cha­ville Wald an­ge­rich­tet hat] son­dern auch hun­der­te von Sei­ten des rein ins ma­gi­sche ver­wan­deln­den... so dass man dem Hand­ke die we­ni­ger ge­lun­ge­nen Sa­chen und ei­ni­ge Ka­pi­tel wo er nur als Pro­fi schreibt, schon ver­zeiht, und was fuer ein En­de!

  19. Der lie­be Keu­sch­nig
    WIRD das le­sen und ist sich des Pri­vi­legs be­wusst (und dank­bar dar­um), die­se Sa­chen in Do­ku­men­ten­form per­sön­lich zu­ge­schickt be­kom­men zu ha­ben.

    Ich bit­te nur um ein biss­chen Ge­duld. Wo­bei ich zu­ge­be, mich die­sem Buch (dem »Bild­ver­lust«) zu stel­len, braucht nicht nur Zeit (her­un­ter­le­sen kann man we­der das Buch noch Ih­re geist­rei­chen An­mer­kun­gen) son­dern auch ei­ne ge­wis­se Stim­mung!

  20. Aber na­tuer­lich Zeit so­wie Stim­mung...
    Hand­ke be­merkt ganz rich­tig, dass ein Buch ja ei­nem sei­ne ei­ge­ne Zeit auf­drueckt; ich hab es al­so in Haepp­chen von ein zwei oder drei Sei­ten [die Ame­ri­ka­ni­sche Auf­la­ge be­steht aus 470 an­statt der Deut­sche 780] ganz lang­sam ge­le­sen [die er­sten zwei Mal, schon bei sei­nem Er­schei­nen, auf Deutsch], und zwar in ei­ner ein­fach gross­ar­ti­gen Ueber­set­zung von Krish­na Win­s­ton, auch des­we­gen, da ich wuss­te ueber die­ses Buch, was hier in der USA – mit ei­ner gro­ssen Aus­nah­me ei­nes Ka­na­di­schen Ro­man­ciers – vol­kom­men mis­ver­stan­den wur­de – wirst du was auf Eng­lisch schrei­ben.

    [ich be­hal­te Be­gleit­schrei­ben so­wie ein paar dut­zend an­de­re Ad­dres­sen per­ma­nent in mei­nem Ope­ra Brow­ser, muss mich dann aber trotz­dem im­mer wie­der neu bei Two­day Net ein­log­gen – auch so’n Wort – auch heu­te wie­der sonst wird was ich hier schrei­be als »Spam« ver­wor­fen, heu­te auch wie­der, al­so wenn mann hier an­onym ver­sucht zu kom­men­tie­ren muss man sich erst ein twoday.net Ac­coun an­le­gen!!!]

  21. Dass die eng­li­sche Aus­ga­be 470 statt die deut­sche 780 Sei­ten hat, fin­de ich in­ter­es­sant. Ist das mög­lich?

    [Das »Ein­log­gen« muss ich auch; schreck­lich stö­rend. Kei­ne Ah­nung wor­an das liegt. Im­mer wenn ich mei­nen Com­pu­ter ab­ge­mel­det ha­be und dann zwei Stun­den spä­ter drauf zu­grei­fe, muss ich mich ein­log­gen. Nach den er­sten zwei, drei Buch­sta­ben fin­det er das Pass­wort aber sel­ber; dau­ert aber im­mer ei­ne lä­sti­ge hal­be Mi­nu­te; manch­mal 3 Minuten/Tag.]

  22. Hal­lo Gre­gor,

    Off To­pic:

    Glück­wunsch zum Zi­tat im Frei­tag ;)

    Hast Du be­stimmt schon ge­se­hen, oder?

  23. ja 470 an­statt 780
    und zwar sehr ge­ni­al de­si­gned, so dass es – der satz­spie­gel – 12 point, a bis­serls lan­ge zei­len – trotz­dem oh­ne wei­te­res les­bar ist, sa­gar fuer mei­ne al­ten au­gen! um geld beim pa­pier zu spa­ren. min­de­stens ein hal­bes pfund, dass macht bei ei­ner auf­la­ge zwi­schen 3 und 5 tau­send, groe­sser ist sie si­cher­lich nicht ge­we­sen, schon et­was aus!

    ich hab bei der zeit ei­ne no­tiz zum le­witschar­off in­ter­view hin­ter­las­sen. [sie sagt im­mer das sel­be bei je­dem in­ter­view! dies­mal mit herrn von becker!]die werd ich auch hier auch als all­ge­mei­ne mei­nung ueber bul­ga­ri­en hin­ter­las­sen., und im nach­hin­ein ein we­nig er­wei­tern

    Ich war 1980 ein­mal vier Wo­chen in Bul­ga­ri­en, in So­fia und Plod­viev, zwar als ein Kul­tur-Aus­tausch We­sen
    der haupt­säch­lich mit Schrif­stel­lern und Ver­le­gern und Uni­ver­si­täts Leu­ten zu tun hat­te. Die Leu­te ge­fieh­len mir sehr, bis auf ei­nie­ge KGB Ker­le; aber es gab auch Leu­te im Zen­tral Kom­mit­tee die de­nen ein­fach Leck mich am Arsch sa­gen konn­te. Ich be­kam das Ge­fühl, dass schon ein ge­wis­ser Spiel­raum be­stand au­sser dass man das Sy­stem oder Zhiv­kov zer­stoe­ren woll­te. Es war ei­ne ko­mi­sche Zeit da un­ter der spae­ter [er­mor­de­ten?] Ziv­kov Toch­ter Zhiv­ko­va Bul­ga­ri­en ei­ne na­tio­na­li­sti­sche Kul­tur Rich­tung an­nahm: a la »zehn Tau­send Jah­re al­tes Thra­ki­sches Blut fliesst in un­se­ren Adern – das war der Weg weg vom So­zia­li­sti­schen Rea­lis­mus des­sen Skulp­tu­ren, ja sehr bein­flusst von der Mo­der­ne, mir ei­gent­lich ganz schoen ge­fal­len ha­ben; und in vie­lem über­haupt nicht Rich­tung war. Es war aber al­les kon­trol­liert, so dass auch wenn’s ei­nen Kon­trol­leur gab der in Or­dung war... je­des Schwein liebt nur was ihm schmeckt und hat sei­ne ei­ge­nen Freun­de. Der schoen­ste Mo­ment kam als ich nach­dem ich die 500 Leut die der Schrif­stel­ler Kam­mer an­ge­hoer­ten was er­zaehlt und mich aus­ge­fra­gen ge­las­sen hat­te, auf ganz bra­ve Ame­ri­ka­ni­sche Art, sag­te: ‘Al­so Kin­der, jetzt moecht ich aber mal die Schrift­stel­ler ken­nen ler­nen die nicht der of­fi­zi­el­len Schrif­stel­ler Kam­mer an­ge­hoe­ren.« Schal­len­des Ge­laech­ter und zur Ant­wort wur­de mir, dem wa­ge­mü­ting tap­fe­ren Kämp­fer ge­sagt: »All die Leut die in der Schrif­stel­ler Kam­mer sind sind die die nicht in der Schrif­stel­ler Kam­mer sei­en wol­len.« Da wuss­te ich, was im­mer: die­se Leu­te sind in gross in Or­dung. Und so war das auch bis auf die ein­ge­fro­re­nen kor­rup­ten Sa­di­sten in der Bue­ro­kra­tie. Die­sen Typ gibt es aber über­all, nur wenn sie ober­hand an­neh­men wirds wirk­lich schlimm.

    Die Be­din­gun­gen wa­ren, im Ver­gleich mit der USA, be­grenzt, aber der Wert den dann ein Buch hat­te um so viel grö­sser. Es wur­de mir, als Gast, sehr viel schö­nes ge­zeigt, es gab auch häss­li­ches al­ler Art, im all­ge­mei­nen fand ich den Bul­ga­ri­schen Kom­mu­nis­mus viel la­bi­ler als den der Ost Deut­schen, was viel­leicht mit der Nä­he zum Ori­ent zu tun hat, oder dem Sla­wi­schen das mir im­mer ge­fiel. Wenn ich Frau Le­witschar­off glau­ben schen­ken soll­te, hört es sich so an als ob die La­ge sich ver­schlech­tert hat. Es war zwar ei­ne zwei­tei­li­ge Ge­sell­schaft wie Dji­las sie ja auch in Yu­go­sla­vi­en dar­ge­stellt hat, aber ich hab mich wohl ge­nug ge­fuehlt dort, der Men­schen we­gen, al­ler Art, ich da auch auf eig­ne Faust rum­ge­schaut, da mein ro­sti­ges Rus­sisch nach drei Wo­chen auf­tau­te hab ich dann auch viel des pro­to Sla­wi­schen Bul­ga­risch ver­stan­den [ge­stern bei der Dur­sicht und Re­gi­strie­rung bei ei­ner Slove­ni­schen Zei­tungs­web­seit hab ich un­ge­heur viel von den ganz ein­fasch­sten Sa­chen ueber­set­zen kön­nen!], und war nicht mehr auf mei­nen gross­ar­ti­gen phi­lo­so­phie­stu­die­ren­den Dol­met­scher an­ge­wie­sen. Das es auch da­mals Kor­rup­ti­on gab wur­de schnell er­kenn­bar, be­son­ders in der Nacht. Aber nach der Kor­rup­ti­on in New York zu der Zeit wo ich mich in die­ser Hin­sicht da­mals sehr aus­kann­te war’s ein Kin­der­spiel!

  24. Das In­ter­view von Le­witschar­off in der ZEIT ist das glei­che wie im Ta­ges­spie­gel! ZEIT und Ta­ges­spie­gel ar­bei­ten on­line zu­sam­men. Ar­ti­kel, di eim Ta­ges­spie­gel er­schei­nen, er­schei­nen ir­gend­wann auch auf zeit.online. Der ZEIT-Chef­re­dak­teur hält nichts von ei­ner de­zi­diert ei­ge­nen On­line-Re­dak­ti­on (es gibt ei­ne, aber per­so­nell nicht aus­rei­chend aus­ge­stat­tet). Man ko­ope­riert lie­ber mit der zwei­ten Klas­se...

    Die In­ter­views von Schrift­stel­lern sind in­zwi­schen ei­ne Pla­ge ge­wor­den. Iris Ra­disch hat da­zu in der Print-Aus­ga­be ei­ne Glos­se ge­schrie­ben – die ist – na­tür­lich! – noch nicht on­line. Lei­der.

  25. na­ja
    ich hab’ die au­torin am wo­chen­en­de tei­le des bu­ches im dlf stu­dio lcb le­sen ge­hört und fand’s – of­fen ge­stan­den – ziem­lich furcht­bar, ein wei­te­rer be­leg da­für, daß au­toren­le­sun­gen in der re­gel ein­fach nur gräß­lich sind. glück­li­cher­wei­se kam da­nach ju­li zeh, das hat mich dann mit dem abend doch noch ir­gend­wie ver­söhnt.

  26. Mir gings...
    ge­nau um­ge­kehrt. Ich fand Le­witschar­off hat sehr gut un dpoin­tiert gle­sen (über die aus­ge­such­te Stel­le kann man in der Tat dis­ku­tie­ren) un dbei Ju­li Zeh, die­sem Vor­zei­ge-Gir­lie des Feuil­le­tons, die Nass­for­sche­heit mit Kom­pe­tenz ver­wech­selt, ha­be ich dann ab­ge­schal­tet.

  27. wo­bei wir
    uns ja jetzt im­mer­hin dar­auf ei­ni­gen kön­nen, daß ra­dio­hö­ren lohnt. je­den­falls mehr als die lek­tü­re der ge­druck­ten main­stream-jour­nail­le

  28. Da mei­ne Au­gen seit ei­ni­ger Zeit Pro­ble­me ma­chen, grei­fe ich im­mer öf­ter zum Hör­buch. Aus mir un­er­find­li­chen Grün­den ist die­ses Me­di­um im­mer noch als Va­ri­an­te für An­alpha­be­ten stig­ma­ti­siert, zu­mal das ge­spro­che­ne Wort si­cher­lich die ba­sa­le Form des Nar­ra­ti­ven ist. Wer hat da nicht di­rekt Sche­he­ra­za­de vor Augen/Ohren. Die Ge­fahr auf ei­nen Spre­cher zu tref­fen, der sich selbst wich­ti­ger nimmt als das Buch, ist da­bei na­tür­lich im­mer ge­ge­ben. So z.B. Gert West­phal, der an­geb­li­che »Kö­nig der Vor­le­ser« macht bis auf we­ni­ge Aus­nah­men durch sei­ne Em­pha­se aus je­dem Text Schwei­ne­bra­ten mit dicker, brau­ner So­ße. Als Si­byl­le Le­witschar­off in ei­nem si­cher­lich nicht zu­rück­neh­men­den Ton­fall zu le­sen be­gann, war ich erst ir­ri­tiert, um dann von Satz zu Satz auf sehr an­ge­neh­me Wei­se ge­fan­gen zu wer­den. Der Werk­zeug­ka­sten der Au­torin reicht von iro­ni­scher Di­stanz, lei­den­schaft­li­cher Ab­scheu bis zu simp­ler Ko­mik. Als Vor­le­se­rin hat Si­byl­le Le­witschar­off im Olymp ne­ben Ul­rich Matthes und Wolf Haas Platz ge­nom­men.

    Auch wenn ich dei­ne Ein­wän­de durch­gän­gig un­ter­strei­chen kann, ha­be ich mich so­fort in die Spra­che Le­witschar­offs ver­liebt. Die Bil­der sind frap­pie­rend, der Stil ge­schlif­fen und kein Satz zu­viel. Was noch ne­ben der re­li­giö­sen Deu­tung (Der Na­me des Va­ters und der Ti­tel sind ja nicht di­rekt ver­steckt) un­er­wähnt blieb, ist das über­all wie­der­keh­ren­de Mo­tiv der Po­la­ri­tät, dass zwi­schen dem so­zia­li­sti­schen Bul­ga­ri­en und dem brä­sig-schwä­bi­schen De­ger­loch als Grund­the­ma an­ge­legt ist (die Schwe­stern, die Zwil­lin­ge, Nihilismus/Brokatchristen, selbst arm/reich etc.pp.). Das Hin­und­her­ge­ris­se­ne zwi­schen ei­ner Hei­mat, die ei­nen in die Ge­sell­schaft mit all Ih­ren Nor­men ein­bet­tet (die Kind­heits­er­in­ne­run­gen ste­hen im kla­ren Ge­gen­satz zu der heu­ti­gen Er­zäh­le­rin) und der be­que­men Welt in Deutsch­land, die aber der Welt ent­frem­det (Die Er­zäh­le­rin hat kei­ne Kin­der, die Schwe­ster nur wel­che, de­nen sie kei­ner­lei Wer­te ver­mit­teln konn­te. Al­so kei­ne Zu­kunft).

    Ich weiß nicht, ob mir dass Buch in ge­le­se­ner Form eben­so gut ge­fal­len hät­te. Das Hör­buch kann ich nur emp­feh­len.

  29. @Peter42
    Ich hat­te Aus­schnit­te aus der Le­sung von Le­witschar­off im DLF sei­ner­zeit ge­hört. Sie liest in der Tat sehr gut und setzt die Be­to­nun­gen auch sehr ak­zen­tu­iert. Das ist bei Dich­tern nicht un­be­dingt häu­fig.

    Bei Hör­bü­chern stört mich in der Tat sehr oft, wenn Schau­spie­ler den Text der­ma­ßen ge­spreizt le­sen, dass sie ihn so­zu­sa­gen ent-au­to­ri­sie­ren. Sie stel­len sich nicht im Dienst des Bu­ches, son­dern »spie­len« es. Bei West­phal geht es mit tat­säch­lich auch so, dass ich ir­gend­wann nur noch auf die Stim­me ach­te und nicht mehr auf den Text. Bei Brück­ner geht mir das ähn­lich. Au­sser­dem stört mich oft die Le­se­ge­schwin­dig­keit.

    Manch­mal neh­me ich mir be­wußt Zeit, Kom­men­ta­re zu be­ant­wor­ten. Manch­mal ha­be ich aber auch nur sehr we­nig Zeit, Kom­men­ta­re an­ge­mes­sen zu be­ant­wor­ten. Dann war­te ich, bis ich ei­nen Mo­dus ge­fun­den ha­be. Ich le­se hier aber grund­sätz­lich al­les.

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