Da­vid Wro­blew­ski: Die Ge­schich­te des Ed­gar Saw­tel­le


David Wroblewski: Die Geschichte des Edgar Sawtelle

Da­vid Wro­blew­ski: Die Ge­schich­te des Ed­gar Saw­tel­le


Zwei Vor­be­mer­kun­gen:

1. Das dem Ver­fas­ser die­ser Be­spre­chung vor­lie­gen­de Le­se­ex­em­plar sei ein »un­kor­ri­gier­tes Vor­aus­ex­em­plar«, wie der Ver­lag auf Sei­te 1 schreibt und man bit­tet hier­aus nicht zu zi­tie­ren. Die­sem Wunsch wur­de nicht statt­ge­ge­ben, denn es liegt we­der ein an­de­res Ex­em­plar vor – und grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen dürf­ten nicht zu er­war­ten sein. Die Zi­ta­te sind kur­siv ge­setzt und müs­sen un­ter dem Vor­be­halt des oben ge­sag­ten be­trach­tet wer­den.

2. Das En­de des Bu­ches ist über­ra­schend und poin­tiert. Es wird in die­ser Be­spre­chung ver­wen­det und im ent­spre­chen­den Ab­schnitt ist ei­ne Spoi­ler­war­nung aus­ge­spro­chen. Das Buch ist oh­ne den Schluss nicht zu be­wer­ten. In­so­fern kann auf ei­ne Be­rück­sich­ti­gung des Span­nungs­er­halts kei­ne Rück­sicht ge­nom­men wer­den.


Wisconsin/USA, 1950er Jah­re. Gar und Tru­dy Saw­tel­le züch­ten Hun­de, set­zen die Ar­beit von Gars Groß­va­ter John fort. Es kommt ihm da­bei we­ni­ger auf hoch­ge­züch­te­te Blut­li­ni­en als auf den Cha­rak­ter der Tie­re an. Pe­ni­bel sucht Gar nach sei­nen ei­ge­nen, spe­zi­el­len Kri­te­ri­en Hun­de aus und scheut da­bei nicht auch au­ßer­ge­wöhn­li­che Kreu­zun­gen, die von den »nor­ma­len« Züch­tern ver­pönt sind. Er hat ei­nen Plan, bil­det die Hun­de aus, will ih­ren Cha­rak­ter im Trai­ning her­vor­ho­len und for­men (er lehnt das Wort Dres­sur ab und legt Wert dar­auf, dass man mehr züch­tet als nur gut dres­sier­te Pro­me­na­den­mi­schun­gen). Die Ent­wick­lun­gen der Tie­re wer­den akri­bisch do­ku­men­tiert. Nach an­dert­halb Jah­ren wer­den sie für 1500 Dol­lar ver­kauft. Die Do­ku­men­ta­ti­on geht wei­ter; Gar be­fragt die Be­sit­zer re­gel­mä­ßig und zieht hier­aus Schlüs­se für sei­ne wei­te­re Zucht.


Der sehn­süch­tig er­war­te­te ei­ge­ne Nach­wuchs stellt sich nach drei Fehl­ge­bur­ten und ei­ner Tot­ge­burt (me­lo­dra­ma­tisch in­sze­niert) am 13. Mai 1958 ein. Der Sohn wird Ed­gar ge­nannt. Die Schwan­ger­schaft war glatt ver­lau­fen (sic!) ei­ne Kom­pli­ka­ti­on trat erst in dem Mo­ment auf, als er den er­sten Atem­zug tat, um zu schrei­en: Ed­gar gab Stil­le von sich – er ist stumm (aber nicht taub). Tru­dy ver­zwei­felt fast, bis ei­ne Freun­din ihr Mut macht und Ed­gar ei­ne ent­spre­chen­de Vor­schul­aus­bil­dung be­kommt. Der Jun­ge wächst be­hü­tet her­an, ver­wen­det ei­ne Ge­bär­den­spra­che (die vie­le au­to­di­dak­ti­sche Ele­men­te hat), geht spä­ter zur Schu­le (nä­he­res hier­zu er­fährt man nicht; Mit­schü­ler be­su­chen die Farm nie­mals und Ed­gar be­sucht auch nie Mit­schü­ler) und über­nimmt zu Hau­se be­reits früh Auf­ga­ben bei Pfle­ge und Trai­ning der jun­gen Hun­de. Fast ri­tua­li­siert ob­liegt ihm be­reits mit fast vier Jah­ren die Na­mens­fin­dung der jun­gen Wel­pen. Ir­gend­wann kommt Clau­de, Gars Bru­der (der ei­ne blieb [Gar], der an­de­re ging weg [Clau­de]), zu Be­such (Clau­de war furcht­bar viel drin­nen in letz­ter Zeit) aber das Idyll ver­trägt die un­ter­schied­li­chen Tem­pe­ra­men­te nicht. Es gibt Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Brü­dern, die im­mer wie­der auf­flam­men und in der Ju­gend der bei­den lie­gen sol­len (Ein­zel­hei­ten blei­ben un­klar, aber vie­les spricht da­für, dass ein Hund da­bei ei­ne Rol­le spielt). Clau­de ver­lässt bald wie­der die Farm und ver­dingt sich in Jobs in Mel­lon un­ter an­de­rem beim Tier­arzt (und wie sich spä­ter her­aus­stellt, Teil­ha­ber der Farm) Dok­tor Pa­pine­au. Es gibt noch sei­nen Sohn Glen, der Dorf­po­li­zist, und Ida Pai­ne, die Be­sit­ze­rin des ein­zi­gen La­dens im Städt­chen.

Kam­mer­spiel in der ame­ri­ka­ni­schen Pro­vinz

Fast wä­re das Kam­mer­spiel da­mit schon be­schrie­ben – wenn es nicht die Hun­de ge­ben wür­de. Al­len vor­an die Hün­din Al­mon­di­ne, ei­ne Art Haus­hund, be­son­ders klug und warm­her­zig; Ed­gars Schat­ten (sei­ne er­ste Er­in­ne­rung hat mit ihr zu tun). Es gibt ei­ni­ge Ka­pi­tel, in de­nen der all­wis­sen­de Er­zäh­ler auch aus Al­mon­di­nes Sicht er­zählt. Und spä­ter, aus dem er­sten Wurf, den Ed­gar sel­ber von An­fang an be­treu­en darf, sind es vor al­lem Es­say, Tin­der und Ba­boo.

So er­war­tet der Le­ser leicht an­ge­kitscht und at­mo­sphä­risch ein biss­chen an die gu­te, al­te »Waltons«-Familie er­in­nert ei­ne mü­de plät­schern­de Le­bens­ge­schich­te. Ob­wohl: Wer wür­de sich für das Le­ben ei­nes heu­te 50jährigen stum­men Hun­de­züch­ters in­ter­es­sie­ren, der of­fen­sicht­lich voll­kom­men un­spek­ta­ku­lär auf­wächst? Zu­mal Wro­blew­ski der Ver­su­chung vor­der­grün­dig wi­der­steht, die Stumm­heit des Jun­gen er­zäh­le­risch zu emo­tio­na­li­sie­ren (tat­säch­lich schwingt na­tür­lich ei­ne exo­ti­sche Kom­po­nen­te mit, die je­doch nur zwi­schen den Zei­len an­klingt, weil sie wohl mit dem ame­ri­ka­ni­schen po­li­ti­cal cor­rect­ness-Zwang an­son­sten kaum ver­ein­bar wä­re).

Die Lö­sung die­ser Fra­ge be­ginnt auf Sei­te 159. Man schreibt das Jahr 1973, Ed­gar ist 14 Jah­re alt, sei­ne Mut­ter mit dem Pick­up in der Stadt und der Jun­ge ver­sorgt wie ge­wohnt »sei­nen« er­sten Wurf, für den er seit ein paar Wo­chen die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung über­tra­gen be­kom­men hat. Plötz­lich hört er Ge­räusch, läuft nach un­ten und sieht sei­nen Va­ter auf dem Bo­den lie­gend. In Pa­nik ver­sucht er te­le­fo­nisch Hil­fe zu ho­len – aber na­tür­lich be­kommt er kei­nen Ton her­aus, was sei­ne Pa­nik noch ver­stärkt. Der Va­ter stirbt und Ed­gar er­lei­det ei­nen Ner­ven­zu­sam­men­bruch. Die Ob­duk­ti­on er­gab als To­des­ur­sa­che ein auf­ge­bro­che­nes Aneu­rys­ma im Ge­hirn; Gar war chan­cen­los. Den­noch er­geht sich Ed­gar in Selbst­vor­wür­fen. Gleich­zei­tig ist er nun ge­for­dert, Gars Ar­beit min­de­stens teil­wei­se zu über­neh­men. Tru­dy be­kommt zur Un­zeit auch noch ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung; nur mit Mü­he kön­nen bei­de den Be­trieb auf­recht er­hal­ten. Ed­gar flüch­tet sich in die »Hun­de­welt«, ent­deckt in den Do­ku­men­ten sei­nes Va­ters Kor­re­spon­denz mit ar­ri­vier­ten Züch­tern, die ihn zwar re­spek­tier­ten, aber sei­ne un­or­tho­do­xen Me­tho­den ab­lehn­ten. Nach lan­gem Zö­gern stimmt die Mut­ter zu, dass Clau­de ih­nen zur Hand ge­hen soll. Wäh­rend ei­nes Un­wet­ters er­scheint Ed­gar der Va­ter als ei­ne Art Re­gen­mon­ster und be­schul­digt Clau­de als sei­nen Mör­der. Clau­de und Tru­dy nä­hern sich un­ter­des­sen an; Ed­gar sieht, wie sie sich küs­sen, was sei­ne Skep­sis noch ver­stärkt.

Klau­stro­pho­bi­sche Welt

Wro­blew­ski ver­sucht nun ei­ner­seits Ed­gars Par­al­lel­welt der Be­schäf­ti­gung mit den Hun­den zu er­zäh­len und an­de­rer­seits ei­ne Droh­ku­lis­se auf­zu­bau­en, die Clau­de als hin­ter­häl­ti­gen Mör­der und Erb­schlei­cher auf­bau­en soll. Die Hin­wei­se sind ir­gend­wann so deut­lich, dass es un­mög­lich nicht stim­men kann. Der klei­ne Pro­log zu Be­ginn, der von ei­ner (nicht nä­her spe­zi­fi­zier­ten) Per­son er­zählt, die in Ko­rea 1952 ein star­kes Gift kauft, ist spä­te­stens dann ent­schlüs­selt, als Ed­gar ei­ne al­te Sprit­ze in der Scheu­ne ent­deckt. Den­noch ist Ed­gar hin- und her­ge­ris­sen: Soll es ei­nen Neu­an­fang ge­ben oder be­harrt er auf sei­ner Ver­mu­tung? Blickt er in die Zu­kunft oder in die Ver­gan­gen­heit? Un­end­lich lang­sam be­kommt man Ein­blick, wie sich in Ed­gar die Hal­lu­zi­na­ti­on aus der Va­ter­er­schei­nung zur Ge­wiss­heit formt. Als er mit Clau­de al­lei­ne ist, ge­bär­det er ihm, dass er ihn für den Mör­der hält, was die­ser je­doch nicht ver­steht, weil er Ed­gars Ge­bär­den­spra­che nicht er­lernt hat.

Der Le­ser kann es sich noch ein biss­chen span­nend ma­chen, in dem er das Na­he­lie­gen­de (und Tri­via­le) so­lan­ge wie mög­lich leug­net. So knüpft er Hoff­nun­gen dar­an, als Al­mon­di­ne be­ginnt, sich an Clau­de zu ge­wöh­nen und sich zu sei­nen Fü­ssen legt wie sonst nur in Ed­gars An­we­sen­heit. Der Jun­ge re­agiert mit Ei­fer­sucht und straft den ge­lieb­ten Hund mit Miss­ach­tung. End­lich will er sei­ne Mut­ter in der Scheu­ne mit sei­nem Ver­dacht kon­fron­tie­ren. Da er in sei­nem Wahn schon an ei­ne Kom­pli­zen­schaft Tru­dys in Be­tracht zieht, wen­det er sei­ner Mut­ter ge­gen­über Ge­walt an und als der Dok­tor zu Hil­fe kom­men will, stößt er ihn ei­ne Trep­pe hin­un­ter. Pa­pine­au ist so­fort tot – ein déjà-vu für Ed­gar, der über­ha­stet flieht und da­bei (nicht ganz frei­wil­lig) drei jun­ge Hun­de aus »sei­nem« Wurf mit­nimmt.

Spä­te­stens zeigt Wro­blew­skis Kon­struk­ti­on Ris­se. Stellt er Ed­gars Flucht am An­fang noch als Af­fekt dar, so wird hier­aus spä­ter ei­ne Art Plan (er möch­te nach Ka­na­da zu sek­ten­ähn­li­chen Kom­mu­ne, die im Buch »Star­child Co­lo­ny« heisst). We­nig über­zeu­gend die Er­zäh­lun­gen von Ed­gar in der »Wild­nis« des Che­qua­me­gon-Forsts mit den drei teil­wei­se noch ver­spiel­ten Wel­pen. So plan­los Ed­gar er­scheint, so plan­los scheint jetzt auch der Au­tor zu sein. Manch­mal lässt er den Jun­gen er ein biss­chen auf Tho­reaus Spu­ren wan­deln, dann ist die »Wild­nis« wie­der be­droh­lich. Ed­gar brät selbst­ge­fan­ge­ne Fi­sche oder bricht in Hüt­ten ein, stiehlt Le­bens­mit­tel, räumt aber al­les wie­der or­dent­lich auf be­vor er geht. Als die Not am Größ­ten ist und sich ein Hund ei­ne Glas­scher­be in die Pfo­te ge­tre­ten hat (was lang­at­mig re­fe­riert wird), be­geg­net er Hen­ry Lamb, ei­nem raub­ei­ni­gen, kau­zi­gen aber den­noch lie­bens­wür­di­gen Kerl, der die Ver­sor­gung des ver­letz­ten Tie­res er­mög­licht und den Flüch­ti­gen oh­ne wei­te­re Fra­gen ak­zep­tiert, auf­nimmt und woh­nen lässt (rüh­rend, wie Ed­gar zur Iden­ti­täts­ver­schleie­rung ei­nen fal­schen Na­men an­gibt). Lamb will ihn schließ­lich mit sei­nem Wa­gen an die ka­na­di­sche Gren­ze brin­gen. Bei ei­ner Rast wer­den sie von ei­nem Un­wet­ter über­rascht; über dem See, an dem sie ra­sten, ent­wickelt sich ei­ne Wind­ho­se. Ed­gar nimmt dies zum An­lass für die Um­kehr, schenkt Hen­ry zwei sei­ner Hun­de (er be­hält Es­say) und wan­dert zu­rück nach Hau­se.

Show­down [Spoi­ler­war­nung]

Es kommt zum Show­down. Vor­her be­kommt der Le­ser mit, dass Clau­de bei Glen ver­sucht, Ed­gar ei­ne Mit­schuld für den Tod sei­nes Va­ters zu sug­ge­rie­ren. Ed­gar trifft auf der Farm ein, aber nie­mand ist zu Hau­se. Er­schüt­tert stellt er fest, dass Al­mon­di­ne wäh­rend sei­ner mo­na­te­lan­gen Ab­we­sen­heit ge­stor­ben ist; ei­ne Ver­söh­nung ist nun aus­ge­schlos­sen. Ed­gar schreibt ei­nen Zet­tel, dass er am näch­sten Tag wie­der­kommt und ent­deckt in ei­nem Ver­steck in der Scheu­ne die Gift­fla­sche. Clau­de ent­deckt den Zet­tel und ver­birgt ihn vor Tru­dy. Statt­des­sen in­for­miert er Glen, der mit Clau­des Me­tho­de für auf­müp­fi­ge Hun­de (Äther) ver­sucht, Ed­gar zu ei­nem pri­va­ten Ver­hör zu ent­füh­ren. Ed­gar ge­lingt es im Kampf Kalk auf Glen zu kip­pen (was in An­be­tracht der spä­ter be­haup­te­ten Men­ge des ver­wen­de­ten Äthers schlicht­weg un­mög­lich ist), des­sen Au­gen dar­auf­hin ver­ätzt wer­den. Durch die Äther­dämp­fe und die Glüh­bir­ne ent­zün­det sich die Scheu­ne und be­ginnt zu bren­nen. Ed­gar be­freit zu­nächst die Hun­de, die nach drau­ßen ent­kom­men und ver­sucht dann die enorm wich­ti­gen Zucht­do­ku­men­ta­tio­nen des Va­ters zu ret­ten. Clau­de hilft zum Schein mit, wäh­rend er die Gift­fla­sche fin­det, die Sprit­ze auf­zieht und Ed­gar tö­tet, der nun mit Al­mon­di­ne wie­der ver­söhnt wird. Aber Clau­de fin­det den Aus­gang durch die Flam­men nicht und kommt auch um. Als sich Tru­dy, die von dem er­blin­de­ten Glen fest­ge­hal­ten wird, lö­sen kann und be­merkt, dass we­der Ed­gar noch Clau­de aus der Scheu­ne kom­men, ver­sucht sie in die Scheu­ne ein­zu­drin­gen, aus der ur­plötz­lich ein Feu­er­blitz lo­dert, der sie tö­tet. Am En­de se­hen wir nur noch die Saw­tel­le-Hun­de, al­len vor­an Es­say, wie sie die Wiese…durchqueren.

Dach­te man nach rund Zwei­drit­tel des Ro­mans noch, dass die Fort­set­zung be­reits in der Schub­la­de des Au­tors dro­hend war­tet, so ist man nach dem En­de dann doch zu­nächst ein­mal zu­frie­den, dass dem nicht so sein dürf­te. In den USA wur­de das Buch ein Mil­lio­nen­sel­ler, was nicht zu­letzt auch an der Pro­mo­ti­on durch »Oprah’s Book Club« ge­le­gen ha­ben dürf­te. Die Kri­tik über­schlug sich im Lob und auch Kol­le­gen wie Ste­phen King wa­ren be­gei­stert.

Kei­ne fal­sche Be­schei­den­heit

Der Au­tor ver­stand es im Mar­ke­ting ge­schickt, mit bil­dungs­bür­ger­li­chen Ak­zen­ten das Buch und des­sen Le­ser­schaft auf­zu­wer­ten und zu in­si­nu­ie­ren, man le­se mehr als nur ei­nen gän­gi­gen Un­ter­hal­tungs­ro­man. Er wies in selbst­be­wuss­ter Ma­nier auf Shake­speare hin und scheu­te sich nicht zu be­haup­ten ei­ne mo­der­ne, neue Ver­si­on des Ham­let-Dra­mas ge­schrie­ben zu ha­ben. Dass der Ver­gleich au­ßer in ein paar pla­ka­tiv ge­setz­ten Par­al­le­len (die un­ter­schied­li­chen Cha­rak­te­re der Brü­der; die Gei­ster- bzw. Traum­er­schei­nun­gen; Gift­mord) ziem­lich ab­we­gig ist, stört die Mas­se der Mar­ke­ting­knech­te in den Re­zen­si­ons­stu­ben der ame­ri­ka­ni­schen Kri­tik an­schei­nend kaum, weil die mei­sten po­ten­ti­el­len Le­ser we­der In­ter­es­se noch aus­rei­chen­de Kennt­nis­se be­sit­zen, dies zu über­prü­fen (ei­ne ame­ri­ka­ni­sche Blog­ge­rin (?) hat dies mit durch­aus ein­deu­ti­gem Ur­teil ver­sucht; ein le­sens­wer­ter Auf­satz).

Und wie die­se Hoch­li­te­ra­tur­ver­wei­se auf die soap-kon­di­tio­nier­ten Un­ter­hal­tungs­agen­ten wir­ken, er­kennt man am ent­zück­ten Blick Oprah Win­freys, als sie fragt, war­um denn aus­ge­rech­net die­ses En­de sein muss­te (und nicht ein »hap­py en­ding«) und Wro­blew­ski be­deu­tungs­schwer das be­rühm­te Kaf­ka-Wort zi­tiert, was bei uns (be­dau­er­li­cher­wei­se) fast ein we­nig ab­ge­grif­fen er­scheint, wo­nach ein Buch die Axt für das ge­fro­re­ne Meer in uns zu sein ha­be. Dass Wro­blew­ski dies falsch ein­lei­tet, in dem er sug­ge­riert, Kaf­ka ha­be da­mit er­klä­ren wol­len, war­um man »trau­ri­ge Bü­cher« le­se und dies da­zu noch mit fal­scher Quel­len­an­ga­be (»let­ter to Max Brod«) macht fällt nie­man­dem auf (auch nicht, wie es die Be­grif­fe »Tra­gö­die« und »trau­ri­ge Ge­schich­te« ein­fach gleich­setzt).

Es wä­re nun zu ein­fach den Er­folg des Bu­ches auf die ge­schick­ten Be­deu­tungs­er­hö­hun­gen im Um­feld des Mar­ke­tings zu re­du­zie­ren. Na­tür­lich hat die Ge­schich­te und ins­be­son­de­re das »boy and the dog«-Motiv für sich ge­nü­gend Rühr­po­ten­ti­al. Man merkt Wro­blew­skis Be­mü­hen, dies zu ver­stär­ken vor al­lem in den Al­mon­di­ne-Ka­pi­teln – ins­be­son­de­re am An­fang und dann noch ein­mal ganz am Schluss, als sie stirbt. Zu­dem ist die Er­zähl­struk­tur sehr ein­fach und li­ne­ar, so dass dem Le­ser auch hier kei­ne Über­for­de­rung droht. Die Ori­en­tie­rung an be­stimm­te Schreib­schul­weis­hei­ten leug­net Wro­blew­ski erst gar nicht (dies ist in den USA nicht der­art ne­ga­tiv kon­no­tiert wie bei uns). Das über­ra­schen­de und für Ro­ma­ne die­ses Gen­res pro­vo­kan­te (al­ler­dings eher nicht über­zeu­gen­de) En­de hebt den Ro­man dann vor­der­grün­dig aus der Tri­vi­al­li­te­ra­tur­schub­la­de her­aus (und das ist na­tür­lich be­ab­sich­tigt).

Er­schei­nun­gen und Un­wet­ter

Da­bei gibt es un­er­träg­lich kit­schi­ge Stel­len, bei­spiels­wei­se als Gar ein Wolfs­jun­ges ent­deckt, wel­ches je­doch kei­ne Nah­rung an­nimmt und ver­hun­gert – und dies in Ver­bin­dung mit Tru­dys Tot­ge­burt ge­bracht wird. Gar kann am Grab des Wolfs­wel­pen wei­nen (vor­her am Grab des tot­ge­bo­re­nen Ba­bys nicht). Oder das letz­te Sil­ve­ster Ed­gars mit den El­tern, als er mit der Mut­ter tanzt und ei­ne schüch­ter­ne, aber deut­lich spür­ba­re ero­ti­sche Stim­mung zwi­schen Sohn und Mut­ter her­bei­phan­ta­siert wird (die dann spä­ter die Ei­fer­sucht auf Clau­de be­grün­den soll).

Und im­mer wenn der Plot im Matsch des ba­na­len All­tags ein­zu­sin­ken droht, gibt es ir­gend­ei­ne Er­schei­nung, ei­ne Vi­si­on oder ein Traum und dies fast im­mer in Ver­bin­dung mit ei­nem Un­wet­ter (Ge­wit­ter, Re­gen oder Sturm oder ein­fach al­les zu­sam­men), die den mü­den Kar­ren wie­der ein biss­chen vor­wärts schiebt. Das er­in­nert zu­wei­len an schlech­te Kri­mi­nal­fil­me, in de­nen die Kom­mis­sa­re die neu­esten Ent­wick­lun­gen des Fal­les im­mer vom Mo­bil­te­le­fon ein­ge­flü­stert be­kom­men.

Bei all dem blei­ben au­ßer Ed­gar und der Hün­din Al­mon­di­ne die Fi­gu­ren selt­sam blass. Auch die Licht­ge­stalt in Ed­gars Le­ben, der Va­ter, ver­mag den Le­ser nicht son­der­lich zu be­ein­drucken. Die Fi­gur des »Bö­se­wich­tes« Clau­de krankt dar­an, dass Wro­blew­ski ei­ner­seits so lan­ge wie mög­lich Clau­des Mord in der Schwe­be hal­ten will, an­de­rer­seits je­doch ins­be­son­de­re in den Sze­nen, in de­nen Clau­de mit Ed­gar al­lei­ne zu­sam­men ist, ei­ne at­mo­sphä­ri­sche Be­un­ru­hi­gung her­bei­füh­ren möch­te (was al­ler­dings gründ­lich miss­lingt; hier zei­gen sich Wro­blew­skis Gren­zen). Es wird nie­mals deut­lich, war­um Clau­de Gar um­ge­bracht hat. Die Hun­de­zucht wirft kei­ne gro­ßen Er­trä­ge ab. Va­ge klingt an, Clau­de be­geh­re Tru­dy – hier­für hät­te je­doch nach Gars Tod mehr über de­ren Ver­hält­nis er­zählt wer­den müs­sen. Und war­um Clau­de sich 1952 be­reits ei­ne Fla­sche Gift be­sorgt hat ver­mag der Ro­man auch nicht auf­zu­lö­sen (nicht ein­mal ei­ne Idee zu ge­ben).

Da­für gibt es ei­ne über­bor­den­de Sym­bo­lik – fast über­all wird ein »Ge­heim­nis«, ei­ne Dop­pel­bö­dig­keit be­haup­tet, da­mit ei­ne My­then­ma­schi­ne­rie in der Re­zep­ti­on zu er­zeugt wer­den kann. Das be­ginnt mit dem Wort­spiel im Na­men »Saw­tel­le«, in dem Ed­gars Schick­sal schon vor­aus­be­stimmt zu sein scheint: Wird doch in sei­ner Ge­bär­den­spra­che das Er­zähl­te erst durch das Se­hen zu­gäng­lich. Ed­gar gibt dem Führ­hund sei­nes Wel­pen­wur­fes den Na­men Es­say (fran­zö­sisch für Ver­such). Na­he­zu je­des Er­eig­nis wird ent­we­der durch ein Zei­chen ein­ge­lei­tet oder be­kommt auf ei­ner zwei­ten Ebe­ne ei­ne Sym­bo­lik zu­ge­wie­sen, die je­doch letzt­lich nur für sich steht und mit dem wei­te­ren Ver­lauf der Er­eig­nis­se nichts oder kaum et­was zu tun hat. Über­all gibt es die­se Spu­ren, die nach In­ter­pre­ta­ti­on ge­ra­de­zu ver­lan­gen aber oft ge­nug ins Lee­re ver­lau­fen.

Py­thia im Tan­te-Em­ma-La­den

So be­gibt sich Ed­gar un­mit­tel­bar vor den Er­eig­nis­sen um den Tod von Dr. Pa­pine­au in den La­den von Ida Pai­ne (»Pain« = Stra­fe, oder, im fran­zö­si­schen: Brot – es han­delt sich um den Le­bens­mit­tel­la­den und Ed­gar kauft Brot), die ihm plötz­lich fast wie in Tran­ce omi­nö­se Ora­kel­sprü­che of­fen­bart: »und wenn du gehst…dann komm nicht wie­der, um kei­nen Preis. Lass nicht zu, dass der Wind dich um­stimmt. Es ist nur der Wind, wei­ter nichts.« Mo­na­te spä­ter am See kurz nach dem Un­wet­ter er­in­nert sich Ed­gar die­ses Spruchs, igno­riert ihn je­doch und be­schließt um­zu­keh­ren. Für die Hand­lung des Bu­ches hat Pai­nes Ora­kel nur den Wert, dass dem Le­ser die Mög­lich­keit ge­ge­ben wird, klü­ger als Ed­gar zu sein. Da­für be­durf­te es aber Ed­gars Er­in­ne­rung an das Ora­kel vor des­sen Igno­rie­ren nicht mehr. Die­ser Ein­schub dient nur der Er­in­ne­rung des Le­sers und der (weit aus­ho­len­den) Vor­be­rei­tung des Au­tors auf das En­de.

Sprach­lich ist das Buch beim et­was ge­ho­be­nen Un­ter­hal­tungs­ro­man an­zu­sie­deln. Man­che Bil­der sind ein we­nig zu sehr ge­wollt (der Him­mel [war] blass und von Ster­nen durch­lö­chert, Wol­ken wa­ren wie Blut­ergüs­se oder Dach­bret­ter wie Ge­bei­ne), an­de­re na­he am Na­tur­kitsch (Ge­zwit­scher und Ge­schmet­ter, als hät­te die Son­ne die Vö­gel in Brand ge­setzt, Schnee, der bis De­zem­ber auf sich war­ten [ließ] oder Schnee­flocken, die an Gras­hal­men zit­ter­ten). Ir­gend­wann ge­wöhnt man sich dar­an.

Aus­ge­rech­net in den Pas­sa­gen von Al­mon­di­nes Er­zäh­lung fal­len selt­sa­me Be­grif­fe wie Tau­scher des Em­pi­ri­schen, des Fak­ti­schen, des Ma­the­ma­ti­schen als Ka­te­go­ri­sie­rung ei­nes po­ten­ti­el­len Käu­fers ei­nes Saw­tel­le-Hun­des. Die Hun­de­schil­de­run­gen mit Ed­gar sind über­ra­schen­der­wei­se meist frei von über­trie­be­ner Plü­schig­keit, da­für je­doch lang­at­mi­ge Be­schrei­bungs­pro­sa und red­un­dant. Sel­ten sind voll­kom­me­ne sprach­li­che Miss­grif­fe wie bei der Be­trach­tung der Fla­sche mit dem Han­gul-Schrift­zei­chen, als die Flüs­sig­keit dar­in […] wie rein­stes hoch­de­stil­lier­tes Gift aus­sah. Je­der, der nur an­nä­he­rungs­wei­se im Che­mie­un­ter­richt auf­ge­passt hat, weiss, dass »Gift« kein spe­zi­fi­sches Aus­se­hen hat.

Das gröss­te Man­ko ist die Ein­di­men­sio­na­li­tät, ja Ma­rio­net­ten­haf­tig­keit der Fi­gu­ren, was na­tür­lich auch da­mit zu tun hat, dass es kei­ne Au­ßen­ein­flüs­se gibt (ei­ne Fahrt nach Ash­land ist schon fast ein Er­eig­nis) und der gan­ze Ro­man da­durch her­me­ti­sche, ja klau­stro­pho­be Zü­ge an­nimmt. Die we­ni­gen Prot­ago­ni­sten zei­gen im Ver­lauf des Bu­ches kei­ner­lei Ge­ne­se. Ihr tat­säch­li­cher Sta­tus bleibt dem Le­ser le­dig­lich ei­ne be­stimm­te Zeit ver­bor­gen; ei­ne Ent­wick­lung wird so nur si­mu­liert. Es­sen­ti­el­le In­for­ma­tio­nen bei­spiels­wei­se zum Ver­ständ­nis des Bru­der­kon­flik­tes wer­den erst gar nicht ge­ge­ben. Wro­blew­ski irrt, wenn er Aus­las­sung als er­zäh­le­ri­sches Stil­mit­tel mit als Ver­schwei­gen von Ele­men­ten be­greift, die sich oh­ne sei­nen Hin­weis vom Le­ser nicht re­kon­stru­ie­ren las­sen, aber we­sent­li­che Er­kennt­nis­se ver­schaf­fen wür­den. Da Wro­blew­ski sich ei­nes aukt­oria­len Er­zäh­lers be­dient, wä­re es ein leich­tes über Re­tro­spek­ti­ven die Ver­wer­fun­gen her­aus­zu­he­ben, in die Ge­schich­te zu in­te­grie­ren und den Cha­rak­ter der Prot­ago­ni­sten we­nig­stens ruch­bar zu ma­chen.

Die ein­zi­ge Fi­gur die sich im Lau­fe der Ge­schich­te ent­wickelt ist Hen­ry Lamb, der an­fangs eher als Mis­an­throp und Hun­de­has­ser ein­ge­führt wird, dann je­doch mit Freu­de und oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken Ed­gar hilft und am En­de Ba­boo und Tin­der an­nimmt, nach­dem Ed­gar ihm ru­di­men­tä­re Trai­nings­ein­hei­ten vor­ge­stellt hat­te. Al­le an­de­ren Prot­ago­ni­sten – in­klu­si­ve Ed­gar, ob­wohl ein Wan­del be­haup­tet wird (aber eben nicht er­zählt) – blei­ben er­ra­tisch und sind da­durch sehr leicht aus­zu­rech­nen.

Ei­nem halb­wegs am­bi­tio­nier­ten Le­ser wer­den die Ver­zückun­gen, die die­ses Buch in den USA aus­ge­löst hat, ei­ni­ger­ma­ßen fremd an­mu­ten. Die Wor­te, die der Ver­lag für die deut­sche Aus­ga­be fin­det, sind – freund­lich for­mu­liert – sehr hoch ge­grif­fen. Es muss be­fürch­tet wer­den, dass das Buch in den üb­li­chen mas­sen­me­dia­len Li­te­ra­tur­wer­be­sen­dun­gen einen/eine prominente/n Fürsprecher/in fin­den wird und da­mit ein ver­gleich­ba­rer Hype aus­ge­löst wer­den könn­te.

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6 Kommentare zu »Da­vid Wro­blew­ski: Die Ge­schich­te des Ed­gar Saw­tel­le«:

  1. tinius sagt:

    Du sprichst mir aus der See­le. Al­lein mit der Kri­mi­nal­ge­schich­te und den Gei­ster­er­schei­nun­gen hat­te ich ziem­li­che Pro­ble­me, an­de­res, was Du be­nennst, führ­te ich auf »ty­pisch ame­ri­ka­nisch« zu­rück. Ich ha­be es im Ori­gi­nal ge­le­sen, von da­her macht es nicht wirk­lich et­was aus, daß Du aus ei­nem un­kor­ri­gier­ten Vor­aus­ex­em­plar zi­tierst, denn auch im Eng­li­schen konn­te der Ein­druck von Kitsch nicht im­mer ver­mie­den wer­den.... Dan­ke für die Be­spre­chung. LG ti­ni­us

    #1

  2. Die In­for­ma­ti­on ist wich­tig. Zwi­schen­zeit­lich dach­te ich schon, dass es an der Über­set­zung liegt.

    Ich bin tat­säch­lich ge­spannt, ob das Buch hier nur an­nä­he­rend sol­che Fu­ro­re aus­löst wie in den USA.

    #2

  3. lou-salome sagt:

    @Gregor Keu­sch­nig
    Mei­ne Ge­dan­ken zu ei­nem Teil des obi­gen Buch-/Re­zen­si­ons­in­hal­tes:
    Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Tier und Mensch: die ei­nen las­sen sich an­züch­ten und im Trai­ning her­vor­ho­len und for­men ( die der Hun­de). Die mensch­li­che Per­sön­lich­keit ent­wickelt und ver­än­dert sich im Lau­fe der Zeit, auch wenn ver­sucht wird, ei­ne Op­ti­mie­rung in Er­zie­hung und so­zia­lem Um­feld zu er­rei­chen. Aber trau­ma­ti­sche Er­eig­nis­se kön­nen be­trof­fe­ne Per­so­nen in schwe­re Kri­sen stür­zen, was der Le­ser bei Ed­gar Saw­tel­le er­lebt.
    Ich weiß nur nicht, wie­viel darf man in die­ses Buch hin­ein­in­ter­pre­tie­ren? Der Au­tor gibt vie­le Denk­an­stö­sse und scheint die­se m.E. über­haupt nicht zu „be­frie­di­gen“ ( sei es im po­sti­ven oder ne­ga­ti­ven Sin­ne). Z.B. die Sprach­lo­sig­keit von Ed­gar seit sei­ner Ge­burt. „Ist er sprachlos/taub ge­bo­ren, weil er im über­tra­ge­nem Sin­ne den Kin­der­wunsch sei­ner El­tern, die Fehl­ge­bur­ten und die Tot­ge­burt spür­te und dies ei­ne sog. er­ste Kri­se war?“ ( Wird sich der Au­tor be­stimmt so nicht ge­dacht ha­ben, be­haup­te ich mal, das er das ja ge­meint ha­ben könn­te). Und die zwei­te Kri­se er­lebt er in der Pu­ber­tät, als sein Va­ter vor sei­nen Au­gen stirbt. Bei Men­schen, die spre­chen kön­nen, kann so ein trau­ma­ti­sches Er­eig­nis u.a. Sprach­lo­sig­keit aus­lö­sen. Was muss Ed­gar in die­sen schwe­ren Stun­den er­le­ben? Ei­ne Ka­ta­stro­phe!, ein Dra­ma!, das ihn in ei­ne aku­te Kri­se stür­zen lässt. Be­schreibt Wro­blew­ski ir­gend­ei­ne Hil­fe­stel­lung von Sei­ten der Mut­ter oder an­de­rer Per­so­nen? Wie ver­ar­bei­tet Ed­gar die­se Kri­se? Nur mit der wei­te­ren Auf­zucht von Hun­den? Mir ist das al­les zu schwach­brü­stig. Und wenn auch Wro­blew­ski mit die­ser Kri­se den Wen­de­punkt sei­nes Ro­man ein­läu­ten will und es auch macht, lt. der Re­zen­si­on keimt in mir der Ver­dacht auf, Wro­blew­ski möch­te die Ge­füh­le der Le­ser „er­ha­schen“. Tief­grün­di­ges passt zwi­schen An­fang und Er­zäh­len­de nicht hin­ein.
    ( In „Tim­buk­tu“ von Paul Au­ster wird die Ob­dach­lo­sig­keit ei­nes Men­schens aus der Per­spek­ti­ve ei­nes Hun­des ( Hun­de­na­me: Tim­buk­tu ) ge­schil­dert. In mei­nen Le­ser­au­gen ein ge­lun­ge­nes Buch über ein „Psy­cho­gramm“ von Mensch und Hund).
    Vie­len Dank für die­se wei­te­re Re­zen­si­on aus Ih­rer Fe­der!

    #3

  4. Nach dem Tod des Va­ters bleibt durch die Ver­pflich­tun­gen, die sich aus der Hun­de­zucht er­ge­ben, kaum Platz für das, was man ge­mein­hin als »Ver­ar­bei­tung« ei­nes sol­chen Schocks nennt. Da­zu ist die täg­li­che Ar­beit viel zu do­mi­nant.

    Ich weiss nicht, ob das zu schwach­brü­stig ist – es er­scheint un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den vom Set­ting her »nor­mal« (Pro­vinz; Farm­le­ben; 1973!). Die­sen Vor­wurf wür­de ich eher in der li­te­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tung von Ed­gars »Le­bens­kri­se« se­hen – die Flucht in die Hal­lu­zi­na­tio­nen und dann die­se räum­li­che Flucht nach dem Tod des Dok­tors (den er min­de­stens mit­ver­schul­det hat). Die­se Pas­sa­gen sind die schwäch­sten, da sie der Per­sön­lich­keit und der Wucht der Er­eig­nis­se nicht ge­recht wer­den, son­dern nur so da­hin­plät­schern.

    #4

  5. Muriel sagt:

    Und ich dach­te schon, es lag an mir, dass ich mich in den Ro­man nicht so rich­tig ein­fin­den konn­te. Ich ha­be auch das eng­li­sche Ori­gi­nal ge­le­sen und tei­le die hier ver­tre­te­ne Ein­schät­zung ziem­lich um­fas­send.
    Ich hat­te auch das Ge­fühl, der Au­tor kön­ne sich nicht recht ent­schei­den, was er schrei­ben woll­te. Mehr­mals, wenn ich ge­ra­de be­gann, ein Ge­fühl für Si­tua­ti­on und Cha­rak­te­re zu ent­wickeln, wur­de plötz­lich al­les um­ge­ris­sen und neu auf­ge­baut (am deut­lich­sten nach Ed­gars Flucht). Ich emp­fand das durch­ge­hend als un­be­frie­di­gend, und ins­ge­samt war das Buch eher müh­sam zu le­sen, trotz ei­ni­ger Glanz­punk­te, die die Mü­he viel­leicht doch noch wert wa­ren.

    #5

  6. mikerol69 sagt:

    Ich wu­er­de mich schon gern zu die­sem Ti­tel ae­u­ssern
    aber trotz­dem ich in der USA le­be ist mir Au­tor so­wie Buch un­be­kannt ge­blie­ben. ich be­reue nicht mehr ein jun­ger Staub­sauger zu sein der zu der Zeit al­les ein­saug­te! Au­sser­dem hab ich nicht die Zeit fern­zu­se­hen! Und wenn, zu ei­ner Zeit war’s ganz nett mit Char­lie Ro­se der in­ter­es­san­te Gae­ste hat­te ein­ge­bet­tet zu wer­den.
    http://www.charlierose.com/
    Al­so, ver­lass ich mich auf des Keuschnigg’s sei­ne Mei­nung.

    #6