Al­ban Ni­ko­lai Herbst: Sel­zers Sin­gen

»Phan­ta­sti­sche Ge­schich­ten« wer­den Al­ban Ni­ko­lai Herbsts Er­zäh­lun­gen, die un­ter dem Ti­tel »Sel­zers Sin­gen« so­eben er­schienen sind, un­ter­ti­telt (und er­gänzt wird das ein biss­chen ko­kett mit: »und sol­che von frem­der Mo­ral«). Das Ad­jek­tiv phan­ta­stisch ist ei­ne zu­tref­fen­de Cha­rak­te­ri­sie­rung die­ser zwölf Ge­schich­ten (die kür­ze­ste hat knapp vier Sei­ten, die läng­ste 24), wo­bei der Grad der »Phan­ta­stik« durch­aus ...

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Chri­stoph Si­mon: Spa­zier­gän­ger Zbin­den

Christoph Simon: Spaziergänger Zbinden
Chri­stoph Si­mon: Spa­zier­gän­ger Zbin­den

Lu­kas Zbin­den ist 87 Jah­re alt und geht mit dem neu­en Zi­vil­dienst­lei­sten­den Kâ­zim ei­nen Tag durch das Be­tag­ten­heim. Er stellt ihm die ehr­ba­ren Da­men und ex­zen­tri­schen Her­ren, die ge­sprä­chi­gen Wit­wen und die schweig­sa­men Jung­ge­sel­len, die rou­ti­nier­ten Geh­rock­be­nüt­zer, schlur­fen­den Stu­ben­hocker mit dörr­flei­schi­gen Ge­sich­tern vor, weist de­zent auf die Ver­wirr­ten, de­ren Ge­dan­ken durch­ein­an­der­rol­len wie Erb­sen auf ei­nem Tel­ler hin und be­geg­net me­di­zi­nisch Be­treu­ten mit ei­nem Cock­tail in den Adern, bei dem Blut ei­ne ne­ben­säch­li­che Zu­tat ist. Die­ser Ort be­her­bergt aus­ge­dien­te In­ge­nieu­re, Ge­wer­be­trei­ben­de, Bü­ro­an­ge­stell­te, Haus­frau­en, Be­am­te, Ar­mee­an­ge­hö­ri­ge, Feu­er­lösch­ge­rä­te­kon­trol­leu­re, Bus­fah­rer, Über­soll­ar­bei­ter, Ser­vice, Pa­pe­te­rie und Leu­te, die sich Ur­laub erst gönn­ten, als Fe­ri­en ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben wur­den.

Schon die­ser Be­ginn zeigt die Stim­mung die­ses Ro­mans an, der ein ein­zi­ger Mo­no­log des ehe­ma­li­gen Leh­rers Lu­kas Zbin­den ist. Die Ent­geg­nun­gen der an­de­ren Per­so­nen blei­ben dem Le­ser ver­bor­gen; er ent­nimmt sie al­len­falls Zbin­dens Re­ak­tio­nen. Die­ser klet­tert die Trep­pen­stu­fen hin­ab und hin­auf als sei er auf ei­ner Ex­pe­di­ti­on (wie elo­quent die Be­nut­zung des Fahr­stuhls trotz der Müh­sal des Trep­pen­stei­gens ab­ge­lehnt wird, ob­wohl: wäh­rend der Lift­fahrt baut man drau­ßen in we­ni­gen Se­kun­den die Welt um), nimmt am All­tag der ihm be­geg­nen­den Be­woh­ner und Pfle­ger re­gen An­teil, lä­stert ver­ein­zelt ein we­nig, amü­siert und är­gert sich über die über­trie­be­ne Ge­schäf­tig­keit des Heim­lei­ters und stellt Kâ­zim da­bei wie ei­nen per­sön­li­chen Pfle­ger vor.

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Leo Pe­rutz: Zwi­schen neun und neun

Tat­säch­lich ei­ne ge­lun­ge­ne Neu­auf­la­ge von Leo Pe­rutz’ 1918 er­schie­ne­nem Buch »Zwi­schen neun und neun«. Ne­ben der tem­po­rei­chen Er­zäh­lung gibt es ei­nen klei­nen aber fei­nen, fünf­sei­ti­gen An­mer­kungs­teil und ein kennt­nis­rei­ches,

Leo Perutz: Zwischen neun und neun
Leo Pe­rutz: Zwi­schen neun und neun
be­hut­sam er­gän­zen­des Nach­wort von Tho­mas Bleit­ner. Das al­lei­ne wä­re schon Grund zur Freu­de, aber da sind auch noch die wun­der­ba­ren, die Stim­mung des Bu­ches und der Prot­ago­ni­sten kon­ge­ni­al tref­fen­den me­lan­cho­lisch-ex­pres­sio­ni­sti­schen Il­lu­stra­tio­nen von Ra­sha El Sa­wiy, die er­staun­li­cher­wei­se die Phan­ta­sie des Le­sers nicht ein­engen, son­dern so­gar er­wei­tern. (Klei­ner Wer­muts­trop­fen: Lei­der wird der Na­me der Künst­le­rin aus­ge­rech­net auf Sei­te 3 falsch ge­schrie­ben.)

»Zwi­schen neun und neun« – das sind zwölf Stun­den im Le­ben des Sta­nis­laus Dem­ba im Mai 1917. Dem­ba lebt als Stu­dent in Wien und ist ein kau­zi­ger, zu­wei­len cho­le­ri­scher Ge­sel­le, der sich als Nach­hil­fe- bzw. Haus­leh­rer in den bes­se­ren Krei­sen ver­dingt. Er hat her­aus­be­kom­men, dass sei­ne Freun­din Son­ja ei­nen neu­en Lieb­ha­ber hat, mit dem sie am näch­sten Tag nach Ve­ne­dig fah­ren will. Dem­ba will dies un­be­dingt ver­hin­dern, ak­zep­tiert Son­jas Ab­wen­dung nicht und glaubt, sie um­stim­men und mit ihr die Rei­se ma­chen zu kön­nen, wenn er ihr das Geld in den näch­sten Stun­den vor­legt. So ha­stet er nun durch die Groß­stadt, möch­te ein (ge­stoh­le­nes) Buch ver­kau­fen, treibt Schul­den ein, er­bit­tet Vor­schüs­se und fin­det sich so­gar am Bu­ki­do­mi­no-Spiel­tisch wie­der, ob­wohl er die Re­geln gar nicht kennt.

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Bar­ba­ra Gress­leh­ner: Der Ge­ruch der Stil­le

Barbara Gresslehner: Der Geruch der Stille
Bar­ba­ra Gress­leh­ner: Der Ge­ruch der Stil­le

Wie kurz­wei­lig und quä­lend, wie aus­ufernd und auf­put­schend, wie fremd und auf­wüh­lend kön­nen doch knapp ein­hun­dert­vier­zig Sei­ten mit ein­und­zwan­zig Er­zäh­lun­gen sein. Na­tür­lich gibt es be­rüh­ren­de und kit­schi­ge, groß­ar­ti­ge und sche­ma­ti­sche, gu­te und we­ni­ger gu­te. Im­mer er­zählt ei­ne Frau oder es wird aus der Sicht ei­ner Frau er­zählt; mei­stens in der Ich-Form. Aber es wan­delt sich im Lau­fe des Bu­ches et­was Grund­sätz­li­ches. Nicht nur der zu­nächst la­ko­ni­sche, ja fast coo­le Ton. Die Er­zäh­lung vom her­un­ter­fal­len­den, auf das Stra­ßen­pfla­ster nie­der­knal­len­de Kla­vier ist lu­stig, die Re­de an den ima­gi­nä­ren Fö­tus im Mut­ter­leib dü­ster und die Er­zäh­lung der selbst­er­füll­ten Mord-Pro­phe­zei­ung skur­ril und sie treibt ei­nem den er­sten Schau­er über den Rücken, aber das war nicht al­les. Schon am An­fang heißt es fast pro­gram­ma­tisch: Es ist im­mer noch al­les viel grau­er, als es sein soll­te.

Un­merk­lich ge­rät der Le­ser in die­sen Stru­del. Es ist kein Ro­man und dann gibt es doch plötz­lich die­se Klam­mer. Die­ses ge­mein­sa­me The­ma. Die Hö­rig­keit. Die Prot­ago­ni­stin­nen kön­nen nicht an­ders. Sie ge­ben sich als Die­ne­rin, Skla­vin, Ser­va hin. Sie er­le­ben das al­les nicht, es er­lebt sie. Es sind kei­ne Ge­walt­phan­ta­sien mehr, es ist Ge­walt. Es sind Träu­me, die ech­ter sind als die Wirk­lich­keit.

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Ben­ja­min Stein: Die Lein­wand

Benjamin Stein: Die Leinwand
Ben­ja­min Stein: Die Lein­wand

Gar nicht so ein­fach, mit dem Le­sen die­ses Bu­ches an­zu­fan­gen. Denn man hat un­ver­hofft zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der man be­ginnt mit dem Teil von und über Am­non Zi­chro­ni oder man wen­det das Buch, dreht es um 180 Grad und be­ginnt mit Jan Wechs­ler. (Ei­ne an­de­re Idee, die Ka­pi­tel so­zu­sa­gen ab­wech­selnd zu le­sen, dürf­te aus Grün­den der Prak­ti­ka­bi­li­tät fast aus­schei­den; hier­für hät­te man min­de­stens zwei Le­se­zei­chen ein­bin­den müs­sen. Und au­ßer­dem bleibt das Pro­blem, wo man be­ginnt.)

Bei­de Tei­le sind fast pa­ri­tä­tisch. Man ahnt: Wie man es auch be­ginnt – es bleibt ei­ne Ent­schei­dung, die die Re­zep­ti­on prä­gen wird. Man wird nie er­fah­ren, wie es ge­we­sen wä­re, wenn man an­ders be­gon­nen hät­te. Viel­leicht wer­den ein­mal die Le­ser von Ben­ja­min Steins Buch »Die Lein­wand« an­hand ih­res An­fangs­ka­pi­tels un­ter­schie­den zwi­schen Zi­chro­ni- oder Wechs­ler-Ein­stei­ger. Ob sich die bei­den La­ger je­mals mit­ein­an­der ver­stän­di­gen kön­nen? Tat­säch­lich dürf­ten sie zwei un­ter­schied­li­che Bü­cher ge­le­sen ha­ben. Und die­ses schein­bar so spa­ßi­ge Spiel­chen passt am En­de er­staun­lich gut zu At­mo­sphä­re und In­ten­ti­on die­ses Bu­ches.

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Os­car Heym: Die Re­ser­ven

Oscar Heym: Die Reserven
Os­car Heym: Die Re­ser­ven

Deutsch­land 1976, mit­ten im »Kal­ten Krieg«. Die Öl­kri­se ist zwar vor­über (die Sonn­tags­fahr­ver­bo­te wur­den im De­zem­ber 1973 auf­ge­ho­ben), aber der Schock sitzt tief. Wen­zel Hoff­mann, deutsch-ame­ri­ka­ni­scher Geo­lo­ge kommt nach Deutsch­land, um in halb-ge­hei­mer Mis­si­on nach Öl zu boh­ren. Er wacht aus dem Flug aus blei­er­ner Mü­dig­keit auf und stellt fest, dass sei­ne Un­ter­la­gen ver­schwun­den sind. Er rennt zu­rück zum Flie­ger, trifft dort aber nur ei­nen al­ten Mann, der ihn kurz an sei­nen Va­ter er­in­nert, und die at­trak­ti­ve Ste­war­dess Mar­ga­re­the (Mag). Bei­de kön­nen ihm nicht hel­fen; die Un­ter­la­gen blei­ben un­auf­find­bar. Mag und Wen­zel ver­brin­gen ent­ge­gen je­der Pla­nung meh­re­re Ta­ge zu­sam­men und ge­ben sich hem­mungs­lo­sem Sex hin.

Wie ein klei­ner Tau­ge­nichts wird die­ser Wen­zel ein­ge­führt, der mit meh­re­ren Ta­gen Ver­spä­tung in dem fik­ti­ven (?) Ort Gro­nau im deutsch-deut­schen Grenz­ge­biet ein­trifft (das rea­le Gro­nau-Lei­ne stimmt geo­gra­fisch nicht ganz mit dem Er­zählort über­ein; al­ler­dings gibt es tat­säch­lich Erd­öl­vor­kom­men in Nie­der­sach­sen die ge­för­dert wer­den).

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Odes­sa Trans­fer – Nach­rich­ten vom Schwar­zen Meer (Hrsg.: Ka­tha­ri­na Raa­be und Mo­ni­ka Sznaj­der­man)

Odessa TransferIn »Odes­sa Trans­fer« be­gibt man sich in drei­zehn Etap­pen auf ei­ne Rei­se rund um das Schwar­ze Meer, wo­bei, wie Ka­tha­ri­na Raa­be als Mit­her­aus­ge­be­rin die­ses Bu­ches im Vor­wort fest­stellt, vie­le Bei­trä­ge här­ter und po­li­ti­scher aus­ge­fal­len sei­en, als man dies er­war­tet hat­te. Und der Le­ser schnauft mit­un­ter über die­sen tat­säch­lich ver­bis­se­nen po­li­ti­schen Im­pe­tus, der ei­ni­ge die­ser Er­zäh­lun­gen, Es­says und Re­por­ta­gen (es gibt auch ein Ge­dicht – und was für ei­nes!) be­stimmt und muss da­bei wohl kon­sta­tie­ren, dass die­se Re­gi­on vor­erst lei­der kei­ne Post­kar­ten­idyl­le ist, in der zwan­zig Jah­re nach Auf­he­bung der bi­po­la­ren Welt per Knopf­druck pa­ra­die­si­sche Zu­stän­de ein­ge­tre­ten sind.

Es be­ginnt mit Aka Mor­chil­ad­zes wun­der­ba­rer Orts­er­zäh­lung über die ge­or­gisch-tür­ki­sche Grenz­stadt Ba­tu­mi, wel­che den Schatz der Ewig­keit be­sitzt und im­mer auch nach Flucht riecht und dem Au­tor ge­lingt es auf die­sen noch nicht ein­mal zwan­zig Sei­ten fast die gan­ze Ge­schich­te vom 15. Jahr­hun­dert über Sta­lin bis in die Ge­gen­wart die­ses Or­tes zu evo­zie­ren und auf die Fra­ge, was wohl das Schön­ste an Ba­tu­mi sei, gibt es die­se klei­ne Elo­ge (und für ei­nen Mo­ment möch­te man so­fort dort hin):

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Tho­mas Bern­hard – Sieg­fried Un­seld: Der Brief­wech­sel (Hrsg.: Rai­mund Fellin­ger, Mar­tin Hu­ber und Ju­lia Ket­te­rer)

Am 22. Ok­to­ber 1961 wen­det sich Tho­mas Bern­hard in ei­nem höf­lich-di­stan­zier­ten Brief an Sieg­fried Un­seld, der wie folgt be­ginnt: Sehr ge­ehr­ter Herr Dr. Un­seld, vor ein paar Ta­gen ha­be ich an Ih­ren Ver­lag ein Pro­sa­ma­nu­skript ge­schickt. Da­mit woll­te ich mit dem Suhr­kamp-Ver­lag in Ver­bin­dung tre­ten. Auf den im Fak­si­mi­le im Buch abge­druckten, mit Schreib­ma­schi­ne ge­tipp­ten Brief kann man er­ken­nen, dass Bern­hard ein Schreib­feh­ler un­ter­lau­fen war. Es steht dort nicht »Suhr­kamp«, son­dern »Suhr­kampf«. Das »f« wur­de hand­schrift­lich durch­ge­stri­chen.

Nach mehr als 800 Sei­ten Kor­re­spon­denz des Brief­wech­sels zwi­schen Tho­mas Bern­hard und sei­nem unzuverlässige[m] Ver­le­ger, dem Frank­fur­ter Un­ge­heu­er und Schau­er­kerl Sieg­fried Un­seld (Dik­tat­zei­chen »dr. u.«), mag der Le­ser nicht mehr an ei­nen Zu­fall glau­ben; al­len­falls an ei­nen Freud­schen Ver­schrei­ber. Viel­leicht ist die­ses »f« un­be­wuss­te Vor­weg­nah­me die­ser un­bän­di­gen Lust an der Pro­vo­ka­ti­on, die Bern­hard in un­kal­ku­lier­ba­ren Schü­ben zu fast cho­le­ri­schen Erup­tionen treibt, die zu Be­ginn noch von sei­ner Lek­to­rin An­ne­lie­se Bol­and be­feu­ert wer­den: »Ein kur­zer Ohls­dor­fer Don­ner als Ant­wort auf den Blitz aus dem Frank­fur­ter Himm­el emp­fiehlt sich«. Sie si­gna­li­siert Bern­hard »ei­gent­lich kann das Match nur zu Ih­ren Gun­sten aus­ge­hen«) und die­ser ent­wickelt schnell ein Ge­spür wie weit er mit sei­nen For­de­run­gen, Kla­gen und Be­schimp­fun­gen ge­hen kann, oh­ne den Bo­gen zu über­span­nen.

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