Es mag ja für einige Beobachter Neuland sein, aber der amerikanische Geheimdienst NSA existiert nicht erst seit den Enthüllungen durch Edward Snowden.
Eine Stichprobe im »Spiegel«-Archiv fördert allerdings Erstaunliches zu Tage. In mehr oder weniger regelmässigen Abständen berichtet man dort über die NSA-Aktivitäten. So werden die Aufgaben des Geheimdienstes, der auch schon einmal als »supergeheim« apostrophiert wird (was er ja dann, wenn er in einem deutschen Nachrichtenmagazin auftaucht, gar nicht mehr sein kann), in einem Artikel vom 12.09.1983 detailliert berichtet. Dort heißt es:
»Die NSA (rund 55 000 Beschäftigte) oder die im Auftrage der NSA tätigen übrigen neun US-Geheimdienste messen, sehen und hören mit, wenn sowjetische, japanische, chinesische oder auch schweizerische Radaranlagen aktiviert werden, um militärische oder zivile Flugkörper zu entdecken, zu identifizieren oder zu verfolgen; Truppen des Warschauer Pakts ins Manöver ziehen; neue Flugzeuge oder Panzer in der Sowjet-Union vom Band rollen…« [und so weiter und so fort]
Hans Peter Riegel: BeuysBiographismus statt Biographie: Hans Peter Riegel über Joseph Beuys
Die Buchstaben um 90 Grad gedreht und gestapelt zu einem fragilen Turm: »Beuys«. In der Ecke rechts unten der verwaiste Beuys-Hut, darüber prahlerisch »Die Biographie«. Schon 2010 wirbelte Riegel (der sich »HP Riegel« nennt) mit seiner Biographie zu Jörg Immendorff (auch die Biographie), dessen »Assistent und Privatsekretär« er einige Jahre war, nicht nur die Szene auf. Immendorff, der »egomanische Populist«, wurde von ihm wahlweise der »pathologischen Aggression« (die frühen Jahre), der politischen Bedeutungslosigkeit seiner Kunst (der Café-Deutschland-Komplex kam zufällig, nämlich durch die Wiedervereinigung zu einer ihr dann ungehörig zugesprochenen Bedeutung) und der Saturiertheit bezichtigt. Von »Kollektivisten, über die populistische Kiez-Phase zur prominenten Medienfigur« – so vermischte Riegel Leben und Werk und arbeitete sich ausgiebig an Immendorffs Vorlieben zum Rotlichtmilieu und Kokainkonsum ab; über letzteres spekulierte er mehr als er Fakten lieferte.
…mit dem Bus von Brig noch 70 Minuten bis Saas-Fee. Werde dort von einer Nachbarin der Witwe Zuckmayer1, sowie Michaela und ihrem Mann Harold abgeholt. Michaela ist Tochter der Alice aus erster Ehe2, d.h. also nicht Carl Zuckmayers Tochter – sie ist drei Jahre älter als ‘Winnetou’3. Berta, die Nachbarin (Glasaugenträgerin, Jahrgang 1912), besitzt ein Elektrogefährt – bringt mein Gepäck ins Hotel »Garni des Alpes«. Ein schönes Einzelzimmer – lege mich nieder, versuche zu schlafen, ein paar Minuten gelingts. Und dann im Hause Zuckmayer. Alice warmherzig + herzlich + abstoßend hässlich – wir sitzen in ihrem Arbeitszimmer, sie mir vis à vis, und ich lasse den Tape-Recorder laufen – ihre Erzähl-Sintflut. Ad Franz Werfel einige wichtige Details – nehme nur F.W.-Bezügliches auf. Und rasch wird mir klar: Alice ist absolut gaga – wiederholt innerhalb kurzer Zeitabschnitte die selben Stories. Je später es wird, desto mehr. Bin zum Abendessen eingeladen – Michaela hat Kalbfleisch und Karotten gekocht – wir essen gemeinsam – und trinken Weißwein. Alice spricht ein schreckliches Englisch, Harold zuliebe müssen wir ja Englisch sprechen. (Harold wirkt wie ein ca. Anfang 60-Jähriger, ist aber im Jahr 1912 geboren.) H. war im 2. Weltkrieg bei der Infanterie der US-Army, hat gegen Nazi-Deutsche gekämpft, Mann gegen Mann – und ist Jude… »bewusster Jude« sogar, wie mir Michaela später zuflüstern sollte.
Beim Essen schüttet Alice ihre tausenden Geschichten aus, von denen ich bereits einige gehört habe – und schimpft auf Klaus Mann, den sie hasste und schwärmt von Gustav Gründgens, den sie liebte und schimpft auf Emil Jannings, den sie hasste. Und Marlene Dietrich, mit der sie gut stand, die sie fragte: »Hat Ihnen die Geburt Ihres Kindes auch solch höllische Schmerzen bereitet?« Als Alice die Frage bejahte, sagte Marlene: »Also ich bleib’ jetzt für mindestens zwei Jahre lesbisch!«
Die Schriftstellerin Alice Herdan-Zuckmayer, 1901 – 1991, die Witwe Carl Zuckmayers, suchte ich auf, um mit ihr über Franz Werfel zu sprechen, dessen Biografie ich damals recherchierte, vgl. "Franz Werfel – Eine Lebensgeschichte", S. Fischer, Frankfurt am Main, 1987. (Carl Zuckmayer war sechs Jahre zuvor, 1977, gestorben.) ↩
Michaelas Vater war Alice Herdan-Zuckmayers erster Mann, der politische Publizist Karl Frank (1893 – 1969); Michaela Weston starb im Oktober 2004. ↩
Bucheli vs Weidermann – der Ausgang steht leider fest.
Als ich Roman Buchelis Artikel »Ein Leben nach dem Papier« über die »Literaturkritik unter Druck« vor einigen Wochen las, überlegte ich mir, ob es eine Reaktion aus dem Feuilleton geben wird. Im Allgemeinen reagiert das etablierte Feuilleton auf Kritik mit der wirkungsvollsten Waffe, die man zur Verfügung hat: Man ignoriert sie. Der allseits so beschworene Diskurs gilt nur in einem hermetischen Raum. Selbstreflexion ist dort eher nicht vorgesehen. Stattdessen igelt man sich lieber ein und verkündet trotzig auf dem richtigen Kurs zu sein. Allenfalls wird noch sinkende die finanzielle Ausstattung moniert. Das zurückgehende Interesse beim (potentiellen) Publikum wird als Kultur- und Zeitgeistkritik behandelt. Insbesondere wenn es um das Internetangebot von Tages- oder Wochenzeitungen geht, ist die Publikumsbeschimpfung fast immer der Weisheit letzter Schluss.
So weit, so gut. Buchelis Artikel war aber das Gegenteil der sonst üblichen Larmoyanz. Er beginnt mit eine nüchternen, ja ernüchternden Bestandsaufnahme: »Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt.« Zu abhängig sei man von Anzeigen vor allem der großen Verlage, so suggeriert er. Also müsse man auch die beworbenen Bücher rezensieren. Dabei beschreibt er den Rezensenten als »hybride[s] Wesen« und »Diener verschiedener Herren« – Verlage, Autoren, Redaktion, Leserschaft: alle wollen etwas von ihm (ihr), aber die Interessen sind nicht nur divergierend, sie widersprechen sich unter Umständen sogar. Da aber die ökonomischen Zwänge dominant werden, wird die Rezension am Ende als eine Art »Gratiswerbung« angesehen – selbst ein deftiger Verriss ist gerne gesehen. Für Tiefe gebe es weder Zeit noch Raum im Blatt.
Vor knapp drei Jahren publizierte der österreichische Luftschacht-Verlag sieben novellenartige Erzählungen des 1974 geborenen Norwegers Bjarte Breiteig unter dem Titel »Von nun an«, die 2006 in seinem Heimatland erschienen waren. Es sind zum Teil surreale, im besten Sinne »seltsame«, oft verrätselte und sich für den Leser kaum endgültig erschließende Erzählungen, die ungeachtet dieser vielleicht eher abschreckenden Attribute ihren eigenen Zauber und zuweilen einen starken Sog erzeugen. Jetzt legt der Verlag mit dem Band »Phantomschmerzen« nach. Hier finden sich auf knapp 130 Seiten 15 Erzählungen.
Was sofort zum Vergleich auffällt: Die Qualität der einzelnen Erzählungen differiert stärker als in »Von nun an«. Einige spielen mal mehr, mal weniger offen mit mystischen Elementen, die meist dezent hineinappliziert sind und gelegentlich einen Kontrast zur erzählten Geschichte bilden. So wird zum Beispiel in »Der Wind in den Wänden« Gerbrand-Bakker-gemäss der Tod eines doppelköpfigen Kalbes auf einem Bauernhof, das ein nicht näher beschriebener Junge alleine zu betreuen hat, erzählt. Währenddessen ist sein Vater bei der scheinbar schwerkranken Mutter im Hospital. Das Kälbchen kommt als Totgeburt auf die Welt und wird vom Jungen mit einiger Kraftanstrengung begraben. Als der Vater später eintrifft, wird unausgesprochen der Tod der Mutter als sozusagen paralleles Ereignis suggeriert. Noch einmal, in »Kleine Brüder«, spielt eine nicht näher bezeichnete Krankheit einer Mutter eine Rolle, während Arnstein, ein kleiner Junge und offensichtlich ihr Sohn, im Krankenhaus mit einem kleinen Mädchen spielt und nur sehr diffus ahnt, weswegen er in diesem Gebäude ist und was sich dort ereignet.
Rainer Rabowski: HaltestellenIn einer Besprechung zu Botho Strauß’ neuem Buch hörte ich nach längerer Zeit wieder einmal die Bezeichnung »psychologischer Realismus«, mit der der Rezensent die Erzählungen Strauß’ einordnen und in eine Reihe beispielsweise mit denen von Thomas Mann stellen wollte. Trotz der zwangsläufig fehlenden Präzision solcher eigentlich zu pauschalen Zuschreibungen, die zudem oft nur Verlegenheitslösungen sind, fände ich diese Bezeichnung in Bezug auf die Erzählungen von Rainer Rabowski als erste Einschätzung durchaus zutreffend. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir insbesondere bei der Lektüre von »Unsere Sache« neben den Parallelen zu Strauß’ Beginnlosigkeits-Prosa durchaus auch ein psychologisches Element präsent war.
Dabei geht es Rabowski allerdings weder um den Versuch küchenpsychologischer Persönlichkeitsdiagnosen der Anderen noch wird von der Warte einer wie auch immer empfundenen Erhabenheit heraus auf die Welt geblickt. Das sanfte Seelenerkunden, welches in der Regel nur ein genaues Hinschauen und Beobachten ist, wird zumeist nur als Ausgangspunkt für eine Selbstpsychologisierung genommen, die durchaus – und hier liegt der entscheidende Mehrwert beispielsweise zur Innerlichkeitsprosa der 1970er Jahre aber auch dem Gewimmer so mancher SchreibschulabsolventInnen heute – auf Erkenntnisgewinn über die Welt im Allgemeinen zielt. Rabowski fügt dem »empirischen Kreislauf« von Deduktion und Induktion die Selbstreflexion hinzu. Und diese fast unablässig forcierte Selbstreflexion unterscheidet ihn dann deutlich von Autoren, die ihre Figuren nicht in den Abgrund der Tiefe und das »Schimmern der Schlangenhaut« (Dieter Wellershoff) wahrnehmen und stattdessen eher aus (ironischer) Distanz erzählen lassen.
»…schöpfe Kraft aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen nähern finden kannst.«
(Johann Wolfgang Goethe, »Die Leiden des jungen Werther«)
William T. Vollmann. Europe CentralUnd wieder so ein Versuch. »Europe Central« prangt auf dem Cover – in Fraktur, Druckschrift und kyrillisch. Zu einem deutschen Titel hat es nach all der Arbeit scheinbar nicht mehr gereicht. Robin Detje, der (Chef-)Übersetzer, erwähnt in einer kleinen Notiz man habe den Originaltitel behalten wollen (er sagt nicht warum) und spricht von »Schaltzentrale Europa«, wie das Buch in Deutsch hätte heißen können. Aber »Schaltzentrale Europa« kommt nach dem ersten Kapitel, welches mit Seite 22 endet, erst wieder auf Seite 611 vor (oder ich habe es vorher überlesen?) und steht wohl für das Scharnier zwischen West- (Berlin) und Osteuropa (Moskau) von 1917 bis zum Ende des Romans 1975 – und damit wohl für Berlin (obwohl es einmal, auf Seite 757, auch als Metapher für Dresden verwandt wird). »Europe Central« wäre demnach – nebenbei – auch noch so etwas wie der große, neue, wieauchimmer Berlin-Roman des 21. Jahrhunderts (mindestens; wenn nicht des Jahrtausends). Wobei der Begriff »Schaltzentrale« mit der (gescheiterten) literarischen Metapher Vollmanns verknüpft ist, dem Buch als Telefonabhörtext einen besonders originellen Überbau zu verschaffen.
Der weihevolle Ton und die 785 Fuß- bzw. Endnoten
Wie immer, wenn es sich um ein literarisches Erzeugnis um den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs handelt, in dem mehr oder weniger geschickt in einem postmodernen Varieté-Theater fiktive Figuren mit historischen interagieren, überschlägt sich die deutsche Literaturkritik mit Lob. »Überwältigend«, »literarisches Highlight des Jahres« und natürlich auch wieder die obligatorische Zuschreibung »Meisterwerk« – so lauten die Hymnen auf diesen Roman und ich frage mich unwillkürlich, wie viele dieser Preissänger wohl das Buch (inklusive der Anmerkungen; hierzu s. u.) überhaupt zur Gänze gelesen haben, aber dafür gibt es schließlich die vom Lektoratsvolontariat verfertigten Waschzettel und Pressetexte.
Über Malte Herwigs »Die Flakhelfer« Seit vielen Jahren treibt Malte Herwig ein Thema um: Die Verstrickungen der sogenannten Flakhelfer-Generation in das NS-Regime. Ob im »Spiegel«, dem »Zeit-Magazin«, im »stern« oder in »Deutschlandradio Kultur« – immer wieder überraschte Herwig mit Funden aus Archiven, die das scheinbar Undenkbare doch belegen: Etliche derjenigen, die man (vollkommen zu Recht) ...