Re­cher­che und Ob­ses­si­on

Hans Peter Riegel: Beuys

Hans Pe­ter Rie­gel: Beuys

Bio­gra­phis­mus statt Bio­gra­phie: Hans Pe­ter Rie­gel über Jo­seph Beuys

Die Buch­sta­ben um 90 Grad ge­dreht und ge­sta­pelt zu ei­nem fra­gi­len Turm: »Beuys«. In der Ecke rechts un­ten der ver­wai­ste Beuys-Hut, dar­über prah­le­risch »Die Bio­gra­phie«. Schon 2010 wir­bel­te Rie­gel (der sich »HP Rie­gel« nennt) mit sei­ner Bio­gra­phie zu Jörg Immen­dorff (auch die Bio­gra­phie), des­sen »As­si­stent und Pri­vat­se­kre­tär« er ei­ni­ge Jah­re war, nicht nur die Sze­ne auf. Im­men­dorff, der »ego­ma­ni­sche Po­pu­list«, wur­de von ihm wahl­wei­se der »pathologisch­en Ag­gres­si­on« (die frü­hen Jah­re), der po­li­ti­schen Be­deu­tungs­lo­sig­keit sei­ner Kunst (der Ca­fé-Deutsch­land-Kom­plex kam zu­fäl­lig, näm­lich durch die Wie­der­ver­ei­ni­gung zu ei­ner ihr dann un­ge­hö­rig zu­ge­spro­che­nen Be­deu­tung) und der Sa­tu­riert­heit be­zich­tigt. Von »Kollek­tivisten, über die po­pu­li­sti­sche Kiez-Pha­se zur pro­mi­nen­ten Me­di­en­fi­gur« – so vermisch­te Rie­gel Le­ben und Werk und ar­bei­te­te sich aus­gie­big an Im­men­dorffs Vor­lie­ben zum Rot­licht­mi­lieu und Ko­ka­in­kon­sum ab; über letz­te­res spe­ku­lier­te er mehr als er Fak­ten lie­fer­te.

Hans Peter Riegel: Immendorff

Hans Pe­ter Rie­gel: Im­men­dorff

Tat­säch­lich ist die­se Bio­gra­phie in ei­ni­gen Punk­ten äu­ßerst lücken­haft. So gibt es nur we­ni­ge, dür­re Sät­ze zu Immen­dorffs Ver­hält­nis zu Ma­rie-Jo­se­phi­ne Ly­nen, der Mut­ter sei­nes Soh­nes, oh­ne das der Bio­graph hier­für Grün­de an­gibt. Da­für be­denkt er Im­men­dorffs zwei­te Frau Mi­chae­la Danow­s­ka aka Oda Jau­ne mit al­ler­lei At­tri­bu­ten und füt­tert den Le­ser mit dem leid­lich be­kann­ten Gossen­journalismus, dem er sich so wil­lig her­gibt wie einst Im­men­dorff den Bou­le­vard für sei­ne Ver­mark­tung ent­deck­te. Hier­für fin­det Rie­gel nur kü­chen­psy­cho­lo­gi­sche Plat­ti­tü­den als Er­klä­rung, wie der Wunsch nach An­er­ken­nung, viel­leicht so­gar Lie­be. Am En­de wird Im­men­dorff zu ei­nem ma­xi­mal mittel­mäßigen Künst­ler mit ei­ner ziem­li­chen »Un­fä­hig­keit zur Durch­drin­gung«, des­sen Werk die »ge­sell­schaft­li­che Re­le­vanz« feh­le und der sich so­gar zu­wei­len »frem­der Ide­en« be­dient hat. Na­tür­lich ist es nicht Auf­ga­be des Bio­gra­phen sein Sub­jekt durch­gän­gig af­fir­ma­tiv zu kom­men­tie­ren. Aber es soll­te we­nig­stens ein Ver­such un­ter­nom­men wer­den, Le­ben und Schaf­fen im je­wei­li­gen Kon­text der Zeit zu ver­or­ten. Es ist na­tür­lich leicht sich aus der Di­stanz von 30 oder 40 Jah­ren an Im­men­dorffs po­li­ti­sche wie künst­le­ri­sche Ach­ter­bahn­fahr­ten zu ver­lu­stie­ren und im Sti­le ei­nes Buch­hal­ters die sich dann spä­ter auf­zei­gen­den Wi­der­sprü­che hä­misch zu kommen­tieren. Ei­ne auch nur halb­wegs se­riö­se Auseinander­setzung sieht al­ler­dings an­ders aus und man fragt sich wäh­rend der Lek­tü­re, wel­ches Zer­würf­nis zwi­schen den bei­den zu ei­nem der­art nie­der­träch­ti­gen Text ge­führt ha­ben könn­te. Ein Ziel hat­te Rie­gel al­ler­dings er­reicht: Auf­merk­sam­keit.

Und jetzt al­so Beuys. Die Be­schäf­ti­gung mit die­sem Buch ver­langt fast nach ei­ner Klar­stel­lung be­vor ich vor­ei­lig in die Ecke der Beuys-Ver­fech­ter ru­bri­ziert wer­de: ich bin kein Adept. Et­li­che von Beuys’ Aus­sa­gen (un­ter an­de­rem die, das je­der Mensch ein Künst­ler sei), ha­be ich im­mer für Un­sinn ge­hal­ten. Po­li­tisch war Beuys ein Di­let­tant, in­tel­lek­tu­ell wohl nur Durch­schnitt. Aber Beuys’ Vor­stel­lun­gen pro­vo­zier­ten den leicht ver­schmock­ten Kunst- und Kul­tu­r­ap­pa­rat und die ver­staub­te Kul­tur­bü­ro­kra­tie der 70er Jah­re. Als Di­ri­gent ei­nes be­reits da­mals auf Hy­per­ven­ti­la­ti­on aus­ge­rich­te­ten Medien­apparates war er sei­ner Zeit weit vor­aus; Wir­kungs­macht statt In­hal­te, so lau­tet ei­ne durch­aus zu­tref­fen­de Fest­stel­lung Rie­gels. Weil er das gän­gi­ge, ver­meint­lich eli­tä­re Kunst­ver­ständ­nis ra­di­kal in­fra­ge stell­te, ru­bri­zier­te man ihn un­ter den Lin­ken ein. Aber das war – und das zeigt die­ses Buch an­schau­lich – ein ve­ri­ta­bles Miss­ver­ständ­nis. Den­noch sagt all dies noch nichts über Beuys’ Qua­li­tä­ten als Künst­ler (und Leh­rer) aus.

Künst­ler und In­ter­pret in ei­nem

Bei der gro­ßen Beuys-Re­tro­spek­ti­ve vor zwei­ein­halb Jah­ren in Düs­sel­dorf stieß mir das Ma­len mit Ha­sen­blut un­an­ge­nehm auf; ich ar­ti­ku­lier­te ein ge­wis­ses Un­be­ha­gen, das sich dort viel­leicht »Blut und Bo­den« fin­den könn­te. Das am­bi­va­len­te Ge­fühl wuchs noch, als ich die­se wun­der­ba­re Zeich­nung der bei­den Frau­en ent­deck­te (und nicht nur die­se). Ei­ne gro­ße Fas­zi­na­ti­on ging von ein­zel­nen In­stal­la­tio­nen wie dem »The Pack (das Ru­del)« aus, auch »Zei­ge dei­ne Wun­de« war er­grei­fend (den au­to­bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund kann man er­füh­len). Die teil­wei­se mar­tia­li­schen Per­for­man­ces von Beuys (und sei­nen Mit­strei­tern), die dort in Aus­schnit­ten zu se­hen wa­ren, be­stä­tig­ten mei­nen Ein­druck ei­nes zwi­schen Pro­vo­ka­ti­on und Wahn­sinn ge­schickt ba­lan­cie­ren­den Selbst­dar­stel­lers, der je­de noch so ba­na­le Ak­ti­on zur Kunst auf­hübsch­te und da­mit gro­ße Be­ach­tung fand. Rie­gels ausführ­liche Be­schrei­bun­gen die­ser oft stun­den­lan­gen, hap­pe­ning­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen be­kräf­ti­gen die­sen Ein­druck, wenn­gleich man sze­ni­sche Pho­to­gra­phi­en die­ser »Events« (wie man es heu­te nen­nen wür­de) im Bild­teil ver­geb­lich sucht. Bis heu­te ist mir die­ser bis­wei­len skla­visch an­mu­ten­de En­thu­si­as­mus der Beuys-Ver­ste­her un­er­klär­lich, wo­bei bei vie­len Prot­ago­ni­sten, die nach vie­len Jah­ren sach­lich und nüch­tern Bi­lanz zie­hen könn­ten, längst die woh­li­ge Ver­klä­rung ein­ge­setzt hat.

Beuys, die­se spi­ri­tu­el­le One-Man-Show, mach­te da­mals et­was, was in­zwi­schen längst zum Stan­dard des mo­der­nen Künst­lers ge­wor­den ist: Er ver­ließ sich nicht auf die Deu­tun­gen der Re­zi­pi­en­ten und der Kri­tik, son­dern über­nahm die­se gleich mit. Er gab sei­ner Kunst ei­nen me­ta­pho­ri­schen Un­ter- und Über­bau, der die ver­stö­ren­den-skur­ri­len Ak­tio­nen oder ba­nal er­schei­nen­den Werk­stücke (von de­nen es zahl­rei­che gibt) po­li­tisch und al­le­go­risch auf­lud. Beuys’ An­se­hen wuchs un­ge­ach­tet der Un­ver­ständ­lich­keit sei­ner Theo­ri­en und der Un­zu­gäng­lich­keit sei­nes Wer­kes stän­dig, wie zum Bei­spiel Wal­ter Grass­kamp lu­zi­de be­merk­te.1 Poin­tiert for­mu­liert: Je ab­stru­ser ei­ne In­stal­la­ti­on oder Per­for­mance war, de­sto not­wen­di­ger wa­ren die all­zu be­reit­wil­lig ge­ge­be­nen Er­klä­run­gen, die Beuys noch mit ei­ner gu­ten Por­ti­on »klein­bür­ger­li­chen Re­van­chis­mus« ver­setz­te (der »ei­gent­lich um die An­er­ken­nung durch die In­sti­tu­tio­nen buhlt, die er be­kämpft«; wie­der Grass­kamp2) – und de­sto ge­heim­nis­vol­ler und in­ter­es­san­ter er­schie­nen dann Künst­ler bzw. Werk. Da­mit war das In­ter­pre­ta­ti­ons­mo­no­pol der klas­si­schen Kunst­kri­tik wenn nicht über­holt, so doch an­ge­grif­fen. Es bleibt ein Rät­sel, war­um sie sich da­mit ab­fand und sich schließ­lich größ­ten­teils ziem­lich wi­der­stands­los in die Af­fir­ma­ti­on be­gab.

Lei­der un­ter­sucht Rie­gel die­ses Phä­no­men zu we­nig und kon­zen­triert sich fast nur auf den Feuil­le­ton-Jour­na­lis­mus. Bi­lan­zie­rend be­trach­tet ge­nüg­ten näm­lich zwei Jour­na­li­sten, um Beuys in den Olymp des deut­schen Kunst­be­triebs zu he­ben. Rie­gel stellt rich­tig fest, dass Beuys’ ein­fa­che und zu­gleich wir­re Spra­che, sein ge­le­gent­li­ches Nach-Wor­ten-Rin­gen nicht als Ma­kel, son­dern bal­digst als Merk­mal emp­fun­den wur­de. Oft wa­ren die un­ge­len­ken Re­den Pa­ra­phra­sie­run­gen ei­nes kru­den, eso­te­ri­schen Welt­bilds, des­sen Quel­len er aus gu­ten Grün­den ver­barg. War man erst ein­mal po­si­tiv von Beuys ein­ge­nom­men, stör­te die Wirr­nis nicht mehr. Als Beuys in Groß­bri­tan­ni­en oder den USA in brü­chi­gem Eng­lisch Vor­trä­ge hielt und In­ter­views ab­gab, sah die Re­zep­ti­on deut­lich an­ders aus: Kri­ti­ker und Pu­bli­kum ver­lie­ßen ir­ri­tiert und/oder ge­lang­weilt den Saal.

»…ei­ner vom an­dern ab­ge­schrie­ben…«

Bei al­ler noch aus­zu­füh­ren­den Kri­tik: Rie­gel hat sehr akri­bisch über Beuys re­cher­chiert, ins­be­son­de­re was die frü­hen Jah­re an­geht. Da­bei räumt er un­er­bitt­lich mit al­len Le­gen­den, Lü­gen und My­then in und um die Per­son auf, auch wenn er sich zu ger­ne an Klei­nig­kei­ten ab­ar­bei­tet. Es be­ginnt schon auf der er­sten Sei­te. Al­len Ern­stes fragt er, war­um sich Beuys’ Mut­ter zum Zeit­punkt von Jo­sefs (das »ph« kam erst viel spä­ter) Ge­burt in Kre­feld und nicht in Kle­ve be­fand und skan­da­li­siert, dass auf der Ge­burts­ur­kun­de kei­ne Haus­num­mer des Ge­burts­hau­ses ein­ge­tra­gen ist. Über die Um­stän­de sei­ner Ge­burt äu­ßer­te sich Beuys nie schreibt Rie­gel dann in un­frei­wil­li­ger Ko­mik. Aber die »Ver­wer­fun­gen« ge­hen wei­ter: Sei­ne Kind­heit ha­be Beuys ver­klärt, so Rie­gel (wer tut das nicht). Es wer­den fal­sche Um­zugs­da­ten der Fa­mi­lie ge­nannt (für Rie­gel wich­tig, weil es für sei­ne Ten­denz spricht). Es kommt im­mer schlim­mer: Beuys hat­te kein Ab­itur (ein ehe­ma­li­ger Leh­rer gab hier­zu 1951 ei­ne fal­sche Ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung ab) und hät­te dem­zu­fol­ge nie­mals Leh­rer an der Aka­de­mie in Düs­sel­dorf wer­den kön­nen. Beuys, der sich 1940 frei­wil­lig zur Wehr­macht mel­de­te und für 12 Jah­re ver­pflich­te­te, ha­be sich dort un­ter­ge­ord­net (was soll­te er sonst tun?). Er war nie Kampf­pi­lot (hier­für hät­te er das Ab­itur ge­braucht), son­dern er­hielt ei­ne Fun­ker­aus­bil­dung (im­mer­hin ein Fort­schritt zu Rie­gels Im­men­dorff-Bio­gra­phie: dort war Beuys noch »Kampf­pi­lot»3 ). Er flog »nur« mit – als Fun­ker, Na­vi­ga­tor und spä­ter Schüt­ze. Beuys prahl­te nach dem Krieg mit Ver­wun­de­ten­ab­zei­chen und Ei­ser­nen Kreu­zen, die er nie­mals er­hal­ten hat­te und er­zähl­te von sei­nen na­tur­wis­sen­schaft­li­chen (uni­ver­si­tä­ren) Stu­di­en, die es nicht gab.

Na­tür­lich stimmt die Le­gen­de, nach­dem ihn Ta­ta­ren nach ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ta­ge­lang mit Fett und Filz auf­ge­päp­pelt ha­ben, mit kei­nem Wort, was Rie­gel ex­akt an­hand der vor­lie­gen­den Da­ten aus Beuys’ da­ma­li­ger Mi­li­tär­ein­heit nach­stellt. Auch wenn die Ta­ta­ren-Ge­schich­te längst als Lü­ge ent­larvt wur­de, lie­fert die­ses Buch ei­nen Blick auf das Zu­stan­de­kom­men, was er­neut zeigt, wie ge­schickt Beuys die Me­di­en für sei­ne Din­ge ein­zu­set­zen pfleg­te. Zur De­kon­struk­ti­on hät­te aber auch ein ge­nau­er Blick in das von Rie­gel aus­führ­lich zi­tier­te Ge­spräch mit An­dré Mül­ler von 1980 ge­reicht. Beuys sag­te dort: »Da ha­be ich ir­gend­ein­mal in ei­nem Ka­ta­log zu ei­ner Aus­stel­lung so ei­ne Le­bens­ge­schich­te von mir ge­ge­ben, und dann hat es ei­ner vom an­de­ren ab­ge­schrie­ben, und auf ein­mal gab es da die­se Ge­schich­te« (ha­stig re­la­ti­viert er die­se Aus­sa­ge gleich wie­der im näch­sten Satz, oh­ne dass der Le­ser er­fährt, in wel­chem Duk­tus dies ge­spro­chen wur­de).

Mit »ei­ner« ist vor al­lem Ernst-Gün­ter En­gel­hard ge­meint, Re­dak­teur bei »Christ und Welt«, den der Mei­ster 1968 in sei­nem Ate­lier emp­fing und un­ab­läs­sig mit Ge­schich­ten füt­ter­te, die zum Teil bis heu­te ab­ge­schrie­ben und fort­ge­führt wer­den. Schon vor­her war En­gel­hard von Beuys fas­zi­niert; er war ein Afi­cio­na­do der er­sten Stun­de. In schein­bar in­ti­mer Ver­traut­heit be­kam der Jour­na­list In­for­ma­tio­nen aus er­ster Hand; ei­ne ful­mi­nan­te Le­bens­ge­schich­te, die von nun nicht mehr be­fragt wur­de. Sie ent­hielt so­gar Ele­men­te, die wun­der­bar in den Aus­söh­nungs-Kon­text der so­zi­al-li­be­ra­len Ko­ali­ti­on mit den ehe­ma­li­gen Kriegs­geg­nern pass­te. En­gel­hard setz­te die Mar­ke, an der sich bis heu­te die überwiegen­de Zahl der Beuys-Re­zi­pi­en­ten ori­en­tiert, so Rie­gel. In den 70ern kam noch Ger­hard Jap­pe von der im­mer ein­fluss­rei­cher wer­den­den FAZ da­zu, der von Beuys in ähn­li­chem Stil »be­dient« wur­de.

Auch noch An­thro­po­soph

Ge­nüss­lich ver­gleicht Rie­gel die auf­grund neu­er Er­kennt­nis­se not­wen­dig ge­wor­de­nen Än­de­run­gen in den Auf­la­gen der bis­her er­schie­ne­nen Bio­gra­phi­en, das stie­ku­me Weg­las­sen der sich spä­ter all­zu of­fen­sicht­lich zei­gen­den Lü­gen­ge­bäu­de und gei­ßelt die ver­blie­be­nen, im­mer noch fal­schen bis zwei­fel­haf­ten Stel­len. Aber es geht ihm nicht pri­mär um die Rich­tig­stel­lun­gen zu den Bio­gra­phen und In­ter­pre­ten, die Beuys’ Le­gen­den all­zu kri­tik­los auf den Leim ge­gan­gen sind. So hat­te Beat Wyss schon (fast) al­les zu Beuys und des­sen Selbst­in­sze­nie­run­gen und My­then ge­sagt und ihn vor fünf Jah­ren mehr pla­ka­tiv als er­hel­lend als den »ewi­gen Hit­ler­jun­gen« ver­or­tet. Rie­gel, der Wyss nicht ein­mal na­ment­lich er­wähnt, fußt auf die­ser The­se, in dem er bei­spiels­wei­se zahl­rei­che von Beuys’ Mä­ze­nen und Ga­le­ri­sten als durch die NS-Zeit be­la­ste­te Prot­ago­ni­sten outet und da­mit sug­ge­riert, Beuys ha­be sich auch po­li­tisch mit ih­nen »ver­stan­den«. Der Ein­fach­heit hal­ber wer­den die »un­be­la­ste­ten« Per­sön­lich­kei­ten mit de­nen Beuys eben­falls re­gen Kon­takt pfleg­te, kaum oder gar nicht er­wähnt.

Statt­des­sen fin­det sich im Bild­teil des Bu­ches ein Fo­to von Paul Fasta­bend in SS-Uni­form, was in­mit­ten der Beuys-Por­traits aus al­len mög­li­chen Le­bens­ab­schnit­ten sehr sug­ge­stiv wirkt. Fasta­bend, Jahr­gang 1905, wird ab En­de 1970 ei­ne Art Bü­ro­lei­ter von Beuys und grün­det mit ihm und Jo­han­nes Stütt­gen 1971 die »Or­ga­ni­sa­ti­on für di­rek­te De­mo­kra­tie durch Volks­ab­stim­mung«, die dann spä­ter in die AUD (»Ak­ti­ons­ge­mein­schaft Unab­hängiger Deut­scher«) in­te­griert wur­de, ei­ner Par­tei, mit der Beuys schon in den 60er Jah­re sym­pa­thi­sier­te und die in den 70ern ei­ne pro­gram­ma­ti­sche Wen­de von na­tio­na­li­stisch nach öko­lo­gisch voll­zog und schließ­lich ei­ner der Grün­dungs­or­ga­ni­sa­tio­nen der Grü­nen wur­de. Be­stim­men­de Fi­gur bei der AUD war Au­gust Hauß­lei­ter, des­sen rechts­ex­tre­mi­sti­sches Ge­dan­ken­gut aus­gie­big the­ma­ti­siert wird. So wird Wyss’ Schlag­wort­the­se fort­ge­führt, oh­ne ih­ren Ur­he­ber auch nur ei­nes Wor­tes zu wür­di­gen.

Aber Rie­gel »ent­deckt« gleich­zei­tig noch ei­ne wei­te­re Ca­mou­fla­ge. Ge­ra­de­zu ob­ses­siv fin­det (und er­fin­det) er all­über­all Par­al­le­len und Fort­schrei­bun­gen in Beuys’ Le­ben und Werk mit den Schrif­ten von Ru­dolf Stei­ner, dem Spi­ri­tus Rec­tor der An­thro­po­so­phie. So wird fast je­de Ak­ti­on, je­de Per­for­mance, je­des Kunst­werk (mit Aus­nah­me der Zeich­nungen; Rie­gel nennt Beuys ei­nen überragende[n] Zeich­ner) in Ver­bin­dung mit dem Welt­bild Ru­dolf Stei­ners ge­bracht (wenn Na­zi­tum und Stei­ner nicht rei­chen, wer­den noch die Ro­sen­kreu­zer in den Zeu­gen­stand ge­ru­fen). Als Beuys bei­spiels­wei­se die Re­ste sei­ner ver­trock­ne­ten Weih­nachts­bäu­me in ei­ne Skulp­tur in­te­griert, fin­det der Bio­graph ein Äqui­va­lent zu Tan­nen­bäu­men in Stei­ners Tex­ten. Der er­ho­be­ne rech­te Arm wäh­rend ei­ner Per­for­mance 1964 ist na­tür­lich ein sti­li­sier­ter Hit­ler-Gruß. Wenn Beuys die Zahl sie­ben ver­wen­det, hat dies selbst­re­dend mit Stei­ner zu tun (dass ge­ra­de die­se Zahl im­mer schon ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung auf­weist, kommt ihm nicht in den Sinn). Da es fast nichts gibt, wo­zu Stei­ner nichts ge­schrie­ben hat, fin­det Rie­gel auch noch so ab­sei­ti­ge Par­al­le­len. Beuys ha­be, so Rie­gel, den Be­griff »an­thro­po­lo­gisch« im­mer dann ver­wen­det, wenn er ei­gent­lich »an­thro­po­so­phisch« ge­meint ha­be. Beuys wird zum tro­ja­ni­schen Pferd der An­thro­po­so­phie. Be­son­ders die einzigartige[n] schamanistische[n] Mysterienspiel[e], die ihn als moderne[n] Mul­ti­me­dia­künst­ler präsentiert[en] bie­ten reich­lich Deutungsmög­lichkeiten in die­ser Rich­tung.

Fett, Filz, Ham­sun und Joy­ce

Und selbst­ver­ständ­lich wer­den auch Beuys’ Haupt­ma­te­ria­li­en, die für ihn mar­kant wer­den soll­ten, mit Stei­ner in Be­zug ge­bracht. Zum Fett heißt es bei Rie­gel: Ide­el­le Vor­ga­be für Beuys’ Ad­ap­ti­on des Fetts in sein Kon­zept der Form schaf­fen­den Be­we­gung wa­ren die Ge­dan­ken Stei­ners zur »ok­kul­ten Ent­wick­lung des Men­schen« Er zi­tiert Stei­ner: »Das­je­ni­ge, was wir Fett­sub­stanz nen­nen, gleich­gül­tig ob es der Mensch von au­ßen ge­nießt oder in sei­nem ei­ge­nen Or­ga­nis­mus sel­ber bil­det, ist nach ganz an­de­ren kos­mi­schen Ge­set­zen auf­ge­baut als die Ei­weiß­sub­stanz.« Dass Stei­ner ex­pli­zit nichts über Filz ge­schrie­ben hat­te, macht nichts – Rie­gel fin­det trotz­dem schnell ei­ne anthropo­sophische Deu­tung, in dem Filz mit Wär­me äqui­va­lent ge­setzt wird, und Wär­me er­mög­li­che laut Stei­ner die Wand­lung des Gei­sti­gen in Ma­te­ri­el­les und um­ge­kehrt. Wo­bei ihm hilft, dass Beuys tat­säch­lich die Wär­me-Me­ta­pher im Sin­ne Stei­ners ge­brauch­te.

Am En­de dis­kre­di­tiert Rie­gel Beuys als Per­son und weil er Per­son und Werk im »Fall« Beuys als un­ent­wirr­bar mit­ein­an­der ver­bun­den sieht, da­mit auch gro­ße Tei­le sei­nes künst­le­ri­schen Œu­vre. Aus dem frei­wil­li­gen Ein­tritt in Hit­lers Ar­mee 1940, sei­ne spä­te­re un­kri­ti­sche Re­fle­xi­on hier­zu (er nann­te es 1980 ei­ne »ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dung« in »So­li­da­ri­tät mit mei­nen Al­ters­ge­nos­sen«) bis zur Ad­ap­ti­on der Leh­ren Ru­dolf Stei­ners wird ein neu­er, brau­ner An­zug für Jo­seph Beuys ge­strickt. Da­bei stört es Rie­gel kaum, dass auch die Par­al­le­len zu Stei­ner nicht neue Er­kennt­nis­se sind; schon zu Beuys’ Leb­zeiten wur­den sie ar­ti­ku­liert. Es ge­nügt ihm, die Ver­nach­läs­si­gung die­ses Strangs in der Beuys-Re­zep­ti­on als Ent­hül­lung zu ver­kau­fen.

Um­so über­ra­schen­der, als Rie­gel ein­mal, fast mit­ten im Buch plötz­lich ei­ne an­de­re In­ter­pre­ta­ti­on für die Ver­wen­dung von Fett und Filz prä­sen­tiert: Wie er ei­nen Stein­wurf weit von ei­ner ge­wal­ti­gen Mar­ga­ri­ne­fa­brik auf­wuchs, be­fand sich in Nä­he von Beuys’ Gym­na­si­um der Fir­men­sitz ei­ner der größ­ten Schuh­fa­bri­ken des Lan­des, von Ele­fan­ten-Schu­he. Aha – al­so al­les ei­ne Sa­che der Kind­heit? Zu Be­ginn weist er dar­auf hin, dass Beuys’ Va­ter ei­ne Leh­re sei­nes Jun­gen bei der Mar­ga­ri­ne­fa­brik als Be­rufs­ziel an­streb­te – si­cher­lich ein Greu­el für den jun­gen Beuys. War­um wird nicht die Mög­lich­keit un­ter­sucht, Mar­ga­ri­ne, d. h. Fett, als Re­mi­nis­zenz an den Va­ter zu se­hen, mit dem Beuys Zeit des Le­bens ein dif­fi­zi­les Ver­hält­nis hat­te? Schließ­lich fällt Rie­gel zum Filz noch die Mi­li­tär­zeit ein: Filz wur­de für Schu­he und vor al­lem Mi­li­tär­stie­fel ver­ar­bei­tet und mit Filz sei er, Beuys, si­cher­lich da­mals an­dau­ernd in Be­rüh­rung ge­kom­men. Die­se aus dem autobio­graphischen Er­le­ben her­aus ab­ge­lei­te­ten Deu­tungs­ver­su­che blei­ben in dem Buch die Aus­nah­me.

Was töd­lich für ei­ne se­riö­se Bio­gra­phie ist: Der Bio­graph hat ei­ne fest ge­füg­te Mei­nung über die Per­son, des­sen Le­ben (und Werk) er zu re­flek­tie­ren und zu ab­zu­wä­gen hat. Beuys’ mar­ke­ting­mä­ßig ge­schickt ge­wähl­ten Le­gen­den und Lü­gen­ge­bäu­de, sein of­fen­si­ver Um­gang mit der Kriegs­frei­wil­lig­keit (wie lä­cher­lich wä­re es ge­we­sen, er hät­te sich da­von di­stan­ziert, wie Rie­gel dies im vor­wurfs­vol­len Ton mo­niert), dass Beuys nie­man­den per se von ei­ner Dis­kus­si­on oder ei­nem Ge­spräch aus­schloss und auf ei­ne ge­ra­de­zu erschrecken­de Art und Wei­se of­fen und vor­ur­teils­frei war – al­les dient Rie­gel da­zu, so­fort das Mes­ser zu wet­zen. Mit Wol­lust wird Beuys’ Be­kennt­nis von 1961 zi­tiert, dass Knut Ham­sun der wich­tig­ste Mann für ihn in der un­mit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit sei. So­fort zi­tiert Rie­gel aus Ham­suns ekel­haf­tem wie jäm­mer­li­chem Nach­ruf auf Hit­ler und the­ma­ti­siert des­sen na­tio­nal­so­zia­li­sti­sches Welt­bild, wo­bei er be­haup­tet, Ham­sun sei Mit­glied der national­sozialistischen Par­tei Nor­we­gens ge­we­sen, was un­rich­tig ist. Wich­ti­ger aber: Kei­ne Idee, war­um Ham­sun viel­leicht trotz­dem für Beuys – ne­ben Ja­mes Joy­ce – wich­tig ge­we­sen sein könn­te. Und kein Wort, wie sich die Af­fi­ni­tät Beuys’ zu die­sen äs­the­tisch di­ver­gie­ren­den Au­toren – Ham­sun und Joy­ce – er­klärt. Rie­gel suhlt sich lie­ber in bil­li­ger Ge­sin­nungs­kri­tik.

Na­tür­lich ist Beuys auch ein Pa­tri­arch, der sei­ne Frau und die Kin­der un­ter­drückt und vor­mo­dern er­zieht. Un­ter an­de­rem wird sein Ein­tre­ten für ein »Haus­frau­en­gehalt« da­für als Be­leg her­an­ge­zo­gen: Beuys ha­be sich, so der Vor­wurf, die Frau nur als Haus­frau und Mut­ter vor­ge­stellt. Und na­tür­lich ver­weist Rie­gel auf ei­ne ent­spre­chen­de Stel­le bei Stei­ner. Dass Beuys’ En­ga­ge­ment hier­für der Bes­ser­stel­lung der sich in den 70er und 80er Jah­ren noch mehr­heit­lich in tra­di­tio­nel­len Rol­len­mo­del­len be­we­gen­den Frau­en dar­stel­len soll­te, spä­ter von po­li­ti­schen Kräf­ten von li­be­ral bis links auf­ge­nom­men wur­de und heu­te als Idee ei­nes be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens wei­ter­ent­wickelt wur­de, er­wähnt Rie­gel nur ein ein­zi­ges Mal, in dem er la­pi­dar an­merkt, die­ses Mo­dell wer­de heu­te un­ter an­de­rem von An­thro­po­so­phen pro­pa­giert.

Schlüs­si­ges und Spe­ku­la­ti­ves

Durch­aus schlüs­sig zeigt Rie­gel die Par­al­le­len zwi­schen Stei­ner und Beuys auf, wenn es um Kunst und den Künst­ler­be­griff geht: Beuys’ »er­wei­ter­ter Kunst­be­griff« war glo­bal. Er nähr­te sich aus dem Ge­dan­ken, die in je­dem Men­schen vor­han­de­ne krea­ti­ve En­er­gie zu ak­ti­vie­ren, die das ei­gent­li­che Ka­pi­tal ei­ner Ge­sell­schaft bil­det. So er­klärt sich das be­rühm­te Dik­tum, je­der Mensch sei ein Künst­ler. Beuys’ Aus­sa­ge sei Es­senz aus den Vor­ga­ben Stei­ners und des­sen »künst­le­ri­scher Welt­mis­si­on«, die die Ret­tung der Mensch­heit mit ih­rer »Hin­nei­gung zum Künst­le­ri­schen« ver­band. Dies mein­te, je­der Mensch sei in der La­ge, durch den Ein­satz sei­ner krea­ti­ven Fä­hig­keit die ge­gen­wär­tig un­freie Ge­sell­schaft zu über­win­den und mit der so ge­won­ne­nen Au­to­no­mie sei­nes Den­kens und Han­delns an der Ver­wirk­li­chung des or­ga­ni­schen Ge­sell­schafts­kör­pers der »so­zia­len Pla­stik« mit­zu­wir­ken. Hier wird von Beuys Stei­ners Drei­glie­de­rung des so­zia­len Or­ga­nis­mus pa­ra­phra­siert. Es ge­lingt Rie­gel auch das Idyll des per se wun­der­ba­ren Men­schen auf ei­ne durch­aus er­hel­len­de Art und Wei­se zu de­kon­stru­ie­ren, in dem er mehr­fach dar­auf hin­weist, dass Beuys nach die­ser The­se auch Ver­bre­cher bis hin zu Hit­ler krea­ti­ves Po­ten­ti­al at­te­stier­te, das sie je­doch nur lei­der ne­ga­tiv ein­ge­setzt hät­ten.

Aber der Bio­graph be­lässt es nicht im nüch­ter­nen Ton und ver­fällt all­zu oft in holzhammer­haftem Duk­tus bis hin zur Ma­ni­pu­la­ti­on. Wenn er et­was nicht weiß, schweigt er nicht dar­über, son­dern spe­ku­liert. Bei­spiel­wei­se als Beuys’ Ate­lier 1956 ab­brennt. Rie­gel weiß nichts Ge­nau­es zu den Um­stän­den des Bran­des, aber weil Beuys da­mals ei­ne Le­bens­kri­se durch­mach­te, mut­maßt er: Hat­te Beuys selbst den Brand ver­ur­sacht? Aus sei­nem Zu­stand ge­schul­de­ter Nach­läs­sig­keit? Oder gar vor­sätz­lich, in ei­nem An­fall von Hy­ste­rie? Ein Selbst­mord­ver­such gar? Und wel­che In­di­zi­en prä­sen­tiert Rie­gel für sei­ne Mut­ma­ßun­gen? Kei­ne. So re­giert der Kon­junk­tiv oft in die­sem Buch (nach­fol­gen­de Hervor­hebungen von mir). Beuys’ Psy­che wur­de mut­maß­lich von ei­ner Art in­ner­li­chem Dis­kurs be­la­stet; mehr als ein Dut­zend Mal kann man et­was ver­mu­ten (die In­ten­si­tät des Bran­des zum Bei­spiel); es ist so man­ches mög­lich (bei­spiels­wei­se das Beuys schon 1960 auf Sylt ei­nen An­thro­po­so­phen-Gu­ru trifft; be­wie­sen ist gar nichts). Bei Beuys schien auch so ei­ni­ges, un­ter an­de­rem wenn es um ei­ne Ent­schlos­sen­heit in den 50ern geht, Künst­ler zu wer­den. Und manch­mal er­klärt Rie­gel la­pi­dar, dass et­was nicht mehr end­gül­tig zu klä­ren sein wird. Da wird sehr viel ge­ra­ten – was am En­de ähn­lich un­er­gie­big ist wie das Sich-Ver­las­sen an­de­rer Bio­gra­phen auf Beuys’ Aus­sa­gen.

Da­bei kann Rie­gel durch­aus mit in­ter­es­san­ten Quel­len auf­war­ten. Er hat sich mit zwei Schul­freun­den un­ter­hal­ten, kor­re­spon­dier­te mit Ron Man­heim und Beuys’ lang­jäh­ri­gem As­si­sten­ten Jo­han­nes Stütt­gen (und wer­tet die end­los an­mu­ten­den Akademiestreitig­keiten zwi­schen Beuys und dem Land NRW un­ter an­de­rem auch an­hand von Stütt­gens »Der gan­zen Rie­men« aus, ein rie­si­ges Kon­vo­lut mit dem Un­ter­ti­tel »Der Auf­tritt von Jo­seph Beuys als Leh­rer – die Chro­no­lo­gie der Er­eig­nis­se an der Staat­li­chen Kunst­akademie Düs­sel­dorf 1966 bis 1972«). Er trifft Klaus Staeck, Ma­ri­na Ab­ra­mo­vić, Die­ter Ko­epp­lin (den Rie­gel mit dem Al­ler­welts­at­tri­but »Ex­per­te« ver­sieht) und Lu­kas Beck­mann (der Beuys’ Weg bei den Grü­nen be­glei­tet hat). Aber es fällt auch auf, wer au­ßer dem be­reits an­ge­spro­che­nen Beat Wyss fehlt: Beuys’ Mu­se und stän­di­ge Be­glei­te­rin in den eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern Ca­ro­li­ne Tisdall bei­spiels­wei­se. Soll­te es in den Jah­ren der Re­cher­che (aus den End­no­ten-Be­le­gen lässt sich ei­ne ver­stärk­te Ak­ti­vi­tät ab 2011 her­aus­le­sen) nicht ge­lun­gen sein, Tisdall aus­fin­dig zu ma­chen? Kein Mit­glied der Fa­mi­lie wird an­ders als aus ein­gän­gi­gen Pu­bli­ka­tio­nen zi­tiert; hier gab es au­gen­schein­lich kei­nen Kon­takt. Von Ba­zon Brock, der Rie­gel für sei­ne Im­men­dorff-Bio­gra­phie noch zur Ver­fü­gung stand, fin­det man auch kei­ne neu­en Stel­lung­nah­men. Zur Höchst­form läuft Rie­gel da­für in ei­ner Do­ku­men­ten­sam­mel­lei­den­schaft auf – 129 Mal wird das Ar­chiv des Au­tors be­müht, mit Ori­gi­na­len oder Ko­pi­en von Fo­to­gra­fi­en, Be­rich­ten, Kar­tei­kar­ten, Ar­ti­keln, amt­li­chen Aus­zü­gen, Fern­seh­fil­men, Tran­skrip­ten und Brie­fen an, über und von Beuys an den Au­tor oder Drit­te. Und bei Be­darf wer­den dann auch die Bio­gra­phi­en, die er im De­tail so ve­he­ment wie be­grün­det kri­ti­siert als Re­fe­renz­grö­ßen zi­tiert.

Deutsch, kel­tisch, völ­kisch

Stu­diert man die End­no­ten fällt so­fort auf wie aus­gie­big sich Rie­gel mit Ru­dolf Stei­ner be­schäf­tigt hat. Im Buch sel­ber wer­den die fast in­fla­tio­nä­ren Hin­wei­se auf Par­al­le­len schnell er­mü­dend. Ne­ben den Zeich­nun­gen von Beuys, die Rie­gel kaum de­tail­liert wür­digt, lässt er am En­de nur we­ni­ge Kunst­wer­ke und In­stal­la­tio­nen gel­ten, da er sie im­mer mit der Stei­ner-Bril­le sieht (wo­mög­lich hät­te er Beuys noch Hin­wei­se ge­ben kön­nen). Gänz­lich be­gei­stert ist er nur von der Bi­en­na­le-In­stal­la­ti­on von 1976 »Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le«, die, so merkt er süf­fi­sant an, ver­mut­lich un­ter dem Ein­fluss von Ca­ro­li­ne Tisdall gänz­lich oh­ne an­thro­po­so­phi­schen Ein­fluss blieb. Tisdall konn­te mit Beuys’ Welt­bild nichts an­fan­gen. Ein biss­chen hält er ih­re Rol­le als Ver­mark­tungs- und My­then­mul­ti­pli­ka­to­rin klein – wie man bei­spiels­wei­se hier se­hen kann:

Rie­gel sug­ge­riert, die Re­zep­ti­on von Beuys ha­be zu lan­ge die Au­gen vor den offensicht­lichen Par­al­le­len ver­schlos­sen. Beuys wird in die­sem Buch zu ei­nem ver­län­ger­ten Arm rech­ten Ge­dan­ken­guts, das so­mit tief in den so­zi­al-li­be­ra­len Main­stream der Bundes­republik hin­ein­ge­tra­gen wur­de. Beuys sei zwar kein An­ti­se­mit ge­we­sen, auch kein National­sozialist, aber »völ­kisch«, so das Fa­zit des Bu­ches. Beuys emp­fand bis in die tief­sten Ver­äste­lun­gen sei­ner Per­sön­lich­keit als deutsch heißt es (nach­dem es ein­hun­dert Sei­ten zu­vor noch ge­hei­ßen hat­te, Beuys ver­or­te sich mit kel­ti­schen Wur­zeln) und dann kommt das Ein-Mann-Ge­richt zum Ur­teil: Ge­prägt durch die Kriegs­er­fah­run­gen in der Ju­gend, hat Beuys auch nach dem De­sa­ster des Zwei­ten Welt­kriegs nie die Über­zeu­gung ei­ner be­son­de­ren hi­sto­ri­schen Po­si­ti­on Deutsch­lands auf­ge­ge­ben. Die­se Auf­fas­sung ge­wann durch Beuys’ in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung mit Stei­ner und des­sen ger­ma­nisch völ­ki­schem Ge­dan­ken­gut an Nähr­bo­den.

Als end­gül­ti­ge Be­le­ge die­nen zwei Tex­te von Beuys. Zum ei­nen der »Auf­ruf zur Al­ter­na­ti­ve«, im De­zem­ber 1978 in der Frank­fur­ter Rund­schau erst­mals ver­öf­fent­licht, der, so über­ra­schend wie be­leg­los von Rie­gel als im We­sent­li­chen von dem Anthropo­sophen Wil­fried Heidt ver­fasst aus­ge­ge­ben wird (Rie­gel be­zieht sich ein­zig auf die Web­sei­te von Heidt [selbst­ver­ständ­lich auch die­se im Ar­chiv des Au­tors]). Hier stört sich Rie­gel un­ter an­de­rem an der Ver­wen­dung des Wor­tes »Mit­tel­eu­ro­pa«, das er als deutsch-na­tio­na­li­stisch ver­wen­det sieht. Zum an­de­ren be­müht Rie­gel ei­nen Vor­trag von Beuys ein Jahr vor sei­nem Tod: Die­se Re­de wur­de zum Ver­mächt­nis sei­ner Über­zeu­gung ei­nes über­le­ge­nen deut­schen Vol­kes, von des­sen »Auf­er­ste­hungs­kraft« Beuys über­zeugt war. Sie ist Aus­weis der An­nah­me völ­ki­scher Idea­le durch Beuys.

Tat­säch­lich ist die »Re­de über das ei­ge­ne Land« ein wir­rer Text; ei­ne kru­de Mi­schung aus An­thro­po­so­phie, Eso­te­rik, po­li­ti­scher Li­be­ra­li­tät bis Li­ber­ti­na­ge, Ka­pi­ta­lis­mus­bashing und – zwei­fel­los – na­tio­na­len bis na­tio­na­li­sti­schen Vor­stel­lun­gen. Ein schnell un­ge­nieß­bar wer­den­der Brei, der deut­lich zeigt, wie we­nig Beuys von Po­li­tik ver­stand.

Aus­ge­rech­net hier zi­tiert Rie­gel aber nicht aus Grass­kamps klu­gem Auf­satz von 1995, der Beuys’ re­li­giö­se und po­li­ti­sche Ver­wick­lun­gen in Be­zug auf sein Werk für über­schätzt hält und da­vor warnt, Stei­ners Ein­fluß »über­zu­be­wer­ten, denn seit dem frü­hen 19. Jahr­hundert ist der Avant­gar­dis­mus als ei­ne äs­the­ti­sche So­zia­li­sa­ti­on dem Sek­tie­rer­tum stets eng ver­wandt ge­we­sen.« Grass­kamp weist auf die po­li­ti­schen Pit­to­res­ken bei­spiels­wei­se um den Ge­or­ge-Kreis hin und er­in­nert an die Par­al­le­len der ita­lie­ni­schen Fu­tu­ri­sten zum Fa­schis­mus Mus­so­li­nis und, auf der an­de­ren Sei­te, der fran­zö­si­schen Sur­rea­li­sten in der kom­mu­ni­sti­schen Be­we­gung.4

Das Ide­al des »sau­be­ren« Künst­lers

Aber der­ar­ti­ge hi­sto­ri­sche Ein­ord­nun­gen pas­sen nicht zur in­qui­si­to­ri­schen At­ti­tü­de Rie­gels. Man möch­te ihn fra­gen, seit wann das vom Künst­ler zur ei­ge­nen Werk-In­ter­pre­ta­ti­on her­an­ge­zo­ge­ne Welt­bild kon­zi­se sein muss? Wo steht ge­schrie­ben, dass Beuys’ Deu­tung die ein­zig mög­li­che und rich­ti­ge ist? Selbst wenn man, wie Rie­gel es of­fen­sicht­lich tut, die An­thro­po­so­phie für ei­ne ge­fähr­li­che Sek­te hält (so­gar Ot­to Schi­ly kommt bei ihm un­ter dem Ver­dacht, An­thro­po­soph zu sein): In­wie­weit kon­ta­mi­niert die­se Welt­an­schau­ung das Werk beim Re­zi­pi­en­ten? Sprin­gen die an­thro­po­so­phi­schen Im­pli­ka­tio­nen ins Au­ge, in den Sinn? Ist Beuys ma­ni­pu­la­tiv tä­tig und so­mit ein Dem­ago­ge? Wel­che Aus­wir­kun­gen ha­ben sei­ne po­li­ti­schen Re­den auf die Qua­li­tät sei­ner Kunst? Die­sen Fra­gen weicht Rie­gel aus. Wer der­art ve­he­ment und ma­ni­pu­la­tiv an­klagt wie er, kann aber nicht heuch­le­risch das Ur­teil hier­über dem Le­ser über­las­sen. (Fast kommt ei­nem in den Sinn, zu­künf­ti­gen Künst­lern zu ra­ten, zu schwei­gen [ei­nes der wich­tig­sten Rech­te ei­nes An­ge­klag­ten]. Beuys mach­te das Ge­gen­teil: er theo­re­ti­sier­te – und wur­de da­mit an­greif­bar.)

Un­längst hat Mal­te Her­wig in sei­nem Buch »Die Flak­hel­fer« die Jahr­gän­ge 1926–28 un­ter­sucht, die mit 17, 18 Jah­ren noch in die NSDAP ein­tra­ten und dies ein Le­ben lang ver­schwie­gen ha­ben bzw. hat­ten. Et­li­che von ih­nen ge­hör­ten spä­ter zu de­nen, die die­ses Deutsch­land nicht nur auf­ge­baut, son­dern dau­er­haft de­mo­kra­tisch ge­macht ha­ben (Mar­tin Wal­ser, Hans-Diet­rich Gen­scher, Er­hard Ep­p­ler, Wal­ter Jens, um nur ei­ni­ge zu nen­nen). Her­wig ver­mied es aus gu­tem Grund in sei­nem Buch mo­ra­lin-sau­er zu ar­gu­men­tie­ren. Er woll­te Er­klä­run­gen fin­den. Rie­gel fehlt die­ser Im­puls; er be­schränkt sich auf die An­kla­ge. Er, der ei­ner Ge­nera­ti­on an­ge­hört, de­ren größ­te Ent­schei­dung in ih­rer Kind­heit und Ju­gend in der Wahl zwi­schen Geha- oder Pe­lik­an­fül­ler lag (ich weiß, wo­von ich re­de), ur­teilt an­ma­ßend und selbst­ge­recht über ei­nen Mann, der wo­mög­lich ei­ne un­glück­li­che Ju­gend in der rhei­ni­schen Pro­vinz ver­brach­te, des­sen Idea­lis­mus schreck­li­che Irr­we­ge ging und da­nach drin­gend nach neu­en Vor­bil­dern such­te. Die­ses We­sen zu er­grün­den wä­re die Auf­ga­be ei­nes Bio­gra­phen ge­we­sen. Aber das ver­langt ne­ben ei­nem prall ge­füll­ten Ar­chiv vor al­lem auch Em­pa­thie (da ge­nügt der mit pe­jo­ra­ti­vem Un­ter­ton ver­se­he­ne Hin­weis, der Krieg sei in den 30er/40er Jah­ren bei aben­teu­er­hung­ri­gen Ju­gend­li­chen als Bil­dungs­rei­se ver­stan­den wor­den, nicht).

Rie­gel ist Re­cher­cheur, aber lei­der auch ei­ne Kra­wall­schach­tel, der die Fak­ten auch schon ein­mal ger­ne so in­ter­pre­tiert, wie er sie braucht. Be­mer­kens­wert, wie gut das in die­ser me­dio­kren Me­dio­kra­tie funk­tio­niert. Fast noch schlim­mer als der bil­li­ge Er­re­gungs-Alar­mis­mus, in den Rie­gels Spra­che all­zu oft tau­melt, ist der zu­wei­len un­er­träg­li­che aus­ge­brei­te­te Nar­ziss­mus des Ver­fas­sers, der schon die Im­men­dorff-Bio­gra­phie strecken­wei­se so de­gou­tant mach­te. Da­bei be­dient Rie­gel in sei­nen An­ti-Bio­gra­phi­en auf per­fi­de Art und Wei­se den Zeit­geist, in dem er ein Künst­ler­ide­al des kli­nisch rei­nen, mo­ra­lisch un­zwei­fel­haf­ten und vor­bild­haf­ten Men­schen mit ei­nem ta­del­los-de­mo­kra­ti­schen Welt­bild po­stu­liert. Aber die Kunst ei­nes sol­chen syn­the­ti­schen Ge­bil­des wä­re (= ist – wie man zu oft sieht) lang­wei­lig, bor­niert, spie­ßig. Ab­ge­se­hen da­von, dass ein sol­ches Ide­al selbst wie­der in höch­stem Ma­ße to­ta­li­tär, ja, ich scheue mich nicht zu sa­gen: ge­fähr­lich ist.

Was bleibt? Von Beuys viel­leicht zwei, drei Kunst­wer­ke. Das ist viel. Von Rie­gel ein paar kor­ri­gier­te Fak­ten. Und die Füt­te­rung der An­ti­qua­ria­te und Bü­cher­märk­te. Das ist ge­nug.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus Hans Pe­ter Rie­gels »Beuys«-Biographie. Wal­ter Grass­kamps Buch »Der lan­ge Marsch durch die Il­lu­sio­nen – Über Kunst und Po­li­tik«, Beck-Ver­lag, 1995, ist lei­der ver­grif­fen.


  1. Wal­ter Grass­kamp: »Der lan­ge Marsch durch die Il­lu­sio­nen«, Beck 1995, S. 64 

  2. ebd., S. 67 

  3. Im­men­dorff-Bio­gra­phie, Sei­te 231 

  4. Wal­ter Grass­kamp; S. 70 

22 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da ich das Buch nicht ge­le­sen ha­be, kann ich mich da­zu na­tür­lich nicht äu­ßern. Dei­ne kri­ti­sche Be­trach­tung aber ist ein ein­zi­ges Le­se­ver­gnü­gen. Vor ca. 3 Wo­chen stell­te die 3sat-Kul­tur­zeit ( http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/lesezeit/169872/index.html ) die­se Beuys-Bio­gra­phie vor und da­mals schon be­schlich mich an­ge­sichts des merk­wür­di­gen „Muß-Beuys-jetzt-neu-bewertet-werden?“-Untertons das Ge­fühl, dass sich hier Leu­te am Sturz ei­nes Denk­mals be­tei­li­gen, wel­ches sie selbst er­rich­tet ha­ben.
    Ge­nau wie Du hat­te ich zum Beuys-Oeu­vre im­mer ein am­bi­va­len­tes­Ver­hält­nis, „Das Ru­del“ z.B., ver­stand ich zwar nicht, aber, im Ein­gang zum Köl­ner Kunst­markt in­stal­liert, sah’s span­nend aus. „Der Fett­stuhl“ oder to­te, welt­erklä­ren­de Ha­sen – na ja, ich kann da­mit nichts an­fan­gen, aber ich bin da auch we­gen Ah­nungs­lo­sig­keit der Letz­te das zu be­ur­tei­len. Ich hab mich je­den­falls mal, 1969 in Düs­sel­dorf (!) mit Beuys sehr an­ge­regt un­ter­hal­ten, al­ler­dings über Po­li­tik an­läss­lich ei­nes Wahl­kampf­auf­tritts Wil­ly Brandts. Nichts Eso­te­ri­sches, nichts Über­spann­tes, nichts „Deut­sches“ war zu spü­ren, son­dern ein ver­nünf­ti­ger Mann hoff­te wie ich auf den po­li­ti­schen Wech­sel in ei­ne we­ni­ger ver­mief­te Zeit und die­sen Beuys be­hal­te ich in mei­ner Er­in­ne­rung. Da kann ein HP Rie­gel ge­gen den Sockel pis­sen, so oft er mag.

  2. Lie­ber Herr Struck

    Of­fen ge­stand bin ich ge­spannt, ob Sie mei­ne Re­plik ver­öf­fent­li­chen.

    Die Fleiß­ar­beit je­den­falls mit der Sie mei­ne Bü­cher be­dacht ha­ben, ist schmei­chel­haft. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits zäh­len auch Sie zu ei­ner selt­sa­men Spe­zi­es, die das In­ter­net her­vor­ge­bracht hat. Men­schen die sich Ali­as-Na­men zu­le­gen und ih­re Frei­zeit da­mit ver­brin­gen, sich als Hecken­schüt­zen in den Grau­zo­nen gel­ten­den Rechts zu be­we­gen, weil sie über­zeugt sind, nur mit ih­rem Tun wä­re die Mei­nungs­frei­heit noch zu ret­ten.

    Al­so gilt es ge­gen Au­toren wie mich an­zu­schrei­ben , die “in holz­ham­mer­haf­tem Duk­tus bis hin zur Ma­ni­pu­la­ti­on” schlech­te Bü­cher pu­bli­zie­ren und hier­für, un­ter­stützt von den “Ma­chern die­ser me­dio­kren Me­dio­kra­tie”, ei­ne brei­te, wie Sie je­doch an­neh­men, ah­nungs­lo­se Öf­fent­lich­keit fin­den.

    HP Rie­gel, ich schrei­be nicht üb­ri­gens Hans Pe­ter Rie­gel, ist na­tür­lich ein idea­les Ziel für die At­tacken aus dem Hin­ter­halt, aus der Ni­sche me­dio­krer Blogs (um bei Ih­rer Dik­ti­on zu blei­ben), weil er sich nicht scheut, sich mit nicht un­be­dingt po­lu­lä­ren Dar­stel­lun­gen zu ex­po­nie­ren.

    Ih­re Schüs­se, lie­ber Herr Struck, wen­den sich lei­der ge­gen Sie selbst, wenn sie mir et­wa un­ter­stel­len ich sei ei­ner “der die Fak­ten auch schon ein­mal ger­ne so in­ter­pre­tiert, wie er sie braucht”. Ih­re Ein­las­sun­gen sind in die­ser Hin­sicht kaum zu über­bie­ten. Sie schrei­ben mei­ne Im­men­dorff-Bio­gra­phie be­tref­fend, die­se sei “in ei­ni­gen Punk­ten äu­ßerst lücken­haft” und er­wäh­nen als Ex­em­pel al­lein Ma­rie-Jo­se­phi­ne Ly­nen als Aus­las­sung. Wel­che sind die an­de­ren?

    Die Ge­nann­te ist in mei­nem Buch durch­aus “ge­wür­digt”, was Sie wohl über­se­hen ha­ben. Zu­dem be­we­ge ich mich als Bio­graph auf dem Bo­den des “All­ge­mei­nen Per­sön­lich-keits­rechts”. Da­mit ver­bun­den sind be­stimm­te As­pek­te die Pri­vat­sphä­re be­tref­fend ta­bu. Ich hät­te sehr ger­ne aus­führ­li­cher über Ma­rie-Jo­se­phi­ne Ly­nen und ih­ren mit Im­men­dorff ge­mein­sa­men Sohn ge­schrie­ben. Je­doch auch mit de­ren Ein­ver­ständ­nis hät­te ich mit ab­so­lu­ter Si­cher­heit ei­ne einst­wei­li­ge Ver­fü­gung der Im­men­dorff-Wit­we zu Un­ter­las­sung die­ser Dar­stel­lun­gen
    er­hal­ten.

    Das ne­ben The­men der Pri­vat­sphä­re auch an­de­re Dar­stel­lun­gen we­gen der recht­li­chen Si­tua­ti­on nur im Kon­junk­tiv for­mu­liert wer­den kön­nen, zählt gleich­falls zu den Leit­plan­ken die ei­nem Bio­gra­phen heu­te ge­setzt sind. Das liest sich mit­un­ter spe­ku­la­tiv, das ge­be ich mit Be­dau­ern zu, ist je­doch nicht an­ders dar­stell­bar, wenn man nicht das The­ma voll­ends aus­las­sen will. Was Sie ja nun auch wie­der nicht so ger­ne se­hen, wie ich an­neh­me.

    Aber wie sol­len Sie auch über sol­che Ge­ge­ben­hei­ten in Kennt­nis sein, lie­ber Herr Struck. Oder ha­ben Sie schon ei­ne Bio­gra­phie ver­fasst? Oder in­ter­es­sie­ren Sie als Blog­ger sol­che ju­ri­sit­schen Pe­ti­tes­sen über­haupt?

    Das sol­che recht­li­chen Be­din­gun­gen auch für die Beuys- Bio­gra­phie gel­ten, sei nur am Ran­de er­wähnt. Und auch, dass Ca­ro­li­ne Tis­ad­all trotz mehr­fa­cher An­fra­gen, nicht zu ei­nem Ge­spräch be­reit war. Eben­so we­nig Eva Beuys.

    Ih­re “Re­zen­si­on” be­dient sich durch­wegs aus dem Zu­sam­men­hang ge­ris­se­ner Zi­ta­te, mit de­nen Sie viel Mü­he dar­auf ver­wen­den, zu sug­ge­rie­ren, ich ha­be mich po­le­mi­scher, wie nach­läs­si­ger Dar­stel­lun­gen schul­dig ge­macht. Sie selbst je­doch dre­hen “die Fak­ten auch schon ein­mal ger­ne so” wie Sie in Ihr Bild pas­sen.

    Mit buch­al­te­ri­scher Fleiß­ar­beit stel­len Sie bei­spiels­wei­se fest, ich wür­de Beuys “in die tief­sten Ver­äste­lun­gen sei­ner Per­sön­lich­keit als deutsch”sehen (und jetzt Ihr Schuss) da­bei hät­te ich “ein­hun­dert Sei­ten zu­vor noch” an­ge­führt, Beuys ver­or­te sich mit kel­ti­schen Wur­zeln.” Lie­ber Herr Struck hät­ten Sie mein Buch wirk­lich
    auf­merk­sam ge­le­sen, wä­re ih­nen nicht ent­gan­gen, dass Beuys wie auch Stei­ner den Zu­sam­men­hang “kel­tisch, ger­ma­nisch deutsch” po­stu­lier­ten. Beuys sprach von “in­do­ger­ma­ni­schen” Wur­zeln, Stei­ner von der ge­mein­sa­men »Volks­see­le«, der Kel­ten und der Ger­ma­nen, der Deut­schen letzt­lich . Zu­dem sind die Zu­samm­hän­ge hi­sto­risch bzw. kul­tur­anthro­po­lo­gisch Kon­sens. Wo ist al­so ein Wi­der­spruch in mei­ner Dar­stel­lung, wie Sie ihn un­ter­stel­len?

    Ein an­de­res Bei­spiel. Dass die bio­gra­phi­schen Wur­zeln der Ver­wen­dung von “Mar­ga­ri­ne” vor der Haus­tür der Fa­mi­lie Beuys in Kle­ve zu fin­den sind, was un­schwer nach­zu­wei­sen ist, hat we­nig mit der Her­lei­tung der Ver­wen­dung von “Fett” als Sub­stanz der Beuys­schen Kunst­aus­übung zu tun, die eben­so un­schwer nach­zu­wei­sen, bei Stei­ner zu ver­or­ten ist. Das er­läu­te­re ich aus­führ­lich. Aber das ha­ben Sie wohl über­le­sen oder nicht le­sen oder nicht zur Kennt­nis wol­len.

    Und so geht es wei­ter in Ih­rem Text mit eben­so un­zu­tref­fen­den wie dif­fa­mie­ren­den Auss­füh­run­gen. Ver­mut­lich passt der wahr­heits­ge­mä­sse Um­gang mit Fak­ten nicht “zur in­qui­si­to­ri­schen At­ti­tü­de”, die Sie mir vor­wer­fen, de­rer Sie sich zu­gleich be­die­nen.

    Wie ab­surd sich die­se Be­mü­hun­gen an­las­sen, wohl auch man­gels stich­hal­ti­ger Ar­gu­men­te, zeigt sich, wenn Sie flei­ssig 129 Fuß­no­ten zäh­len, und schrei­ben das “Ar­chiv des Au­tors” sei in die­ser “Do­ku­men­ten­sam­mel­lei­den­schaft” be­müht wor­den. Er­stens un­ter­schla­gen Sie die rest­li­chen 1179 Fuß­no­ten. Und zwei­tens, was wol­len Sie da­mit ei­gent­lich be­wei­sen? Das “Ar­chiv des Au­tors” ist ei­ne recht­lich ver­bind­li­che Aus­kunft, die not­wen­dig ist, wenn Do­ku­men­te zi­tiert wer­den, die dort vor­zu­fin­den sind.

    Zum Schluß mein Lie­ber be­ge­ben Sie sich ganz aufs schlüpf­ri­ge Par­kett. Rie­gel be­dient auf “per­fi­de Art und Wei­se den Zeit­geist, in dem er ein Künst­ler­ide­al des kli­nisch rei­nen, mo­ra­lisch un­zwei­fel­haf­ten und vor­bild­haf­ten Men­schen mit ei­nem ta­del­los-de­mo­kra­ti­schen Welt­bild po­stu­liert”, las­sen Sie ver­lau­ten.

    Es war Beuys der für sich nur die edel­sten Mo­ti­ve be­an­spruch­te. Der sich als Pa­zi­fist und lu­pen­rei­ner De­mo­krat dar­stell­te und der die Welt vom “Un­geist” be­frei­en woll­te. Ich neh­me ihn nur beim Wort und glei­che dies mit der Rea­li­tät sei­nes Ver­hal­tens ab. Wie üb­ri­gens auch Edu­ard Be­au­camp am ver­gan­ge­nen Mitt­woch in der FAZ. Ein Zeit­ge­nos­se von Beuys, der so hört man, ei­ne ge­wis­se Ach­tung in der Gil­de der Kunst­kri­ti­ker ge­nießt und der mei­nen Aus­füh­run­gen zu Beuys in vol­lem Um­fang Recht gibt.

    Aber mit “mo­ra­lisch un­zwei­fel­haf­ten und vor­bild­haf­ten Men­schen mit ei­nem ta­del­los-de­mo­kra­ti­schen Welt­bild” ken­nen Sie sich als Hand­ke-Fan ja be­stens aus.

    p.s. Mit Beat Wyss ste­he ich in sehr an­ge­neh­mer Kor­re­spon­denz.

  3. War­um soll­te ich Ih­ren Kom­men­tar nicht ver­öf­fent­li­chen? Er ist so­gar sehr gut, weil er Ih­ren Um­gang mit Spra­che noch ein­mal aufs Schön­ste il­lu­striert.

    Dass Sie mich ei­nen »Hecken­schüt­zen« zei­hen, ist ver­kraft­bar. Man weiß ja, wo­her es kommt. Wo­her Sie dann je­doch den Schluss wa­gen, ich wür­de mis­sio­na­risch mit mei­nen Tex­ten der Mei­nungs­frei­heit zum Recht ver­hel­fen wol­len, bleibt Ihr Ge­heim­nis. Soll es auch blei­ben, fin­de ich.

    An­son­sten fin­de ich es gut, dass Sie ge­ant­wor­tet ha­ben, er­su­che je­doch um Ver­ständ­nis, dass ich dar­auf ver­zich­te, mein ziem­lich ge­nau­es Le­sen (jen­seits von Pres­se­mit­tei­lun­gen und Zu­ge­tra­ge­nem) vor Ih­nen be­le­gen zu wol­len.

  4. Lie­ber Herr Struck

    Wo sprach ich denn von »mis­sio­na­risch«? Und sind sie kein Ver­fech­ter der Mei­nungs­frei­heit, wenn Sie sich die in un­se­rer Ge­sell­schaft ge­ge­be­ne Frei­heit nut­zen, Ih­re Mei­nung über die­sen Blog zu ver­brei­ten?

    Das Sie mei­nen Bei­trag nicht lö­schen und den »Hecken­schüt­zen« ver­kraf­ten, ehrt Sie.

    Viel­leicht ha­ben Sie den Un­ter­schied er­kannt, zwi­schen Ih­nen, der sich für ein paar Dut­zend Afi­cio­na­dos er­ei­fert, oder ei­ner »Kra­wall­schach­tel« wie mir, die mit Ih­rem »bil­li­gen Er­re­gungs-Alar­mis­mus«, wohl doch ein et­was grö­sse­res Pu­bli­kum er­reicht, als Sie.

    Ich stel­le mich je­den­falls mit of­fe­nem Vi­sier, wäh­rend Sie in ih­rer Blog­ger-Ni­sche un­ge­fähr­det blei­ben, weil sich ei­gent­lich nie­mand wirk­lich für Sie und für Ih­re Ab­hand­lun­gen in­ter­es­siert.

  5. Für wen er­ei­fern Sie sich ei­gent­lich, Herr Rie­gel? (Ih­re Spra­che spricht Bän­de; ge­füllt mit Arm­se­lig­keit.)

    Ich wün­sche Ih­nen al­les Gu­te. Wer kommt als Näch­stes? Lü­pertz?

  6. Es gibt ein sehr schö­nes Buch von Ju­li­an Bar­nes mit dem Ti­tel »Vom En­de ei­ner Ge­schich­te«, das da­von han­delt, wie schwer man sich tut, we­nig­stens in sei­ner ei­ge­nen Le­bens­er­zäh­lung si­cher zu sein, und wie schwer aber auch ab­ge­se­hen da­von al­le Le­bens­vor­fäl­le zu klä­ren sind, selbst wenn man so gut wie da­ne­ben stand und wenn sie nicht 40 Jah­re, son­dern nur 1 Wo­cher her sind. Das Di­lem­ma po­ten­ziert sich ins Gi­gan­ti­sche, wenn man ei­nes Men­schen Le­ben nicht nur äu­ßer­lich als cur­so­ri­schen Le­bens­lauf dar­stel­len möch­te, son­dern qua­si sich an der »in­ne­ren Bio­gra­phie« ver­sucht. Man muss für ei­ne sol­che Un­ter­neh­mung sehr gu­te und sehr vie­le Ei­gen­be­le­ge des Bio­gra­phier­ten ha­ben ... und selbst dann dürf­te im­mer das Mei­ste übers Knie ge­bro­chen sein, da­mit sich al­les auf­ein­an­der reimt. Un­mög­lich ei­ne Bio­gra­phie zu schrei­ben, in der al­les ge­si­chert wä­re. Un­mög­lich für ei­nen Bio­gra­phen, ei­ne Wahr­heit zu ver­kün­den, wo er dem Be­schrie­be­nen meint ins Herz blicken zu kön­nen.
    Die­se kri­ti­sche Wür­di­gung des Beuys-Buchs bringt die­se Schwie­rig­keit zur Spra­che, weil sie – scheint es – im Buch nicht mit­re­flek­tiert wird, und es scheint mir vor­der­hand plau­si­bel, dass HP Rie­gel den Beuys auf ei­nen zu star­ken Reim ge­bracht hat, oh­ne nach an­de­ren Reim­wör­tern zu su­chen. Da­bei könn­te man doch auch mei­nen, dass ge­ra­de die Be­fun­de von HP Rie­gel und an­de­ren zum tie­fen Ir­ra­tio­na­lis­mus von Beuys, zu sei­nem Glau­ben an El­fen, Berg­gei­stern und stei­nerschen Ge­schichts­mo­del­len, den Men­schen Beuys min­de­stens so rät­sel­haft er­schei­nen zu las­sen wie sei­ne Fett­wer­ke.
    Was hat­te der Mann ei­gent­lich wirk­lich in der Bir­ne? Ich ha­be kei­nen Schim­mer. Da hilft es auch gar nichts, sich jetzt in De­tails zu ver­strei­ten. Je­de plat­te Auf­lö­sung von Beuys, z.B. Beuys sei ein völ­ki­scher Alt­na­zi ge­we­sen, ist des­halb lo­gi­scher­wei­se leicht ab­zu­schmet­tern. War er si­cher­lich nicht. Er war seit den frü­hen 50er Jah­ren Stei­ner-Fan­boy. (Die Hin­wen­dung und Rück­wen­dung zum »Gei­sti­gen«, »Ewi­gen« und »Hei­li­gen« war üb­ri­gens ei­ne der häu­fig­sten Re­ak­tio­nen nach En­de des Na­zi­re­gimes, als die Kul­tur sich wei­der frei re­gen konn­te und muss­te und ei­nen neu­en ideo­lo­gi­schen, un­po­li­ti­schen Bo­den such­te – die Su­che nach dem »ei­gent­li­chen« Men­schen mei­stens mit Chri­sten­tum ver­knüpft, aber eben nicht nur.)
    Wie auch im­mer, muss ich zu­ge­ben, dass ich mit dem Buch von Rie­gel trotz­dem sym­pa­thi­sie­re, und zwar nicht zu­letzt des­halb, weil die Kunst­kri­tik sich vor je­der Form von wirk­lich kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zung da­mals ge­drückt hat und heu­te drücken möch­te. Wenn das Buch es schaf­fen wür­de, zu Beuys und den Fol­gen neue Fra­gen auf­zu­wer­fen, die dann eben auch die di­ver­sen Ver­nei­gungs­for­men der Kunst­kri­tik be­trä­fen, dann hät­te es sich schon ge­lohnt, egal wie ge­recht oder un­ge­recht das Buch als Bio­gra­phie sein mag.
    Ich weiß gar nicht, ob es ei­nen an­de­ren Künst­ler gab, der sei­ne ge­sell­schaft­li­che Rol­le noch in den mo­der­nen Jah­ren der 60er so ab­strus tran­szen­diert und über­spannt hat wie Beuys. Viel­leicht ha­ben ihm das »hö­he­re We­sen be­foh­len« – man weiß es nicht. Oh­ne den Par­force-Ritt der Avant­gar­den in den 60ern ist er si­cher­lich auch nicht zu ver­ste­hen – da fand auch das ganz gro­ße Auf­bäu­men der Mo­der­ne statt, auch in Li­te­ra­tur und Mu­sik. Man muss­te ja da­mals ir­gend­wie ei­ne Schip­pe Wahn­sinn drauf­le­gen. Am ehe­sten ver­wandt war viel­leicht Sy­ber­berg – auch ir­ra­tio­nal, miss­ver­ständ­lich, grö­ßen­wahnn­sin­nig. Man war ja gei­stig rück­stän­dig, wenn man nicht bei al­lem mit­lief, wo Avan­ta­gar­de drauf­stand. Ot­to Mühl wur­de z.B. auch da­durch ge­schützt – das war auch so ei­ner, in dem Fall »Rei­chia­ner«, der kommt dem Beuys-Ha­bi­tus na­he: der Künst­ler als ho­her Gei­ster­se­her der pro­fa­nen Ge­sell­schaft.
    Wie auch im­mer, ich ver­mu­te, das Buch hät­te be­dach­ter und vor­sich­ti­ger und fra­gen­der aus­fal­len kön­nen. Hof­fent­lich wird es trotz­dem nicht als un­wich­tig wahr­ge­nom­men.
    (Ich le­se da noch drin, ver­spro­chen.)

  7. Ich ha­be mich ja auch ein­mal mit Beuys un­ter­hal­ten – wenn auch nur als vor­wit­zi­ger Schü­ler, der ei­nes Ta­ges mit ei­nem Freund ein­fach an des­sen Ate­lier ge­klin­gelt hat­te. Aber er war gleich freund­lich ge­we­sen, an­fangs zwar amü­siert über un­se­re Nai­vi­tät, dann aber auch zu­neh­mend er­klä­rungs­be­reit, und mein Bild von Beuys wird wohl für im­mer das von die­ser wa­chen Be­geg­nungs-Of­fen­heit sein.

    Nach­dem er nach sei­nem Tod in der ak­tu­el­len Kunst für mich mehr oder min­der in den Hin­ter­grund ge­tre­ten war, war ich so­fort neu­gie­rig, als ich das er­ste Mal von Rie­gels Buch hör­te – aber auch gleich un­gut da­von be­rührt, mit welch zu­spit­zen­dem und nach­tre­ten­dem, ein­deu­tig par­tei­ischem Ge­stus (in der WELT) und mit wel­chem Wil­len zur Skan­da­li­sie­rung Beuys be­han­delt wur­de.

    Was mir nicht ein­leuch­te­te, war – wenn die Kunst im Letz­ten nicht zu­gäng­lich ist, gibt es doch sonst stets ei­ne Ver­schie­bung hin auf den Men­schen, und an­schei­nend hat man ja doch das Mei­ste über den my­tho­ma­nen Men­schen da­mals schon mehr oder min­der ge­wusst? -, wie bei der doch fast im­mer im Mo­dus des Er­grün­dens ge­hal­te­nen Be­hand­lung ei­ner der­art öf­fent­li­chen Per­son wie Beuys’ (da­zu durch so vie­le hell­sich­ti­ge Gei­ster in der seit je der­art auf­klä­rungs-hy­ste­ri­schen BRD) der Kom­plex die­ser gan­zen An­rü­chig­kei­ten vor­her kaum so rich­tig auf­ge­fal­len sein soll­te. Zu­min­dest ha­be ich, der sich im­mer für Beuys und die Äu­ße­run­gen über ihn in­ter­es­siert hat, viel von sei­nen Fein­den, aber nie von sol­chen, si­cher gern auf­ge­grif­fe­nen (und auf­hö­ren hät­ten las­sen­den) An­wür­fen ge­hört.

    Ich ha­be aber auch nie ver­stan­den, wie un­ter all den zwang­haf­ten Po­si­ti­vi­sten und an­schei­nend über ih­re Ver­nunft (oder über ih­re ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit) bit­ter Er­nüch­ter­ten so ein harm­lo­ser Trick­ster und Neo-Scha­ma­ne wie Jo­seph Beuys so viel Ver­ach­tung und Hass auf sich zie­hen konn­te.

    Viel­leicht ist es ja auch ei­ne Sa­che der Tö­ne. Ob­wohl al­so na­iv, ha­be ich noch deut­lich et­wa die Ton­la­gen der aber­gläu­bisch-eng­her­zi­gen Ka­tho­li­zis­men im Ohr, das Schnei­di­ge und die Selbst­ge­rech­tig­kei­ten mit der der po­li­ti­sche Zeit­geist da­mals re­gier­te; un­ter­such­te man das mal, wür­de man wohl auf fin­ster­ste Ge­dan­ken­zu­sam­men­hän­ge mit dem da­vor herr­schen­den Deutsch­tum sto­ßen. Al­les nur zeit­be­dingt?

    Wo­mög­lich ist ja mit dem Ge­fühl mehr als nur mein Ur­teil im „Schü­ler­haf­ten“ stecken ge­blie­ben?

    (Ein biss­chen üb­ri­gens wie auch ge­gen­über Hein­rich Böll, der da­mals oft schwach und an­greif­bar er­schien, aber als mo­ra­li­sche Fi­gur ge­gen die Recht­ha­ber und Klein­ver­nünft­ler dau­ernd viel grö­ße­ren Mut be­wies, und schon von da­her nicht nur im­po­nier­te, son­dern auch viel öf­ter über­zeug­te. Viel­leicht bin ich da al­so eben­falls vor­ein­ge­nom­men, aber in den Vor­wür­fen von Rie­gel an Beuys schei­nen mir oft wie­der An­klän­ge an neue­re ent­schlos­sen-an­klä­ge­ri­sche, da­zu hä­mi­sche Tö­ne.)

    Ich se­he Beuys’ My­thos heu­te wie je­mand, der sel­ber über solch ei­ne ei­ge­ne Ge­schich­te nicht ver­fü­gen kann: Wich­tig ist nicht, ob sie stimmt, son­dern dass sie ins­ge­samt gut er­zählt ist. Und wenn sie dann auch noch so viel be­wegt … Al­so mehr Wahn­sinn, mehr „Blitz­schlag mit Licht­schein auf Hirsch“.

    (Und, @ Fritz Iver­sen: dass die Kunst­kri­tik sich nicht ex­trem an Beuys’ Fett- & Filz­welt ab­ge­ar­bei­tet hät­te stimmt nicht: Et­li­che, auch nam­haf­te und zu ar­gu­men­tie­ren fä­hi­ge Leu­te wa­ren da­mals ge­gen die Ver­füh­run­gen durch sol­chen ela­bo­rier­ten „Ir­ra­tio­na­lis­mus“ – nur war der eben im­mer noch of­fen­si­ver und nicht so leicht ab­zu­tun.)

    Als Künst­ler wie als Mensch ei­ne ra­di­ka­le Aus­nah­me, war Beuys schon als in­spi­rier­ter Auf­wieg­ler un­schätz­bar wich­tig für ein in sei­nen Dau­er­ver­här­tun­gen oft so ein­fäl­tig und ein­di­men­sio­nal er­schei­nen­des Land. Ist sonst der du­bio­se Teil an ei­nem Men­schen eh meist der in­ter­es­san­te­re, sind mir heu­te die paar dunk­le­ren Flecken auf sei­ner Ang­ler­we­ste schlicht egal.

    Nach all dem, was ich aus dem und über das Buch ge­hört ha­be, könn­te es auch für mich wohl ein paar Zu­sam­men­hän­ge er­hel­len, aber in sei­ner er­kenn­bar wer­den­den Stoß­rich­tung „ver­führt“ es mich nicht, die auch wirk­lich ver­tie­fen zu wol­len.

    ***

    (Und, ja, nach der ent­täu­schen­den, selbst­ge­rech­ten Ant­wort von Rie­gel auf Keu­sch­nig scheint es noch kla­rer: Durch­weg auf­klä­re­risch ge­meint ist das nicht, es wal­tet da ei­ne vor­fas­sen­de Ab­sicht. Und die äu­ßerst sich in zu vie­len un­gu­ten, für mein Ohr falsch klin­gen­den Tö­ne.)

  8. @ Fritz Iver­sen

    Man­che Re­zen­sen­ten emp­fin­den mein Buch als be­dacht, »be­hut­sam« gar. An­de­re ge­lang­ten zu ge­gen­tei­li­gen Auf­fas­sun­gen. Gut so. Es ist Plu­ra­li­tät, in der je­doch un­ser Ur­teil nie frei von ei­ner ge­wis­sen Vor­ein­ge­nom­men­heit ist. Be­denk­lich stimmt al­lein die Ton­la­ge, die of­fen­kun­di­ge Ab­scheu, der blan­ke Hass mit dem mir teil­wei­se be­geg­net wird.

    In die­ser Hin­sicht bleibt mit rät­sel­haft, wel­che Spra­che mir Herr Struck un­ter­stellt. Und die »Arm­se­lig­keit«, ein Aus­rut­scher, ge­schenkt. Schließ­lich, was ist dar­an ver­werf­lich, wenn ich so ge­nann­te Iko­nen hin­ter­fra­ge? Kann wie­der ein­mal nicht sein, was nicht sein darf?

    Im­mer­hin, ei­ne an­sehn­li­che Zahl nam­haf­ter Re­zen­sen­ten teilt mei­ne Dar­stel­lun­gen, die mit­hin viel­leicht so falsch nicht sein kön­nen. Aber ja, die »me­dio­kre Me­dio­kra­tie«. Ich hät­te es fast ver­ges­sen. Wie tröst­lich, dass wir Sie ha­ben lie­ber Herr Struck.

  9. In die­sem Punkt sind die Au­toren kind­lich:
    sie re­agie­ren auf Kri­tik emp­find­lich.
    Und äu­ßert man sich ehr­lich und spon­tan,
    zer­bricht man im­mer nur viel Por­zel­lan.

    Mo­liè­re (in der Schrei­be En­zens­ber­gers)

  10. @ Fritz Iver­sen

    Noch zwei An­mer­kun­gen: Ich ha­be nir­gends je be­haup­tet, nicht ein­mal sug­ge­riert, »Beuys sei ein völ­ki­scher Alt­na­zi« ge­we­sen. Beuys´ »völ­ki­sche« Ide­en las­sen sich je­doch sehr prä­zi­se auf Stei­ner zu­rück­füh­ren. Das ha­be ich im­mer wie­der klar und deut­lich ge­sagt.

    In der fast schon le­gen­dä­ren Stei­ner-Bi­blio­thek von Beuys be­fin­det sich mehr als ein in die­ser Hin­sicht auf­schluss­rei­cher Ti­tel. Der ty­pisch­ste ist wohl: »Die Mis­si­on ein­zel­ner Volks­see­len im Zu­sam­men­hang mit der ger­ma­nisch-nor­di­schen My­tho­lo­gie«. Ich for­mu­lie­re jetzt (Ach­tung Herr Struck!) be­wusst zu­ge­spitzt: Ei­ne mit vie­len Rand­be­mer­kun­gen von Beuys ver­se­he­ne Lek­tü­re, die man ein Fest für völ­kisch Ge­sinn­te nen­nen könn­te.

    Und sie ha­ben voll­kom­men Recht, lie­ber Herr Iver­sen, wenn Sie schrei­ben: »Die Hin­wen­dung und Rück­wen­dung zum »Gei­sti­gen«, »Ewi­gen« und »Hei­li­gen« war üb­ri­gens ei­ne der häu­fig­sten Re­ak­tio­nen nach En­de des Na­zi­re­gimes, als die Kul­tur sich wei­der frei re­gen konn­te und muss­te und ei­nen neu­en ideo­lo­gi­schen, un­po­li-ti­schen Bo­den such­te – die Su­che nach dem »ei­gent­li­chen« Men­schen mei­stens mit Chri­sten­tum ver­knüpft, aber eben nicht nur.« Ge­nau die­se Mo­men­te in Beuys´ Le­bens­weg be­schrei­be ich sehr aus­führ­lich.

    @ Herr Je­der­mann. Nur ei­ne Fuß­no­te. Aber viel­leicht be­zeich­nend. Böll war zu­letzt, sa­lopp for­mu­liert, ziem­lich ge­nervt von Beuys. Die oft be­schwo­re­ne Freund­schaft zwi­schen Böll und Beuys hat es nie ge­ge­ben. Das be­stä­tig­te mir nicht nur Re­ne Böll.

  11. @ Hans Pe­ter Rie­gel
     
    1. Es gibt in der ge­sam­ten von uns über­schau­ba­ren Ge­schich­te der Li­te­ra­tur kei­nen ein­zi­gen Ver­fas­ser ei­nes län­ge­ren Tex­tes, dem nicht wi­der­spro­chen wor­den wä­re. Wie­so ge­hen ge­ra­de Sie da­von aus, da­von ver­schont zu blei­ben?
     
    2. Ich kann als mit­le­sen­der Drit­ter hier kei­nen Kü­bel er­ken­nen. Mei­ner gänz­lich un­maß­geb­li­chen Mei­nung nach re­agie­ren Sie un­an­ge­mes­sen auf ei­ne durch­aus ver­tret­ba­re Kri­tik. Der Kri­ti­ker mag ja Un­recht ha­ben, aber das scheint es mir nicht not­wen­dig zu ma­chen, ihm in ei­nem solch auf­ge­brach­ten Ton zu ant­wor­ten, wie Sie das hier tun. Und Sie schei­nen gar kein Ge­spür für Ih­ren Ton zu ha­ben. Von der in­halt­li­chen Ge­brech­lich­keit Ih­rer Ant­wort will ich ganz schwei­gen.
     
    »Es recht zu ma­chen je­der­mann, ist ei­ne Kunst, die nie­mand kann.« – In die­sem Sin­ne: Ge­ha­ben Sie sich wohl.

  12. @ Bo­na­ven­tu­ra

    Ich schät­ze den Dis­kurs, wenn er höf­lich bleibt und wenn er sich auf die Sa­che kon­zen­triert. Wo­zu auch soll­te ich mich ge­gen Kri­tik oder kri­ti­sche Re­zen­sio­nen wen­den? Je­de Re­zen­si­on ver­kauft Bü­cher, man­ches Mal die Ver­ris­se mehr, als die Hym­nen. Herr Struck spielt je­doch auf Mann, um es in der Sport­spra­che zu sa­gen. Wenn mir ein Re­zen­sent wie Herr Struck Ge­sin­nungs­kri­tik, Gos­sen­jour­na­lis­mus, in­qui­si­to­ri­sche At­ti­tü­de, bil­li­ge Er­re­gungs-Alar­mis­mus, hä­mi­sche, skan­da­li­sier­te, dis­kre­di­tie­ren­de Ar­beit zu­schreibt, er­lau­be ich mir, mich hier­ge­gen zu ver­wah­ren. Und was ist un­an­ge­mes­sen dar­an, sich über ei­ne Re­zen­si­on kri­tisch zu äu­ssern, die durch­setzt mit sol­cher Dik­ti­on, mit un­zu­tref­fen­den Dar­stel­lun­gen ei­ne jah­re­lan­ge Ar­beit her­ab­zu­wür­di­gen ver­sucht?

  13. Was un­an­ge­mes­sen ist, ha­be ich be­reits ge­schrie­ben. Ver­su­chen Sie doch ein­fach, mei­ne letz­te Ant­wort noch ein­mal dar­auf­hin durch­zu­schau­en; so sehr lang ist sie ja nicht.
     
    Auch wür­de ich Ih­nen ger­ne ra­ten, sich Ih­re ei­ge­nen Kom­men­ta­re für we­nig­stens ei­nen Au­gen­blick aus der Per­spek­ti­ve ei­nes Le­sers an­zu­schau­en, der in der Sa­che we­nig oder gar nicht selbst­stän­dig ur­tei­len kann und sich sei­nen Ein­druck nur aus dem hier Ge­le­se­nen bil­det. Glau­ben Sie mir bit­te ein­fach: Sie hin­ter­las­sen hier ei­nen denk­bar un­gün­sti­gen Ein­druck.

  14. Die Kom­men­ta­re des Herrn Rie­gel brin­gen mich da­zu: Gre­gor K. hat of­fen­bar Recht mit sei­ner sehr de­tail­lier­ten Kri­tik am Buch.
    .
    Zum Beuys: Die be­ste Be­schrei­bung sei­ner Wer­ke hat in den acht­zi­ger (?) Jah­ren Ro­bert Gern­hardt ge­lie­fert: Ein se­ri­ös auf­ge­mach­ter Ar­ti­kel im Feuil­le­ton der FAZ mit der Be­schrei­bung ei­nes (ima­gi­nä­ren) »Kunst­werks« à la Beuys: ir­gend­ein Stück al­tes drecki­ges Holz mit Farb­spu­ren dran, ein ver­bo­ge­nes Stück Draht und ei­ne lee­re Milch­fla­sche (Gern­hardt lie­fer­te das Fo­to da­zu). Die FAZ-Le­ser nah­men den hoch­tra­ben­den Quatsch (das »Kunst­werk« wie das hoch­ge­sto­chen aber be­wusst hoh­le Ge­re­de dar­um) al­len Ern­stes ernst. Ge­nau wie ähn­li­che Wer­ke des Herrn Beuys und die Re­zep­ti­on dar­auf. Was sagt uns das? Ge­nau.
    Und des­halb ist mir die Bio­gra­phie schnup­pe. Eher wür­de ich ein Buch be­grü­ßen, das auf­zeigt, wie es da­zu kom­men konn­te, dass die­se Art Tun als »Kunst« nicht nur be­zeich­net son­dern so­gar hoch­ge­lobt wird. Viel zu we­ni­ge Kunst­lieb­ha­ber trau­en sich (al­ler­dings ver­ständ­lich nach 1945) zu sa­gen: »Der Kai­ser ist ja nackt«.
    .
    »Ha­be ich nicht im­mer ge­sagt, Kunst kommt von Kön­nen, kä­me sie von Wol­len, hie­ße sie Wulst? Ver­giss es. Die Wulst hat ge­siegt, die Kunst ist am En­de; zu­sam­men mit dem Jahr­tau­send, das ei­ni­ge ih­rer glor­reich­sten Sie­ge sah, räumt sie ge­schla­gen das Feld dem, der sie seit An­be­ginn ge­wünscht und ver­wünscht, ver­teu­felt und ver­göt­tert hat: dem ewi­gen Di­let­tan­ten.« (Ro­bert Gern­hardt, 1999)
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    »...dass es Men­schen gibt, die noch ah­nen, was Kunst ist. Ei­nes Ta­ges wer­den sie den Schwin­del durch­schau­en.« (Über mo­der­ne Kunst. Aus der Zei­tung, 1999)
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    »Ich bin jetzt so weit, dass ich es laut sa­ge: Mo­der­ne Kunst ist Blöd­sinn. ...« (Jo­han­nes Grütz­ke, an sei­nem 70. Ge­burts­tag am 29 Sept 2007)
    .

  15. Ein be­mer­kens­wer­ter Auf­wand, dan­ke da­für und ein, in Un­kennt­nis des Buchs, viel­leicht har­tes Ur­teil, aber ein be­grün­de­tes und da­durch prüf­ba­res, das ist gut.

    Ver­ständ­lich und mensch­lich, dass ein Au­tor den Fin­ger in der Wun­de spürt, aber wenn dem so ist, dann wird er, so er klug ist, nach dem Ab­fall der Schmer­zen wie­der­kom­men.

    [De­tail­dis­kus­sio­nen wä­ren zu füh­ren, et­wa wie der Be­griff Kel­ten zu ver­ste­hen ist (eth­nisch, ar­chäo­lo­gisch, lin­gu­istisch, ma­te­ri­ell-kul­tu­rell,...?) usw. usf.]

  16. Be­gleit­schrei­ben-Blog-Bei­trag

    von Her­bert Schliff­ka

    Be­dan­ken möch­te ich mich bei Gre­gor Keu­sch­nig für sei­nen Re­zen­si­ons­text „Re­cher­che und Ob­ses­si­on“ zur „’Skan­dal-Bio­gra­fie’ zu Beuys“ (dpa) und vor al­lem da­für, dass er er­mög­licht, die Bei­trä­ge in sei­nem Blog mit­zu­ver­fol­gen – auch die von HP Rie­gel -, so­wie ei­ge­ne Bei­trä­ge hin­ein­zu­stel­len.

    Vor­weg­ge­nom­men sei ge­sagt:

    1. So­wohl mit Beuys* – be­son­ders in der Zeit als sich die Grü­nen (1979) und kurz da­nach die „Ak­ti­on Volks­ent­scheid“** (1983) grün­de­ten – als auch mit den im Re­zen­si­ons­text von Keu­sch­nig ge­nann­ten Ot­to Schi­ly, Wil­fried Heidt und Jörg Im­men­dorf ha­be ich zu­sam­men­ge­ar­bei­tet.
    Mit Wil­fried Heidt aus Ach­berg, ei­nem Ak­ti­vi­sten für Frei­heit, De­mo­kra­tie und So­zia­lis­mus, ha­be ich vie­le Jahr­zehn­te in ver­schie­de­nen Pro­jek­ten zur Neu­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft im Sin­ne ei­nes drit­ten We­ges jen­seits von Ka­pi­ta­lis­mus und Kom­mu­nis­mus und zur Ver­wirk­li­chung ei­ner kom­ple­men­tä­ren De­mo­kra­tie, die auch von Beuys mit der Or­ga­ni­sa­ti­on für di­rek­te De­mo­kra­tie an­ge­strebt wur­de, zu­sam­men­ge­ar­bei­tet.
    Mit Jörg Im­men­dorf (er war zu die­ser Zeit noch als Kunst­leh­rer an ei­ner Haupt­schu­le in Düs­sel­dorf-Bilk tä­tig) war ich ab 1978 ge­mein­sam in der „Al­ter­na­ti­ven Li­ste Düs­sel­dorf“ ak­tiv. Vie­le ih­rer Mit­glie­der be­tei­lig­ten sich dann im No­vem­ber 1979 an der Grün­dung des Düs­sel­dor­fer Kreis­ver­ban­des der Grü­nen.
    2. „Trotz al­le­dem ...“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Trotz_alledem)
    bin ich HP Rie­gel in meh­rer­lei Hin­sicht dank­bar. (sie­he da­zu z.B. den 4. Ab­satz im Bei­trag von Fritz Iver­sen am 17. Jun. 2013 um 13:47,). Dank­bar aber auch des­we­gen, weil er sich hier im Blog an der Dis­kus­si­on be­tei­ligt. Nicht nur des­halb möch­te ich ihn zu ei­nem Po­di­ums­ge­spräch nach Ach­berg ins In­ter­na­tio­na­le Kul­tur­zen­trum ein­la­den.
    Zu­letzt auch Dank, dass er auch je­ner Kraft dient, „die stets das Bö­se will und stets das Gu­te schafft“.

    Be­gin­nen wir da­mit, was es in die­sem Fall kon­kret be­deu­tet, die­ser gei­sti­gen Kraft zu die­nen.

    Dank­bar bin ich HP Rie­gel – trotz sei­ner gro­ßen Scha­den be­wir­ken­den Ab­sicht – vor al­lem des­we­gen, weil er durch sein Buch auch et­was Gu­tes be­wirkt. Er hat die gei­stig-ide­el­le Ver­bin­dung zwi­schen Beuys und Stei­ner, so­wie zu den Ach­ber­ger Ak­ti­vi­tä­ten ab den 70er Jah­ren akri­bisch nach­ge­wie­sen und ei­ner gro­ßen Öf­fent­lich­keit be­kannt ge­macht. Letz­te­res ge­lingt in der heu­ti­gen Me­di­en­land­schaft of­fen­bar nur dann schnell, wenn die­ses in bö­ser Ab­sicht ge­schieht.
    Er weißt da­mit nach, was bis­her sehr häu­fig von den Kunst-Kri­ti­kern und ‑Lieb­ha­bern, die den Teil der Kunst­wer­ke von Beuys schät­zen, die sich noch mit ei­nem tra­di­tio­nel­len Kunst­ver­ständ­nis re­zi­pie­ren las­sen, als nicht wahr an­ge­se­hen wird.
    Auch vie­le An­thro­po­so­phen se­hen die­se Ver­bin­dung nicht – oder nicht ger­ne!
    Dass das bis­her so war, zeigt aber auch, dass Beuys ei­nen ganz ei­gen­stän­di­gen Um­gang mit den auch von ihm er­kann­ten Ide­en pfleg­te, die zu­vor auch Stei­ner er­kannt und dar­ge­stellt hat­te.
    HP Rie­gel be­greift of­fen­sicht­lich nicht, dass Beuys und an­de­re Men­schen die glei­chen Er­kennt­nis­se – ins­be­son­de­re was die Ge­stal­tungs­ge­setz­mä­ßig­kei­ten des Ge­sell­schafts­or­ga­nis­mus be­tref­fen – ge­win­nen kön­nen, die auch Stei­ner u.a. be­reits ge­won­nen und dar­ge­stellt hat­ten.
    Für Rie­gel zeigt sich dar­in blo­ßes Epi­go­nen­tum. Er kann of­fen­sicht­lich nur die Vor­stel­lung bil­den, dass Men­schen an­de­ren Men­schen, nicht aber Er­kennt­nis­sen, die sie ge­won­nen ha­ben, fol­gen kön­nen.
    Ihm fehlt of­fen­sicht­lich die Er­kennt­nis des Er­ken­nens und des sich dar­aus er­ge­be­nen Han­delns aus Frei­heit. Die­se Er­kennt­nis­se hat Stei­ner in sei­ner er­kennt­nis­wis­sen­schaft­li­chen Schrift „Die Phi­lo­so­phie der Frei­heit“ bis heu­te gül­tig auf­ge­zeigt, da sie bis­her nie wi­der­legt wor­den sind. Des­halb kann HP Rie­gel auch nicht be­greift, dass Beuys aus den – oft im kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­deln – selbst er­run­ge­nen Er­kennt­nis­sen, in Frei­heit sei­ne ihm ganz ei­ge­nen –auch von vie­len An­thro­po­so­phen häu­fig ab­ge­lehn­ten – Ak­ti­vi­tä­ten ge­stal­tet hat­te.
    Ich ha­be das über ein Jahr­zehnt lang – z.T. im un­mit­tel­ba­ren Mit­er­le­ben – ge­prüft und kann des­halb, wie auch an­de­re, be­stä­ti­gen, dass das der Fall ist.
    Rie­gel kann dass so­lan­ge nicht be­grei­fen, so­lan­ge ihm ein we­sens­ge­mä­ßer Erkenntnis‑, und ein wirk­lich­keits­ge­mäß be­grün­de­ter Frei­heits­be­griff fehlt.
    Bei Er­kennt­nis­sen aus na­tur­wis­sen­schaft­li­cher For­schung ist es üb­lich, das sie erst dann als sol­che Gel­tung er­lan­gen, wenn an­de­re sie durch ei­ge­ne For­schung über­prüft und dar­auf fol­gend be­stä­tigt ha­ben. Die­se For­scher gel­ten dann nicht als Epi­go­nen oder Adep­ten, weil ja die ge­mein­sam ak­zep­tier­te Er­kennt­nis, nicht die Per­so­nen, die sie her­vor­ge­bracht oder ge­prüft ha­ben, das We­sent­li­che in der For­schung sind.
    Die Ab­sicht, die Rie­gel man­gels Er­kennt­nis­fä­hig­keit da­mit ver­bin­det, Beuys als Epi­go­nen Stei­ners dar­zu­stel­len ist al­ler­dings ei­ne schänd­li­che. Denn er ver­sucht mit völ­lig un­sau­be­ren Mit­teln, Stei­ner und mit ihm Beuys u. a. ei­ne men­schen­ver­ach­ten­de „na­tio­na­li­sti­sche“, „völ­ki­sche“, „rechts­ex­tre­me“, „re­ak­tio­nä­re“ Ideo­lo­gie und Ge­sin­nung an­zu­dich­ten. Die­se un­ter­stellt er ih­nen, in­dem er mit ei­ner bloß no­mi­na­li­stisch-ab­strak­ten Denk­tech­nik Wor­te aus den ge­dank­li­chen Sinn­zu­sam­men­hän­gen reißt. Dann über­lässt er die­se iso­lier­ten Wort­hül­sen, die au­ßer­dem oft noch sinn­ent­stel­lend ver­knüpft wer­den, ei­ner spe­ku­la­ti­ven Deu­tun­gen, die den mei­sten Le­ser aus ei­nem heu­te ge­präg­ten, manch­mal völ­lig an­de­rem Wort­ver­ständ­nis mög­lich sind.
    Ge­ni­al teuf­lisch – me­phi­sto­phe­lisch!
    Die­ser Ab­sicht muss en­er­gisch auf­klä­rend ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den, weil aus ihr sonst ein völ­lig fal­sches Ver­ständ­nis von den Aus­sa­gen, die von Beuys und Stei­ner ge­prägt wur­den, ent­ste­hen muss.

    Wer mit ei­ner sol­chen Ab­sicht ei­ne so­ge­nann­te „Bio­gra­phie“ schreibt, braucht nicht die Schwie­rig­kei­ten zu mei­stern, die von Fritz Iver­sen am 17. Jun. 2013 um 13:47 in sei­nem Blog-Bei­trag im 1. und 2. Ab­satz sehr schön be­schrie­ben wer­den. Dar­aus sei hier noch mal das fol­gen­de zi­tiert:
    „Das Di­lem­ma po­ten­ziert sich ins Gi­gan­ti­sche, wenn man ei­nes Men­schen Le­ben nicht nur äu­ßer­lich als cur­so­ri­schen Le­bens­lauf dar­stel­len möch­te, son­dern qua­si sich an der »in­ne­ren Bio­gra­phie« ver­sucht. Man muss für ei­ne sol­che Un­ter­neh­mung sehr gu­te und sehr vie­le Ei­gen­be­le­ge des Bio­gra­phier­ten ha­ben … und selbst dann dürf­te im­mer das Mei­ste übers Knie ge­bro­chen sein, da­mit sich al­les auf­ein­an­der reimt. Un­mög­lich ei­ne Bio­gra­phie zu schrei­ben, in der al­les ge­si­chert wä­re. Un­mög­lich für ei­nen Bio­gra­phen, ei­ne Wahr­heit zu ver­kün­den, wo er dem Be­schrie­be­nen meint ins Herz blicken zu kön­nen.
    Die­se kri­ti­sche Wür­di­gung des Beuys-Buchs bringt die­se Schwie­rig­keit zur Spra­che, weil sie – scheint es – im Buch nicht mit­re­flek­tiert wird, und es scheint mir vor­der­hand plau­si­bel, dass HP Rie­gel den Beuys auf ei­nen zu star­ken Reim ge­bracht hat, oh­ne nach an­de­ren Reim­wör­tern zu su­chen.“

    Selt­sam an­mu­tend klin­gen dann sol­che Aus­sa­gen von Hans Pe­ter Rie­gel wie die­je­ni­ge, mit der er im Be­gleit­schrei­ben-Blog @ Fritz Iver­sen am 17. Jun. 2013 um 14:22 ant­wor­tet:
    „Be­denk­lich stimmt al­lein die Ton­la­ge, die of­fen­kun­di­ge Ab­scheu, der blan­ke Hass mit dem mir teil­wei­se be­geg­net wird.“
    Ist HP Rie­gel so na­iv oder so raf­fi­niert, dass er den un­schul­dig Nai­ven spielt?
    Er be­tritt ei­nen gei­sti­gen Kampf­platz, auf dem er ge­wal­tig aus­teilt und ver­sucht, den Geg­ner „un­an­ge­spitzt in den Bo­den zu ram­men“, und gibt sich dann ver­wun­dert über an­ge­mes­se­ne Ant­wor­ten.
    Selt­sam an­mu­tend klingt die­se Aus­sa­ge Rie­gels des­halb, weil er all den Men­schen, die sich mit Beuys und Stei­ner für Frei­heit, De­mo­kra­tie und glo­ba­le So­li­da­ri­tät in vie­len In­itia­ti­ven und Or­ga­ni­sa­tio­nen ein­set­zen, mit of­fen­kun­di­ger Ab­scheu und der blan­kem Hass be­geg­net, in­dem er sie in die men­schen­ver­ach­ten­de „na­tio­na­li­sti­sche“, „völ­ki­sche“, „rechts­ex­tre­me“, „re­ak­tio­nä­re“ Ecke stellt, wie er es z.B. in dem Ka­pi­tel „Ach­berg“ sei­nes Bu­ches ge­macht hat.

    Er schüt­tet Kü­bel brau­nen In­hal­tes über die­je­ni­gen, die sich seit Jahr­zehn­te für wirk­li­che Frei­heit, ech­te De­mo­kra­tie und glo­ba­le So­li­da­ri­tät im Welt­wirt­schafts­sy­stem en­ga­gie­ren.

    Dann in sei­ner Ant­wort an @ Bo­na­ven­tu­ra vom 17. Jun. 2013 um 16:40 stellt er be­züg­lich ei­nes sol­chen Ver­hal­tens, die – wenn von ihn auch nur rhe­to­risch ge­mein­te – rich­ti­ge Fra­ge:
    „Aber mal ehr­lich. Muss man un­wi­der­spro­chen je­den Kü­bel über sich aus­gie­ßen las­sen?“

    Wir je­den­falls, die sich dem Ach­ber­ger Im­puls ver­pflich­tet füh­len, wer­den ver­su­chen, das nicht un­wi­der­spro­chen hin­zu­neh­men.
    So ha­ben die aus dem Ach­ber­ger Im­puls her­vor­ge­gang­nen In­sti­tu­tio­nen ge­mein­sam ei­nen „Pro­test­brief wi­der üb­le Nach­re­de und Ge­schäfts­schä­di­gung an­läss­lich der Ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches „Beuys: Die Bio­gra­phie“ von H.P. Rie­gel“ un­ter­zeich­net. (Sie­he: [Link ge­löscht; s. un­ten­ste­hen­de Er­klä­rung. G. K.])

    Und ich schrieb in ei­nem bis­her noch nicht ver­öf­fent­lich­ten Le­ser­brief zu der – ins glei­che Horn wie Rie­gel bla­sen­den – Spie­gel-Re­zen­si­on zu des­sen Beuys-Pam­phlet fol­gen­des:
    „Da der Spie­gel die von Hans Pe­ter Rie­gel ver­fass­te „Bio­gra­phie“ über Beuys un­kri­tisch re­zen­siert hat, för­dert er die Ver­harm­lo­sung von rechts­ra­di­ka­len Ideo­lo­gi­en und Ak­ti­vi­tä­ten.
    Denn, wenn nach­weis­lich frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sches Ge­dan­ken­gut als ein sol­ches be­schrie­ben wird, das dem rechts­ra­di­ka­len na­he steht, dann wer­den die Gren­zen ver­wischt. Wenn Frei­heits- und De­mo­kra­tie­freun­de als Na­zi­freun­de dif­fa­miert wer­den, wird rech­tes Ge­dan­ken­gut fahr­läs­sig ver­harm­los, weil es in Ver­bin­dung mit der Frei­heits- und De­mo­kra­tiei­dee auf­ge­wer­tet wird.“
    Wenn man auf­grund sei­nes Le­bens­lau­fes die Bil­dung ge­nie­ßen und Er­fah­run­gen ma­chen durf­te, die ei­nen da­zu be­fä­higt zu durch­schau­en, wor­um es sich bei die­sem „Bio­gra­phie“ ge­nann­ten Text und den af­fir­ma­ti­ven Re­zen­sio­nen, wie z.B. die des Spie­gel ei­gent­lich han­delt, dann wird fol­gen­des deut­lich:

    „Ghost­bu­ster“ sind am Werk.

    Nicht der Beuys, der wirk­lich ge­lebt hat und der sich für sei­ne oben ge­nann­ten Le­bens­zie­le en­ga­giert hat, und auch nicht Ru­dolf Stei­ner und sol­che so­zi­al­ge­stal­te­ri­schen Im­pul­se, wie sie be­son­ders von Ach­berg aus­gin­gen und im­mer noch aus­ge­hen, son­dern die von HP Rie­gel und den an­de­ren in­qui­si­to­risch Agie­ren­den selbst er­zeug­ten „Ge­spen­ster“, de­nen die Na­men der ver­folg­ten „Ket­zer“ ge­ge­ben wer­den, sind die Ge­jag­ten.
    In­dem die­se „Ge­spen­ster“ er­legt wer­den, sol­len auch der wirk­li­che Beuys und mit ihm die­je­ni­gen, mit de­nen er sich in die­sem Gei­stes­kampf ver­bun­den hat, er­le­digt wer­den, weil sie nicht be­reit sind, dem Ma­te­ria­lis­mus und Pri­vat­ka­pi­ta­lis­mus un­hin­ter­fragt gläu­big zu hul­di­gen.
    Die­ser Kampf ist auch ein po­li­ti­scher – ja ein sol­cher, der um ei­ne menschwür­di­ge­re Ge­sell­schaft ins­ge­samt geht. Wie bei der He­xen­ver­fol­gung wer­den auf die­se Wei­se Un­schul­di­ge von den mo­der­nen In­qui­si­to­ren als be­schul­dig­te „Ket­zer“ ver­folgt. Und je­der der die Ver­folg­ten ver­tei­digt, wird von die­sen in­qui­si­to­ri­schen „Gei­ster­jä­gern“ in den Ver­dacht ge­bracht, selbst ein Beuys- oder Stei­ner-An­hän­ger zu sein, al­so an­geb­lich ei­ner na­tio­na­li­sti­schen“, „völ­ki­schen“, „rechts­ex­tre­men“, „re­ak­tio­nä­ren“ Ideo­lo­gie und Ge­sin­nung an­zu­ge­hö­ren.
    Auch Gre­gor Keu­sch­nig ver­si­chert vor­sichts­hal­ber gleich zu An­fang des Ab­sat­zes, in­dem er sich dem Beuys-Buch von Rie­gel zu­wen­det, er ist „kein Adept“. Of­fen ge­steht er, dass „die Be­schäf­ti­gung mit die­sem Buch“ fast nach ei­ner sol­chen „Klar­stel­lung“ „ver­langt“, be­vor er „vor­ei­lig in die Ecke der Beuys-Ver­fech­ter ru­bri­ziert wer­de“.
    Mit der in­qui­si­to­ri­schen Ver­brei­tung sol­cher Äng­ste, soll das Ide­en­gut der ver­folg­ten „Irr­gläu­bi­gen“ er­le­digt, al­so un­brauch­bar ge­macht wer­den, da­mit es nicht mehr als Vor­bild, als Ide­al für zu­kunfts­träch­ti­ge, eman­zi­pa­to­ri­sche und so­li­da­ri­sche Im­pul­se die­nen kann. Den nach Ori­en­tie­rung für ei­ne bes­se­re Zu­kunft su­chen­den Men­schen sol­len Leit­ster­ne, soll das sicht­ba­re „Licht am En­de des Tun­nels“ ge­nom­men wer­den.

    Rie­gel und sei­ne wil­li­gen Hel­fers­hel­fer in den Me­di­en lei­sten (viel­leicht un­be­wusst?) mit die­ser „Ghostbuster“-Masche will­fäh­rig (und ge­gen gu­te Be­loh­nung) ih­ren Bei­trag in ei­nem Kampf auf Le­ben und Tod zu­gun­sten des Er­hal­tes ei­nes tod­brin­gen­den Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus. Ist ih­nen be­wusst, dass sie da­mit da­zu bei­tra­gen, dass die Zeit­span­ne ver­län­ger­te wird, in der wei­ter­hin durch die­ses glo­bal ge­wor­de­ne, raub­tier­haft-ka­pi­ta­li­sti­sche Ge­sell­schafts­sy­stem vie­le Men­schen an Hun­ger, Ar­mut, er­zeug­te und un­be­han­del­te Krank­hei­ten, Kri­mi­na­li­tät und Krie­ge usw. zu­grun­de ge­hen müs­sen?
    In An­leh­nung an Mao, sprach man in den 70er Jah­ren in lin­ken Krei­sen von Pa­pier­ti­ger, die man auf­baut, weil die­se ge­dank­lich selbst er­zeug­ten Krea­tu­ren leich­ter zu er­le­gen sind, als rea­le Ti­ger.
    So auch hier: Weil die rea­len Ide­en, Idea­le und Wer­ke von Beuys und der­je­ni­gen, mit de­nen er sich im Er­ken­nen und Ge­stal­ten der Welt ver­bun­den wuss­te, in ei­nem of­fe­nen herr­schafts­frei­en Dis­kurs viel­leicht gar nicht oder je­den­falls nicht so ein­fach zu be­kämp­fen sind, wird von Rie­gel und sei­nen Hel­fers­hel­fern ver­sucht, die Prot­ago­ni­sten die­ser Ide­en und Wer­ke als ganz an­de­re dar­zu­stel­len, Sie – und da­mit die Ori­en­tie­rung ge­ben­den Ide­en – wer­den durch ge­schickt ver­schlei­er­te, un­wah­re Be­haup­tun­gen dis­kre­di­tiert.

    Deut­lich be­schreibt auch die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Sonn­tags­zei­tung vom 19.5.13 die Funk­ti­on des Spie­gel-Ar­ti­kels zum Rie­gel Buch und Rie­gels Me­tho­de:
    „Für den Fall, dass das jetzt nur we­ni­ge Leu­te in­ter­es­sie­ren könn­te, hilft es na­tür­lich sehr, wenn in den Ak­ten der Wirk­lich­keit, die man da ex­tra durch­ge­ar­bei­tet hat, ei­ni­ge neue Na­zis auf­tau­chen, die in ir­gend­ei­nem Kon­takt mit dem Künst­ler stan­den.
    Denn in die­sem gün­sti­gen Fall re­agiert die Re­dak­ti­on der Früh­erken­nung für schlim­me Wör­ter – ‚Der Spie­gel’ – mit traum­wand­le­ri­scher Si­cher­heit mit ei­nem Alarm­ar­ti­kel. Es hat auch hier wie­der ge­klappt, man kann in der ak­tu­el­len Aus­ga­be des ‚Spie­gels’ le­sen, in die­ser Beuys-Bio­gra­phie wer­de ‚die Iko­ne der Nach­kriegs-Avant­gar­de als Ewig­gest­ri­ger ent­tarnt – mit auf­fal­lend vie­len en­gen Kon­tak­ten zu Alt-Na­zis.’ Ent­tarnt! Ewig­gest­rig! Auf­fal­lend und viel und eng! So eng, das muss man als Le­ser bit­te selbst hin­zu­fü­gen, dass die­ser Beuys ir­gend­wie selbst ein Na­zi war.“

    Rie­gel schreibt al­so so, dass die­ser Schluss sich den nor­ma­len, mit den wah­ren Ver­hält­nis­sen we­nig ver­trau­ten Le­sern förm­lich auf­drängt. Das per­fi­de ist dann, dass er den­noch sa­gen kann:
    „Noch zwei An­mer­kun­gen: Ich ha­be nir­gends je be­haup­tet, nicht ein­mal sug­ge­riert, »Beuys sei ein völ­ki­scher Alt­na­zi« ge­we­sen. Beuys´ »völ­ki­sche« Ide­en las­sen sich je­doch sehr prä­zi­se auf Stei­ner zu­rück­füh­ren. Das ha­be ich im­mer wie­der klar und deut­lich ge­sagt.“
    So z.B. wie­der in der Aus­sa­ge Rie­gels, mit der er in sei­nem Blog­bei­trag vom 17. Jun. 2013 um 17:10 dem Bei­trag von @ Fritz Iver­sen ant­wor­tet.
    Zur zwei­ten An­mer­kung – Ru­dolf Stei­ner be­tref­fend – kom­me ich spä­ter zu­rück.

    Die of­fen­bar­te Ab­sicht von HP Rie­gel

    In sei­nem Blog­bei­trag vom 17. Jun. 2013 um 12:07 of­fen­bart Rie­gel ei­ne ihm be­wuss­te Ab­sicht, für sei­ne „Skan­dal-Bio­gra­fie“:
    Es war ihm un­er­träg­lich, dass Beuys „für sich nur die edel­sten Mo­ti­ve be­an­spruch­te. Der sich als Pa­zi­fist und lu­pen­rei­ner De­mo­krat dar­stell­te und der die Welt vom “Un­geist” be­frei­en woll­te.“
    Man könn­te fast mei­nen, dass die­ser nicht ed­le, viel­leicht in der Kloa­ke hocken­de „Un­geist“ ei­nen sol­chen Be­frei­ungs­ver­such nicht so ein­fach hin­neh­men woll­te, denn ein of­fen­sicht­lich von ihm be­ses­se­ner, gel­tungs­süch­ti­ger Klein­geist fühl­te sich wohl von ihm be­auf­tragt, die gro­ßen Gei­ster als bö­se Ge­spen­ster auf­er­ste­hen zu las­sen, da­mit er sie – mit Hil­fe der die­sem „Un­geist“ hö­ri­gen Me­di­en – in die Kloa­ke hin­ab­zie­hen kann.

    Doch wie kann das ge­lin­gen, wenn man bei Beuys ei­gent­lich kei­ne brau­nen Flecken fin­den kann?
    Man muss ei­nen Men­schen fin­den, von dem man an­nimmt, man kön­ne ihm leich­ter brau­ne Ge­dan­ken und Ge­sin­nung an­dich­ten. Dann muss man mög­lichst akri­bisch den Nach­weis füh­ren, dass Beuys nicht nur in ei­ner ober­fläch­li­chen Ver­bin­dung mit dem Welt­bild die­ses Men­schen steht, son­dern dass er die­ses so stark ver­in­ner­licht hat, dass es mög­lich wird Beuys so­gar zu ver­däch­ti­gen, er sei ein „tro­ja­ni­schen Pferd“ die­ser ver­in­ner­lich­ten Welt­an­schau­ung.
    Wenn es ge­lingt, die­se Grund­hal­tung als ver­werf­lich, weil „völ­ki­schen“ und „ras­si­stisch“ und des­halb „rechts­ex­tre­men“ aus­se­hen zu las­sen, dann muss man nur noch ei­ni­ge Men­schen in ir­gend­wel­chen Ver­bin­dun­gen zu Beuys hin­zu­ge­sel­len, die in ih­rer Ju­gend Na­tio­nal­so­zia­li­sten wa­ren, wie z.B. der ehe­ma­li­ge stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der CSU und spä­te­re AUD-Grün­der Au­gust Hauß­lei­ter oder sol­che, die auch Kriegs­teil­neh­mer wa­ren und des­halb auch heu­te noch nicht Kriegs­geg­ner sein kön­nen. – Üb­ri­gens wur­den in die Luft­waf­fe nicht nur oder in den mei­sten Fäl­len Frei­wil­li­ge auf­ge­nom­men?

    Beuys als das „tro­ja­ni­schen Pferd“ der „völ­ki­schen“ Ge­sin­nung Stei­ners dar­ge­stellt

    Nun kom­me ich zur zwei­ten – Ru­dolf Stei­ner be­tref­fen­den – An­mer­kung, die Rie­gel in sei­nem Blog­bei­trag vom 17. Jun. 2013 um 17:10 in sei­ner Ant­wort zum Bei­trag von @ Fritz Iver­sen macht:
    „In der fast schon le­gen­dä­ren Stei­ner-Bi­blio­thek von Beuys be­fin­det sich mehr als ein in die­ser Hin­sicht auf­schluss­rei­cher Ti­tel. Der ty­pisch­ste ist wohl: »Die Mis­si­on ein­zel­ner Volks­see­len im Zu­sam­men­hang mit der ger­ma­nisch-nor­di­schen My­tho­lo­gie«. Ich for­mu­lie­re jetzt (...) be­wusst zu­ge­spitzt: Ei­ne mit vie­len Rand­be­mer­kun­gen von Beuys ver­se­he­ne Lek­tü­re, die man ein Fest für völ­kisch Ge­sinn­te nen­nen könn­te.“
    Ru­dolf Stei­ner ist al­so der Haupt­ver­däch­ti­ge, den Rie­gel ei­nem Ge­sin­nungs­pro­zess im In­qui­si­ti­ons­stil un­ter­zieht, weil des­sen Welt­bild von ihm wohl als ver­werf­lich ein­ge­stuft wird.
    In dem Ka­pi­tel „Stei­ner“ er­öff­net Rie­gel den „Pro­zess“ mit fol­gen­der Aus­sa­ge, die fast ei­nen klas­si­schen In­qui­si­ti­ons-An­kla­ge­punkt ent­hält: „Hä­re­sie“
    Er schreibt: „Noch­wäh­rend des Stu­di­ums hat­te Beuys sei­ne Ar­bei­ten vom christ­lich-hu­ma­ni­sti­schen Wer­te­ka­non ge­löst, um sie an die Ge­setz­mä­ßig­kei­ten des Stei­ner-Kos­mos aus­zu­rich­ten. Der Chri­stus-Be­griff und des­sen Sym­bo­lik, et­wa das Kreuz, un­ter­lie­gen hier an­ders­ar­ti­gen, eso­te­ri­schen Deu­tun­gen, wes­halb die christ­li­chen Kir­chen die An­thro­po­so­phie sehr kri­tisch be­trach­ten und als Hä­re­sie ein­stu­fen.“
    Jetzt war­tet man ge­spannt, wo­mit im wei­te­ren Ver­lauf des Rie­gel­tex­tes die­se „Häresie“-Behauptung denn be­grün­det wird. Im Ka­pi­tel „Stei­ner“ fin­det man da­zu je­doch nichts.
    Nun stellt sich die Fra­ge: Will HP Rie­gel sa­gen, dass es schon ver­werf­lich ist, wenn ei­ner sei­ne ei­gen­stän­dig ge­bil­de­ten Ge­dan­ken über Chri­stus ver­öf­fent­licht, wie Stei­ner und spä­ter dann auch Beuys dies ta­ten?
    Doch spä­ter im Text, ge­gen En­de des Ka­pi­tels „Je­sus Chri­stus“, wird et­was, je­doch we­nig Er­hel­len­des, aus­ge­sagt, das zur Hä­re­sie­un­ter­stel­lung pas­sen könn­te. Es be­ginnt mit den fol­gen­den Sät­zen:
    „Erst­mals voll­führ­te er (Beuys, HS) vor Pu­bli­kum sei­ne Um­deu­tung des christ­li­chen Er­lö­sungs­glau­bens, den »er­wei­ter­ten Kunst­be­griff«, mit dem er den »ein­ge­eng­ten ma­te­ria­li­sti­schen Wis­sen­schafts­be­griff« über­win­den woll­te“.
    Ob die Aus­sa­ge mit dem Er­eig­nis, das Rie­gel dort be­schreibt, über­ein­stimmt und ob sie mit dem Welt­bild von Beuys bzw. von Stei­ners kom­pa­ti­bel ist, kann ich auf­grund der knap­pen Dar­stel­lun­gen von Rie­gel nicht be­ur­tei­len. Er un­ter­nimmt mei­ner An­sicht nach mit Ka­pi­teln die­ser Art den wag­hal­si­gen Ver­such, mit ei­ni­gen we­ni­gen ab­strak­ten Ge­dan­ken­li­ni­en das äu­ßerst kom­ple­xe Ver­ständ­nis von Welt im kos­mi­schen Ent­wick­lungs­ge­sche­hen nach­zu­zeich­nen, wie Stei­ner es auf­grund sei­ner jahr­zehn­te­lan­gen gei­stes­wis­sen­schaft­li­chen For­schung mein­te, in Vor­trä­gen und ei­ni­gen Schrif­ten aus­führ­lich dar­stel­len zu kön­nen.
    Ob­wohl ich auf die­sem Feld nicht be­son­ders be­wan­dert bin, scheint mir das nicht sehr ge­lun­gen zu sein. Mit fol­gen­dem Ver­gleich ver­su­che ich, mei­nen Ein­druck da­zu wie­der­zu­ge­ben. Mir scheint es so, als ob ein Mensch mit Ab­itur­kennt­nis­sen in Phy­sik sich ein Ur­teil an­ma­ßen wür­de, ob die For­schungs­er­geb­nis­se rich­tig oder falsch sind, die von den Ele­men­tar­teil­chen-Phy­si­kern in Cern auf­grund der Spu­ren ge­won­nen wer­den, die in Mess­ge­rä­ten ver­zeich­net wer­den, wenn sie Atom­ker­ne auf­ein­an­der­pral­len las­sen.
    In Be­zug auf die gei­stes­wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­er­geb­nis­se ist ei­ne sol­che ge­ne­rell ab­leh­nen­de Be­ur­tei­lung nur dann mög­lich, wenn a prio­ri die herr­schen­de, ma­te­ria­li­stisch ge­sinn­te Na­tur­wis­sen­schafts­an­schau­ung dog­ma­tisch zur ein­zig mög­li­chen An­schau­ungs­wei­se von Welt ver­ab­so­lu­tiert wird.
    Be­schreibt HP Rie­gel an ei­ner Stel­le ei­gent­lich, dass Stei­ner der An­sicht ist, dass kei­ner „bloß auf Treu und Glau­ben, auf blo­ße Au­to­ri­tät hin das auf­neh­men“ muss, was er als Er­geb­nis­se der An­thro­po­so­phie, al­so der von ihm be­trie­be­nen gei­stes­wis­sen­schaft­li­chen For­schung mit­teilt?
    Stei­ner for­dert „Wir sol­len zu­nächst die Tat­sa­chen, die viel­leicht nur we­ni­ge er­for­schen kön­nen, an dem Le­ben prü­fen.“ „...nehmt so we­nig als mög­lich auf Treu und Glau­ben an, aber prüft, prüft, nur nicht be­fan­gen, son­dern un­be­fan­gen! ...Nun aber han­delt es sich ja dar­um, daß ei­ne sol­che Prü­fung, wenn sie vor­ge­nom­men wird, in ge­wis­ser Be­zie­hung an­stren­gend ist. Sie er­for­dert Den­ken, sie er­for­dert, daß man so­zu­sa­gen ar­bei­tet, daß man sich tat­säch­lich dar­auf ein­läßt, Be­stä­ti­gun­gen in der phy­si­schen Welt zu fin­den für das, was aus der hell­se­he­ri­schen For­schung her­aus ge­sagt wird.“*4
    Nun, ich ha­be nur die Er­geb­nis­se der Er­kennt­nis- und So­zi­al­wis­sen­schaft Stei­ners ge­prüft, u.a. da­durch, dass ich die­se Fä­cher auch an der Hoch­schu­le stu­diert ha­be. Und kann die­se Er­geb­nis­se be­stä­ti­gen. Und ich weiß, dass auch Beuys auf­grund die­ser von ihm ge­prüf­ten ide­el­len Grund­la­gen in den ge­mein­sa­men Pro­jek­ten zur Neu­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft mit­ge­wirkt hat. Die­je­ni­gen, die aus ei­ge­ner Er­kennt­nis dar­an be­tei­ligt wa­ren, sind kei­ner fremd­be­stimm­ten An­wei­sung ei­ner mensch­li­chen oder über­sinn­li­chen Au­to­ri­tät ge­folgt, son­dern sie ha­ben in Frei­heit aus Lie­be zu dem als not­wen­dig Er­kann­ten ge­han­delt.
    Kom­men wir nun zu der Schrift Stei­ners: »Die Mis­si­on ein­zel­ner Volks­see­len im Zu­sam­men­hang mit der ger­ma­nisch-nor­di­schen My­tho­lo­gie«.
    Ge­mäß Rie­gel: „Ei­ne mit vie­len Rand­be­mer­kun­gen von Beuys ver­se­he­ne Lek­tü­re, die man ein Fest für völ­kisch Ge­sinn­te nen­nen könn­te.“ Geg­ner der An­thro­po­so­phie hat­ten sie bei der „Bun­des­prüf­stel­le für ju­gend­ge­fähr­den­de Me­di­en“ (BPjM) prü­fen las­sen. Bei ih­rer Sit­zung vom 6. Sep­tem­ber 2007 hat sie ent­schie­den, das Buch „nicht in die Li­ste der ju­gend­ge­fähr­den­den Me­di­en auf­zu­neh­men“, ob­wohl es Ele­men­te auf­weist, „die aus heu­ti­ger Sicht als ras­si­stisch zu be­wer­ten sind“*4. Das kann man selbst­ver­ständ­lich bei sehr vie­len Tex­ten von Au­toren aus die­ser Zeit fin­den. Es wür­de hier zu weit füh­ren, be­grün­det auf­zu­zei­gen, war­um es auf­grund ei­ner be­stimm­ten theo­so­phi­scher Ter­mi­no­lo­gie, die Stei­ner von 1902 bis 1912 als Mit­glied der theo­so­phi­schen Welt­ge­sell­schaft auch ver­wen­det hat, zu die­sen Miss­ver­ständ­nis­sen kom­men konn­te. Aber aus Stei­ners Grund­über­zeu­gung des ethi­schen In­di­vi­dua­lis­mus her­aus ist für je­den klar den­ken­den Men­schen nach­voll­zieh­bar, dass je­der Ras­sis­mus, Na­tio­na­lis­mus, und völ­ki­sche Ideo­lo­gie in dem dar­aus ent­ste­hen­den Welt­ver­ständ­nis aus­ge­schlos­sen ist.
    Aber auch für den nicht mit­den­ken wol­len­den spricht Stei­ner die Not­wen­dig­keit, al­les Na­tio­na­le zu über­win­den, an vie­len Stel­len ex­pli­zit aus. So z.B. hier in der fol­gen­den Wei­se: „Ei­ne Lei­den­schaft, ein Paro­xis­mus des Na­tio­na­len ist über die Mensch­heit ge­kom­men, und der ist für das so­zia­le Le­ben der Er­de ge­ra­de so schäd­lich wie der Ma­te­ria­lis­mus für das Ge­dan­ken­le­ben. Und eben­so wie der Mensch aus dem Ma­te­ria­lis­mus sich her­aus­ar­bei­ten muß zur Frei­heit und zur Gei­stig­keit, so muß sich die Mensch­heit her­aus­ar­bei­ten aus al­lem Na­tio­na­lis­mus, in wel­cher Form im­mer er auf­tre­ten mag, zum all­ge­mei­nen Mensch­tum. Oh­ne das ist nicht vorwärtszukommen.“*5
    Stei­ner weist al­so schon zu Be­ginn des 20. Jh. – al­so schon be­vor die na­tio­nal­so­zia­li­sti­sche und fa­schi­sti­sche Ka­ta­stro­phe be­son­ders Deutsch­land in sei­nem ei­gent­li­chen, von der deut­schen Klas­sik und dem deut­schen Idea­lis­mus auf­ge­zeig­ten We­sen ver­nich­tend über­wäl­tigt hat­te – auf die „Not­wen­dig­keit, al­les Na­tio­na­le zu über­win­den“. Und das vor al­lem auch ge­ra­de des­halb, weil er im­mer wie­der auf­ge­zeigt hat, wie in lang ver­gan­ge­nen Zei­ten die „Volks­gei­ster“ und „Volks­see­len“ den als Völ­ker zu­sam­men­le­ben­den Men­schen ei­ne ge­mein­sa­me Ori­en­tie­rung ge­ge­ben hat­ten, die ih­nen in frü­he­ren Zei­ten ei­nen so­zia­len Zu­sam­men­hag er­mög­lich­ten.
    Stei­ner spricht al­so nicht nur von der Mis­si­on ein­zel­ner Volks­see­len im Zu­sam­men­hang mit der ger­ma­nisch-nor­di­schen My­tho­lo­gie –wie er es in Os­lo tat -, son­dern auch im Zu­sam­men­hang der grie­chisch-la­tei­ni­schen u.a. My­tho­lo­gi­en, die das Welt­ver­ständ­nis frü­her Kul­tu­ren ent­hiel­ten. Die­se be­stehen­den My­tho­lo­gi­en hat er ja nicht er­fun­den, es sind Über­lie­fe­run­gen aus der Ver­gan­gen­heit, die er zum bes­se­ren Ver­ständ­nis ih­res gei­sti­gen Ge­hal­tes für sei­ne Zu­hö­rer mit der an­thro­po­so­phisch er­neu­er­ten christ­lich-hu­ma­nen Leh­re zu ver­bin­den ver­such­te. Und in der Ver­gan­gen­heit war die Mensch­heit noch in un­ter­schied­li­che Völ­ker aus­dif­fe­ren­ziert über die Welt ver­teilt. Sie bil­de­ten ih­re je­weils ei­ge­nen Kul­tu­ren. Zu Zei­ten Stei­ners konn­te man zum gei­sti­gen Ge­halt die­ser Kul­tu­ren auch noch „Volks­geist“ *6 sa­gen. Das war im kul­tu­rel­len Le­ben die­ser Zeit noch so üb­lich – auch wenn die zu­neh­mend na­tur­wis­sen­schaft­lich be­ein­fluss­ten Gei­stes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten zu Be­ginn des 20. Jh. schon ver­such­ten, ei­ne an­de­re Ter­mi­no­lo­gie in­ner­halb ih­rer Fä­cher zu eta­blie­ren.

    Mein Bei­trag hat ge­zeigt, dass ich nicht al­le Aus­sa­gen tei­le, die Gre­gor Keu­sch­nig in sei­nem Re­zen­si­ons­text macht, da sie manch­mal eben­so spe­ku­la­ti­ve sind, wie die, die so oft in dem Beuys­buch von HP Rie­gel zu fin­den sind. Um ei­ni­ge zu nen­nen: Es ist z.B. falsch, dass „die »Or­ga­ni­sa­ti­on für di­rek­te De­mo­kra­tie durch Volks­ab­stim­mung«, ... spä­ter in die AUD (»Ak­ti­ons­ge­mein­schaft Un­ab­hän­gi­ger Deut­scher«) in­te­griert wur­de“. Der »Auf­ruf zur Al­ter­na­ti­ve« wur­de tat­säch­lich ge­mein­sam von Beuys und Wil­fried Heidt ver­fasst und schon der Va­ter von Ot­to Schi­ly war An­thro­po­soph, so wie auch der er­folg­rei­che dm-Dro­ge­rie­markt Grün­der und Ak­ti­vist für ein „be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men“ Götz W. Wer­ner An­thro­po­soph ist. Wenn ein er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer und ein In­nen­mi­ni­ster in Deutsch­land An­thro­po­so­phen sein kön­nen, war­um soll ein Künst­ler von Welt­rang sich nicht mit Er­geb­nis­sen der an­thro­po­so­phi­schen Gei­stes­wis­sen­schaft ver­bin­den dür­fen? Und war­um sol­len die aus die­ser Gei­stes­hal­tung her­aus ge­schaf­fe­nen Kunst­wer­ke ih­re Wert­schät­zung in der Welt ver­lie­ren, wenn die­se Gei­stes­hal­tung be­kann­ter wird als vor­her? Das ge­schieht nur, wenn die­se mit bös­wil­li­ger Ab­sicht dis­kre­di­tiert wird, wie das mit dem Beuys­buch von Rie­gel ver­sucht wird.

    Mit dem Buch-Ti­tel von Sil­ke Men­de (sie­he An­mer­kung*): „Nicht rechts, nicht links, son­dern vorn“, kann ge­sagt wer­den, Beuys war kein „Ewig­gest­ri­ger“, son­dern er war vorn – Avant­gar­de!
    Er wuss­te: Die Ur­sa­che liegt in der Zu­kunft.

    ____________________
    * Jo­seph Beuys und der An­thro­po­soph Ot­to Schi­ly – der zu­vor als Ver­tei­di­ger der RAF-Ter­ro­ri­stin Gud­run Enss­lin be­kannt und an­ge­fein­det wur­de – wa­ren bei­de 1980 Bun­des­tags-Di­rekt­kan­di­da­ten der neu­ge­grün­de­ten Grü­nen Par­tei in Düs­sel­dorf. Als Vor­stands­vor­sit­zen­der des Grü­nen Kreis­ver­bands Düs­sel­dorf ar­bei­te­te ich mit ih­nen im Wahl­kampf zu­sam­men. Da­bei er­leb­te ich Beuys wö­chent­lich bei den Kreis­ver­bands­sit­zun­gen. Ob­wohl er schon ein welt­weit be­kann­ter Künst­ler ge­we­sen ist, war er nicht über­heb­lich. Wir konn­ten die­sen au­ßer­ge­wöhn­lich lie­bens­wür­di­gen Men­schen als ein nor­ma­les Kreis­ver­bands­mit­glied er­le­ben. In­di­vi­du­el­le Frei­heit und die Lie­be zu den Men­schen in ih­rer Ent­wick­lung, das wa­ren An­triebs­fe­dern für sei­ne Ak­ti­vi­tä­ten zur Neu­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft. Als Bild­hau­er be­griff er die­se als ei­ne zu ge­stal­ten­de „so­zia­le Skulp­tur“, an de­ren Her­aus­bil­dung je­der Mensch (selbst­ver­ständ­lich mehr oder we­ni­ger ak­tiv) be­tei­ligt und des­halb in­ner­halb die­ser – neu zu eta­blie­ren­den – so­zia­len Kunst­dis­zi­plin „ein Künst­ler“ ist.
    Ich ge­hör­te zu der in Ach­berg ge­grün­de­ten „Ak­ti­on Drit­ter Weg“ (A3W), ei­ner Grün­dungs­or­ga­ni­sa­ti­on der Grü­nen, die dort als „Ach­ber­ger Kreis“ be­kannt war, weil Au­gust Hauß­lei­ter sie so be­zeich­net hat­te.
    Seit 1978/79 be­tei­lig­ten sich „die Ach­ber­ger“ ge­mein­sam mit der von Jo­seph Beuys in­iti­ier­ten „Freie In­ter­na­tio­na­le Uni­ver­si­tät“ (FIU), an der Grün­dung der Grü­nen. Des­halb kann ich kom­pe­tent be­ur­tei­len, dass die Ka­pi­tel in Rie­gels Beuys­buch zu „Ach­berg“ und „In­ter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty“ völ­lig des­in­for­mie­rend sind
    Ei­ne ge­mein­sa­me ide­el­le Grund­la­ge für bei­de Grup­pen war der von Beuys und Wil­fried Heidt ge­mein­sam ver­fass­te „Auf­ruf zur Al­ter­na­ti­ve“. Er er­schien am 23.12.1978 als Bei­trag von Beuys in der Frank­fur­ter Rund­schau. Der auf der Grund­la­ge der Ge­dan­ken von Wil­helm Schmundt ver­fass­te Auf­ruf zeigt ein­deu­tig, dass das völ­li­ge Ge­gen­teil ei­nes na­tio­na­li­sti­schen oder gar to­ta­li­tä­ren Ge­sell­schafts­sy­stems an­ge­strebt wird. Die Ver­wirk­li­chung von in­di­vi­du­el­ler Frei­heit, De­mo­kra­tie und ei­ner so­li­da­ri­schen glo­ba­len Wirt­schaft wird an­ge­strebt. (Sie­he zu den Bei­trä­gen von Beuys, FIU und A3W im Grün­dungs­pro­zess der Grü­nen und zu de­ren Ver­hält­nis zu den „na­tio­nal ge­sinn­ten“ Mit­grün­dern der Grü­nen, wie z.B. Au­gust Hauß­lei­ter, die zeit­hi­sto­ri­sche Dis­ser­ta­ti­on von Sil­ke Men­de zur „Ge­schich­te der Grün­dungs­grü­nen“, mit dem Ti­tel: „Nicht rechts, nicht links, son­dern vorn“. Er­schie­ne­nen ist sie 2011 im Ol­den­bourg Ver­lag, Mün­chen. Im Un­ter­schied zu HP Rie­gels Be­schrei­bun­gen fin­det man dort im 4. Ka­pi­tel au­then­ti­sche Dar­stel­lun­gen zu Beuys, zur FIU und zum „Ach­ber­ger Kreis“ und im 3. Ka­pi­tel wer­den die „na­tio­nal ge­sinn­ten“ Mit­grün­der der Grü­nen zu­tref­fend be­schrie­ben – oh­ne je­de bös­ar­ti­ge Ab­sicht ei­ner „He­xen­ver­fol­gung“. Die­ser se­ri­ös ge­schrie­be­ne Text er­mög­licht ei­nen an­de­ren Blick auf die von Rie­gel mit dis­kre­di­tie­ren­der Ab­sicht be­schrie­be­nen Er­eig­nis­se und Ver­bin­dun­gen.
    ** Zu dem Ver­hält­nis von Beuys zu Be­schrei­bun­gen ei­ner funk­tio­na­len Glie­de­rung des Ge­sell­schafts­sy­stem (sie­he z.B. Tal­cott Par­sons, Ni­klas Luh­mann und Jür­gen Ha­ber­mas), die von Ru­dolf Stei­ner be­reits nach dem En­de des 1. Welt­krie­ges als Idee von der „Drei­glie­de­rung des so­zia­len Or­ga­nis­mus“ aus­ge­ar­bei­tet und be­schrie­ben wur­de, und der von Ach­berg aus in­iti­ier­ten Ak­ti­on Volks­ent­scheid sie­he den klei­nen Text:
    „Jo­seph Beuys, so­zia­le Drei­glie­de­rung und die Ak­ti­on Volks­ent­scheid“ (sie­he:
    http://www.chmoellmann.de/der_Verlag/Der_Verleger_Christoph_Mollman/Artikel_von_Christoph_Mollmann/Joseph_Beuys__soziale_Dreiglie/joseph_beuys__soziale_dreiglie.html).
    Mit ei­ni­gen sei­ner Mit­strei­ter ver­such­te R. Stei­ner ab 1919 ei­ne so­zia­le Be­we­gung auf­zu­bau­en, da­mit die­se Idee der Drei­glie­de­rung des Ge­sell­schafts­gan­zen, d.h. der Selbst­ver­wal­tung der ge­sell­schaft­li­chen Funk­ti­ons­sy­ste­me [al­so: 1. Kul­tur (ein­schließ­lich des Bil­dungs- und Wis­sen­schafts­sy­stem, so­wie al­ler an­de­ren kul­tu­rel­len Sub­sy­ste­me), 2. Po­li­tik, 3. Wirt­schaft) in den re­vo­lu­tio­nä­ren Jah­ren nach dem En­de des Kai­ser­rei­ches als ein Leit­stern für ei­nen „3. Weg“ wirk­sam wer­den konn­te. Er soll­te ei­ne zeit­ge­mä­ße, an der Wür­de des Men­schen ori­en­tier­te Al­ter­na­ti­ve zu den sich ge­gen­sei­tig be­kämp­fen­den Kräf­ten er­mög­li­chen, die be­strebt wa­ren, der Ge­sell­schaft, die auf dem Weg zur „Wei­ma­rer Re­pu­blik“ war, ei­ner­seits die Form ei­ner par­la­men­ta­risch le­gi­ti­mier­ten, pri­vat­ka­pi­ta­li­sti­schen Geld­herr­schaft oder an­de­rer­seits die Form ei­nes staat­lich zen­tral­ver­wal­te­ten Kom­mu­nis­mus zu ge­ben. Ne­ben die­sen wi­der­strei­ten­den Be­stre­bun­gen star­ker ge­sell­schaft­li­cher Kräf­te ver­sucht die­ser al­ter­na­ti­ve 3. Weg An­klang zu fin­den. Er ori­en­tier­te sich ei­ner­seits an den sich zu­neh­mend eman­zi­pie­ren­den Men­schen, an­de­rer­seits an der Glo­ba­li­sie­rung des Wirt­schafts­sy­stems. Des­halb soll­te er die drei Idea­le der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on als hand­lungs­ori­en­tie­ren­de Prin­zi­pi­en zur Wirk­sam­keit brin­gen: Frei­heit soll­te sich im ge­sell­schaft­li­chen Funk­ti­ons­sy­stem „Gei­stes- und Kul­tur­le­ben“ wirk­sam rea­li­sie­ren kön­nen, die Gleich­heit der wahl- und stimm­be­rech­tig­ten Staats­bür­ger-/in­nen bei der Ge­setz­ge­bung in ei­ner echt kom­ple­men­tä­ren De­mo­kra­tie, die par­la­men­ta­ri­sche und au­ßer­par­la­men­ta­ri­sche Ge­setz­ge­bung sinn­voll ver­bin­det, er­mög­licht und ge­leb­te Brü­der­lich­keit als glo­ba­le So­li­da­ri­tät im Welt­wirt­schafts­sy­stem ver­wirk­licht wer­den.
    Nur aus die­sem Ge­dan­ken­zu­sam­men­hang her­aus ge­dacht, wird auch die letz­te Re­de von Ot­to Schi­ly als grü­ner Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter ver­ständ­lich (sie­he: Bun­des­tag, 10. Wahl­pe­ri­ode – 204. Sit­zung, 13. März 1986, Ple­nar­pro­to­koll 10/204, Sei­te 15648: »Neu­tra­li­sie­rung der Ka­pi­tal­macht von Groß­un­ter­neh­men wird auf die Dau­er je­doch nur ge­lin­gen, wenn wir uns auf ei­ne grund­sätz­li­che Neu­be­stim­mung des Ei­gen­tums­rechts im Sin­ne ei­ner funk­tio­nel­len Aus­dif­fe­ren­zie­rung ver­stän­di­gen. Wir soll­ten uns schließ­lich auch nicht scheu­en, über grundle¬gende Ver­än­de­run­gen in un­se­rer Ge­sell­schafts­struk­tur nach­zu­den­ken.... Die vor rund 70 Jah­ren von Ru­dolf Stei­ner vor­ge­stell­te Idee ei­ner funk­tio­na­len Glie­de­rung der Ge­sell­schaft in die drei Be­rei­che Kul­tur, des Staa­tes und der Wirt­schaft könn­te ein Ent­wurf für die Ge­sell­schaft der Zu­kunft sein, für die Men­schen, die sich nicht auf ih­ren Denk­be­quem­lich­kei­ten aus­ru­hen wol­len und sich der exi­sten­ti­el­len Ge­fah­ren für die Mensch­heit be­wußt sind.«).
    Wä­re die­ser 3. Weg als Al­ter­na­ti­ve zu Pri­vat­ka­pi­ta­lis­mus und kom­mu­ni­sti­scher Staats­dik­ta­tur in Deutsch­land nach dem 1. Welt­krieg ver­wirk­licht wor­den, wä­re der Welt die Ra­se­rei ei­nes na­tio­nal­so­zia­li­stisch be­herrsch­ten Deutsch­lands er­spart ge­blie­ben. Eben­so die dar­auf fol­gen­de glo­ba­le Ost-West-Block­kon­fron­ta­ti­on der Ge­sell­schafts-Sy­ste­me von 1945 bis 1989, die durch die­se bei­den Ideo­lo­gi­en be­wirkt wur­den.
    Doch an­stel­le das „Deutsch­land erwachte“*3, in­dem die Deut­schen die­se an der Wür­de des Men­schen ori­en­tier­te Zu­kunfts-Al­ter­na­ti­ve rea­li­sier­ten, wur­den sie durch die gleich­lau­ten­de Pa­ro­le der Na­zis und de­ren mas­sen­psy­cho­lo­gisch wirk­sa­men Tech­ni­ken in ei­nen hyp­no­se­ar­ti­gen Tief­schlaf ver­setzt, in dem sie – wie bei der Hyp­no­se – durch den Wil­len ei­nes frem­den Ich be­herrscht wer­den konn­ten, weil es sich als der „Füh­rer“ des Vol­kes, das da­durch die erst kurz zu­vor er­run­ge­ne de­mo­kra­ti­sche Sou­ve­rä­ni­tät ver­lor, eta­blie­ren konn­te. Die ge­ra­de erst ei­ni­ge Jah­re ein­ge­üb­te De­mo­kra­tie (al­so die ge­setz­ge­be­ri­sche Volks­herr­schaft) wur­de durch die im Par­la­ment ge­walt­sam er­zwun­ge­ne Le­gi­ti­ma­ti­on der Dik­ta­tur Hit­lers be­en­det – das Volk war voll­stän­dig ent­mach­tet.
    (*3 Sie­he zu die­sem Weck­ruf z.B. das Ge­dicht von Kurt Tu­chol­sky.
    Er schrieb es in Be­zug auf die Na­zis 1930: http://web.archive.org/web/20160812063234/http://www.textlog.de:80/tucholsky-deutschland-1930.html
    Oder das ge­gen die Na­zis ge­rich­te­te Buch von Ernst Ott­walt: „Deutsch­land er­wa­che“, das 1932 er­schien. Es „gilt als ei­ne der frü­he­sten Ana­ly­sen des na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Auf­stiegs“. Sie­he: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Ottwalt
    *4 Aus ei­nem Vor­trag der Ru­dolf Stei­ner Ge­samt­aus­ga­be (GA) 117: „Über das rech­te Ver­hält­nis zur An­thro­po­so­phie“, Stutt­gart, 13. No­vem­ber 1909. Wie an vie­len an­dern Stel­len sei­nes Wer­kes be­tont Stei­ner hier sehr klar, dass die­je­ni­gen, die sich mit An­thro­po­so­phie be­fas­sen wol­len, ihm nicht ein­fach glau­ben sol­len, son­dern dass vie­le der von ihm mit­ge­teil­ten Er­geb­nis­se mit dem ge­wöhn­li­chen, an der Sin­nes­wahr­neh­mung ge­schul­ten Ver­stan­des­den­ken ge­prüft wer­den kön­nen.
    *4 Vgl.:
    *5 Aus ei­nem Vor­trag Ru­dolf Stei­ners, ge­hal­ten in Dor­n­ach, am 23.10.1919, GA 191, 10. VORTRAG, S.190 f. (1972)
    *6 Sie­he zur Be­zeich­nung „Volks­geist“ und „Volks­see­le“
    bei Wi­ki­pe­dia: Der Be­griff Volks­geist schreibt der Ge­mein­schaft ei­nes Volks ei­ne ge­mein­sa­me See­le zu. Er ist ein ähn­li­cher All­ge­mein­be­griff wie Zeit­geist oder Welt­geist und ge­hört da­mit in die Gei­stes­welt des 19. Jahr­hun­derts.
    ...
    Durch He­gels Vor­stel­lung ei­nes über­per­sön­li­chen „ob­jek­ti­ven Gei­stes“ be­kam der Volks­geist ein phi­lo­so­phi­sches Fun­da­ment. Wil­helm Wundt, Mo­ritz La­za­rus und Hey­mann Stein­thal be­grün­de­ten um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts die Wis­sen­schaft der Völ­ker­psy­cho­lo­gie, die ei­nem je ver­schie­de­nen Volks­geist als Cha­rak­te­ri­sti­kum der „Völ­ker“ nach­ging. Der An­satz war bald ver­al­tet, aber hat­te ei­ni­gen Ein­fluss auf Psy­cho­lo­gie und Eth­no­lo­gie.
    Die idea­li­sti­schen Be­grif­fe vom Volks­geist wur­den in der Fol­ge zum Spi­ri­tua­lis­mus über­höht. Ei­ne po­si­ti­ve Be­deu­tung ha­ben die Be­grif­fe Volks­geist oder Volks­see­le in der Eso­te­rik, et­wa bei Ru­dolf Stei­ner, der 1910 in Os­lo in elf Vor­trä­gen »Die Mis­si­on ein­zel­ner Volks­see­len« zur Dar­stel­lung ge­bracht hat. Er meint, daß je­dem Volk ein Erz­engel zu­ge­wie­sen ist, des­sen mo­ra­li­sche Di­gni­tät sich in der Ver­fas­sung des Vol­kes of­fen­ba­re.
    Der Be­griff Volks­geist kam an­de­rer­seits den na­tio­na­li­sti­schen Strö­mun­gen des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts ge­le­gen. Die ras­si­sti­schen Ver­ein­fa­chun­gen im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­such­ten den „Volks­geist“ auch als bio­lo­gi­sche Ei­gen­schaft zu fas­sen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Volksgeist)
    Oder im: Wör­ter­buch der phi­lo­so­phi­schen Be­grif­fe von Ru­dolf Eis­ler zu „Volks­geist“:
    Volks­geist (Volks­see­le) ist der in ei­ner Volks­ge­mein­schaft le­ben­di­ge, in der Er­zeu­gung so­zi­al- gei­sti­ger Ge­bil­de wirk­sa­me Ge­samt­geist (s. d.).
    Vom Volks­geist, »l’e­sprit gé­né­ral d’u­ne na­ti­on«, spricht schon MONTESQUIEU (L’espr. des lois XIX, 4). «
    http://web.archive.org/web/20160731194506/http://www.textlog.de/5373.html
    Oder zu „Volks­see­le“: Hi­sto­ri­sches Schlag­wör­ter­buch von Ot­to La­den­dorf (1906):
    Volks­see­le ist ein von Her­der ge­schaf­fe­nes Schlag­wort für die ge­hei­me Schaf­fens­kraft des Vol­kes und die Emp­fin­dung der Ge­samt­heit. Vgl. Her­der 3, 27 (1769): »In je­dem Bar­den­lied zeigt sich ein Volk, des­sen See­le ganz der Tap­fer­keit und ei­ner fei­er­li­chen Lie­be flamm­te«. Er­neut er­wähnt er 5, 185 (1773) die ›See­le des Volks, die doch nur fast sinn­li­cher Ver­stand und Ein­bil­dung ist.‹ Eben­da spricht er S. 201 von der ›See­le der al­ten, wil­den Völ­ker‹
    http://web.archive.org/web/20160914032249/http://www.textlog.de/schlagworte-volksseele-herder.html

  17. Weil er mehr als zwei Links ent­hält, lan­de­te die­ser Kom­men­tar in der so­ge­nann­ten Mo­de­ra­ti­ons­schlei­fe. Ich ha­be das so ein­ge­stellt, um evtl. Spam-Kom­men­ta­re das Was­ser ab­zu­gra­ben. Die Lek­tü­re die­ses Kom­men­tars nahm ei­ne ge­wis­se Zeit in An­spruch und ich ha­be lan­ge über­legt, ob ich ihn frei­schal­ten soll. Ich ha­be dies ge­tan um auch die­se Mei­nung zu Wort kom­men zu las­sen. Ich ha­be al­ler­dings den Link ent­fernt, der auf ei­nen »Pro­test­brief« an HP Rie­gel ver­weist und Un­ter­schrif­ten sam­melt. Sol­che Af­fekt-Ak­tio­nen wer­den in die­sem Blog grund­sätz­lich nicht ge­wünscht.

    Ich kann und will auf die ein­zel­nen Punk­te gar nicht ein­ge­hen. Tat­sa­che ist, dass der Kom­men­ta­tor ei­ne Art »Ak­ti­vist« der Stei­ner-Phi­lo­so­phie oder ei­nes be­stimm­ten Zwei­ges da­von ist. Es geht ihm we­ni­ger um die äs­the­ti­sche Di­men­si­on des Beuys-Schaf­fens, son­dern er be­treibt im Prin­zip die glei­che Sa­che wie Rie­gel – nur von der an­de­ren Sei­te. Bei­de usur­pie­ren Beuys’ Welt­an­schau­ung für ih­re je­wei­li­gen The­sen und in­ter­pre­tie­ren sein Werk aus die­ser Welt­an­schau­ung her­aus.

    Ich ge­ste­he, dass ich nach der Lek­tü­re et­was mehr Ver­ständ­nis für Rie­gel und sei­ne Ab­nei­gung ge­gen­über dem an­thro­po­so­phi­schen Sek­tie­rer­tum be­kom­men ha­be. Aber dar­um geht es nicht. Nur ein, zwei Punk­te von mei­ner Sei­te:

    Au­gust Hauß­lei­ter, der AUD-Grün­der, war nach al­lem was heu­te be­kannt ist min­de­stens ein Sym­pa­thi­sant der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Ideo­lo­gie und kann auch für die Zeit nach dem Krieg als »na­tio­na­li­stisch« ge­sinnt ein­ge­stuft wer­den. Im üb­ri­gen ist die Tat­sa­che, dass sich bei den Grü­nen ge­ra­de zu Zei­ten ih­rer Grün­dung fast das ge­sam­te ideo­lo­gi­sche Spek­trum – von ganz rechts bis ul­tra links – ver­sam­melt hat­te, längst ei­ne Bin­sen­weis­heit.

    Ob Ot­to Schi­ly ein An­thro­po­soph ist, weiß ich nicht. Er war mei­nes Wis­sens nie Mit­glied in an­thro­po­so­phi­schen Gre­mi­en.

    Die Ver­wei­se auf He­gel, Her­der und den deut­schen Idea­lis­mus sind zwar phi­lo­lo­gisch in­ter­es­sant, zei­gen aber rein gar nichts. Es gibt nicht we­ni­ge, die ein Kon­ti­nu­um vom deut­schen Idea­lis­mus zum spä­te­ren Fa­schis­mus auf­zei­gen.

    Ich glau­be, da­mit sind The­sen und Ge­gen­the­sen aus­ge­tauscht. Bit­te kei­ne Dis­kus­si­on über An­thro­po­so­phie.

  18. Be­dau­er­lich, daß Herr Keu­sch­nig den link zur Ach­ber­ger Pro­test­no­te mit dem Kom­men­tar »sol­che Af­fekt-Ak­tio­nen wer­den in die­sem Blog grund­sätz­lich nicht ge­wünscht«, ent­fernt hat; denn ei­ne Af­fekt­hand­lung ist die­se sorg­fäl­ti­ge er­stell­te Zu­rück­wei­sung si­cher nicht, wo­von ich mich über­zeugt ha­be. Viel­leicht kann er doch die INTERVENTION ge­gen die sog. Beuys-Bio­gra­phie im Blog be­stehen las­sen, die schon über 250 Zu­stim­mun­gen ent­hält und si­cher nicht an­thro­po­so­phisch lan­ciert ist [Link s. u. – G. K.]

  19. Herr Du­rent, was Sie be­dau­er­lich fin­den, ist mir gleich­gül­tig. Ich ha­be den Link in Ih­rem Na­men ste­hen­las­sen, das reicht. Dies ist kei­ne Agi­ta­ti­ons­platt­form hier.

    Ich schlie­ße hier erst ein­mal die Kom­men­ta­re, bis sich die Auf­ge­regt­hei­ten ge­legt ha­ben. An­son­sten kann man mir ei­ne Mail schicken.

    PS 17.50 Uhr: Ich ha­be den Link ent­fernt, da der Text der »In­ter­ven­ti­on« ei­ne straf­be­wehr­te Be­haup­tung ent­hält. Dies hat kei­nen Raum hier. Au­ßer­dem ist es lä­cher­lich, ei­ne Un­ter­schrif­ten­ak­ti­on ge­gen ein be­stehen­des Buch zu füh­ren.