Ger­ma­nys next Top­wri­ter

Ich hat­te ge­ra­de 10 der 14 Tex­te ge­le­sen, als mich ei­ne Mit­tei­lung ei­nes Twit­ter-Fol­lo­wers er­reich­te: »Ihr kon­se­quen­tes Schwei­gen zum Blog­bu­ster­preis stimmt mich nach­denk­lich.«

Tat­säch­lich hat­te ich die Longlist-Le­se­pro­ben erst ei­ni­ge Ta­ge zu­vor ent­deckt. Den Blog­bu­ster-Preis hat­te ich fast schon ver­ges­sen; die teil­neh­men­den Blog­ger ver­fol­ge ich nur sehr un­re­gel­mä­ssig. Zu­wei­len konn­te man von Aus­wahl­qua­len le­sen, wo­bei ich mich frug, war­um man so et­was mit Na­mens­nen­nun­gen öf­fent­lich macht, aber nach den Sta­tu­ten war das mög­lich. Erst die Im­ple­men­tie­rung ei­nes neu­en li­te­ra­ri­schen Ka­non in der »Li­te­ra­ri­schen Welt« durch den mitt­ler­wei­le un­ver­meid­ba­ren De­nis Scheck liess mich an den Preis den­ken, war doch eben je­ner Scheck als Zug­pferd da­bei.

Wei­ter­le­sen ...

Mar­tin Wal­ser: Statt et­was oder der letz­te Rank

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank
Mar­tin Wal­ser:
Statt et­was oder Der letz­te Rank

Mar­tin Wal­ser ist vor ei­ni­gen Ta­gen 90 ge­wor­den und wer woll­te, konn­te hier­über ei­ni­ges se­hen und hö­ren. Man fuhr mit ihm fil­mend im Re­tro-Mer­ce­des mit Wackel­dackel (Kenn­zei­chen: FN MW-27) zu Ta­ges­tou­ren rund um den Bo­den­see. Da­bei wur­den na­tür­lich al­le wich­ti­gen Fra­gen er­ör­tert. Auf dem Bil­dungs­sen­der ARD-al­pha lief ein Por­trait, das aus Zu­sam­men­schnit­ten öf­fent­li­cher Stel­lung­nah­men und Re­den Walsers und sei­ner Geg­ner be­stand. Die Geg­ner nennt Wal­ser in sei­nem neu­en Buch »Fein­de«; Geg­ner sei­en ihm gleich­gül­tig ge­gen­über ge­we­sen, Fein­de hät­ten ver­sucht, ihn zu ver­hin­dern oder ele­men­tar zu scha­den.

Schon bin ich in die Fal­le ge­tappt und ha­be wie­der ein­mal ei­nen »neu­en« Wal­ser zur Hand ge­nom­men. Ich muss ge­ste­hen, dass mir die ma­nie­ri­sti­schen Satzorna­men­te Walsers nie zu­ge­sagt ha­ben. Es gab ei­ni­ge ver­geb­li­che Ver­su­che (schnel­le Lek­tü­re­ab­brü­che). Wo­mög­lich hat­te ich ir­gend­wann zu sehr den Imi­ta­ti­ons­wil­len zum da­hin­ter­ste­hen­den Vor­bild wahr­ge­nom­men; das Vor­bild, dass er ver­mut­lich ob der Un­er­reich­bar­keit oft an­griff und des­sen Fi­gu­ren ein­mal so­gar als »Sam­mel­tas­sen-Mon­stren« cha­rak­te­ri­sier­te. Aber viel­leicht tue ich Wal­ser auch un­recht, wenn ich bei die­sem Apho­ris­mus pri­mär an sei­ne Ro­ma­ne den­ke.

Nur ein­mal konn­te ich Walsers Li­te­ra­tur ge­nie­ßen, weil die Gir­lan­den et­was spar­sa­mer ge­knüpft wa­ren als sonst, viel­leicht weil es um sei­ne Mut­ter und sei­nen Va­ter ging, die man nicht durch­psy­cho­lo­gi­sie­ren konn­te oder woll­te. Das war der »Sprin­gen­de Brun­nen«, der – ei­ni­ger­ma­ßen vor­her­seh­bar – mit lä­cher­li­chen Kri­tik­aste­rei­en ver­se­hen wur­de, weil Wal­ser die Er­war­tun­gen der Nach­ge­bo­re­nen nicht er­fül­len woll­te und auf sei­ne ei­ge­nen Er­in­ne­run­gen be­stand.

Wei­ter­le­sen ...

Ste­fan Aust und die Wahr­heit

Nach­dem die Hö­rer des Deutsch­land­funks am 19.3. schon Ste­fan Aus­ts Mei­nung über den Schulz-Hype im In­ter­view er­klärt be­ka­men, folg­te zwei Ta­ge spä­ter ein Ge­spräch mit ihm über den Jour­na­lis­mus und den »Wahrheits«-Begriff.1 Aust, Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur der Ta­ges­zei­tung Die Welt und dem­zu­fol­ge im­mer noch an zen­tra­ler Stel­le des deut­schen Jour­na­lis­mus, be­kennt, dass er ein Pro­blem mit die­sem Be­griff ha­be. Die­ser ist al­ler­dings nicht phi­lo­so­phisch ge­meint, son­dern, so Aust, liegt dar­in be­grün­det, dass man vie­le In­for­ma­tio­nen auf un­ter­schied­li­che Art inter­pretieren kön­ne. Es sei im­mer im Au­ge des Be­trach­ters, wie man et­was se­he. Dem­zu­fol­ge, so die Schluss­fol­ge­rung, kann es kei­ne »Wahr­heit« ge­ben bzw. der Wahr­heits­be­griff sei dehn­bar.

Die Äu­ße­rung ist in­ter­es­sant, weil sie das Grund­di­lem­ma des Jour­na­lis­mus auf den Punkt bringt. Aust ist mit die­ser Sicht nicht al­lei­ne. Auch ein Ro­land Tichy (der mit Aust au­ßer sei­ner Pro­fes­si­on nicht viel ge­mein­sam ha­ben dürf­te) ver­tritt die­se The­se: Ein Jour­na­list in­for­miert sich über ei­nen Sach­ver­halt und be­wer­tet die­sen. Die­sen Ex­trakt pu­bli­ziert er dann.

Wei­ter­le­sen ...


  1. Bis 27.9.2017 im Netz verfügbar. ↩

Ho­no­ré de Bal­zac: Von Edel­fe­dern, Phra­sen­dre­schern und Schmier­fin­ken

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken
Ho­no­ré de Bal­zac:
Von Edel­fe­dern, Phra­sen­dre­schern und Schmier­fin­ken

1977 er­warb der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, Jour­na­list und Über­set­zer Ru­dolf von Bit­ter in ei­ner Aus­ga­be des Ver­le­gers Jean-Jac­ques Pau­vert für 5,40 FF den Text Mo­no­gra­phie de la pres­se pa­ri­si­en­ne aus dem Jahr 1843 von Ho­no­ré de Bal­zac. Vier­zig Jah­re spä­ter legt er nun erst­ma­lig in deut­scher Spra­che die Ty­pen­leh­re der Pa­ri­ser Pres­se zu­sam­men mit ei­nem klu­gen Nach­wort und ei­nem um­fas­sen­den Per­so­nen- und Pu­bli­ka­ti­ons­ver­zeich­nis vor. Die Schrift bil­det den Kern des Ma­nes­se-Bänd­chens mit dem über­trie­ben rei­ße­ri­schen Ti­tel Von Edel­fe­dern, Phra­sen­dre­schern und Schmier­fin­ken (kei­ne Sor­ge: das Wort »Schmier­fink« kommt gar nicht vor).

Bal­zacs Ty­po­lo­gie des Jour­na­li­sten und Kri­ti­kers ist ein Kon­glo­me­rat aus Po­le­mik, Per­si­fla­ge und Phil­ip­pi­ka. Ob­wohl der Text 173 Jah­re alt ist, er­schei­nen die be­schriebenen Ord­nungs- und Gat­tungs­cha­rak­te­ri­sti­ka von ei­ner je nach Sicht­wei­se be­wun­derns­wer­ten oder nieder­schmetternden Fri­sche. Im­mer­hin scheint er da­mit auch heu­te noch ins Herz zu tref­fen: Di­na Netz, die An­fang des Jah­res für den DLF-»Büchermarkt« Ru­dolf von Bit­ter zu dem Buch be­frag­te, kam bei der Lek­tü­re ein »Ge­schmäck­le« auf und sie schlägt ei­nen Ha­ken zu den ak­tu­el­len »Lügenpresse«-Vorwürfen. Dar­auf muss man erst ein­mal kom­men.

Zu­rück zum Mei­ster. Bal­zac un­ter­schei­det zwei »Ord­nun­gen«: Den Pu­bli­zi­sten (ge­meint ist der po­li­ti­sche Jour­na­list) und den Kri­ti­ker. Den Pu­bli­zi­sten glie­dert er in acht »Gat­tun­gen«: Jour­na­li­sten, Po­li­ti­ker, Pam­phle­tist, Ni­hi­lo­ge, Pu­bli­zist mit ei­ge­nem Res­sort, Mo­no­the­ma­ti­ker, Über­set­zer und den Au­tor mit Über­zeu­gun­gen. Bei der Cha­rak­te­ri­sie­rung des Jour­na­li­sten ent­wickelt Bal­zac ein hier­ar­chi­sches Mo­dell mit fünf Un­ter­grup­pen, ge­nannt »Ar­ten«. Oben in der Rang­fol­ge steht der »ge­schäfts­füh­ren­de Chef­re­dak­teur-Ei­gen­tü­mer-Di­rek­tor« (»Graf Ger­ne­groß«); die Schnitt­men­gen mit dem ad­äqua­ten heu­ti­gen Ty­pus lie­gen na­he bei 100%. Da­ne­ben gibt es den meist an­onym blei­ben­den »Te­nor«, der Auf­ma­cher-Ma­cher, ein »Quark­schlä­ger« mit ei­ner »ge­wis­sen Men­ge von vor­ge­fer­tig­ten Sät­zen«. Schließ­lich den ehr­li­chen »Schrei­ber von Hintergrund­artikeln«, der im Be­trieb we­nig ge­schätzt wird. Kei­ne Zei­tung kommt oh­ne das »Fakto­tum«, dem Chef vom Dienst, aus und ganz un­ten ste­hen dann die »Käm­mer­lin­ge«, die Pro­to­kol­lan­ten der Po­li­ti­ker­re­den, über­tra­gen auf das heu­ti­ge Me­tier sind es die Pres­se­er­klä­rungs­ab­schrei­ber und ‑um­for­mu­lie­rer.

Wei­ter­le­sen ...

Re­zen­si­on

Die­ses dün­ne Buch mit dem schmuck­lo­sen, frü­her viel­leicht lachs­ro­sa­far­be­nen, jetzt nur noch ver­jähr­ten Ein­band hat ein hal­bes Jahr­hun­dert in den schwach be­lüf­te­ten Tie­fen ei­ner Bi­blio­thek auf dich ge­war­tet, in frem­der, ver­ständ­nis­lo­ser Um­ge­bung, Tau­sen­de Ki­lo­me­ter von sei­nem Ent­ste­hungs­ort ent­fernt. Aus der Gruft be­freit, ge­winnt es im Hand­um­dre­hen sei­ne kind­li­che Spiel­freu­de zu­rück: »Fang mich, such mich, ich ...

Wei­ter­le­sen ...

Bar­ba­ra Ken­ne­weg: Haus für ei­ne Per­son

Barbara Kenneweg: Haus für eine Person
Bar­ba­ra Ken­ne­weg:
Haus für ei­ne Per­son

Sie heißt Ro­sa Lux (der Vor­na­me ist ein Wort­spiel der Mut­ter), ist 32 Jah­re alt und wohnt ir­gend­wo im Osten von Ost­ber­lin in ei­nem klei­nen, 50 Qua­drat­me­ter gro­ßen Haus, dass sie (wie auch im­mer) von ei­nem ehe­ma­li­gen SED- und/oder Sta­si-Men­schen ge­kauft hat. Ih­re Nach­barin ist die 98jährige Wit­we Frau Paul, die in ei­nem 1970er-Jah­re-DDR-Ku­rio­sum wohnt, dass ihr Mann in den 1970er Jah­ren aus Trüm­mern und Bau­stel­len­re­sten zu­sam­men­ge­baut hat­te. Frau Paul be­kam zwi­schen 1931 und 1952 fünf Kin­der und hat eben­so vie­le po­li­ti­sche Sy­ste­me er­lebt. »Und im­mer wa­ren die Na­men, die ihr ge­fie­len, po­li­tisch un­er­wünscht.« Mit Charme und Schalk er­zählt sie da­von, war­um ih­re Kin­der nicht Wil­helm, Iwan und Glenn hei­ßen durf­ten und war­um sie aus Jo­shua Joschi ma­chen muss­te. Und sie er­zählt von den Bomben­angriffen, den Wohn­block­knackern und Vier­pfün­dern.

Ro­sa ist be­ein­druckt von der Ge­las­sen­heit und Le­bens­klug­heit die­ser Frau. We­ni­ger sym­pa­thisch ist ihr Herr Scholl, der an­de­re Nach­bar, et­was jün­ger als Frau Paul, Wit­wer, ein Stei­ne- und Find­lings­samm­ler (mit ei­nem, wie sich spä­ter her­aus­stellt, rüh­ren­dem Ge­heim­nis) und, so Frau Paul, ein da­mals Na­zi-Über­zeug­ter. An­son­sten ist das Vier­tel ver­schla­fen, ein »Fleck­chen Bür­ger­lich­keit«. Ro­sa schwankt ob sie das mö­gen oder has­sen soll. Ihr Va­ter ist seit acht Jah­ren tot und jetzt starb auch noch ih­re Mut­ter. Von ih­rem Freund Olaf hat sie sich ge­trennt, der dar­auf­hin in den Hi­ma­la­ya ge­flüch­tet ist. Jetzt lebt Ro­sa al­lei­ne, fast iso­liert, von ei­nem One-Night-Stand mit ei­nem schreck­li­chen Im­mo­bi­li­en­mak­ler ein­mal ab­ge­se­hen.

Wei­ter­le­sen ...

Ver­hül­lung und Mo­der­ne

Als ich noch in Neu­bau, im sieb­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk, in ei­nem für die­se Ge­gend un­ty­pi­schen Haus wohn­te, er­fuhr ich was das Ver­hül­len von Kopf, Ge­sicht und Kör­per, je nach Voll­stän­dig­keit und Blick­win­kel des Be­trach­ters, be­deu­ten kann: Ich war da­mals mit ei­ner jun­gen, tsche­tsche­ni­schen Nach­ba­rin in Kon­takt ge­kom­men, die sich wie ei­ni­ge an­de­re Be­woh­ner des Hau­ses in des­sen Hof bei schö­nem Wet­ter zum Spie­len, Trat­schen und Kaf­fee­trin­ken ein­fan­den.

Wei­ter­le­sen ...

Aus­lö­schung (3)

— Teil 2

3

Ich ha­be von Kul­tur ge­spro­chen. Ge­nau­er, von kul­tu­rel­len Pro­duk­ten als wirt­schaft­li­chem Ein­satz, Exi­stenz­grund­la­ge welt­weit tä­ti­ger Fir­men. Des­halb der Ei­fer und Über­ei­fer, mit dem heu­te Ei­gen­tums­rech­te an letzt­lich im­ma­te­ri­el­len Din­gen wie Fil­me und Pop­songs, Fi­gu­ren und Ti­tel, Slo­gans und De­signs gel­tend ge­macht wer­den. In un­se­ren Köp­fen hallt die Dro­hung, wer ei­nen Film ko­pie­re, wer­de mit fünf Jah­ren Ge­fäng­nis be­straft. Und ein Groß­teil der Kon­su­men­ten-Pro­du­zen­ten, der Nut­zer und Selbst­dar­stel­ler, der Kun­den und Kö­ni­ge macht mit beim Ge­ze­ter, »das ge­hört doch mir« und »ich ha­be da­für be­zahlt« und »ich will das Geld, das mir zu­steht«. Der so­ge­nann­te Neo­li­be­ra­lis­mus ist tief in die Köp­fe und Her­zen ein­ge­drun­gen, um dort Wur­zeln zu schla­gen. Hork­hei­mer und Ador­no ha­ben nicht nur un­ter dem Ein­druck der Mas­sen­be­tö­rung durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, son­dern gleich­zei­tig un­ter dem nach­hal­ti­ge­ren Ein­druck von Hol­ly­wood und dem begin­nenden Fern­se­hen ih­re Theo­rie von der Gleich­schal­tung durch die Kul­tur­in­du­strie ent­wickelt. Die Theo­rie wur­de in un­ge­ahn­tem Aus­maß von den nach und nach geschaf­fenen Fak­ten be­stä­tigt. Mo­zart und Beet­ho­ven wür­den von die­ser In­du­strie al­lein zu Wer­be­zwecken ein­ge­setzt, mein­ten die ra­di­ka­len Kri­ti­ker. Sie konn­ten sich ver­mut­lich nicht vor­stel­len, daß man sich ei­nes Ta­ges in der Öf­fent­lich­keit – und teils in pri­va­ten Haus­hal­ten – gar nicht mehr be­we­gen kann, oh­ne von aku­sti­scher Kul­tur, durch­bro­chen von Wer­be­slo­gans, um­fan­gen zu wer­den. Frei­lich nicht von Wer­ken Mo­zarts oder Beet­ho­vens, son­dern von seich­te­ster Pop­mu­sik. Ei­ner Pop­mu­sik, die in den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren als Ge­gen­kul­tur an­trat, in­zwi­schen aber na­he­zu rest­los von der mu­sik­in­du­stri­el­len Herr­schafts­kul­tur ge­ka­pert wor­den ist. Der vi­su­el­le Sie­ges­zug des Fern­se­hens und des­sen gei­sti­ge Fol­gen wur­den in den acht­zi­ger Jah­ren von Neil Post­man be­schrie­ben. Fern­seh­sta­tio­nen sind seit­her ins Kraut ge­schos­sen, es gibt kei­ne Se­kun­de am Tag, in der die Bil­der­flut nicht auf den Kon­su­men­ten, den User lau­ern wür­de. Die di­gi­ta­le Ver­net­zung hat die Vor­herr­schaft des Vi­su­el­len nur ver­schärft. In den Zei­ten vor der Ein­füh­rung der Schul­pflicht und der Er­fin­dung des Buch­drucks war die Ge­sell­schaft in ei­nen li­te­ra­ten und ei­nen il­li­te­ra­te Be­völ­ke­rungs­teil ge­spal­ten; die Schrif­tun­kun­di­gen spei­ste man mit Bil­dern ab, um ih­nen die Grund­la­gen der Kul­tur im Scho­ße der christ­lichen Re­li­gi­on zu ver­mit­teln. Heu­te wen­det sich die gro­ße Be­völ­ke­rungs­mehr­heit wie­der den Bil­dern zu, oh­ne Zwang und auch nicht, weil sie gar kei­ne Wahl hät­te, son­dern weil mu­si­ka­lisch un­ter­mal­te Bil­der leich­ter und ra­scher kon­su­mier­bar sind, da sie kein in­tel­lek­tu­el­les En­ga­ge­ment ver­lan­gen. Be­quem­lich­keit über al­les: wie sol­len da Mut und Tä­tig­keits­drang ge­dei­hen? Touch­screens und aku­sti­sche Sen­so­ren wer­den die Spal­tung lang­fri­stig ver­schär­fen, An­alpha­be­tis­mus könn­te ein ech­tes Pro­blem nicht nur an den Rän­dern der Ge­sell­schaft wer­den. War­um le­sen und schrei­ben, wo doch schau­en, hö­ren und be­rüh­ren ge­nügt?

Im­ma­nu­el Kant hat­te in sei­ner Schrift zur Be­ant­wor­tung der Fra­ge »Was ist Auf­klä­rung?« den selb­stän­di­gen Ge­brauch des ei­ge­nen Ver­stan­des als Vor­aus­set­zung für Mün­dig­keit und da­mit letzt­lich für De­mo­kra­tie dar­ge­stellt und an die Schrift­kul­tur ge­bun­den. Ver­kümmert die zwi­schen dem 18. und 20. Jahr­hun­dert ge­fe­stig­te Schrift­kul­tur, ver­küm­mern Mün­dig­keit und De­mo­kra­tie. Un­mün­dig­keit, schlich­ter ge­sagt: Dumm­heit, ist mit ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Ver­fas­sung, wie Kant und die Auf­klä­rer sie an­streb­ten, nicht ver­ein­bar. Die Kul­tur­in­du­strie för­dert je­doch die Un­mün­dig­keit, in­dem sie nicht den Ver­stand, son­dern aus­schließ­lich Emo­tio­nen, Sin­ne und Trie­be an­spricht. Je stär­ker ge­wis­se Trie­be in­vol­viert wer­den, de­sto bes­ser für das Ge­schäft. Der pop­kul­tu­rel­le Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus heu­ti­ger Ta­ge er­zeugt und för­dert Süch­te nicht nur in Spiel­hal­len und in der Splat­ter-Ab­tei­lung der har­ten Dro­gen, son­dern an al­len Fron­ten, be­son­ders im Netz. So sieht das vor­läu­fi­ge End­sta­di­um der um­fas­sen­den »Kul­tu­ra­li­sie­rung« aus, die der Ent­wick­lung von ei­nem auf Pro­duk­ti­on und Ar­beit, Maß und Ver­nunft, so­zia­ler Dis­zi­plin und per­sön­li­cher Selbst­be­herr­schung ori­en­tier­ten Ka­pi­ta­lis­mus zu ei­nem kon­su­mi­sti­schen und hedonis­tischen, hy­per­ak­ti­ven und zu­gleich an­ge­paß­ten, au­gen­blicksver­haf­te­ten, ge­schichts­lo­sen Per­sön­lich­keits­mo­dell im Rah­men der post­mo­der­nen Wirt­schafts­form ent­spricht und dient.

Wei­ter­le­sen ...