Ste­fan Aust und die Wahr­heit

Nach­dem die Hö­rer des Deutsch­land­funks am 19.3. schon Ste­fan Austs Mei­nung über den Schulz-Hype im In­ter­view er­klärt be­ka­men, folg­te zwei Ta­ge spä­ter ein Ge­spräch mit ihm über den Jour­na­lis­mus und den »Wahrheits«-Begriff.1 Aust, Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur der Ta­ges­zei­tung Die Welt und dem­zu­fol­ge im­mer noch an zen­tra­ler Stel­le des deut­schen Jour­na­lis­mus, be­kennt, dass er ein Pro­blem mit die­sem Be­griff ha­be. Die­ser ist al­ler­dings nicht phi­lo­so­phisch ge­meint, son­dern, so Aust, liegt dar­in be­grün­det, dass man vie­le In­for­ma­tio­nen auf un­ter­schied­li­che Art inter­pretieren kön­ne. Es sei im­mer im Au­ge des Be­trach­ters, wie man et­was se­he. Dem­zu­fol­ge, so die Schluss­fol­ge­rung, kann es kei­ne »Wahr­heit« ge­ben bzw. der Wahr­heits­be­griff sei dehn­bar.

Die Äu­ße­rung ist in­ter­es­sant, weil sie das Grund­di­lem­ma des Jour­na­lis­mus auf den Punkt bringt. Aust ist mit die­ser Sicht nicht al­lei­ne. Auch ein Ro­land Ti­chy (der mit Aust au­ßer sei­ner Pro­fes­si­on nicht viel ge­mein­sam ha­ben dürf­te) ver­tritt die­se The­se: Ein Jour­na­list in­for­miert sich über ei­nen Sach­ver­halt und be­wer­tet die­sen. Die­sen Ex­trakt pu­bli­ziert er dann.

Er­setzt man den Be­griff »Wahr­heit« durch »Fak­ten«, so of­fen­bart sich der Trug­schluss – und das nicht erst nach Aus­ru­fung des post­fak­ti­schen Zeit­al­ters. Wer »Wahr­hei­ten« oder »Fak­ten« nur als In­ter­pre­ta­ti­ons­knet­mas­se von Sach­ver­hal­ten be­greift, kann auch ir­gend­wann be­haup­ten die Er­de sei ei­ne Schei­be oder bei ein Er­eig­nis ha­be gar nicht bzw. nicht im tra­dier­ten Ma­ße statt­ge­fun­den. Da es kei­ne »Wahr­heit« gibt, braucht er (sie) auch da­für kei­ner­lei Be­le­ge an­zu­brin­gen. Aust geht da­von aus, dass Jour­na­li­sten die ih­nen be­kann­ten Sach­ver­hal­te stets auch im­mer in­ter­pre­tie­ren, al­so mit ei­ner Deu­tung und dem­zu­fol­ge auch Mei­nung ver­se­hen. Jour­na­li­sti­sche Plu­ra­li­tät zeich­net sich da­durch aus, dass es mög­lichst vie­le (di­ver­gie­ren­de) In­ter­pre­ta­tio­nen gibt.

Der Re­zi­pi­ent ent­schei­det dem­zu­fol­ge am En­de, wel­che (jour­na­li­sti­sche) Deu­tung er be­vor­zugt. Die Kri­te­ri­en ob­lie­gen da­bei voll­stän­dig bei ihm und sind sel­ber wie­der­um höchst sub­jek­tiv. Viel­leicht mag er den ei­nen Jour­na­li­sten lie­ber als die an­de­re Jour­na­li­stin. Oder die Be­wer­tung von X passt bes­ser in sein Welt­bild als die von Y. Im Zwei­fel hat er kaum ge­nü­gend Zeit, sich al­le oder sehr vie­le un­ter­schied­li­che Deu­tungs­an­ge­bo­te zu be­schaf­fen.

Wie fa­tal ein sol­ches Han­deln ist, zeigt sich im­mer in Ex­trem­si­tua­tio­nen wie beispiels­weise Kriegs­be­richt­erstat­tun­gen. Wer ver­übt so­ge­nann­te Kriegs­ver­bre­chen? Wer hat wel­che Kriegs­grün­de? Wel­ches Vi­deo­ma­te­ri­al wird für die Deu­tung her­an­ge­zo­gen? Die Fra­ge­li­ste lie­ße sich noch be­lie­big er­wei­tern. Ge­ra­de sol­che Fra­gen sind von Jour­na­li­sten in der Re­gel nie aus der je­wei­li­gen La­ge her­aus zu be­ur­tei­len. Sie sind im­mer auch Deu­tun­gen. Wenn al­ler­dings die Fak­ten nicht von den Deu­tun­gen ex­pres­sis ver­bis un­ter­schie­den wer­den, wird der Re­zi­pi­ent am En­de auch ma­ni­pu­liert. Und er kann nicht mehr un­ter­schei­den, was Mei­nung und was (halb­wegs) ge­si­cher­tes Fak­tum ist.

Jour­na­li­sten sol­len ver­brei­ten »was ist und was man sieht«, so Aust. Dass dies ein Un­ter­schied sein könn­te, kommt ihm nicht in den Sinn. Glück­li­cher­wei­se fällt ihm noch ein, dass der Schrei­ber »mög­lichst durch­sich­tig […] ma­chen« müs­se, »wie man zu die­sen In­for­ma­tio­nen ge­kom­men ist« aber »nicht die Mess­lat­te all­zu hoch set­zen« sol­le. Al­so dann ist et­was viel­leicht »ein biss­chen« fak­tisch? Und was, wenn er nur schrei­ben kann, er ha­be es »ge­se­hen«? Was be­deu­tet ei­gent­lich »was man sieht«? Die Über­tra­gung der Brut­ka­sten­lü­ge und die Be­richt­erstat­tung hier­über war si­cher­lich nach den »Aust-Re­geln« kor­rekt. Den­noch wur­de ei­ne Lü­ge ver­brei­tet, die ei­nen Krieg recht­fer­ti­gen soll­te. Und wenn Jour­na­li­sten zu Orts­ter­mi­nen in Kriegs­ge­bie­ten ein­ge­la­den wer­den, kön­nen sie si­cher sein, dass das, was sie se­hen sol­len, ent­spre­chend ar­ran­giert ist. Aber es be­deu­tet nicht, dass es sich um Fak­ten han­delt. In die­sen Fäl­len kön­nen Jour­na­li­sten nicht an­ders als »be­rich­ten«; je­de In­ter­pre­ta­ti­on wä­re Spe­ku­la­ti­on. Aber der Kon­junk­tiv ist nun mal für bei­de Sei­ten – Jour­na­li­sten und Re­zi­pi­en­ten – auf Dau­er un­be­frie­di­gend. Und dann gibt es ja noch den jour­na­li­sti­schen Her­den­trieb. Es ist kein Zu­fall, dass die Skep­sis an den Me­di­en im­mer dann am größ­ten ist, wenn die Mas­sen­me­di­en ei­nen ho­mo­ge­nen Mei­nungs­strom er­zeu­gen.

Aust ent­kommt dem Di­lem­ma auch nicht da­durch, dass er mehr Selbst­be­wusst­sein für die Bran­che ein­for­dert und po­stu­liert, man sol­le sich von »Lügenpresse«-Vorwürfen nicht ein­schüch­tern las­sen. Mein Ein­druck ist, dass das Selbst­be­wusst­sein im­mer noch sehr sta­bil vor­han­den ist. An­ders sind die per­ma­nen­ten Selbst­de­kla­ra­tio­nen als »Qualitäts­medien« nicht zu er­klä­ren. Und un­längst fei­er­te sich die Bran­che sel­ber und es gab Gol­de­ne Ka­me­ras für Nach­rich­ten­sen­dun­gen.

Der Rest ist das üb­li­che Bashing auf das In­ter­net, so als ge­be es die »Sau-durchs-Dorf-Trei­ber« nur bei den an­de­ren. Im­mer­hin: Am En­de re­kur­riert er dann doch wie­der auf den Fak­ten-Jour­na­lis­mus. Ir­gend­wie hat­te ich das Ge­fühl, dass man schon ein­mal wei­ter war.


  1. Bis 27.9.2017 im Netz ver­füg­bar. 

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  1. Aust hat schon recht, wenn er den Wahr­heits-Be­griff zur Dis­po­si­ti­on stellt, schließ­lich sind al­le epi­ste­mi­schen Ver­wir­run­gen der letz­ten tau­send Jah­re da­mit kon­no­tiert. Auf die­se Dis­kus­si­on will man sich ja schließ­lich nicht ein­las­sen.
    Aber ei­ne Ei­gen­art der Kom­mu­ni­ka­ti­on be­steht dar­in, dass man »der an­de­ren Sei­te« ei­nen gro­ßen Spiel­raum für An­nah­men, Set­zun­gen, Im­pli­zit­hei­ten ein­räu­men muss, und da­her lässt sich der psy­cho­lo­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons-Be­griff so schlecht auf Me­di­en oder »Pres­se­spre­cher« an­wen­den.
    Sprich: Kom­mu­ni­ka­ti­on ist ein Spaß für Jung und Alt, aber we­he es geht um et­was, wie z.Bsp. Geld, An­se­hen, oder Macht. Da sieht es dann gleich ziem­lich dü­ster aus.
    Al­ter­na­ti­ve Fak­ten sind nichts an­de­res als ei­ne Kon­fron­ta­ti­on mit ei­ner an­de­ren Mei­nung, das ist kei­ne völ­lig neue Er­fin­dung. Al­lein die For­mu­lie­rung ist wun­der­bar iro­nisch.
    Der Spa­gat, den der po­li­ti­sche Jour­na­lis­mus lei­stet, ist ein­deu­tig zu groß: man möch­te sprach­lich klar und ver­trau­ens­wür­dig rü­ber­kom­men, wie zu­hau­se am Kü­chen­tisch, aber man »kom­mu­ni­ziert« stän­dig hei­ße Wa­re, eben Geld, An­se­hen und Macht. Bei­des ist un­ver­ein­bar, es bleibt ein Span­nungs­ver­hält­nis üb­rig, und das re­sul­tiert nicht von der Mög­lich­keit der Un­wahr­heit. Das re­sul­tiert von den Kon­se­quen­zen des Irr­tums. Schließ­lich ist Macht auf der Di­cho­to­mie von Ver­trau­en und Miss­trau­en er­rich­tet. Da kann ein Irr­tum ge­wal­ti­ge Fol­gen ha­ben. Am Kü­chen­tisch hat er das in der Re­gel nicht.

  2. Dass der Point of View eben­so so ge­fähr­lich ist, wie ei­ne Falsch­mel­dung, hat­te der Guar­di­an schon 1986 in sei­ner be­rühmt ge­wor­de­nen Wer­bung ge­zeigt. Von TAZ, FAZ, Zeit oder Welt auch nur an­satz­wei­se The who­le pic­tu­re zu er­war­ten, er­scheint mir völ­lig ab­surd. Ei­ner Quel­le traue ich schon lan­ge nicht mehr, erst vie­le Puz­zle­stei­ne er­ge­ben ein Bild. Ge­ra­de bei »ho­mo­ge­nem Mei­nungs­strom« fin­det man manch­mal ab­sei­tig An­stö­ße, um wei­ter zu re­cher­chie­ren. Ich bin mir da auch nicht zu scha­de z.B. RT oder PI zu kon­sul­tie­ren. Selbst so kann man zu dem ein oder an­de­ren Ah-Er­leb­nis kom­men. Das vor­her Ge­sag­te kon­ter­ka­rie­rend, fin­de ich es manch­mal ge­ra­de­zu ir­ri­tie­rend, wenn auf SPON meh­re­re sich wi­der­spre­chen­de Ar­ti­kel gleich­zei­tig on­line ge­hen. Der Wahr­heit na­he zu kom­men, ist har­te Ar­beit.

  3. Ich er­in­ne­re mich an mei­ne Ju­gend­zeit. Ich war fas­zi­niert vom Kurz­wel­len­hö­ren, weil man dort prak­tisch den Sound der Welt emp­fan­gen konn­te (auch wenn die Emp­fangs­qua­li­tät oft lau­sig ge­nug war – was aber den Ef­fekt des Be­son­de­ren noch ver­stärk­te). Ein in­ter­es­san­ter As­pekt war, dass die Aus­lands­dien­ste sehr vie­ler Kurz­wel­len­sta­tio­nen un­ter an­de­rem deutsch­spra­chi­ge Pro­gram­me aus­strahl­te. Das va­ri­ier­te sehr stark – manch­mal war es nur ei­ne hal­be Stun­de am Tag. Oder eben drei, vier Stun­den. Al­les zu fest­ge­setz­ten Zei­ten und Fre­quen­zen. Da­mals, in den 1970ern, war ja Kal­ter Krieg, der auch ein Pro­pa­gan­da­krieg war. Al­so wa­ren al­le ost­eu­ro­päi­schen (vul­go: kom­mu­ni­sti­schen) Län­der da­bei: Po­len, Tsche­cho­slo­wa­kei, Ra­dio Mos­kau, aber auch Hard­core-Sen­der wie Ra­dio Ti­ra­na. Wei­ter im Osten na­tür­lich Ra­dio Pe­king. Schrieb man die­se Sen­der an, be­kam man ne­ben den be­gehr­ten Emp­fangs­be­stä­ti­gun­gen auch je­de Men­ge »In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al« (Pro­pa­gan­da). Ich war dar­an da­mals teil­wei­se sehr in­ter­es­siert, las Ar­ti­kel der »Pe­king-Rund­schau« und be­nutz­te die deutsch­spra­chi­gen Nach­rich­ten von Ra­dio Mos­kau als Ge­gen­ge­wicht zur Kal­ten-Krieg-Pro­pa­gan­da der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Kom­men­ta­to­ren in Deutsch­land, die sich an Brandt ab­ar­bei­te­ten. Nie­mand wä­re auf die Idee ge­kom­men, hier von »Fake-News« zu spre­chen. Pro­pa­gan­da wur­de na­tür­lich auch vom We­sten in Rich­tung Osten ge­trie­ben. Vor al­lem gab es die US-ge­steu­er­ten Sen­der »Ra­dio Li­ber­ty« und »Ra­dio Free Eu­ro­pe«, die nach Ost­eu­ro­pa dis­si­den­te Pro­gram­me sen­de­ten. Da ka­men dann die so­ge­nann­ten Stör­sen­der zum Ein­satz, die nur ein Brum­men auf die Fre­quenz leg­ten; der ei­gent­li­che Sen­der war nicht mehr zu hö­ren.

    Ich muß an die­ses Set­ting im­mer häu­fi­ger den­ken, wenn ich von den Fake-News-Be­ob­ach­tern hö­re, die zu un­ser al­ler Wohl das Fal­sche vom Rich­ti­gen tren­nen wol­len. Ich hal­te die­sen An­spruch für to­ta­li­tär.

    Jour­na­li­sti­sche Ar­beit ist et­was an­de­res als am Kü­chen­tisch Mut­ma­ßun­gen an­zu­stel­len. Viel­leicht ist »Wahr­heit« man­ches Mal ein zu gro­ßes Wort, aber es gibt nun ein­mal Fak­ten. Wenn die­se sich in der je­wei­li­gen La­ge des Jour­na­li­sten nicht ein­wand­frei her­aus­ar­bei­ten las­sen, dann muss dies ent­spre­chend er­klärt wer­den. Tat­säch­lich wird aber häu­fig mit dem Brust­ton der Über­zeu­gung (bzw. des Fak­ten­wis­sens) die In­ter­pre­ta­ti­on als Rea­li­tät »ver­kauft«. Vor al­lem wenn sie ins Welt­bild passt. Das ist in den mei­sten Fäl­len ge­wollt und nicht dem Spa­gat des jour­na­li­sti­schen Ar­bei­tens ge­schul­det. Vie­le Schrei­ber und Kom­men­ta­to­ren hal­ten sich für die gro­ßen Welt­pro­phe­ten und »Checker«. Die Ent­zau­be­rung ist aber nicht mehr auf­zu­hal­ten; die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit sind zu zahl­reich als das man sie als Ein­zel­fäl­le ab­tun könn­te.

    RT kon­sul­tie­re ich nicht (das wä­re wohl wie da­mals Ra­dio Mos­kau); PI leh­ne ich ab, weil es mit Jour­na­lis­mus rein gar nichts zu tun hat (manch­mal kann ich ge­ra­de noch dem ein oder an­de­ren Ar­ti­kel von Ti­chys Web­sei­te et­was ab­ge­win­nen). Ich glau­be al­ler­dings nicht, dass die rei­ne An­samm­lung un­ter­schied­lich­ster In­ter­pre­ta­tio­nen und Mei­nun­gen ein ir­gend­wie kla­res Bild er­gibt. Ich be­ge­be mich da­her suk­zes­si­ve im­mer mehr auf ei­ne stren­ge Nach­rich­ten­di­ät.

  4. In­ter­es­san­ter Ein­blick. En­ver Hoxhas Ra­dio Ti­ra­na galt für uns da­mals als so ei­ne Art Re­al-Co­me­dy. Im­mer für ei­nen La­cher gut, bis es dann fad wur­de.

    Der Nach­rich­ten­wert von RT und vor al­lem PI ist na­tür­lich ge­ring, aber für ei­nen An­stoß doch manch­mal zu ge­brau­chen. Die kor­re­spon­die­ren­de Nach­richt fin­det man bei der Qua­li­täts­pres­se dann auf Sei­te 37 links un­ten. Man kann sa­gen, man hät­te ja be­rich­tet (so wie man­che Ge­gen­dar­stel­lung), aber le­sen tut es kaum ei­ner.

    Ein be­son­de­res Bei­spiel ist ein Blog, den ich hier nicht ver­lin­ken möch­te. Der Be­trei­ber ist ein win­di­ger Schwät­zer aus der Trut­her-Sze­ne, der heu­te von Mos­kau be­zahlt wird. Die üb­li­chen Bei­trä­ge er­kennt man an der schlech­ten Gram­ma­tik und Or­tho­gra­phie. Bei man­chen Posts ist die Spra­che auf deut­lich hö­he­rem Ni­veau. Dann wer­den Nach­rich­ten zeit­nah und de­tail­liert durch­ge­sto­chen, die sich häu­fig als Start­punkt für wei­te­re Re­cher­che loh­nen (z.B. Flug­zeug­ab­sturz bei Smo­lensk, Gad­da­fis Han­dy). Das sind dann wohl kei­ne »Fak­ten« mehr, die man falsch oder rich­tig be­rich­ten kann, wie die Tem­pe­ra­tur in Ham­burg heu­te mor­gen um 10:00.

    Um in dem vo­he­ri­gen Bild zu blei­ben, kann viel­leicht nicht je­der aus ein paar Puz­zle­stei­nen das gan­ze Bild er­ken­nen, was sich aber durch ein paar deu­ten­de Hin­wei­se än­dern lässt. Es sei denn es han­delt sich um Ve­xier­bil­der.

    Mir schwirrt schon seit lan­gem die Idee im Kopf her­um, ob man nicht man­che Fra­gen von ei­ner über­ge­ord­ne­ten In­stanz auf Wahr­heits­ge­halt prü­fen las­sen und zer­ti­fi­zi­ern las­sen kann, so­dass im Wahl­kampf kei­ner mehr hin­ter die­se Fak­ten zu­rück fal­len darf. Prak­tisch wür­de das gan­ze wohl nur in Scho­la­stik en­den. Po­li­ti­sche Fak­ten sind Sche­men in der Nacht.

  5. Po­li­ti­sche Fak­ten sind Sche­men in der Nacht.
    Schö­ner Satz.

    Noch ei­ne Er­in­ne­rung: Ob­wohl mein El­tern­haus streng so­zi­al-li­be­ra war, schau­ten wir da­mals das »ZDF-Ma­ga­zin« mit Ger­hard Lö­wen­thal. Das war zwar furcht­bar, aber ir­gend­wie hat man sich das doch an­ge­tan (und war es auch nur, um wei­ter sei­ner Li­nie treu zu blei­ben). Ir­gend­wann gab es dort ei­nen Be­richt über das Mas­sa­ker von Ka­tyn, das wohl ur­sprüng­lich den Deut­schen zu­ge­schrie­ben wur­de. Lö­wenthals Ma­ga­zin »ent­hüll­te« nun, dass es sich um ein sta­li­ni­sti­sches Ver­bre­chen han­del­te, was vie­le da­mals als Re­vi­sio­nis­mus ab­lehn­ten und an­zwei­fel­ten. Kurz ge­sagt: Weil es Lö­wen­thal ge­sagt hat­te, konn­te es nicht stim­men.

    Aber es stimm­te eben doch. Aus Furcht vor ei­ner In­stru­men­ta­li­sie­rung durch rech­te Krei­se woll­te man das da­mals in der pu­bli­zi­sti­schen Öf­fent­lich­keit nicht wahr ha­ben. Ähn­li­che Ta­bus hat man heu­te m. E. en mas­se. Die Furcht, so­fort in ei­ne be­stimm­te Ecke ge­stellt und/oder Ap­plaus von der »fal­schen Sei­te« zu er­hal­ten, ist re­la­tiv gross. Hier­in se­he ich ei­nen we­sent­li­chen Punkt für die oft­mals uni­for­me Be­richt­erstat­tung – die sich erst nach Jah­ren än­dert (falls über­haupt).

    (Dan­ke fürs Nicht-Ver­lin­ken.)

  6. Vom „St. Pau­li-Nach­rich­ten“- und „Konkret“-Schreiber zum „Welt“-Herausgeber und Her­ren­rei­ter, ei­ne deut­sche 68-er – Kar­rie­re! Kein Ein­zel­fall und selbst­ver­ständ­lich darf man bei Leu­ten wie Schrö­der, Fi­scher, Schi­ly oder eben Aust die Wahr­heits­mess­lat­te nicht zu hoch hän­gen.
    „Wer mit 20 nicht links ist hat kein Herz, wer mit 40 im­mer noch links ist, hat kei­nen Ver­stand!« Ich weiß jetzt nicht, wem die­ser oft zi­tier­te Satz zu­zu­schrei­ben ist, aber so sehr ich mich auch an­stren­ge, es will mir nicht ge­lin­gen, für die­se op­por­tu­ni­sti­schen Kar­rie­ri­sten Ver­ständ­nis zu ent­wickeln. Na­ja, höchst­wahr­schein­lich man­gels Ver­stan­des.
    Wolf­gang Nie­decken, Grün­der der Kölsch-Rock-Band BAP, und mitt­ler­wei­le auch der Grup­pe o.a. Wet­ter­fähn­chen zu­zu­ord­nen, hat mal ei­nen Song über die Heu­che­lei der so­gen­an­ten Eli­ten ge­schrie­ben, des­sen Ti­tel er nun auch auf sich selbst an­wen­den kann: „Ihr sed wid­der­lich!“

  7. Na­ja, der »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen« ist eben auch ein An­kom­men im Bür­ger­li­chen. Und das hat sich auch ge­än­dert; an­ge­passt. Die Fra­ge ist dann im­mer wer sich mehr an­ge­passt hat. Und ob man des­we­gen au­to­ma­tisch »wi­der­lich« ist, müss­te man von Fall zu Fall klä­ren. Fest steht, dass An­pas­sung be­stimm­te Po­si­tio­nen ver­bie­gen kann. Dass ein ehe­ma­li­ger »Spiegel«-Chefredakteur nun Her­aus­ge­ber ei­nes »Springer«-Blattes ist kann man ei­ner­seits als er­fri­schen­de Auf­lö­sung von po­li­ti­schen Schüt­zen­grä­ben be­wer­ten oder eben als Ab­fall ins Op­por­tu­ni­sti­sche. Im Zwei­fel wür­de ich Aust an sei­ne Tex­te be­mes­sen (von de­nen er üb­ri­gens als »Spiegel«-Mann ver­hält­nis­mä­ßig we­nig ver­fasst hat) bzw. an das, was er in »sei­nem« Blatt an­stellt.

    Auf ei­nem an­de­ren Blatt steht, ob es nicht ei­ne Art Ver­falls­da­tum für Jour­na­li­sten, Pu­bli­zi­sten und Kri­ti­ker ge­ben soll­te, nach dem sie tun­lichst nichts mehr ak­tiv im Me­di­en­zir­kus tun soll­ten. Über­all gibt es Pen­si­ons­gren­zen – nur in der Pu­bli­zi­stik (und in der Po­li­tik!) nicht. Nichts ge­gen den ein oder an­de­ren Ein­wurf zu ge­ge­be­ner Zeit, aber dass je­mand mit 70 noch ein­mal im Ta­ges­ge­schäft ei­ner Zei­tung den Ton an­gibt, das muss ei­gent­lich nicht sein.

  8. Ein Kaf­fee­plausch über den Wahr­heits­be­griff, an­ders kann man das nicht be­zeich­nen, so mun­ter wie das bei Aust durch­ein­an­der geht. — Ist das schon Ab­sicht oder noch Un­acht­sam­keit?