Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte, meine Damen und Herren,
ich möchte zu Beginn an eine der schwersten Stunden der Vereinigten Staaten in deren jüngster Geschichte erinnern, an unsere eigene Verletzlichkeit und die Wichtigkeit der internationalen Zusammenarbeit: Als am 25. Mai 1995 die MiG- und Soko-Verbände New York erreichten und die ersten serbischen Bomben fielen, erfüllten unsere Verbündeten ihre Pflicht: Es war der erste Bündnisfall der NATO und wir danken unseren westlichen Partnern noch heute für deren Unterstützung zur Abwehr der serbischen Aggression. Wir haben, als Nation, dadurch zweierlei mit den Augen der unmittelbar Betroffenen zu sehen gelernt: Den Respekt vor der Souveränität anderer Staaten und die Wichtigkeit des Gewaltverbots der Vereinten Nationen.
Ich hatte gerade 10 der 14 Texte gelesen, als mich eine Mitteilung eines Twitter-Followers erreichte: »Ihr konsequentes Schweigen zum Blogbusterpreis stimmt mich nachdenklich.«
Tatsächlich hatte ich die Longlist-Leseproben erst einige Tage zuvor entdeckt. Den Blogbuster-Preis hatte ich fast schon vergessen; die teilnehmenden Blogger verfolge ich nur sehr unregelmässig. Zuweilen konnte man von Auswahlqualen lesen, wobei ich mich frug, warum man so etwas mit Namensnennungen öffentlich macht, aber nach den Statuten war das möglich. Erst die Implementierung eines neuen literarischen Kanon in der »Literarischen Welt« durch den mittlerweile unvermeidbaren Denis Scheck liess mich an den Preis denken, war doch eben jener Scheck als Zugpferd dabei.
Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank
Martin Walser ist vor einigen Tagen 90 geworden und wer wollte, konnte hierüber einiges sehen und hören. Man fuhr mit ihm filmend im Retro-Mercedes mit Wackeldackel (Kennzeichen: FN MW-27) zu Tagestouren rund um den Bodensee. Dabei wurden natürlich alle wichtigen Fragen erörtert. Auf dem Bildungssender ARD-alpha lief ein Portrait, das aus Zusammenschnitten öffentlicher Stellungnahmen und Reden Walsers und seiner Gegner bestand. Die Gegner nennt Walser in seinem neuen Buch »Feinde«; Gegner seien ihm gleichgültig gegenüber gewesen, Feinde hätten versucht, ihn zu verhindern oder elementar zu schaden.
Schon bin ich in die Falle getappt und habe wieder einmal einen »neuen« Walser zur Hand genommen. Ich muss gestehen, dass mir die manieristischen Satzornamente Walsers nie zugesagt haben. Es gab einige vergebliche Versuche (schnelle Lektüreabbrüche). Womöglich hatte ich irgendwann zu sehr den Imitationswillen zum dahinterstehenden Vorbild wahrgenommen; das Vorbild, dass er vermutlich ob der Unerreichbarkeit oft angriff und dessen Figuren einmal sogar als »Sammeltassen-Monstren« charakterisierte. Aber vielleicht tue ich Walser auch unrecht, wenn ich bei diesem Aphorismus primär an seine Romane denke.
Nur einmal konnte ich Walsers Literatur genießen, weil die Girlanden etwas sparsamer geknüpft waren als sonst, vielleicht weil es um seine Mutter und seinen Vater ging, die man nicht durchpsychologisieren konnte oder wollte. Das war der »Springende Brunnen«, der – einigermaßen vorhersehbar – mit lächerlichen Kritikastereien versehen wurde, weil Walser die Erwartungen der Nachgeborenen nicht erfüllen wollte und auf seine eigenen Erinnerungen bestand.
Nachdem die Hörer des Deutschlandfunks am 19.3. schon Stefan Austs Meinung über den Schulz-Hype im Interview erklärt bekamen, folgte zwei Tage später ein Gespräch mit ihm über den Journalismus und den »Wahrheits«-Begriff.1 Aust, Herausgeber und Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt und demzufolge immer noch an zentraler Stelle des deutschen Journalismus, bekennt, dass er ein Problem mit diesem Begriff habe. Dieser ist allerdings nicht philosophisch gemeint, sondern, so Aust, liegt darin begründet, dass man viele Informationen auf unterschiedliche Art interpretieren könne. Es sei immer im Auge des Betrachters, wie man etwas sehe. Demzufolge, so die Schlussfolgerung, kann es keine »Wahrheit« geben bzw. der Wahrheitsbegriff sei dehnbar.
Die Äußerung ist interessant, weil sie das Grunddilemma des Journalismus auf den Punkt bringt. Aust ist mit dieser Sicht nicht alleine. Auch ein Roland Tichy (der mit Aust außer seiner Profession nicht viel gemeinsam haben dürfte) vertritt diese These: Ein Journalist informiert sich über einen Sachverhalt und bewertet diesen. Diesen Extrakt publiziert er dann.
Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken
1977 erwarb der Literaturkritiker, Journalist und Übersetzer Rudolf von Bitter in einer Ausgabe des Verlegers Jean-Jacques Pauvert für 5,40 FF den Text Monographie de la presse parisienne aus dem Jahr 1843 von Honoré de Balzac. Vierzig Jahre später legt er nun erstmalig in deutscher Sprache die Typenlehre der Pariser Presse zusammen mit einem klugen Nachwort und einem umfassenden Personen- und Publikationsverzeichnis vor. Die Schrift bildet den Kern des Manesse-Bändchens mit dem übertrieben reißerischen Titel Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken (keine Sorge: das Wort »Schmierfink« kommt gar nicht vor).
Balzacs Typologie des Journalisten und Kritikers ist ein Konglomerat aus Polemik, Persiflage und Philippika. Obwohl der Text 173 Jahre alt ist, erscheinen die beschriebenen Ordnungs- und Gattungscharakteristika von einer je nach Sichtweise bewundernswerten oder niederschmetternden Frische. Immerhin scheint er damit auch heute noch ins Herz zu treffen: Dina Netz, die Anfang des Jahres für den DLF-»Büchermarkt« Rudolf von Bitter zu dem Buch befragte, kam bei der Lektüre ein »Geschmäckle« auf und sie schlägt einen Haken zu den aktuellen »Lügenpresse«-Vorwürfen. Darauf muss man erst einmal kommen.
Zurück zum Meister. Balzac unterscheidet zwei »Ordnungen«: Den Publizisten (gemeint ist der politische Journalist) und den Kritiker. Den Publizisten gliedert er in acht »Gattungen«: Journalisten, Politiker, Pamphletist, Nihiloge, Publizist mit eigenem Ressort, Monothematiker, Übersetzer und den Autor mit Überzeugungen. Bei der Charakterisierung des Journalisten entwickelt Balzac ein hierarchisches Modell mit fünf Untergruppen, genannt »Arten«. Oben in der Rangfolge steht der »geschäftsführende Chefredakteur-Eigentümer-Direktor« (»Graf Gernegroß«); die Schnittmengen mit dem adäquaten heutigen Typus liegen nahe bei 100%. Daneben gibt es den meist anonym bleibenden »Tenor«, der Aufmacher-Macher, ein »Quarkschläger« mit einer »gewissen Menge von vorgefertigten Sätzen«. Schließlich den ehrlichen »Schreiber von Hintergrundartikeln«, der im Betrieb wenig geschätzt wird. Keine Zeitung kommt ohne das »Faktotum«, dem Chef vom Dienst, aus und ganz unten stehen dann die »Kämmerlinge«, die Protokollanten der Politikerreden, übertragen auf das heutige Metier sind es die Presseerklärungsabschreiber und ‑umformulierer.
Dieses dünne Buch mit dem schmucklosen, früher vielleicht lachsrosafarbenen, jetzt nur noch verjährten Einband hat ein halbes Jahrhundert in den schwach belüfteten Tiefen einer Bibliothek auf dich gewartet, in fremder, verständnisloser Umgebung, Tausende Kilometer von seinem Entstehungsort entfernt. Aus der Gruft befreit, gewinnt es im Handumdrehen seine kindliche Spielfreude zurück: »Fang mich, such mich, ich ...
Sie heißt Rosa Lux (der Vorname ist ein Wortspiel der Mutter), ist 32 Jahre alt und wohnt irgendwo im Osten von Ostberlin in einem kleinen, 50 Quadratmeter großen Haus, dass sie (wie auch immer) von einem ehemaligen SED- und/oder Stasi-Menschen gekauft hat. Ihre Nachbarin ist die 98jährige Witwe Frau Paul, die in einem 1970er-Jahre-DDR-Kuriosum wohnt, dass ihr Mann in den 1970er Jahren aus Trümmern und Baustellenresten zusammengebaut hatte. Frau Paul bekam zwischen 1931 und 1952 fünf Kinder und hat ebenso viele politische Systeme erlebt. »Und immer waren die Namen, die ihr gefielen, politisch unerwünscht.« Mit Charme und Schalk erzählt sie davon, warum ihre Kinder nicht Wilhelm, Iwan und Glenn heißen durften und warum sie aus Joshua Joschi machen musste. Und sie erzählt von den Bombenangriffen, den Wohnblockknackern und Vierpfündern.
Rosa ist beeindruckt von der Gelassenheit und Lebensklugheit dieser Frau. Weniger sympathisch ist ihr Herr Scholl, der andere Nachbar, etwas jünger als Frau Paul, Witwer, ein Steine- und Findlingssammler (mit einem, wie sich später herausstellt, rührendem Geheimnis) und, so Frau Paul, ein damals Nazi-Überzeugter. Ansonsten ist das Viertel verschlafen, ein »Fleckchen Bürgerlichkeit«. Rosa schwankt ob sie das mögen oder hassen soll. Ihr Vater ist seit acht Jahren tot und jetzt starb auch noch ihre Mutter. Von ihrem Freund Olaf hat sie sich getrennt, der daraufhin in den Himalaya geflüchtet ist. Jetzt lebt Rosa alleine, fast isoliert, von einem One-Night-Stand mit einem schrecklichen Immobilienmakler einmal abgesehen.
Als ich noch in Neubau, im siebten Wiener Gemeindebezirk, in einem für diese Gegend untypischen Haus wohnte, erfuhr ich was das Verhüllen von Kopf, Gesicht und Körper, je nach Vollständigkeit und Blickwinkel des Betrachters, bedeuten kann: Ich war damals mit einer jungen, tschetschenischen Nachbarin in Kontakt gekommen, die sich wie einige andere Bewohner des Hauses in dessen Hof bei schönem Wetter zum Spielen, Tratschen und Kaffeetrinken einfanden.