Ka­ka­ni­en ist ab­ge­sackt

Ich blick­te vom Buch auf, um mir ein poe­ti­sches Bild aus den Fleurs du mal vor Au­gen zu füh­ren (sto­isch und oh­ne zu kla­gen ge­hen Müt­ter durch das Cha­os der wim­meln­den Städ­te) als vom Platz her durch das som­mer­abend­li­che Fen­ster ein fer­nes Stim­mensir­ren zu schwel­len be­gann. Vö­gel, dach­te ich zu­erst, Am­seln, ein ver­irr­ter, ver­wirr­ter Schwarm... Dann fiel mir ein, daß es da drau­ßen nur noch Spat­zen gab. Und Krä­hen, die sich im Som­mer ver­zo­gen. Aber jetzt knack­te und knarr­te es schon im Luft­ge­fü­ge. Das Sir­ren kam nä­her und ver­wan­del­te sich in ein mensch­lich-weib­li­ches Krei­schen. Ich stand auf, schob mei­ne Sil­hou­et­te in den Fen­ster­rah­men. Der Lin­den­baum ruh­te wind­still in sei­nem stau­bi­gen Grün. Zwi­schen sei­nen Wur­zeln ni­ste­ten die Au­tos der An­rai­ner. Ei­ne un­glaub­lich dicke Frau wat­schel­te auf den Kin­der­spiel­platz zu, in ei­nem fort Flü­che und Be­schimp­fun­gen aus­sto­ßend, die ziel­si­cher auf ein Mäd­chen am Rand des Sand­ka­stens zu­flo­gen. Die­se dicke Frau, jün­ger, als ich beim er­sten An­blick dach­te, noch nicht drei­ßig, stieß mit dem Bauch ge­gen die nied­ri­ge Um­zäu­nung. Das Git­ter hielt ih­ren mas­si­gen Kör­per zu­rück, wäh­rend ihr Ge­kreisch an­schwoll und an­schwoll. Von dem, was sie schrie, ver­stand ich nichts au­ßer zwei Wör­tern, die sie wie ei­nen Re­frain wie­der­hol­te, wäh­rend ein hel­les Glöck­chen an ih­rer Hand­ta­sche den Rhyth­mus be­ton­te: »...tür­ki­sche Fut, du tür­ki­sche Fut...«

Un­ter­des­sen hat­te das Klein­kind im Sand­ka­sten, ein Bru­der des Mäd­chens, zu heu­len be­gon­nen. Das Mäd­chen selbst, dun­kel­haa­rig und schmal, sein Kör­per zeig­te kaum An­deu­tun­gen weib­li­cher For­men, wich ei­nen Schritt zu­rück. Sehr lang­sam, steif, noch ei­nen Schritt, noch ei­nen Schritt, wäh­rend ihr klei­ner Bru­der um­so lau­ter schrie, je hy­ste­ri­scher die Dicke kreisch­te. Am Zaun rüt­telnd spuck­te die Frau, oh­ne ih­ren Wort­schwall zu un­ter­bre­chen, mehr­mals in die Rich­tung des Mäd­chens und traf sie schließ­lich am Ho­sen­bein ih­rer wei­ßen Jeans. Das Mäd­chen schien den Sinn des Ge­sche­hens eben­so­we­nig zu be­grei­fen wie ich, der hoff­te, die Er­re­gung der Dicken wür­de bald ab­küh­len. Aber sie kühl­te nicht ab, son­dern stei­ger­te sich in dem Au­gen­blick noch ein­mal, als ein Mann mit vor­ne kur­zem, hin­ten lan­gem Haar, wei­ßen Socken und oran­ge-blau­er Pla­stik­ta­sche den Platz be­trat. Er mar­schier­te wort­los auf den Spiel­platz zu, stell­te die pral­le Ta­sche ne­ben der Dicken ab, stieg über den Zaun – zwei Me­ter seit­lich von der Stel­le war ei­ne Tür – und ging im sel­ben Tem­po, in dem er zu­vor den Platz über­quert hat­te, wei­ter, bis er ei­ne Hand­breit vor dem Mäd­chen stand. Der Mann, nicht viel grö­ßer als das Mäd­chen, war drei­mal so breit: ein Eis­schrank, der sich vor ei­nem Be­sen­stiel auf­bau­te. Er re­de­te mit ge­preß­ter Stim­me auf sie ein, ste­chend, er sticht zu, dach­te ich, wäh­rend das Mäd­chen wie­der ei­nen Schritt zu­rück­wich, jetzt mit dem klei­nen Bru­der am Bein, der lei­se und in­stän­dig wein­te. Der Mann schau­kel­te sei­nen Ober­kör­per und tat, als wür­de er ab­dre­hen, be­vor er den Ab­stand zu dem Mäd­chen wie­der ver­rin­ger­te. Er warf dem Mäd­chen Be­lei­di­gun­gen ins Ge­sicht, de­ren ver­let­zen­de Wir­kung ich dar­an ab­le­sen konn­te, daß der Kör­per des Mäd­chens zu zit­tern be­gann. Ich sah ih­ren Kör­per schräg von hin­ten und nahm wahr, wie sie die Schul­tern hob, den Kopf ein­zog, die Fin­ger spreiz­te... Ich sah den Fleck auf ih­rer Ho­se, sie wird ihm ins Ge­sicht spucken, dach­te ich, was soll sie denn ma­chen, spuck end­lich, Mäd­chen, na mach schon, dann hast du’s hin­ter dir. Ich war­te­te be­gie­rig auf die­sen Au­gen­blick, denn es war aus­ge­schlos­sen, daß sie nicht spucken wür­de. Ich wünsch­te mit sol­cher Kraft, daß sie ihm ins Ge­sicht spuck­te, daß mein ei­ge­ner Kör­per hier am Fen­ster­sims in der ver­filz­ten Mau­er­öff­nung zu zit­tern be­gann wie die Schnur ei­nes ge­spann­ten Bo­gens. End­lich spuck­te das Mäd­chen los, und im sel­ben Au­gen­blick, als hät­te er nur dar­auf ge­war­tet, schlug der Mann zu. Er schlug zwei­mal, mit der fla­chen Hand, zwei­mal die rech­te. Das Mäd­chen stürz­te so­fort zu Bo­den. Ihr klei­ner Bru­der hielt im­mer noch ihr Bein um­klam­mert. Ei­nen Se­kun­den­bruch­teil lang hielt ich das, was ich sah, für ei­ne Sin­nes­täu­schung, bis ich be­griff, daß der Mann An­stal­ten mach­te, sich auf das wehr­lo­se Mäd­chen zu stür­zen. Es dräng­te mich, et­was zu tun tun. Aus Mit­leid mit dem Mäd­chen, oder weil der Kampf un­gleich war. Es war kein Kampf, es war ei­ne Ver­nich­tung. Wä­re ich aus der Woh­nung ins Stie­gen­haus, die Trep­pe hin­un­ter, zur Haus­tür hin­aus auf den Platz ge­lau­fen, hät­te der Mann al­lein durch sein Kör­per­ge­wicht das schma­le Mäd­chen ver­nich­tet. Al­so konn­te ich nicht aus der Woh­nung ins Stie­gen­haus und hin­un­ter auf den Platz lau­fen, statt des­sen muß­te ich schrei­en, aus Lei­bes­kräf­ten, und ich schrie, oh­ne zu wis­sen, was da aus mei­nem Mund ka­men. Es war egal, was aus mei­nem Mund kam, es gab nichts zu sa­gen, der Sinn war jetzt egal. Wahr­schein­lich be­schimpf­te ich den Mann, wahr­schein­lich ein biß­chen ge­sit­te­ter, als der Mann und die Frau das Mäd­chen be­schimpf­ten. Auch das war jetzt egal, die Wör­ter wa­ren klei­ne Pfei­le, die den Pro­le­ten von sei­nem Op­fer ab­lenk­ten und ei­ne Art Scham her­vor­rie­fen, die ihm auf die Stirn trat, weil er vie­le Au­gen auf sich ge­rich­tet glaub­te und weil der Kampf un­gleich war. Ja, es gab et­was wie Scham. Wäh­rend ich brüll­te, er­schien an der Spiel­plat­z­um­zäu­nung – die dicke Frau war spur­los ver­schwun­den – ein et­wa zehn­jäh­ri­ger Jun­ge, der den Mann von sei­nem Vor­ha­ben ab­brin­gen woll­te. Der Mann, der über dem Kör­per des im Sand lie­gen­den Mäd­chens knie­te, lö­ste sich lang­sam von sei­nem Op­fer, stieg über den Zaun und gab dem Jun­gen ein paar Stup­ser, mit we­ni­ger Ge­walt, als er ge­gen das tür­ki­sche Mäd­chen an­ge­wandt hat­te. Der Jun­ge hielt sich die Un­ter­ar­me über den Kopf, er war an die­se Be­hand­lungs­wei­se ge­wöhnt. Er re­de­te me­cha­nisch auf sei­nen Va­ter ein, und zu mei­nem Er­stau­nen ge­lang es ihm, den Schlä­ger zu be­schwich­ti­gen.

In­zwi­schen wa­ren meh­re­re An­rai­ner auf dem Platz er­schie­nen. Ich war nicht der ein­zi­ge, der das Ge­sche­hen von sei­nem Fen­ster aus be­ob­ach­tet hat­te. Es gab ei­ne Schar von un­sicht­ba­ren Fen­ster­ste­hern, die nichts von­ein­an­der wuß­ten. Ein auf­ge­brach­ter jun­ger Mann wur­de von ei­nem äl­te­ren – Spra­che tür­kisch, Trai­nings­an­zug und Turn­schu­he – da­von ab­ge­hal­ten, sich auf den Schlä­ger zu stür­zen. Ein an­de­rer Mann, braun­ge­brannt, mit nack­tem Ober­kör­per, schüt­te­rem Haar und knie­lan­gen aus­ge­fran­sten Jeans dis­ku­tier­te schwan­kend – die mei­sten hier wa­ren Al­ko­ho­li­ker – mit der Dicken, die wie­der auf­ge­taucht war. Zu­letzt bog so­gar ein Po­li­zei­wa­gen um die Ecke. Ir­gend­ein An­rai­ner muß­te die Num­mer 144 ge­wählt ha­ben. Un­ter den ro­ten Front­let­tern des Hau­ses, er­baut von der Ge­mein­de Wien in den Jah­ren 1926 und 1927 aus den Mit­teln der Wohn­bau­steu­er, bil­de­te sich rasch ei­ne Men­schen­trau­be. Je­der neu Hin­zu­ge­kom­me­ne zog zwei wei­te­re an. Ich über­leg­te, ob ich hin­un­ter­ge­hen soll­te oder nicht. Schließ­lich war ich der ein­zi­ge Zeu­ge, der al­les von An­fang an be­ob­ach­tet hat­te. Ich konn­te, wenn nö­tig, Aus­kunft ge­ben.

Als ich bei den Grüpp­chen der Her­um­ste­hen­den ein­traf, hat­te sich der Schlä­ger schon aus dem Staub ge­macht. Sein Sohn hat­te ihn wohl durch die la­by­rin­thi­sche Fe­stung in die Woh­nung hin­auf­ge­lotst, wäh­rend der Rest der Fa­mi­lie, die Ehe­gat­tin und die Mut­ter, hier un­ten die Eh­re des Man­nes ver­tei­dig­te. Hin­ter den dicken Mau­ern ver­schan­zen sich die Wie­ner Ar­bei­ter ge­gen den Feind und ge­hen zum An­griff über. »Er hat sie gar nicht ge­schla­gen«, rief die Dicke ent­rü­stet, und die Mut­ter, ei­ne die­ser mü­den miß­mu­ti­gen Frau­en, die das La­by­rinth be­völ­kern, un­ter­stütz­te sie: »Mein Sohn hat noch nie wen ge­schla­gen.«

»Na­tür­lich hat er sie ge­schla­gen«, sag­te ich, »ich ha­be al­les ge­nau ge­se­hen.«
Ich zeig­te auf das tür­ki­sche Mäd­chen, das mit rot ge­schwol­le­nem Ge­sicht zwi­schen den ge­sti­ku­lie­ren­den Grüpp­chen stand und ab­wech­selnd mit dem klei­nen Bru­der an ih­rer Hand auf­schluchz­te. Der Braun­ge­brann­te mit der nack­ten Brust, auf der sich ein paar graue Haa­re krin­gel­ten, pflich­te­te mir bei, auch er ha­be al­les ge­se­hen. Plötz­lich schrie ihn die Dicke an, nann­te ihn Kin­der­schän­der, Per­vers­ling, scher dich um dei­nen ei­ge­nen Dreck! Der Mann blieb ru­hig, er wipp­te vor und zu­rück und lä­chel­te selbst­si­cher wie ei­ner, der gu­tes Gras ge­raucht hat. Ei­ner der bei­den Po­li­zi­sten sag­te: »Na, na.« Der an­de­re hat­te ei­nen No­tiz­block ge­zückt und nahm her­ren­lo­se Aus­sa­gen auf, die wie Zwil­lings­blät­ter aus der Lin­de tru­del­ten. Die Po­li­zi­sten wa­ren jun­ge Män­ner vom Land, mit stei­ri­schem oder bur­gen­län­di­schem Ak­zent. Wahr­schein­lich ver­stan­den sie we­der die Tür­ken noch die Wie­ner und wa­ren über­for­dert, weil das Op­fer-Tä­ter-Sche­ma, das man ih­nen auf der Po­li­zei­schu­le oder im Wach­zim­mer ein­ge­trich­tert hat­te, hier nicht paß­te. Sie hät­ten gern ih­re Lands­leu­te be­schützt und nicht die­se Tür­ken. Aber die Lands­leu­te wa­ren der­ma­ßen dumm, daß nicht ein­mal die ein­fach­sten In­for­ma­tio­nen aus ih­nen her­aus­zu­be­kom­men wa­ren. Nur ein un­sau­be­res Durch­ein­an­der kam aus ih­ren Öff­nun­gen, ein Quark aus Be­schul­di­gun­gen, Be­schimp­fun­gen, Kla­gen. Die Dicke und ih­re Schwie­ger­mut­ter ta­ten, als wä­ren sie fel­sen­fest über­zeugt, daß rein gar nichts ge­sche­hen war und ei­ne ein­zi­ge Per­son Un­recht er­lit­ten hat­te, näm­lich die Dicke.

»Das Mäd­chen hat be­haup­tet, daß ich auf die Fel­ber­stra­ße ge­he«, rief sie ent­rü­stet. Je­der weiß, daß die Fel­ber­stra­ße, hier ganz in der Nä­he, zwi­schen der letz­ten Häu­ser­zei­le und dem West­bahn­gra­ben, der bil­lig­ste Strich von Wien ist. Abends, wenn es reg­net, ste­hen die Frau­en so­gar im Ein­gang vom Ziel­punkt, wo sie tags­über ein­kau­fen, und war­ten auf Frei­er. Sie klam­mern sich an ih­re Hand­ta­sche und sa­gen ihr Sätz­chen auf.
»Dar­um geht es über­haupt nicht«, sag­te der Ein­ge­kiff­te. »Fel­ber­stra­ße hin oder her, man schlägt kei­ne Kin­der.«
»Wer schlägt hier Kin­der?« fiel ihm die Mut­ter des Schlä­gers ins Wort. »Willst du be­haup­ten...?«
Mehr­mals ver­such­te ich, mei­ne Stim­me zur Gel­tung zu brin­gen und den Her­gang der Hand­lung mög­lichst kurz und ge­nau zu be­schrei­ben. Ich hat­te nichts ge­trun­ken, nichts ge­raucht. Aber mit Sach­lich­keit war hier nichts aus­zu­rich­ten. Was ich sag­te, schien kei­nen zu in­ter­es­sie­ren, auch nicht den Po­li­zi­sten, der den No­tiz­block längst hat­te sin­ken las­sen. Ich war kein Per­vers­ling und kein Tür­ken­freund, und weil ich we­der das ei­ne noch das an­de­re war, wur­de ich nicht ernst ge­nom­men. Ein un­auf­ge­reg­ter Mensch wird in die­ser Stadt nicht ernst ge­nom­men. Wie­der ein­mal be­griff ich, daß ich hier nichts ver­lo­ren hat­te.

Üb­ri­gens kann ich mir sehr gut vor­stel­len, daß die Dicke nachts auf die Fel­ber­stra­ße geht. Ich hal­te das für wahr­schein­lich. Was blieb ihr denn an­de­res üb­rig? Ir­gend­wer muß­te die Not­stands­hil­fe des Schlä­gers und die Früh­pen­si­on der Schwie­ger­mut­ter auf­bes­sern. Mir ist es na­tür­lich egal, ob die Dicke auf die Fel­ber­stra­ße geht oder nicht. Und daß das tür­ki­sche Mäd­chen aus­po­saunt hat, was oh­ne­hin die gan­ze Nach­bar­schaft weiß... Schon mög­lich. Die Kin­der auf der Schmelz re­den nun ein­mal so. Ich ha­be schon Schlim­me­res ge­hört. Die mei­sten Er­wach­se­nen ha­ben Schei­ße im Hirn. Die Kin­der spie­len in der Hun­de­schei­ße. Fern­se­hen, Kro­ne, al­les täg­lich. Die ein­hei­mi­sche Klas­se der Nichts­tu­er, Dau­men­dre­her, Bier­trin­ker, Fern­se­her, die den klei­nen Hit­ler an­be­ten: das ist das ro­te Wien. Zäu­ne, Pfäh­le, Zin­nen, Trenn­li­ni­en, Müll­to­nen­pha­lan­xen, Plan­qua­dra­te ord­nen den Dreck. Wie in Pa­ris, denkst du, da ist es auch nicht an­ders. Par­al­lel­ak­tio­nen als Schild der Träg­heit. Ka­ka­ni­en ist voll­ge­kackt, und voll­ge­kackt ist ab­ge­sackt. Oben­drauf ein Krin­gel aus Schlag­obers, Oster­korns flat­tern­de Stim­me: »Bö­se Men­schen ken­nen kei­ne Lie­der.« Da­hin­ge­schmol­zen der Stolz, ins Ge­frier­fach ge­legt: ein ris­si­ger Herz­klum­pen, den die Schwie­ger­mut­ter vor­mit­tags in der Pfan­ne schwenkt. Hä­kel­zun­gen hän­gen über die Kan­te des Rund­tisch­chens: »Na bit­te, da ha­ben wir’s schwarz auf weiß.«

Die Über­flüs­si­gen rot­ten die Über­flüs­si­gen aus.

* * *

Die­se Epi­so­de schrieb ich 1996 oder 97 auf, als ich in Wien wohn­te. Sie wur­de Teil ei­nes Ro­mans, wo­bei ich ziem­lich di­rekt über­nahm, was mir die Wirk­lich­keit da­mals zu­weh­te. Ich ver­öf­fent­li­che sie hier, zwei Jahr­zehn­te spä­ter, an­ge­regt durch De­bat­ten, die in Öster­reich nach der er­sten Run­de der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl 2016 auf­ka­men. Der rechts­po­pu­li­sti­sche Kan­di­dat Nor­bert Ho­fer hat­te ei­ne deut­li­che, wenn­gleich re­la­ti­ve Mehr­heit er­hal­ten. Kurz da­nach schrieb der öster­rei­chi­sche Schrift­stel­ler Tho­mas Gla­vi­nic auf Face­book, man sol­le die Wäh­ler Ho­fers bzw. ih­re Äng­ste und son­sti­gen Be­weg­grün­de ernst neh­men und ver­su­chen, mit ih­nen zu re­den, statt sie ab­zu­kan­zeln. Die­se Äu­ße­rung war an die Adres­se de­rer ge­rich­tet, die von ih­ren rech­ten Fein­den als »Bobos« be­zeich­net wer­den.

Grund­sätz­lich stim­me ich mit Gla­vi­nic über­ein, man soll mit al­len zu re­den ver­su­chen. Ich ha­be mich aber, als ich Gla­vi­nics Po­sting las, so­gleich an je­ne Sze­ne auf dem Neu­sser­platz im 15. Wie­ner Be­zirk er­in­nert, wo der rechts­po­pu­li­sti­sche Kan­di­dat am 24. April 2016 vie­le, aber nicht die mei­sten Stim­men er­hielt. Das ge­schil­der­te Er­eig­nis be­stä­tig­te mir, was ich in mei­nen Wie­ner Jah­ren zu ah­nen be­gon­nen hat­te: Man hat die­sen Leu­ten ins Hirn ge­schis­sen. Ich ge­brau­che hier ei­ne in Wien gän­gi­ge For­mu­lie­rung, die mir nicht ge­fällt – aber vie­les, was ich in die­ser Stadt er­lebt ha­be, hat mir nicht ge­fal­len. Ge­nau die­se Leu­te, Öster­rei­cher, die scham­los lü­gen, kei­nen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen kön­nen, den lie­ben Tag lang da­hintsche­chern, vie­le von ih­nen So­zi­al­schma­rot­zer, die gar nicht fä­hig wä­ren, ir­gend­ei­nen nütz­li­chen Bei­trag zur Ge­sell­schaft zu lei­sten, aber eif­rig auf aus­län­di­sche So­zi­al­schma­rot­zer schimp­fen, ge­nau die­se Leu­te ha­ben, da bin ich si­cher, für den rechts­po­pu­li­sti­schen Kan­di­da­ten ge­stimmt und wer­den in Zu­kunft für ähn­li­che Kan­di­da­ten stim­men.

(»Rechts­po­pu­li­stisch«, die­ses in den Mas­sen­me­di­en gän­gi­ge Wort, ver­wen­de ich un­gern. Ich wei­se dar­auf hin, daß das la­tei­ni­sche po­pu­lus nichts an­de­res be­deu­tet als das grie­chi­sche de­mos, al­so Volk. Hin­ter der schein­bar ober­fläch­li­chen ver­ba­len Par­al­le­le ver­birgt sich das gan­ze Un­be­ha­gen, das die heu­ti­ge de­mo­kra­ti­sche Pra­xis er­regt und er­re­gen muß.)

Auf Gla­vi­nics durch­aus ein we­nig po­pu­li­sti­sches Po­stu­lat be­zo­gen: Re­den, gut und schön, aber das Pro­blem ist doch, daß man mit be­stimm­ten Leu­ten, mit ei­ner gar nicht klei­nen, eher wach­sen­den Grup­pe in der Be­völ­ke­rung nicht re­den kann, weil sie die Vor­aus­set­zun­gen da­für – An­er­ken­nen von Ver­nunft­grün­den, Kau­sa­li­tät, Wahr­heits­an­spruch, Fä­hig­keit des Zwei­felns – nicht ha­ben, viel­leicht auch gar nicht ha­ben wol­len.

Die Na­zis – ja, ich se­he Par­al­le­len zu den Jah­ren um 1930! – be­zeich­ne­ten das Par­la­ment als »Quatsch­bu­de«, und den Satz »Wenn ich Kul­tur hö­re, ent­si­che­re ich mei­ne Pi­sto­le« hat Go­eb­bels, der Kul­tur­mi­ni­ster, viel­leicht nicht wirk­lich ge­sagt, er war in die­sen Krei­sen aber auf al­le Fäl­le po­pu­lär. Es gab und gibt die, die nicht re­den wol­len, son­dern lie­ber zu­schla­gen. Ge­stützt und ge­wählt wer­den sie viel­fach von de­nen, die nicht re­den kön­nen.

© Leo­pold Fe­der­mair

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  1. Es ist un­zwei­fel­haft, dass de­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dun­gen be­stimm­te Vor­be­din­gun­gen bei den Ent­schei­dern vor­aus­set­zen: Wenn wir ver­nunft­ge­lei­te­te, nach­voll­zieh­ba­re Ent­schei­dun­gen tref­fen wol­len, dann müs­sen – Wäh­ler wie Po­li­ti­ker – ne­ben den Vor­aus­set­zun­gen, die die­se Ent­schei­dun­gen mög­lich ma­chen, auch ein ge­wis­ses Min­dest­wis­sen über Staat, Ge­sell­schaft, Wirt­schaft, etc., mit­brin­gen oder sich die­ses im Be­darfs­fall an­eig­nen kön­nen.

    Wer das nicht kann oder will, da blei­ben ei­gent­lich nur zwei Mög­lich­kei­ten, wird ent­we­der aus­ge­schlos­sen oder darf trotz­dem mit­be­stim­men, weil die Zahl de­rer – so kann man an­neh­men – nicht ins Ge­wicht fal­len wird (da­ne­ben kann man noch ins Feld füh­ren, dass al­le die von Ent­schei­dun­gen be­trof­fen sind, auch mit­be­stim­men soll­ten, al­ler­dings könn­te man das auch für ein sechs­jäh­ri­ges Kind ins Feld füh­ren).

    Ent­schei­det man sich für er­ste­res, dann bleibt die Fra­ge, wer was be­stimmt und fest­legt, es bleibt die Fra­ge, ob man da­mit nicht noch mehr Kon­flik­te her­vor­ruft, ge­ra­de mit den Men­schen, die eh schon am Bo­den der Ge­sell­schaft ste­hen und den Rest tra­gen, weil sie Ar­bei­ten er­le­di­gen, die sonst kei­ner tun will, die sich dann mit den Res­sen­ti­ments, die eben­die­se Ar­bei­ten und de­ren An­se­hen mit­her­vor­bringt, ver­men­gen.

    Ich fin­de Gla­vi­nic’ Ein­las­sung durch­aus eh­ren­haft, auch wenn er den häu­fig von Po­li­ti­kern ge­mach­ten Feh­ler be­geht, dass er mit er­wach­se­nen Men­schen über de­ren Äng­ste re­den will. Je­mand der das tut, nimmt sein Ge­gen­über – be­wusst oder un­be­wusst – nicht ernst. Und die­ses je­man­den nicht Ernst­neh­men, und zwar von Grund auf als den­je­ni­gen, der er eben ist, je­nes Ernst­neh­men, das Vor­aus­set­zung für je­den Dis­kurs und je­des Ge­spräch ist, fehlt in be­deu­ten­den Tei­len des links-li­be­ra­len Spek­trums (aber nicht nur dort). Das wie­der­um scheint Gla­vi­nic er­kannt oder zu­min­dest ge­fühlt zu ha­ben (manch­mal zeigt es sich als mo­ra­li­sche Ge­ste, manch­mal ist es bei­na­he ver­bor­gen, aber in den For­mu­lie­run­gen prä­sent, ei­ne fei­ne Über­heb­lich­keit, ein schon im vor­aus Be­scheid­wis­sen, die be­rühm­ten Un­ver­meid­lich­kei­ten, Un­um­stöss­lich­kei­ten, Kor­rekt­hei­ten). Es gibt, dar­auf will ich hin­aus, ei­ne Art der Dis­kurs­be­set­zung, die ge­ra­de je­ne aus­üben, die vor­ge­ben für Of­fen­heit ein­zu­tre­ten, ei­ne wi­der­sprüch­li­che Ver­en­gung der­sel­ben. — Ein sanf­ter, aber be­stän­di­ger Pa­ter­na­lis­mus, der auch den In­sti­tu­tio­nen der Eu­ro­päi­schen Uni­on in­ne­wohnt, die nie von der brei­ten Mas­se ge­tra­gen wur­de.

    Der Zu­spruch zum – ich mag das Wort auch nicht – Rechts­po­pu­lis­mus, geht mit ei­nem grund­le­gen­den Ver­sa­gen der alt­her­ge­kom­me­nen öster­rei­chi­schen Po­li­tik ein­her, ei­ne so­ge­nann­te gro­ße Ko­ali­ti­on, die bun­des­po­li­tisch noch im­mer ir­gend­wie an der Macht ist, die­se nicht aus den Fin­gern lässt, völ­lig un­fä­hig die not­wen­di­gen Re­for­men, für die es viel­fach über­par­tei­li­chen Kon­sens gibt, ein­zu­lö­sen. Es ist, als ob Ge­wohn­heit und Macht­stre­ben, trotz be­teu­er­tem Wil­len zur Än­de­rung, an­geb­li­chen Er­ken­nens – jetzt wird nicht mehr ge­strit­ten, son­dern ge­ar­bei­tet! – die Kraft und die Mög­lich­keit zur not­wen­di­gen Än­de­rung, ei­ner er­neu­er­ten Re­pu­blik, dem Voll­zug des sich An­deu­ten­dem, nicht vor­han­den ist. — Re­ste ei­nes po­li­ti­schen Sy­stems, das sich nicht ein­mal mehr selbst ab­schaf­fen kann.

    In wei­ten Tei­len scheint die Po­li­tik, der Po­li­ti­ker we­gen, auf öster­rei­chi­scher und eu­ro­päi­scher Ebe­ne, hohl ge­wor­den zu sein, oh­ne dass die­se es er­ken­nen oder aber ein­fach non­cha­lant über­ge­hen und so tun als wä­re das an­ders und vor al­lem in Ord­nung, aber der Ver­kauf der ei­ge­nen Haut ge­lingt nicht mehr.

    Selt­sa­mer­wei­se scheint ei­ner der bei­den Kan­di­da­ten die­se Zei­chen nicht zu er­ken­nen, falsch zu deu­ten oder ent­ge­gen­ge­setz­te, fast möch­te man sa­gen wi­der die Ver­nunft ge­rich­te­te Hoff­nun­gen zu he­gen. Ich weiß nicht, wie vie­le es sind, aber ein Teil der Wäh­ler sieht nur noch die Mög­lich­keit die­ses ver­kom­me­ne Sy­stem end­gül­tig zum Ein­sturz zu brin­gen und an des­sen Stel­le et­was Neu­es zu set­zen. Und der an­de­re der bei­den Kan­di­da­ten bringt, so scheint es, ob man ihm das nun zu­traut oder nicht, ob man ihn mag oder nicht, für bei­des die Mit­tel mit.

    Be­vor wir uns zu sehr der Ver­gan­gen­heit zu­wen­den oder nicht em­pi­risch er­ho­be­ne Massen ins Spiel brin­gen, ist ei­ne Ana­ly­se der Ge­gen­wart ge­bo­ten und viel­leicht hät­te sie uns ei­ne ver­nünf­tig Po­li­tik – die doch end­lich wie­der ein­mal ei­ne sein mö­ge! – über­haupt er­spart.

  2. Ich bin als Deut­scher na­tür­lich fein raus. We­der brau­che ich am Sonn­tag ab­stim­men, noch muss ich di­rekt die Kon­se­quen­zen der Wahl aus­ba­den. Mir sind in den so­ge­nann­ten so­zia­len Netz­wer­ken sehr vie­le, merk­wür­di­ge Sa­chen auf­ge­fal­len, ins­be­son­de­re was die Van-der-Bel­len-An­hän­ger an­geht. Um es ein we­nig sa­lopp und pau­schal (und da­mit auch durch­aus un­ge­recht) zu­sam­men­zu­fas­sen: Im Duk­tus pas­sen sie sich dem­je­ni­gen, den sie po­li­tisch zu be­kämp­fen trach­ten, in na­he­zu atem­be­rau­ben­der Ge­schwin­dig­keit an. So wur­de bei­spiels­wei­se ein Po­sting von Gla­vi­nics In­ter­view mit der Aus­sa­ge, er, Gla­vi­nic, schrei­be ja »be­kack­te« Bü­cher kom­men­tiert. Nun mag das stim­men oder nicht (ich ken­ne sei­ne Ro­ma­ne nicht), aber es ist eben die­ser vor­aus­ei­len­de Dif­fa­mie­rungs­ton, der jeg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on un­ter­ein­an­der prak­tisch ver­un­mög­licht. Ich ha­be Aus­schnit­te der un­mo­de­rier­ten Fern­seh­sen­dung zwi­schen den bei­den Kan­di­da­ten ge­se­hen – und war wirk­lich schockiert. Öster­reich scheint nur noch die Wahl zwi­schen Pest und Cho­le­ra zu ha­ben und im Ge­gen­satz zu Deutsch­land, wo der Bun­des­prä­si­dent nur sehr we­nig »Macht« be­sitzt, ist dies ja in Öster­reich durch­aus an­ders. Die VdB-Leu­te wer­ben in­zwi­schen mit dem »klei­ne­ren Übel«.

    me­tep­si­lo­n­e­mas Kom­men­tar möch­te ich in gro­ßen Tei­len zu­stim­men. Es zeigt sich, dass die »Gro­ße Ko­ali­ti­on« die po­li­ti­schen Rän­der – ins­be­son­de­re nach rechts – nährt. Die Ge­schwin­dig­keit wächst durch die schnel­len Ver­brei­tungs­we­ge. In Deutsch­land steht bei Um­fra­gen die Gro­ße Ko­ali­ti­on (Uni­ons-Par­tei­en und SPD) ak­tu­ell zwi­schen 50% und 56% (2013: 67,2%). Das dürf­te ei­ne Mo­ment­auf­nah­me blei­ben; bis Herbst 2017 dürf­ten sich die Zah­len ins­be­son­de­re für die Kon­ser­va­ti­ven noch et­was er­ho­len. Es dürf­te wohl 2017 noch ein­mal »klap­pen«. An­de­re Rech­nun­gen funk­tio­nie­ren nicht, weil nie­mand mit der AfD (ak­tu­ell rd. 13%) und den Lin­ken (ca. 9%) ko­alie­ren möch­te. So­mit wä­ren fast ein Vier­tel der Wäh­ler (AfD und Lin­ke) prak­tisch schon ein­mal aus­ge­schlos­sen.

    Gro­ße Ko­ali­tio­nen ha­ben den Nach­teil, dass sie po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen nicht mehr kom­mu­ni­zie­ren müs­sen, son­dern nur noch de­kre­tie­ren. Selbst ei­ne ge­rin­ge Zahl von »Ab­weich­lern« ist mög­lich (der­zeit hat die Gro­ße Ko­ali­ti­on im Deut­schen Bun­des­tag 80% der Sit­ze). In ei­ni­gen Po­li­tik­fel­dern gibt es über­haupt kei­ne Op­po­si­ti­on mehr. Die Not­wen­dig­keit po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen ar­gu­men­ta­tiv dar­zu­stel­len und im Bun­des­tag und in der Öf­fent­lich­keit hier­für zu wer­ben, ent­fällt. Statt im Par­la­ment zieht man lie­ber die Talk­show­ses­sel vor.

    Viel­leicht er­le­ben wir auch die Gren­zen des­sen, was man De­mo­kra­tie nennt. Bis­her dach­te man, das sich in der Mas­se am En­de im­mer die Ver­nunft durch­setzt. Da­bei ist man von be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen aus­ge­gan­gen, die so nicht mehr exi­stie­ren (an­ge­fan­gen mit der Bil­dung bis zur Be­reit­schaft ver­nunft­ge­steu­er­ter Dis­kur­se). Was, wenn die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht mehr ge­ge­ben sind und ei­ne Art »Lust am Un­ter­gang« als die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve ge­se­hen wird? (Das ist üb­ri­gens wirk­lich ei­ne Par­al­le­le zur Wei­ma­rer Re­pu­blik, an des­sen Be­sei­ti­gung Kom­mu­ni­sten wie Na­zis glei­cher­ma­ßen bei­getra­gen ha­ben, aber am En­de hat­ten die Na­zis leich­tes Spiel, weil die ver­blie­be­nen Par­tei­en im Reichs­tag un­ver­söhn­lich wa­ren und nicht die Ge­fahr se­hen woll­ten.)

  3. Di­ver­ses in Kür­ze, mor­gen even­tu­ell mehr:

    Ich bin ge­ra­de über di Fa­bi­os Text ge­stol­pert, er hat die Pro­ble­ma­tik im eu­ro­päi­schen Kon­text sehr schön her­aus­ge­ar­bei­tet.

    Ich er­spa­re mir ei­nen Kom­men­tar zu der an­ge­spro­che­nen »Dis­kus­si­on«*; man muss die bei­den aber in­so­fern in Schutz neh­men, sie kön­nen mit­ein­an­der auch fair und bei­na­he freund­schaft­lich um­ge­hen (je­den­falls in Ge­gen­wart ei­nes Mo­de­ra­tors).

    Frap­pie­rend fin­de ich z.B. van der Bel­lens Stand­punkt die FPÖ als stim­men­stärk­ste Par­tei nicht mit ei­ner Re­gie­rungs­bil­dung zu be­auf­tra­gen (als Be­grün­dung wird in­halt­lich ih­re Eu­ro­pa­po­li­tik an­ge­führt); das steht dem Bun­des­prä­si­den­ten na­tür­lich zu, auch wenn es von der Tra­di­ti­on ab­weicht, al­ler­dings soll­te ei­nem schon klar sein, dass man mit die­ser An­sa­ge – als Kan­di­dat für eben­die­ses Amt – na­tür­lich auch ei­nen Keil in die Be­völ­ke­rung treibt.

    Zum öster­rei­chi­schen Re­form­be­darf und war­um ein star­ker, aber be­dach­ter Bun­des­prä­si­dent – im Ge­gen­satz zu Tra­di­ti­on – nicht ab­we­gig wä­re, dort.

    *das Vor­bild fin­det man dort; es gab aber schon vor ei­ni­ger Zeit ei­nen Re­ak­ti­vie­rungs­ver­such der bes­ser ge­lang.

  4. Gla­vi­nics Äu­ße­rung in FB fin­de ich auch eh­ren­haft, zu­dem wich­tig in der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on. »Wenn wir po­li­tisch An­ders­den­ken­de de fac­to schon als Un­ter­men­schen dar­stel­len – was sind wir dann?« Ich weiß nicht, was Gla­vi­nic mit dem Zu­satz in­si­nu­iert, aber die To­le­ranz und nicht nur To­le­ranz, son­dern das Be­den­ken des an­de­ren Den­kens, soll­te in ei­ner De­mo­kra­tie ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein. Die knap­pe For­mu­lie­rung Ro­sa Lu­xem­burgs fin­de ich im­mer noch am tref­fend­sten: »Frei­heit ist im­mer Frei­heit des an­ders Den­ken­den.«
    Trotz­dem möch­te ich hier ei­nen an­de­ren Link hin­zu­fü­gen. Vor et­wa drei Jah­ren führ­te Gla­vi­nic ein öf­fent­li­ches Ge­spräch mit FPÖ-Chef Stra­che. Da be­haup­tet Stra­che, Gla­vi­nic ha­be ge­sagt, »wer die FPÖ wählt, hat nicht ge­nug im Kopf. Das heißt, Sie ha­ben al­len frei­heit­li­chen Wäh­lern den In­tel­lekt ab­ge­spro­chen.« Gla­vi­nic de­men­tiert nicht, son­dern be­stä­tigt: »Das ist ja auch rich­tig. Wo­bei ich manch­mal et­was über­spit­ze.« (http://derstandard.at/1376533739287/Hoeren-Sie-das-ist-ein-Bloedsinn)
    Da drängt sich nun die Fra­ge auf, ob Gla­vi­nic in der Zwi­schen­zeit ge­lernt hat und sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit ver­bes­sern will, was na­tür­lich eh­ren­haft wä­re. In di­ver­sen Fo­ren gab es auch Stim­men, der Schrift­stel­ler be­rei­te sich auf den mög­li­cher­wei­se be­vor­ste­hen­den Macht­wech­sel vor. Ir­gend­wie spü­re ich bei die­sen Auf­ru­fen zu To­le­ranz und Ver­ständ­nis­be­reit­schaft ei­ne Art »mau­vai­se foi« – al­so daß sie nicht ganz auf­rich­tig sind. Ha­ben die To­le­ran­ten denn schon ein­mal ver­sucht, mit den Zu­kurz­ge­kom­me­nen, den An­ge­fres­se­nen, den Tsche­cher­an­ten ins Ge­spräch zu kom­men? Ist da­bei ir­gend et­was her­aus­ge­kom­men? Was soll denn das »Neue« sein, für das die­se »Em­pör­ten« op­tie­ren? Nach mei­nen Er­fah­run­gen, und zwar seit Be­ginn der Hai­der-Ära in den spä­ten acht­zi­ger Jah­ren, wol­len sie nur ei­nes: ei­nen »star­ken Mann«, al­so ein au­to­ri­tä­res Re­gime, wie im­mer es dann de­fi­niert wä­re (zu De­fi­ni­tio­nen wa­ren und sind sie gar nicht im­stan­de). Es sind üb­ri­gens, wie­der nach mei­ner Er­fah­rung, nicht die von Me­tep­si­lo­me­na an­ge­spro­che­nen Ar­bei­ter, es ist das Lum­pen­pro­le­ta­ri­at der Wohl­stands­ge­sell­schaft, das mit Al­ko­hol und Junk­food, mit Han­dy und TV da­hin­ve­ge­tiert. Wie ist mit de­nen »ver­nünf­tig« zu re­den? Das sol­len die To­le­ran­ten erst ein­mal vor­ma­chen.
    Den gei­sti­gen Zu­stand die­ser (wei­ten!) Be­völ­ke­rungs­tei­le will ich gar nicht em­pi­risch er­he­ben, kann aber dar­auf ver­wei­sen, daß man ihn sehr leicht in den di­ver­sen Fo­ren stu­die­ren kann. Wir wis­sen heu­te viel, viel mehr über die Men­ta­li­tät der Be­völ­ke­rung als vor zwan­zig Jah­ren. Wenn wir wis­sen wol­len.
    Das al­les läuft auf die Fra­ge und die Sor­ge hin­aus, was da jah­re­lang schief­ge­lau­fen ist, und was ge­ge­be­nen­falls zu tun wä­re (au­ßer mit den Zu­kurz­ge­kom­me­nen »re­den«). Die So­zi­al­de­mo­kra­tie hat viel ver­spielt, aber mei­nes Er­ach­tens vor al­lem das, wo­für sie in Öster­reich stand wie kein an­de­rer Ver­ein: Volks­bil­dung. Zum Ru­in bei­getra­gen ha­ben nicht nur Po­li­ti­ker, der gan­ze Kon­text hat ihn be­gün­stigt: Mo­ne­ta­ri­sie­rung des Den­kens, »Geiz-ist-Geil«-Mentalität, von den Pu­blic Re­la­ti­ons vor­ge­prägt, Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie als Selbst­be­die­nungs­la­den, wo ich für »mein Geld« (»mei­ne Steu­ern«, die vie­le der hier Ge­mein­ten eh kaum zah­len) be­kom­me, was ICH will, Spaß­kul­tur, Eu­ro­vi­si­ons­song­con­test, die Kom­men­ta­re des grü­nen Kul­tur­po­li­ti­kers da­zu, In­fo­tain­ment, Fuß­ball, Live-Ticker...

  5. To­le­ranz ist ja et­was an­de­res als Ak­zep­tanz. Bei Goe­the steht: »To­le­ranz soll­te ei­gent­lich nur ei­ne vor­über­ge­hen­de Ge­sin­nung sein: sie muß zur An­er­ken­nung füh­ren. Dul­den heißt be­lei­di­gen.« In Be­zug auf die In­te­gra­ti­on von Min­der­hei­ten je­der Art wird das sehr ger­ne zi­tiert und auch als Ma­xi­me her­aus­ge­ge­ben. Bei An­ders­den­ken­den, die un­ter Um­stän­den auch ein – freund­lich aus­ge­drückt – rech­tes Welt­bild ha­ben, fällt uns das schon schwer bzw. ist es un­mög­lich.

    Ich ha­be auch kei­ne Idee, wie man »to­le­rant« auf FPÖ-Po­stings re­agiert. Und ob Gla­vi­nic hier et­was vor­be­rei­tet um als zu­künf­ti­ger Staats­schrift­stel­ler zu agie­ren, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass, wenn ich an­ders­wo die Fern­seh­dis­kus­si­on zwi­schen Van der Bel­len und Ho­fer als schreck­lich gei­ße­le und be­kun­de, ich wür­de kei­nen wäh­len wol­len und dann als »Voll­idi­ot« be­schimpft wer­de, sich die­ser Ton­fall kaum von de­nen der FPÖ-Sym­pa­thi­san­ten in an­de­rem Zu­sam­men­hang un­ter­schei­den dürf­te. Statt ar­gu­men­ta­ti­ver Aus­ein­an­der­set­zung er­gießt man sich in Be­schimp­fung. Wenn Gla­vi­nic den mo­ra­li­schen Über­le­gen­heits­ge­stus der Lin­ken an­greift, dann trifft er sie an ih­rer emp­find­lich­sten Stel­le. Die in­tel­lek­tu­el­le Ar­mut ist kein »Pri­vi­leg« der Rech­ten. Der Ge­dan­ke, dass die ei­ne Welt­sicht die ab­so­lut rich­ti­ge ist, das, was ich als to­ta­li­tär be­zeich­nen wür­de, ist längst Kenn­zei­chen na­he­zu al­ler po­li­ti­schen La­ger ge­wor­den.

    Ein kur­zer Ex­kurs: In mei­ner Nach­bar­schaft lebt ein ar­beits­lo­ser Ju­gend­li­cher, der ei­ne Zeit lang re­gel­mä­ssig stun­den­lang »Mu­sik« hört (ei­ne Art von Tech­no-Pop, die grau­sig ist, da­her die An­füh­rungs­zei­chen) und dies in ei­ner Laut­stär­ke, dass ich in mei­nem Zim­mer und auch an­de­ren Räu­men im Haus dem nicht aus­wei­chen kann. Da er die Fen­ster öff­net, schallt die­ser Lärm auch in den Gar­ten. Zu­wei­len war dies wirk­lich un­er­träg­lich. Wie kann man die­se Sa­che an­ge­hen? (1) Man sagt dem Bur­schen ex­akt, was man von ihm hält, be­zeich­net ihn als Dumm­kopf, viel­leicht als fau­len Sack. (2) Man geht auf ihn zu, sagt ihm, dass es ei­nen stört und wenn es sein muß, 3 x die Wo­che. – Wel­che Ver­si­on ver­spricht wohl den grö­ße­ren Er­folg?

    Ich glau­be nicht, dass der Bo­den­satz der FPÖ in Öster­reich auf Dau­er sehr hoch (> 10%) ist. Gro­ße Ko­ali­tio­nen er­zeu­gen aber ein Ge­fühl ei­ner Aus­weg­lo­sig­keit; die an­de­re po­li­ti­sche Stim­me kommt sich un­ter­drückt vor. Sie wird auch recht schnell mit dem ent­spre­chen­den At­tri­bu­ten ab­ge­watscht. Die an­ste­hen­de Wahl bie­tet nun plötz­lich ei­ne »Mög­lich­keit«. Da­mit ist der Ho­fer-En­thu­si­as­mus bei den Leu­ten wo­mög­lich auch zu er­klä­ren. Der Kan­di­dat ge­riert sich als An­ti-Estab­lish­ment; ein Trick, den auch der Front Na­tio­nal in Frank­reich seit Jah­ren mit Er­folg prak­ti­ziert. Die Po­li­tik des »Estab­lish­ments« be­schränkt sich dann in Durch­hal­te­pa­ro­len und Dys­to­pi­en. Bei­des ver­fängt aber nicht; eher im Ge­gen­teil. Merk­wür­di­ger­wei­se scheint nie­mand mehr dar­an zu er­in­nern, wie die FPÖ das Bun­des­land Kärn­ten her­ab­ge­wirt­schaf­tet hat. War­um wird hier die »Kom­pe­tenz« die­ses An­ti-Estab­lish­ments nicht the­ma­ti­siert?

    Ha­ben die To­le­ran­ten denn schon ein­mal ver­sucht, mit den Zu­kurz­ge­kom­me­nen, den An­ge­fres­se­nen, den Tsche­cher­an­ten ins Ge­spräch zu kom­men?
    Das ist die Kern­fra­ge des Pro­blems. Es gibt im­mer we­ni­ger so et­was wie ein Ge­mein­schafts­ge­fühl, das jen­seits ei­nes ag­gres­si­ven Na­tio­na­lis­mus da­her­kommt. Die Mi­lieus le­ben ab­ge­schot­tet ne­ben­ein­an­der, nicht mit­ein­an­der. Das ist ein Ver­säum­nis al­ler ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten, vor al­lem aber der Po­li­tik, die die­ser Ver­kap­se­lung nicht ent­schie­den ge­nug be­geg­net ist. (Das muss üb­ri­gens nicht im­mer et­was mit Geld zu tun ha­ben.) Da­bei geht es tat­säch­lich nicht um Pa­ter­na­lis­mus, d. h. die Sprü­che, man müs­se »mit den Men­schen« re­den, wer­den (üb­ri­gens zu Recht) als hoh­le Rhe­to­rik wahr­ge­nom­men. Es geht um Ak­ti­on, nicht um Re­ak­ti­on.

  6. @Leopold Fe­der­mair
    Stimmt, ich er­in­ne­re mich an die­ses Som­mer­ge­spräch. Es wä­re in­ter­es­sant zu wis­sen, was Gla­vi­nic zu sei­ner Mei­nungs­än­de­rung be­wo­gen hat, aber dar­über spe­ku­lie­ren möch­te ich nicht.

    Weil wir über Ver­nunft­grün­de spra­chen: Wenn das von Ih­nen so­ge­nann­te Lum­pen­pro­le­ta­ri­at po­li­tisch ein wich­ti­ger Fak­tor sein soll, dann müs­sen wir ihn auch em­pi­risch be­nen­nen, al­so quan­ti­fi­zie­ren kön­nen, sonst hat ei­ne Dis­kus­si­on dar­über we­nig Sinn (es macht ei­nen Un­ter­schied ob wir da von 5, 10, 15 oder 20% der Wäh­ler spre­chen [die Zah­len sind als Bei­spiel zu ver­ste­hen]). — Wenn ich mir zwei Din­ge ins Ge­dächt­nis ru­fe, dass Hai­der ver­gli­chen mit Stra­che ge­ra­de­zu in­tel­lek­tu­ell war und dar­über hin­aus zwei­fel­los ei­ne weit über­durch­schnitt­li­che po­li­ti­sche Be­ga­bung be­saß, dass die FPÖ im Ver­gleich zu ih­rem Vor­gän­ger VdU deut­lich er­folg­rei­cher ist (ein Er­folg der an­hält, ja wei­ter zu­nimmt), dann hat das doch bei­na­he zwin­gend mit der Po­li­tik der an­de­ren Par­tei­en und mit der po­li­tisch-wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung zu tun (der na­tio­na­le Kern der FPÖ ist klein, ein paar Pro­zent, den über­wie­gen­den Rest muss­te sie sich »er­wer­ben«). Die FPÖ braucht ei­gent­lich gar nichts tun, bloß war­ten. Die Ar­bei­ter (und Per­so­nen in ver­wand­ten Be­ru­fen) lau­fen in Wien oder in der Stei­er­mark in Scha­ren zu ihr, dar­un­ter und mit ih­nen m.E. vie­le, die auch an­ders wäh­len wür­den. War­um, liegt auf der Hand: Al­le ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen der wirt­schaft­li­chen Kon­kur­renz, der Zu­wan­de­rung, der Kür­zung von Zu­wen­dun­gen, usw., spü­ren die Men­schen »un­ten« zu­al­ler­erst; klar, vie­le wäh­len blau, wenn lie­ber bil­li­ge Ar­beits­kräf­te aus dem Osten ein­ge­stellt wer­den oder in den Ge­mein­de­bau­ten im­mer we­ni­ger Deutsch zu hö­ren ist. Die Men­schen füh­len sich nicht mehr zu Haus und op­po­nie­ren da­ge­gen; da­zu kommt, dass die klas­si­schen In­sti­tu­tio­nen wie die Ge­werk­schaf­ten die Ent­wick­lun­gen kaum auf­hal­ten kön­nen oder kor­rum­piert sind. Und Hand aufs Herz: So­lan­ge das Kreuz an der rich­ti­gen Stel­le ge­macht wur­de, hat der Rest (Frem­den­feind­lich­keit, u.ä.) nie­man­den in­ter­es­siert. Viel­leicht ist die So­zi­al­de­mo­kra­tie in ei­ner Sack­gas­se an­ge­langt, ge­ra­de weil sie er­folg­reich war. Und ihr Bil­dungs­pro­jekt war auch im­mer ein Frei­heits­pro­jekt, ein Pro­jekt zur Selbst­stän­dig­keit, ich ha­be mei­ne Zwei­fel, dass man da­bei ge­blie­ben ist, mir scheint, dass man Ab­hän­gig­kei­ten eher ver­stärkt hat, die Fä­den in der Hand hal­ten woll­te und will (der Wie­ner Bür­ger­mei­ster ist da­für ein gu­tes Bei­spiel). Zur Bil­dung ist noch zu sa­gen: Oh­ne Ei­gen­in­itia­ti­ve, oh­ne grund­sätz­li­ches Wol­len, ist sie nicht zu ha­ben; und: Ich glau­be nicht, dass Bil­dung au­to­ma­tisch zu Kon­sens führt. Ich ge­be Ih­nen in­so­fern recht: Den star­ken Mann als po­li­ti­sche »End­for­de­rung«, kann man als Lo­gik ei­ner Rund­um­ver­sor­gung und Kon­sum­ver­wahr­lo­sung le­sen. Nur: Das al­lei­ne ge­nügt nicht als Er­klä­rung.

    Ich kann für mei­nen Teil fest­hal­ten, dass ich die Le­bens­welt so­ge­nann­ter »ein­fa­cher Men­schen« (nicht das »Lum­pen­pro­le­ta­ri­at«, das Sie mei­nen) durch­aus ken­ne und auch im­mer wie­der mit ih­nen ins Ge­spräch kom­me. Das klappt gut, auch wenn es an­ders ist, als wir das hier tun. Ich hal­te, s.o., ei­ne grund­le­gen­de, be­din­gungs­lo­se Ak­zep­tanz des Ge­gen­übers für die wich­tig­ste Vor­aus­set­zung. Noch ei­ne an­de­re Er­fah­rung: Es gibt ge­nü­gend ge­bil­de­te Men­schen (»Aka­de­mi­ker«), die po­li­tisch des­in­ter­es­siert sind oder blo­ße Bauch­ent­schei­dun­gen tref­fen, al­so we­nig ge­zielt nach­den­ken.

  7. Zur gro­ßen Ko­ali­ti­on noch: In den letz­ten Re­gie­rungs­pe­ri­oden hät­te die Mög­lich­keit be­stan­den, Re­for­men ein­zu­lei­ten, man hät­te sich z.B. nur der Vor­schlä­ge des Rech­nungs­hofs be­die­nen müs­sen. Na­tür­lich, das hät­te z.T. zu­min­dest ge­gen ei­ge­ne Macht­in­ter­es­sen er­fol­gen müs­sen. Der Zorn ent­lädt sich vor al­lem rechts der Mit­te, auch weil ei­ne ähn­li­che Par­tei an der lin­ken Sei­te fehlt. — Was ich in­ter­es­sant fin­de, ist, dass in Deutsch­land jetzt ei­ne, ich wür­de sa­gen – ver­gli­chen mit der FPÖ – noch wei­ter rechts lie­gen­de Op­po­si­ti­on eta­bliert (zu­sätz­lich zu NPD). Sind die Ur­sa­chen ähn­lich?

    Zum Estab­lish­ment: Ho­fer in­sze­niert sich ge­nau in die­se Rich­tung; sei­ne Geg­ner (Zwi­schen­ru­fe aus Eu­ro­pa) ma­chen es ihm leicht: Van der Bel­len ist nach­ge­ra­de stolz auf sein Per­so­nen­ko­mi­tee, das mehr­heit­lich die obe­re ge­sell­schaft­li­che Schicht re­prä­sen­tiert und scheint sich tat­säch­lich zu ei­nem Teil da­durch be­stä­tigt zu füh­len, der Duk­tus (da­hin­ter) ist fürch­ter­lich; Ho­fer kon­tert po­le­misch: »Die Hau­te vo­lee...«. Was pas­siert da­nach? Ei­ni­ge bür­ger­li­che (vor­al­lem: Ex)politiker star­te­ten vor ein paar Ta­gen ei­nen Auf­ruf*, als schrie­be man für Ho­fer das Dreh­buch und heu­te legt Frau Griss nach, qua­si »Ich wäh­le ihn, aber das ist kei­ne Un­ter­stüt­zungs­er­klä­rung« (wo­zu tritt man dann ge­mein­sam öf­fent­lich auf?). Das Bild: Ei­ner ge­gen al­le, al­le ge­gen ei­nen. Das Estab­lish­ment ge­gen das Volk.

    Das The­ma Miss­wirt­schaft in Kärn­ten wur­de schon auf­ge­grif­fen, nur: Für die Haf­tun­gen der Hy­po hat der gan­ze Land­tag ge­stimmt; die Ver­schlep­pung hat die gro­ße Ko­ali­ti­on ver­schul­det; dann war da noch das In­ter­mez­zo der Oran­ge­nen un­ter Hai­der (na­tür­lich ist da ein blau­es Ver­schul­den, aber Stra­che oder Ho­fer kann man das kaum an­la­sten, au­ßer­dem ist das Re­gie­rungs­the­ma­tik, so­zu­sa­gen The­men­ver­feh­lung).

    Im­mer we­ni­ger Ge­mein­schaft, ja.

    *Die­ser Auf­ruf il­lu­striert sehr gut die wei­ter oben ge­nann­te Hal­tung, des-be­scheid-wis­sens; er il­lu­striert ei­ne her­ab­las­sen­de Hal­tung, er ar­gu­men­tiert nicht, er zeigt ei­ne Di­stanz und ei­ne Selbst­ver­ges­sen­heit, ei­nen Man­gel an Re­fle­xi­on was man tat­säch­lich ver­mit­telt und wor­um es geht; wenn ei­ner sag­te, das sei der Ab­ge­sang ei­ner po­li­ti­schen Klas­se, ich wüß­te ihm nichts zu ent­ge­ge­nen.

  8. @metepsilonema
    Zur La­ge in D: Die AfD hat vor knapp ei­nem Jahr ei­ne Wand­lung ge­macht. Zu­nächst galt sie als »Pro­fes­so­ren­par­tei«, ge­grün­det von Bernd Lucke, ei­nem Pro­fes­sor für Ma­kro­öko­no­mie. Haupt­the­ma war die so­ge­nann­te Eu­ro-Ret­tungs­po­li­tik der EU in Be­zug auf Grie­chen­land. Lucke plä­dier­te nicht nur ge­gen die­se Po­li­tik, son­dern be­zog Front ge­gen die Ein­füh­rung des Eu­ro an sich. An­de­re Po­li­tik­fel­der wur­den kaum be­rührt. Ihm schlos­sen sich zu­nächst durch­aus eh­ren­wer­te, in der Re­gel kon­ser­va­ti­ve Per­sön­lich­kei­ten und ei­ni­ge Li­be­ra­le an. Die Par­tei er­reich­te aus dem Stand bei den Bun­des­tags­wah­len 2013 4,7% und wä­re fast in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen (das wä­re ein No­vum ge­we­sen). Wer da­mals die Le­ser­brief­spal­ten bspw. bei der FAZ las, muss­te den Stim­men­an­teil noch hö­her schät­zen – brei­te Tei­le der Mit­tel­schicht teil­ten die An­ti-Eu­ro-Po­si­ti­on, die in der Grie­chen­land- und spä­ter Zy­pern­kri­se ih­ren Aus­druck fand. Kurz da­nach wur­de die Par­tei suk­zes­si­ve von rech­ten und rechts­na­tio­na­li­sti­schen Fi­gu­ren un­ter­wan­dert und schließ­lich »ge­ka­pert«. Die jet­zi­ge Vor­sit­zen­de Pe­try setz­te sich am En­de ge­gen den Lucke-Flü­gel durch. Lucke und et­li­che an­de­re Eu­ro­kri­ti­ker ver­lie­ßen dar­auf­hin die Par­tei und grün­de­ten mit »Al­fa« ei­ne neue.

    Ob­wohl es auch ei­ni­ge wert­kon­ser­va­ti­ve Fi­gu­ren in der AfD gibt (Gau­land bspw), hal­te ich die Par­tei für min­de­stens rechts­na­tio­na­li­stisch. Ihr Er­folg speist sich vor al­lem aus der Flücht­lings­po­li­tik von Mer­kel im Herbst 2015, die von al­len Par­tei­en im Bun­des­tag (auch der Op­po­si­ti­on) mit­ge­tra­gen wur­de. Hier war es leicht mit Pa­ro­len in der Be­völ­ke­rung Ge­hör zu fin­den. Vie­le Bür­ger – die nicht al­le Ras­si­sten oder Rech­te sind – sa­hen ih­re In­ter­es­sen so­wohl im Par­la­ment als auch in den Me­di­en nicht aus­rei­chend dar­ge­stellt und dis­ku­tiert. Pe­try et. al. nah­men dies auf und gos­sen noch Ben­zin ins Feu­er.

    Mei­ne Be­ob­ach­tun­gen ge­hen da­hin, dass man in Po­li­tik und Me­di­en die AfD lie­ber dä­mo­ni­siert als ar­gu­men­ta­tiv an­greift. Dies glau­be ich aus dem Au­gen­win­kel auch in Öster­reich mit der FPÖ aus­ge­macht zu ha­ben. Das Er­geb­nis ist, dass die Um­fra­ge­wer­te der­zeit im zwei­stel­li­gen Be­reich lie­gen. Mit­tel­fri­stig glau­be ich al­ler­dings, dass es kaum mehr wer­den wird. Zum ei­nen ist das Per­so­nal der AfD sehr he­te­ro­gen (um es freund­lich zu sa­gen). Und zum an­de­ren ist es et­was an­de­res bei ei­ner Land­tags­wahl Pro­test zu wäh­len als bei der Bun­des­tags­wahl im Herbst 2017. Noch gilt die Gro­ße Ko­ali­ti­on in D nicht als Dro­hung.

    Die NPD ist in D nie als »Op­po­si­ti­on« ak­zep­tiert wor­den. Sie ist min­de­stens fa­schi­sto­id, wenn nicht mehr; von nicht we­ni­gen Ex­per­ten wird sie als ver­fas­sungs­feind­lich ein­ge­stuft. Der­zeit läuft ein Ver­bots­ver­fah­ren für die NPD beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt.

  9. @Metepsilomena

    In po­li­ti­schen Din­gen füh­le ich mich nicht son­der­lich kom­pe­tent, da füh­re ich mir lie­ber Ih­re Äu­ße­run­gen und die von Keu­sch­nig zu Ge­mü­te, ich ler­ne ei­ni­ges dar­aus. In mei­ner Er­zäh­lung und auch im Kom­men­tar da­zu spielt die Fra­ge nach dem Ver­schul­den der sog. Alt­par­tei­en an der jet­zi­gen Si­tua­ti­on kei­ne Rol­le (ist aber ein we­sent­li­cher Fak­tor, klar).
    Ich möch­te noch fol­gen­des aus mei­ner Bio­gra­phie bei­steu­ern. Mein Va­ter war jah­re­lang FPÖ-Man­da­tar in ei­ner klei­nen Land­ge­mein­de. Ein klu­ger, ge­sprächs­be­rei­ter, fried­lie­ben­der Mann, der sich nach ei­ge­ner Dar­stel­lung in der Na­zi­zeit um den Mi­li­tär­dienst ge­drückt hat­te (sei­ne kör­per­li­che Be­hin­de­rung war aber mög­li­cher­wei­se oh­ne­hin Grund ge­nug). Ich glau­be, es war 1987, als ich ihn auf ei­nem Gang übers Land be­glei­te­te. Wir kehr­ten in ei­nem gast­freund­li­chen Bau­ern­haus ein, dort fand sich bei selbst­ge­mach­tem Speck und Most ei­ne klei­ne Run­de zu­sam­men. Ein Ei­sen­bahn­ar­bei­ter, im Dorf seit lan­gem als So­zi­al­de­mo­krat be­kannt, aber kein Po­li­ti­ker, viel­leicht nur Sym­pa­thi­sant, zwin­ker­te mei­nem Va­ter an ei­nem be­stimm­ten Punkt der Dis­kus­si­on über die da­ma­li­ge po­li­ti­sche La­ge zu und sag­te mit zu­frie­de­nem Ton­fall: »Jetzt ha­ben wir wie­der ei­nen klei­nen Hit­ler.« Ge­meint war Jörg Hai­der. Die Gleich­set­zung mit Hit­ler ha­ben spä­ter Hai­ders Geg­ner ge­braucht (Dä­mo­ni­sie­rung, wie Keu­sch­nig zu­tref­fend schreibt). Ich ha­be das im­mer für falsch ge­hal­ten, auch das ra­sche Zie­hen hi­sto­ri­scher Par­al­le­len. Den­noch hat sich mir das Ge­spräch in der Bau­ern­stu­be tief ein­ge­prägt. Der Ei­sen­bah­ner, da bin ich si­cher, hat ir­gend­wann FPÖ zu wäh­len be­gon­nen. Mei­nem Va­ter war die Be­mer­kung des Ei­sen­bah­ners pein­lich, er ver­such­te, das Ge­spräch auf »ver­nünf­ti­ges« Ge­län­de zu len­ken.
    Die Ar­bei­ter­schaft des In­du­strie­zeit­al­ters war schon da­mals ge­schrumpft und ist es heu­te noch mehr. In Wien kann man gut se­hen, daß ein Groß­teil der Wäh­ler aus die­ser so­zia­len Schicht von der SPÖ zur FPÖ ge­wech­selt ist (Bei­spiel Sim­me­rin, 11. Be­zirk der Stadt). Die so­zia­len Um­wäl­zun­gen der letz­ten Jah­re-Jahr­zehn­te ha­ben neue Schich­ten, pre­kä­re Ar­beits­ver­hält­nis­se und ei­nen Be­völ­ke­rungs­teil von Leu­ten her­vor­ge­bracht, die ver­sorgt wer­den müs­sen, weil sie schon zu lan­ge aus dem Ar­beits­pro­zeß aus­ge­schie­den sind, krank sind, aus ir­gend­wel­chen Grün­den ar­beits­un­fä­hig oder ar­beits­un­wil­lig sind. In die­sem Zu­sam­men­hang sind die Dis­kus­sio­nen über Grund­si­che­rung ent­stan­den, ein Grund­ge­halt für al­le (na­tür­lich nur In­län­der, so se­hen es die in­län­di­schen De­pra­vier­ten und rech­te Po­li­ti­ker). Die­se For­de­rung ist mir nach­voll­zieh­bar, ich fürch­te aber, daß ih­re sy­ste­ma­ti­sche Um­set­zung das Wohl­stands­lum­pen­pro­le­ta­ri­at noch ver­brei­tern wür­de.
    Es ist auch mein Ein­druck, daß der SPÖ, vor al­lem in Wien, die Ar­bei­ter und Ar­beits­lo­sen in den letz­ten Jah­ren mehr oder min­der wurscht wa­ren, es ging nur dar­um, Stim­men bei Wah­len zu si­chern. Die Fi­gur des Par­tei­chefs, Fay­mann, sprach vor al­lem Pen­sio­ni­sten an. Die Wie­ner So­zi­al­de­mo­kra­tie hat­te einst – hat teil­wei­se im­mer noch – be­mer­kens­wer­te Ak­ti­vi­tä­ten im Bil­dungs­be­reich (ich zäh­le al­le mög­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten da­zu, bis hin zum Sport). Schon klar, daß Bil­dung al­lein vor und ge­gen gar nichts schützt. Wird aber die­ser An­spruch auf­ge­ge­ben, tre­ten be­son­ders in den nie­de­ren Schich­ten Lee­re, Fru­stra­ti­on, Ab­hän­gig­keit von Mas­sen­me­di­en, die ih­re In­hal­te längst tri­via­li­siert ha­ben, Süch­te der ver­schie­den­sten Art auf. Dies ist nach mei­nen durch­aus un­wis­sen­schaft­li­chen, aber doch ein we­nig um Sy­ste­ma­tik be­müh­ten Be­ob­ach­tun­gen der Sumpf, wor­in die De­mo­kra­tie­ver­dros­sen­heit wächst.
    Noch et­was: Nach mei­nem Emp­fin­den be­trägt die Zahl de­rer, die in Öster­reich die In­hal­te der FPÖ be­für­wor­tet, al­so nicht nur aus Pro­test FPÖ wählt, et­wa 20 Pro­zent, und ich ver­mu­te, daß es mehr wer­den. Das ist auch die Zahl bei Na­tio­nal­rats­wah­len seit ca. 1990. Nur 2002, als klar ge­wor­den war, daß die FPÖ in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung auch nicht mehr Kon­struk­ti­ves bei­trug als der Ko­ali­ti­ons­part­ner (ÖVP) und daß die Kor­rup­ti­ons­an­fäl­lig­keit ih­rer Po­li­ti­ker (Gra­s­ser, We­stentha­ler) min­de­stens so groß war wie die der an­de­ren, gab es ei­nen deut­li­chen Ein­bruch. Da­mals schlit­ter­te die FPÖ in ei­ne schwe­re Kri­se, die zur Spal­tung führ­te. Das Er­staun­li­che in Öster­reich ist, daß das Ver­sa­gen die­ser Par­tei in der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on und wäh­rend ih­rer Lan­des­re­gie­rungs­ver­ant­wor­ung in Kärn­ten (un­ter Hai­der) von den Wäh­lern sehr schnell und wie­der­holt ver­ges­sen wur­de.

  10. @Leopold Fe­der­mair
    De­mo­kra­tie­ver­dros­sen­heit kann ich bei die­ser Wahl kei­ne aus­ma­chen: 72,7 Pro­zent der Be­völ­ke­rung wa­ren wäh­len und das für ein Amt, das zwar das höch­ste im Staat ist, von der sicht­ba­ren Pra­xis her und der Mei­nung in der Be­völ­ke­rung aber als »un­be­deu­tend« gilt. Und wenn man Mo­ral und Ge­sin­nung mit Po­li­tik gleich­setzt, dann war die Po­li­ti­sie­rung hoch.

    Ich ha­be un­längst ir­gend­wo ge­le­sen, dass so­ge­nann­te po­pu­li­sti­sche Par­tei­en pragmatisch(er) wer­den, wenn sie an der Macht sind, weil sie sonst (auf mitt­le­re Sicht) schei­tern. Da ist si­cher et­was dran. Was die­se Par­tei­en au­ßer­or­dent­lich ver­mö­gen, ist, Un­zu­frie­den­heit zu bin­den, auch ge­ra­de des­halb, weil sie stig­ma­ti­siert wer­den: Wenn der per­sön­li­che Krug voll ist, sagt man: »Jetzt wäh­le ich sie auch!«. Man muss zwi­schen ge­ne­rel­ler und punk­tu­el­ler in­halt­li­cher Über­ein­stim­mung un­ter­schei­den und zwi­schen tak­tisch-stra­te­gi­scher Wahl (die Par­teib­in­dung ist viel schwä­cher ge­wor­den, an­geb­lich gab es so­gar Wäh­ler die im er­sten Wahl­gang van der Bel­len und im zwei­ten Ho­fer ge­wählt ha­ben).

    Es gab bei die­ser Wahl ra­tio­na­le Grün­de FPÖ zu wäh­len, oh­ne dass man de­ren In­hal­te weit­ge­hend tei­len muss­te: Je­mand der die Blau­en nicht in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung se­hen, aber den Re­form­druck auf die gro­ße Ko­ali­ti­on er­hö­hen woll­te und zu­gleich die­se Re­gie­rungs­form nicht für die wün­schens­wer­te hält, für den konn­te Ho­fer der ge­eig­ne­te­re Kan­di­dat sein.

    Ei­ne in­ter­es­san­te Er­klä­rung des Wahl­er­geb­nis­ses fin­det sich dort. Da ist si­cher ei­ni­ges dran, wie weit­ge­hend das gilt, kann ich nicht ein­schät­zen (je­den­falls kann ich mir gut vor­stel­len, dass kaum ein Ar­bei­ter, Brief­trä­ger, Müll­mann, Bau­ar­bei­ter, Hand­wer­ker, usf., er­freut dar­über ist, dass von ih­ren Steu­er­gel­dern Gen­der­be­auf­trag­te, u.a., fi­nan­ziert wer­den, die sie über die Macht des Pa­triachats auf­klä­ren und dar­über wie sie denn spre­chen soll­ten, das muss ih­nen ob ih­rer ge­sell­schaft­li­chen Stel­lung, ih­rer po­li­ti­schen wie wirt­schaft­li­chen Ein­fluss­mög­lich­kei­ten wie Hohn vor­kom­men).

  11. Den im Link an­ge­spro­che­nen »neue Klas­sen­kampf« hal­te ich für arg holz­schnitt­ar­tig dar­ge­stellt. Da scheint eher der Wunsch der Va­ter des Ge­dan­kens zu sein. »Pa­pier­ar­beit« als Kost­gän­ger­tum per se zu sub­su­mie­ren ist fast schon dem­ago­gisch.

    Die Dis­kre­pan­zen der po­li­ti­schen Mei­nun­gen zwi­schen Stadt- und Land, jung und alt, Frau­en und Män­nern gab es im­mer. Par­tei­en, die die­se Dis­kre­pan­zen über­win­den konn­ten, nann­te und nennt man Volks­par­tei­en. Die­se Bin­dun­gen bröckeln (nicht nur in Öster­reich, son­dern auch in Deutsch­land, und das schon län­ger). In­zwi­schen ha­ben sich klei­ne Par­tei­en eta­bliert, die ein be­stimm­tes Mi­lieu be­die­nen (bspw. Grü­ne, Li­be­ra­le und eben auch Struk­tur­kon­ser­va­ti­ve). Sie fal­len bei ei­ner Ent­schei­dung zwi­schen zwei Per­so­nen weg; ei­ne Dif­fe­ren­zie­rung ist nicht mög­lich. (Da­her hal­te ich prä­si­dia­le Sy­ste­me auch für schwach; sie ken­nen nur schwarz oder weiß.) Dass Ho­fer ei­ne ge­wis­se Kli­en­tel als Pro­test­wäh­ler ge­win­nen konn­te, kann aber nicht 49,7% er­klä­ren. Hier muss ei­ne brei­te Institutionen­verdrossenheit vor­lie­gen. Denn ob­wohl der Bun­des­prä­si­dent ei­ne nur sehr ein­ge­schränk­te Macht hat, hät­te die Be­set­zung durch ei­nen FPÖ-Mann ei­ne gro­ße Sym­bo­lik ge­habt.

    Bei der Wahl zum fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten 2002 wa­ren im er­sten Wahl die Stim­men sehr breit ver­teilt. Chi­rac er­reich­te zwar die mei­sten Stim­men, aber das wa­ren nur 19,88%. Platz be­leg­te Le Pen (der Va­ter der heu­ti­gen FN-Vor­sit­zen­den) mit 16,86%. Der er­war­te­te Stich­wahl­kampf zwi­schen Chi­rac und dem So­zia­li­sten Jo­s­pin kam nicht zu­stan­de; Jo­s­pin war nur auf Platz 3 mit 16,18%. Zur Stich­wahl zwei Wo­chen spä­ter schlos­sen sich die Rei­hen: Chi­rac er­hielt 82,21%, Le Pen 17,79%. Da­mals wirk­te noch die Ab­schreckung vor dem Front Na­tio­nal. So­zia­li­sten und so­gar Kom­mu­ni­sten spra­chen sich of­fen für den kon­ser­va­ti­ven Chi­rac aus. Aber das war eben 2002.

    In Öster­reich hin­ge­gen hät­te ei­ne Wahl­emp­feh­lung der Re­gie­rungs­par­tei­en fast schon ei­nen kon­tra­pro­duk­ti­ven Ef­fekt ge­habt. Die Fra­ge ist, wo­her die­ses Un­be­ha­gen kommt. Ich glau­be nicht, dass sich Müll­män­ner mit Gen­der­be­auf­trag­ten be­schäf­ti­gen. Sie ha­ben eher Angst um ih­ren Ar­beits­platz, weil viel­leicht die Ab­fall­ent­sor­gung pri­va­ti­siert wer­den soll bzw. neu aus­ge­schrie­ben wird.

  12. @Gregor
    Die Dar­stel­lung ist ver­ein­fa­chend, die Be­mer­kun­gen zur Pa­pier­ar­beit min­de­stens po­le­misch, aber dass vie­len die Art und Wei­se, wie mit Steu­er­gel­dern um­ge­gan­gen wird, nicht ge­fällt, hal­te ich für zu­tref­fend (das hö­re ich auch im­mer wie­der in per­sön­li­chen Ge­sprä­chen, man muss et­wa nur die Hö­he der Par­tei­en­för­de­rung her­neh­men). — Nur die­je­ni­gen zah­len ger­ne Steu­ern, die se­hen, dass da­mit ver­ant­wor­tungs­voll um­ge­gan­gen wird.

    Zur Fra­ge nach dem Un­be­ha­gen: Ei­ne der we­ni­gen In­sti­tu­tio­nen (viel­leicht die ein­zi­ge), die in Öster­reich um­fas­sen­des Ver­trau­en ge­nießt, ist der Rech­nungs­hof (der letz­te und der der­zei­ti­ge Prä­si­dent – Fied­ler und Mo­ser – wa­ren und sind, was ih­re Ar­beit und Auf­ga­ben be­trifft, ta­del­los). Was ist mit den Re­form­vor­schlä­gen seit An­fang 2007 pas­siert? Sie wur­den mit ei­ner Kon­se­quenz zu den Ak­ten ge­legt, die dreist zu nen­nen ist. Wir re­den seit Jah­ren über ei­ne Bil­dungs­re­form, der Rech­nungs­hof macht Vor­schlä­ge wie man im Sy­stem Geld spa­ren und das Kom­pe­tenz­wirr­war be­sei­ti­gen kann, pas­siert ist nichts (das ist nur ein Bei­spiel). Jetzt hört der Bür­ger, ich glau­be das drit­te Mal, von ei­nem Neu­an­fang. Mich wun­dert das nicht.

    Ich glau­be schon, dass Bruch­stücke die­ser Dis­kur­se (Gen­der, usw.), längst auch auf die­ser Ebe­ne der Ge­sell­schaft an­ge­kom­men sind (aber zu­ge­ge­ben, es ist ein Glau­be). Was die­se Men­schen mehr sorgt als der Ar­beits­ver­lust, ist die Ver­än­de­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen.

  13. @Metepsilomena

    Den von Ih­nen ver­link­ten Ar­ti­kel in »Sci­ence Files« fin­de ich au­ßer­or­dent­lich ten­den­zi­ös, aber kaum wis­sen­schaft­lich (was mir egal wä­re, aber wenn sie nicht die­sen An­spruch raus­hän­gen lie­ßen...). Der Schrei­ber geht über­haupt nicht dar­auf ein, daß sich die Ar­beits­ver­hält­nis­se grund­le­gend ver­än­dert ha­ben, daß ein Groß­teil der Be­schäf­tig­ten Dienst­lei­stun­gen er­bringt und daß es sich da­bei viel­fach um not­wen­di­ge und nütz­li­che Tä­tig­kei­ten han­delt. Er tut so, als ge­be es im­mer noch ei­ne brei­te Schicht von In­du­strie­ar­bei­ten, die hand­fe­ste Din­ge un­ter Ein­satz ih­rer Kör­per­kraft pro­du­zie­ren. Dienst­lei­ster pro­du­zie­ren dem­nach nur »Pa­pier«, sie sind »Kost­gän­ger«, an­ders ge­sagt: Pa­ra­si­ten. Die­ser Ar­ti­kel wie­der­holt ein­fach be­stimm­te, v. a. bei den Wäh­lern der Rechts­po­pu­li­sten ver­brei­te­te Ste­reo­ty­pe.

    Ich ha­be auch mei­ne Pro­ble­me mit dem von Ih­nen an­ge­führ­ten Ar­ti­kel von di Fa­bio in der NZZ, aus an­de­ren Grün­den, näm­lich: weil er das im aka­de­mi­schen Mi­lieu üb­li­che ab­wä­gen­de, ta­rie­ren­de Ver­hal­ten an den Tag legt: Bloß kei­ne Ex­tre­me, bloß kei­ne Fun­da­men­tal­kri­tik, das ist al­les so­fort »Po­pu­lis­mus«, egal ob links oder rechts oder sonst­wo. »Dia­lek­tik« als Ju­stie­rung des gol­de­nen Mit­tel­wegs.

    Die al­te Mit­te ist in der Kri­se, dar­an zu­min­dest be­steht kein Zwei­fel. Keu­sch­nig hat mehr­fach auf die Macht der gro­ßen Ko­ali­tio­nen und ihr lang­sa­mes Bröckeln ver­wie­sen. Die klar­ste Aus­sa­ge der öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­dent­schafts­wahl be­steht dar­in, daß nur 22 Pro­zent der Wäh­ler die bei­den Kan­di­da­ten der (ko­alie­ren­den) Groß­par­tei­en (bald Ex-Groß­par­tei­en) ge­wählt ha­ben. Die­se bei­den ha­ben ex­akt den­sel­ben Stim­men­an­teil er­hal­ten, 11,18 Pro­zent. Fast 80 Pro­zent stimm­ten im er­sten Wahl­gang für Kan­di­da­ten des al­ter­na­ti­ven Be­reichs.

    An­de­rer­seits hat man in Öster­reich ge­se­hen, daß die FPÖ in Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung nicht viel zu­stan­de bringt bzw. das Ge­mein­we­sen eher schä­digt. Das war, zu­min­dest bis­her, die Art, wie die Po­pu­li­sten »prag­ma­tisch« ge­wor­den sind. In der rea­len po­li­ti­schen Um­set­zung ha­ben sie sich bis­her in Öster­reich nicht als Al­ter­na­ti­ven er­wie­sen. Viel­leicht, weil es gar kei­ne ge­ben kann?

    Ich ver­mu­te und hof­fe, daß es wel­che ge­ben kann, füh­le mich aber nicht kom­pe­tent, sie kon­kret an­zu­zei­gen. In mei­nem Schrei­ben (und Den­ken) in­ter­es­sie­ren mich wahl­stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen nicht be­son­ders. Was mich u. a. be­stürzt, ist ein As­pekt, der sel­ten in die Dis­kus­si­on ge­bracht wird. Di Fa­bio setzt in sei­nem Ar­ti­kel vor­aus, daß man den Ka­pi­ta­lis­mus gar nicht ver­nünf­tig kri­ti­sie­ren kann. Er ist ein­fach ei­ne Ge­ge­ben­heit, die Fra­ge ist, wie man da­mit po­li­tisch um­geht. Ich se­he aber und ha­be er­fah­ren, daß sich der Ka­pi­ta­lis­mus in den letz­ten Jahr­zehn­ten we­sent­lich ver­än­dert hat. Das, was Ador­no in sei­ner Kri­tik an der Kul­tur­in­du­strie noch auf den Kul­tur­be­reich be­schränkt sah, der nur ei­ner un­ter an­de­ren Be­rei­chen war, durch­dringt heu­te sämt­li­che Be­rei­che. Der Ka­pi­ta­lis­mus, und zwar durch­aus der ab­strak­te Ka­pi­ta­lis­mus, al­so das Sy­stem, hat sich der Kul­tur be­mäch­tigt, auch und vor al­lem der Volks­kul­tur, der Pop-Kul­tur, die ein­mal avant­gar­di­stisch und sy­stem­kri­tisch war. Kul­tur ist ein erst­ran­gi­ger Wirt­schafts­fak­tor ge­wor­den, ein nicht un­we­sent­li­ches Seg­ment da­bei der mas­sen­me­dia­li­sier­te Sport. Da­mit wirkt das mo­ne­tä­re, pro­fit­fi­xier­te Prin­zip aber auch, über die Jah­re hin­weg, auf die Köp­fe und Her­zen. Wenn Sie sich die di­ver­sen Po­stings le­sen, wer­den Sie fest­stel­len, daß sich ei­ne gro­ße Zahl von Leu­ten De­mo­kra­tie als ei­ne Ma­schi­ne vor­stellt, die ih­re in­di­vi­du­el­len Be­dürf­nis­se be­frie­di­gen und nicht ein Ge­mein­we­sen mög­lichst sinn­voll am Le­ben er­hal­ten soll. Sie tun al­le so, als wür­den sie per­sön­lich die In­sti­tu­tio­nen fi­nan­zie­ren (und nicht als Teil ei­ner Ge­mein­schaft). Bei­spiel: Wenn sich je­mand ver­letzt, soll er selbst für Ret­tung und Ver­sor­gung be­zah­len, aber bit­te nicht an mein (Steuer?)Geld rüh­ren. Rau­cher wer­den ge­haßt, weil sie von »mei­nem Geld« me­di­zi­nisch be­han­delt wer­den, wenn sie Lun­gen­krebs krie­gen. Haß über Haß, bei wei­tem nicht nur ge­gen Asyl­wer­ber. Haß­po­stings fin­den Sie heu­te zu­hauf, die al­ler­mei­sten wer­den to­le­riert, als ganz nor­mal auf­ge­nom­men. Ich nen­ne hier gar nicht die (düm­me­ren), aus de­nen un­ver­fro­ren der Neid spricht, der Haß auf je­ne, von de­nen sie glau­ben, daß sie pri­vi­le­giert sei­en, gan­ze Schich­ten, die Leh­rer zum Bei­spiel, ob­wohl es ge­ra­de dar­an man­gelt, an gu­ten Leh­rern (ja, Sci­ence Files, die »be­leh­ren­den Kost­gän­ger«!). All die­se ano- und pseud­ony­men Per­so­nen, die sich gern zu Schwär­men sum­mie­ren und Shitstorms ent­fes­seln, statt So­li­da­ri­tät zu ent­wickeln und Kri­tik zu üben, er­war­ten von den Po­li­ti­kern, daß sie auf Wahl­er­geb­nis­se schie­len, daß sie Vor­ur­tei­le und Ste­reo­ty­pe auf­grei­fen und ver­stär­ken, kurz: Po­li­tik ist für sie grund­sätz­lich nichts an­de­res als Po­pu­lis­mus. An die­ser tief­grei­fen­den men­ta­len Ver­än­de­rung, we­sent­lich be­dingt durch die Macht der Kul­tur­in­du­strie, ha­ben al­le po­li­ti­schen Rich­tun­gen teil, auch die öko­lo­gi­schen, auch die lin­ken. Be­rufs­po­li­ti­ker ha­ben das Ge­fühl, aber sel­ten ein kla­res Be­wußt­sein, daß sie die­sen neu­en Be­din­gun­gen nicht ent­ge­hen kön­nen, son­dern daß sie ih­nen aus­ge­lie­fert sind, ja ih­nen hul­di­gen soll­ten. De­mo­kra­tie, hat Keu­sch­nig ein­mal ge­sagt, ist im­mer ein we­nig po­pu­li­stisch. Das mag stim­men. Po­pu­lus heißt nichts an­de­res als De­mos. Das Grund­pro­blem se­he ich dar­in, daß die vor­herr­schen­de Men­ta­li­tät heu­te gleich­be­deu­tend ist mit kurz­fri­sti­gem Er­folgs­den­ken (Ran­kings!), wie es das ka­pi­ta­li­sti­sche Pro­fit­den­ken vor­schreibt.

    Ent­so­li­da­ri­sie­rung al­lent­hal­ben. Es gäl­te, nach den Ur­sa­chen zu for­schen (was ich hier auf mei­ne di­let­tan­ti­sche Wei­se ein klein­we­nig ver­su­che). Po­li­ti­sche Ant­wor­ten kön­nen nicht dar­in lie­gen, daß man dem Po­pu­lis­mus ent­ge­gen­kommt (was eh schon al­le tun). Die Fra­ge ist, wie man neue For­men der So­li­da­ri­sie­rung ent­wickeln kann.

  14. Di Fa­bi­os Ar­ti­kel ist ei­ne in­ter­es­san­te Er­gän­zung zum Po­pu­lis­mus-Buch von Mül­ler, der ja durch­aus kon­sta­tiert (wenn auch recht spät), dass die in­fla­tio­nä­re Ver­wen­dung die­ses Be­griffs – zu­mal als Kampf­be­griff »ge­gen« ir­gend­wen – schnell ver­puf­fen wird. Di Fa­bio wen­det sich aber ge­gen ein »Durch­re­gie­ren« der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Die­ses »Durch­re­gie­ren« be­steht – so ver­ste­he ich ihn – eben ge­nau nicht dar­in, auf po­pu­li­sti­sche Strö­mun­gen zu re­agie­ren, son­dern ein­fach mit dem wei­ter­zu­ma­chen, was man für rich­tig hält.

    Ich möch­te un­gern der Dis­kus­si­on zum Mül­ler-Buch vor­grei­fen, da­her nur so­viel: Es ist doch be­zeich­nend, dass man in­zwi­schen den Wäh­ler­wil­len (um nicht den Be­griff des »Volks« zu ver­wen­den, der am­bi­va­lent ist) fürch­tet. Dem »Po­pu­lis­mus« wird mit dem »Durch­re­gie­ren« ei­ne Art Pa­ter­na­lis­mus des Rich­ti­gen ent­ge­gen­ge­setzt. Aus wel­chen Grün­den auch im­mer weh­ren sich die Wäh­ler da­ge­gen. Aber statt nun vom Pa­ter­na­lis­mus in ei­nen ar­gu­men­ta­ti­ven Dis­kurs über­zu­lei­ten, wird die Do­sis ein­fach noch er­höht. Hin­zu kommt, dass, wer nicht da­für ist, so­fort ab­ge­schrie­ben wird. Ich las auf Face­book nach der Bun­des­prä­si­den­ten­wahl tat­säch­lich, dass die Wahl zei­ge, dass 49,7% der Öster­rei­cher Na­zis sei­en. (Und das schrei­ben kei­ne Dumm­köp­fe.)

    Zum Ka­pi­ta­lis­mus: Der Ka­pi­ta­lis­mus hat sich mit der Zei­ten­wen­de um 1990, als er sich end­lich glo­bal und oh­ne Schran­ken eta­blie­ren konn­te, ver­än­dert. Ich ha­be in den 1970er Jah­ren ei­ne kauf­män­ni­schen Leh­re bei ei­nem Che­mie­händ­ler ge­macht. Man hat­te ei­ge­ne Ab­füll­an­la­gen mit ät­zen­den und an­ders­ge­fähr­li­chen Pro­duk­ten. An der Säu­re­ab­fül­lung (Salz­säu­re, Schwe­fel­säu­re) ar­bei­te­te ein Mann, der wäh­rend mei­ner Zeit dort 50 oder 60 Jah­re alt wur­de. Er war dort schon 15 oder 20 Jah­re tä­tig. Sei­nen Schul­ab­schluss weiss ich nicht; viel­leicht war es das, was man da­mals »Son­der­schu­le« nann­te. Sein IQ war ver­mut­lich bei 80; sein Wort­schatz sehr ein­ge­schränkt. Aber sei­ne ge­fähr­li­che Ar­beit (trotz Schutz­hand­schu­hen und Schutz­bril­len) er­le­dig­te er ak­ku­rat und feh­ler­los, was ihm über­all Re­spekt ein­brach­te. (Ei­ne Ver­wechs­lung der Pro­duk­te in ei­ner Mi­schung kann fa­ta­le Fol­gen ha­ben.) Ein sol­cher Mann hät­te heu­te kei­ne Mög­lich­keit mehr – we­der an ei­ner Che­mie­ab­füll­an­la­ge noch sonst­wo.

    Der ehe­ma­li­ge In­ten­dant des WDR ge­stand vor ein paar Jah­ren ein­mal, dass er, oh­ne Ab­itur, heu­te nicht ein­mal mehr Pfört­ner in der Sen­de­an­stalt wer­den könn­te, wo er einst jour­na­li­sti­sche Sen­dun­gen ge­lei­tet und schließ­lich sei­ne In­ten­danz ver­rich­tet hat­te. Er wür­de nicht ein­mal mehr ein­ge­la­den zu ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch.

    Das al­les sind Rück­blen­den aus ei­ner Zeit, in der noch Ar­beits­kräf­te Man­gel­wa­re wa­ren, zu­ge­ge­ben. Nach dem Krieg konn­ten vie­le ei­ne Kar­rie­re be­gin­nen, die heu­te un­mög­lich ist. Aber es war auch im­mer ar­beit­ge­ber­sei­tig ei­ne Be­reit­schaft vor­han­den, »Ri­si­ken« bei der Be­set­zung von Stel­len ein­zu­ge­hen. Es ging nicht so­fort dar­um, aus je­der Zahn­pa­sta­tu­be noch das letz­te Fit­zel­chen her­aus­zu­drücken.

    Wenn ich die Stel­len­ge­su­che heu­te durch­for­ste, ent­decke ich das, was man das »Minimax«-Prinzip nen­nen könn­te: Da wer­den ma­xi­mal aus­ge­bil­de­te Kan­di­da­ten ge­sucht, die man dann zu­meist mit mi­ni­ma­len Ge­häl­tern ab­spei­sen möch­te. Das er­kennt man dar­in, dass die An­for­de­run­gen an die Be­rufs­er­fah­rung sehr ein­ge­schränkt sind; 5 oder 6 Jah­re Be­rufs­er­fah­rung sind schon am obe­ren En­de des­sen, was man möch­te. Äl­te­re Mit­ar­bei­ter sind zu teu­er, zu ei­gen­sin­nig, zu we­nig form­bar.

    Wer mit 40 Mit­tel­schicht ist, muss Angst ha­ben, bei ei­nem wie auch im­mer mo­ti­vier­ten Ar­beits­platz­ver­lust, bin­nen zwei, drei Jah­ren ab­zu­rut­schen in die un­ter­sten Stu­fen der so­zia­len Si­che­rungs­sy­ste­me. Wenn die Ba­by­boo­mer in Deutsch­land erst ein­mal in Ren­te und die Be­am­ten in Pen­si­on ge­hen, rei­chen die So­zi­al­kas­sen nicht mehr aus, weil zwi­schen­zeit­lich im­mer we­ni­ger Leu­te ad­äqua­te Ar­beits­ein­kom­men er­zie­len kön­nen, um die Kas­sen auf­zu­fül­len. Gleich­zei­tig wird im­mer mehr Ar­beit an Ma­schi­nen de­le­giert. Das Dienst­lei­stungs­ge­wer­be wird in den näch­sten Jahr­zehn­ten ei­nen ge­wal­ti­gen Ader­lass ver­zeich­nen. Vie­le Tä­tig­kei­ten im All­tag wer­den von den Kun­den sel­ber vor­ge­nom­men, sei es beim Ein­kau­fen, bei Rei­sen oder bei der Ver­wal­tung sei­nes Kon­tos. Mensch­li­che Dienst­lei­stun­gen wer­den bald Lu­xus sein.

    Die Fra­ge ist, wie man neue For­men der So­li­da­ri­sie­rung ent­wickeln kann.
    Viel­leicht ist das die Fra­ge. Wo­bei zu­nächst ge­klärt wer­den müss­te, wer sich mit wem zu so­li­da­ri­sie­ren hat. Wo soll So­li­da­ri­tät her­kom­men, wenn Ge­mein­schaf­ten nach ’45 im­mer kri­tisch be­äugt wur­den. In dem kom­mu­ni­sti­schen Staa­ten pfleg­te man ei­nen von oben ver­ord­ne­ten »So­zia­lis­mus«, der na­tür­lich auch nicht funk­tio­nier­te. Im We­sten war der In­di­vi­dua­lis­mus das Ziel. Die­ser hat sich nach 1990 durch­ge­setzt. Der neue, glo­ba­le Ka­pi­ta­lis­mus hat ihn da­hin­ge­hend wei­ter­ge­schrie­ben, dass je­der sei­nes Glückes Schmied sein soll. Der ame­ri­ka­ni­sche Traum – welt­weit. Aber das funk­tio­niert nicht. Es ent­steht ei­ne Ellenbogen­gesellschaft. Nur pro­gres­si­ve Fuß­ball­trai­ner ge­ste­hen manch­mal, dass man »Kon­kur­renz« und »Wett­be­werb« in­ner­halb der Mann­schaft gut fin­det. Aber so kann man kei­ne Ge­sell­schaft zu­sam­men­hal­ten.

    Wenn man will, kann man im auf­kom­men­den Na­tio­na­lis­mus vor al­lem in Ost­eu­ro­pa ei­ne Ge­gen­be­we­gung zum In­di­vi­dua­lis­mus ent­decken. Aber die­ser Na­tio­na­lis­mus ist auch aus­gren­zend; er schafft Schein-Iden­ti­tä­ten, die mit Ge­hor­sam er­kauft wer­den. Und Na­tio­na­lis­mus war nie ka­pi­ta­lis­mus­kri­tisch; eher im Ge­gen­teil.

  15. Ich skiz­zie­re ein­mal die po­li­ti­schen Zu­stän­de in Öster­reich, dann wird viel­leicht ver­ständ­lich war­um ich den Punkt, den der Ar­ti­kel auf­wirft, für wich­tig hal­te (dass er po­le­misch ist und da­hin­ter wohl ei­ne staats­kri­ti­sche Po­si­ti­on steckt, stimmt; je­den­falls ver­mis­se ich die­sen As­pekt in der Dis­kus­si­on um die Wahl).

    Von 2003 bis An­fang 2005 tag­te der Öster­reich-Kon­vent, der zahl­rei­che Vor­schlä­ge zu grund­le­gen­den Staats- und Ver­fas­sungs­re­for­men ge­macht hat. Die wich­tig­ste und po­li­tisch un­an­ge­nehm­ste, die Fö­de­ra­lis­mus­re­form, wur­de bis heu­te nicht um­ge­setzt (an­de­re, we­ni­ger po­li­tisch heik­le, wie die Ent­rüm­pe­lung der Ver­fas­sung wur­den in An­griff ge­nom­men), ob­wohl es da­zu auch in jüng­ster Zeit Ge­le­gen­hei­ten gab (et­wa die Hy­po-Ab­wick­lung). Das Re­sul­tat die­ses Nicht­han­delns ist, dass die Lan­des­haupt­leu­te dem Bund vor der Na­se her­um tan­zen kön­nen und Din­ge, die ih­nen nicht pas­sen ein­fach nicht um­set­zen (et­wa das Bei­spiel der Be­am­ten­pen­sio­nen in Wien) oder ein­fach dik­tie­ren was sie wol­len, Stich­wor­te Re­al­ver­fas­sung und Lan­des­haupt­leu­te­kon­fe­renz, ein von der Ver­fas­sung nicht vor­ge­se­he­nes Gre­mi­um. Das Aus­blei­ben die­ser Re­form ist ein we­sent­li­cher Fak­tor war­um in Öster­reich kaum Re­for­men ge­lin­gen, sie es oft nur dem Na­men nach sind oder erst nach wie­der­hol­ten An­läu­fen und öf­fent­lich­keits­wirk­sa­men Skan­da­len durch­ge­setzt wer­den kön­nen; die Bil­dungs­re­form ist da ein gu­tes Bei­spiel: Nie­mand traut sich die Kom­pe­ten­zen und Dop­pel­glei­sig­kei­ten zu be­sei­ti­gen, die es zwi­schen Bund und Län­dern gibt. Da­zu kommt Geld­ver­schwen­dung durch In­se­ra­te, par­tei­na­he Ver­la­ge, de­nen Auf­trä­ge zu­ge­scho­ben wer­den – ein Ver­hal­ten, das sich erst än­der­te, als dem ge­setz­lich ein Rie­gel vor­ge­scho­ben wur­de – oder die im­mens ho­he Par­tei­en­för­de­rung. All dies (ei­ne Pen­si­ons­re­form, et­wa) und viel mehr liegt seit Jah­ren her­um. Und wenn et­was ge­tan wird, sind es meist kos­me­ti­sche Re­for­men, halb­ga­re An­ge­le­gen­hei­ten mit Hin­ter­tür­chen die of­fen blei­ben (Lohn­steu­er­re­form, et­wa das Feh­len von Sank­tio­nen, wenn ei­ne Par­tei gar kei­nen Re­chen­schafts­be­richt über ih­re Fi­nan­zen ab­gibt). Wir brauch­ten ei­nen Fi­nanz­skan­dal um ein­heit­li­che Bud­get­re­geln für die Län­der ein­zu­füh­ren und die Ka­me­ra­li­stik ab­zu­schaf­fen. We­nig­stens das konn­te dann doch nicht ver­hin­dert wer­den, aber es brauch­te fünf An­läu­fe (dass et­was wie die Hei­li­gen­blu­ter Ver­ein­ba­rung über­haupt mög­lich war, ist be­zeich­nend und ty­pisch für die öster­rei­chi­sche Re­al­ver­fas­sung; und was die Län­der noch im­mer nicht müs­sen: Selbst Steu­ern ein­he­ben und mit die­sen aus­kom­men, sie wer­den über den Fi­nanz­aus­gleich fi­nan­ziert, et­wa 22 Mil­li­ar­den für die Län­der, et­wa 10 für die Ge­mein­den, das ist aber noch nicht al­les [le­sens­wer­te De­tails und wei­te­re Bei­spie­le dort], ein Sy­stem das den ver­ant­wor­tungs­vol­len Um­gang mit fi­nan­zi­el­len Mit­teln un­ge­mein för­dert; da­zu kommt, dass Mi­ni­ster bzw. Kanz­ler bei uns re­gel­mä­ßig auf Zu­ruf der Lan­des­haupt­leu­te vor al­lem Prölls und Häu­pls ab­ge­setzt oder in­thro­ni­siert wer­den; Bei­spie­le aus der na­hen Ver­gan­gen­heit sind Spin­de­leg­ger, Mikl-Leith­ner oder Kern). Den Lin­zer Fi­nanz­skan­dal, die Kärnt­ner Lan­des­bank na­mens Hy­po-Al­pe-Adria (die von den Hai­der­schen Um­trie­ben über Kon­troll­ver­sa­gen, den von al­len po­li­ti­schen Par­tei­en im Land­tag be­schlos­se­nen Lan­des­haf­tun­gen, die Not­ver­staat­li­chung und die po­li­tisch mo­ti­vier­te Ver­zö­ge­rung der Ab­wick­lung, reicht), das Wie­ner Cross­bor­der­lea­sing, die Ver­an­la­gung von Wohn­bau­gel­dern, Fran­ken­kre­di­te, die an­geb­lich kein Spe­ku­la­ti­ons­in­stru­ment dar­stel­len, ho­he Ge­werk­schafts­funk­tio­nä­re, die sich So­zi­al­bau­woh­nun­gen un­ter der Hand si­chern, ei­nen Wie­ner Bür­ger­mei­ster, der Jung­un­ter­neh­mern emp­fiehlt ein­mal bei ihm vor­bei­zu­kom­men, Na­tio­nal­bank­pen­sio­nen, etc., etc.* Die Schat­ten­sei­te der öster­rei­chi­schen Ge­müt­lich­keit.

    Der Staat hat ge­nau ei­ne Auf­ga­be, näm­lich die Si­cher­stel­lung des all­ge­mei­nen Wohls; die ihm zur Ver­fü­gung ge­stell­ten Gel­der sind zweck­mä­ßig und spar­sam ein­zu­set­zen, sie müs­sen er­wirt­schaf­tet wer­den (wir ha­ben ei­ne Staats­quo­te von über 50%). Ich se­he nicht ein, war­um die­se Re­pu­blik ein po­li­ti­scher Selbst­be­die­nungs­la­den sein soll, ein Ort ver­ant­wor­tungs­lo­sen Han­dels oder ei­ner von Freun­derl­wirt­schaft. Was ich aber am al­ler­we­nig­sten ein­se­he, ist, dass Men­schen nach schwe­ren Krank­hei­ten ei­ne In­va­li­den­pen­si­on nicht zu­er­kannt wird oder an­de­ren, die nach Or­gan­trans­plan­ta­tio­nen ein­ge­schränkt und deut­lich kür­zer als der Durch­schnitt le­ben, wie­der et­was ge­stri­chen oder ab­erkannt wird.

    Der Zorn lenkt die Un­zu­frie­de­nen dort­hin, wo et­was ge­gen die­ses Sy­stem un­ter­nom­men wird, weil – da es sich nicht selbst re­for­mie­ren kann – weg muss, so die lo­gi­sche Fol­ge­rung. Was da­nach kommt, zählt zu­nächst nicht. Dass die Blau­en kaum bes­ser, son­dern im Vor­ge­hen eher di­let­tan­ti­scher sind, dar­über täu­schen sich vie­le wohl hin­weg (viel­leicht in der Hoff­nung, dass je­mand ins Loch spring, aber wer soll das sein?). Die Wäh­ler der FPÖ set­zen sich aus vier Tei­len zu­sam­men, zwei da­von, das von Ih­nen an­ge­führ­te Lum­pen­pro­le­ta­ri­at und die die sich dort ideo­lo­gisch wohl­füh­len, sind nicht die­je­ni­gen, die die Par­tei stark ma­chen, das sind die­je­ni­gen, die mit dem be­schrie­be­nen Sy­stem ge­bro­chen ha­ben, Ar­bei­ter (nicht in stren­gem Sinn) und Bür­ger­li­che und sie ha­ben für ih­re Un­zu­frie­den­heit gu­te Grün­de (und bei­de wür­den oh­ne wei­te­res wie­der an­ders wäh­len).

    Über (fast) all die­se Din­ge lie­ße sich leicht ein über­par­tei­li­cher Kon­sens her­stel­len, was fehlt ist der po­li­ti­sche Wil­le. Wer sich fünf Mi­nu­ten Zeit neh­men will, kann sich das In­ter­view mit Franz Fied­ler vom 25.5. (Ö1) an­hö­ren, er schil­dert und be­schreibt gut, war­um er pes­si­mi­stisch bleibt. Und ich schlie­ße mich ihm an, man muss sich nur ein paar In­di­zi­en nä­her an­se­hen, et­wa wie der neue Bun­des­kanz­ler ins Amt kam und, dass er, dar­auf an­ge­spro­chen, durch­blicken ließ, dass er nicht dar­an denkt, die über zwan­zig Kran­ken­kas­sen in Öster­reich zu­sam­men­zu­füh­ren (dass fast die ge­sam­te Me­di­en­land­schaft mit­ju­belt ist be­zeich­nend).

    Ich stel­le fol­gen­de Pro­gno­se: Kern wird zu­sam­men mit Mit­ter­leh­ner Ar­beits­markt- und Wirt­schafts­re­for­men auf den Weg brin­gen, viel­leicht auch noch an­de­res; es wird zu wirt­schaft­li­chen Ver­bes­se­run­gen kom­men, die Ar­beits­lo­sen­ra­te wird sin­ken; dies wird ge­nug sein um der gro­ßen Ko­ali­ti­on Stim­men­zu­wäch­se zu brin­gen, die für wei­te­re ein bis zwei Pe­ri­oden ge­nü­gen. An den grund­sätz­li­chen Pro­ble­men im Land wird sich nichts än­dern (Kern wur­de ent­ge­gen den In­ten­tio­nen Häu­pls, der Zei­ler prä­fe­rier­te von den üb­ri­gen Län­der­chefs zum Kanz­ler ge­macht, die sich oh­ne Häupl tra­fen und ihn vor voll­ende­te Tat­sa­chen stell­ten, ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on; Kern wird sich mit ih­nen nichts ver­scher­zen wol­len, ei­nen neu­en in­ner­par­tei­li­chen Streit ist das letz­te was die SPÖ braucht).

    Rich­tig, Ka­ka­ni­en ist ab­gesakt und wer die Ver­hält­nis­se im Land än­dert, wird leicht ei­ne neue So­li­da­ri­sie­rung fin­den und ent­wer­fen kön­nen.

    * * *

    Noch zwei An­mer­kun­gen: Ei­ne na­tio­na­le Rech­te muss (wie ei­ne in­ter­na­tio­na­le Lin­ke, die nur aus an­de­ren Grün­den) ge­gen ei­nen in­ter­na­tio­na­len agie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus auf­tre­ten, weil die­ser al­le Bin­dun­gen auf­löst (und auf­lö­sen muss), um die Men­schen öko­no­misch ver­füg­bar zu ma­chen; um­ge­kehrt er­hof­fen sich vie­le Men­schen wohl Schutz in sol­chen Be­stre­bun­gen. Ge­ne­rell gilt: Je­de über­in­di­vi­du­el­le Bin­dung, je­de Ti­ef­en­er­zäh­lung setzt Re­fe­renz­punk­te und da­mit Sinn­erzäh­lun­gen jen­seits der Öko­no­mie (die ja ei­gent­lich nur ein Mit­tel zum Woh­le des Men­schen sein soll­te).

    Ja, di Fa­bio sieht wo das Pro­blem liegt: In Wahr­heit ist die Fra­ge nach ei­ner eu­ro­päi­schen Zu­sam­men­ar­beit nur ei­ne nach ih­rer Ge­stal­tung, nicht ei­ne prin­zi­pi­el­le (die Lin­ke will den Ka­pi­ta­lis­mus nicht, die Rech­te die Na­tio­nen er­hal­ten und die der­zei­ti­ge Po­li­ti­kereli­te ein [zu­nächst] vor al­lem öko­no­mi­sches Pro­jekt).

    * * *

    *Die­se Auf­zäh­lung ist selbst­ver­ständ­lich un­voll­stän­dig.

  16. Wie Keu­sch­nig an­deu­tet: Es wird bes­ser sein, die De­bat­te an­hand des Po­pu­lis­mus-Buchs fort­zu­set­zen.

    Nur kurz zwei oder drei Punk­te: Der Dienst­lei­stungs­sek­tor wird ein­bre­chen, kör­per­li­che Tä­tig­kei­ten wer­den noch mehr von Ma­schi­nen über­nom­men wer­den. Das heißt aber: noch viel hö­he­re Ar­beits­lo­sig­keit. Da­her das Pro­jekt (teilw. Rea­li­tät) ei­ner Grund­si­che­rung. Al­ler­dings frag­lich, wie auf Dau­er zu fi­nan­zie­ren. Im Grun­de be­stün­de im Über­flüs­sig­wer­den un­krea­ti­ver Ar­bei­ten ei­ne gro­ße Chan­ce (wie schon Marx pro­gno­sti­zier­te). Be­stimm­te Er­fah­run­gen, die auch die obi­ge Er­zäh­lung zum Aus­druck bringt, las­sen al­ler­dings zwei­feln, ob die­se Chan­ce ge­nutzt wer­den wird. Da spie­len dann ethi­sche, men­ta­le, päd­ado­gi­sche Fra­gen her­ein.

    Wie Me­tep­si­lo­n­e­ma Öster­reich be­schreibt (ich glau­be, zu­tref­fend), er­in­nert an das al­te Fort­wur­steln. Mu­sil hat es im »Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten« als ka­ka­ni­sches Grund­prin­zip dar­ge­stellt, und zwar mit al­ler Am­bi­va­lenz. Fort­wur­steln kann auf Dau­er ge­fähr­lich wer­den, al­le Krea­ti­vi­tät zer­stö­ren usw. Der »Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten« soll­te mit der Ka­ta­stro­phe des 1. Welt­kriegs en­den, aber Mu­sil hat das En­de des Ro­mans schrei­bend ver­scho­ben, jah­re­lang, noch zu Zei­ten, als be­reits der 2. Welt­krieg im Gan­ge war.