Mar­tin Gess­mann: Mit Nietz­sche im Sta­di­on

An­mer­kung zur Le­serun­de:

Der Text zu Gess­mann ist viel­leicht et­was lang ge­wor­den. Un­ge­dul­di­gen sei ge­sagt, dass der Pro­log »Fuß­ball und Po­li­tik« nicht zwin­gend für das Ver­ständ­nis der Äu­ße­run­gen zum Gess­mann-Buch ist. Es ist viel­leicht auch ein biss­chen un­fair, noch ein zwei­tes Buch ins Spiel zu brin­gen, aber ich konn­te nicht wi­der­ste­hen. Wer möch­te, kann den Pro­log über­sprin­gen und so­fort auf Auf­tritt der Phi­lo­so­phen klicken.

Pro­log: Fuß­ball und Po­li­tik (Nor­bert Seitz)

Als bei der Fuß­ball-WM 1998 Gast­ge­ber Frank­reich Welt­mei­ster wur­de, in­iti­ier­te Da­ni­el Cohn-Ben­dit, da­mals Mo­de­ra­tor der Schwei­zer Li­te­ra­tur­sen­dung »Li­te­ra­tur­club«, ei­ne »Spe­zi­al­sen­dung«, die dann tat­säch­lich ei­nen Tag nach dem End­spiel aus­ge­strahlt wur­de. Am Ort, an dem nor­ma­ler­wei­se über li­te­ra­ri­sche Neu­erschei­nun­gen dis­ku­tiert wur­de, lud der sicht- wie hör­bar auf­ge­wühl­te Mo­de­ra­tor vier Gä­ste ein, um über Par­al­le­len zwi­schen Fuß­ball und Po­li­tik und den viel­leicht hier­aus re­sul­tie­ren­den Kon­se­quen­zen zu disku­tieren.1 Cohn-Ben­dit führ­te die Run­de ziel­ge­rich­tet in ei­ne Dis­kus­si­on um ein Buch von Nor­bert Seitz mit dem Ti­tel »Dop­pel­päs­se«. Seitz’ Buch wur­de sei­ner­zeit stark re­zi­piert Der Ti­tel ist dop­pel­deu­tig. Zum ei­nen geht um den Dop­pel­pass zwi­schen Fuß­ball und Po­li­tik (das, was man hoch­tra­bend In­ter­de­pen­den­zen nen­nen könn­te), zum an­de­ren wird auf die Mög­lich­keit der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft an­ge­spielt, die En­de der 1990er Jah­ren in Deutsch­land für gro­ße Dis­kus­sio­nen sorg­te. Ver­kürzt lau­tet die The­se des Bu­ches, dass sich der Zu­stand und die po­li­ti­sche La­ge ei­ner Ge­sell­schaft (vul­go: Na­ti­on) in de­ren Fuß­ball­spiel spie­gelt (und um­ge­kehrt!).

Da wur­de, so die The­se, 1954 der Krieg für Deutsch­land in Bern nach­träg­lich ge­won­nen – mit ei­ner Mann­schaft, die Trai­ner und Tu­gen­den aus dem Drit­ten Reich über­nom­men hat­ten und nun prak­ti­zier­ten; dies­mal spiel­te al­ler­dings – im Ge­gen­satz zu Sta­lin­grad – das Wet­ter mit. 1974 wur­de ei­ne deut­sche Mann­schaft Welt­mei­ster, die den ge­sell­schaft­li­chen Auf­bruch im Geist der Zeit ver­kör­per­te. Und 1990 gab es die »En­er­gie« der Wieder­vereinigung (Cohn-Ben­dit), die ei­ner schlecht­spie­len­den, aber durch die Er­eig­nis­se selbst­bewussten Mann­schaft den Ti­tel brach­te – und den da­ma­li­gen Team­chef Franz Becken­bauer zu der Aus­sa­ge trieb, Deutsch­land wer­de nun auf un­be­stimm­te Zeit un­schlag­bar blei­ben (ein ve­ri­ta­bler Trug­schluss, der der Au­ra des »Kai­sers« dann aber doch nichts an­ha­ben konn­te).

Na­tür­lich spiel(t)en po­li­ti­sche Ein­flüs­se beim Fuß­ball im­mer ei­ne ge­wis­se Rol­le. Ei­sen­berg wies auf die Stär­ken au­to­ri­tä­rer und fa­schi­sti­scher Re­gime in den 1930er Jah­ren hin (bspw. Ita­li­en aber auch Deutsch­land), die al­lei­ne schon von gro­ßen fi­nan­zi­el­len Zu­wen­dun­gen pro­fi­tier­ten. Aber Seitz geht es um mehr als nur staat­li­che Gel­der oder ein­fa­che Wech­sel­wir­kun­gen. Es geht um Par­al­le­len zwi­schen dem Spiel von Fuß­ball­mann­schaf­ten und der po­li­ti­schen Ver­fasst­heit ei­ner Ge­sell­schaft.

Lei­den­schaft­lich ver­tei­dig­te Cohn-Ben­dit Seitz’ The­se und un­ter­brach fast im­mer bei Ein­wän­den sei­ner Gä­ste. Der Ti­tel von 1954 nur ein »Zu­fall« (Chri­stia­ne Ei­sen­berg)? »Quatsch!«. Als An­hän­ger der so­ge­nann­ten Mul­ti­kul­ti-Ge­sell­schaft pass­te es ja auch 1998 zu schön: Die fran­zö­si­sche Na­tio­nal­mann­schaft war das Spie­gel­bild der Einwanderungs­gesellschaft Frank­reich, die sich auch ent­spre­chend als sol­che stolz prä­sen­tier­te, mit Schwar­zen, Nord­afri­ka­nern und den »blanc«, den Wei­ßen. Hier ent­stand, so Cohn-Ben­dit fast eso­te­risch, ei­ne »Pro­duk­ti­ons­kraft«, ei­ne En­er­gie. Die »in­te­gra­ti­ve Mann­schaft« re­üs­sier­te auf dem Spiel­feld und mach­te so der Einwanderungsge­sellschaft, die auch in Frank­reich da­mals schon un­ter dem »Front Na­tio­nal« po­li­tisch un­ter Druck stand, al­le Eh­re.2 Der Ge­gen­satz da­zu war die her­me­ti­sche Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft Deutsch­land, die oh­ne Tür­ken und EU-»Gastarbeiter« spiel­te und sang- und klang­los im Vier­tel­fi­na­le ge­gen Kroa­ti­en auch noch als schlech­ter Ver­lie­rer aus­ge­schie­den war. Die ge­sell­schaft­li­che Blocka­de der Bun­des­re­pu­blik, ver­kör­pert durch Kohl, spie­ge­le sich, so Cohn-Ben­dit, im Spiel der deut­schen Mann­schaft.3 Im An­ge­sicht des tri­um­pha­len End­spiel­siegs von 3:0 ge­gen Bra­si­li­en ver­blass­te ein we­nig das zä­he Ach­tel­fi­nal­spiel ge­gen die de­fen­siv-de­struk­ti­ve Mann­schaft von Pa­ra­gu­ay, die Frank­reich erst mit ei­nem Gol­den Goal be­sie­gen konn­te. Aber auch sol­che Ein­wän­de prall­ten ab: So sei er eben, der Fuß­ball! Ei­ne tau­to­lo­gi­sche Er­klä­rung; wie so oft, wenn nichts an­de­res mehr hilft. Ver­ges­sen auch das zä­he Rin­gen mit Ita­li­en im Vier­tel­fi­na­le, dass erst im Elf­me­ter­schie­ßen für Frank­reich ent­schie­den wur­de.4

Ob­wohl die The­se ei­ni­gen Charme ha­be, be­zeich­ne­te Ste­phan Mül­ler Seitz da­mals als ei­nen »Wahr­schein­lich­keits­op­por­tu­ni­sten«. Bei ent­spre­chen­der Aus­le­gung wird man tat­säch­lich sehr vie­le zu­tref­fen­de Punk­te zu Seitz fin­den, was je­doch vor­aus­setzt, die nicht stim­mi­gen Bei­spie­le ent­we­der als Son­der­fäl­le an­zu­fer­ti­gen oder zu Aus­nah­men zu de­kla­rie­ren. Da wird dann et­was zu­sam­men­ge­dich­tet, was nicht im­mer ganz zu­sam­men­passt. So geht Seitz kaum auf die di­ver­sen Ti­tel süd­ame­ri­ka­ni­scher Mann­schaf­ten (ins­be­son­de­re Ar­gen­ti­ni­en 1976 und 1982 – ein­mal Dik­ta­tur, dann De­mo­kra­tie) ein, die mit die­ser The­se nicht zu er­klä­ren ist. Und es bleibt auch un­klar, war­um das in den 1960er Jah­ren un­ter­ge­gan­ge­ne Bri­tish Em­pi­re noch 1966 den WM-Ti­tel schaff­te. Schließ­lich: Deutsch­land er­rang noch 1996 mit dem zwei Jah­re spä­ter »ab­ge­wirt­schaf­te­ten« Sy­stem Vogts (Klin­ke) die Eu­ro­pa­mei­ster­schaft (wenn auch glanz­los).

Was die Dis­ku­tan­ten 1998 na­tür­lich nicht wis­sen konn­ten: 2000 wur­de Frank­reich Eu­ro­pa­mei­ster (noch stimmt’s al­so). 2005 brann­ten dann in Pa­ris die Vor­städ­te und 2010 gab es ei­nen of­fe­nen »Putsch« in der fran­zö­si­schen Na­tio­nal­mann­schaft ge­gen den Trai­ner. Der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus in­ner­halb der Mann­schaft hat da nichts ge­hol­fen; viel­leicht war un­ter dem selbst­herr­li­chen Coach, der die Nach­fol­ge des Mei­ster­trai­ners an­ge­tre­ten hat­te, eher das Ge­gen­teil der Fall? Na­tür­lich kann man hier auch Seitz »ret­ten«: Die Un­ru­hen in­ner­halb der fran­zö­si­schen Ge­sell­schaft sind in­fol­ge fal­scher Po­li­tik wie­der auf­ge­kom­men, aber 2006 hat­te die équi­pe tri­co­lo­re aber­mals die Chan­ce, Welt­mei­ster zu wer­den und un­ter­lag un­glück­lich im Zi­da­ne-Kopf­stoß-End­spiel ge­gen Ita­li­en.5

Auf­tritt der Phi­lo­so­phen

Martin Gessmann: Mit Nietzsche im Stadion

Mar­tin Gess­mann: Mit Nietz­sche im Sta­di­on

Auch Mar­tin Gess­mann knüpft zu­nächst schein­bar in sei­nem Es­say­band »Mit Nietz­sche im Sta­di­on« ei­ne Ana­lo­gie zwi­schen Fuß­ball und Po­li­tik, in­dem er die Aufgaben­verteilungen in ei­nem pro­fes­sio­nell ge­führ­ten Fuß­ball­ver­ein mit po­li­ti­schen Or­ga­nen ver­gleicht. So ist für ihn ein Trai­ner der Verfassungs­geber, der Ma­na­ger über­nimmt die Rol­le des Par­la­ments­prä­si­den­ten und der Ver­eins­prä­si­dent ist äqui­va­lent zum Staats­ober­haupt. Glücklicher­weise führt er die­se Be­trach­tun­gen nicht wei­ter, son­dern ent­deckt in der Ana­ly­se der Spiel­sy­ste­me ei­ne kon­zep­tio­nel­le Ver­bin­dung zwi­schen Fuß­ball und der Ge­sell­schaft. Ei­ne deut­li­che Ab­sa­ge er­teilt Gess­mann da­bei Theo­rien, die im Fuß­ball ei­ne Art Kom­pen­sa­ti­on für ar­chai­sche Ver­haltensweisen se­hen. Viel­leicht pas­siert dies ein biss­chen arg kur­so­risch, da sich bei­spiels­wei­se im­mer noch bel­li­zi­sti­sche Ele­men­te bis hin­ein in die Spra­che des Fuß­balls zei­gen. Aber sein Buch wür­de mit ei­ner aus­gie­bi­gen De­mon­ta­ge in die­ser Hin­sicht aus den Näh­ten ge­platzt sein.

Gess­mann be­schäf­tigt auch sich in sei­ner Struk­tur­ana­ly­se kaum mit den ver­gan­ge­nen Spiel­sy­ste­men, was sich im Lau­fe der Lek­tü­re als ein biss­chen pro­ble­ma­tisch zeigt. Das jahr­zehn­te­lang prak­ti­zier­te Spiel mit Li­be­ro hat sich (für ihn) längst er­le­digt. Hier er­klärt er Mar­tin Hei­deg­ger zum Kron­zeu­gen, der in den 60er und 70er Jah­ren wenn mög­lich sei­nen Lieb­lings­spie­ler Franz Becken­bau­er, den Li­be­ro par ex­cel­lence, im Fern­se­hen an­schau­te. Der »freie Mann«, ent­bun­den jeg­li­cher di­rek­ter Ab­wehr-Ver­pflich­tung, der aus dem Mit­tel­feld her­aus das Spiel of­fen­siv ma­chen konn­te – hier sah Hei­deg­ger, der in sei­ner Hy­bris ge­glaubt hat­te, den Füh­rer füh­ren zu kön­nen, das Füh­rer­prin­zip auf äs­the­ti­sche Art und Wei­se ver­wirk­licht. Aber be­reits in den 1970er Jah­ren sei die­ses hier­ar­chi­sche Spiel­sy­stem ob­so­let ge­we­sen, so Gess­mann. Die deut­sche Mann­schaft ha­be 1974 ge­gen die Nie­der­lan­de nicht we­gen son­dern trotz ih­res Sy­stems die Welt­mei­ster­schaft ge­won­nen. Die Nie­der­lan­de ha­be den bes­se­ren Fuß­ball ge­spielt, aber ver­lo­ren. Jo­han Cruyff ist für Gess­mann der Vor­rei­ter des schnel­len, do­mi­nanz­aus­strah­len­den Kurz­pass­spiels. Da­bei ver­gisst er, dass Cruyff da­mals nicht der Trai­ner war, son­dern in der doch ei­gent­lich »ver­al­te­ten« Rol­le als »Spiel­ma­cher« agier­te. Der Mann da­hin­ter, Trai­ner Ri­nus Mi­chels, kommt bei Gess­mann ge­nau so we­nig vor wie der Be­griff des »to­ta­len Fuß­balls«, den Mi­chels aus der hol­län­di­schen Fuß­ball­tra­di­ti­on fort­schrieb und per­fek­tio­nier­te und Cruyff dann spä­ter in Bar­ce­lo­na mo­di­fi­zier­te.

Der Ab­ge­sang auf die Li­be­ro-Spiel­wei­se hat sich in­zwi­schen längst um­fas­send durch­gesetzt, was Gess­mann als syn­onym für die Ver­än­de­run­gen in der Ge­sell­schaft sieht (hier streift er Seitz’ The­se). Ent­wor­fen wer­den nun drei ak­tu­el­le Spiel­sy­ste­me, die Gess­mann Phi­lo­so­phie­theo­rien zu­ord­net und dann ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen in ih­ren ge­spie­gelt sieht. Sie wer­den in sei­nem Buch nach der Ein­füh­rung in je ei­nem Ka­pi­tel aus­gie­big vor­stellt und ana­ly­siert.

Man kann sie wie folgt kur­so­risch zu­sam­men­fas­sen:

Li­be­ra­lis­mus

  • Ver­tre­ter: Jo­sé Mour­in­ho
  • Phi­lo­so­phi­sche Re­fe­renz: Tho­mas Hob­bes
  • De­fen­si­ve Grund­aus­rich­tung
  • Wett­be­werb der In­di­vi­du­en in­ner­halb der Mann­schaft
  • Ge­rin­ge Star­bil­dung mög­lich
  • Am En­de: Ge­sell­schafts­ver­trag mit Trai­ner als pri­mus in­ter pa­res
  • er­geb­nis­ori­en­tiert

Re­pu­bli­ka­nis­mus

  • Ver­tre­ter: Pep Guar­dio­la
  • Phi­lo­so­phi­sche Re­fe­renz: Jean-Jac­ques Rous­se­au
  • Ge­nau­es, prä­zi­ses Kurz­pass­spiel
  • Die Mann­schaft ist oh­ne Stars; al­le sind gleich
  • Das Sy­stem steht über dem Ruhm des Spie­lers und des Trai­ners
  • Tor­schie­ßen fast »lä­stig«

Äs­the­ti­zis­mus

  • Ver­tre­ter: Jür­gen Klopp
  • Phi­lo­so­phi­sche Re­fe­renz: Fried­rich Nietz­sche
  • Of­fen­si­ves Spiel, ho­he Lauf­be­reit­schaft mit »über­fall­ar­ti­gen« An­grif­fen
  • Pass­spiel mit gro­ßer Ge­schwin­dig­keit kom­bi­niert
  • In­kauf­nah­me ei­nes ho­hen Ri­si­kos (Kon­ter)
  • Schön­heit vor Er­geb­nis

In den je­wei­li­gen Ka­pi­teln führt Gess­mann den Le­ser an die ent­spre­chen­den phi­lo­­so­phisch-ge­sell­schaft­li­chen Grund­tex­te her­an, die sich dann im Spiel­stil spie­geln und da­bei die je­wei­li­gen Be­find­lich­kei­ten bzw. Men­ta­li­tä­ten zei­gen. Man mag die Ab­lei­tun­gen zum Teil sehr kon­stru­iert fin­den – aber hier­in liegt auch ein sym­pa­thi­scher Zug. Da­bei ist in je­dem Fall die Grund­the­se zu ak­zep­tie­ren, dass der Fuß­ball mehr ist als nur ein Spiel von 22 sehr oft sehr hoch be­zahl­ten Ball­tre­tern. Das Spiel sei, so Gess­mann, mit­ten in der Ge­sell­schaft an­ge­kom­men. In­tel­lek­tu­el­les Na­se­rümp­fen über den ein­sti­gen Pro­le­ten­sport führt hier nicht wei­ter.

So weit, so gut. Man lernt aus die­sem Buch ei­ni­ges. Manch­mal ist man von ei­ner Par­al­le­le zwi­schen phi­lo­so­phisch-ge­sell­schaft­li­cher The­se und dem ent­spre­chen­dem Spiel­sy­stem ver­blüfft. Gess­mann scheut sich auch nicht, schein­ba­re Wi­der­sprü­che zu sei­nen Ana­lo­gien zu er­wäh­nen. So re­kur­riert er auf das ultra-permissiv[e] Spiel der Nie­der­lan­de der 1970er Jah­re, wel­ches aber trotz sei­ner ver­meint­li­chen Fort­schritt­lich­keit nicht zu ei­nem Ti­tel ge­führt ha­be. Et­was schnell wischt Gess­mann die Über­ra­schung durch grie­chi­schen Mann­schaft, die 2004 mit Ot­to Reh­ha­gels »ver­al­te­tem« Sy­stem Eu­ro­pa­mei­ster wur­de, vom Tisch.

Die drit­te Per­son

Das li­be­ra­le Spiel­sy­stem mit sei­ner grund­sätz­li­chen Frei­heit, die je­der Spie­ler hier bean­spruchen darf, birgt die Ge­fahr des Eskalationspotential[s] des Star­kults. Nicht um­sonst kom­men die gro­ßen ego­ma­ni­schen Stars, die auf dem Platz für sich ei­nen Son­der­sta­tus be­an­spru­chen, mit dem re­pu­bli­ka­ni­schen Sy­stem Guar­dio­las, das noch viel mehr auf das Kol­lek­tiv zielt, über­haupt nicht klar. Zla­tan Ibra­hi­mo­vić, ein so­ge­nann­ter »Su­per­star«, der um sei­ne Qua­li­tä­ten sehr ge­nau weiß und ei­ner der best­be­zahl­te­sten Fuß­ball­spie­ler der Welt, kann mit Guar­dio­las Spiel­idee nichts an­fan­gen und be­zeich­ne­te sie als »Schei­ße für Fort­ge­schrit­te­ne«. Die­se Ab­nei­gung bleibt al­ler­dings nicht auf das Spiel­sy­stem des ka­ta­la­ni­schen Trai­ners be­zo­gen; auch mensch­lich ka­men die bei­den nicht zu­recht. Das sah bei Mour­in­ho an­ders aus, für ihn hät­te er »tö­ten« kön­nen.

Den­noch hat ein Star wie Ibra­hi­mo­vić auch im li­be­ra­len Spiel­sy­stem sei­ne Pro­ble­me, wenn er zu sehr sei­ne Al­lü­ren aus­le­ben möch­te. Li­be­ra­lis­mus be­deu­tet nicht lais­sez fai­re. Selbst hier soll der Weg von ei­nem Staren­sem­ble zu ei­nem Staren­sem­ble füh­ren. Mög­lich wird dies durch ein Ge­sell­schafts­ver­trag à la Hob­bes: Je­der gibt sein Recht auf al­les auf und da­mit sein Recht sich selbst zu re­gie­ren und über­trägt die­ses Recht auf ei­ne drit­te Per­son. Für Gess­mann ist die­se drit­te Per­son der Trai­ner, je­ner Spie­ler, der als ein­zi­ger nicht durch den an­ste­hen­den, ge­gen­sei­ti­gen Rech­te­ver­zicht und Nicht­an­griffs­pakt ge­bun­den ist. Er, der Trai­ner, bleibt die Aus­nah­me in der Al­lü­ren­ver­mei­dungs­re­gel, er muss es viel­leicht so­gar blei­ben, weil der Trai­ner ja aus ei­nem Ver­fah­ren als Be­gün­stig­ter und da­mit als ein ‘pri­mus in­ter (vor­mals) pa­res’ her­vor­ge­gan­gen ist und er ur­sprüng­lich al­so ein glei­cher un­ter glei­chen, ein Star un­ter Stars ge­we­sen sein muss.

Mour­in­ho ha­be sich über Jah­re hin­weg als ein Mei­ster der be­grenz­ten Mit­tel und des rei­nen Er­geb­nis­fuß­balls eta­bliert. Die »be­grenz­ten Mit­tel« er­schei­nen im An­ge­sicht der hoch­ka­rä­ti­gen Stars, die Mour­in­ho trai­niert hat und noch trai­niert eher ei­ne theo­re­ti­sche For­mu­lie­rung. In­ter­es­sant ist, dass das li­be­ra­le Spiel­sy­stem prak­tisch sy­stem­im­ma­nent rei­nen Er­geb­nis­fuß­ball prak­ti­zie­ren soll. Zwar stimmt dies ja tat­säch­lich – Mour­in­hos de­fen­si­ves Agie­ren, sein »Mau­er­fuß­ball«, macht ihn bei Fans an­de­rer Mann­schaf­ten per se schon un­be­liebt. Aber war­um dies ein spe­zi­fi­sches Kri­te­ri­um in ei­ner li­be­ra­len Spiel­form sein soll, leuch­tet nicht ganz ein, es sei denn man ar­gu­men­tiert mit den stark bean­spruchten phy­si­schen Res­sour­cen von Spie­lern im längst aus­ufern­den Spiel­zir­kus in Eu­ro­pa (Mei­ster­schaft, Po­kal, in­ter­na­tio­na­ler Wett­be­werb; Na­tio­nal­mann­schaft), was je­doch auch kein Spe­zi­fi­ka ei­nes Spiel­sy­stems dar­stellt.

War­um Gess­mann in der Be­schrei­bung des li­be­ra­len Mo­dells auf die Tat­sa­che hin­weist, dass die eu­ro­päi­schen Spit­zen­trai­ner der Ge­gen­wart zu gro­ßen Tei­len eher mit­tel­mä­ssi­ge bis schwa­che Spie­ler ge­we­sen sind, ist eben­falls nicht ganz nach­voll­zieh­bar. Zwar ist die Aus­sa­ge an sich in­ter­es­sant und wird auch an Bei­spie­len il­lu­striert (al­le drei Repräsen­tanten der Spiel­sy­ste­me, zu­sätz­lich wer­den er­wähnt: Tho­mas Tu­chel, Ralf Rang­nick, Ar­sè­ne Wen­ger, Ar­ri­go Sac­chi [man könn­te auch Joa­chim Löw nen­nen] – im Ge­gen­satz zu Becken­bau­er, Cruyff, Ber­ti Vogts bei­spiels­wei­se). Aber war­um es mit ei­nem spe­zi­el­len Spiel- bzw. Ge­sell­schafts­sy­stem in Ver­bin­dung ge­bracht wird, leuch­tet nicht ganz ein.

»… dann schau­en wir mal, ob wir ein Tor er­zie­len kön­nen«

Aus­gie­big und am aus­führ­lich­sten wid­met sich das Buch dem re­pu­bli­ka­ni­schen Spiel­mo­dell. Weit holt sein Au­tor aus und fin­det et­li­che Par­al­le­len zum Ge­sell­schafts­ent­wurf Jean-Jac­ques Rous­se­aus. Kurz und sehr ver­ein­fa­chend ge­sagt: Rous­se­aus »neu­er« Gesellschafts­vertrag »ver­län­gert« Hob­bes’ Kon­trakt. Die »drit­te Per­son« des Trai­ners, der die »Rech­te« der Spie­ler so­zu­sa­gen ko­or­di­niert und bün­delt, wird weit­ge­hend ab­ge­schafft zu Gun­sten ei­nes fast kol­lek­ti­vi­sti­schen Sy­stems, der Mann­schaft. Idea­ler­wei­se wird ein »Na­tur­zu­stand« er­reicht, der es –Rous­se­au! – den Spie­lern ge­stat­tet, ih­re Kräf­te und Eig­nun­gen oh­ne ein­engen­de Hier­ar­chien und oh­ne Ent­frem­dun­gen aus­zu­le­ben. Al­le müs­sen zum Sou­ve­rän über al­le wer­den. Es gibt kei­ne Stars mehr; ihr Ge­ha­be wä­re für das Spiel­sy­stem hin­der­lich und kon­tra­pro­duk­tiv. Die Mann­schaft wird zu ei­nem ein­zi­gen »Kör­per«; zum Kol­lek­tiv. Die Spie­ler »spie­len« im wört­li­chen Sin­ne. Gess­mann an­thro­po­mor­phi­siert das »Spiel­sy­stem«, wel­ches die Spie­ler in ei­ne Art Na­tur­zu­stand ver­setzt. Der Trai­ner bleibt dann zwar doch noch, aber eben nur ei­ne Art Ver­mitt­ler; ein »Coach«.

Ball­be­sitz, Kurz­pass­spiel; je­der Pass ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Mit­spie­ler. Guar­dio­las Sy­stem ist, wie er es aus­drückt, fast sim­pel: »Wir ha­ben den Ball, und jetzt wol­len wir mal se­hen, ob sie es schaf­fen, ihn uns wie­der ab­zu­neh­men. Wir spie­len ihn uns so oft wie mög­lich ge­gen­sei­tig zu, und dann schau­en wir mal, ob wir ein Tor er­zie­len kön­nen.« Das re­pu­bli­ka­ni­sche Spiel­sy­stem ent­fernt sich vom rei­nen Nütz­lich­keits­den­ken und Ergebnis­fußball. To­re­schie­ßen wird, wie Gess­mann ein­mal et­was süf­fi­sant er­klärt, fast »lä­stig«; es stört den kom­bi­na­to­ri­schen Spiel­fluss. Die Ge­gen­spie­ler kom­men gar nicht mehr an den Ball. Be­vor sie rea­li­siert ha­ben, wer den Pass er­hal­ten soll, hat der Pass­emp­fän­ger be­reits wie­der ab­ge­spielt. Ein 0–10‑0 ist das Ide­al die­ses Spiels, dass nach au­ßen ei­ne ex­trem ho­he Ball­be­sitz­quo­te zeigt. Am En­de soll die Spiel­wei­se den Spie­ler ein­ge­pflanzt sein; nichts darf mehr da­von ab­len­ken, was auch da­zu führt, dass die Aus­ein­an­der­set­zung mit an­de­ren Spiel­sy­ste­men ver­mie­den wird.

Das re­pu­bli­ka­ni­sche Spiel­sy­stem ha­be die Phy­sik des Spiels voll­kom­men ver­än­dert, so Gess­mann. Auf die drit­te Di­men­si­on – das Kopf­ball­spiel – wer­de fast voll­stän­dig ver­zich­tet; Stan­dard-Si­tua­tio­nen (Eck­bäl­le, Frei­stö­sse) nicht als Her­ein­ga­ben für be­son­ders groß­ge­wach­se­ne Spie­ler kon­zi­piert und in der Re­gel kurz ge­schla­gen. Die »Recken« der Ab­wehr, die bei Stan­dards in den Straf­raum kom­men um mit dem Kopf ein Tor zu er­zie­len, ha­ben aus­ge­dient. Die Raum­di­men­si­on geht bei die­sem Spiel­sy­stem in die Flä­che. Hier wer­den klei­ne­re, tech­nisch ver­sier­te Spie­ler be­vor­zugt.

Gess­mann zeigt auch, wie die mensch­li­chen Ei­gen­schaf­ten und Um­gangs­for­men der Spie­ler in der Ju­gend­ar­beit bei­spiels­wei­se des FC Bar­ce­lo­na ge­formt wer­den (die Jo­hann Cruyff üb­ri­gens be­grün­de­te). Be­neh­men, De­mut, Be­schei­den­heit, Team­geist wer­den par­al­lel zur fuß­bal­le­ri­schen Tech­nik ge­lehrt. Spie­ler müs­sen vom Kol­le­gen zum Ka­me­ra­den wer­den. Es be­kommt et­was sek­tie­re­ri­sches. Al­les ist lang­fri­stig an­ge­legt; auch in den Pro­fi­ver­ei­nen. Kurz­fri­sti­ge Spie­ler­ver­trä­ge und all­zu gro­ße Fluk­tua­tio­nen in­ner­halb des Mannschafts­gefüges sind un­er­wünscht. Was dann al­ler­dings streng ge­nom­men wie­der ge­gen Rous­se­aus »Na­tur­zu­stand« spre­chen wür­de.

Den Aus­druck »re­pu­bli­ka­nisch« für die­ses Spiel­sy­stem hat Gess­mann gut ge­wählt. Es steht im kras­sen Ge­gen­satz zum »mon­ar­chi­schen« Spiel­sy­stem mit Li­be­ro, Führungs­spieler, Stoß­stür­mer und »Was­ser­trä­gern«, die den an­de­ren zu­zu­ar­bei­ten ha­ben. In­ter­es­sant am Ran­de, dass der FC Bar­ce­lo­na und auch Pep Guar­dio­la sich als Ver­tre­ter ei­nes ka­ta­la­ni­schen Se­pa­ra­tis­mus zei­gen.

Wie­der ma­gi­sche Mo­men­te

Schließ­lich wid­met sich Gess­mann dem Äs­the­ti­zis­mus, den er, was über­rascht, mit der Ka­pi­ta­li­sie­rung des Fuß­balls ver­bin­det. Ganz am En­de ver­sucht er, dies auf­zu­klä­ren. Ge­meint ist nicht die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls per se mit Sen­de­rech­ten, Ablöse­summen, Wer­be­ein­nah­men und Spie­ler­ge­häl­tern. Den Tem­po- und Ri­si­ko­fuß­ball des äs­the­ti­schen Spiel­sy­stems ver­gleicht mit dem Hoch­fre­quenz­han­del an den Bör­sen – dies ist ei­ne Ana­lo­gie, mit der ich gro­ße Schwie­rig­kei­ten ha­be und die mir nicht schlüs­sig er­scheint.

Kron­zeu­ge für das äs­the­ti­sche Spiel ist Jür­gen Klopp und Bo­rus­sia Dort­mund. Die Ein­lei­tung zu die­ser Be­trach­tung ist durch­aus dop­pel­deu­tig an­ge­legt, denn wenn Gess­mann schreibt, dem Fuß­ball droh­te die Lan­ge­wei­le und der Ver­lust der ma­gi­schen Mo­men­te so kann dies auch auf das Guar­dio­la-Spiel zu­rück­ge­schlos­sen wer­den. Klopp hat nun Nietz­sches Elan der Re­vo­lu­tio­nen auf das Spiel­feld ge­bracht, zeigt Kampf-Fuß­ball mit Bolz­platz­pa­thos. Das nennt Gess­mann Wil­lens­fuß­ball und wer da­bei nicht an Nietz­sche denkt, ist dann end­gül­tig sel­ber schuld. Die Dia­lek­tik apol­li­nisch und dio­ny­sisch ver­wen­det Gess­mann er­staun­li­cher­wei­se nicht, könn­te man doch hier­an den Er­geb­nis­fuß­ball des li­be­ra­len Mo­dells dem Klopp-Sy­stem ent­ge­gen­set­zen.

Klopps en­er­ge­ti­sche Auf­la­dung des Spiels ist von den Spie­lern eben­so ver­in­ner­licht wie Guar­dio­las »Hal­len­hand­ball­spiel« vor des Geg­ners Straf­raum. Das Ge­gen­pres­sing er­folgt auf den Pass, nicht auf den Mann. Die An­grif­fe wer­den über­fall­ar­tig in­iti­iert. Kur­ze Päs­se gibt es da­bei eben­so wie lan­ge, die al­ler­dings sehr prä­zi­se aus­ge­führt wer­den müs­sen, da­mit durch ei­nen Ball­ver­lust der Geg­ner kei­nen Kon­ter be­gin­nen kann, da al­le Spie­ler auf­ge­rückt sind. In Klopps Spiel­sy­stem bleibt die drit­te Di­men­si­on, der Luft­raum, er­hal­ten. Im­mer wie­der wird ge­bets­müh­len­ar­tig vom Um­schalt­spiel ge­schwa­felt, dass die Dort­mun­der be­herr­schen. Da­bei ist es um­ge­kehrt, wie Gess­mann en pas­sant ei­ne Re­por­ter­phra­se de­co­u­vriert: Das Um­schalt­spiel be­herrscht die Dort­mun­der. Das äs­the­ti­sche Spiel­sy­stem wird mit Hoch­ge­schwin­dig­keit ge­spielt und ist mit ho­hem Ri­si­ko ver­bun­den. Die Lauf­be­reit­schaft, das Sprin­ten von ei­nem En­de des Plat­zes zum an­de­ren – nir­gends sind die­se Spiel­wei­se so wich­tig wie hier. Die­ses Spiel­sy­stem for­dert und för­dert die krea­ti­ve Ent­fal­tung des Men­schen.

Es be­steht kein Zwei­fel, dass Gess­mann, der sich so neu­tral wie mög­lich gibt, das äs­the­ti­sche Spiel­sy­stem be­vor­zugt. Das ist auch kein Pro­blem; die Sy­ste­me, wie Gess­mann sie sieht, wer­den mit phi­lo­so­phi­schen Ana­lo­gien weit­ge­hend gleich­ran­gig be­han­delt. Man­ches Bild sticht nicht; an­de­res ist er­hel­lend. Das Grund­pro­blem des Bu­ches liegt in sei­ner Ge­ne­ra­li­sie­rungs­ten­denz. Zwar wird va­ge an­ge­deu­tet, dass die­se Sy­ste­me nur ei­ne Be­stands­auf­nah­me des Sta­tus quo sind. Gess­mann ver­steift sich zu sehr auf die drei Prot­ago­ni­sten oh­ne auch an­de­re wich­ti­ge Kon­zep­te, die un­ter Um­stän­den Misch­for­men dar­stel­len, auch nur an­zu­spre­chen. Fast schon merk­wür­dig, dass ei­ner der maß­geb­li­chen Ver­fech­ter und Wei­ter­ent­wick­ler der re­pu­bli­ka­ni­schen »Tiki-Taca«-Spielmethode, der spa­ni­sche Na­tio­nal­trai­ner Vin­cen­te del Bos­que, bei Gess­mann kei­ne Be­ach­tung fin­det. Ne­ben der tak­ti­schen und stra­te­gi­schen Aus­rich­tung liegt das Ver­dienst del Bos­ques ja vor al­lem auch dar­in, die bei­den gro­ßen ri­va­li­sie­ren­den lands­mann­schaft­li­chen »Blöcke« in­ner­halb des Teams – die Ka­ta­la­nen und die »Spa­ni­er« – be­frie­det zu ha­ben. Ähn­lich lie­ße sich ge­wiss auch von Ai­mé Jac­quet sa­gen, der 1998 mit Frank­reich den Ti­tel ge­wann und die Ein­wan­de­rer­frak­ti­on mit den »Ein­hei­mi­schen« zu­sam­men­füg­te. Wo­mit man dann über ei­nen klei­nen Um­weg doch wie­der bei Seitz vor­bei­ge­kom­men wä­re. Und was ist ei­gent­lich mit Joa­chim Löw, der im Buch nur als tak­ti­scher und stra­te­gi­scher Kopf hin­ter dem Mo­ti­va­tor Klins­mann bei der WM 2006 vor­kommt? Löws Spiel­wei­se zeigt ja gro­ße Par­al­le­len zum re­pu­bli­ka­ni­schen Sy­stem.

Auch nichts zu Car­lo An­ce­lot­tis Spiel­wei­se, dem ak­tu­el­le Trai­ner von Re­al Ma­drid. Ent­ge­gen der gän­gi­gen Dok­trin, in der je­der Feld­spie­ler prak­tisch si­tua­tiv je­de Po­si­ti­on spie­len muss, sind bei ihm zwei Spie­ler, die »Stars« Cri­stia­no Ro­nal­do und der Stoß­stür­mer Ka­rim Ben­ze­ma, von Ab­wehr­auf­ga­ben weit­ge­hend be­freit. Ähn­li­ches fin­det sich auch in der schwe­di­schen Na­tio­nal­mann­schaft, die ih­ren Su­per­star Ibra­hi­mo­vić auch von de­fen­si­ven Auf­ga­ben ent­bun­den hat­te (ob dies da­zu führ­te, dass man nicht bei der WM 2014 da­bei ist?). Dies ist ei­ne Ele­ment, dass ver­däch­tig an die »mon­ar­chi­sti­schen Zei­ten« er­in­nert, wenn auch die Spiel­an­la­ge an­son­sten sehr mo­dern ist.

Was auch fehlt: Spiel­sy­ste­me aus nie­de­ren Li­gen. Wie spielt Han­sa Ro­stock ge­gen Un­ter­ha­ching in der 3. Li­ga? Oder Rot-Weiß Es­sen ge­gen Ober­hau­sen im Pott-Du­ell in der Re­gio­nal­li­ga West? Gess­mann ori­en­tiert sich zu stark am Spit­zen­fuß­ball. Wo­mög­lich be­trach­tet er die drei dif­fe­ren­ten Spiel­mo­di als Ober­be­grif­fe. An­de­re Sy­ste­me, die im­mer wie­der ja nach Spiel­si­tua­ti­on auf­tau­chen, wie den be­rühm­ten Ca­tenac­cio oder der Vor­läu­fer des mo­der­nen Spiels, die so­ge­nann­te Rau­te, wür­den dann als un­ter­ge­ord­ne­te »Zwi­schen­sy­ste­me« fun­gie­ren. Ei­nen ent­spre­chen­den Hin­weis dar­auf hät­te man schon ger­ne ge­le­sen. Man darf aber auch nicht ver­ges­sen, dass Gess­mann kein Fuß­ball-Tak­tik­buch ge­schrie­ben hat und sich da­her ver­mut­lich be­wusst nicht ins De­tail ein­lässt.

Sehr be­dau­er­lich, dass ne­ben den feh­len­den Hin­wei­sen auf Vor­spie­ler des re­pu­bli­ka­ni­schen Sy­stems auch die hi­sto­ri­schen Par­al­le­len zum äs­the­ti­schen Spiel, die im­mer wie­der in der Bun­des­li­ga auf­flacker­ten, gänz­lich un­be­rück­sich­tigt blei­ben. In den 70ern galt vor al­lem Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach und in der er­sten Hälf­te der 80er der Ham­bur­ger SV als Ver­tre­ter je­nes Dau­er­be­gei­ste­rungs­fuß­ball à la Klopp heu­te. Trai­ner wie Hen­nes Weis­wei­ler und Ernst Hap­pel spiel­ten nietz­schea­ni­schen Fuß­ball, wäh­rend Bay­ern Mün­chen und vor al­lem Trai­ner Udo Lat­tek für das er­geb­nis­ori­en­tier­te Spiel stan­den. Der ak­tu­ell von Bo­rus­sia Dort­mund prak­ti­zier­te Fuß­ball ist nicht ganz neu er­fun­den wor­den.

Statt sich die zu­wei­len doch eher lang­wei­li­ge Vor­be­richt­erstat­tung zu den Spie­len an­zu­tun, emp­feh­le ich – bei al­ler Kri­tik – Gess­manns Buch als in­tel­lek­tu­el­len Wach­ma­cher. Es ist we­der li­be­ral, noch re­pu­bli­ka­nisch, son­dern – in An­leh­nung an Nietz­sche – dio­ny­sisch und da­mit ganz nah beim äs­the­ti­schen Hoch­ri­si­ko­fuß­ball.

Und dann bleibt ja im­mer noch das »ul­ti­ma­ti­ve« phi­lo­so­phi­sche End­spiel mit dem wich­tig­sten Satz der Fuß­ball­re­por­ter­ge­schich­te über­haupt: »Becken­bau­ers Auf­stel­lung über­rascht ein we­nig«.

Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­che­nen Buch von Mar­tin Gess­mann


  1. Zu Gast waren die Historikerin Christiane Eisenberg, der Theaterregisseur und –intendant Stephan Müller, Johnny Klinke, der als "Lebenskünstler" vorgestellt wurde (er betreibt ein Varieté-Theater in Frankfurt, der Heimatstadt Cohn-Bendits) und der Schriftsteller Thomas Hürlimann

  2. Dabei hatte Cohn-Bendit vermutlich den Aufsatz von Lucas Delettre, einem ehemaligen "Le Monde"-Korrespondenten in Bonn, überlesen, der sich in Seitz' Buch mit der französischen Nationalmannschaft und deren Chancen beschäftigte, eine Art Wagenburgmentalität Frankreichs ausmachte und am Ende feststellte: "Inwieweit wollen wir, inwieweit können wir uns von der Globalisierung des Sports abkapseln?" 

  3. Auch den sehr feinen Aufsatz von Jochen Leinemann aus Seitz' Buch hatte er vielleicht nicht präsent. Während Seitz in seinen Texten kaum ein gutes Haar an Vogts ließ und ihn kongenial zum ungeliebten Kanzler Kohl rückte, schrieb Leinemann fast eine Hommage auf den ehemaligen "Terrier" Vogts. 

  4. Auch Brasilien quälte sich gegen die Niederlande im Halbfinale und gewann erst nach Elfmeterschießen. 

  5. Norbert Seitz: Doppelpässe

    Norbert Seitz: Doppelpässe

    "Doppelpässe" ist dennoch heute größtenteils sehr gut lesbar, auch wenn Seitz, wie Helmut Böttiger feststellt, sehr "sozialdemokratisch" argumentiert. Einige Beiträge von Politikern sind erschreckend langweilig. Aber es gibt auch sehr schöne und instruktive Aufsätze über den spanischen, französischen und holländischen Fußball – alle natürlich nur bis 1997. Und Seitz' Bemerkungen zum Ruhrgebiets-Fußball und die oft abenteuerlich-spitzbübischen Konstrukte auf seine These hin, sind interessant und amüsant, auch wenn er gelegentlich bestimmten Klischees – Borussia Mönchengladbach als rebellische Mannschaft darzustellen etwa - aufsitzt. Die paar Euro, die es im Antiquaritat kostet, versprechen durchaus Vergnügen. 

41 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was jetzt schrei­ben, wenn der Blog­bei­trag ziem­lich weit­ge­hend mit mei­ner ei­ge­nen Wahr­neh­mung über­ein­stimmt?
    Ich ha­be das Buch mit Ge­winn ge­le­sen, auch (oder ge­ra­de weil?) ich mich fast auf je­der Sei­te über den Au­tor ge­är­gert und auf­ge­regt ha­be. Su­per-Ideen, zum Bei­spiel die zum Zu­sam­men­hang von mas­sen­me­dia­ler und in­for­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lung und Fuß­ball­tak­tik ver­folgt er lei­der gar nicht – da wä­re auch ei­ne in­ter­es­san­te Par­al­le­le zu Än­de­run­gen in der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on von Un­ter­neh­men und zur In­stal­la­ti­on des Krea­tiv-Dis­po­si­tivs durch­zu­spie­len.
    Je län­ger ich dar­über nach­ge­dacht ha­be, de­sto in­ter­es­san­ter fin­de ich Gess­manns (Hypo)These –nur über­zeu­gen mich sei­ne ei­ge­ne Aus­füh­rung und Bei­spie­le nicht be­son­ders. Zen­tra­le Ein­wän­de hat @Georg Keu­sch­nig schon for­mu­liert.
    Ich wür­de noch wei­ter ge­hen: Da feh­len ne­ben den To­tal­voet­bal-Leu­ten Ri­nus Mi­chels und Ernst Hap­pel (dann HSV) die zen­tra­len Fi­gu­ren He­le­nio Her­re­ra (Ca­tenac­cio UND Li­be­ro-Mit­er­fin­der! und wenn man sich sei­nen Trai­ner­stil so an­schaut, dass di­rek­te Vor­bild für Mour­in­ho) so­wie Wiktor Ma­s­low (Er­fin­der des Pres­sings und des 4–4‑2-Systems) und Wa­lerij Lo­ba­now­skyj (der Mann, der das al­les mit da­ten­bank-ge­stütz­ter Sport­wis­sen­schaft und Tak­tik-Aus­kla­mü­se­rung per­fek­tio­niert hat) – als Trai­ner von Tor­pe­do Mos­kau und Dy­na­mo Kiew – in der So­wjet­uni­on, un­ter Sta­lin und Bre­schnew. Gess­manns schnip­pi­sche Be­mer­kun­gen über den Ro­bo­ter­fuss­ball von Ost­block-Mann­schaf­ten ge­hen da völ­lig an de­ren Be­deu­tung für die Tak­tik-Ent­wick­lung vor­bei – da­bei wä­re es ja ge­ra­de in­ter­es­sant zu über­le­gen, war­um die bei­den tak­tisch ganz ähn­li­chen An­sät­ze von Ajax Am­ster­dam und Dy­na­mo Kiew in so ganz un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Sy­ste­men ent­ste­hen konn­ten. (Zu­mal Rang­nick und Löw von de­nen viel ge­lernt ha­ben, wäh­rend des Win­ter­trai­nings von Dy­na­mo Kiew in der Sport­hoch­schu­le Ruit – sagt zu­min­dest Bier­kamnn von den 11Freunden.) Völ­lig ver­lu­stig ge­gan­gen sind au­ßer­dem die süd­ame­ri­ka­ni­schen Fuß­ball­na­tio­nen, die ja auch was kön­nen.
    Das bringt mich auch zu et­was, was mich wirk­lich an Gess­mann nervt: der ins gön­ner­haf­te nei­gen­de Sport­re­por­ter-Ton, den er für mei­nen Ge­schmack ein biss­chen zu oft an­schlägt – und dann sind wir trotz po­li­tik­phi­lo­so­phi­scher Hoch­rü­stung doch all­zu­oft auf dem Be­la Rethy-Ni­veau, wo der Spa­ni­er im­mer schön spielt, der Rus­se un­krea­tiv-ro­bo­ter­haft, der Eng­län­der ein sau­fen­der Proll ist etc. Von den graus­li­gen Plat­ti­tü­den zur Kunst‑, Kul­tur- und po­li­ti­schen Ge­schich­te schwei­ge ich jetzt mal.
    Mit an­de­ren Wor­ten: Um selbst zu den­ken und zu dis­ku­tie­ren ein sehr gu­ter An­re­ger, als Aus­weis der phi­lo­so­phi­schen und fuss­ball­hi­sto­ri­schen Kom­pe­tenz von Gess­mann eher schwach.

  2. Mein Re­sü­mee in al­ler Kür­ze:
    Mein Ein­druck vom Buch ist zwie­späl­tig. Ei­ner­seits ha­be ich mit Ge­winn ge­le­sen, ist mir durch die Zu­spit­zun­gen oder Ver­ein­fa­chun­gen ei­ni­ges kla­rer ge­wor­den. Als WM-Vor­be­rei­tung ist das schon ‘mal ein ge­winn! An­de­rer­seits stö­ren mich auch die Ver­ein­fa­chun­gen, die Eng­füh­rung bzw. Zu­ord­nung al­ler rea­len Sti­le, Zwi­schen­sti­le, Stil­brü­che und Kud­del­mud­del auf die drei Ty­pen Li­be­ra­lis­mus, Re­pu­bli­ka­nis­mus und Äs­the­ti­zis­mus. Hin­zu kom­men die von Gre­gor Keu­sch­nig ge­nann­ten fuss­ball­be­zo­ge­nen Fehl­stel­len.

    Täu­sche ich mich, oder fin­det Gess­mann den »re­pu­bli­ka­ni­schen Stil« am be­sten? Mir be­rei­tet die­ses Sy­stem in der Pra­xis und beim Le­sen in Gess­manns Be­schrei­bung eher Un­be­ha­gen, es ist mir nach der Lek­tü­re gar noch »un­mög­li­cher« ge­wor­den. (Das Sy­stem bzw. das Kol­lek­tiv sei al­les, der Ein­zel­ne nichts... Es funk­tio­niert nur wenn kei­ner aus der Rei­he tanzt, in der Pra­xis al­so gar nicht.)

    Ich bin mir nach der Lek­tü­re (des Bu­ches und der kur­so­ri­schen Zu­sam­men­fas­sung hier oben) al­so noch si­che­rer ge­wor­den, das mei­ne Sym­pa­thie dem Sy­stem Mour­in­hos ge­hört – und dem von Klopp.

    (Die Reck­witz-An­mer­kun­gen er­hö­hen mei­nen Sta­pel zu le­sen­der Bü­cher.)

  3. Reck­witz kann ich nur emp­feh­len!
    Und an­schei­nend hat Gess­mann Zu­gang zu Herrn Löw oder Herr Löw hat das Buch ge­le­sen: Löw hat wohl vor – wenn man mal die nom­mi­nier­te Mannsch­schaft an­schaut – Deutsch­land oh­ne Stür­mer spie­len zu las­sen: al­so 4–6‑0. Auf dem di­rek­ten Weg zum 0–11‑0, oder?

  4. Ja, auf dem di­rek­ten Weg zum 0-10-0. Gess­manns Aus­füh­run­gen ha­ben mich dar­in be­stärkt, dass Löw ver­sucht das spa­ni­sche re­spek­ti­ve ka­ta­la­ni­sche Spiel wenn nicht zu ko­pie­ren, so doch sich dar­an an­zu­glei­chen. Da­her se­hen dann auch ge­le­gent­lich die Dort­mun­der schlech­ter aus, die im­mer noch mal ei­nen ho­hen Ball schla­gen wol­len, was wohl un­ter Stra­fe ver­bo­ten zu sein scheint. Eck­bäl­le brin­gen eher Ge­fahr für den Geg­ner (Kon­ter) und Straf­stö­sse wer­den zu Glücks­schüs­sen, die wenn, dann nur di­rekt ver­wan­delt wer­den.

    Aber wel­chen Stür­mer gibt es der­zeit für D? Die ak­tu­el­le Tor­schüt­zen­li­ste zeigt ne­ben Reus nur Kieß­ling, und der ist ja schon län­ger Löw-non-gra­ta. Mül­ler ist da­bei, Kru­se, der Platz 4 in der »Scorer-Li­ste« der Sai­son ein­nimmt, wur­de gar nicht erst be­rück­sich­tigt. Auch La­sog­ga fehlt (das kann ich ver­ste­hen) und Hahn.

    Dass Löw jetzt nur halb­wegs kör­per­lich fit­te Spie­ler mit­nimmt, wird sich rä­chen.

  5. Hat Löw sich über Mül­lers Kopf­ball­tor nach von Boa­teng ir­gend­wie ge­schla­ge­ner Flan­ke ent­täuscht ge­zeigt? Ein glat­tes Stil­bruch-Tor. Oder?

  6. Ich bin mal ge­spannt, wie die Spa­ni­er spie­len wer­den. Ich hat­te den Ein­druck, da hat sich el to­que aka ti­ki-taka schon wie­der deut­lich wei­ter ent­wickelt – und nicht in die Dort­mun­der Rich­tung (die ja in den letz­ten Spie­len auch nicht mehr Nietz­sche-Fuß­ball ge­spielt ha­ben). Viel­leicht wird die WM ja auch die Rück­kehr des Ca­tenac­cio.

  7. Ei­ne kur­ze (per­sön­lich ge­färb­te) Ein­schät­zung mei­ner­seits, oh­ne den Aus­gangs­text oder an­de­re Stel­lung­nah­men ge­le­sen zu ha­ben.

    Die The­se, dass wir uns auch für Fuß­ball in­ter­es­sie­ren, »weil wir ver­ste­hen wol­len, wie Ge­sell­schaft funk­tio­niert« (Sei­te 7) konn­te ich vor­her nicht nach­voll­zie­hen und kann es auch nach­her nicht (ich könn­te auch kein ein­zi­ges Bei­spiel aus mei­nem per­sön­li­chen Um­feld nen­nen). — Mein (ein­ge­schränk­tes) In­ter­es­se an die­sem Sport war und ist ganz ba­nal (die Hoff­nung ein span­nen­des, schö­nes Spiel zu se­hen, in dem ei­ni­ge To­re fal­len; mit ei­ner Mann­schaft mit­zu­fie­bern; und ein di­let­tan­ti­sches, mitt­ler­wei­le ver­gan­ge­nes Hob­by­sport­in­ter­es­se).

    Ich hät­te mir ei­nen sy­ste­ma­ti­sche­ren Auf­bau ge­wünscht: Zu­nächst nur vom Fuß­ball aus­ge­hend und da­nach die Po­li­tik­theo­rie hin­zu­neh­mend; so geht es mir manch­mal et­was zu sehr durch­ein­an­der; mir ist auch die Er­kennt­nis­rei­hen­fol­ge we­nig ver­ständ­lich (Was kön­nen die Par­al­le­len be­deu­ten, wenn es nur Kor­re­la­tio­nen wä­ren? Oder sind sie nur als sol­che an­zu­se­hen? Was be­deu­tet das dann für Gess­manns Ver­such?). — Trotz­dem sind die fuß­bal­le­ri­schen Cha­rak­te­ri­sie­run­gen für sich schon er­hel­lend (aber braucht es da­für die Po­li­tik­theo­rie?).

    Sprach­lich war ich ab und an mit ei­ni­gen For­mu­lie­run­gen nicht ein­ver­stan­den, zu vie­le Wor­te, zu we­nig Ge­halt (bzw. zu as­so­zia­tiv).

    So bleibt ein zwie­späl­ti­ger Ein­druck zu­rück, der schon im Ti­tel (für den Gess­mann viel­leicht nichts kann) an­ge­deu­tet ist. Oder an­ders aus­ge­drückt: Das Fuß­bal­le­ri­sche fand ich im­mer sehr or­dent­lich, aber ob bei­des zu­sam­men­geht, da bin ich mir nicht si­cher (und ich glau­be, dass sich der Fuß­ball von den öko­no­mi­schen Aspek­ten kom­mend auch an­ders ana­ly­sie­ren lie­ße und dass das dann wie­der an­de­res, wo­mög­lich we­ni­ger er­freu­li­ches über die­sen Sport, sein Um­feld und uns selbst sa­gen wür­de).

  8. Der Ge­dan­ke, dass wir aus der Tak­tik und Stra­te­gie des Fuß­ball­spiels die Ge­sell­schaft so­zu­sa­gen er­ken­nen kön­nen, ist na­tür­lich kühn. Das löst Gess­mann ja auch nicht ein. Statt­des­sen sucht er Ana­lo­gien zwi­schen phi­lo­so­phi­schen Kon­zep­ten und dem Spiel auf dem Ra­sen, die er denn mehr oder we­ni­ger kunst­voll ver­knüpft.

    Un­be­frag­bar ist für Gess­mann an­schei­nend die kom­mer­zi­el­le Ver­mark­tung des Spiels mit ih­ren zum Teil ab­sur­den Aus­wüch­sen. Auch die ma­fiaar­ti­ge Struk­tur des Welt­fuss­ball­ver­eins kommt bei ihm nicht vor. Sein Ein­wand könn­te sein, dass sich dies auf dem Ra­sen we­der di­rekt noch in­di­rekt zeigt. Da­bei wä­re es aber doch in­ter­es­sant, war­um man sich tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten (Vi­deo­be­weis, Tor­li­ni­en­tech­nik) so der­art ve­he­ment ver­schliesst. Ich er­in­ne­re mich an Aus­sprü­che von hoch­be­zahl­ten Fuß­ball­spie­lern, Ma­na­gern und auch Trai­nern, die hier­auf frei­wil­lig ver­zich­ten möch­ten, weil der Fuß­ball sonst ir­gend­et­was ein­bü­ssen wür­de. Am skur­ril­sten war die Aus­sa­ge von Tho­mas Mül­ler, der sinn­ge­mäss mein­te, der Fuß­ball bie­te kei­nen Stoff für Dis­kus­sio­nen mehr, wenn der Schieds­rich­ter tech­ni­sche Un­ter­stüt­zung er­fah­ren wür­de. Das ist na­tür­lich voll­kom­me­ner Blöd­sinn.

    Die Tech­nik­ver­wei­ge­rung hat na­tür­lich mit ei­nem ge­wis­sen Bild zu tun, dass ver­mit­telt wer­den soll: Das Bild des ar­chai­schen, al­len Zeit­läuf­ten trot­zen­den Spiels. So wie der Pro­fi­fuß­ball sehr lan­ge nur »un­ter dem Tisch« statt­fand und die Il­lu­si­on des eh­ren­haf­ten Kickers bis in die 80er Jah­re hin­ein ge­pflegt wur­de, wo soll die Il­lu­si­on des Bolz­plat­zes ak­ti­viert blei­ben. Da­durch wird die Kom­mer­zia­li­sie­rung auf dem Ra­sen noch wei­ter aus­ge­blen­det. Ich ha­be nach ei­nem ver­lo­re­nen Spiel noch nie­mals ei­nen Spie­ler ge­hört, der be­klag­te, jetzt kei­ne Sieg­prä­mie zu er­hal­ten. Es ging im­mer um Eh­re und Ti­tel.

  9. (Et­was spät, und ich hof­fe, das war nicht schon das Schluss­wort von Gre­gor Keu­sch­nig): Mein Ein­druck vom Buch deckt sich weit­ge­hend mit dem Kom­men­tar von Me­tep­si­lo­n­e­ma. Ich ha­be es aus ei­ner ge­wis­sen Ah­nungs­lo­sig­keit her­aus ge­le­sen – al­so ich schaue mir schon gern ab und an ein schö­nes Spiel an, weiß aber z. B. kaum et­was über zu­rück­lie­gen­de Ent­wick­lun­gen in den 60er oder 70er Jah­ren. In­so­fern war mir Vie­les neu, die Dar­stel­lung der un­ter­schied­li­chen Sti­le der Trai­ner (Mour­in­ho, Guar­dio­la, Klopp) recht in­ter­es­sant. Was mich von An­fang an aber im­mer wie­der stör­te, wa­ren die vom Au­tor gar nicht erst in­fra­ge oder zur Dis­kus­si­on ge­stell­ten Aus­sa­gen, wie schon von Me­tep­si­lo­n­e­ma er­wähnt: „Wir in­ter­es­sie­ren uns für die­sen Sport nicht mehr nur, um uns zu un­ter­hal­ten, son­dern längst auch des­halb, weil wir ver­ste­hen wol­len, wie Ge­sell­schaft ei­gent­lich funk­tio­niert.“ Nö. Ich nicht. Und wer ist „wir“? Und von sol­chen Fest­stel­lun­gen oh­ne Dis­kus­si­on oder Be­weis­füh­rung gibt es ei­ni­ge im Buch. Ne­ben an­de­ren Pas­sa­gen, die mich zum Wi­der­spruch reiz­ten, fand ich z. B. auch den Ver­gleich ei­nes Fuß­ball­clubs mit ei­nem Staat nicht un­be­dingt zu­tref­fend – wä­re ein Ver­gleich mit ei­nem Wirt­schafts­un­ter­neh­men nicht viel­leicht an­ge­brach­ter? – Sehr gut fin­de ich den Hin­weis von G. K., dass nur Erst­li­gi­sten in die Be­trach­tun­gen ein­be­zo­gen wur­den. Das stimmt, er­gän­zen­de Über­le­gun­gen zu den un­te­ren Li­gen wä­ren viel­leicht noch span­nend ge­we­sen. Ins­ge­samt ge­se­hen: Die Re­zen­si­on von Gre­gor Keu­sch­nig samt Pro­log war für mich in­ter­es­san­ter und schlüs­si­ger als das Buch von Mar­tin Gess­mann. Aber, wie ge­sagt, ich räu­me auch ei­ne weit­ge­hen­de Fuß­bal­lah­nungs­lo­sig­keit ein. – Auf je­den Fall aber fin­de ich den Ge­dan­ken sol­cher Le­serun­den sehr schön. Bit­te ma­chen Sie da­mit wei­ter, Gre­gor Keu­sch­nig (muss ja nicht un­be­dingt Fuß­ball sein …).
    PS: Ich ver­schen­ke das Buch gern wei­ter. Bei In­ter­es­se bit­te mel­den.

  10. Den Ver­gleich Fuß­ball­club / Staat statt des viel­leicht tat­säch­lich üb­li­chen Fuß­ball­club / Un­ter­neh­men nimmt er vor, weil er die phi­lo­so­phi­sche Staats­ent­wür­fe als Re­fe­renz­grö­ssen für die Spiel­sy­ste­me nimmt. Das Pro­blem ist m. E. nur die Zu­ord­nung. Der Trai­ner wird zum Verfassungs­geber, der Ma­na­ger über­nimmt die Rol­le des Par­la­ments­prä­si­den­ten und der Ver­eins­prä­si­dent ist äqui­va­lent zum Staats­ober­haupt. Da­bei ist der »Ver­fas­sungs­ge­ber« (Trai­ner) pro­ble­ma­tisch, da es sich nor­ma­ler­wei­se hier­bei um ei­ne Grup­pe von Per­so­nen han­delt (Par­la­ment), was sich bei der Zu­ord­nung des Ma­na­gers als »Par­la­ments­prä­si­dent« zeigt. War­um nicht »Bun­des­kanz­ler«, zu­mal er die re­prä­sen­ta­ti­ve Funk­ti­on des Staats­ober­haupts in Deutsch­land ja ad­ap­tiert hat? Und wie ver­trägt sich das am En­de mit der Rol­le des Trai­ners im re­pu­bli­ka­ni­schen Spiel?

    Ei­ne ad­äqua­te Über­füh­rung in ei­ne Un­ter­neh­mens­hier­ar­chie wä­re schwie­ri­ger. Der Trai­ner wä­re ein »Ma­na­ger«, der Ma­na­ger ein »Be­reichs- oder Ab­tei­lungs­lei­ter« und der Ver­eins­prä­si­dent dann der Vor­stands­vor­sit­zen­de? Das passt nicht, da im Fuß­ball min­de­stens of­fi­zi­ell ein Prä­si­dent oder Ma­na­ger nicht die Mann­schaft auf­stellt, d. h. die ein­zel­nen Ver­ant­wor­tungs­be­rei­che nicht hier­ar­chisch be­stimmt sind.

    Zur Le­serun­de: Es tut mir leid, dass ich da ein Buch aus­ge­sucht ha­be, dass wohl nur sub­op­ti­mal da­her­kommt bzw. nicht ge­nü­gend Ge­sprächs­stoff aus­weist. Mei­ne Über­le­gun­gen zu wei­te­ren Le­serun­den wer­de ich noch in ei­nem an­de­ren Text for­mu­lie­ren...

  11. @Gregor Keu­sch­nig: Sie müs­sen sich doch nicht ent­schul­di­gen. Wie ge­sagt, ich bin ins Den­ken ge­kom­men – und sehr span­nend auch, dass al­le Le­ser, die sich hier bis jetzt ge­äu­ßert ha­ben, ganz ähn­li­che Din­ge am Text be­män­geln. So ganz sub­jek­tiv und idio­syn­kra­tisch sind die Ur­tei­le al­so nicht.
    Noch mal zum Es­say von Gess­mann:
    Wenn man die Aus­gangs­idee Fuß­ball gucken gleich Ge­sell­schaft gucken an­ders an­geht, wird’s vlt. doch span­nend. So kann man die Klins­man­n/­Löw-Re­for­men im DFB schon als ei­ne Art nach­ho­len­de Mo­der­ni­sie­rung im Fuß­ball be­schrei­ben – so­wohl in Be­zug auf den avan­cier­ten Fuß­ball und sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on in an­de­ren Län­dern als auch zu den avan­cier­ten For­men der post­for­di­sti­schen Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on und Sub­jekt­bil­dung (Reck­witz er­klärt die­se Ver­än­de­run­gen gut und geht auch am Ran­de auf Fuß­ball ein) in DE selbst. Ich weiß noch, wie ich das er­ste gro­ße In­ter­view mit Klins­mann / Löw ge­se­hen ha­be und dach­te: »Ach schau an, jetzt hat sich der Krea­ti­vi­täts- und Selbst­mo­ti­va­ti­ons­sprech, den wir seit Jah­ren in un­se­ren Krea­tiv­wirt­schafts-Mee­tings pfle­gen, als all­ge­mein­ver­bind­lich eta­bliert.« Und von der Fuß­ball­be­richt­erstat­tung und Selbst­be­schrei­bung ist er dann auch zu den Krei­sen durch­ge­sickert, die an sich nicht in die­sen Mee­tings sit­zen. Ein wich­ti­ger an­de­rer Po­pu­la­ri­sa­tor die­ses Sprechs sind Sen­dun­gen wie Ger­ma­nys Next Top Mo­dell etc.

  12. Den Wen­de­punkt mit Klinsmann/Löw fin­de ich sehr wich­tig und in­ter­es­sant. Mit der WM 2006 en­de­te das bis­her mehr oder we­ni­ger sorg­fäl­tig ge­pfleg­te Her­ber­ger-11-Freun­de-sollt-ihr-sein-Fuß­ball-Bild. Die Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls wur­de in die Ka­bi­ne und das Trai­nings­la­ger hin­ein­ge­tra­gen. Die Ge­wiss­hei­ten in­ner­halb der Mann­schaft wur­den fast bru­tal zur Dis­po­si­ti­on ge­stellt, was sich z. B. dar­in zeig­te, dass Leh­mann ins Tor ge­stellt wur­de und nicht Kahn. Was zäh­len soll­te war die »Lei­stung«, nicht die Re­pu­ta­ti­on oder Ver­dienst ei­nes Spie­lers. Da­durch ka­men plötz­lich Spie­ler in die Aus­wahl, die nur we­ni­ge Ein­sät­ze in der Na­tio­nal­mann­schaft hat­ten. »Wett­be­werb« galt als De­us ex ma­chi­na in ei­ner po­ma­dig ge­wor­de­nen DFB-Struk­tur. Zwei schlech­te Bun­des­li­ga­spie­le – und ein ver­dienst­vol­ler Na­tio­nal­spie­ler fand sich auf der Bank zu Gun­sten ei­nes Young­stern wie­der, der mit Hil­fe der Me­di­en so­fort als neu­er Su­per­star ge­fei­ert wird (und ge­nau so schnell wie­der in die Kri­se ge­schickt wird, wenn er mal 354 Mi­nu­ten kein Tor ge­schos­sen hat).

    In­ter­es­sant ist bis heu­te, dass sich kaum noch je­mand an die WM 2002 und das ver­lo­re­ne End­spiel ge­gen Bra­si­li­en er­in­nert, aber al­le von der WM 2006 und auch 2010 schwär­men, ob­wohl es dort nur um Platz 3 ging. Die Sie­ge ge­gen Ar­gen­ti­ni­en 2002 und 2006 und Eng­land 2010 über­strah­len die rei­nen Fak­ten. Das Aus­schei­den ge­gen Ita­li­en 2006 war »un­glück­lich«. Aber 2010 hat­te die Mann­schaft ge­gen Spa­ni­en »wie frü­her« ih­ren »Rum­pel­fuss­ball« ge­spielt – the­ma­ti­siert wur­de das nie (es ging auf die Tak­tik von Löw, der die Spa­ni­er kom­men liess).

    Wenn es nach den Kri­te­ri­en von Klins­mann 2006 gin­ge, dürf­ten et­li­che Spie­ler nicht im deut­schen Ka­der ste­hen. Löw ist in den letz­ten Jah­ren in vie­len Din­gen ein­ge­knickt. So hät­te Bal­lack bei der WM 2010 ganz si­cher sei­ne üb­li­che Rol­le ein­neh­men dür­fen, wenn er nicht ver­letzt wor­den wä­re. Spä­ter war man froh drum; sein Er­schei­nen im Trai­nings­la­ger und der Kampf um die Ka­pi­täns­bin­de nach der WM wur­de als Stö­rung emp­fun­den.

  13. Mir fällt ge­ra­de auf, dass Ger­many­’S Next Top­mo­dell auch 2006 ge­star­tet ist, wie die Som­mer­mär­chen-WM. Som­mer­mär­chen – auch so ei­ne My­thol­gi­sie­rung, über die wir mal dis­ku­tie­ren könn­ten.

  14. Der »Sommermärchen«-Mythos geht ein­her mit dem Tief­punkt der deut­schen Fuß­ball­herr­lich­keit bei der EM 2004. Oh­ne Sieg, mit 2:3 To­ren schei­ter­te man in der Vor­run­de ge­gen Tsche­chi­en und die Nie­der­lan­de. Ge­gen den Fuss­ball­zwerg Lett­land er­reich­te man nur ein 0:0. Völ­ler, der zwei Jah­re zu­vor noch ge­fei­ert wur­de (da­mals spiel­te die Mann­schaft auch schreck­lich, hat­te aber ge­gen die USA und Pa­ra­gu­ay ein­fach das Glück auf ih­rer Sei­te), muss­te zu­rück­tre­ten. Die Mann­schaft droh­te in die schlimm­sten Rib­beck-Zei­ten zu­rück­zu­fal­len, was sich schon in der Qua­li­fi­ka­ti­on an­deu­te­te, als Völ­ler im Ge­spräch mit Hart­mann nach ei­nem fürch­ter­li­chen Spiel ge­gen Is­land aus­ra­ste­te. Die Mann­schaft lag al­so prak­tisch am Bo­den, als Klins­mann kam (Löw wur­de kaum be­merkt). Als Aus­rich­ter für die WM muss­te sich Deutsch­land da­mals nicht qua­li­fi­zie­ren, was von vie­len als Vor­teil emp­fun­den wur­de, denn mit die­sen Lei­stun­gen wär’s wo­mög­lich schwer ge­wor­den.

    Das be­schreibt viel­leicht ein biss­chen die La­ge 2005/2006. Klins­manns Me­tho­den wa­ren nicht ganz ganz un­um­strit­ten. Und das Leh­mann im Tor ste­hen wür­de – das schaff­te schon im Vor­feld Un­mut, be­son­ders auf dem Bou­le­vard. Da­zu kam ei­ne de­sa­strö­se Nie­der­la­ge ge­gen Ita­li­en in ei­nem Vor­be­rei­tungs­spiel kurz vor der WM.

    Das »Märchen«-Attribut ver­wen­det man in der Re­gel auf un­vor­her­seh­ba­re schö­ne Er­eig­nis­se. Da­hin­ge­hend war dann ins­be­son­de­re der Ein­zug ins Halb­fi­na­le (das 1:0 ge­gen Po­len nebst Sieg über Ar­gen­ti­ni­en) das »mär­chen­haf­te«. Die deut­sche Mann­schaft zeig­te Ein­satz und Spiel­freu­de – all das, was man so schein­bar lan­ge ent­behrt hat­te (ein biss­chen Nietz­sche halt). Hin­zu kam, dass die Na­tio­na­li­sie­rung, die da­mit ein­her ging, nicht ag­gres­siv war, son­dern eher »sport­lich«. Da spiel­te es dann kei­ne gro­sse Rol­le, dass das Spiel ge­gen Ar­gen­ti­ni­en eher schwach war (von bei­den Teams) und auch das Halb­fi­na­le ge­gen Ita­li­en ei­ne ent­täu­schen­de Lei­stung bot. Das Pul­ver war deut­lich ver­schos­sen, al­ler­dings auch bei den Ita­lie­nern, was die Nie­der­la­ge am En­de dann um­so schmerz­haf­ter mach­te. Der Film von Wort­mann war dann der Fort­schrei­ber die­ses My­thos.

    So, jetzt wie­der der Pass zu Ih­nen, Dok­tor D und zur Ana­lo­gie zu GNTM... (Ich ha­be nur die­ses Jahr ei­ni­ge Fol­gen gesehen...sehr in­ter­es­sant.)

  15. @Gregor #12

    Wenn ich an den Zu­sam­men­hang von Ge­sell­schaft (Po­li­tik) und Fuß­ball den­ke, dann im­mer zu­erst an die Kom­mer­zia­li­sie­rung die­ses Sports, u.a. die Be­hand­lung der Zu­schau­er als Kon­sum­vieh, dort wo vor Vi­deo­wän­den (EM, et­wa) in­ner­halb rie­si­ger Ein­zäu­nun­gen nur das Bier des Haupt­spon­sors ver­kauft wer­den darf. Aus­wüch­se, die sich na­tür­lich par­al­lel zu vie­len an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen zei­gen: Klar ist das die al­te kul­tur­kri­ti­sche Lei­er, die Gess­mann nicht zu mö­gen scheint, aber ist sie falsch? Ist sie nicht viel­leicht not­wen­dig? Kann man da so ein­fach vor­bei (na­tür­lich bö­te sein Buch we­nig Neu­es, wenn er nur die­sen Ton an­schlü­ge)?

    Mann könn­te Gess­mann grund­sätz­lich fol­gen­den Ge­dan­ken ent­ge­gen­hal­ten: Wenn sich theo­re­tisch be­stimm­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men mensch­li­cher Ge­mein­schaft den­ken las­sen, war­um soll­ten sie sich nicht (oder zu­min­dest ähn­lich) im Klei­nen, et­wa in­ner­halb ei­ner Fuß­ball­mann­schaft fin­den las­sen (so das Re­gel­werk das zu­lässt)? Auf­schluss­reich wä­re, ob sich ähn­li­che Be­schrei­bun­gen für an­de­re Mann­schafts­sport­ar­ten an­fer­ti­gen las­sen. — Weiß da viel­leicht je­mand nä­he­res?

  16. Viel­leicht bin ich schon zu sehr ab­ge­stumpft, um mich über die Kom­mer­zia­li­sie­rung von Fuß­ball noch auf- bzw. zu er­re­gen. Da sind schon ganz an­de­re Gen­res und Le­bens­be­rei­che von der Öko­no­mi­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung be­trof­fen, als das mich dies be­son­ders ver­wun­dert. Ich bin ja wohl Durch­schnitt, was ich dar­an fest­ma­che, dass sich fast je­der über Mil­lio­nen-Ge­häl­ter von Ma­na­gern und Un­ter­neh­mern oder Vor­trags­ho­no­ra­ren von Po­li­ti­kern auf­regt aber kaum je­mand über die Ga­gen bei Fuss­bal­lern, Ten­nis­spie­lern oder Au­to­renn­fah­rern. Die He­roi­sie­rung die­ser Spe­zi­es ist der­art fort­ge­schrit­ten, dass man (= das Pu­bli­kum) dies längst ak­zep­tiert hat und nicht mehr be­fragt.

    Ich glau­be, dass Fuss­ball­spie­ler (in an­de­ren Kul­tur­krei­sen viel­leicht an­de­re Mann­schafts- oder Ein­zel­sport­ler) ei­ne Art ge­sell­schaft­li­cher Stell­ver­tre­ter­rol­le über­neh­men. Wie im Wil­hel­mis­mus der Sol­dat das Maß der Din­ge war, der am En­de dann (im Er­sten Welt­krieg) für das Va­ter­land in den Krieg zog, so ist es heu­te der Fuss­ball­spie­ler, Ski-Ab­fah­rer oder Renn­fah­rer, der stell­ver­tre­tend agiert. So be­kommt Tho­mas Mül­lers Spruch von den Koh­len, die die Mann­schaft aus dem Feu­er ho­le, durch­aus ei­ne dop­pel­deu­ti­ge Be­deu­tung. Und als der Na­tio­nal­spie­ler Reus am Frei­tag in ei­nem Freund­schafts­spiel so schwer ver­letzt wur­de, dass er nicht an der WM teil­neh­men kann, ti­tel­te je­mand »Reus ver­lo­ren«, was nur ei­ne Nu­an­ce ent­fernt ist von »Reus ge­fal­len«. Okay, mehr als ei­ne Nu­an­ce...

  17. #GNTM und WM2006 – die Par­al­le­len:
    ex­tre­me in­di­vi­du­el­le Kar­rie­re­ori­en­tie­rung, die mit to­ta­lem Wil­len zur Selb­st­op­ti­mie­rung nach ex­ter­nen Vor­ga­ben ein­her­geht, zu de­nen eben heu­te Team­fä­hig­keit, Em­pa­thie mit dem Ge­gen­über, Selbst­mo­ti­va­ti­on, Krea­ti­vivtät und Spo­nat­nei­tät ge­hört. Es ent­steht ei­ne, je­den­falls für mich, to­tal selt­sa­me Mi­schung aus der Rhe­to­rik der Selbst­er­mäch­ti­gung und Eman­zi­pa­ti­on (z. B. bei Erich Fromm, Klaus The­we­leit) und der öko­no­mi­scher Rhe­to­rik der Wett­be­werbs­fä­hig­keit, In­no­va­ti­on und In­ve­sti­ti­on. Her­aus­kom­men ein Sprech und ei­ne (Selbst-)Sozialisierung / In­di­vi­dua­li­sie­rung, in der man sich in die öko­mo­mi­schen Ver­wer­tungs­zwän­ge der Selbst­ver­mark­tung krea­tiv hin­ei­n­eman­zi­piert und eman­zi­piert wird. Gleich­zei­tig rea­li­sie­ren sich da­durch aber auch für vie­le Men­schen tat­säch­lich Kreat­vi­vi­täts- und In­di­vi­dua­li­sie­rungs­ver­spre­chen, die frü­her ex­klu­siv für die bes­se­ren Krei­se und Künst­ler re­ser­viert wa­ren. (Das er­klärt al­les viel bes­ser und aus­führ­li­cher Reck­witz, aber schon Fou­caults Se­xua­li­tät und Wahr­heit 1 hat die­se Ent­wick­lung deut­lich be­schrie­ben.) Und 2006 war das an­schei­nend so­weit durch­ge­setzt, dass man es nun auch in der Mas­sen­un­ter­hal­tung sich nicht mehr an­ders den­ken und sa­gen konn­te... Das könn­te aber auch hei­ßen, dass die­ser Dis­kurs und ge­sell­schaft­li­che For­ma­tie­rung vlt. schon wie­der an ihr En­de ge­langt ist und ei­ne näch­ste Trans­for­ma­ti­ons­pha­se an­steht, die wir aber na­tür­lich erst­mal nicht im Fern­se­hen se­hen. Das kommt – wenn mei­ne Hy­po­the­se stimmt – ei­gent­lich im­mer zu spät für die ei­gent­li­che Ak­ti­on, ver­stärkt sie aber so, dass der Kipppunkt kommt.

    #Öko­no­mie und Fuß­ball:
    Das fehl­te mir auch bei Gess­mann, zu­mal er da im­mer mal wie­der in­ter­es­san­te Ge­dan­ken­split­ter da­zu bie­tet. Man muss das ja auch nicht mo­ra­li­sie­rend ma­chen, sod­nern ein­fach be­ob­ach­tend: Könn­te es sein, dass die öko­no­mi­sche Be­deu­tung der Fern­seh­über­tra­gung für den Fuß­ball ge­ne­rell und für die ein­zel­nen Mann­schaf­ten, Ein­fluss auf Tak­tik und Spiel­stil hat? Oder, wel­che Spie­ler ge­kauft wer­den? Die Star­trup­pe von Re­al Ma­drid zwi­schen 2000 und 2007 – los ga­lac­ti­cos – ist bei­spiels­wei­se sehr stark nach dem Ge­sichts­punkt der Ver­markt­bar­keit und nicht des Sports aus­ge­wählt wor­den. Del B0sque hat dann wirk­lich das Be­ste draus ge­macht.
    Jor­ge Vald­ano, der das Ga­lac­ti­cos-Team mit zu­sam­men­ge­stellt hat, soll laut Jo­na­than Wil­son (Re­vo­lu­tio­nen auf dem Ra­sen) ge­sagt ha­ben, dass die ex­tre­me Be­schleu­ni­gung des Spiels in den letz­ten Jah­ren auch ein TV-Ef­fekt sei: Schnel­les Spiel sieht im Fern­se­hen ein­fach gut aus und sug­ge­riert Dra­ma­tik, was sich wie­der­um rich­tig gut ver­kauft. Da kann man dann als Mo­de­ra­tor je­de Dop­pel­pass-Staf­fet­te wild be­schrei­en und die we­nig­sten mer­ken, dass ei­gent­lich gar nix pas­siert ist. Denn im Prin­zip sei Fuß­ball ein eher lang­wei­li­ges Spiel, über 80 Mi­nu­ten des Spiels pas­siert ei­gent­lich nichts. Ei­ne Ana­ly­se, die auch ganz gut zu mei­ner Be­ob­ach­tung passt, dass vie­le Leu­te, die Fuß­ball im­mer nur zu gro­ßen Events schau­en oder das er­ste Mal live im Sta­di­on, er­schüt­tert sind, wie lang­wei­lig das doch ist. Oh­ne Ab­len­kung durch Pu­blic Viewing Schnick­schnack und an­de­re Emo­tio­na­li­sie­run­gen.

  18. #GNTM und Fuß­ball
    Bei GNTM wird ja der Wett­be­werbs­ge­dan­ke ex­trem aus­ge­spielt. Er­staun­lich dann, dass in der letz­ten Staf­fel das Mäd­chen mit dem ver­bal brei­te­sten Ego und ei­ner ge­wis­sen Stu­ten­bis­sig­keit ganz schnell voll­kom­men un­be­liebt wur­de und auch ent­spre­chend dar­ge­stellt wur­de. Sport und ins­be­son­de­re Fuß­ball dien­te frü­her auch da­zu, dass Jun­gen oh­ne be­son­de­re schu­li­sche Kennt­nis­se Kar­rie­re ma­chen konn­ten, so­fern das Ta­lent aus­reich­te. Die Ca­sting­shows wie DSDS oder GNTM (+ vie­le an­de­re, die ich nur vom Zap­pen ken­ne) ga­ben ein sol­ches Ver­spre­chen ab. Es ist noch ein­fa­cher als sich im Sport zu quä­len.

    Ich bin nun wahr­lich nicht be­son­ders fe­mi­ni­stisch an­ge­haucht, aber die letz­te Staf­fel GNTM, die ich fast ganz ge­se­hen ha­be, hat doch ei­ni­ges Er­schrecken ge­bracht. Zum ei­nen: Die Mäd­chen se­hen fast al­le gleich aus; das ken­ne ich ja schon von den di­ver­sen Co­vern auf Pro­gramm­zeit­schrif­ten. Ich hat­te tat­säch­lich bis zum Schluss Schwie­rig­kei­ten, die Na­men dem je­wei­li­gen Mäd­chen zu­zu­ord­nen. Dif­fe­ren­zen, Un­ter­schie­de wer­den ja fast im­mer auch ni­vel­liert, wenn nicht schon von vorn­her­ein ei­ne ge­wis­se Aus­wahl ge­trof­fen wird. Bei schwar­zen Mäd­chen ist das be­son­ders gut zu be­ob­ach­ten: Ei­ne hat­te im Po­sing und bei ent­spre­chen­der Kos­me­tik durch­aus Ähn­lich­keit mit Grace Jo­nes, wo­bei die­ses Kli­schee dann auch fast im­mer be­dient wur­de.

    Ein wei­te­rer Punkt: Die Mäd­chen ha­ben ei­nen Spa­gat zu ma­chen zwi­schen In­di­vi­dua­li­tät und Kon­for­mi­tät. Zum ei­nen wer­den sie dres­siert auf be­stimm­te Be­we­gun­gen, Hal­tun­gen, Po­sen (am En­de konn­te ich schon vor­her sa­gen, wie der »Walk« ge­we­sen ist) – zum an­de­ren sol­len, ja müs­sen sie hier ih­re »Per­sön­lich­keit« ein­brin­gen. Das müs­sen die mit 16, 17 oder 18 erst ein­mal hin­be­kom­men. Am En­de winkt das Jet­set-Le­ben, das Le­ben als »Pro­mi­nen­te«, wo­von die Mäd­chen wo­mög­lich nur ei­ne klei­ne Ah­nung ha­ben und statt­des­sen noch an Aschen­put­tel-Mär­chen glau­ben.

    Die Uni­for­mi­tät ist im Fuss­ball schon sicht­bar. Auch hier müs­sen 11 In­di­vi­du­en auf­ein­an­der ein­ge­hen – sie müs­sen so­gar mit­ein­an­der in In­ter­ak­ti­on tre­ten, die nicht ge­plant ist (die­se Mo­den­schau­en sind ja cho­reo­gra­phiert). Auch sie ha­ben am En­de zu »funk­tio­nie­ren«, wo­bei die Sicht­bar­keit ih­res Kön­nens oder Schei­terns ei­nem Mil­lio­nen­pu­bli­kum so­fort auf­fal­len.

    Nicht zu tren­nen von der Ge­mein­sam­keit ist der er­war­te­te fi­nan­zi­el­le und so­zia­le Auf­stieg, der so­zu­sa­gen an al­len klas­si­schen Bil­dungs- und Kar­rie­re­we­gen vor­bei ge­schieht und ei­ne Er­lö­sung aus der All­täg­lich­keit bspw. ei­nes An­ge­stell­ten­da­seins sug­ge­riert. Da­bei wird ein Ver­spre­chen der Mo­der­ne so­zu­sa­gen stoff­lich: Die In­di­vi­dua­li­tät ei­ner Per­sön­lich­keit kann je­den zum Star ma­chen. Frü­her hiess es: der Mar­schall­stab ist im Tor­ni­ster je­des Sol­da­ten. Heu­te: Du kannst es!. Die­ses In­di­vi­dua­li­sie­rungs­ver­spre­chen war frü­her – Sie schrei­ben es, Dok­tor D – den hö­he­ren Klas­sen vor­be­hal­ten. Die Mo­der­ne schafft es, zu sug­ge­rie­ren, es sei de­mo­kra­ti­siert wor­den. Da­her rüh­ren uns auch Post­zu­stel­ler, die wie ein Te­nor sin­gen.

    2006 war viel­leicht wirk­lich so ein Jahr, in dem das öko­no­mi­sier­te Den­ken der da­mals be­reits ab­ge­wähl­ten Schrö­der-Re­gie­rung ge­sell­schaft­lich Wur­zeln schlug. In Kri­sen­zei­ten wie jetzt (wir durch­le­ben m. E. ei­ne ve­ri­ta­ble Wirt­schafts­kri­se auf eu­ro­päi­scher Ba­sis) sind die »nor­ma­len« Le­bens­ent­wür­fe noch fra­gi­ler ge­wor­den.

    #Fuß­ball und Lan­ge­wei­le
    Es gibt si­cher­lich Spie­le, die ex­trem lang­wei­lig sind. Das End­spiel der WM 2010 zwi­schen Spa­ni­en und den Nie­der­lan­den bei­spiels­wei­se. Da­zu gab es noch vie­le Fouls und ein über­for­der­ter Schieds­rich­ter (was der auch spä­ter zu­gab). Sol­che Spie­le le­ben von der Span­nung im die­sem Mo­ment, was auch da­zu führt, dass man ei­gent­lich Fuß­ball­spie­le nicht auf­nimmt und spä­ter schaut (wenn man u. U. das Er­geb­nis schon weiss).

    Aber Fuß­ball ist m. E. nicht lang­wei­li­ger als z. B. Bo­xen (oft ge­nug ist es am span­nend­sten, den Punkt­rich­ter­ent­scheid zu hö­ren). Oder Bas­ket­ball. Voll­kom­men lang­wei­lig fin­de ich Au­to­rennen. Ex­trem span­nend da­ge­gen Hal­len­hand­ball, weil da Ball­be­sitz ir­gend­wie schon mehr als ein hal­bes Tor ist und das Ver­ge­ben ei­ner Chan­ce hoch ge­wich­tet wird.

  19. Wie man sich Au­to­rennen an­schau­en kann – live oder im Fern­se­hen – ist für mich ein ech­tes My­ste­ri­um.
    In Fort­füh­rung von Vald­anos und mei­ner Hy­po­the­se, dass TV an der Art wie Fuß­ball ge­spielt wird, et­was ge­än­dert hat: Viel­leicht ist Soc­cer in den USA des­we­gen so un­be­liebt, weil er zu Be­ginn der Aus­bil­dung des me­dia­len-sport­li­chen En­ter­tain­ment­kom­ple­xes kei­ne or­dent­li­chen Schau­wer­te und Emo­tio­na­li­sie­run­gen ge­bo­ten hat? Ame­ri­can Foot­ball, Bas­ket­ball und Eis­hockey bie­ten – so zu­min­dest mei­ne US­ame­ri­ka­ni­schen Freun­de – viel mehr Ac­tion. An­schei­nend weil da stän­dig Ker­le auf­ein­an­der rau­schen. Base­ball da­ge­gen scheint in den USA an Be­deu­tung zu ver­lie­ren, ob­wohl (oder weil?) man da un­glaub­lich nerd­haf­te Sta­ti­stik­or­gi­en fei­ern kann.

  20. Oh! Ein gu­tes Stich­wort: Sta­ti­stik­or­gi­en! Sport­re­por­ter schei­nen sie ge­ra­de­zu ma­gisch an­zu­zie­hen und die durch­aus lee­ren Au­gen­blicke im Spiel wer­den mit die­sen Kon­ser­ven­do­sen-Häpp­chen ja leid­lich auf­ge­füllt. Das Zi­tie­ren von Sta­ti­sti­ken soll ja Pro­gno­sen er­leich­tern. Wenn nicht gleich die Vor­her­sa­ge des Spiel­re­sul­tats, so doch die ent­schei­den­den Fra­gen, wann Spie­ler X mit rechts mal wie­der ein Tor schiesst oder wie oft Spie­ler Y nach ei­nem Eck­ball ei­nen Mit­spie­ler­kopf »ge­fun­den« hat. Am in­ter­es­san­te­sten wird es da­bei, wenn man zwei sta­ti­sti­sche Phä­no­me­ne be­nennt, die sich da­hin­ge­hend ein­an­der aus­schlie­ßen, dass ih­re Pro­gno­sen sich wi­der­spre­chen. Hin­ter die­ser Zah­len­ver­ses­sen­heit steckt zum ei­nen die Si­mu­la­ti­on der Be­rech­nung des Un­be­re­chen­ba­ren, zum an­de­ren die Di­stink­ti­on des Wis­sen­den. Da­bei ist längst klar, dass Fern­seh­re­por­ter von an­de­ren Per­so­nen »ge­brieft« wer­den, auf Spiel­sze­nen auf­merk­sam ge­macht wer­den und die Kor­re­la­tio­nen als Kau­sa­li­tä­ten auf­be­rei­tet als wie dis­kre­te Kell­ner ser­vie­ren. Da­her mei­ne For­de­rung seit Jahr­hun­der­ten schon: Ei­ne Ton­spur nur mit dem Ori­gi­nal-Sta­di­onge­räu­schen, kom­men­ta­tor­los.

  21. In­ter­es­san­te neue Aspek­te zu den The­men, die wir hier ge­ra­de be­ackern, bringt Pe­ter Kör­te in der FAZ – am kon­kre­ten hi­sto­ri­schen Fall http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-fifa-vor-der-wm-das-endspiel-12978386.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    Von den Ver­gleich zwi­schen Spiel­sy­ste­men und Po­li­tik­sy­ste­men hält er aber nix – weil er auch zu­viel ge­schicht­li­ches Hin­ter­grund­wis­sen ins Spiel bringt.

  22. Wie kam Euch denn der zwei-ge­teil­te Auf­tritt von Neu­er und Schwein­stei­ger vor?!
    Am Trai­ning soll­ten die Spie­ler erst mal nicht teil­neh­men, aber in der Wer­bung durf­ten sie die Gla­dia­to­ren mi­men?!
    Ku­ri­os, oder: der Gla­dia­tor in der Ver­let­zungs­pau­se...
    Hab ei­nen Witz da­zu: der Team-Arzt hat das Trai­ning un­ter­sagt, al­len­falls ein paar »leich­te Wer­be­spots« im Vor­feld zur WM sei­en o.k.

  23. Das ist der Fluch des lang­fri­sti­gen Mar­ke­tings: Du musst dich Mo­na­te vor dem ei­gent­li­chen Event ent­schei­den, wenn du zum WM-Star auf­bau­en willst oder wer es dei­ner Mei­nung nach wird. Wenn’s ganz schlecht läuft, sind die Jungs dann noch nicht mal im Ka­der. Oder sie schei­den ver­letzt aus. Des­we­gen ist es su­per wich­tig, Spie­ler auch un­ab­hän­gig von ih­rer kon­kre­ten Lei­stung zu Stars bzw. Mar­ken auf­zu­bau­en (Pa­ra­de­bei­spiel: Beck­ham), dann kann man auch mit so ei­ner Si­tua­ti­on, wie du, @kalte_sophie sie schil­derst, ganz gut um­ge­hen – oh­ne dass ei­nem der ge­sam­te WM-Wer­be­etat um die Oh­ren fliegt. Für die Sam­mel­bild­chen-Ver­la­ge ist das ein ech­tes Pro­blem, ge­nau­so wie für die Kicker- etc. Son­der­hef­te. Da schreibt man sei­ten­wei­se über die Be­deu­tung von Ri­bè­ry für die frz. Mann­schaft und dann bleibt er da­heim. Blöd.
    In­ter­es­sant wä­re es mal, Mann­schafts­auf­stel­lun­gen und Spon­sor-Wer­bung mit­ein­an­der ab­zu­glei­chen. Vlt. weiß adi­das aber nur zu­fäl­lig im­mer ziem­lich ge­nau, wer im Ka­der ist.

  24. Ich er­in­ne­re mich noch gut an die­se Scho­ko­creme­wer­bung mit deut­schen Na­tio­nal­spie­lern. Als die Wer­bung kam, wa­ren sie manch­mal schon nicht mehr im Ka­der (Ke­vin Kurá­nyi ist so ein Fall, den ich be­hal­ten ha­be). Bei Klins­mann und Löw hat­te ich bis­her im­mer das Ge­fühl, dass sehr frei auf­ge­stellt wird. Bei an­de­ren Trai­nern mag das an­ders sein.

    Mit Ri­bé­ry kann jetzt das pas­sie­ren, was Bal­lack 2010 er­eil­te: Erst hält man ihn für un­er­setz­lich, da­nach stellt man fest, es geht ganz gut oh­ne. Als Wer­be­i­ko­ne ha­be ich Ri­bé­ry nie wahr­ge­nom­men, so dass es tat­säch­lich so kom­men kann.

    Zum Kör­te spä­ter. Er hat das Gess­mann-Buch schein­bar nicht ge­le­sen. Über­haupt fin­de ich den An­satz, den Sport und sei­ne In­sti­tu­tio­nen mo­ra­lisch zu be­trach­ten, für falsch. Das ist ja auch der Grund, war­um ich für Do­ping wä­re. Aber das ist ein wei­tes Feld. (20.15 Uhr ARTE, al­so prak­tisch jetzt, ei­ne Do­ku über Do­ping.)

  25. Ein Spiel wird auch da­durch ver­än­dert, dass man ei­ner Sei­te emo­tio­nal ver­bun­den ist (ein neu­tra­le­rer Be­ob­ach­ter er­zählt dann mit­un­ter von ei­nem ganz an­de­ren; im Sta­di­on zählt na­tür­lich die über­flie­ßen­de Stim­mung da­zu); au­ßer­dem kann man ei­nem Spiel, des­sen Aus­gang man zu­vor neu­tral ge­gen­über ge­stan­den ist, durch klei­ne Wet­ten Span­nung ver­lei­hen (von die­ser Pra­xis wur­de mir zu­min­dest er­zählt).

    Sport­sta­ti­stik hat (im Fuß­ball zu­min­dest) meist nichts mit Sta­ti­stik, die die­sen Na­men ver­dient, zu tun.

  26. Ei­ne mo­ra­li­sche Kom­po­nen­te trägt Sport ei­gent­lich im­mer in sich: Die Be- oder Miss­ach­tung des Re­gle­ments und da­mit in Zu­sam­men­hang das was man als »Fair­ness« be­zeich­net.

  27. Schon klar, dass die Ein­hal­tung der Re­geln (die sich na­tür­lich än­dern kön­nen) ein Ge­bot dar­stellt. Aber ge­ra­de was das Do­ping an­geht, wer­den sie ja fast stän­dig miss­ach­tet (nicht un­be­dingt im Fuß­ball, auch wenn es hier Bei­spie­le gibt wie in Ita­li­en). Das gan­ze Ge­re­de von »Sports­geist« und »Fair­ness« ist m. E. längst aus­ge­höhlt. »It’s a busi­ness«, sag­te ei­ner der ehe­ma­li­gen Sport­ler in der AR­TE-Do­ku­men­ta­ti­on ge­stern. Die Freu­de am Wett­kampf, am Mes­sen der Lei­stung ist längst ei­ner Kom­mer­zia­li­sie­rung ge­wi­chen. Dies zu be­kla­gen ist mög­lich, aber auch im­mer ein biss­chen heuch­le­risch, da man (= Jour­na­li­sten) na­tür­lich ge­nau das be­trei­ben, was sie auch ver­ur­tei­len. Wäh­rend ich bei Olym­pi­schen Spie­len frü­her im­mer auch die »Exo­ten« zu se­hen be­kam (den thai­län­di­schen Lang­läu­fer bei­spiels­wei­se) muss man jetzt da­für ein Pro­mi­stern­chen sein, an­dern­falls wird dann, wenn die »schlech­ten« kom­men, gna­den­los zum näch­sten Event um­ge­schal­tet.

    Der Fuß­ball-WM-Zir­kus, den Kör­te zu Recht an­greift, ist aber »mi­lieu­kon­form« (aus dem Film ge­stern). wie der Sport an sich auch: Die Wachs­tums­ideo­lo­gie wird hier fort­ge­schrie­ben. In der Leicht­ath­le­tik müs­sen im­mer neue Re­kor­de pur­zeln, ob­wohl es lo­gisch sein soll­te, dass der mensch­li­che Kör­per ir­gend­wann nicht mehr oh­ne Hilfs­mit­tel sol­che Lei­stun­gen er­brin­gen kann. Ähn­li­ches gilt von der Tour de Fran­ce, dem Rad­sport. Statt sie zu »ent­schleu­ni­gen«, wer­den die Etap­pen im­mer spek­ta­ku­lä­rer und im­mer schwie­ri­ger. Sich dann über Do­ping auf­zu­re­gen ist bi­gott.

    Wenn der UE­FA-Chef Pla­ti­ni jetzt noch ei­ne Cham­pions League der Na­tio­nen zu­sätz­lich zu den an­de­ren Wett­be­wer­ben vor­schlägt und da­mit noch mehr Spie­le pro Sai­son die Fol­ge sein soll­ten, dann zeigt dies auch die Ver­ach­tung den Sport­lern, nein, den Fuß­ball­pro­fis ge­gen­über, die na­tür­lich nicht au­to­ma­tisch mit je­der Mil­li­on mehr Ge­halt auch schnel­ler lau­fen kön­nen. Mein Trost in die­ser Sa­che: ir­gend­wann wird das für den Zu­schau­er schlicht un­in­ter­es­sant. Ein Über­an­ge­bot führt auch zu schlech­te­ren Spie­len (die Qua­li­tät der Spie­le der WM 2010 und EM 2012 wur­de kaum ehr­lich un­ter­sucht) und am En­de zu we­ni­ger Zu­schau­ern. Die Fuß­ball-Eu­pho­rie der Bun­des­li­ga in Deutsch­land bei­spiels­wei­se muss ja auch nicht so blei­ben; in der Ver­gan­gen­heit gab es schon Del­len in der Be­liebt­heit.

  28. Sprach­los vor dem Fern­se­her sit­zend, die er­sten Spie­le nun re­sü­mie­rend: Gess­manns Ana­ly­sen schei­nen über­holt. Das »re­pu­bli­ka­ni­sche Spiel« der Spa­ni­er ist pas­sé; es wird nie mehr so ge­spielt wer­den wie noch 2012 bei der EM. Spa­ni­en ist ‘raus. Tak­tisch klu­ge Hol­län­der und kämp­fe­ri­sche Chi­le­nen ha­ben sie be­siegt. Gut so. Ei­nen neu­en Ca­tenac­cio scheint es auch nicht zu ge­ben, die über­le­ge­nen Mann­schaf­ten spie­len auch nach 3:0 noch wei­ter. Ho­he Bäl­le kom­men wie­der vor, Eck­bäl­le ge­ne­rie­ren Ge­fahr. Fast zu schön um wahr zu sein.

  29. @Gregor
    Man muss un­ter­schei­den zwi­schen dem was Pra­xis ist (auch auf Grund der Um­stän­de) und dem was den Sport aus­macht (oder: aus­ma­chen könn­te). Mit Sport mei­ne ich auch Hob­by- und Ama­teur­sport, wo­bei si­cher­lich auch dort Do­ping vor­kommt.

    Mei­ne The­se ist, dass dem Sport im­mer ei­ne Ehrgeiz‑, ei­ne Leistungs‑, ei­ne Wett­be­werbs- oder ei­ne Mess»idee« zu­grun­de liegt: Ent­we­der sich selbst oder an­de­ren ge­gen­über. Und die­se Idee, die im­mer Ver­gleich­bar­keit meint, braucht Re­geln und ei­nen Rah­men, den al­le, die mit­ma­chen, ak­zep­tie­ren (der Rah­men kann sich än­dern, klar). — Man kann das Ge­re­de nen­nen, weil sich in vie­len Be­rei­chen kei­ner mehr dar­an hält, aber über­sieht man dann nicht, dass ge­ra­de das den Sport aus­macht? Do­ping ist des­we­gen auch im­mer Selbst­be­trug, der nicht da­durch ver­schwin­det, dass es al­le tun (oder da­zu »ge­zwun­gen« wer­den).

    Noch ei­ne in­ter­na­tio­na­le Li­ga wür­de m.E. ein Über­an­ge­bot und ei­ne Über­sät­ti­gung dar­stel­len (von den Kon­se­quen­zen für die Sport­ler ein­mal ab­ge­se­hen).

    [Bei den ho­hen Päs­sen der Hol­län­der muss­te ich auch an Gess­mann den­ken.]

  30. Den Gess­mann lei­der nicht ge­le­sen, aber die­se Po­li­tik­über­tra­gun­gen stim­men mich auch ein we­nig skep­tisch. Hat­te mir vor ei­ni­ger Zeit mal: »Der Ball ist rund, da­mit das Spiel die Rich­tung än­dern kann: Wie mo­der­ner Fuss­ball funk­tio­niert« (Bier­mann, Fuchs) zu Ge­mü­te ge­führt, was sich gut las und auch sehr in­for­ma­tiv war, nur wohl mit dem et­was gro­ßen Man­ko, dass das »mo­dern« schon wie­der Schnee von ge­stern ist (da­her lei­der kei­ne un­ein­ge­schränk­te Le­se­emp­feh­lung).

    So ist es jetzt auch mit den Gess­mann­schen Ana­ly­sen?

    Was mich nur je­des Mal wie­der nervt: Die­se emo­tio­na­li­sie­ren­de, ver­ein­nah­mend­wol­len­de me­dia­le Dau­er­be­ries­lung, die in ih­ren Am­pli­tu­den nach un­ten und oben ein­fach ir­ra­tio­nal aus­schlägt: Nach dem er­sten Spiel er­geht man sich schon in Groß­fuß­ball­machts­phan­ta­sien, um dann nach dem zwei­ten das ei­ge­ne Haupt mit Asche zu be­decken?

    Na­jo, der Fuß­ball macht (mir) we­nig­stens Freu­de. Ziem­lich ho­he, en­ge Lei­stungs­dich­te, wür­de ich sa­gen. Da kann sich ei­gent­lich kein »Fa­vo­rit« mehr so si­cher sein.

  31. Die Dau­er­be­rie­se­lung fin­det ja nur statt, wenn wir sie zu­las­sen. Und die Groß­fuß­ball­machts­phan­ta­sien blü­hen ja an­läß­lich sol­cher Er­eig­nis­se im­mer und über­all. Im Vor­feld er­ho­ben sich die Eng­län­der schon zu den al­ler­er­sten Ti­tel­aspi­ran­ten. Vom Gast­ge­ber Bra­si­li­en gar nicht zu re­den. Auch hier gab es ein Un­ent­schie­den nach dem er­sten Sieg – und die Kri­tik war im­mens. Als Klins­mann ne­ben­bei sag­te, die USA kön­ne nicht Welt­mei­ster wer­den, ha­gel­te es Prü­gel von ame­ri­ka­ni­schen Me­di­en. Be­schei­den­heit ist kei­ne Ka­te­go­rie des Lei­stungs­sports. Und erst recht nicht der Me­di­en.

  32. Ob dass das En­de von La To­que ist – wir wer­den se­hen: Vor al­lem sind die Spa­ni­er an das En­de ih­rer kör­per­li­chen und men­ta­len Fä­hig­kei­ten ge­kom­men, scheint mir. Gro­ße Mann­schaf­ten ge­hen mit ei­nem Knall, so ähn­lich hat es ja auch die fran­zö­si­sche Wun­der­mann­schaft ge­macht.

    Ball­be­sitz durch Kurz­pass­spiel wird ja im­mer noch sehr ge­pflegt, aber die er­folg­rei­chen Mann­schaf­ten schei­nen das jetzt mit den klas­si­schen ho­hen Bäl­len zu kom­bi­nie­ren und schnel­lem Spiel nach vor­ne. Ziem­lich tot scheint da­ge­gen die Vie­rer-Ket­te. Statt­des­sen wird so ei­ne Art 5–4‑1 ge­spiel (Nie­der­lan­de und Über­ra­schungs­mann­schaft Co­sta Ri­ca), bei dem dann die Ab­wehr­leu­te aber mit nach vor­ne ge­hen. Wir wer­den se­hen, wie das wei­ter­geht.

    Was ich zu se­hen glau­be: Mann­schaf­ten mit ho­hen An­teil an UEFA Top­spie­lern (die al­so ei­ne na­tio­na­le und ei­ne Cham­pons­league-Sai­son in den Kno­chen ha­ben) haben’s deut­lich schwe­rer als ge­dacht ge­gen we­ni­ger be­kann­te Leu­te, die sich aber noch nicht tot ge­spielt ha­ben. (Ge­gen­ar­gu­ment 1: Frank­reich mit Ka­rim Ben­ze­ma. Wow!)

    Mei­ne Prä-Tur­nier-Tipps, wer Welt­mei­ster wird, sind ziem­lich da­hin (Spa­ni­en vs. Bra­si­li­en). Jetzt bin ich ein­fach nur noch ge­spannt. Viel­leicht ist das die WM, in der Frank­reich wie­der zu sich selbst fin­det.

  33. Ist es nicht so, dass die Drei­er­ket­te hin­ten bei geg­ne­ri­schem Ball­be­sitz zur 5er-Ket­te wird? Das Spiel scheint mir ins­ge­samt sehr viel of­fen­si­ver zu sein. Bä­ren­stark die Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka­ner, nicht nur Bra­si­li­en, son­dern auch Ko­lum­bi­en und Me­xi­ko. Ar­gen­ti­ni­en wächst mit den Auf­ga­ben. Auch hier: die Ab­wehr ist ge­le­gent­lich un­or­tho­dox. Ita­li­en ist ge­stern raus­ge­flo­gen, weil sie wie­der Ca­tenac­cio spie­len woll­ten. Aber Uru­gu­ay hat­te ein­fach mehr Biss.

  34. So kann man es auch ganz gut be­schrei­ben. Und ent­we­der rap­pelt es in Sa­chen Tor oder es geht ganz be­schei­den aus. Da­zwi­schen scheint’s nix zu ge­ben. Hat vlt. auch da­mit zu tun, dass es be­stimmt spät­s­tens ab Mit­te 2. Halb­zeit in den sub­tro­pi­schen Zo­nen ei­ne üb­le Quä­le­rei wird und dann Lö­cher ent­ste­hen.
    Und: The Re­turn of the Stan­dard­si­tua­ti­on!
    Al­les sehr span­nend.

  35. Schlag­zei­len, die heu­te mög­lich wä­ren:
    7:1 Die Schmach von Be­lo Ho­ri­zon­te
    Deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft ver­dammt Bach­mann-Wett­be­werb zur Be­deu­tungs­lo­sig­keit