Nicht, daß ich mit Philipp Mißfelder Mitleid hätte. Nein. Und natürlich ist Dirk Kurbjuweits Artikel »Der Schattenmann« (Spiegel v. 22.05.09; pdf-Dokument) irgendwie ein »exemplarischer Text«. Aber auch wenn Kurbjuweit Mißfelder als exemplarisch für einen bestimmten Typus Politiker nimmt – geht er nicht manchmal zu weit?
Koch-Mehrin – eine Lügnerin?
Das ist die Information zur Präsenzquote der FDP-Spitzenkandidatin Silvana Koch-Mehrin aus dem Internet-Portal »Parlorama.eu«:
Présence125 séance(s) plénière(s) : 41 %
From 20/07/2004 to 07/05/2009
Mit ihrer 41%-Präsenzquote liegt Frau Koch-Mehrin auf Platz 104 von 104 deutschen EU-Parlamentariern. Sie selber behauptet in einer eidesstattlichen Versicherung, dass es rund 75% sein sollen, was die F.A.Z. zu der Vermutung treibt, dass die Dame eventuell gelogen haben könnte.
Louis Begley: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte

Im Papierkorb des deutschen Militärattachés Maximillian von Schwartzkoppen fand die für den französischen Geheimdienst arbeitende Putzfrau Madame Bastian ein handschriftlich verfasstes Dokument, in dem ihm eine nicht genannte Person die Übergabe einer Schießvorschrift der Feldartillerie und einige Aufzeichnungen über ein neues von den Franzosen entwickeltes 120-Millimeter-Geschütz sowie Informationen über französische Truppenpositionen und Veränderungen in den Artillerieformationen, außerdem Pläne zur Invasion und Kolonisierung Madagaskars bestätigte. Dieses Dokument war mehrfach zerrissen worden, ein Schriftstück auf dünnem Papier ohne Datum und Unterschrift. Man nannte es später einfach nur das Bordereau.
Am 25. Oktober 1894 wurde der französische Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus (geboren 1859, Absolvent der »École Polytechniques« und der renommierten Kriegsakademie »École Supérieure de Guerre«) unter dem Verdacht des Landesverrats verhaftet. Dreyfus wurde beschuldigt, der Verfasser des Bordereau zu sein; ein oberflächlicher Handschriftenvergleich reichte den Anklägern (Dreyfus war unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei seiner Verhaftung gebeten worden, ein kurzes Diktat aufzunehmen). Daß es mehrere seriöse Graphologen gab, die zwischen Dreyfus’ Handschrift und der des Bordereau keine Übereinstimmung feststellten, wurde ignoriert.
Mohammed Abed Al-Jabri: Kritik der arabischen Vernunft – Einführung
Die »Kritik der arabischen Vernunft« ist ein vierbändiges Werk: Der erste Teil erschien 1984 unter dem Titel »Die Genese des arabischen Denkens«, 1986 erschien »Die Struktur des arabischen Denkens«, 1990 »Die arabische Vernunft im Politischen« und 2001 dann »Die praktische arabische Vernunft«.
Mohammed Abed Al-Jabri* wurde 1935 in einer Berberfamilie im südlichen Marokko geboren. Er absolvierte eine Schneiderlehre, wurde Volksschullehrer und begann 1958 ein Philosophiestudium in Damaskus. 1970 promovierte er über den Historiker und »Vorläufer der modernen Soziologie«** Ibn Khaldun. Er unterrichtete islamische Ideengeschichte in Rabat. Anfang der 80er Jahre begann Al-Jabri Bücher zu publizieren und wurde damit unter arabischen Intellektuellen bekannt. Bis auf Band drei der Kritik, der 2007 unter dem Titel »Die politische Vernunft im Islam: Gestern und heute« in französischer Sprache publiziert wurde, sei Al-Jabris Hauptwerk bisher in keiner anderen Sprache veröffentlicht worden (so der Verlag), was durchaus Absicht des Autors war, der den innerarabischen Dialog befördern wollte statt in anderen Kulturkreisen zu reüssieren.
Die »editorische Notiz« des Verlags verwirrt den Leser mehr als das sie aufklärt. Der Verlag schreibt, daß die »synoptischen Texte, die in das vorliegende Buch eingegangen sind« nicht Teil der »Kritik« seien, sondern aus zwei anderen Texten Al-Jabris stammten. Ausgewählt wurden diese Texte von Ahmed Mahfoud und Marc Geoffroy, wobei Mahfoud, der als »Freund und Agent« Al-Jabris vorgestellt wird, die Übersetzung aller vier Bände der »Kritik« vom Arabischen ins Französische vorgenommen hat.
Til Schweiger: Keinohrhasen

Wie Baby Schimmerlos für Arme irrlichtert Til Schweiger als Ludo Decker (nomen est omen – auch hier) in »Keinohrhasen« durch die Celebrity-Welt. Man lacht ein bisschen über sich selbst und verwechselt das mit Selbstironie; Klitschko heißt da Klitschko, Catterfeld Catterfeld und Jürgen Vogel spielt gegen Ende Jürgen Vogel (bzw. er spielt als Jürgen Vogel den Jürgen Vogel wie er den Jürgen Vogel gespielt haben möchte). Der Minister, der seine Geliebte geschwängert hat, ist allerdings nicht Seehofer. Soviel »Reality« ist dann doch nicht.
Schweiger spielt den Klatschreporter als skrupellosen Insider (mit mafiösen Attitüden) und machohaften Frauenhelden mit seiner eigenen Philosophie des one-night-stands nebst entsprechendem Verbrauch. So verknüpft man das Nützliche mit dem Angenehmen – und gibt dem Zuschauer nebenbei das Gefühl, es immer schon gewusst zu haben. Es wird gevögelt, gestöhnt, geschrien und die Wörter »blasen«, »bumsen« und »ficken« werden in allen Konjugationen dekliniert.
Rätsel
Wer hat dies als junger Mensch gesagt/geschrieben? Um gläubig zu sein, muß man nicht Hostien verschlucken, muß man nicht alle Jahre zweimal beichten. Es genügt, wenn der Mensch ins Antlitz der Welt schaut, tief hinein in seine Mitte [...] Man soll niemals über die Kirche spotten, aber man darf die schlechten Priester als schlecht bezeichnen ...
Heimito von Doderer: Seraphica – Montefal

Vieles spricht dafür, dass all dies für die beiden jetzt aus dem Nachlass von Heimito von Doderer veröffentlichten, in den 20er Jahren geschriebenen Erzählungen »Seraphica – Montefal« nicht gilt. Im außerordentlich klugen und kenntnisreichen Nachwort von Martin Brinkmann wird ein weiteres Motiv deutlich, welches wenigstens die Nichtveröffentlichung von »Seraphica (Franziscus von Assisi)« erklärt: In einer Zeit »unsicherer Zukunftsaussichten, schuldbeladener Sexualität und emotionaler Turbulenzen« bot sich ausgerechnet der heilige Franz von Assisi als »Identifikationsfigur« an. Durch die übermäßige Reinheit des Heiligen (»Willst Du vollkommen sein, so geh’ und verkaufe, was Du hast, und gib es den Armen, so wirst Du einen Schatz im Himmel haben und komm und folge mir nach«), der sogar dem Feuer nicht wehetun will, obwohl es ihm die Kutte droht zu verbrennen wird das eigene, als verdorben empfundene Leben gespiegelt.
»Wirbelsturm in der Teetasse« oder: Was die F.A.Z. nicht mehr online stellt
Der Germanist Alan Keele stellte neulich fest: Walter Kempowski hatte aus persönlichen Gründen in den Jahren 1947/48 Kontakt mit dem amerkanischen Geheimdienst CIC. (s. auch »Enthüllungsgeil«) Keele betonte, dass dies keine sensationelle Enthüllung sei, sondern nichts mehr als eine Fußnote, wenn auch eine interessante. Der F.A.Z.-Redakteur Edo Reents machte daraus eine Sensation mit dem effekthascherischen Titel »Walter Kempowski war doch ein Spion«.