Matthias Matussek: Das katholische AbenteuerHans-Georg Gadamers Prämisse für das Gespräch – »Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte« – ist für den potentiellen Leser dieses Buches die Minimalanforderung. Ansonsten sollte man lieber verzichten und seine Vorurteile im Garten der Akklamation pflegen (etwas, was nicht nur für dieses Buch gilt).
Dabei gibt es sofort Grund zur Kritik. Der eigentlich schöne Buchtitel »Das katholisches Abenteuer« wird durch die flapsig-überflüssige Unterzeile »Eine Provokation« sofort wieder nivelliert (das hätte sich vielleicht dem Leser noch selber erschlossen). Und der hehre Anspruch, hier erzähle jemand von seinem katholischen Glauben in den Zeiten des forsch-plappernden Atheismus wird durch das blöde Cover mit Hörnchen, Dreizack und Heiligenschein konterkariert. Marketing ist wohl alles und Matthias Matussek muss unbedingt als Feuilleton-Krawallbär verkauft werden – drunter geht’s nicht.
Schade, denn da hat jemand durchaus etwas zu sagen. In den besten Augenblicken berührt das Bild des gläubigen Katholiken Matussek in der zynischen Spaßgesellschaft mit ihrer anödende[n] Dauerironie sogar.
»Zusammenkunft« lautet der Titel dieses Buches von Walle Sayer. Im Untertitel passend: »Ein Erzählgeflecht«. Es ist Bündelung und Zusammenfassung der Prosaschriften des Autors von 1986 bis 2009, die zum Teil überarbeitet sein sollen. Und am Ende gibt es noch ein bisschen Unveröffentlichtes.
Wenn man Walle Sayer bisher noch nicht kannte, ist man dankbar für dieses Buch. Zeigt sich doch eine Stimme ganz eigener Intensität in den meist notizähnlichen Gedankensplittern. Insbesondere die Notate über Kindheit und Jugend demonstrieren eine Meisterschaft in der Evokation der Stimmung der jeweils heraufbeschworenen Zeit.
Heinrich Lohse ist es gewohnt, dass sein Name Respekt und einen gewissen Schauder auslöst. Er ist schließlich Einkaufsdirektor. Als er dann plötzlich pensioniert wird, weil seine Einkaufsmethoden nicht mehr erwünscht sind (aus Gründen der Preisersparnis hatte für die nächsten Jahrzehnte Kopierpapier eingekauft), kratzt dies nur ganz kurz an seinem Ego. Er bietet sich an, seiner Frau »im Haushalt« zu helfen und geht einkaufen. Er betritt das Geschäft – und handelt, wie er es seit Jahrzehnten kennt. Er stellt sich vor: »Mein Name ist Lohse – ich kaufe hier ein.« – Und niemand nimmt Notiz davon.
Ausgerechnet die FDP, die »den Freiheitsbegriff in ihrem Namen« trage, habe, wie man in lesen kann, die Journalisten auf dem Rostocker Parteitag am Wochenende »verärgert«. Was ist Staatstragendes oder vielleicht sogar Grundgesetzwidriges geschehen, dass Sonja Pohlmann vom Tagesspiegel derart erregt? Hatte man sie ausgesperrt? Ihnen die Laptops abgenommen? War gar das Catering schlecht?
Die feinfühlig-reflexiven Erzählungen des Rainer Rabowski
Rainer Rabowski: Die gerettete Nacht
Momente der Wonne: Eine Frau und deren Lächeln heraus einer Art Sekundenbeischlaf an Mitwisserei und Komplizenschaft, wie er manchmal unter völlig Fremden möglich ist, durch nichts weiter bedingt. Kontrastierend mit dem Wühlen eines Selbst-Entwurzelten in einem riesigen Haufen Sperrmüll, redselig auf eine schräg-umständliche Weise, ein geistiges Verstolpern im allmählichen Sortieren und Sichten des erst noch zu findenden Lageplans seiner Gedanken. Es sind fast Epiphanien, die Rainer Rabowski da beschreibt, nein – darauf muss man bestehen -: erzählt. Es sind Erzählungen, »Lebensmitschriften« vom Aufgehobensein in eine von allem anderen gelöste[n] Bewegung. Was doch diese Schlaflosigkeit, die dem Ich-Erzähler in schöner(?) Regelmäßigkeit (oder Unregelmäßigkeit?) alles hervorbringt: Ein Flanieren in der Stille der Nacht. Einer Nacht, die, wenn man genau hinhört, hinsieht und riecht diese Schönheit des…alles genau beobachtenden Tiers zu erzeugen vermag (ganz im Gegensatz zur schaurig-affektiven Jekyll/Hyde-Verwandlung).
Da der Ich-Erzähler namenlos bleibt, ist es verführerisch, ihn mit dem Autor gleichzusetzen oder zu verwechseln. Der Ort ist überdeutlich Düsseldorf (die Stadt Peter Kürtens, wie es einmal heißt) und mehr als nur Kulisse (wie sich schon in der Bezeichnung »Düs-Tropien I« auf der ersten Seite zeigt): Tausendfüßler, Gleisanschluss Gatherhof, Hauptbahnhof Hintereingang, Fürstenplatz, Burgplatz, Bilker Allee, Seestern, Ecke Herzog-/Corneliusstraße, Gustav-Poensgen-Straße, Karolingerstraße, etc. Wer will, kann auf einer Karte Punkte machen, diese verbinden und erhält ein Bewegungsprofil. Obwohl: die wirklich wichtigen Orte bleiben angedeutet, etwa die B‑Straße, G‑Straße oder K‑Straße – als gelte es, diese jungfräulich zu erhalten und dem Zugriff des neugierigen Lesers zu entziehen.
Hans Magnus Enzensberger: Sanftes Monster Brüssel
Selten passte ein Titel so präzise zum Duktus des Buches: »Sanftes Monster Brüssel« steht dort in großen, roten Buchstaben. Der Zusatz »oder Die Entmündigung Europas« ist dann schon der Beginn eines Missverständnisses. Muss es nicht heißen »Die Entmündigung der Europäer«? Wie wird »Europa« entmündigt? Was ist das überhaupt – »Europa«?
Sanft und mit feiner Ironie kommt Hans Magnus Enzensberger daher. Wie sollte er auch anders? Ein deutscher Intellektueller, der eine scharfe Schrift gegen »Europa« bzw. die Europäische Union hinlegt – undenkbar. Sofort würden die gängigen Etiketten hervorgeholt. »Europaskeptisch« bedeutet in Deutschland noch mehr als in anderen Ländern rechts, dumpf und antimodernistisch. Wer möchte das schon sein? Das Problem sieht Enzensberger sehr wohl, denn hinter dieser Rhetorik macht er eine Strategie aus, die…gegen jede Kritik immunisieren soll. Wer ihren Plänen widerspricht, wird als Antieuropäer denunziert. Dies erinnere von ferne an die Rhetorik des Senators Joseph McCarthy und des Politbüros der KPdSU. Wenngleich er an anderer Stelle den Vergleich der EU mit totalitären Regimen als abwegig feststellt und somit nivelliert.
Vorerst ist die Lawine »Atomkraft – nein danke!« zum Stillstand gekommen. Die Facebook-Profilbildchen werden wieder geändert. Als nächste Bekenntnisse werden favorisiert: »S21 oben bleiben« – ein Revival – (insbesondere nach Bekanntgabe eventuell pragmatischer Koalitionsverhandlungsergebnisse in Baden-Württemberg) oder »Freiheit für Ai WeiWei«. Schade, dass sich »Free Libya« nicht so richtig durchgesetzt hat, aber den Atomkraftgegnern war das Hemd näher als der Rock.
So richtig vollwertiges Mitglied in den »sozialen Netzwerken« ist man ja nur mit entsprechendem Bekenntnis. Und das soll schon am Profilbild erkennbar sein. Ich bekenne, also bin ich. Schon optisch wird deutlich: Diskussion sinnlos. Hier hört der Spaß auf. Wie halte ich mir sicher anderslautende Urteile vom Hals? Ich bekenne mich bei Facebook. Da spielt dann auf einmal die andere Ikone – der Datenschutz – keine Rolle mehr.
Nie war es so einfach im wohligen Mief der gleichen Meinung unter sich zu bleiben – und sich dabei gut zu fühlen. Der Preis auf diesem Subprime-Markt der politischen Gesinnungsprostitution ist klein. Das Versprechen auf Anerkennung ist groß; das Risiko gering. Wenn man sich jetzt nicht engagiert, wann dann?
Alexander Rosenstock: Das Losbuch des Lorenzo Spirito von 1482
Eine schöne Beschreibung für diesen prächtigen Band: »Eine Spurensuche« nennt Alexander Rosenstock, stellvertretender Leiter der Stadtbibliothek Ulm, seine Schrift über das Losbuch des Lorenzo Spirito von 1482. Das Losbuch ist die vermutlich kostbarste Inkunabel des Bibliotheksbestands. In jedem Fall handelt es sich um ein Unikat – zwar mit Gebrauchsspuren, aber durchaus gut erhalten. Der Büchersammler Erhard Schad (1604–1681) hatte das Buch erworben. Es kam mit seiner Bibliothek 1826 in die Stadtbibliothek Ulm. Zu Beginn beweist Rosenstock mit kriminalistisch-bibliographischer Finesse, dass Lorenzo Spiritos Losbuch tatsächlich das erste gedruckte Würfellosbuch ist und von 1482 stammt. Gezeigt werden die Irrwege und falschen Quellenangaben genau so wie die Lösung des Falls.