»Im Na­men des Gu­ten«

Alexander Kissler: Widerworte
Alex­an­der Kiss­ler:
Wi­der­wor­te – War­um mit Phra­sen Schluss sein muss

An­mer­kun­gen zu ei­nem An­ti-Phra­sen­buch und ein klei­ner Ex­kurs in die Ver­gan­gen­heit

Der Ti­tel des neu­en Bu­ches von Alex­an­der Kiss­ler (Res­sort­lei­ter beim Ma­ga­zin »Ci­ce­ro«) ist kämp­fe­risch: »Wi­der­wor­te – War­um mit Phra­sen Schluss sein muss«. Kiss­ler sieht es als ei­ne Pflicht an, 15 der gän­gi­gen Phra­sen der letz­ten Jah­re zu wi­der­spre­chen, denn nicht die Lü­gen sei­en die Ge­fahr für das Den­ken, son­dern die Phra­se, so im Vor­wort.

»Viel­falt ist un­se­re Stär­ke«, »Das ist al­ter­na­tiv­los«, »Ge­walt ist kei­ne Lö­sung«, das sich im­mer ra­san­ter aus­be­rei­ten­de Cre­do vom all­sei­tig not­wen­di­gen Re­spekt, »Un­ser Reich­tum ist die Ar­mut der An­de­ren«, so­wie die Mut­ter al­ler Phra­sen der letz­ten Jah­re »Wir schaf­fen das« – um nur ei­ni­ge der ana­ly­sier­ten und se­zier­ten Re­de­wen­dun­gen zu nen­nen. Das Buch wen­det sich die­sen Phra­sen in Tex­ten zwi­schen fünf und zwan­zig Sei­ten zu, wo­bei die In­ten­si­tät der Be­spre­chung Rück­schlüs­se auf die Phra­sen­haf­tig­keit der Phra­se, al­so der Not­wen­dig­keit von de­ren De­kon­struk­ti­on zu­lässt.

Phra­sen sind »Um­wer­tungs­ver­su­che«, sol­len Ge­dan­ken len­ken, Mei­nungs­strö­me ein­he­gen, Ge­wiss­hei­ten be­to­nie­ren. »Die Phra­se be­ginnt, wo das Den­ken en­det«, so Kiss­ler an ei­ner Stel­le süf­fi­sant. Im harm­lo­sen Fall ist es nur ein Wer­be­spruch, der in den Ka­non der Re­de­wen­dun­gen ein­fliesst und sich dort zu­wei­len ver­selb­stän­digt. »Zur Phra­se wird ein Spruch, wenn er ei­nen wah­ren Teil­aspekt aus­spricht und die­sen zur gan­zen Wahr­heit er­klärt.« Kiss­ler meint da­mit die po­li­tisch auf­ge­la­de­nen Phra­sen, de­ren Aus­sa­gen zu Ge­wiss­hei­ten er­klärt wer­den. Bei der Lek­tü­re stellt sich ein er­staun­li­ches Er­leb­nis ein: Die Phra­sen wer­den von et­li­chen Mas­sen­me­di­en häu­fig gar nicht mehr be­fragt, son­dern in ei­ner bis­wei­len selt­sam an­mu­ten­den Ein­tracht mit Po­li­tik und/oder In­sti­tu­tio­nen (NGOs, Kir­chen, Wis­sen­schaf­ten) als Ge­bo­te an­ge­se­hen und wei­ter­ver­brei­tet.

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An­ge­la Leh­ner: Va­ter un­ser

Angela Lehner: Vater unser
An­ge­la Leh­ner: Va­ter un­ser

Das Co­ver, die­se blut­ro­te Schrift auf pin­kem Un­ter­grund, kann ich nur schwer er­tra­gen. Kopf­schmer­zen stel­len sich ein. Es ver­führt zum Um­blät­tern, zum Le­sen. Al­so los. Ei­ne Frau be­fin­det sich in Po­li­zei­ge­wahr­sam. Sie re­bel­liert nicht, scheint fast ein­ver­stan­den mit der Frei­heits­be­rau­bung und er­kun­det statt­des­sen prä­zi­se die Um­ge­bung, die Po­li­zi­sten. Sie ra­sten an ei­ner Tank­stel­le. Ein Herr­gotts­win­kel mit Hai­der-Bild­chen. Kärn­ten al­so. Es geht im Ge­fäng­nis­au­to nach Wien, ins OWS, »Ot­to-Wag­ner-Spi­tal«. »Der Him­mel wird schon kit­schig«, heißt es. Die Ich-Er­zäh­le­rin ist Eva Gru­ber. Sie soll ei­ne Kin­der­gar­ten­klas­se er­schos­sen ha­ben.

Ka­me­ra­be­ob­ach­tung, ei­ne Ho­se mit Gum­mi­zug, je­den Tag Kar­tof­feln als Bei­la­ge in Va­ria­tio­nen. Kein Spa, aber auch kein Ge­fäng­nis. Eva ent­deckt Bern­hard, ih­ren Bru­der. Bern­hard ist für sie der »ein­zi­ge Mensch, des­sen Furcht für mich schlim­mer ist als mei­ne ei­ge­ne«. Mut­ter­ge­füh­le der Schwe­ster. Die bei­den wer­den nicht zu­sam­men­ge­legt; An­stalts­ge­setz. Bern­hard ist ab­ge­ma­gert, lei­det un­ter Ess­stö­run­gen, re­ser­viert sich von sei­ner Schwe­ster. Er hat so et­was wie ei­ne Freun­din, die Eva »Dum­bo« nennt.

Eva er­zählt, be­rich­tet. Der Le­ser weiss trotz­dem we­nig bis nichts. Sie ist forsch, lässt sich vom eher schüch­ter­nen, et­was um­ständ­li­chen The­ra­peu­ten, Dok­tor Korb, nicht be­ein­drucken; im Ge­gen­teil: sie for­dert ihn, was ihn über­for­dert. Im­mer wie­der gibt es Rück­blen­den in die Kind­heit, an den schüch­ter­nen, ge­dul­di­gen Va­ter, die merk­wür­dig blass blei­ben­de Mut­ter, die sich ein­mal mit Bern­hard in ei­nem Zim­mer ein­ge­schlos­sen hat­te und auch Schlä­ge von Eva er­trug. Der Va­ter hat Selbst­mord be­gan­gen, er­fährt man. Die Mut­ter sei »auch tot«.

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Ge­sin­nungs­äs­the­tik, Klas­sen­lie­be und Mei­nungs­pfo­sten

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen
An­ke Stel­ling:
Schäf­chen im Trocke­nen

Un­ge­ord­ne­te Be­mer­kun­gen zu An­ke Stel­lings »Schäf­chen im Trocke­nen«

Es gibt sie noch, die Li­te­ra­tur­kri­tik, die es schafft, Lust auf die Lek­tü­re ei­nes Bu­ches zu er­zeu­gen. Über­ra­schend ist viel­leicht, dass ein Ver­riss war, der mich auf An­ke Stel­lings »Schäf­chen im Trocke­nen« neu­gie­rig mach­te. Die lo­ben­den Wor­te, die ich in den Teasern von den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen las und auch der Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se ge­nüg­ten hier­für nicht. Es be­durf­te der fu­rio­sen Phil­ip­pi­ka von Iris Ra­disch (lei­der jetzt hin­ter ei­ner Paywall). Vor al­lem, weil hier von »Ge­sin­nungs­äs­the­tik« die Re­de ist, vom »vul­gär­so­zio­lo­gi­schen Grund«, der die­se Pro­sa mit dem »wichtigste[n] Li­te­ra­tur­preis des Früh­jahrs« be­denkt.

Der Vor­wurf der Ge­sin­nungs­äs­the­tik fällt im­mer dann, wenn ein Buch nicht auf­grund sei­ner li­te­ra­ri­schen Vor­zü­ge ge­lobt und aus­ge­zeich­net zu wer­den scheint, son­dern der po­li­ti­sche, ge­sell­schaft­li­che Deu­tungs­rah­men des In­halts do­mi­niert. Ge­sin­nungs­äs­the­tik fun­giert da­bei vor al­lem als Ur­teil über die Re­zep­ti­on bzw. die Kri­tik. Es han­delt sich al­so im wei­te­sten Sinn um Me­di­en­kri­tik. Sel­ten, dass ei­nem Au­tor ge­sin­nungs­äs­the­ti­sches Schrei­ben da­hin­ge­hend un­ter­stellt wird, dass er ei­nen po­li­ti­schen und/oder ge­sell­schaft­li­chen Main­stream be­wusst be­dient.

Da­bei wird über­se­hen, dass na­he­zu je­des Ur­teil über ein li­te­ra­ri­sches Werk ge­wis­sen ge­sin­nungs­äs­the­ti­schen Strö­mun­gen un­ter­liegt. So ist der klei­ne Bru­der der Ge­sin­nungs­äs­the­tik der Zeit­geist. Der Un­ter­schied zwi­schen Zeit­geist und Ge­sin­nungs­äs­the­tik be­steht dar­in, ob die Aus­zeich­nen­den, die Lo­ben­den um die Prio­ri­sie­rung ih­rer Ur­teils­kri­te­ri­en wis­sen. Zeit­geist ge­schieht, Ge­sin­nungs­äs­the­tik ist be­wusst. Aus­ge­zeich­net wird dann et­was ge­ra­de we­gen sei­ner au­ßer­li­te­ra­ri­schen Be­zü­ge, bei­spiels­wei­se weil in ei­nem Ro­man ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche Rich­tung po­si­tiv dar­ge­stellt wird oder weil es ei­ne Frau ge­schrie­ben hat oder ein Mann oder ein Ein­hei­mi­scher oder ei­ne Per­son mit Mi­gra­ti­ons­vor­der- oder –hin­ter­grund oder was auch im­mer als re­le­vant her­an­ge­zo­gen wird.

Zu­letzt kur­sier­te der Vor­wurf der Ge­sin­nungs­äs­the­tik in gro­ßem Stil in den Feuil­le­tons der 1990er Jah­re als es um die nach­träg­li­che Be­wer­tung der Dich­tun­gen aus der DDR ging. Der Aus­lö­ser war Chri­sta Wolfs No­vel­le »Was bleibt«. In der sich im­mer mehr vom Text ab­kop­peln­den Dis­kus­si­on ging es am En­de dar­um, ob bei­spiels­wei­se Wolfs Werk auf­grund ih­res Sta­tus als Au­torin der DDR zu po­si­tiv re­zi­piert wor­den sei. Man hät­te hier­aus ei­ne in­ter­es­san­te Dis­kus­si­on um Schrift­stel­ler und de­ren po­li­ti­sche Kom­pe­tenz füh­ren kön­nen – aber wie so häu­fig ent­glitt das The­ma. Be­zeich­nend, dass Wolf vor al­lem von Gün­ter Grass in Schutz ge­nom­men wur­de. Man hät­te durch­aus auch Grass, der halb frei­wil­lig halb er­zwun­gen zum »Ge­wis­sen der Na­ti­on« sti­li­siert wur­de, als ge­sin­nungs­äs­the­tisch be­wer­te­ten Au­tor her­an­zie­hen kön­nen, aber aus ir­gend­wel­chen Grün­den un­ter­zog man nur die DDR-Au­toren der Kri­tik.

Ra­disch ver­wen­det die Be­zeich­nung der »po­pu­lä­ren Ge­sin­nungs­äs­the­tik«. Da­mit kri­ti­siert das, was man grob ver­ein­fa­chend als gän­gi­ge Preis- und Sti­pen­dia­ten­pro­sa be­zeich­nen könn­te. Es ist ei­ne Pro­sa, die das rich­ti­ge schreibt und denkt, sich dem Main­stream an­ge­passt hat. Der Vor­wurf der Ge­sin­nungs­äs­the­tik ist da­her auch als Kri­tik an den li­te­ra­ri­schen Ur­tei­len ge­ne­rell zu ver­ste­hen.

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Se­ba­sti­an Win­kels: Tal­king Mo­ney

Mr. Gocha aus Ge­or­gi­en möch­te noch ei­nen neu­en Kre­dit. Ei­ne Fa­mi­lie aus Nea­pel ver­han­delt über ei­ne Rück­zah­lung ei­nes ver­schul­de­ten Erb­las­sers. Ein an­de­rer Mann hat Pro­ble­me beim Ein­lö­sen ei­nes Bar­schecks. Schließ­lich ver­lässt er mit ei­nem Bün­del Geld die Bank, um da­mit sei­ne Ar­bei­ter zu be­zah­len. In Co­to­nou, Ben­in, möch­te Mon­sieur As­s­ank­pon ei­nen Kre­dit mit sei­ner Fest­geld­an­la­ge ver­rech­nen und soll 8% für 6 Mo­na­te be­zah­len. In Ka­ra­chi wer­den 30 Mil­lio­nen Ru­pi­en für zwei neue Fir­men­grün­dun­gen nach­ge­fragt. Ei­ne Schwei­ze­rin er­kun­digt sich nach An­la­ge­mög­lich­kei­ten, die so­zia­les und öko­lo­gi­sches En­ga­ge­ment un­ter­stüt­zen. Ei­ne Zi­tro­nen­händ­le­rin aus Bo­li­vi­en be­nö­tigt ei­nen Fi­nan­zie­rungs­kre­dit. Ein Hei­zungs­bau­er aus Pots­dam er­kun­digt sich nach ei­ner neu­en Be­rufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung. Ei­ne Toch­ter und ihr 91jähriger Va­ter sind in Chi­ca­go mit ei­ner Erb­schafts­an­ge­le­gen­heit be­schäf­tigt.

All die­se Per­so­nen (und noch ei­ni­ge mehr) sit­zen ih­rem Bank­be­ra­ter, ih­rer Bank­be­ra­te­rin, ge­gen­über. »Tal­king Mo­ney« heisst der Film von Se­ba­sti­an Win­kels und der leicht schel­mi­sche Un­ter­ti­tel lau­tet »Ren­dez­vous bei der Bank«. Die Sze­ne­rien be­gin­nen oh­ne je­de Ein­füh­rung und en­den zu­meist oh­ne Auf­lö­sung. Die Ka­me­ra bleibt auf den je­wei­li­gen Kun­den ge­rich­tet. Die Bank­an­ge­stell­ten sind fast nie im Bild; höch­stens ein un­deut­li­ches Pro­fil oder ei­ne Hand, die über den Tisch huscht oder ein Com­pu­ter wird be­dient. Meist geht es um ei­nen Kre­dit. Die Ton­la­ge in den Ge­sprä­chen va­ri­iert häu­fig zwi­schen Beicht­stuhl, Ab­fer­ti­gungs­schal­ter und Po­li­zei­ver­hör. Selbst die an­la­ge­su­chen­den Schwei­zer Kun­den wir­ken wie Bitt­stel­ler.

We­ni­ge Pau­sen zwi­schen den Sit­zun­gen rund um die Welt. Dar­in wort­los ei­ne Frau, die ku­gel­schrei­ber­krei­send te­le­fo­niert. Ei­ne an­de­re schlägt mit der Hand­flä­che auf ei­nen Pa­gi­nier­stem­pel. Auf­zug mit Mo­zart­mu­sik. Ei­ne Kaf­fee- oder Tee­kü­che. Au­to­ma­ten wer­den mit Geld be­stückt. Ein Si­cher­heits­mann.

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»Nicht ve­ri­fi­zie­ren – fal­si­fi­zie­ren!«

Fu­ri­os-span­nen­de Zeit- und Me­di­en­ge­schich­te: »Fa­king Hit­ler« lie­fert neue Ein­blicke in das schein­bar Be­kann­te um die Af­fä­re der Hit­ler-Ta­ge­bü­cher

Auch wer es nicht sel­ber er­lebt hat, kennt sie ir­gend­wie: die so­ge­nann­ten Hit­ler-Ta­ge­bü­cher, die 1983 für kur­ze Zeit ganz Deutsch­land elek­tri­sier­ten. Ich war da­mals 24 Jah­re alt. Ma­ga­zi­ne wie »stern« mit ih­ren el­len­gen­lan­gen Fo­to­re­por­ta­gen in­ter­es­sier­ten mich eher we­ni­ger. Das Heft mit den Hit­ler-Ta­ge­bü­chern hat­te ich den­noch ge­kauft. Ob­wohl die Zwei­fel groß wa­ren. Wie­so tauch­ten auf ein­mal, 40 Jah­re nach Kriegs­en­de, die­se Ta­ge­bü­cher auf? Und war­um kom­men sie in ei­nem sol­chen Ma­ga­zin? Wä­re nicht eher der re­pu­ta­ti­ons­mä­ssig hö­her­ste­hen­de Spie­gel die rich­ti­ge Platt­form ge­we­sen? Im Fern­se­hen hiel­ten sich nach mei­ner Er­in­ne­rung zu­nächst Skep­ti­ker und Eu­pho­ri­ker die Waa­ge.

Aber der Scoop währ­te nur ein paar Ta­ge, dann war klar: die Ta­ge­bü­cher wa­ren ge­fälscht. Scheib­chen­wei­se ka­men nun die Ein­zel­hei­ten in die Öf­fent­lich­keit, die ir­gend­wann er­mü­de­ten. Ein paar Jah­re spä­ter noch »Schtonk«; ein Film, der mich nur mä­ssig amü­sier­te, weil ich ihn über­trie­ben und ver­harm­lo­send fand.

Aus heu­ti­ger Sicht ist es er­staun­lich, dass das An­se­hen des Jour­na­lis­mus da­mals nicht dau­er­haft Scha­den nahm. Das hat­te al­ler­dings da­mit zu tun, dass die Schar der Skep­ti­ker sehr schnell Ober­hand ge­wann – vor al­lem auch in den Kon­kur­renz­me­di­en. Jour­na­li­sten­al­li­an­zen und Re­cher­chen­etz­wer­ke gab es da­mals nicht. Am En­de blieb na­he­zu al­les am »stern« haf­ten. Und die hat­ten ih­ren Sün­den­bock, den »Star­re­por­ter« Gerd Hei­de­mann. Der ei­gent­li­che Fäl­scher Kon­rad Ku­jau wur­de eher be­staunt, manch­mal so­gar be­wun­dert. Spä­ter, nach sei­ner Haft, sah man ihn ver­schie­dent­lich im Fern­se­hen, be­vor­zugt in Talk­shows. Man scherz­te und lach­te. Auf You­tube kann man das teil­wei­se noch an­se­hen. Das wi­der­te mich an, weil ei­ne vor­sätz­li­che Ge­schichts­fäl­schung fast wie ein Ka­va­liers­de­likt be­han­delt wur­de. (Spä­ter beim an­de­ren gro­ßen Fäl­scher Bel­trac­chi, der die Schicki-Micki-Möch­te­gern-Kunst-Avant­gar­de hin­ters Licht führ­te, war das an­ders.)

An­fang des Jah­res er­fuhr ich von ei­ner zehn­tei­li­gen Pod­cast-Se­rie »Fa­king Hit­ler« – und das un­ter Ägi­de des »stern«. Mu­tig, mu­tig. Den Au­tor Mal­te Her­wig ken­ne ich per­sön­lich durch mei­ne Be­schäf­ti­gung mit Hand­ke und sei­ne – nach wie vor – lu­zi­de Bio­gra­phie über den öster­rei­chi­schen Schrift­stel­ler. Da­mals ent­deck­te Her­wig Brie­fe von Hand­kes leib­li­chem Va­ter, die un­be­kannt wa­ren. Für sein Buch »Die Flak­hel­fer« ging er in Ar­chi­ve um fest­zu­stel­len, wer von den 1925ff ge­bo­re­nen noch NSDAP-Mit­glied wur­de – und dies spä­ter dann be­stritt. Es gab kei­nen Au­to­ma­tis­mus bei der Mit­glied­schaft – so die re­cher­chier­te Bot­schaft. Das Buch lö­ste Kon­tro­ver­sen aus. Her­wig ging es nicht dar­um, die Leu­te zu de­nun­zie­ren. Er wer­te­te nicht, er be­rich­te­te. Für man­che war dies zu viel, weil sich her­aus­stell­te, dass ih­re Ido­le auch nur Men­schen wa­ren, die sich in ih­rer Ju­gend falsch ver­hiel­ten.

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Ul­rich Woelk: Der Som­mer mei­ner Mut­ter

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter
Ul­rich Woelk:
Der Som­mer mei­ner Mut­ter

Die be­rühm­ten er­sten Sät­ze. Man kennt sie. Und jetzt die­ser: »Im Som­mer 1969, ein paar Wo­chen nach der er­sten Mond­lan­dung, nahm sich mei­ne Mut­ter das Le­ben.« Das Buch ist von Ul­rich Woelk und heisst »Der Som­mer mei­ner Mut­ter«.

Wie sieht ein Schrei­ben nach die­sem Satz aus? Was ist zu er­zäh­len? Der Tod der Mut­ter? Die Grün­de für ih­ren Sui­zid? Wie es mit dem Ich-Er­zäh­ler, der, wie man schnell er­fährt, To­bi­as heisst und 1969 elf Jah­re alt war, wei­ter?

So­fort fällt ei­nem Pe­ter Hand­kes Er­zäh­lung vom Frei­tod sei­ner Mut­ter, »Wunsch­lo­ses Un­glück« ein. Das Buch han­delt ei­ner­seits von den ver­lo­re­nen Le­bens­chan­cen der Mut­ter, dem fra­gi­len und ver­geb­li­chen Su­chen nach Glück und, ge­gen En­de im­mer mehr, von den Schwie­rig­kei­ten des Er­zäh­lens des Soh­nes die­ser Si­tua­ti­on, von der Un­mög­lich­keit, der Mut­ter und ih­rer Si­tua­ti­on ge­recht zu wer­den. Hand­ke war 29 als sei­ne Mut­ter den Weg in den Tod wähl­te. Sie wur­de 51 Jah­re alt.

Woelk sucht nicht, er be­rich­tet. Das Er­eig­nis ver­gisst man nicht, wäh­rend man da­nach über die Zeit zwi­schen April und Au­gust 1969 liest. Da­her wun­dert man sich, dass es so harm­los wei­ter­geht. Ei­ne nor­ma­le Mit­tel­schicht­ge­schich­te, Häus­chen in der Pe­ri­phe­rie zu Köln, Rhein-Nä­he, ein Le­ben mit »Wasch­be­ton­ter­as­se, Zen­tral­hei­zung und Dop­pel­ga­ra­gen­an­bau«.

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Mi­chel Hou­el­le­becq: Se­ro­to­nin

Michel Houllebecq: Serotonin
Mi­chel Houl­le­becq:
Se­ro­to­nin

Es war gar nicht so schwer, all die Ur­tei­le und Kri­ti­ken zum neu­en Hou­el­le­becq zu igno­rie­ren. Zu­mal ich im­mer we­ni­ger die­ses Per­len­tau­cher-Efeu-Feuil­le­ton aus FAZ, Zeit, SZ, taz, und­so­wei­ter re­zi­pie­re, es in­ter­es­siert mich fast gar nicht mehr. Si­cher­lich, ich be­kam ei­ni­ge Schlag­zei­len mit und dann je­ne üb­li­chen Ver­däch­ti­gen, die sich stolz be­kann­ten, das Buch nicht ge­le­sen zu ha­ben, oder je­ne, die er­klär­ten, war­um man die­ses Buch nicht le­sen braucht, es sei von ei­nem »al­ten, wei­ßen Ty­pen«, so ei­ne Li­te­ra­tur­ak­ti­vi­stin, und man sol­le bes­ser an­de­re Au­torin­nen le­sen, z. B. Si­ri Hust­vedt, die aber, wenn man ge­nau nach­schaut, äl­ter ist als Hou­el­le­becq und eben­falls weiß und ich fra­ge mich nun, ob man Si­ri Hust­vedt als »al­te, wei­ße Typ­in« oder »al­te, wei­ße Frau« be­zeich­nen darf, oh­ne von der Sprach­po­li­zei ver­ur­teilt zu wer­den.

Schließ­lich gab es noch ei­nen Text, den ich auf Face­book ver­linkt fand, der im Teaser vor­schlug, das Auf­kom­men an Hou­el­le­becq-Be­spre­chun­gen und da­mit die Auf­merk­sam­keit für die­sen Au­tor be­wusst klein zu hal­ten, aber da­für muss­te auch die­ser Text erst ein­mal Auf­merk­sam­keit auf Hou­el­le­becq len­ken, um zu sa­gen, dass man auf kei­nen Fall Hou­el­le­becq Auf­merk­sam­keit schen­ken darf. Und dann, wie mir ein Freund sag­te, war da die­ser Zeit-Feuil­le­to­nist zu der Er­kennt­nis ge­kom­men, dass Hou­el­le­becq ein »neu­rech­ter Den­ker« sei (ver­mut­lich we­gen sei­ner dür­ren Speng­ler­re­de) und ich dach­te an die­sen dampf­plau­dern­den ehe­ma­li­gen Spie­gel-Ko­lum­ni­sten, der sei­ner­zeit Chri­sti­an Kracht als »Neu­rech­ten« dif­fa­mier­te und da­nach seufz­te ich ob der Le­bens­zeit, die man mit der Be­schäf­ti­gung sol­cher Seins-Nicht­se wie Diez oder So­boc­zyn­ski ver­schwen­det.

Die Er­kennt­nis, dass die mei­sten Feuil­le­ton­be­spre­chun­gen ins­be­son­de­re was Hou­el­le­becq an­geht, nicht das Pa­pier wert sind, auf dem sie ge­druckt wur­den, keim­te bei mir spä­te­stens nach »Un­ter­wer­fung« auf. Vie­le Re­zen­sen­ten woll­ten sich mit der in der Ge­schich­te an­ge­leg­ten po­li­tisch-ge­sell­schaft­li­chen Fra­ge, ab wann sich die De­mo­kra­tie so­zu­sa­gen sel­ber zum Scha­fott führt, nicht be­schäf­ti­gen, son­dern de­kla­rier­ten das Buch ein­fach zur »Sa­ti­re«. An­de­re be­schäf­tig­ten sich mit der un­plan­ba­ren Par­al­le­le zwi­schen Erst­ver­öf­fent­li­chung des Bu­ches und den An­schlä­gen auf die Ma­cher des Sa­ti­re­ma­ga­zins »Char­lie Heb­do«. Bei­des hat­te we­nig bis nichts mit dem Buch zu tun. Dass für der­ar­ti­ge Ar­beits­ver­wei­ge­run­gen die Zu­stim­mungs­ra­ten im­mer mehr sin­ken, darf nie­man­den mehr ver­wun­dern.

Nun al­so »Se­ro­to­nin«. Dem deut­schen Le­ser fällt auf: wie­der ein­mal Ste­phan Klei­ner als Über­set­zer. Ich glau­be, es gibt in­zwi­schen vier oder fünf Über­set­zer von Hou­el­le­becq ins Deut­sche und ich fra­ge mich, war­um es im­mer wie­der ein an­de­rer sein muss. Gibt es da­für Grün­de? Wird die Po­si­ti­on aus­ge­schrie­ben und der gün­stig­ste ge­nom­men? Aber viel­leicht ist das nur ein Ne­ben­gleis. Wie üb­lich wird ei­nem so­fort der »Held« des Bu­ches vor­ge­stellt: er heisst Flo­rent-Clau­de und hasst die­sen Vor­na­men (ich nen­ne ihn da­her nur noch Flo­rent), aber, und das ist durch­aus neu, er hasst sei­ne El­tern nicht, im wei­te­ren Ver­lauf des Bu­ches spie­len die El­tern ei­ne wich­ti­ge Ne­ben­rol­le, aber da­zu spä­ter.

Flo­rent, der Ich-Er­zäh­ler, 46 Jah­re alt, lässt den Le­ser nicht ei­ne Se­kun­de dar­über im Zwei­fel dass er ein Ge­schei­ter­ter ist, ein »sub­stanz­lo­ses Weich­ei«, in »un­er­träg­li­che Lee­re« und »fried­voll, ge­fe­stig­ter Trau­rig­keit« le­bend, mit über­mä­ssi­gem Ni­ko­tin- und Al­ko­hol­kon­sum, aber eben in­zwi­schen auch ei­ne Ta­blet­te mit dem Na­men »Cap­to­rix« kon­su­mie­rend, ein neu­es Pro­dukt, wel­ches Stim­mun­gen auf­hel­len soll, ein An­ti-De­pres­si­va oh­ne die gän­gi­gen Ne­ben­wir­kun­gen die­ser Prä­pa­ra­te. Hier kommt Se­ro­to­nin ins Spiel, je­nes Hor­mon, dass vor al­lem für die Ge­las­sen­heit, den psy­chi­schen Aus­gleich zu­stän­dig ist, und so fühlt sich denn auch Flo­rent, ob­wohl er ei­gent­lich de­pres­siv ist und sich an­fangs bei­spiels­wei­se nur müh­sam zur Kör­per­pfle­ge auf­raf­fen kann.

Zu­nächst hat man den Ein­druck da er­zäh­le je­mand aus der Zu­kunft, denn die Prä­si­dent­schaft Macrons wird ein­mal als in der Ver­gan­gen­heit lie­gend ge­mut­maßt, aber die Rech­ne­r­ei­en, die Hou­el­le­becq dem Le­ser an­bie­tet le­gen den Schluss na­he, dass da je­mand aus der Per­spek­ti­ve des Jah­res 2018, viel­leicht 2019, er­zählt und Flo­rent ist da­mit 1972/73 ge­bo­ren, in gu­ten Ver­hält­nis­sen (der Va­ter war No­tar), be­hü­tet auf­ge­wach­sen. Er stu­dier­te auf ei­ner pri­va­ten Land­wirt­schafts­schu­le, ar­bei­te­te in gut do­tier­ten An­stel­lun­gen (bei Monsan­to und dann im fran­zö­si­schen Land­wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um). Obe­re Mit­tel­schicht al­so. Zu Be­ginn der Er­zäh­lung lebt er von ei­nem üp­pi­gen Ge­halt, wel­ches je­doch für Mie­te ei­ner gro­ßen Woh­nung in Pa­ris und das Aus­hal­ten sei­ner ja­pa­ni­schen Ge­lieb­ten na­mens Yu­zu zu 90% auf­ge­braucht wird. Da­ne­ben be­sitzt er ein Er­be, wel­ches ei­nen Kon­to­stand von rund 700.000 Eu­ro aus­weist.

Nach kur­zem Vor­spiel be­ginnt es mit der Schil­de­rung der Los­lö­sung von Yu­zu. In­ter­es­sant, dass aus­ge­rech­net sie die ein­zi­ge Prot­ago­ni­stin im Buch ist, die man als Pro­fi­teu­rin der Glo­ba­li­sie­rung be­zeich­nen könn­te, denn so­lan­ge sie in Frank­reich lebt, le­ben kann (ihr Ge­halt ist bei wei­tem nicht aus­rei­chend für ihr Lu­xus­le­ben), muss sie nicht zu­rück nach Ja­pan, wo wohl schon ei­ne ar­ran­gier­ter Ehe auf sie war­tet. Bei­de ha­ben sich je­doch ent­frem­det, er schläft schon län­ger nicht mehr mit ihr aber als er auf ih­rem PC por­no­gra­fi­sche Vi­de­os ent­deckt (vom Gang­bang in sei­ner Woh­nung bis zur So­do­mie ist al­les da­bei), be­schliesst er, sie zu ver­las­sen und so­zu­sa­gen rück­stands­los zu ver­schwin­den. Er gibt sei­nen Job auf, kün­digt die Woh­nung und be­sorgt sich bei ei­ner an­de­ren Bank ein neu­es Kon­to. Das geht bin­nen ei­nes Ta­ges. Schwie­ri­ger – drei Ta­ge! – ist es, ein neu­es Do­mi­zil zu fin­den. Der chro­ni­sche Ni­ko­tin­süch­ti­ge be­nö­tigt ein Rau­cher­zim­mer, was, wie sich her­aus­stellt, kom­pli­ziert ist, zu­mal auch noch der Pa­ri­ser Be­zirk der neu­en Wohn­statt nicht ganz un­wich­tig ist. Als er sein Ho­tel ge­fun­den hat, ver­schwin­det er aus sei­ner Woh­nung und lässt Yu­zu gruß- und mit­tei­lungs­los zu­rück.

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Horst Stern

Ir­gend­wann in den 70er Jah­ren hieß es, es gä­be ei­nen neu­en »Tier­fil­mer«. Tier­fil­me wa­ren da­mals im Fern­se­hen sehr be­liebt – auch bei uns zu Hau­se. Es gab Heinz Siel­mann und Pro­fes­sor Grzimek. Und dann kam ein ge­wis­ser Horst Stern mit sei­ner Sen­dung »Sterns Stun­de«. Die Stun­de war, wie in der Schu­le, nur 45 Mi­nu­ten. Ich weiss nicht mehr ge­nau, wel­ches die er­ste Sen­dung war, die ich ge­se­hen ha­be, ver­mut­lich sei­ne »Be­mer­kun­gen über das Pferd«.

Aber Horst Stern war kein »Tier­fil­mer«. Er zeigt kei­ne exo­ti­schen Tie­re oder kei­ne neu­en Bil­der von be­kann­ten Tie­ren. Er rei­ste nicht nach Afri­ka oder Asi­en, um dort ei­ne exo­ti­sche Tier­welt ab­zu­fil­men. Er zeig­te Bil­der über den Rot­hirsch und die Jagd und mein­te, es wer­de zu we­nig ge­jagt; das Rot­wild rui­nie­re den Wald. Und das am 24. De­zem­ber um 20.15 Uhr. Er zeig­te Krab­ben­zucht­stät­ten in Asi­en und zeig­te, mit wel­chen Do­sen von Me­di­ka­men­ten die­se Tie­re ge­füt­tert und wie sie ge­hal­ten wur­den. Er be­leg­te, wie Pfer­de »ge­bro­chen« wer­den, da­mit sie über Hin­der­nis­se sprin­gen. Er zeig­te, wie Schwei­ne in den Stäl­len ver­blö­den. Er zeig­te, wie der »zi­vi­li­sier­te Mensch« sei­ne Tie­re miss­braucht, in dem er sie ver­mensch­licht und ver­hät­schelt und ei­nem Kind­chen­sche­ma folgt oder ein­fach nur als Wa­re an­sieht, die zu sei­ner Ver­fü­gung zu ste­hen hat. Er zeig­te, wie Men­schen ir­ren, wenn sie Na­tur für mo­ra­lisch hal­ten und glau­ben, ihr die ei­ge­nen Mo­ral­vor­stel­lun­gen auf­zu­zwin­gen.

Nein, da­mals (ich war so 13, 14) konn­te ich mit Horst Stern nicht viel an­fan­gen. Aber ein Sta­chel blieb und Jah­re spä­ter (die Sen­dun­gen wur­den al­le paar Jah­re wie­der­holt), da er­schlos­sen sie sich mir erst und mir wur­de Horst Stern zu ei­nem Na­tur­leh­rer; nein, das war ver­mut­lich zu we­nig: er wur­de mir ein Leh­rer.

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