Horst Stern

Ir­gend­wann in den 70er Jah­ren hieß es, es gä­be ei­nen neu­en »Tier­fil­mer«. Tier­fil­me wa­ren da­mals im Fern­se­hen sehr be­liebt – auch bei uns zu Hau­se. Es gab Heinz Siel­mann und Pro­fes­sor Grzimek. Und dann kam ein ge­wis­ser Horst Stern mit sei­ner Sen­dung »Sterns Stun­de«. Die Stun­de war, wie in der Schu­le, nur 45 Mi­nu­ten. Ich weiss nicht mehr ge­nau, wel­ches die er­ste Sen­dung war, die ich ge­se­hen ha­be, ver­mut­lich sei­ne »Be­mer­kun­gen über das Pferd«.

Aber Horst Stern war kein »Tier­fil­mer«. Er zeigt kei­ne exo­ti­schen Tie­re oder kei­ne neu­en Bil­der von be­kann­ten Tie­ren. Er rei­ste nicht nach Afri­ka oder Asi­en, um dort ei­ne exo­ti­sche Tier­welt ab­zu­fil­men. Er zeig­te Bil­der über den Rot­hirsch und die Jagd und mein­te, es wer­de zu we­nig ge­jagt; das Rot­wild rui­nie­re den Wald. Und das am 24. De­zem­ber um 20.15 Uhr. Er zeig­te Krab­ben­zucht­stät­ten in Asi­en und zeig­te, mit wel­chen Do­sen von Me­di­ka­men­ten die­se Tie­re ge­füt­tert und wie sie ge­hal­ten wur­den. Er be­leg­te, wie Pfer­de »ge­bro­chen« wer­den, da­mit sie über Hin­der­nis­se sprin­gen. Er zeig­te, wie Schwei­ne in den Stäl­len ver­blö­den. Er zeig­te, wie der »zi­vi­li­sier­te Mensch« sei­ne Tie­re miss­braucht, in dem er sie ver­mensch­licht und ver­hät­schelt und ei­nem Kind­chen­sche­ma folgt oder ein­fach nur als Wa­re an­sieht, die zu sei­ner Ver­fü­gung zu ste­hen hat. Er zeig­te, wie Men­schen ir­ren, wenn sie Na­tur für mo­ra­lisch hal­ten und glau­ben, ihr die ei­ge­nen Mo­ral­vor­stel­lun­gen auf­zu­zwin­gen.

Nein, da­mals (ich war so 13, 14) konn­te ich mit Horst Stern nicht viel an­fan­gen. Aber ein Sta­chel blieb und Jah­re spä­ter (die Sen­dun­gen wur­den al­le paar Jah­re wie­der­holt), da er­schlos­sen sie sich mir erst und mir wur­de Horst Stern zu ei­nem Na­tur­leh­rer; nein, das war ver­mut­lich zu we­nig: er wur­de mir ein Leh­rer.

1975 dreh­te ei­ne zwei­tei­li­ge Do­ku­men­ta­ti­on über Spin­nen – er woll­te die­sen »Ekel­tie­ren« den Rang zu­kom­men las­sen, der ih­nen in der Na­tur ge­bühr­te. Ei­ne klei­ne Epi­so­de, die er dort er­zählt, ist ty­pisch: Auf ei­nem US-ame­ri­ka­ni­schen Raum­flug nahm man für Ex­pe­ri­men­te auch Spin­nen mit. Da, so Stern iro­nisch, bei Raum­fahrt­pro­jek­ten in­zwi­schen auf­grund von öf­fent­li­chem Druck auch ge­spart wer­den müs­se, nahm man als Nah­rung für die Spin­nen nur zwei Flie­gen mit. Als man fest­stell­te, die Spin­nen ver­hun­ger­ten, woll­te man sie mit Rin­der­fi­let füt­tern. Man hat­te nicht be­rück­sich­tigt, dass Spin­nen nur le­ben­de Nah­rung an­neh­men. Die Tie­re ver­hun­ger­ten. »Sie, mei­ne Da­men und Her­ren, wis­sen es nun bes­ser,« so Sterns ab­schlie­ßen­der, un­ge­mein wir­kungs­vol­ler Kom­men­tar.

Mit rau­chi­ger Stim­me, ge­le­gent­li­chem Sar­kas­mus, aber – und das war das Ent­schei­den­de – mit ei­ner gro­ßen Sach­kennt­nis und aus­ge­zeich­ne­ten Re­cher­chen kre­ierte Stern ei­nen Stil, den es we­der vor­her noch nach­her je­mals wie­der im deut­schen Fern­se­hen gab. Stern woll­te nicht skan­da­li­sie­ren, son­dern auf­klä­ren und nahm hier­für kei­ner­lei Rück­sich­ten. Al­len Wi­der­stän­den zum Trotz hielt man ihm von sei­ten des Süd­deut­schen Rund­funks, des zu­stän­di­gen Fern­seh­sen­ders, den Rücken frei. Stern hat das im­mer ge­wür­digt und sei­nen Rück­zug Jah­re spä­ter un­ter an­de­rem auch mit der Sin­gu­la­ri­tät die­ser Si­tua­ti­on be­grün­det.

Wenn man sich heu­te die teil­wei­se mehr als 40 Jah­re al­ten Fil­me an­schaut, so muss man – ab­ge­se­hen von den sta­ti­sti­schen Wer­ten – oft ge­nug kon­sta­tie­ren: Es hat sich nicht so­viel ge­än­dert im Ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Tier oder Mensch und Na­tur. Horst Sterns An­lie­gen mit dem Er­star­ken der »Grü­nen« En­de der 70er Jah­re in Ver­bin­dung zu brin­gen, wä­re na­he­lie­gend, aber falsch. Stern war ein un­ab­hän­gi­ger Kopf. Die ideo­lo­gi­sche Ver­quast­heit vie­ler Grü­ner war ihm ein Dorn im Au­ge. Der heu­te im Jour­na­lis­mus ver­brei­te­te Er­zie­hungs­duk­tus war ihm fremd. Er zeig­te die Tier­fa­bri­ken nicht mit der In­ten­ti­on, die Leu­te vom Fleisch­kon­sum ab­zu­hal­ten. Er woll­te ei­ne Ideo­lo­gie nicht durch ei­ne an­de­re er­set­zen. Stern woll­te das ge­stör­te Ver­hält­nis des Men­schen zu sei­nen Haus- und Nutz­tie­ren zei­gen; das Ur­teil über­ließ er dem Zu­schau­er. Zum meist­be­kämpf­ten Satz von Horst Stern gilt das Dik­tum von der »Ver­söh­nung von Öko­no­mie und Öko­lo­gie«. Dass dies ein auf ewi­ge Zei­ten im­ma­nen­ter Wi­der­spruch blei­ben wird – hier­in wur­de Stern nie mü­de hin­zu­wei­sen. Die Öko­no­mie der Mo­der­ne, auf Wachs­tum aus­ge­rich­tet, wird im­mer Spu­ren in der Öko­lo­gie hin­ter­las­sen.

An­fang der 90er Jah­re ver­fass­te Ul­li Pfau ein Por­trait von Stern mit dem zu­tref­fen­den Ti­tel: »Die er­mü­de­te Wahr­heit«. Stern war mü­de ge­wor­den, des­il­lu­sio­niert. Sei­ner Zeit­schrift »Na­tur«, die oh­ne Wer­bung aus­kom­men woll­te, droh­te die In­sol­venz. Als ein Che­mie­kon­zern mit ei­nem gro­ßen Wer­be­in­se­rat lock­te, trat er auf Druck der An­teils­eig­ner 1984 als Her­aus­ge­ber zu­rück. Stern sah sei­ne jour­na­li­sti­sche Un­ab­hän­gig­keit ge­fähr­det. Nach und nach ver­ab­schie­de­te er sich aus den Me­di­en, zog für ei­ni­ge Jah­re nach Ir­land.

Er be­gann mit dem Schrei­ben von Li­te­ra­tur. Die­se wur­de zwar be­ach­tet, aber viel zu we­nig ge­wür­digt. Sein er­stes Buch, »Jagd­no­vel­le«, ist ei­ne lu­zi­de er­zähl­te Vor­weg­nah­me der »Bruno«-Geschichte von 2006. Stern wagt die in­tro­spek­ti­ve Sicht ei­nes Bä­ren, der ab­ge­schos­sen wer­den soll. Ein be­we­gen­des Stück Li­te­ra­tur. Sterns »Kö­nig von Apu­li­en« fin­det mehr An­klang (ein wun­der­bar er­zähl­tes, am hi­sto­ri­schen Fried­rich II. fest­ge­mach­tes, in gro­ßen Tei­len je­doch fik­ti­ves Pro­sa­stück), wäh­rend der wü­ten­de Ro­man »Klint« von der Kri­tik nicht ver­stan­den wird.

Es fol­gen ei­ni­ge un­re­gel­mä­ßi­ge Ar­ti­kel in der ZEIT und ein letz­ter Fern­seh­auf­tritt 1997 mit San­dra Maisch­ber­ger für Spie­gel-TV. Maisch­ber­ger durch­schrei­tet mit Stern den Na­tur­park Baye­ri­scher Wald – ein Le­bens­pro­jekt von Horst Stern. An­schlie­ßend gab es ei­nen klei­nen Film »Be­mer­kun­gen über ei­nen ster­ben­den Wald«. Die da­ma­li­ge Bor­ken­kä­fer­pla­ge ver­an­lasst Stern noch ein­mal das Wort zu er­grei­fen. Ve­he­ment re­det er ge­gen den Ein­griff che­mi­scher Mit­tel. Der Wald ha­be, so Stern, durch­aus die Mög­lich­kei­ten, mit der Pla­ge al­lei­ne fer­tig zu wer­den; an­ge­grif­fen von den Kä­fern wür­den nur die schwa­chen Bäu­me. Das gel­te ins­be­son­de­re für noch halb­wegs ge­sun­de Misch­wäl­der und die Na­tio­nal­parks.

Aber man lernt bei Horst Stern (selbst heu­te) nicht nur über das Ver­hält­nis von Mensch und Na­tur. Man lernt auch (und wie!) Ele­men­ta­res über das Hand­werk ei­nes fast ma­nisch un­be­stech­li­chen, scharf­zün­gi­gen, aber nie un­sach­li­chen, eben ar­gu­men­tie­ren­den Jour­na­li­sten mit ei­nem gro­ßen Ta­lent, mit ge­schlif­fe­nen For­mu­lie­run­gen den wun­den Punkt zu be­nen­nen, oh­ne das Pu­bli­kum mit fer­ti­gen Mei­nun­gen zu be­vor­mun­den oder sich auf ei­ne Sei­te fest­le­gen zu las­sen.

Der groß­ar­ti­ge Horst Stern ist ver­gan­ge­ne Wo­che ge­stor­ben.

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  1. Schön, dan­ke. Ich be­mer­ke an mir selbst, dass, mit dem im­mer Äl­ter­wer­den, das Zu­rück­wen­den in die frü­he Ver­gan­gen­heit häu­fi­ger ge­schieht und ein ver­tief­tes, voll­stän­di­ge­res Ver­ständ­nis sei­ner selbst mit sich bringt. Je­den­falls er­scheint mir der Text in die­sem Zu­sam­men­hang.

  2. Ich ahn­te schon beim Ti­tel, dass nun ein Nach­ruf fol­gen wür­de. Dan­ke für die Nach­richt und für die an­ge­mes­se­ne Wür­di­gung des Le­bens die­ses so au­sser­ge­wöhn­li­chen Jour­na­li­sten. Ein Leh­rer, auch für mich, – das trifft es.

  3. Vie­len Dank!
    Die ein­zi­gen Na­tur­sen­dun­gen, die mir wirk­lich et­was be­deu­tet und die mich be­ein­flusst ha­ben. Nach der Spin­nen­sen­dung hab ich nie wie­der ei­ne Spin­ne tot­ge­macht. (Al­ler­dings auch nie ei­ne zu füt­tern ver­sucht. ;) )

    Ih­re Er­laub­nis vor­aus­ge­setzt hab ich den Nach­ruf in ein klei­nes Fo­rum ver­linkt, in dem ich re­gel­mä­ßig chat­te.

  4. @metepsilonema
    Ja und nein. Ich ha­be ei­ni­ge Fol­gen im­mer wie­der mal an­ge­schaut, auch in ei­ni­gen von Sterns Auf­sät­zen ge­le­sen. Ob­wohl sie z. T. 40 Jah­re alt sind, sind vie­le der an­ge­spro­che­nen Ma­kel noch exi­stent. Man sah die »Na­tur«, die Tier­welt nach Sterns oft schmerz­haf­ten Fil­men mit an­de­ren Au­gen. Er war für mich der Er­ste, der das aus­sprach. Merk­wür­dig, dass Jagd im­mer noch als furcht­bar gilt, Wild­tier­füt­te­rung als He­gung, Land­wirt­schaft als »Na­tur«, usw. So rich­tig ge­än­dert hat sich trotz Krö­ten­wan­der­we­gen und ähn­li­chen Sa­chen we­nig.

    @Andreas Rau­ten­berg
    Ver­lin­ken ist na­tür­lich kein Pro­blem.

    Die Spin­nen­fil­me ha­be ich auch ge­mocht, aber mei­ne Arach­no­pho­bie ha­ben sie nicht ver­än­dert. Ich bin aber mil­der ge­wor­den – erst wenn die Woh­nung be­trof­fen ist, erfolgt...naja, Sie wis­sen schon.

  5. War­um sich »nichts« än­dert: Es gibt die The­se, dass un­se­rem Um­gang mit der Na­tur ei­ne sinn­li­che Ent­frem­dung von ihr zu Grun­de liegt. Da wir in ei­ner weit­ge­hend künst­li­chen Um­welt auf­wach­sen, neh­men wir die Na­tur im­mer we­ni­ger sinn­lich wahr und ent­wickeln kaum kör­per­li­che Be­zü­ge zu ihr. Da­durch, könn­te man fort­set­zen, wird un­ser Ver­hält­nis zu ihr ein ra­tio­na­les (öko­no­misch-nutz­ori­en­tier­tes) oder ei­nes der Pro­jek­ti­on (Ver­nied­li­chung). Im be­sten Fall er­freu­en wir uns an ihr und ge­nie­ßen sie (Er­ho­lung, Tou­ris­mus), aber ei­ne dau­er­haf­te Prä­senz in uns, hat sie kaum. Ich war ent­setzt, als ich zum er­sten Mal auf ei­nem Spa­zier­gang durch den Wald die Spu­ren der Ma­schi­nen sah, die man of­fen­bar in der Forst­wirt­schaft ein­setzt (in ei­nem von Horst Sterns Fil­men sieht man sie). Wie kann es sein, dass wir uns so ver­hal­ten? Wenn wir heu­te ei­nen Mit­ar­bei­ter be­wer­ten, ob er für ei­ne be­stimm­te Po­si­ti­on ge­eig­net ist, dann fül­len wir ei­nen ewig lan­gen Bo­gen aus, der bis ins De­tail al­le mög­li­chen Kom­pe­tenz­auf­split­te­run­gen ent­hält, an­statt uns auf ei­ne Ein­schät­zung zu ver­las­sen, die sich aus Ge­fühl und Ver­stand glei­cher­ma­ßen speist und den Bo­gen un­nö­tig macht. Es ist nur schein­bar et­was an­de­res, aber wir le­gen un­se­rem Ver­hal­ten in Be­zug auf die Na­tur nur dort Gren­zen auf, wo Ge­set­ze und Re­geln es ver­lan­gen, nicht oder kaum auf Grund un­se­rer Wahr­neh­mung. Wir füh­len nicht mehr, was wir an­rich­ten, selbst dort wo es uns räum­lich na­he ist.

  6. Sehr tref­fen­de Be­ob­ach­tung. Stern hat ja spä­ter fast re­si­gna­tiv so et­was wie Schei­tern da­hin­ge­hend ein­ge­stan­den, dass ei­ne Be­wusst­ma­chung des­sen, was Du als das Span­nungs­feld von Ra­tio­na­li­tät und Ver­nied­li­chung for­mu­liert hast. Ein Drit­tes ist of­fen­sicht­lich nur schwer­lich mög­lich. Die Öko­be­we­gung hat ver­sucht, den Nut­zen­fak­tor mit Mo­ra­li­tät zu ein­zu­däm­men. »Ver­zicht« kam (und kommt) aber nicht gut an – al­so müs­sen ent­we­der Ver­bo­te her oder we­nig­stens Min­dest­stan­dards im­ple­men­tiert wer­den. In der Land­wirt­schaft ist »bio« in­zwi­schen ein in­fla­tio­när be­nutz­ter Be­griff – er soll den Kon­su­men­ten mit ei­nem bes­se­ren Ge­wis­sen für den Ein­kauf der Pro­duk­te und den Ver­brauch aus­stat­ten.

    Stern hat sich im­mer ge­gen das Ge­re­de von der Ver­söh­nung zwi­schen Öko­no­mie und Öko­lo­gie aus­ge­spro­chen. Er hielt dies für un­durch­führ­bar. Den­noch ist es ge­nau dies, was uns in­zwi­schen als Re­al­po­li­tik an­ge­bo­ten wird.

  7. Huch – Horst Stern – wel­che Über­ra­schung Gre­gor Keu­sch­nig!

    Mein er­stes ab­so­lu­tes halt, mein zwei­tes! – al­so mein zwei­tes Lieb­lings­buch – mit neun oder zehn Jah­ren, auf Emp­feh­lung von Leh­rer Schla­ger mir von mei­nen El­tern ge­schenkt: »In Tier­kun­de ei­ne Eins!« – Im­mer noch ei­nes mei­ner ab­so­lu­ten Lieb­lings­bü­cher – ich habs auch noch – stets in Eh­ren ge­hal­ten, al­le Um­zü­ge mit­ge­macht.

    Die »Jagd­no­vel­le« fand ich auch packend! – Müss­te ich mal wie­der an die Ju­gend ver­schen­ken. Die dicken Bü­cher fand ich nicht so­oo doll, ob­wohl mir das Stau­fer-Buch oft noch durch den Kopf ging, im Lauf der Jah­re.

    Dass Horst Stern der Ver­quast­heit und der un­sin­ni­gen Par­tei­lich­keit völ­lig ab­hold ge­we­sen wä­re, stimmt wohl nicht. Das Na­tur-Heft stuk – öhhh – stak – uuhhhuuu (ich hö­re um die­se Zeit manch­mal ein Käuz­chen – grad nicht, ok, ganz wie es will und kann – - viel­leicht be­glückt mich’s »spee­ta« (P. Kurz­eck) noch) – - das »natur«-Heft sag’ ich, kann­te schon auch un­rich­ti­ge und un­halt­ba­re alar­mi­sti­sche Tex­te. Aber na­tür­lich nicht nur!

    Dirk Ma­xei­ner hat bei dem »natur«-Heft mit­ge­wirkt, und die­sen Som­mer ick­j­loo­be auf der Ach­se des Gu­ten ei­nen Be­richt über die­se Zei­ten der Ir­run­gen und Wir­run­gen ver­fasst. Ich hof­fe auf ei­nen Nach­ruf auf Horst Stern von ihm.

    Das Feuil­le­ton hat viel Schmal­kost ge­lie­fert. Der Süd­ku­rier be­schränk­te sich auf ei­nen Ein­spal­ter von ca. drei­ssig Zei­len. Schnö­de Welt.

    Ach – als Kind lieb­te ich auch Horst Sterns Ra­dio­sen­dun­gen – span­nend, wit­zisch und sehr gut ge­spro­chen!

    @ me­tep­si­lo­n­e­ma – es ver­än­dern sich schon Din­ge. Ich schwim­me je­den Som­mer zwi­schen Karls­ru­he und Mann­heim im Rhein, da se­he ich das ganz deut­lich. Und auch mei­nen Haus­kauz gä­be es wohl nicht, wenn da nicht ein Schutz­ge­biet hin­term Haus wä­re, das über die Nach­bar­stadt noch hin­aus­reicht...

    Le­se gra­de: The End of The End of the Earth von Jo­na­than Fran­zen. Das passt.

  8. @Dieter Kief
    Na­tür­lich, des­we­gen auch die An­füh­rungs­zei­chen. Wir tren­nen Müll, sam­meln Krö­ten, ha­ben Bio­pro­duk­te, ro­te Li­sten, Na­tio­nal­parks und hal­ten Um­welt­schutz für rich­tig und not­wen­dig. Aber all das bleibt (ir­gend­wie) äu­ßer­lich, schlägt sich in Ge­set­zen, Ge­schwin­dig­keits­re­geln, Schutz­räu­men, usw., nie­der. Ich bin ger­ne, aber viel zu sel­ten in der Na­tur, wenn ich von dem biss­chen Grün vor mei­ner Tü­re ab­se­he, das ja künst­lich ist. Auf der ei­nen Sei­te wirkt ei­ne na­tür­li­che oder na­tur­na­he Land­schaft sehr stark auf mich, auf der an­de­ren muss ich zu­ge­ben, dass sie in mei­nem All­tag kaum ei­ne Prä­senz hat, die über ein ra­tio­na­les Kon­strukt hin­aus­gin­ge, al­so so et­was wie ein in­ne­res Bild, ei­ne Vor­stel­lung, die von selbst deut­lich wird, wenn das The­ma Um­welt­schutz dis­ku­tiert wird. Ich war er­staunt, dass bei Stern be­reits die Ver­bau­ungs­flä­che bzw. ‑dich­te the­ma­ti­siert wird, das ist ge­gen­wär­tig noch im­mer der Fall. Der Ein­satz schwe­rer Ma­schi­nen in der Forst­wirt­schaft ist et­was ähn­li­ches. Wir wer­den da ei­ni­ger Din­ge nicht Herr; wir ha­ben ein star­kes Be­dürf­nis nach Na­tur, aber er­schreckend kar­ge Vor­stel­lun­gen und Bil­der in uns, die un­ser Han­deln lei­ten könn­ten. Die ho­he Ver­füg­bar­keit so vie­ler Din­ge mag manch­mal prak­tisch sein, aber ist sie nicht ei­gent­lich ab­surd? Wir ver­mö­gen es noch im­mer viel zu we­nig uns auf das Not­wen­di­ge zu be­gren­zen, auf das zu be­sin­nen, was wir tat­säch­lich brau­chen, dann mach­te der Be­sitz auch Freu­de und wür­de nicht über un­se­re Köp­fe quel­len (wenn ich es rich­tig im Kopf ha­be, ver­fügt ein durch­schnitt­li­cher Haus­halt über 10 000 Ge­gen­stän­de, das ist si­cher­lich weit mehr als zu Sterns Zei­ten). So aber wird ei­ne un­ge­heu­re Pro­duk­ti­on aus fal­schen oder Er­satz­be­dürf­nis­sen sti­mu­liert, was sich in un­se­rer Um­welt nie­der­schlägt und nie­der­schla­gen muss, weil wir als he­te­ro­tro­phe Le­bens­form auch gar nicht an­ders kön­nen. Auf das Aus­maß al­ler­dings, hät­ten wir Ein­fluss.

  9. Der Text dort ist ein be­red­tes Bei­spiel:

    »Wir al­le wer­den es wie­der tun: Sa­chen kon­su­mie­ren, die nicht sein müss­ten. Weil wir be­quem sind. Weil wir glau­ben, sie zu brau­chen. Weil un­se­re Freun­de sie auch ha­ben.«

    Das ist nichts an­de­res als ein Ein­ge­ständ­nis un­fä­hig zu sein, sich über sei­ne ei­ge­nen Be­dürf­nis­se klar zu wer­den und die­sen zu fol­gen; der Er­satz, der Kon­sum, täuscht über die­se hin­weg, er­setzt sie durch Sur­ro­ga­te, ei­ne Un­red­lich­keit uns selbst ge­gen­über. Und dann wird aus dem ra­tio­na­len Ge­fäng­nis her­aus ei­ne eben­sol­che Lö­sung ge­for­dert, gleich­sam ei­ne In­stru­men­ta­li­sie­rung sei­ner selbst durch ei­ne Au­to­ri­tät, dem blo­ßen Ge­dan­ken an et­was wie Ein­sicht fern (und wohl auch fremd):

    »Es sei denn, uns haut end­lich je­mand auf die Fin­ger. Es sei denn, je­mand sagt: Lass das! Lie­be An­ge­la Mer­kel, lie­ber Staat, lie­be EU, lie­be Welt­re­gie­rung, ich for­de­re euch hier­mit auf: Ver­bie­tet mir, was ich ger­ne ha­ben möch­te, aber bes­ser nicht ha­ben soll­te. An­ders ist die Welt nicht mehr zu ret­ten. Pro­tect me from what I want, sang schon die Band Pla­ce­bo.
    Ver­bo­te zu for­dern heißt, die Fehl­bar­keit des Men­schen ver­stan­den zu ha­ben.

    [...]

    Ich weiß nicht, wann es mich das letz­te Mal mehr als ein paar Au­gen­blicke lang glück­lich ge­macht hat, et­was ge­kauft zu ha­ben. Mei­stens geht es mir da­bei wie in der Kan­ti­ne, wenn ich mich trotz gu­ter Vor­sät­ze am En­de doch für die Cur­ry­wurst ent­schie­den ha­be und da­nach den­ke: Puh, hät­te nicht sein müs­sen. In ei­ner Welt mit vie­len Ver­bo­ten müss­ten wir uns kei­ne Ge­dan­ken mehr dar­über ma­chen, ob das, was wir tun, der Um­welt oder un­se­ren Mit­men­schen scha­det. Kein schlech­tes Ge­wis­sen er­tra­gen, wenn ein Fahr­rad­fah­rer mit Ju­te­beu­tel an uns vor­bei­ra­delt. Wir wä­ren plötz­lich viel frei­er.

    In Wirk­lich­keit seh­ne ich, seh­nen wir uns nach dem Mann, der im Su­per­markt ne­ben uns tritt und sagt: Pla­stik­sa­lat mit Pla­stik­ga­bel? Das stel­len Sie mal schön wie­der ins Re­gal. Und dann schaut er uns sehr bö­se an. «

    Ab­ge­se­hen da­von, dass das ver­meint­lich Gu­te hier wie­der al­ler­lei zu recht­fer­ti­gen scheint und Ein­kau­fen nicht glück­lich ma­chen braucht, aber durch­aus Zu­frie­den­heit er­zeu­gen kann, wenn es sich am We­sent­li­chen ori­en­tiert, zeigt der Text den tat­säch­li­chen Man­gel recht deut­lich: Dass ein Tun mit dem man selbst im Ein­klang steht, ei­ne tie­fe Be­frie­di­gung zu ver­mit­teln ver­mag, die vie­les an­de­re über­flüs­sig macht und dass es (an­schei­nend) für vie­le im­mer grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten be­rei­tet, ein sol­ches zu fin­den. Nai­ver­wei­se könn­te man mei­nen, dass Bil­dung und Er­wach­sen­wer­den bzw. ‑sein ei­ne Selbst­ver­ge­wis­se­rung mit­ein­schließt, die sich sol­cher Fra­gen an­nimmt. Die­se Fra­gen wer­den wir al­ler­dings nicht al­lei­ne ra­tio­nal lö­sen kön­nen, wes­we­gen ei­ne Ver­bots­ge­sell­schaft we­der frei noch glück­lich ma­chen wird.

  10. Na­ja, der Wunsch, dass da je­mand sei, der ei­nem »auf die Fin­ger haut« ist schon be­denk­lich, weil er in­di­rekt die Ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Han­deln ab­ge­ben möch­te.

    Un­längst gab es ein Fo­to auf Twit­ter von der Vor­sit­zen­den der baye­ri­schen Grü­nen, die in ih­rem Ur­laub – ich glau­be es war in San Fran­cis­co – ei­nen Eis­be­cher mit Pla­stik­löf­fel kon­su­mier­te und ganz lu­stig schien (man sel­ber sah sie nicht). Es ist die­se Am­bi­va­lenz der Ver­bots- und Ver­zichts­pre­di­ger, die mehr Scha­den an­rich­tet als ir­gend­wel­che schwach­sin­ni­gen Kom­men­ta­re von ein paar Voll­trot­teln. Sie zei­gen die Dif­fe­ren­zen in der Wahr­neh­mung: Für sich sel­ber nimmt man die Aus­nah­men in An­spruch.

    Tat­säch­lich ist das Le­ben in der Mo­der­ne für vie­le Men­schen freud­los ge­wor­den; Kon­sum ist ei­ne Er­satz­be­frie­di­gung, die ir­gend­wann auch nicht mehr heilt. Stän­dig wer­den neue »Be­dürf­nis­se« er­zeugt. Be­son­ders per­fi­de ist dies im Be­reich des Tou­ris­mus. Gan­ze Städ­te wer­den in­zwi­schen für Mo­na­te von Tou­ri­sten re­gel­recht usur­piert; ei­ne Be­kann­te er­zähl­te mir, sie hät­te in Prag die Karls­brücke nicht fla­nie­ren kön­nen, so voll wä­re es ge­we­sen – ihr war be­wusst, dass sie sel­ber Teil des »Pro­blems« war.

    Das Elend: Ei­ne Ver­bots­ge­sell­schaft macht nicht glück­lich – aber die Ge­bots­ge­sell­schaft auch nicht. Da­her flüch­ten so vie­le in mehr oder we­ni­ger sinn­vol­le »En­ga­ge­ments«. Sie brau­chen ei­nen Halt.

  11. Ja. Die­ses Ver­ant­wor­tung ab­ge­ben hat aber meh­re­re Sei­ten, es könn­te auch aus Be­quem­lich­keit er­fol­gen. Im vor­lie­gen­den Fall wird sie ab­ge­ge­ben, weil der Au­tor sei­ne Be­dürf­nis­se nicht kennt, sich nicht um sie zu küm­mern ver­mag und zahl­lo­sen Ver­lockun­gen er­liegt; dies sieht er als Ur­sa­che von Leid und Ver­wer­fun­gen in an­de­ren Län­dern, die aus ei­nem Über­maß an Pro­duk­ti­on er­wach­sen, das ei­gent­lich nie­man­dem dient. Lo­gi­scher­wei­se muss er nach ei­ner Hand ru­fen, die ihm auf die Fin­ger haut. Müs­sen oder möch­te? Viel­leicht ist es doch nur die Be­quem­lich­keit. Das Bei­spiel zeigt, das Ver­ant­wor­tung ge­gen­über ei­nem selbst be­ginnt und sich dann erst auf an­de­re aus­wei­tet, bzw. es schon au­to­ma­tisch ein Stück weit tut.

    Manch­mal wür­de ich ger­ne wis­sen, was in den Köp­fen vor­geht. Die Bun­des­spre­che­rin der öster­rei­chi­schen Grü­nen, Eva Gla­wi­sch­nig, wech­sel­te nach ih­rem Rück­tritt zu No­vo­ma­tic, ei­nem Glücks­spiel­kon­zern, der im­mer wie­der von den Grü­nen kri­ti­siert wur­de. In der Wi­ki­pe­dia wird das wie folgt be­schrie­ben:

    »Am 2. März 2018 wur­de un­ter re­gem Me­di­en­in­ter­es­se be­kannt­ge­ge­ben, dass sie beim Glücks­spiel­kon­zern No­vo­ma­tic an­ge­stellt wur­de, ei­nem Un­ter­neh­men, das in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der das Ziel von Kri­tik sei­tens der Grü­nen und auch Gla­wi­sch­nigs selbst war. Dort führt sie die Stab­stel­le für Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ment und ver­ant­wor­tungs­vol­les Spiel.[10][11] Nach der Be­kannt­ga­be des Job­wech­sels kün­dig­te sie an, ih­re Par­tei­mit­glied­schaft bei den Grü­nen zurückzulegen.[12] Seit 30. Ju­ni 2018 ist Gla­wi­sch­nig Auf­sichts­rats­mit­glied der deut­schen No­vo­ma­tic-Toch­ter Lö­wen Entertainment.[13]«

    In der öster­rei­chi­schen Pres­se er­schien vor ei­ni­ger Zeit ein aus­führ­li­cher Ar­ti­kel, der die­ses Bei­spiel auf­grei­fend, der 68iger Ge­nera­ti­on und den nach­fol­gen­den, Spie­ßer­tum vor­warf und dies auch be­grün­de­te. Mir scheint das und ver­gleich­ba­res hier­her zu ge­hö­ren, gleich­sam: Was schert mich das Ei­ge­ne, der Be­zug zu mir selbst, mein Be­dürf­nis­se. Dar­über wird man fle­xi­bel, dem äu­ße­ren ge­gen­über, ver­liert Ecken, Kan­ten und Wi­der­stän­di­ges, weil man sei­ner selbst nicht ge­wahr ist oder wird und es auch nicht ver­tei­digt.

    Das Freud­lo­se hängt doch da­mit zu­sam­men und ge­wiss wer­den die Räu­me, die be­ruf­li­chen vor al­lem, en­ger, sie ge­wäh­ren im­mer we­ni­ger, dass et­was Ei­ge­nes in der Ar­beit und ih­rem Er­geb­nis noch zu­ta­ge tritt. Ich weiß nicht, kann Kon­sum als Me­di­zin qua­si, über­haupt hei­len? Dass je­der auch An­tei­le in sei­ner Per­son hat, die man als Kon­sum be­schrei­ben kann, klar, aber das ist ja nicht ge­meint. Kon­sum ist al­so ei­ne Selbst­täu­schung und zwar über den ei­ge­nen Zu­stand, oft ver­stan­den als Er­leich­te­rung des oder Ge­gen­ge­wicht zum Arbeitsalltag(s). Auch das ist nicht grund­sätz­lich il­le­gi­tim.

    Halt zu su­chen und zu fin­den, ist ja ein red­li­ches Un­ter­fan­gen, En­ga­ge­ments schei­nen je­doch oft äu­ßer­lich zu sein und mit den Ge­bo­ten in Zu­sam­men­hang zu ste­hen.

  12. In Deutsch­land wech­sel­te neu­lich der ehe­ma­li­ger Staats­se­kre­tär (und Mit­glied der Grü­nen) Mat­thi­as Ber­nin­ger nach Bay­er, weil er, so ha­be ich es ir­gend­wo ge­le­sen, den Hun­ger auf der Welt be­kämp­fen möch­te – und das ist, so sei­ne Mei­nung, nur in ei­nem sol­chen Kon­zern ver­ant­wor­tungs­be­wusst zu er­le­di­gen. Ich glau­be fast, dass ehe­ma­li­ge Po­li­ti­ker wie Gla­wi­sch­nig und Ber­nin­ger tat­säch­lich noch glau­ben, sie könn­ten den »Teu­fel« bän­di­gen.

    Je­der, der schon ein­mal da­mit zu tun hat­te, weiss, dass man süch­ti­ge Spie­ler nicht mit Ap­pel­len be­sänf­ti­gen oder gar um­keh­ren kann. Der Glau­be dar­an ist na­iv und am En­de lä­cher­lich. Er speist sich wo­mög­lich aus dem Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen der 68er, der was das po­li­ti­sche Den­ken an­geht, tat­säch­lich sehr er­folg­reich war. Aber die Po­li­tik ist nicht al­lei­ne. Es müs­sen In­ter­es­sen mit der Wirt­schaft aus­ta­riert wer­den. Dies ge­schieht ent­we­der mit Ver­bo­ten (meist da, wo es nicht son­der­lich weh tut), oder mit sehr lan­gen Ka­renz­zei­ten. Beim Glücks­spiel gibt es so was nicht. Aber Bay­er wird ir­gend­wann ein neu­es Un­kraut­ver­nich­tungs­mit­tel er­fun­den ha­ben, dass dann »bes­ser« ist (die Ne­ben­wir­kun­gen sieht man dann in 20 oder 30 Jah­ren).

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