Alex­an­der Kiss­ler: Die in­fan­ti­le Ge­sell­schaft

Alexander Kissler: Die infantile Gesellschaft
Alex­an­der Kiss­ler:
Die in­fan­ti­le Ge­sell­schaft

»Kin­der an die Macht«, »Kin­der­mund tut Wahr­heit kund« – an Be­kennt­nis­sen, das Kin­di­sche zu idea­li­sie­ren, hat es nie ge­fehlt. Alex­an­der Kiss­ler, einst Ci­ce­ro-Re­dak­teur und seit kur­zem bei der Neu­en Zür­cher Zei­tung, sieht al­ler­dings in­zwi­schen ei­ne zu­neh­men­de Ten­denz zu dem, was er In­fan­ti­li­sie­rung der Ge­sell­schaft nennt. Die »flä­chen­decken­de Be­reit­schaft, dem Kin­der­mund all­ge­mein höch­ste Weis­heits­gra­de zu­zu­spre­chen« ha­be, so die The­se, ein neu­es Ni­veau er­reicht. Ein­her ge­he dies mit ei­ner Ver­klä­rung der Na­tur. So­weit dies die bun­ten Sei­ten von Il­lu­strier­ten oder eso­te­ri­sche Rat­ge­ber be­trifft, mag man sol­che Rhe­to­rik noch be­lä­cheln. Kiss­ler sieht al­ler­dings Be­le­ge da­für, dass die In­fan­ti­li­sie­rung bis weit in die Ge­sell­schaft hin­ein­ragt, den Dis­kurs zu­neh­mend be­stimmt und letzt­lich der Po­li­tik als will­kom­me­nes Werk­zeug für die Steue­rung der Be­völ­ke­rung die­nen könn­te bzw. zum Teil schon dient. Denn: »Wer sich in­fan­ti­li­sie­ren lässt, wird zum Ob­jekt sou­ve­rä­ner In­stan­zen, die mut­wil­lig mit ihm ver­fah­ren.« Am En­de dro­he nichts we­ni­ger als die Ab­kehr von den Wer­ten der Auf­klä­rung.

Ob es glück­lich ist, die­ses Buch mit den Rat­schlä­gen und Er­kennt­nis­sen aus Rous­se­aus fik­ti­vem Er­zie­hungs­rat­ge­ber »Émi­le« zu be­gin­nen? Wie auch im­mer: Rous­se­au füh­re, so Kiss­ler, »sei­nen Émi­le, in der Fik­ti­on ein ge­sun­des Kind aus wohl­ha­ben­dem El­tern­haus, zur Er­kennt­nis des Le­bens hin­aus in die Na­tur. Auf­wach­sen soll Émi­le im Dorf, nicht in der Stadt, in Ein­fach­heit, nicht im Lu­xus, auf Wie­sen, nicht auf Kis­sen, keusch, nicht lust­be­tont.« Kin­der sol­len nur ei­nes sein: Kin­der. Sie »müs­sen sprin­gen, lau­fen, schrei­en dür­fen, so oft sie Lust da­zu ver­spü­ren.« Auf kei­nen Fall sol­len sie all­zu schnell zu klei­nen Er­wach­se­nen wer­den. Wer ih­nen zu früh die Kind­lich­keit ab­trai­niert, ver­hin­dert ih­re Ent­wick­lung zum ge­sun­den, zum gan­zen Men­schen. Wie be­kannt, schei­ter­te Rous­se­au sel­ber an sei­nem Ide­al, in dem er sei­ne Kin­der in An­stal­ten steck­te – falsch muss es, so der Au­tor, des­halb nicht sein.

Was Kiss­ler um­treibt, ist die Ver­mi­schung der Sphä­ren zwi­schen Kind und Er­wach­se­nem. Er stellt klar: »Kin­der sind kei­ne Er­wach­se­nen in War­te­stel­lung, son­dern Kin­der. Er­wach­se­ne sind kei­ne Kin­der in grö­ße­ren Klei­dern, son­dern Er­wach­se­ne.« Ei­gent­lich ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber Kin­der wer­den in­zwi­schen früh zu er­wach­se­nem Ver­hal­ten hin ge­drängt. Un­wei­ger­lich fühlt man sich an Neil Post­mans War­nung vom »Ver­schwin­den der Kind­heit« An­fang der 1980er Jah­re er­in­nert. Post­man warn­te da­vor, dass das Fern­se­hen (das war da­mals der Buh­mann) den Kin­dern die Welt der Er­wach­se­nen vor­zei­tig, zu früh, über­stül­pe – mit fa­ta­len Fol­gen für den spä­ter wo­mög­lich de­for­mier­ten Er­wach­se­nen.

Und heu­te? Ist es nicht eher so, dass sich die Er­wach­se­nen zu­se­hends re-in­fan­ti­li­sie­ren? Sie heu­len in Bam­bi-Fil­men und pfle­gen die »My­tho­lo­gie des In­fan­ti­len« bei­spiels­wei­se durch die Idea­li­sie­rung der Ge­schich­te von Pe­ter Pan, des Jun­gen, der nicht er­wach­sen wer­den möch­te. Wer kennt nicht die Dis­ney-Dar­stel­lung des Jun­gen mit den bei­den Flü­geln, der freu­dig mit sei­nem Zau­ber­stab her­um­fliegt und Aben­teu­er be­steht. Kiss­ler er­in­nert an den Ur­text von John Matthew Bar­rie. Dort ist Pe­ter Pan mit­nich­ten der bra­ve Jun­ge, son­dern »ein un­ge­lieb­ter Kna­be«, der Reiß­aus nimmt und sich zum Tot­schlä­ger ent­wickelt. In der Kin­der­welt Pe­ter Pans auf der In­sel Nim­mer­land geht es al­les an­de­re als pa­ra­die­sisch zu: »Die An­zahl der Jun­gen auf der In­sel va­ri­iert na­tür­lich, je nach­dem, wie vie­le ge­tö­tet wer­den und so wei­ter; und wenn sie er­wach­sen zu wer­den dro­hen, was ge­gen die Re­geln ver­stößt, de­zi­miert Pe­ter ih­re Zahl…« Das ist ein Zi­tat aus Bar­ries Buch; in den Dis­ney-Ad­ap­tio­nen die die Po­pu­la­ri­tät der Fi­gur we­sent­lich be­för­der­ten und präg­ten, feh­len die­se Grau­sam­kei­ten. Kiss­ler fol­gert: »Ei­ne Ge­sell­schaft, die sich un­ter dem Ban­ner Pe­ter Pans lust­voll in­fan­ti­li­siert oder in­fan­ti­li­sie­ren lässt, muss wis­sen, dass der Preis ewi­ger Ju­gend ewi­ge Un­mün­dig­keit wä­re.«

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Gräu­el der Ge­gen­wart ‑8/11-

(← 7/11)

Ein er­ster Zwei­fel be­schlich mich wäh­rend der Lek­tü­re an ei­ner Stel­le, wo es die Au­torin für aus­ge­macht nimmt, daß neue Tech­no­lo­gien Ar­beits­plät­ze ver­nich­ten. Könn­te es nicht sein, daß sie alt­her­ge­brach­te, oft schwe­re oder lang­wei­li­ge, geist­tö­ten­de Tä­tig­kei­ten über­flüs­sig ma­chen oder Ma­schi­nen über­ant­wor­ten, wäh­rend sie un­ter Um­stän­den an­de­re, neue, an­ge­neh­me­re Ar­beits­mög­lich­kei­ten schaf­fen? Man­che Ar­beits­so­zio­lo­gen kom­men zu die­sem Schluß, doch ob die neu­en Mög­lich­kei­ten für die ge­sam­te Ge­sell­schaft aus­rei­chend sein wer­den, dar­über ge­hen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der (»Ma­schi­nen schaf­fen mehr Jobs als sie ver­nich­ten«, ti­tel­te die Süd­deut­sche Zei­tung un­längst). Ge­wiß, ein al­tes, nie zur vol­len Zu­frie­den­heit ein­ge­lö­stes Ver­spre­chen; im­mer­hin gibt es zahl­rei­che Bei­spie­le da­für, daß es ver­wirk­licht wer­den kann, denn schließ­lich stel­len Su­per­vi­si­on und Ent­wick­lung von Ma­schi­nen ei­ne neue Art von Ar­beit dar, die vor­erst nur von Men­schen ge­lei­stet wer­den kann.

Nach lan­gen, ge­wun­de­nen We­gen, auf de­nen For­re­ster das Ver­schwin­den der Ar­beit und des Ar­bei­ters be­klagt und gei­ßelt, aber auch be­grüßt und ein Um­den­ken for­dert, ei­ne po­li­ti­sche Ethik, de­ren Fun­da­ment eben kein Ar­beits­ethos wä­re, son­dern… (so­bald sie zur Fra­ge nach Al­ter­na­ti­ven kommt, wird ihr Dis­kurs dünn), stößt sie ein­mal auch auf die Fi­gur des Kon­su­men­ten. Der Kun­de ist Kö­nig; die schein­bar über­flüs­sig ge­wor­de­nen Men­schen ha­ben doch noch ei­ne Rol­le zu spie­len. »Kon­su­mie­ren, un­ser letz­ter Aus­weg« – ei­ne iro­ni­sche Flos­kel, not­re der­nier re­cours, mit der For­re­ster rasch zur Hand ist, oh­ne zu be­den­ken, daß der stei­gen­de Kon­sum eben auch neue Ar­beits­plät­ze schaf­fen könn­te. Sie stellt so­gar die Fra­ge, wie Ver­ar­mung und Kon­su­mis­mus denn zu­sam­men­pas­sen, geht ihr aber nicht wei­ter nach. Der Kon­su­ment ver­schwin­det als­bald wie­der aus dem Buch; sein Auf­tritt war kurz ge­we­sen (wäh­rend er in der Wirk­lich­keit der rei­chen Län­der und so­gar von et­was we­ni­ger rei­chen wie zum Bei­spiel Me­xi­ko ziem­lich dau­er­haft und all­täg­lich ist). Die sich be­reits über Jahr­zehn­te hin­zie­hen­de, nie ge­lö­ste Fra­ge, ob es bes­ser sei, den Gür­tel en­ger zu schnal­len und die Wirt­schaft zu sa­nie­ren oder die Ein­kom­men zu er­hö­hen, um den Kon­sum an­zu­kur­beln und so die Pro­duk­ti­on zu stär­ken und am En­de neue Ar­beits­plät­ze zu schaf­fen, kommt bei For­re­ster gar nicht vor. Die im­mer er­neu­ten Ant­wort­ver­su­che der Po­li­ti­ker und Öko­no­men glei­chen dem Spiel ei­ner Waa­ge, das ein end­lo­ses Aus­ta­rie­ren, ei­ne nie ganz er­folg­rei­che Su­che nach dem Gleich­ge­wicht dar­stellt. Ein ein­zi­ger Blick in die rea­len Ein­kaufs­zen­tren und die Kun­den­fo­ren des In­ter­nets sagt uns, daß ein er­heb­li­cher Teil der Leu­te im­mer noch über ziem­lich viel Geld ver­fügt und die­se vir­tu­el­len oder re­el­len Plät­ze als Er­satz für die im glo­ba­len We­sten leer ge­wor­de­nen oder ganz ver­schwun­de­nen Kult­stät­ten fun­gie­ren. Da­mit könn­te man ja auch zu­frie­den sein, oder? Je­der strebt nach sei­nem ei­ge­nen Glück, wie es das ver­nunft­ge­mä­ße Grund­ge­setz for­dert.

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Ben Ler­ner: Die To­p­e­ka Schu­le

Ben Lerner: Die Topeka Schule
Ben Ler­ner:
Die To­p­e­ka Schu­le

Ei­ne Emp­feh­lung von Ba­rack Oba­ma aus dem Jahr 2019 (als es in den USA er­schien)? Na, dann kann nicht mehr viel schief­ge­hen. Schein­bar ein Glück für den Suhr­kamp-Ver­lag, der das Bie­ter­du­ell dies­mal ge­won­nen ha­ben dürf­te, nach­dem die er­sten bei­den Ro­ma­ne von Ben Ler­ner bei Ro­wohlt er­schie­nen wa­ren. Im­mer­hin ist der Über­set­zer Ni­ko­laus Stingl ge­blie­ben. Stingl wird auch den im Früh­jahr bei Suhr­kamp er­schei­nen­den Es­say­band Ler­ners über Ly­rik über­set­zen, wäh­rend die sei­ne Ge­dich­te, die eben­falls im März von Suhr­kamp vor­ge­se­hen sind, an­de­re Über­set­zer ha­ben. Der Ver­lag hat nun ein hoch­ge­lob­tes Buch im Pro­gramm, dem vor der wie­der ein­mal al­les ent­schei­den­den Prä­si­den­ten­wahl nichts we­ni­ger als ei­ne Ana­ly­se der US-ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft at­te­stiert wird.

Die Haupt­fi­gur ist der 1979 ge­bo­re­ne Adam Gor­don, Sohn des Psych­ia­ters Jo­na­than Gor­don und vor al­lem der be­rühm­ten fe­mi­ni­sti­schen Psych­ia­te­rin Dr. Ja­ne Gor­don (es gab im­mer­hin ein­mal ei­ne Ein­la­dung zu »Op­rah« – der Rit­ter­schlag). Bei­de stam­men zwar aus New York, hat es aber nach To­p­e­ka, Kan­sas, ver­schla­gen. Sie ar­bei­ten an der »Foun­da­ti­on«, ei­ner Mi­schung aus In­sti­tut, Kli­nik und Uni­ver­si­tät. Na­tür­lich sind sie trotz des kon­ser­va­ti­ven Kan­sas-Um­felds De­mo­kra­ten ge­blie­ben; der Va­ter, Jo­na­than, ist auf sei­ne lan­gen Haa­re im­mer noch stolz und lässt sie nur ein­mal, für ein selbst­pro­du­zier­tes Film­chen, ab­schnei­den. Ein­mal Hip­pie, im­mer Hip­pie. Ja­ne ist na­tür­lich Hass-Sub­jekt, wo­bei »Xan­thip­pe« mit »Pe­nis­neid« und »In­tel­li­genz­be­stie« noch die harm­lo­se­sten At­tri­bu­te sind. Schlim­mer als die Ak­ti­vi­sten vor Ort (an­ge­führt von ei­nem Prie­ster) sind die an­ony­men An­ru­fer (man be­harr­te dar­auf, im Te­le­fon­buch sicht­bar zu blei­ben). Ja­nes Tech­nik: sie bit­tet die Be­lei­di­ger lau­ter zu spre­chen, da die Lei­tung schlecht sei. Nach mehr­ma­li­gen Auf­for­de­run­gen er­le­digt sich die Sa­che.

Der Ro­man hat acht grö­ße­re Ka­pi­tel. Vier er­zäh­len aus der Sicht von Adam, wo­bei nur im letz­ten Ka­pi­tel, wel­ches die un­mit­tel­ba­re Ge­gen­wart (ab ca. 2017 um­fasst), Adam zum Ich-Er­zäh­ler wird (ver­hei­ra­tet; mit zwei Töch­tern, vier und zwei Jah­re alt). Die an­de­ren drei Ka­pi­tel sind im aukt­oria­len Stil ver­fasst. In je zwei Ka­pi­teln er­zäh­len Jo­na­than und Ja­ne als Ich-Er­zäh­ler be­stimm­te Pha­sen von Adams Le­ben, wo­bei mehr als ein­mal der Ein­druck ent­steht, sie er­zäh­len es Adam, Ih­rem Sohn. Hin­zu kom­men sie­ben sehr kur­ze Ka­pi­tel (das läng­ste um­fasst 12 Sei­ten), in der in Kur­siv­schrift aukt­ori­al aus der Sicht ei­nes ge­wis­sen Dar­ren er­zählt wird.

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Gräu­el der Ge­gen­wart ‑7/11-

(← 6/11)

Un­ter der Hand ha­be ich be­gon­nen, Ei­gen­schaf­ten zu be­rüh­ren, die mich an For­re­sters Es­say stö­ren. Muß das sein? Daß ich kei­ne Re­zen­sio­nen mehr schrei­be1, soll­te mich ei­gent­lich von dem (Selbst-)Zwang er­lö­sen, an Tex­ten her­um­zu­mä­keln, die ich im gro­ßen und gan­zen ziem­lich gut fin­de. Aber viel­leicht ha­be ich das Kind mit dem Bad aus­ge­schüt­tet und es er­ge­ben sich durch der­lei »Kri­tik« ja noch ein paar pro­duk­ti­ve Ge­dan­ken.

Ça m’intrigue, wie der Fran­zo­se sagt. Dies und je­nes macht mich stut­zig. Zu­nächst mehr die Aus­drucks­form als ein­zel­ne Aus­sa­gen oder Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­ni­en. Wird über­haupt ar­gu­men­tiert? Nein, mei­stens nicht. Viel­mehr: Die Re­de er­gießt sich. Muß man ar­gu­men­tie­ren? Nicht un­be­dingt. Der Ter­ror der Öko­no­mie ist ein sehr rhe­to­ri­sches Buch; Rhe­to­rik ver­stan­den als Nei­gung, stets den Ef­fekt des Ge­sag­ten zu su­chen. In­hal­te wer­den nicht im Text­ver­lauf ent­wickelt, sie ste­hen vor­her fest und wer­den mit gro­ßem sprach­li­chem Auf­wand for­mu­liert, wie­der­holt, va­ri­iert. Das ist der Grund, wes­halb For­re­ster syn­tak­ti­sche Po­si­tio­nen stän­dig mehr­fach be­setzt. Ei­ne sol­che Schreib­wei­se nen­ne ich »rhe­to­risch«, oder auch »ba­rock«. Die­ses Ba­rocke ent­fal­tet sich in ei­nem selt­sa­men Wi­der­spruch zur Här­te und Di­rekt­heit der vor­ran­gi­gen Aus­sa­ge­inten­ti­on, die ei­ne – ich wür­de nicht sa­gen Kri­tik, son­dern De­nun­zia­ti­on des Neo­li­be­ra­lis­mus an­strebt. Die­se De­nun­zia­ti­on wird in zahl­lo­sen An­läu­fen ver­folgt: Das Buch be­la­gert mit sprach­li­chen Mit­teln ei­ne Fe­stung, die in der Wirk­lich­keit, al­so mit po­li­ti­schen Mit­teln, un­über­wind­lich scheint.

So wer­den zum Bei­spiel an ei­ner Satz­stel­le drei No­men ge­reiht (Ky­ber­ne­tik, Au­to­ma­ti­sie­rung, re­vo­lu­tio­nä­re Tech­no­lo­gien) und, im Prä­di­kat, zwei Ver­ben (sich da­von­steh­len, sich ver­schan­zen). In der­sel­ben Pas­sa­ge wird der Pa­ra­sit, zu dem die hand­fe­ste »Welt der Ar­beit« ge­gen­über der di­gi­tal-vir­tu­el­len Welt ge­wor­den ist, durch vier No­men cha­rak­te­ri­siert: 1. durch sein Pa­thos, 2. durch den Är­ger, den die­ser Pa­ra­sit macht, 3. durch sei­ne stö­ren­den »Ka­ta­stro­phen« und 4. durch die ir­ra­tio­na­le Hart­näckig­keit, mit der er auf sei­ner Exi­stenz be­steht, statt ein­fach zu ver­schwin­den. (Hin­ter die­ser pa­ra­si­tä­ren Ar­beits­welt ver­birgt sich »der Ar­bei­ter«, aber auch der Ar­beits­lo­se und letzt­lich – der Mensch.) Dar­auf fol­gen wei­te­re Sät­ze, die über­haupt nur noch No­men rei­hen, oh­ne prä­di­ka­ti­ve Ver­klam­me­rung: Nutz­lo­sig­keit, man­geln­de Wi­der­stands­kraft, Harm­lo­sig­keit… Und so wei­ter, ich könn­te je­de Men­ge Bei­spie­le brin­gen. Ei­ne An­zahl von un­ge­fähr gleich­be­deu­ten­den Ei­gen­schaf­ten wird wie­der­holt, um Nach­druck, Em­pö­rung, manch­mal auch Mit­ge­fühl zu er­zie­len. In wei­te­rer Fol­ge wie­der­ho­len sich dann auch die in­halt­li­chen Blöcke, die Aus­sa­ge­form wird tau­to­lo­gisch. Das Buch ist we­nig struk­tu­riert, nicht in Ka­pi­tel un­ter­teilt; was schon zu Be­ginn vor­ge­bracht wur­de, fin­det man in Va­ria­tio­nen auch in der Mit­te und am En­de.

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  1. Leopold Federmair: Kleine Ökonomie der Geschmacksbildung, in: Neue Zürcher Zeitung, 24. 6. 2016; eine längere Fassung hier unter dem Titel "Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe"

Edu­ar­do Hal­fon: Du­ell

Eduardo Halfon: Duell
Edu­ar­do Hal­fon: Du­ell

Ein Buch von 106 Sei­ten soll ein »Ro­man« sein. So steht es im­mer­hin auf dem Co­ver zu Edu­ar­do Hal­fons »Du­ell« (Über­set­zung von Lu­is Ru­by). Es zeigt zwei Jun­gen, schein­bar gleich­alt­rig, die et­was in der Fer­ne in Au­gen­schein neh­men. Es wird nicht das er­ste Mal sein, dass ich, nach­dem ich das Buch ge­le­sen hat­te, ins Rät­seln kom­me.

Hal­fon macht kei­nen Hehl dar­aus, dass der Ich-Er­zäh­ler er sel­ber ist. Mal ist er zehn (die El­tern zie­hen mit ihm und sei­nem Bru­der von Gua­te­ma­la in die USA), dann 13 oder 14. Im­mer wie­der gibt es die­se Er­in­ne­rungs­split­ter in die Ju­gend. Den Rah­men bil­det ei­ne Rei­se als viel­leicht 40jähriger zu­rück nach Gua­te­ma­la, dem Ort sei­ner Groß­el­tern. Er ist et­was auf der Spur, dass ihn nicht mehr los lässt: Ein Fo­to von Sa­lo­mon, ei­nem klei­nen, kränk­li­chen Jun­gen, ein Bru­der sei­nes Va­ters. Er meint sich an die Ge­rüch­te zu er­in­nern, dass er tra­gisch in ei­nem See in Gua­te­ma­la er­trun­ken sein soll. Aber nie­mand will das be­stä­ti­gen. Wen er auch fragt – al­le strei­ten ab, dass es die­ses Er­eig­nis je ge­ge­ben hat. Der Jun­ge auf dem Bild sei da­mals nach New York ge­kom­men, zu ei­ner Be­hand­lung. Und dort ver­stor­ben.

Er­schwert wird die Su­che weil der Na­me Sa­lo­mon in der um­fang­rei­chen Fa­mi­lie Hal­fons in je­der Ge­ne­ra­ti­on min­de­stens ein­mal ver­ge­ben wur­de. Und dann ist die Fa­mi­lie über­all ver­streut. Einst in Eu­ro­pa, ei­ne Li­nie kommt aus dem Li­ba­non, leb(t)en sie nun in den USA, Mit­tel- oder Süd­ame­ri­ka, Ost­eu­ro­pa, Süd­frank­reich. Wo an­fan­gen? Wo su­chen?

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Gräu­el der Ge­gen­wart ‑6/11-

(← 5/11)

Der sprin­gen­de Punkt in For­re­sters Dar­stel­lung ist das Spär­lich­wer­den der Ar­beit und der Un­wil­le der mit dem The­ma be­faß­ten In­sti­tu­tio­nen, Mas­sen­me­di­en und Po­li­ti­ker, die­se Tat­sa­che an­zu­er­ken­nen und ihr Rech­nung zu tra­gen. Lie­ber tut man so, als sei die Ar­beits­lo­sig­keit ein vor­über­ge­hen­des Pro­blem, das man mit her­kömm­li­chen Me­tho­den lö­sen kön­ne. Un­ter­des­sen su­chen die Leu­te ver­zwei­felt nach Ar­beit oder se­hen sich ge­nö­tigt, so zu tun, als such­ten sie da­nach, oder sie er­fin­den auf ih­rem an­ge­stamm­ten Po­sten ei­gent­lich un­nö­ti­ge Ar­beits­auf­ga­ben, so daß sich der Streß, ob­wohl er ab­ge­baut wer­den könn­te, noch er­höht. Doch es wird For­re­ster zu­fol­ge auch in Zu­kunft viel zu we­nig Ar­beit und im­mer we­ni­ger da­von ge­ben. We­nig Ar­beit je­den­falls im her­kömm­li­chen, auf die Zei­ten der in­du­stri­el­len Re­vo­lu­ti­on zu­rück­ge­hen­den Sinn. Auch wohl­mei­nen­de Po­li­ti­ker, de­nen das Schick­sal der über­flüs­sig Ge­wor­de­nen ein An­lie­gen ist, hal­ten an der Idee der Ar­beit fest. Ur­sa­chen die­ser Si­tua­ti­on gibt es meh­re­re. For­re­ster nennt vor al­lem die Au­to­ma­ti­sie­rung, Ro­bo­ter­i­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung – heu­te wä­ren Künst­li­che In­tel­li­genz, deep lear­ning und Re­pro­duk­ti­on in­tel­li­gen­ter Ma­schi­nen hin­zu­zu­fü­gen –, de­ren ge­sell­schaft­li­che Fol­gen man seit der Nach­kriegs­zeit hät­te vor­her­se­hen kön­nen, hät­te man die da­mals er­schie­ne­nen Schrif­ten des Ky­ber­ne­ti­kers Nor­bert Wie­ner ernst­ge­nom­men. Trotz­dem be­klagt For­re­ster das Ver­schwin­den der Ar­beit nicht grund­sätz­lich. Im Ge­gen­teil, man kön­ne und sol­le dies als Be­frei­ung vom bi­bli­schen Joch – »im Schwei­ße dei­nes An­ge­sichts« etc. – be­grü­ßen; als Chan­ce, end­lich ei­ne freie Ge­sell­schaft zu er­rich­ten.

Schon Marx und En­gels hat­ten die Ver­kür­zung des Ar­beits­tags als Vor­aus­set­zung für ech­te De­mo­kra­tie ge­nannt; erst dann hät­ten die Ar­bei­ter ge­nü­gend freie Zeit, sich um die An­ge­le­gen­hei­ten der Po­lis zu küm­mern. Denkt man For­re­sters Aus­füh­run­gen wei­ter, liegt das Heil, wenn es denn ei­nes gibt, nicht so sehr in Ar­beits­zeit­ver­kür­zun­gen, wie sie in ei­ni­gen eu­ro­päi­schen Län­dern ge­gen En­de des 20. Jahr­hun­derts tat­säch­lich durch­ge­führt wur­den (in­zwi­schen hat sich die Ten­denz frei­lich wie­der um­ge­kehrt), son­dern im be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men für al­le, das es den Men­schen er­mög­li­chen soll, ih­re Grund­be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen. Es ist zwei­fel­los ei­ne Iro­nie der Ge­schich­te, daß nicht je­ne Län­der, die im 20. Jahr­hun­dert den Kom­mu­nis­mus zu ver­wirk­li­chen ver­such­ten und ihn da­bei des­avou­ier­ten, die­ser Lö­sung nä­her­ka­men, son­dern der fort­ge­schrit­te­ne, tech­no­lo­gisch hoch­ent­wickel­te Ka­pi­ta­lis­mus. »Je­der nach sei­nen Fä­hig­kei­ten, je­dem nach sei­nen Be­dürf­nis­sen.« Wer krea­tiv sein will, kann das gern tun, und wenn er Geld da­mit ver­dient, auch recht. Ein aus­rei­chend do­tier­tes Grund­ein­kom­men für al­le wür­de die Vi­si­on von Marx und En­gels in die Pra­xis um­set­zen.

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Ijo­ma Man­gold: Der in­ne­re Stamm­tisch

Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch
Ijo­ma Man­gold:
Der in­ne­re Stamm­tisch

Ijo­ma Man­gold wird im näch­sten Jahr 50, ist Feuil­le­to­nist (seit ei­ni­gen Jah­ren in meh­re­ren Funk­tio­nen bei der »Zeit« be­schäf­tigt) und Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und man muss ihm da­her ei­nen ho­hen Sen­si­bi­li­täts­grad für Spra­che un­ter­stel­len. So ist der Ti­tel sei­nes neu­en Bu­ches wohl be­wusst as­so­zia­tiv: »Der in­ne­re Stamm­tisch« er­in­nert an die längst dä­mo­ni­sier­te Vo­ka­bel vom »in­ne­ren Reichs­par­tei­tag«, die im Jahr 2010 ei­ner deut­schen Sport­re­por­te­rin fast zum Ver­häng­nis ge­wor­den wä­re.

Da­bei schreibt er ei­gent­lich nur Ta­ge­buch, und zwar vom 19. Sep­tem­ber 2019 bis zum 13. April 2020. Be­ginn und En­de schei­nen je­weils oh­ne be­son­de­ren An­lass zu sein. Am An­fang wird das Ta­ge­buch zu ei­ner Art in­ne­ren Mo­no­log er­klärt (was es ja per se im­mer ist). Aber hier geht es fast im­mer um po­li­ti­sche Stel­lung­nah­men und – Ach­tung: der Au­tor mag das Wort nicht – Re­fle­xio­nen über ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen. Pri­va­tes bleibt weit­ge­hend aus­ge­spart; das in­tim­ste Er­leb­nis ist die Ent­täu­schung, als er mit ei­nem Oh­ren­stäb­chen nicht den er­hoff­ten Schmutz aus sei­nem Ge­hör­gang her­auspuh­len kann.

Es be­ginnt so­fort mit Fri­day-for-Fu­ture. In ei­ner Ki­ta be­rei­tet man sich, wie er hört, auf ei­ne FFF-De­mo ge­naue­stens vor und kauft vor­her noch grü­ne Kla­mot­ten für die Kin­der, da­mit al­les stil­echt ist. Man­gold sel­ber outet sich als »äs­the­ti­scher Gre­ta-Fan« (»ihr Ge­sicht ist schön wie das ei­ner from­men Jung­frau«) und es ist ihm gleich, dass ihm dies als Zy­nis­mus aus­ge­legt wer­den kann. Ir­gend­wann wird er noch deut­li­cher und macht sich zum »öko­tau­ben, miso­gy­nen, al­ten, wei­ßen Gre­ta-Ha­ter«. Ge­schenkt, ich ha­be ver­stan­den.

Na­tür­lich zwei­felt Man­gold den Kli­ma­wan­del und die Not­wen­dig­keit von Maß­nah­men, die­sem ent­ge­gen­zu­wir­ken, nicht an. Aber er kul­ti­viert eben auch bei die­sem The­ma, was er als ei­ne Art Le­bens­ma­xi­me (oder, wenn man es ne­ga­tiv sieht, als Krank­heit) de­fi­niert: sei­nen Trotz. So­bald in ei­nem Raum Ei­nig­keit be­steht, ist er es, der spon­tan mit ei­ner Ge­gen­mei­nung ein­greift. So auch hier, denn »der selbst­ge­rech­te Ge­wiss­heits­ton, zu dem das The­ma ein­lädt, trig­gert« ihn ähn­lich wie die Bi­got­te­rie der ver­meint­li­chen Öko-Mu­ster­schü­ler (was zu lau­ni­gen Aus­füh­run­gen über die Kir­chen-Heu­che­lei­en der Ver­gan­gen­heit führt).

Was die No­ta­te in­ter­es­sant macht: Es we­der ein Da­ge­gen­sein, um da­ge­gen zu sein – aber auch nicht das Ge­gen­teil. Man­gold wägt tat­säch­lich ab – nicht im­mer un­be­dingt mit der not­wen­di­gen Kon­se­quenz, aber das macht ge­ra­de die Mi­schung aus Leich­tig­keit, Hoch­mut und Klug­heit (ich hät­te fast ge­schrie­ben: Charme – aber man soll nicht über­trei­ben) vie­ler Ein­tra­gun­gen aus.

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Ein Schat­ten

                      Ein Schat­ten                       nach Loui­se Glück Als sie sich küss­ten mit­ten             auf der Land­stra­ße, war da et­was.                        Ein Vo­gel­flug. Sich von ein­an­der lö­send,            blick­ten sie rasch auf:                               ein Fal­ke flog mit sei­nem Fang da­von,            und die­se Flug­ge­stalt                     warf über Lehm­grund ei­nen Schat­ten. Als der ab­rupt dann im Ge­län­de            ver­schwand, ging es ihr                                 durch den Kopf: ...

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