Gräu­el der Ge­gen­wart ‑7/11-

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Un­ter der Hand ha­be ich be­gon­nen, Ei­gen­schaf­ten zu be­rüh­ren, die mich an For­re­sters Es­say stö­ren. Muß das sein? Daß ich kei­ne Re­zen­sio­nen mehr schrei­be1, soll­te mich ei­gent­lich von dem (Selbst-)Zwang er­lö­sen, an Tex­ten her­um­zu­mä­keln, die ich im gro­ßen und gan­zen ziem­lich gut fin­de. Aber viel­leicht ha­be ich das Kind mit dem Bad aus­ge­schüt­tet und es er­ge­ben sich durch der­lei »Kri­tik« ja noch ein paar pro­duk­ti­ve Gedanken.

Ça m’intrigue, wie der Fran­zo­se sagt. Dies und je­nes macht mich stut­zig. Zu­nächst mehr die Aus­drucks­form als ein­zel­ne Aus­sa­gen oder Ar­gu­men­ta­ti­ons­li­ni­en. Wird über­haupt ar­gu­men­tiert? Nein, mei­stens nicht. Viel­mehr: Die Re­de er­gießt sich. Muß man ar­gu­men­tie­ren? Nicht un­be­dingt. Der Ter­ror der Öko­no­mie ist ein sehr rhe­to­ri­sches Buch; Rhe­to­rik ver­stan­den als Nei­gung, stets den Ef­fekt des Ge­sag­ten zu su­chen. In­hal­te wer­den nicht im Text­ver­lauf ent­wickelt, sie ste­hen vor­her fest und wer­den mit gro­ßem sprach­li­chem Auf­wand for­mu­liert, wie­der­holt, va­ri­iert. Das ist der Grund, wes­halb For­re­ster syn­tak­ti­sche Po­si­tio­nen stän­dig mehr­fach be­setzt. Ei­ne sol­che Schreib­wei­se nen­ne ich »rhe­to­risch«, oder auch »ba­rock«. Die­ses Ba­rocke ent­fal­tet sich in ei­nem selt­sa­men Wi­der­spruch zur Här­te und Di­rekt­heit der vor­ran­gi­gen Aus­sa­ge­in­ten­ti­on, die ei­ne – ich wür­de nicht sa­gen Kri­tik, son­dern De­nun­zia­ti­on des Neo­li­be­ra­lis­mus an­strebt. Die­se De­nun­zia­ti­on wird in zahl­lo­sen An­läu­fen ver­folgt: Das Buch be­la­gert mit sprach­li­chen Mit­teln ei­ne Fe­stung, die in der Wirk­lich­keit, al­so mit po­li­ti­schen Mit­teln, un­über­wind­lich scheint.

So wer­den zum Bei­spiel an ei­ner Satz­stel­le drei No­men ge­reiht (Ky­ber­ne­tik, Au­to­ma­ti­sie­rung, re­vo­lu­tio­nä­re Tech­no­lo­gien) und, im Prä­di­kat, zwei Ver­ben (sich da­von­steh­len, sich ver­schan­zen). In der­sel­ben Pas­sa­ge wird der Pa­ra­sit, zu dem die hand­fe­ste »Welt der Ar­beit« ge­gen­über der di­gi­tal-vir­tu­el­len Welt ge­wor­den ist, durch vier No­men cha­rak­te­ri­siert: 1. durch sein Pa­thos, 2. durch den Är­ger, den die­ser Pa­ra­sit macht, 3. durch sei­ne stö­ren­den »Ka­ta­stro­phen« und 4. durch die ir­ra­tio­na­le Hart­näckig­keit, mit der er auf sei­ner Exi­stenz be­steht, statt ein­fach zu ver­schwin­den. (Hin­ter die­ser pa­ra­si­tä­ren Ar­beits­welt ver­birgt sich »der Ar­bei­ter«, aber auch der Ar­beits­lo­se und letzt­lich – der Mensch.) Dar­auf fol­gen wei­te­re Sät­ze, die über­haupt nur noch No­men rei­hen, oh­ne prä­di­ka­ti­ve Ver­klam­me­rung: Nutz­lo­sig­keit, man­geln­de Wi­der­stands­kraft, Harm­lo­sig­keit… Und so wei­ter, ich könn­te je­de Men­ge Bei­spie­le brin­gen. Ei­ne An­zahl von un­ge­fähr gleich­be­deu­ten­den Ei­gen­schaf­ten wird wie­der­holt, um Nach­druck, Em­pö­rung, manch­mal auch Mit­ge­fühl zu er­zie­len. In wei­te­rer Fol­ge wie­der­ho­len sich dann auch die in­halt­li­chen Blöcke, die Aus­sa­ge­form wird tau­to­lo­gisch. Das Buch ist we­nig struk­tu­riert, nicht in Ka­pi­tel un­ter­teilt; was schon zu Be­ginn vor­ge­bracht wur­de, fin­det man in Va­ria­tio­nen auch in der Mit­te und am Ende.

Sol­che Rhe­to­rik gip­felt mit­un­ter in Slo­gans, die der Spra­che der Wer­bung ent­stam­men könn­ten, ob­wohl auch sie im Kampf ge­gen Öko­no­mi­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung ein­ge­setzt wer­den. Die Wer­be­wirt­schaft, un­trenn­bar mit der Kul­tur­in­du­strie ver­wo­ben, ist im di­gi­ta­len Zeit­al­ter noch ein­mal stär­ker ge­wor­den: Es herrscht ein täg­li­cher Krieg um die Auf­merk­sam­keit und die Da­ten der Kon­su­men­ten, und an die­sem Krieg ver­die­nen sich die so­ge­nann­ten In­ter­net­rie­sen gol­de­ne Na­sen, oh­ne da­für Steu­ern zu zah­len: Sie sind ja glo­ba­li­siert, be­weg­lich, nicht lo­ka­li­sier­bar. Ver­schwie­gen und ver­deckt wird von der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie, so For­re­ster, das Elend der Ghet­tos in den USA, das Men­schen­ge­wim­mel in den Slums von Ma­ni­la, der Fa­ve­las von Rio de Ja­nei­ro, der Town­ships von Jo­han­nes­burg. Post­ko­lo­nia­le For­meln be­stär­ken das, was Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­ker oh­ne­hin wis­sen; Zwei­fel, Ge­dan­ken­ex­pe­ri­men­te, aber auch Ur­sa­chen­ana­ly­sen ha­ben in For­re­sters Text kei­nen Platz. Der Le­ser muß ei­nes der bei­den La­ger wäh­len, pro oder kon­tra. Al­les, was als Un­si­cher­heit aus­ge­legt wer­den könn­te, wird von der Rhe­to­rik aus dem Dis­kurs ausgesperrt.

Im Un­ter­schied zu fran­zö­si­schen So­zio­lo­gen wie Di­dier Eri­bon oder Édouard Lou­is, bei­de durch Pierre Bour­dieu ge­prägt, nennt For­re­ster kei­ne wirk­lich le­ben­den Per­so­nen und kei­ne kon­kre­ten Fall­bei­spie­le (bei Lou­is könn­te man dis­ku­tie­ren, wo die Fik­ti­on be­ginnt und die Do­ku­men­ta­ti­on auf­hört, die Dif­fe­renz ist da hauch­dünn). For­re­sters Sub­jek­te und eben­so ih­re Ge­dan­ken­fi­gu­ren sind ent­schie­den ab­strakt.2

»Die Hun­gern­den« – wer das ist, wie ih­re Le­bens­be­din­gun­gen aus­se­hen, wie sie ums Über­le­ben kämp­fen, er­fah­ren wir nicht. Be­son­ders häu­fig be­schwört sie »die Jun­gen« – les jeu­nes – der Ban­lieues. Bei al­ler Rhe­to­rik ist klar, daß For­re­ster ein gu­tes Sen­so­ri­um für be­vor­ste­hen­de Ent­wick­lun­gen be­saß und den Auf­ruhr in den nörd­li­chen Vor­städ­ten von Pa­ris, die sinn­lo­se Ge­walt, den Van­da­lis­mus (bren­nen­de Au­tos, aber auch bren­nen­de Schu­len), die Re­pres­si­on durch die Po­li­zei vor­her­ge­se­hen hat. Was sie sich Mit­te der neun­zi­ger Jah­re nicht vor­stel­len konn­te, war der is­la­mi­sti­sche Ter­ror, der eben­falls in den her­un­ter­ge­kom­me­nen, per­spek­tiv­lo­sen Vor­städ­ten sei­ne so­zia­len Wur­zeln hat.

Die an­ge­spro­che­ne Ab­strakt­heit zeigt sich in man­chen Pas­sa­gen als Ober­fläch­lich­keit, in­so­fern die Au­torin dies und je­nes im­mer wie­der nur streift, statt sich ge­dank­lich und nach­for­schend dar­auf ein­zu­las­sen. Man sieht das et­wa an Ver­glei­chen, die nicht er­hel­lend wir­ken, son­dern Bil­dungs­gut an den sprich­wört­li­chen Haa­ren her­bei­zie­hen. So ver­gleicht sie et­wa die spär­lich ge­wor­de­ne Ar­beit mit dem Gral, nach dem al­le su­chen (For­re­ster bringt ihn selt­sa­mer­wei­se mit den Ni­be­lun­gen in Ver­bin­dung). Nicht viel über­zeu­gen­der ist der Ver­gleich mit Flau­berts Ro­man­hel­din Em­ma Bo­va­ry, die ver­geb­lich nach Lie­be sucht. Ar­beit als re­li­giö­ser Kult­ge­gen­stand und ero­ti­sches Ob­jekt der Be­gier­de… Ver­mut­lich woll­te uns For­re­ster da­mit sa­gen, daß Ar­beit um­so mehr (und um­so ver­zwei­fel­ter) ge­hei­ligt wird, je we­ni­ger da­von vor­han­den ist. Ei­ne Aus­sa­ge, die die Wirk­lich­keit des 21. Jahr­hun­derts durch­aus be­stä­ti­gen wird.

Auf der ei­nen Sei­te ei­ne Art Ly­ris­mus, wenn es dar­um geht, das (ab­strak­te) Da­sein der Op­fer, al­so der Ar­beits- und Aus­sichts­lo­sen, zu be­schrei­ben. So et­wa in der (rhe­to­ri­schen) Ab­wand­lung des Aus­drucks »no man’s land« zu »Ge­gend der Nicht-Men­schen« – ge­meint ist die Ent­mensch­li­chung durch den Neo­li­be­ra­lis­mus – und schließ­lich zu »ter­rain va­gues, ô com­bi­en!« (»ach wie hef­tig schwan­ken­der Bo­den!«, un­ge­fähr so müß­te das auf deutsch klin­gen). For­re­ster sieht sich be­mü­ßigt zu un­ter­strei­chen, daß die­se Be­woh­ner des Nie­mands­lan­des, sprich: der Ban­lieues, daß al­so die ban­lie­u­sards und zo­nards, wie sie im Jar­gon ge­nannt wer­den, kei­ne En­gel sind und daß die dort ver­brei­te­te Kri­mi­na­li­tät, meist in Zu­sam­men­hang mit il­le­ga­len Dro­gen, nicht zu leug­nen sei. Doch die Kon­tu­ren des ent­mensch­lich­ten Sub­jekts blei­ben so ne­bu­lös, daß die kraft­vol­le rhe­to­ri­sche Dy­na­mik im­mer wie­der in wei­che­ren Ly­ris­mus driftet.

Auf der an­de­ren Sei­te, denn es han­delt sich um ei­nen Kampf, bei dem im­mer noch und im­mer wie­der das Men­schen­recht (oder bes­ser: die Men­schen­wür­de?) er­kämpft wer­den soll – auf der an­de­ren Sei­te die Iro­nie, der schwar­ze Hu­mor, ja, ei­ne ge­wis­se Ten­denz zum Zy­nis­mus, wenn es dar­um geht, die zer­stö­re­ri­sche, men­schen­ver­ach­ten­de, letzt­lich men­schen­ver­nich­ten­de Ge­gen­wart des Neo­li­be­ra­lis­mus zu gei­ßeln: »Künf­tig ha­ben wir die Wahl zwi­schen der Ent­schei­dung – à la car­te! –, ob wir die Ar­beits­lo­sig­keit der ex­tre­men Ar­beit vor­zie­hen oder die ex­tre­me Ar­mut der Ar­beits­lo­sig­keit. Di­lem­ma! Nach­her dürft ihr euch nicht be­kla­gen, schließ­lich seid ihr es, die ent­schie­den ha­ben. Aber kei­ne Sor­ge, ihr be­kommt so­wie­so bei­des. Schließ­lich ge­hört bei­des zu­sam­men.« Das könn­te man ein­fa­cher sa­gen: Die neo­li­be­ra­le Öko­no­mi­sie­rung bringt den Men­schen Ar­beits­lo­sig­keit und (da­her) Ar­mut. Die Rhe­to­rik er­scheint hier als Akt des Wi­der­stands, der sich im sprach­li­chen Sur­plus äu­ßert. Frei­lich kann man auch hier wie­der fra­gen: Wer sind sie ei­gent­lich, die­se ex­trem Ar­men? Si­cher nicht Vi­via­ne For­re­ster und die Ih­ren. Und auch nicht die Dro­gen­händ­ler je­ner »Zo­nen«, die sich ei­ne al­ter­na­ti­ve, wenn­gleich kri­mi­nel­le Ar­beit ge­fun­den ha­ben und in ei­ner al­ter­na­ti­ven Kul­tur (ge­nannt Rap) le­ben, de­ren Künst­ler al­le­samt nach dem Main­stream der Kul­tur­in­du­strie schie­len, weil auch sie das gro­ße Geld ma­chen wol­len (und manch ein Rap­per hat es ja gemacht).

For­re­ster stellt sich die­se Fra­ge nicht, da sie die kon­kre­te Er­fah­rungs­welt nicht be­rührt. Sie un­ter­schlägt, daß in all die­sen Jah­ren zwar die Un­gleich­heit der Ein­kom­men ge­wach­sen ist, aber trotz al­lem auch die So­zi­al­lei­stun­gen ge­stie­gen sind und ein be­trächt­li­cher Teil der Be­völ­ke­rung über ein Ver­mö­gen ver­fügt. Pi­ket­ty weist dar­auf hin, daß zwar die Ein­kom­men der ab­hän­gig Ar­bei­ten­den sta­gnie­ren, aber die an­ge­häuf­ten Ver­mö­gens­wer­te so hoch sind wie nie zu­vor, und das be­trifft nicht nur die Be­sitz­tü­mer der Su­per­rei­chen. Trotz al­lem geht es uns, in den west­li­chen Län­dern, bes­ser denn je. Fakt ist nicht die ex­tre­me Ar­mut, son­dern de­ren Ge­spenst, al­so die Angst vor ihr. Angst vor dem Ab­stieg und Ab­sturz. Die­se Angst läßt vie­le An­ge­hö­ri­ge der Mit­tel­klas­se rechts­ex­tre­me Par­tei­en und Per­sön­lich­kei­ten wäh­len. Was aber For­re­sters Iro­nie be­trifft, so wan­delt sie sich zur Ent­rü­stung, die in Feu­er­wer­ken von Aus­ru­fe- und Fra­ge­sät­zen gip­feln. Der Stil, ob­wohl durch­aus ge­pflegt, paßt zur Empörungs(un)kultur, wie wir sie heu­te er­le­ben. Man könn­te nun ein­wen­den, Stil­fra­gen sei­en bei ei­nem Buch, das in er­ster Li­nie und mit Lei­den­schaft ein po­li­ti­sches An­lie­gen ver­ficht, zweit­ran­gig.3 Ma­dame For­re­ster ha­be die­se Mit­tel ge­wählt, um ih­re Bot­schaft an den Mann zu brin­gen (was ihr her­vor­ra­gend ge­lun­gen ist, das Buch wur­de in mehr als drei­ßig Spra­chen über­setzt). Al­so gut, wen­den wir uns den In­hal­ten zu!

© Leo­pold Federmair

→ Teil 8/11


  1. Leopold Federmair: Kleine Ökonomie der Geschmacksbildung, in: Neue Zürcher Zeitung, 24. 6. 2016; eine längere Fassung hier unter dem Titel "Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe"

  2. Ähnlich verfuhr einst Ernst Jünger in seinen "metaphysischen" Typus-Beschreibungen. Durchgehend atmet man hier (wie dort) die dünne Höhenluft der Abstraktion. "So gibt es keinen Maschinenmenschen; es gibt Maschinen und Menschen – wohl aber besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen der Gleichzeitigkeit neuer Mittel und eines neuen Menschentums. Um diesen Zusammenhang zu erfassen, muß man sich allerdings bemühen, durch die stählernen und menschlichen Masken der Zeit hindurchzusehen, um die Gestalt, die Metaphysik, zu erraten, die sie bewegt." Jünger dixit. In Der Arbeiter versucht Jünger, die Transformation in eine quasi-soldatische Arbeitsgesellschaft nachzuzeichnen. Diese Transformation könnte man auch als Auflösung der Arbeit (im herkömmlichen Sinn) interpretieren. Die Maschinen werden früher oder später unabhängig vom Menschen fungieren, sie brauchen ihn nicht mehr. Interessant die folgende Reflexion aus einem seiner Tagebücher, die geistige, nicht körperliche, Arbeit zum Ausgangspunkt hat. Die Lage des "Einzelwissenschaftlers" habe sich sehr verändert, d. h. "sich der des Arbeiters angeglichen, der hinter der Maschine steht. Der Mensch ist aus dem Werk herausgetreten, das autonom geworden ist, und wird nun immer ersetzbarer und entbehrlicher. Man kann ihn auswechseln wie einen Maschinenteil, und auch die Ergebnisse, zu denen er gelangt, sind außer ihm geboren und instrumentieren den Vorgang mehr, als daß sie in ihn eingriffen. Die Unentbehrlichkeit des Menschen schwindet mit seiner Originalität und damit auch der Respekt vor ihm." Yuval Noah Harari hat seinen Bestseller mit "Homo Deus" betitelt, doch im Schwung seiner Begeisterung über technische, elektronische Fortschritte entpuppt sich eher die Überflüssigkeit des Menschen, zum Beispiel in der Medizin: "The training of a human physician is a complicated and expensive process that lasts years, and in the end, all you geht is one doctor. If you want two doctors, you have to repeat the entire process from scratch. In contrast, if and when you solve the technical problems which are still hampering AI from displacing most doctors, you will get an infinite number of doctors, available 24/7 in every corner of the world.” Harari hatte in diesem Interview zuvor die Abläufe computergestützter medizinischer Diagnosen und Therapien geschildert und sich dabei ausschließlich auf Datenmengen, Vergleich und Korrelationen bezogen. Daß es spezifisch menschliche und durchaus nützliche Fähigkeiten eines Mediziners jenseits des Rechnens, das Computer natürlich besser können, gibt, bleibt dabei außer acht (hin und wieder erinnert sich daran). Korrelationen sind nicht dasselbe wie Zusammenhänge. Aber es stimmt schon, die Revolution des deep learning hat gerade erst begonnen. 

  3. Olivier Betourné, der Verleger Forresters (Éditions du Seuil), hebt jedoch anläßlich der Veröffentlichung des Fragments La Promesse du pire kurz nach ihrem Tod die Originalität und Kraft ihres Stils hervor, la puissance du style, sicher zurecht. Es war nicht zuletzt diese Sprachmächtigkeit, auf die es ihr ankam. 

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ih­re Ana­ly­se ist aus­ge­zeich­net. Es ist die klas­si­sche Zwei­fal­tig­keit von In­halt und Stil, wie sie sich au­ßer­halb von Kunst und Wis­sen­schaft ab­zeich­net. In der Tat hat un­ser Kul­tur­raum sich im­mer schon die »rhe­to­ri­sche Di­men­si­on« of­fen ge­hal­ten, da Theo­lo­gie und Po­li­tik dar­in stattfinden.
    Un­ab­läs­sig wer­den Be­griffs­per­so­nen zum Le­ben er­weckt; wie an­ony­me Ge­sich­ter und Ge­stal­ten in ei­nem Do­ku­men­tar­film tau­chen sie auf und ver­schwin­den wie­der. At­tri­bu­te wer­den zu Al­le­go­rien (die Ar­men, die Rei­chen, die Über­flüs­si­gen, etc.), und ab­strak­te No­mi­na for­dern ei­ne Emp­find­sam­keit, die den Ver­stand zu ei­ner Ehe­ge­mein­schaft ver­pflich­tet (die Nutz­lo­sig­keit, die In­du­strie, das Ver­mö­gen, etc.). Sy­ste­ma­tik und Lo­gik wer­den ver­nach­läs­sigt, und selbst wenn der Au­tor sich zur Dis­zi­plin zwingt, wir­ken sie im­mer wie der will­kür­li­che Rah­men in ei­nem an­son­sten un­be­grenz­ten Pan­ora­ma. Der Es­say ist kei­ne Kunst jüng­sten Da­tums, son­dern ein ur­alter Be­glei­ter un­se­rer Ge­sell­schaft [und schon ha­be ich ihn »ver­mensch­licht«...]. Er ist nicht mal ei­ne aus­ge­wie­sen mo­der­ne Form, weil das Mit­tel­al­ter schon sein gan­zes Po­ten­zi­al ge­nutzt hat. De­leu­ze sag­te ein­mal so schön: Ich ver­su­che, mei­nen Tex­ten die Kon­si­stenz ei­nes frisch auf­ge­schla­ge­nen Hüh­ner­eis zu ge­ben. Ich möch­te, dass die Tei­le zu­sam­men­hal­ten, und nichts über den Tel­ler­rand hinausläuft.
    Die Phi­lo­so­phie ist voll von die­sen Ver­su­chen, wo­bei die Au­toren stets dem Ri­si­ko un­ter­lie­gen, ex­kom­mu­ni­ziert zu wer­den, weil sie Be­griffs­fe­ti­schi­sten als No­ta­re be­stellt hat, die die­se leich­te Mu­se im­mer schon miss­bil­li­gen. [Wird man ei­nes Ta­ges viel­leicht ih­re Lek­tio­nen ver­ste­hen?! De­leu­ze war in die­ser Hin­sicht sehr mutig.]
    Bra­vo Leopold!

  2. Für mich ist Mon­tai­g­ne im­mer noch das Al­pha und Ome­ga der Es­say­kunst. Nicht Mit­tel­al­ter, An­fang der Neu­zeit. »Hu­ma­nis­mus«: es wird oft über­se­hen, aber ich fin­de es schon er­staun­lich, wie er mit sei­nen la­tei­ni­schen Au­toren jon­gliert, mit hun­der­ten, heu­te zu­meist ver­ges­se­nen, und das mit neu­zeit­li­chen Be­ob­ach­tun­gen und Zi­ta­ten verknüpft.
    Und De­leu­ze: Er ist oft wirk­lich sehr wit­zig. Ganz oh­ne Hu­mor gibt es kei­ne Krea­ti­vi­tät (und um letz­te­re ging es ihm).

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