Alex­an­der Kissler: Die in­fan­ti­le Gesellschaft

Alexander Kissler: Die infantile Gesellschaft

Alex­an­der Kissler:
Die in­fan­ti­le Gesellschaft

»Kin­der an die Macht«, »Kin­der­mund tut Wahr­heit kund« – an Be­kennt­nis­sen, das Kin­di­sche zu idea­li­sie­ren, hat es nie ge­fehlt. Alex­an­der Kissler, einst Ci­ce­ro-Re­dak­teur und seit kur­zem bei der Neu­en Zür­cher Zei­tung, sieht al­ler­dings in­zwi­schen ei­ne zu­neh­men­de Ten­denz zu dem, was er In­fan­ti­li­sie­rung der Ge­sell­schaft nennt. Die »flä­chen­decken­de Be­reit­schaft, dem Kin­der­mund all­ge­mein höch­ste Weis­heits­gra­de zu­zu­spre­chen« ha­be, so die The­se, ein neu­es Ni­veau er­reicht. Ein­her ge­he dies mit ei­ner Ver­klä­rung der Na­tur. So­weit dies die bun­ten Sei­ten von Il­lu­strier­ten oder eso­te­ri­sche Rat­ge­ber be­trifft, mag man sol­che Rhe­to­rik noch be­lä­cheln. Kissler sieht al­ler­dings Be­le­ge da­für, dass die In­fan­ti­li­sie­rung bis weit in die Ge­sell­schaft hin­ein­ragt, den Dis­kurs zu­neh­mend be­stimmt und letzt­lich der Po­li­tik als will­kom­me­nes Werk­zeug für die Steue­rung der Be­völ­ke­rung die­nen könn­te bzw. zum Teil schon dient. Denn: »Wer sich in­fan­ti­li­sie­ren lässt, wird zum Ob­jekt sou­ve­rä­ner In­stan­zen, die mut­wil­lig mit ihm ver­fah­ren.« Am En­de dro­he nichts we­ni­ger als die Ab­kehr von den Wer­ten der Aufklärung.

Ob es glück­lich ist, die­ses Buch mit den Rat­schlä­gen und Er­kennt­nis­sen aus Rous­se­aus fik­ti­vem Er­zie­hungs­rat­ge­ber »Émi­le« zu be­gin­nen? Wie auch im­mer: Rous­se­au füh­re, so Kissler, »sei­nen Émi­le, in der Fik­ti­on ein ge­sun­des Kind aus wohl­ha­ben­dem El­tern­haus, zur Er­kennt­nis des Le­bens hin­aus in die Na­tur. Auf­wach­sen soll Émi­le im Dorf, nicht in der Stadt, in Ein­fach­heit, nicht im Lu­xus, auf Wie­sen, nicht auf Kis­sen, keusch, nicht lust­be­tont.« Kin­der sol­len nur ei­nes sein: Kin­der. Sie »müs­sen sprin­gen, lau­fen, schrei­en dür­fen, so oft sie Lust da­zu ver­spü­ren.« Auf kei­nen Fall sol­len sie all­zu schnell zu klei­nen Er­wach­se­nen wer­den. Wer ih­nen zu früh die Kind­lich­keit ab­trai­niert, ver­hin­dert ih­re Ent­wick­lung zum ge­sun­den, zum gan­zen Men­schen. Wie be­kannt, schei­ter­te Rous­se­au sel­ber an sei­nem Ide­al, in dem er sei­ne Kin­der in An­stal­ten steck­te – falsch muss es, so der Au­tor, des­halb nicht sein.

Was Kissler um­treibt, ist die Ver­mi­schung der Sphä­ren zwi­schen Kind und Er­wach­se­nem. Er stellt klar: »Kin­der sind kei­ne Er­wach­se­nen in War­te­stel­lung, son­dern Kin­der. Er­wach­se­ne sind kei­ne Kin­der in grö­ße­ren Klei­dern, son­dern Er­wach­se­ne.« Ei­gent­lich ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber Kin­der wer­den in­zwi­schen früh zu er­wach­se­nem Ver­hal­ten hin ge­drängt. Un­wei­ger­lich fühlt man sich an Neil Post­mans War­nung vom »Ver­schwin­den der Kind­heit« An­fang der 1980er Jah­re er­in­nert. Post­man warn­te da­vor, dass das Fern­se­hen (das war da­mals der Buh­mann) den Kin­dern die Welt der Er­wach­se­nen vor­zei­tig, zu früh, über­stül­pe – mit fa­ta­len Fol­gen für den spä­ter wo­mög­lich de­for­mier­ten Erwachsenen. 

Und heu­te? Ist es nicht eher so, dass sich die Er­wach­se­nen zu­se­hends re-in­fan­ti­li­sie­ren? Sie heu­len in Bam­bi-Fil­men und pfle­gen die »My­tho­lo­gie des In­fan­ti­len« bei­spiels­wei­se durch die Idea­li­sie­rung der Ge­schich­te von Pe­ter Pan, des Jun­gen, der nicht er­wach­sen wer­den möch­te. Wer kennt nicht die Dis­ney-Dar­stel­lung des Jun­gen mit den bei­den Flü­geln, der freu­dig mit sei­nem Zau­ber­stab her­um­fliegt und Aben­teu­er be­steht. Kissler er­in­nert an den Ur­text von John Mat­thew Bar­rie. Dort ist Pe­ter Pan mit­nich­ten der bra­ve Jun­ge, son­dern »ein un­ge­lieb­ter Kna­be«, der Reiß­aus nimmt und sich zum Tot­schlä­ger ent­wickelt. In der Kin­der­welt Pe­ter Pans auf der In­sel Nim­mer­land geht es al­les an­de­re als pa­ra­die­sisch zu: »Die An­zahl der Jun­gen auf der In­sel va­ri­iert na­tür­lich, je nach­dem, wie vie­le ge­tö­tet wer­den und so wei­ter; und wenn sie er­wach­sen zu wer­den dro­hen, was ge­gen die Re­geln ver­stößt, de­zi­miert Pe­ter ih­re Zahl…« Das ist ein Zi­tat aus Bar­ries Buch; in den Dis­ney-Ad­ap­tio­nen die die Po­pu­la­ri­tät der Fi­gur we­sent­lich be­för­der­ten und präg­ten, feh­len die­se Grau­sam­kei­ten. Kissler fol­gert: »Ei­ne Ge­sell­schaft, die sich un­ter dem Ban­ner Pe­ter Pans lust­voll in­fan­ti­li­siert oder in­fan­ti­li­sie­ren lässt, muss wis­sen, dass der Preis ewi­ger Ju­gend ewi­ge Un­mün­dig­keit wäre.«

Par­al­lel mit dem Wunsch des ewi­gen Kind­seins kann man die An­thro­po­mor­phi­sie­rung der Na­tur be­ob­ach­ten. In Best­sel­lern schwär­men Er­wach­se­ne, wie ih­nen ein Schwein das Le­ben neu na­he­ge­bracht hat. Oder Jour­na­list be­haup­tet ernst­haft, dass Ein­zeller »bes­se­re Kri­sen­ma­na­ger« sei­en als die »Pro­fis der Zen­tral­ban­ken«. Die her­bei­ge­hol­ten Stel­len die­nen der Er­hei­te­rung des Le­sers; ei­gent­lich schenkt ih­nen Kissler ein we­nig zu viel Aufmerksamkeit. 

Für die fal­sche Idyl­li­sie­rung von Na­tur gibt es zahl­rei­che Bei­spie­le. Et­wa wie ei­ne (in­zwi­schen ein­ge­stell­te) Kam­pa­gne des Na­tio­nal­park Harz, der Kin­dern Ber­ti, den Bor­ken­kä­fer, nicht als Forst­schäd­ling son­dern als will­kom­me­nen Gast vor­stellt. Den Schwer­punkt legt Kissler auf die Ver­kit­schung der Wie­der­kehr des Wolfs, des­sen raub­tier­haf­ter Cha­rak­ter schlicht­weg aus­ge­blen­det wird. Ein­her geht dies mit ei­nem in­dok­tri­nie­ren­den Öko­lo­gis­mus, wie bei­spiel­haft an ei­nem Kin­der- bzw. Ju­gend­buch von Ro­bert Ha­beck und An­drea Pa­luch ge­zeigt wird. Die her­an­wach­sen­de Hel­din die­ses Büch­leins ist na­tür­lich Ve­ga­ne­rin und Pa­zi­fi­stin und weiß »dass nicht der Wolf ge­fähr­lich ist, son­dern der Mensch«. Wer das nicht ak­zep­tiert, ge­hört nicht nur Peer-Group.

Kisslers Be­fund: »In­fan­til ist die Sehn­sucht mün­di­ger Er­wach­se­ner nach Un­rei­fe. In­fan­til ist die Wei­ge­rung, Gren­zen an­zu­er­ken­nen – zwi­schen dir und mir, Alt und Jung, Tier und Mensch.« Fast zwangs­läu­fig kommt das Buch auf Gre­ta Thun­berg und die Ju­gend­be­we­gung »Fri­days for Fu­ture« zu spre­chen, denn »2019 war das Jahr der zor­ni­gen Kin­der«. Er spricht vom »Er­nüch­te­rungs­kom­pen­sa­ti­ons­be­we­gun­gen, die zum Sturm auf die Ge­gen­wart bla­sen.« Die Er­wach­se­nen, die mit Ver­zückung den zor­ni­gen Kin­dern ap­plau­die­ren, be­wah­ren sich da­mit ih­re »Pu­ber­tät bis ins ho­he Al­ter«. Die »wahr­heits­lie­ben­de Pro­phe­tin Thun­berg« wird zur Pro­jek­ti­ons­flä­che für Er­lö­sungs­sehn­süch­te. »Man fin­det, was man sucht: die Be­stä­ti­gung, wie rich­tig doch die ei­ge­ne po­li­ti­sche Po­si­ti­on, wie wich­tig der ei­ge­ne po­li­ti­sche Kampf sei.« Die Sa­kra­li­sie­rung spe­zi­ell der Fi­gur Thun­berg – u. a. von Kir­chen, aber auch Po­li­ti­kern – soll jeg­li­che Kri­tik an sie im­mu­ni­sie­ren, ja denunzieren. 

Thun­bergs ver­ba­ler Alar­mis­mus, ih­re rhe­to­ri­sche Kom­pro­miss­lo­sig­keit, die sie heu­te noch zu ei­ner Iko­ne ma­chen, wird in ei­nem de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­mein­we­sen nicht dau­er­haft funk­tio­nie­ren, so Kissler. Denn ih­re Welt­sicht ist streng dua­li­stisch. »Sie ver­dammt. Sie ver­wirft.« For­dert den To­tal­um­bau von Ge­sell­schaf­ten. (Und das oh­ne jeg­li­che de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on.) Ih­re feh­len­de Ex­per­ti­se kon­tert sie da­mit, dass sie die Er­kennt­nis­se »der Wis­sen­schaft« um­ge­setzt ha­ben möch­te. Da­mit zeigt sie ein un­voll­stän­di­ges Bild des­sen, was »Wis­sen­schaft« aus­macht. Die­se gibt es nur im Plu­ral. Es gibt kei­ne Ein­heits­wis­sen­schaft, son­dern Wis­sen­schaf­ten, die fal­si­fi­zier­ba­re Er­kennt­nis­se er­zeu­gen. Al­les gilt nur so lan­ge bis zum Be­weis des Ge­gen­teils. Das un­ter­schei­det Wis­sen­schaf­ten von Glaubensgemeinschaften. 

Aber wie geht es wei­ter? Denn tat­säch­lich re­agiert ja die Po­li­tik in ei­ni­gen Län­dern auf die For­de­run­gen der FFF-Be­we­gung. Aber es ist eben nie ge­nug. Thun­berg und mit ihr die Be­we­gung müs­sen, so Kissler »das fort­wäh­ren­de Schei­tern ih­rer Be­mü­hun­gen be­haup­ten, um auf der Büh­ne blei­ben zu kön­nen und nicht in die Ku­lis­se ge­drängt zu wer­den.« Sie »for­dern«, »er­war­ten«, »ver­lan­gen« im­mer weiter. 

Dass Ak­ti­vis­mus Ex­trem­for­de­run­gen er­hebt, ist per se nicht ver­dam­mens­wert. Kissler macht das auch nicht. Sei­ne Ein­las­sun­gen be­tref­fen da­her eher die­je­ni­gen, die die ak­ti­vi­sti­schen For­de­run­gen oh­ne jeg­li­che Kri­tik gou­tie­ren. »In ir­ra­tio­na­len Äng­sten wer­den Kin­der, Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne von Me­di­en un­ter­stützt«, so Kissler. War­um, so die be­rech­tig­te Fra­ge, wur­de Thun­berg bei ih­rer Re­de vor den Ver­ein­ten Na­tio­nen nicht wi­der­spro­chen? Und war­um darf man als »al­ter, wei­ßer Mann« ei­ner ehe­ma­li­gen Schü­le­rin und ih­ren kru­den Be­haup­tun­gen (bspw. ih­re Ju­gend zer­stört zu ha­ben) und ih­ren Ma­xi­mal­for­de­run­gen nichts ent­geg­nen? Und wer liegt dies fest? »Erst wenn Ra­tio­na­li­tät nicht mehr als Kalt­her­zig­keit de­nun­ziert wird, hat Ver­nunft ei­ne Chan­ce«, so Kissler. Aber was, wenn Ver­nunft als Schwä­che gilt? 

Der Kli­ma­wan­del ist ei­ne dring­li­che und wich­ti­ge An­ge­le­gen­heit, aber soll man »die müh­sam er­run­ge­ne ge­sell­schaft­li­che Über­ein­kunft, man müs­se ab­wä­gen, dif­fe­ren­zie­ren und al­le Be­trof­fe­nen hö­ren« da­für schlicht­weg aus­set­zen? Die de­mo­kra­ti­sche Kon­sens­su­che, das, was man Re­al­po­li­tik nennt, muss hin­ter den ak­ti­vi­sti­schen An­sprü­chen im­mer als un­zu­rei­chend an­ge­se­hen wer­den. In­sti­tu­tio­nen wer­den ab­ge­lehnt, weil sie Ab­läu­fe ver­lang­sa­men. »FFF« kennt nicht das Wer­ben um Bünd­nis­se, son­dern nur Gut und Bö­se, Freund und Feind. Ein de­mo­kra­ti­sches Ge­mein­we­sen lebt je­doch von funk­tio­nie­ren­den In­sti­tu­tio­nen, die sich zum Bei­spiel ge­gen­sei­tig kon­trol­lie­ren und Aus­ein­an­der­set­zun­gen dis­kur­siv bis zum Kom­pro­miss füh­ren. Wer dies aus­he­beln will – und da­für gibt es In­di­zi­en – ne­giert am En­de die Demokratie. 

Kisslers Kon­zen­tra­ti­on auf die Rhe­to­rik der Be­we­gung blen­det bis­wei­len die Not­wen­dig­keit aus, die zum Teil be­rech­tig­ten An­lie­gen mit den in­sti­tu­tio­nel­len Ver­fah­ren ei­ner De­mo­kra­tie zu syn­chro­ni­sie­ren und da­mit ein­zu­bin­den. Der Sie­ges­zug der 68er be­gann mit dem viel­dis­ku­tier­ten »Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen«. Die­ser war nur er­folg­reich, weil sie an­er­kannt wur­den. Die­se Über­ein­kunft bröckelt ge­ra­de. Grü­ne Vor­den­ker wie Ralf Fücks ge­ra­ten ins Hintertreffen. 

Oft fragt man sich, ob es sich we­ni­ger um ei­ne In­fan­ti­li­sie­rung der Er­wach­se­nen nicht eher um ei­ne Adul­ti­sie­rung von Kin­dern han­delt. Wer­den hier die Sor­gen und Nö­te von Kin­dern und Ju­gend­li­chen von Er­wach­se­nen für ih­re po­li­ti­sche Agen­da ein­ge­setzt und wohl­wol­lend von Me­di­en re­pro­du­ziert? So na­he­lie­gend ei­ne Be­schäf­ti­gung mit den Kin­dern der di­ver­sen Kli­ma­be­we­gun­gen auch sein mag – die In­fan­ti­li­sie­rung der Ge­sell­schaft wird an an­de­rer, weit pro­mi­nen­te­rer Stel­le vor­an­ge­trie­ben: in der Politik.

Kissler be­legt dies im wei­te­ren Ver­lauf sei­nes Bu­ches sehr prä­zi­se, in dem er bei­spiels­wei­se ei­ni­ge Re­de­aus­schnit­te von Kanz­le­rin Mer­kel ana­ly­siert und bi­lan­ziert: »Die Spra­che der Kanz­le­rin ist ge­kenn­zeich­net durch Ar­mut im Aus­druck, durch we­ni­ge Ver­ben, die stän­dig wie­der­holt wer­den, und durch ei­ne gro­ße Vor­lie­be für Hilfs­ver­ben.« Das Vor­bild ist das, was man »Leich­te Spra­che« nennt, »ei­ne ver­ein­fach­te Form des Deut­schen, die auch Men­schen mit ein­ge­schränk­ter Le­se­fä­hig­keit die Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben er­mög­li­chen soll«, so die De­fi­ni­ti­on der Du­den­re­dak­ti­on. Al­so ein eh­ren­wer­tes Ziel, um Teil­ha­be für mög­lichst vie­le Re­zi­pi­en­ten zu er­mög­li­chen. Aber wenn »Leich­te Spra­che« als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel im ge­sam­ten öf­fent­li­chen Raum zum Stan­dard zu wer­den droht, wird es pro­ble­ma­tisch. Zwar kon­ze­diert Kissler, dass sich Mer­kel der Leich­ten Spra­che an­nä­he­re, »oh­ne kom­plett in die­se zu ver­fal­len«, macht aber Ent­wick­lun­gen in Po­li­tik in Me­di­en aus, in der jetzt schon »Spra­che wie Bau­klötz­chen für Kin­der« ein­ge­setzt wird. 

Das be­ginnt bei der will­kür­li­chen Ver­kür­zung von Na­men, um ei­nen bes­se­ren Wie­der­erken­nungs­wert in der Öf­fent­lich­keit zu er­zeu­gen, setzt sich fort in der fast sa­ti­risch-ver­ball­horn­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on über neue Ge­set­ze (»Gu­tes-Ki­ta-Ge­setz«) und en­det in bom­ba­sti­schen »Wir«-Projekten – die­se al­ler­dings meist oh­ne Be­fra­gun­gen der­je­ni­gen, für die das »Wir« ste­hen soll­te. Letz­te­res be­legt Kissler bei den Re­den von Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er, spe­zi­ell zu Be­ginn der Co­ro­na-Kri­se, in der sich der Bun­des­prä­si­dent nicht nur als »Bür­gerer­mu­ti­ger« ge­rier­te (das ist sei­ne Auf­ga­be), son­dern auch um »Ver­trau­en« für die »Re­gie­ren­den in Bund und Län­dern« warb, weil die­se ih­re »rie­si­ge Ver­ant­wor­tung« ken­nen wür­den. Aber ge­nügt das Wis­sen der Re­gie­rung um ih­re Ver­ant­wor­tung, um ihr zu ver­trau­en? Kissler hält da­ge­gen: »Ei­ne Re­gie­rung kann sich Ver­trau­en aus­schließ­lich durch be­wie­se­ne Kom­pe­tenz ver­die­nen, nicht da­durch, dass sie sich zum Kon­zept ei­ner ver­trau­ens­vol­len Be­zie­hung be­kennt.« Und wenn am En­de der Re­de der Bun­des­prä­si­dent Zu­ver­sicht be­schwört, dann ent­geg­net der Au­tor: »Es trennt den Er­wach­se­nen vom Kind, dass er sich Zu­ver­sicht nicht ver­ord­nen lässt…« Aber, so Kissler an an­de­rer Stel­le: »Des Ar­gu­men­tie­rens mü­de oder un­kun­dig, grei­fen im­mer mehr Po­li­ti­ker zum di­rek­ten Ge­fühls­ap­pell.« Und zwar, so möch­te man er­gän­zen, nicht nur die so­ge­nann­ten »Po­pu­li­sten«.

Das Vor­bild, Po­li­tik in »Leich­te Spra­che« zu ver­packen, führt zu Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rung zu Gun­sten des klein­sten ge­mein­sa­men Nen­ners. Wo Er­wach­se­nen­spra­che not­wen­dig wä­re, blüht die ver­kür­zen­de und zu­meist un­voll­stän­di­ge Ver­ein­fa­chung. Hin­ter dem be­tont ein­fa­chen, jeg­li­che Kom­ple­xi­tät ver­mei­den­den Spre­chen und der im­mer in­fla­tio­nä­rer ver­wen­de­ten Duz-An­re­de lugt das be­treu­te Den­ken. »Leich­te Spra­che« jen­seits der Ziel­grup­pe wird zum Herr­schafts­in­stru­ment für al­le. Mit ihr legt man auch fest, was op­por­tun, was, wie es bei Bo­tho Strauß heißt, »ge­bil­ligt« wird. Ab­sei­ti­ge Mei­nun­gen und Vor­ge­hens­wei­sen wer­den als un­zu­läs­sig, weil zum Bei­spiel dis­kri­mi­nie­rend oder aus­gren­zend fest­ge­legt und ver­wor­fen. Dies gilt auch für den uni­ver­si­tä­ren Be­reich, in dem ins­be­son­de­re in den gei­stes­wis­sen­schaft­li­chen Fä­chern die Zu­mut­bar­keits­gren­zen auf den ein­fach­sten ge­mein­sa­men Nen­ner her­un­ter­ge­bro­chen wer­den. So wer­den bei­spiels­wei­se Klas­si­ker »ge­rei­nigt«, mit »Trig­ger-War­nun­gen« ver­se­hen oder gleich ver­bannt. Das Ziel der Ei­fe­rer ist die »ge­rei­nig­te Ge­sell­schaft«. Sie sei »das nächt­li­che Ge­gen­stück zur in­fan­ti­li­sier­ten Ge­sell­schaft und oh­ne die­se nicht zu den­ken.« Da scheint das Wort von der »Ge­nera­ti­on Schnee­flocke«, der man nicht mehr zu­mu­ten möch­te, lan­ge und kon­tro­ver­se Tex­te zu le­sen oder sich mit wo­mög­lich kom­ple­xen Sach­ver­hal­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, eher ver­harm­lo­send: die Schnee­flöck­chen kön­nen durch­aus mi­li­tant werden. 

Am Ran­de in­ter­es­sant, dass Kissler der Ver­su­chung, die »Leich­te Spra­che« mit Or­wells »New­speak« aus »1984« in Zu­sam­men­hang zu brin­gen, wi­der­stan­den hat. Das soll wohl be­deu­ten, dass wir noch weit ent­fernt sind von den Zu­stän­den, die im dys­to­pi­schen Ro­man be­schrie­ben wer­den. Den­noch hät­te man sich von ihm ein Ka­pi­tel über »Framing« gewünscht.

Von gro­ßer Re­si­gna­ti­on sind die Aus­füh­run­gen über die Kir­chen ge­prägt, die sich, wie Kissler rich­tig an­merkt, in Er­man­ge­lung des Glau­bens an ih­re ei­ge­ne Bot­schaft zur Ge­win­nung neu­er Be­su­cher al­ler­lei Gau­ke­lei­en be­die­nen. Da wird »ge­ku­schelt und ge­tanzt, ge­schla­fen und ge­ges­sen, ge­rutscht und ge­schau­kelt«, Mi­ni­golf ge­spielt und vor al­lem ge­klet­tert. Da­bei re­den ih­re Re­prä­sen­tan­ten lie­ber »von Kli­ma­schutz, Is­lam und Ama­zo­nas als von Je­sus Chri­stus«. Nicht mehr die Kind­lein sol­len zu ih­nen kom­men – sie kom­men zu den Kin­dern sel­ber, um sich be­reit­wil­lig de­ren Idea­len an­zu­die­nen oder, viel­leicht bes­ser: an­zu­bie­dern. Die aus­ge­führ­ten Bei­spie­le sind selbst für ei­nen aus der Kir­che vor lan­ger Zeit aus­ge­tre­te­nen Agno­sti­ker wie mich in die­ser Bal­lung nur schwer auszuhalten. 

Kissler bringt noch vie­le an­de­re Punk­te für sei­ne In­fan­ti­li­sie­rungs­the­se an. Bei­spiels­wei­se die Ber­li­ner Po­li­tik. Sein Ur­teil ist un­er­bitt­lich und ver­lei­tet den an­son­sten be­son­ne­nen Au­tor zu bis­wei­len sar­ka­sti­schen Kom­men­ta­ren: »Wo das In­fan­ti­le re­giert, blei­ben er­wach­se­ne Pro­ble­me lie­gen. Ber­lin lei­stet sich ei­nen in­of­fi­zi­el­len Wett­be­werb zur Fra­ge, was denn schnel­ler ver­fal­le, Schu­len oder Po­li­zei­dienst­stel­len«. Man­che sei­ner Fund­stücke wir­ken al­ler­dings ein biss­chen auf­ge­setzt, wie et­wa das Ka­pi­tel über das »Nud­ging«, sein Amü­se­ment über »Cos­play« oder »Pro­fi­meer­jung­frau­en­schwim­me­rin­nen«, die Pein­lich­kei­ten des Schau­spie­lers Lars Ei­din­ger oder auch die Kri­tik an E‑Scootern und Seg­ways. Im Grun­de ru­bri­ziert Kissler gro­ße Tei­le des­sen, was man Event­in­du­strie nennt, in den Be­reich des In­fan­ti­len, wo­bei er er­staun­li­cher­wei­se die Ga­mer schont. Ob es nun wirk­lich ein Be­leg für In­fan­ti­li­sie­rung ist, ob sich der Sie­mens-Vor­stands­vor­sit­zen­de Jo­sef Kä­ser zu »Joe Ka­e­ser« oder die Mi­ni­ster­prä­si­den­tin Ma­rie-Lui­se Drey­er zur »Ma­lu« um­be­nennt? (Und wie ist es ei­gent­lich mit Frau Wa­gen­knechts »h«, dass ir­gend­wann in ih­rem Vor­na­men ver­scho­ben wurde?). 

Das Buch hat 254 Sei­ten. Im Un­ter­ti­tel wer­den »We­ge aus der selbst­ver­schul­de­ten Un­rei­fe« an­ge­kün­digt. Wer al­ler­dings ei­nen Rat­ge­ber er­war­tet, wird ent­täuscht wer­den. Nur sehr zag­haft gibt es ei­ni­ge Fest­stel­lun­gen wie »Der er­wach­se­ne Mensch ver­gisst nicht, dass er Kind war, aber er weiß, dass er es ge­we­sen ist. […] Er hat kei­ne Angst vor Ab­leh­nung, weil er Grund­sät­ze ge­fun­den hat und ei­ne in­ne­re Ver­fas­sung. Wenn er irrt, zer­bricht er nicht. Wenn er vom Weg ab­kam, kann er um­keh­ren.« Alex­an­der Kissler hängt tat­säch­lich dem Ide­al der Auf­klä­rung an. Zwar gibt es Denk­an­stö­ße und Be­le­ge, aber den »Mut zur Er­wach­sen­heit« muss man sel­ber (wie­der) er­wer­ben. Der Au­tor macht hier­zu An­ge­bo­te, lie­fert An­schau­ungs­ma­te­ri­al, schärft den Blick. Und das in ei­nem er­wach­se­nen Ton. Nach der Lek­tü­re von »Die in­fan­ti­le Ge­sell­schaft« schwankt man zwi­schen Er­nüch­te­rung, Sen­si­bi­li­tät – und Trotz. 

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  1. Mit Rous­se­au zu be­gin­nen, mar­kiert auf je­den Fall die ent­schei­den­de Epo­che, fällt in die­se Zeit doch die Er­fin­dung der Kind­heit als ei­ne von der Er­wach­se­nen­welt ge­trenn­te Sphä­re. Glau­be, das hab ich ir­gend­wo in der Päd­ago­gik auf­ge­schnappt, dass vor­her Kin­der ein­fach als klei­ne Er­wach­se­ne an­ge­se­hen und be­han­delt wurden.

    Viel­leicht hät­te Kissler dem­nach auch so ra­di­kal sein sol­len und das Kind mit dem Ba­de aus­schüt­ten, in­dem er die­se Tren­nung als sol­che in Fra­ge stellt. Als Va­ter und Bei­na­he-Leh­rer hab’ ich mir ei­ni­ges von Je­sper Ju­ul an­ge­tan – und jetzt ge­ra­de durch­zuck­te es mich, dass man des­sen »gleich­wür­di­ge Er­zie­hung« auch hier­mit in Ver­bin­dung brin­gen könn­te: vie­le der Er­zie­hungs­pro­ble­me rühr­ten da­her, dass man Kin­dern nicht auf Au­gen­hö­he be­geg­ne, ih­re Be­dürf­nis­se nicht wahr­neh­me. Für mich fängt das schon mit der Ba­by­spra­che und ‑mo­de an. Die­ser an­de­re Ton­fall, in den Er­wach­se­ne ver­fal­len, wenn sie mit ei­nem Klein­kind re­den. Viel­leicht bin ich da et­was über­emp­find­lich, aber ich könnt’ da manch­mal wür­gen: war­um soll ich denn mit Kin­dern an­ders spre­chen als mit Er­wach­se­nen? (Kissler hät­te gut auch die die­se gan­zen ELI5 Vi­de­os und Bei­trä­ge im In­ter­net an­füh­ren kön­nen, wo es dann an­ders­rum wä­re. Nur ist das aus mei­ner Sicht nicht wirk­lich im­mer zu ver­ur­tei­len: da­hin­ter kann auch das Be­dürf­nis stecken ein Fach­the­ma mal oh­ne die gan­zen Fach­ter­mi­ni in Lai­en­spra­che ver­mit­telt zu bekommen)
    Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, dass viel Frust der Kin­der da­her rührt, dass sie sich nicht ernst ge­nom­men füh­len. Sie sind ja »nur« Kin­der, noch un­mün­dig. Al­so man könn­te es auch in die an­de­re Rich­tung dre­hen: dass man sich ge­gen die »In­fan­ti­li­sie­rung der Kin­der« eben­so zur Wehr set­zen solle.

    Das The­ma als sol­ches liegt si­cher­lich auf der Hand. Schon an der Mo­de oder am Com­pu­ter­spiel­ver­hal­ten, könn­te man fest­ma­chen, dass ge­gen­wär­tig das Er­wach­se­nen­da­sein nicht mehr so ge­trennt wird vom Ju­gend­lich­sein. Und dass nicht so sehr vom rein äu­ßer­li­chen der Fa­shion-In­du­strie, de­ren halb­nack­te Mo­dels mitt­ler­wei­le aus­se­hen wie 14, und die da­her schon ein Fall für die Sit­ten­po­li­zei sein soll­ten, son­dern vom gan­zen Ver­hal­ten, der Spra­che, etc.

    Die Fra­ge ist nur, wie man das be­wer­tet. Da ich die Er­rich­tung der Kind­heit schon kri­tisch be­äu­ge, hab’ ich eher ’ne Ten­denz es mit Schil­ler zu hal­ten: „Der Mensch spielt nur, wo er in vol­ler Be­deu­tung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ – ob als Tee­nie oder als Er­wach­se­ner. Frei­lich ist Schil­lers »kul­tu­rel­le Spiel« was and­res als Fort­ni­te zu zocken, et­was das al­le Ge­nera­tio­nen wie­der er­ler­nen sollten.

    Das wur­de doch et­was läng­lich, da­bei woll­te ich doch an den Ver­fas­ser »nur« ei­ne kur­ze Fra­ge stel­len: Wo­ge­gen sich der Trotz des letz­ten Sat­zes rich­tet? Ge­gen Tei­le des Bu­ches selbst oder ge­gen die im Buch ge­schil­der­ten Ver­hält­nis­se – oder beides?

  2. Dan­ke für den Kom­men­tar. Ich er­in­ne­re mich an ei­ne weit­schwei­fen­de Ver­wand­te, die ih­rem 6jährigen Jun­gen er­klär­te, dass er zwi­schen den Bei­nen ei­nen »Pe­nis« ha­be. In­stink­tiv fand (und fin­de) ich das un­an­ge­mes­sen. Wenn man die Kin­der zu schnell an das Er­wach­se­nen­le­ben und vor al­lem ‑den­ken her­an­führt, fin­de ich das über­grif­fig. Ich weiß, dass das eher spie­ßig klingt. Aber es hat auch et­was von Über­grif­fig­keit, ein Kind wie ei­nen Er­wach­se­nen zu be­han­deln, ihn wo­mög­lich mit 14 oder 16 wäh­len zu las­sen, gleich­zei­tig aber bspw. Ju­gend­straf­recht bis weit über 18 hin­aus an­zu­wen­den. Aber ich schwei­fe ab.

    Der Trotz, dem ich nach der Lek­tü­re ver­fal­len war (bin?) liegt ein­fach dar­in, die von Kissler be­schrie­be­nen Phä­no­me­ne nicht als rei­ne Spie­le­rei ab­zu­tun, son­dern zu be­mer­ken und we­nig­stens für mich an­schau­lich zu hal­ten. Da­zu ge­hört so et­was wie die Stel­le in Mer­kels gest­ri­ger Re­gie­rungs­er­klä­rung, die ei­ne An­thro­po­mor­phi­sie­rung des Vi­rus (von ei­ner Wis­sen­schafts­jour­na­li­stin) ein­band. Das ist wahr­lich ei­ne In­fan­ti­li­sie­rung. So re­det man mit Kin­dern. Der Trotz be­steht dar­in, das zu sagen.

  3. Ich ha­be ein paar gut ge­schrie­be­ne Ar­ti­kel von Kissler ge­le­sen, aber das Buch fin­de ich un­säg­lich. Die Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie ist schon viel wei­ter. Die Stu­fen zur Rei­fe sind deut­lich mehr als nur Ei­ne... Kind. Wird er­wach­sen. En­de. Ich weiß gar nicht, wie ein in­tel­li­gen­ter Mensch sich auf die­ses schma­le Eti­ket­ten-Bün­del fest­le­gen kann.
    Ich ha­be ge­stern ein In­ter­view mit Su­san­ne Da­gen an­ge­hört, (und be­vor je­man­dem ein Fu­run­kel auf­reißt, ja, ich weiß...), aber sie sag­te et­was Un­ge­wöhn­li­ches. Auf die Fra­ge nach dem Links-Rechts-Sche­ma im Kul­tur­be­trieb, war die Be­mer­kung: Es sind eher die Ka­te­go­rien Ab­hän­gig­keit-Un­ab­hän­gig­keit, die so­wohl wirt­schaft­lich als auch welt­an­schau­lich zu be­grei­fen sind.
    Und das er­in­ner­te mich wie­der­um an den hart­näcki­gen Feld­zug von Jor­dan Pe­ter­son, der die be­rühm­te Schwei­ge­spi­ra­le (Nöl­le-Neu­mann) als An­pas­sung der Mit­tel­schicht an die ver­schie­de­nen Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men deu­te­te. Al­len vor­an in ACADEMIA, wo sich min­de­stens die Hälf­te des Per­so­nals kein po­li­tisch of­fe­nes Wort mehr lei­sten mag.
    Will sa­gen: we­der die Psy­cho­lo­gie noch die Macht­ver­hält­nis­se sind mit die­sen zwei simp­len Ka­te­go­rien Kindheit/Reife zu knacken...
    Die Idea­le der Auf­klä­rung sind völ­lig über­bucht. Wollt ihr die to­ta­le Un­ab­hän­gig­keit?! Wollt ihr die to­ta­le Selbst­be­stim­mung?! Dann seid ihr nicht mehr ge­sell­schafts­fä­hig. Misfits!
    Die Zei­chen der Zeit se­he ich na­tür­lich: das Stam­mel-Deutsch der Kanz­le­rin, die He­roi­sie­rung von Kin­dern und Halb­wüch­si­gen, der Sel­fie-Nar­ziss­mus der jun­gen Frau­en, der Ma­nichäis­mus in der Po­li­tik, die Ver­staat­li­chung der Kind­heit, etc.
    Wer woll­te nicht schleu­nigst er­wach­sen wer­den auf die­ser Kirmes?!

  4. »Kin­der wer­den in­zwi­schen früh zu er­wach­se­nem Ver­hal­ten hin ge­drängt.« Da bin ich mir nicht so si­cher. Ich ha­be so­zia­le Er­fah­run­gen in den letz­ten Jah­ren in Ja­pan ge­macht, we­ni­ger in Eu­ro­pa. In Ja­pan be­deu­tet »er­wach­se­nes Ver­hal­ten« sich stän­dig Stress aus­zu­set­zen, zu­nächst in der Schu­le durch stän­di­ge Tests. Die Schul­rei­sen wer­den lan­des­weit nach To­kyo-Dis­ney­land un­ter­nom­men. Und die Stu­den­ten fah­ren zum Ab­schluß neu­er­lich dort­hin, es gibt da­für An­ge­bo­te des uni­ver­si­täts­ei­ge­nen Rei­se­bü­ros. Als ich kürz­lich ei­ne Stu­den­tin frag­te, was ihr hier in Hi­ro­shi­ma feh­le, sag­te sie, es ge­be lei­der kei­ne Ver­gnü­gungs- und The­men­parks. Als ich nach­frag­te, wel­che The­men­parks, sag­te sie, Dis­ney­land und Uni­ver­sal Studios.

    Die Öko­lo­gie be­tref­fend scheint mir, daß Gre­gor K. zwei­er­lei un­ter­schätzt: Er­stens die Dring­lich­keit der Pro­ble­me, die durch Re­al- oder Bünd­nis­po­li­tik im bis­he­ri­gen Sinn wo­mög­lich nicht mehr zu lö­sen sind – und es geht, ganz nüch­tern ge­spro­chen, um das Wei­ter­exi­stie­ren ei­nes be­wohn­ba­ren Pla­ne­ten. Zwei­tens, daß Ju­gend­lich sich eben um ih­re Zu­kunft sor­gen. Sie wer­den in vier­zig Jah­ren noch le­ben, sol­len dann Ent­schei­dungs­trä­ger, Er­zie­her usw. sein. Un­ser­eins weilt da schon längst in den ewi­gen Jagd­grün­den. Die heu­te Jun­gen wer­den, wenn es glo­bal so wei­ter­geht, kei­nen be­wohn­ba­ren Pla­ne­ten mehr haben.

    In Ja­pan hat Thun­berg üb­ri­gens we­nig Ge­folg­schaft. Schu­le schwän­zen – OMG, wie soll man da den Ein­tritt­stest für die näch­ste Schu­le, die bes­se­re Uni usw. be­stehen?! Ja­pan, fürch­te ich, ist der Vor­rei­ter: In­fan­ti­li­sie­rung und de­for­mier­te, selbst­re­pres­si­ve »Ver­nunft« des Er­wach­sen­seins – gleichzeitig.

    Ob all die be­schrie­be­nen Phä­no­me­ne un­ter In­fan­ti­li­sie­rung zu ver­bu­chen sind, wird in der Re­zen­si­on mit Recht be­zwei­felt, scheint mir. War­um nicht un­ter Ver­dum­mung & Ver­ein­fa­chung? Und kommt der Ein­fluß von Di­gi­ta­li­sie­rung und So­zi­al­me­dia­ti­sie­rung im Buch gar nicht vor? Die un­end­li­che Se­rie von You­Tube-Kin­de­rei­en? Die Tat­sa­che, daß zahl­lo­se »You­tuber« höchst er­folg­reich sind und ho­hes so­zia­les An­se­hen ge­nie­ßen? Die fa­ta­le Wir­kung der SM auf Mei­nungs­bil­dung? Die Ma­ni­pu­lier­bar­keit der Verdummten?

  5. Na­ja, es ist schon sehr merk­wür­dig, wie ei­ner da­mals 15jährigen Schul­ab­bre­che­rin in­zwi­schen ei­ne gan­ze Hor­de »wei­ßer, al­ter Män­ner« hin­ter­her­läuft. Ich glau­be ja auch nicht, dass die In­fan­ti­li­sie­rungs-Dia­gno­se im­mer stimmt. Hier ist es eher ei­ne Adul­ti­sie­rung des Kin­des bzw. der Kin­der, viel­leicht aus schlech­tem Ge­wis­sen ge­gen­über ei­ner Ge­nera­ti­on – war­um auch immer.

    Die Idea­le der Auf­klä­rung kön­nen sich nur ent­wickeln, wenn so et­was wie ei­ne Ge­sell­schaft über­haupt exi­stiert. Hier­in liegt das Pro­blem: die Auf­klä­rung er­schuf das In­di­vi­du­um, wel­ches in­zwi­schen zum Fe­tisch wur­de. Man kann das in der Pan­de­mie sehr schön (na­ja, eher gru­se­lig) be­ob­ach­ten: Je­der ach­tet pri­mär auf sein Wohl­erge­hen bzw. das Wohl­erge­hen sei­ner »Grup­pe«. Al­les an­de­re wird aus­ge­blen­det. Dass so­zia­le Me­di­en, die Men­schen ei­gent­lich ver­bin­den könn­te, hier ver­stärkt spal­tend wir­ken, ist ei­ne Poin­te. Die Auf­klä­rungs­idea­le funk­tio­nie­ren nur, wenn die Ge­sell­schaft be­reit ist, die­se für sich und al­le an­de­ren zu ak­zep­tie­ren. Lin­ke wie Rech­te tor­pe­die­ren aus ih­ren je­wei­li­gen Stel­lun­gen her­aus die­ses An­sin­nen. Sie ha­ben – je­der für sich – im­mer nur Bö­se und Gu­te. Und das ist schlicht­weg – kindisch.

  6. @Leopold Fe­der­mair
    Rich­tig, auch die­se You­tuber und In­flu­en­cer, für die die Welt nur Kon­sum ist, kom­men nur am Ran­de vor. Im üb­ri­gen at­te­stiert der Au­tor den kli­ma­be­weg­ten Ju­gend­li­chen durch­aus heh­re Zie­le und nimmt ih­nen nicht das Recht, sich zu sor­gen. Was er m. E. zu recht kri­ti­siert, ist die fast re­li­giö­se In­brunst mit der dies in Me­di­en gou­tiert, nicht be­fragt und ein­fach über­nom­men wird. Ja, man hät­te es auch Ver­dum­mung nen­nen können.

  7. Als prak­ti­zie­ren­der In­fan­ti­list er­lau­be ich mir, den Au­tor in ei­nem De­tail zu kor­ri­gie­ren: Pe­ter Pan ist auch in der Dis­ney-Dar­stel­lung nicht »der Jun­ge mit den bei­den Flü­geln, der freu­dig mit sei­nem Zau­ber­stab her­um­fliegt und Aben­teu­er be­steht«. Flü­gel und Zau­ber­stab ge­hö­ren viel­mehr zur Fee Tin­ker Bell (im Deut­schen: »Na­se­weis«), die mit ih­rem glit­zern­den Feen­staub Pe­ter Pan und an­de­ren das (flü­gel­lo­se) Flie­gen ermöglicht...

  8. @Keuschnig #2: Die­se Stel­le stößt mir ähn­lich übel auf wie Ih­nen. Nicht nur die me­ta­pho­ri­sche Schief­la­ge, das Vi­rus zu ei­nem Ge­sprächs­part­ner mit Ab­sich­ten und Plä­nen wer­den zu las­sen (da hat das »ego­isti­sches Gen« lei­der schon die Vor­ar­beit ge­lei­stet), son­dern auf so klei­nem Raum ver­sam­melt sich auch: der Ver­such ein »Wir«, gar der gan­zen Mensch­heit, zu be­schwö­ren und den Leser/Zuhörer mit­ein­zu­schlie­ßen wäh­rend doch ei­ne seich­te, pa­ter­na­li­sti­sche Be­vor­mun­dung das Ziel ist.
    Für mich war das gan­ze aber auch ein biss­chen Dé­jà-vu: wor­an mich die­ser gan­ze Ton, Vor­trags­stil, pein­li­che Sal­ba­der ge­mahn­te ist die Kir­che. Viel­leicht scheint dort tat­säch­lich die el­ter­li­che Prä­gung als Pfar­rers­toch­ter durch. Für mich schien’s je­den­falls un­ver­kenn­bar der Duk­tus ei­ner (mie­sen) Pre­digt, bei der man von der Kan­zel noch ein biss­chen sei­ne Schäf­chen tät­schelt. (Kein Wun­der, dann das man­che auf­be­geh­ren und sich nicht als Co­v­idio­ten be­schimp­fen las­sen wollen)

  9. @Phorkyas
    Kissler bringt ein­drück­li­che Bei­spie­le für Mer­kels Spra­che und schließt durch­aus auf ab­sichts­vol­les Han­deln. Und ja, die Kirchen...

    @Leopold Fe­der­mair
    Mir ist noch ei­ne Er­gän­zung ein­ge­fal­len: Die In­fan­ti­li­sie­rung bzw. Ver­dum­mung ist ja längst kein Phä­no­men der so­zia­len Me­di­en mehr. Da­her hat Kissler das auch nur am Ran­de noch be­ar­bei­tet. Es ist längst ein­ge­sickert in den Me­di­en-Main­stream der gro­ßen Zei­tun­gen und des öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funks. Ge­nau dar­um geht es pri­mär: Wan­del durch An­bie­de­rung (um ei­ne po­li­ti­sche Pro­gram­ma­tik abzuwandeln).

  10. Gre­ta Thun­berg und der Wolf
    Das Pro­blem mit der Gre­ta Thun­berg ist nicht, dass die sich en­ga­giert, son­dern dass sie alar­mi­stisch auf­tritt und sehr kennt­nis­frei über Zu­sam­men­hän­ge re­det, die zu durch­drin­gen ihr nicht zu­letzt die for­ma­le Qua­li­fi­ka­ti­on fehlt. 

    Sie macht, um auf ei­nen ih­rer Feh­ler kon­kret ein­zu­ge­hen, häu­fig ein Gleich­heits­zei­chen zwi­schen Wis­sen­schaft und – ih­rer alar­mi­sti­schen Sicht auf die Erd­er­wär­mung. Sie ver­steht nicht, dass man tren­nen muss zwi­schen me­tho­di­schen Fra­gen  und Be­wer­tungs­fra­gen. Muss; – tren­nen muss, denn oh­ne die­sen me­tho­di­schen Un­ter­schied gibt es kei­ne ver­nünf­ti­ge In­dienst­nah­me von Wis­sen­schaft. Kissler sieht im Zi­tat oben das Pro­blem, ver­or­tet es aber im Kon­text der Un­ab­schließ­bar­keit des wis­senschft­li­chen Pro­zes­ses, der hier par­ti­ell ir­re­füh­rend ist, denn vie­le wis­sen­schaft­li­che Be­rei­che sind aus prak­ti­scher Sicht durch­aus in be­frie­di­gen­der Wei­se ab­ge­schlos­sen (die Bau­sta­tik, die Hy­drau­lik, die Newton’sche Phy­sik etc. – auch die Schul­ma­the­ma­tik). An­de­re Be­rei­che sind nicht ab­ge­schlos­sen – man­che so­wie­so un­ab­schließ­bar (cf. En­zens­ber­ger – Re­bus), auch das ka­piert die Gre­ta Thun­berg nicht (nicht hin­rei­chend?). Das macht sie dann un­duld­sam und nährt ih­re Pa­nik (cf. der Ty­pus des ewig un­zu­frie­de­nen Tee­ana­gers als – so­zia­les, ne – Per­pe­tu­um mo­bi­le). Und der Wolf als des­sen al­ler­neu­stes Wappentier.

    @ Gre­gor Keu­sch­nig und Phorkyas
    An­ge­la Mer­kels Be­zug­nah­me auf ei­ne me­ta­pho­ri­sche Be­trach­tungs­wei­se des CO-19-Ge­sche­hens durch ei­ne aus­ge­wie­se­ne Wis­sen­schaft­le­rin ist der um­ge­kehr­te Fall der Gre­ta-Pro­ble­ma­tik. Denn nun wird auf­grund er­heb­li­cher Kennt­nis­sse und ei­ni­ger Sprach­kom­pe­tenz ei­ne me­ta­pho­ri­sche Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on vor­ge­nom­men. Wenn ei­nem das nicht passt – müss­te man ins­be­son­de­re sa­gen, in wel­cher prak­ti­schen Hin­sicht, wie ich fin­de. Denn der Kanz­le­rin ging es – ge­ra­de auch an die­ser Stel­le – um die Plau­si­bi­li­sie­rung prak­ti­scher Maß­nah­men – al­so um kon­kre­tes Re­gie­rungs­han­deln und: Um die Be­reit­schaft der Staats­bür­ger, an die sie sich wen­det, das ein­ge­for­der­te Di­stan­zie­rungs­ge­sche­hen dis­zi­pli­niert mit­zu­tra­gen. Ich fin­de üb­ri­gens, dar­an sei an sich nichts auszusetzen.

  11. Ob die Au­torin des Vi­rus-Text­chens ei­ne Wis­sen­schaft­le­rin ist oder nicht spielt kei­ne Rol­le. Es ist in je­dem Fall ei­ne In­fan­ti­li­tät, die den Re­zi­pi­en­ten in den Kin­der­gar­ten schickt. So kann man Klein­kin­dern die Sa­che er­klä­ren und dann ist das in Ord­nung. Ich er­war­te von ei­nem Re­gie­rungs­chef et­was anderes.

  12. Bin ver­wirrt: Kissler par­ti­ell ir­re­füh­rend, weil New­ton kor­rekt, aber Gre­ta sim­pli­fi­ziert For­schungs-Er­geb­nis­se durch alar­mi­sti­sche Bewertung...
    Da leg’ ich noch ei­nen drauf: hoch­be­gab­ter Phy­si­ker im Kanz­ler­amt lei­tet 2012 in Ab­spra­che mit 5 Theo­lo­gen und 1 Ver­tre­ter der In­du­strie be­schleu­nig­ten Aus­stieg aus der Kern­ener­gie ein...
    The­ma Ver­trau­en: Ich fin­de, Mer­kel wie auch bei­spiels­wei­se Söder tun recht dar­an, bei Ent­schei­dun­gen mit ho­her Un­ge­wiss­heit die Kar­te »Ver­trau­en« aus­zu­spie­len. Für mich ist die Mes­se al­ler­dings ge­le­sen, nach 2012 (s.o.) und 2015.
    Viel­leicht brau­chen wir ei­ne neue po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­theo­rie: was muss ich wis­sen, um an­de­ren die Höl­le heiß zu ma­chen (sie­he, Gre­ta! Ant­wort: gar nichts...). Was muss ich wis­sen, um wich­ti­ge Schrit­te für ei­ne En­er­gie­po­li­tik der Zu­kunft zu un­ter­neh­men (sie­he An­ge­la! Ant­wort: gar nicht viel, Haupt­sa­che, die an­de­ren wis­sen noch we­ni­ger als ich...).

  13. @ Gre­gor Keu­sch­nig wg. des von An­ge­la Mer­kel vor­ge­tra­ge­nen Zi­tats ei­ner me­ta­pho­ri­schen CO-19-Be­mer­kung der so­li­de aus­ge­bil­de­ten pro­mo­vier­ten Che­mi­ke­rin und er­folg­rei­chen You­tube­rin Mai Thi Nguy­en-Kim und
    @ So­phie wg. Vertrauen

    Ich blei­be so­zu­sa­gen ge­gen­be­weis­lich mal al­lein auf der äs­the­ti­schen Ebe­ne und sa­ge – ja, ich ver­ste­he den per­sön­li­chen Vor­be­halt, den Sie, Gre­gor Keu­sch­nig, hier ge­gen Frau Mer­kels Re­gier­rungs­er­klä­rung äußern.

    Frei­lich: Die Kanz­le­rin rich­te­te sich mit ih­rer Re­de an al­le Deut­schen. Ich sags mal mit die­ser Metapher: 

    Ei­ne sol­che Re­gie­rungs­er­klä­rung ist wie ein Per­so­nen­zug, und da sind z. B. auch Be­hin­der­ten­plät­ze drin. 

    - Al­so: Da An­ge­la Mer­kel will, dass al­le sich so ver­hal­ten, wie sie es be­schreibt, zi­tiert sie ei­ne CO-19-Me­ta­pher, die leicht zu ver­ste­hen ist und sich selbst ko­gni­tiv und äs­the­tisch we­ni­ger gut durch­trai­nier­ten Zeit­ge­nos­sen in­tui­tiv er­schließt und auch bei de­nen via Ver­trau­ens­bil­dung hand­lungs­lei­ten­de Kraft ent­fal­tet. Dar­un­ter ver­mut­lich nicht we­ni­ge un­se­rer mus­li­mi­schen Mit­bür­ge­rin­nen, wie ich aus Er­fah­rung weiß, aber auch al­le mög­li­chen an­de­ren Leu­te, die es oft so ge­nau so­wie­so nicht wis­sen wollen.

    Es ist klug, wenn ei­ne Re­gie­rungs­chefin auch die­se (ver­mut­lich ins­ge­samt größ­te) Grup­pe der Deut­schen Staats­bür­ger in ei­ner Re­gie­rungs­an­spra­che mit bedenkt.

    - Man muss sich nur ein­mal ver­ge­gen­wär­ti­gen, wie um­strit­ten es in­ner­halb der Fach­welt ist, ba­sa­le Aspek­te des In­fek­ti­ons­ge­sche­nes kor­rekt zu be­nen­nen und ein­zu­ord­nen. Gerd Gi­ge­ren­zer hat da­zu z. T. stu­pen­de Be­fun­de – : – Gan­ze wis­sen­schaft­lich ge­bil­de­te Be­rufs­zwei­ge, die im Hin­blick auf ba­sa­le Zu­sam­men­hän­ge in ih­rem (!) Fach wie die  or­ga­ni­sier­te fach­li­che In­kom­pe­tenz er­schei­nen. Gerd Gi­ge­ren­zer ist ne­ben X Y ein wei­te­rer der ra­gen­den Ge­gen­warts-Ver­ste­her. Bei­de kön­nen mit quan­ti­ta­ti­ven Ver­fah­ren (sta­ti­sti­schen Me­tho­den) per­fekt um­ge­hen. Das ist ei­ne lei­der stief­müt­ter­lich be­han­del­te Kern­kom­pe­tenz beim Ver­ständ­nis mo­der­ner Le­bens­um­stän­de. Das weiß ich nicht zu­letzt von Mai Thi Nguy­en-Kim-Lei­en­decker (ok – ge­schum­melt – aber nur ein ganz klein we­nig, eigentlich). 

    PS @ So­phie wg. ge­le­se­ner Messe

    Yep, für Sie mag das stim­men, aber – in echt, wie wir als Kin­der ger­ne sag­ten, geht da­ge­gen al­les im­mer wie­der von vor­ne los. – »Ob Wie­der­ho­lun­gen so et­was Schlech­tes seien,/ wis­se er nicht ge­nau. / Oh­ne Zwangs­vor­stel­lun­gen / ge­be es kei­ne Ar­beit. – (....) En­de der Abschweifungen.«

  14. Ja, klar, Mer­kels An­spra­che geht an al­le. An al­le Er­wach­se­nen. Nicht an Kin­der. Im üb­ri­gen wa­ren ih­re an­de­ren Aus­füh­run­gen auch nicht ge­ra­de Uni­ver­si­täts­jar­gon. Man kann das ver­ste­hen, wenn man es will. Auch oh­ne die An­thro­po­mor­phi­sie­rung ei­nes Virus.

    Die You­tube­rin Mai Thi Nguy­en-Kim ist pro­mo­viert, hat in Har­vard stu­diert. Al­les schön. Für ih­ren You­tube-Ka­nal sind sol­che Gleich­nis­se an­ge­mes­sen. Für ei­ne Re­gie­rungs­chefin nicht.

  15. @Kief: Der Ver­weis auf die Qua­li­fi­ka­ti­on der Bun­des­ver­dienst­kreuz­trä­ge­rin ist doch bloß das rhe­to­ri­sche Mit­tel des Ver­wei­ses auf Au­to­ri­tät. Das ver­fängt hier we­nig. Im Üb­ri­gen kann man Mai Thi Nguy­en-Kim schät­zen, so wie mei­ne Frau und ich, und trotz­dem ih­ren Text­schnip­sel miss­bil­li­gen – ge­ra­de als Wis­sen­schaft­ler. In­ter­es­san­ter­wei­se spiel­te ich mei­ner Frau die­sen Aus­schnitt vor und ih­re spon­ta­ne, er­ste Re­ak­ti­on war: Die spricht ja wie mit ei­nem Kind.

    Die wohl­mei­nen­de Ab­sicht er­ken­nen wir an, es ist nur »und wenn sie auch
    Die Ab­sicht hat, den Freun­den wohlzuthun,
    So fühlt man Ab­sicht und man ist verstimmt.«

  16. Ich be­strei­te ih­re gleich­sam dis­kurs-äs­the­ti­schen Ein­wän­de nicht grund­sätz­lich, Phor­kyas und Gre­gor Keuschnig.

    Was Sie mei­ner Mei­nung nach frei­lich nicht hin­rei­chend be­rück­sich­ti­gen ist, dass es auch un­ter den Wahl­be­rech­tig­ten Er­wach­se­nen mas­sen­haft schwa­che Köp­fe und schwa­che Ge­mü­ter gibt. Und die sind al­le gleich­wohl an­steckend, und sol­len über­zeugt wer­den, sich an­ge­mes­sen zu ver­hal­ten, so Frau Dr. Merkel.

    Bon, ich keh­re noch­mal zu der Fra­ge zu­rück, ob sich die Kanz­le­rin durch die Ap­pli­ka­ti­on die­ser Mai Thi Nguy­en-Kim­schen – - Me­ta­pher – - der Kinds­köp­fig­keit im Sin­ne Kisslers schul­dig ge­macht ha­be? – Nun, ich mei­ne, die­se Fra­ge mit ja zu be­ant­wor­ten be­deu­te, Frau Mer­kel et­was an­zu­krei­den, was doch ei­ne Stär­ke sei: Sich näm­lich bei der Wahl der Wor­te ei­ner Re­gie­rungs­er­klä­rung z. B. nicht al­lein von den je ei­ge­nen äs­th­te­ti­schen und ko­gni­ti­ven Nei­gun­gen lei­ten zu las­sen, son­dern auch die Per­spek­ti­ve von Men­schen ein­zu­neh­men, die den ei­ge­nen Ge­schmack und die ei­ge­nen Prä­fe­ren­zen auf dem Feld der »fei­nen Un­ter­schie­de« (Pierre Bour­dieu) nicht durch­gän­gig tei­len. Es ist, ich wie­der­ho­le mich, klug, und ich fü­ge hin­zu: Kei­nes­wegs re­gres­siv oder kin­disch, wenn ei­ne Re­gie­rungs­chefin das gan­zen ko­gni­ti­ve und emo­tio­na­le Spek­trum ih­rer Zu­hö­rer­schaft an­spricht, – so­lan­ge sie da­bei nichts wis­sen­schaft­lich Fal­sches sagt. Was we­der sie noch Mai Thi Nguy­en-Kim tat, da sind wir uns ver­mut­lich einig. 

    Mit Fri­d­da­rich, wie die Lauf­fe­ner sa­gen, Höl­der­lin zu schlie­ßen, den Hel­le, wie die Lud­wigs­ha­fe­ner sa­gen, Kohl be­kannt­lich ganz groß­ar­tig fand: 

    »Grö­ße­res woll­test auch du, aber die Lie­be zwingt / all’ uns nie­der (...).« – Der­lei war es im Üb­ri­gen, was Fried­rich Nietz­sche, Ernst Jün­ger und de­ren Adept Hei­ner Mül­ler z. B. an der De­mo­kra­tie nicht pass­te, ne?

  17. Nur kurz und dann ist die­ser Punkt hof­fent­lich er­le­digt, weil al­le Ar­gu­men­te dar­ge­legt: Die Me­ta­pher ist, um das klar­zu­stel­len, nur nach mei­ner In­ter­pre­ta­ti­on ei­ne »Kinds­köp­fig­keit im Sin­ne Kisslers«. Im Buch kann es ja gar nicht auf­tau­chen. Den kon­kre­ten Fall kann Kissler wo­mög­lich an­ders beurteilen. 

    Dem­nächst dann wei­ter in Kin­der­gar­ten-Spra­che von On­kel Stein­mei­er. Over and out.

  18. >Es ist, ich wie­der­ho­le mich, klug

    Da muss ich ei­nes mei­ner Lieb­lings­zi­ta­te von Schil­ler anbringen:
    »In der That, sehr lo­bens­wür­di­ge An­stal­ten, die Nar­ren im Re­spekt und den Pö­bel un­ter dem Pan­tof­fel zu hal­ten, da­mit die Ge­schei­den es de­sto be­que­mer haben.«

    Ich fürch­te, Sie un­ter­schät­zen den Pö­bel; der gan­ze Pe­gi­da, AfD-Sumpf nährt sich doch zu ei­nem gro­ßen Teil aus der ent­schie­de­nen Ab­leh­nung die­ser »sub­ti­len« Be­vor­mun­dung durch Mer­kel oder die »links­si­f­fi­gen« Me­di­en. Al­lein der Na­me »Mai Thi Nguy­en-Kim« ist den Co­ro­na-Skep­ti­kern doch schon ein ro­tes Tuch, so dass die­je­ni­gen, die das Zi­tat er­rei­chen soll­te, schon auf Durch­zug ge­schal­tet ha­ben werden.

    Manch­mal wünsch­te ich mir auch der Pa­ter­na­lis­mus wür­de ver­fan­gen, wünsch­te zum Bei­spiel Mer­kels »Wir schaf­fen das!« als Ant­wort auf die Flüchtlings»krise« wä­re an­ders auf­ge­nom­men wor­den. Dass die sanf­te Be­vor­mun­dung und Len­kung dort nicht zu ei­ner Spal­tung ge­führt hät­te, son­dern die Leu­te ver­sam­melt hät­te im Gu­ten. Wenn die Do­ku »Das Di­lem­ma mit den so­zia­len Me­di­en« recht hat, so ist die Form un­se­rer In­ter­net­nut­zung Schuld an ei­ner zu­neh­men­den Po­la­ri­sie­rung der Ge­sell­schaft, dass im selbst­ver­stär­ken­den Sog uns­res News­feeds wir un­se­re Po­si­tio­nen ver­här­ten, ra­di­ka­li­sie­ren oder gar ins ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Ab­seits ge­ra­ten. Dis­kurs nicht mehr mög­lich – Mit der über­mä­ßi­gen Smart­pho­nen­ut­zung hät­ten wir uns selbst in Skin­ner-Bo­xen ge­sperrt mit de­nen die vier Rei­ter der Tech­no­po­lyp­se nun das mensch­li­che Ver­hal­ten mi­nen. Un­ser Be­wusst­sein re­du­ziert auf Reiz-Re­ak­ti­ons­sche­ma, die Ver­wirk­li­chung der Ma­trix v0.98 beta?

    Schon trau­rig, wenn man über­legt mit wel­chen Idea­len des Tei­lens und der Teil­ha­be al­ler das WWW und auch die Blogs ge­star­tet wa­ren. Jetzt ist 2020 und ein Klein­kind ( https://www.youtube.com/watch?v=9P1IVQJdVvE ) re­giert im­mer noch auf Twit­ter,.. um zu­min­dest par­ti­ell beim The­ma zu bleiben.

  19. @ Phor­kyas – oh, Schil­ler – nicht weit weg von Lauf­fen zur Welt gekommen! 

    Sie ver­rech­nen die gei­stig eher schwa­chen mit den AfD-lern und son­sti­gen CO-19 Skep­ti­kern, das scheint mir aber nicht rich­tig zu sein. So­zio­lo­gisch ge­se­hen sind die AfD-Wäh­le­rin­nen über­durch­schnitt­lich – ko­gni­tiv wie ma­te­ri­ell. Ich mein­te die ko­gni­tiv und ma­te­ri­ell Un­ter­durch­schnitt­li­chen. Be­hin­der­te, Leu­te, die des Deut­schen nicht so mäch­tig sind, usw. Ein paar Mil­lio­nen im­mer­hin, die Frau Mer­kel mit ih­rer An­spra­che an der in­kri­mi­nier­ten Stel­le eher er­reicht ha­ben dürf­te – eben ge­nau durch die Wahl ih­rer sprach­li­chen Mit­tel, die Gre­gor Keu­sch­nig, wie er nun be­kräf­tigt, der »Kinds­köp­fig­keit« zeiht. 

  20. Na­ja, mir ist das Ge­rau­ne mit Trump als End­pro­dukt ei­ner In­fan­ti­li­sie­rung auch ein biss­chen — lang­wei­lig. Am Wo­chen­en­de lief ei­ne drei­stün­di­ge Do­ku auf phoe­nix, die die er­sten rd. 400 Ta­ge Trumps aus Sicht der New York Times und ih­rer Jour­na­li­sten spie­gel­te. Die Leu­te wa­ren prak­tisch 24/7 mit Lap­top, Smart Pho­ne und Com­pu­ter dau­er­erregt. Was twit­tert Trump? Was hat er wann wo ge­sagt? Setzt man nicht bes­ser doch ein »ver­mut­lich« vor der Be­haup­tung? Kann man jetzt sa­gen, er lügt? Wie ist das, wenn man dau­ernd von Lü­ge spricht – nutzt sich das nicht ir­gend­wann ab? Egal, es geht wei­ter. Fast süch­tig starr­ten sie auf ih­re End­ge­rä­te um ir­gend et­was her­aus­zu­fin­den. Wenn sie nichts fan­den, war das eben die Nach­richt. Schon klar, dass man die NYT-Leu­te als die Gu­ten er­ken­nen soll­te, aber es war doch arg schau­er­kich zu be­ob­ach­ten, wie ge­fan­gen sie sind in dem ei­ge­nen News­feed, den sie pro­du­zie­ren. Die­ser Stolz, wen sie et­was zehn Mi­nu­ten be­vor der Kon­kur­renz mel­den konn­ten... Sie ta­ten mir erst leid, dann gin­gen sie mir auf die Ner­ven. Sie ha­ben gar nicht mit­be­kom­men, wie sehr sie sich auf Trumps Spiel­chen ein­ge­las­sen ha­ben. Und es geht im­mer weiter...

    Ge­ra­de die »al­ten« Me­di­en hät­ten die Mög­lich­keit, die Auf­merk­sam­keits- und Er­re­gungs­spi­ra­len her­un­ter­zu­fah­ren. Sie ma­chen aber längst das Ge­gen­teil. Auch im Be­schwich­ti­gen re­agie­ren sie nur. Zu­dem ver­wech­seln die mei­sten Jour­na­li­sten Mei­nung mit Fak­ten, rau­nen gar da­von, dass es kei­nen fak­ten­ba­sier­ten Jour­na­lis­mus braucht, son­dern schwa­dro­nie­ren von »Hal­tung«. Da­mit treibt man die Leu­te in die Verschwörungsgruppen. 

  21. @ Gre­gor Keu­sch­nig – das Zi­tat von mir ha­ben Sie sich in Ih­rem Kom­men­tar No. 18 zu ei­gen ge­macht – dar­auf hab’ ich mich be­zo­gen. Für mich hängt aber nicht viel an die­sem spe­zi­el­len Aus­druck. Klar ist je­den­falls, Sie fan­den die von der Bun­des­kanz­le­rin zi­tier­te Me­ta­pher falsch im Sin­ne Alex­an­der Kisslers – das ge­nau hab’ ich oben so­wie­so ge­schrie­ben ge­habt: »Im Sin­ne Kisslers«, al­so als Bei­spiel ei­ner in­fan­ti­len oder emt in­fan­ti­li­sie­ren­den Sprach­ver­wen­dung. Ich ha­be nicht be­haup­tet und auch nicht ge­meint oder ge­schrie­ben, dass Kissler die­ses Bei­spiel im Buch be­han­delt ha­be. Es wun­der­te mich ehr­lich ge­sagt, dass Sie mein­ten, die­sen Punkt the­ma­ti­sie­ren zu sol­len. Aber gut.

  22. @#21: Das war ge­nau der Sinn des ver­link­ten Bei­tra­ges, bzw. mei­nes Ein­wurfs: Schon 2016 hieß es da al­ter­na­tiv for­mu­liert: »Don’t feed the troll!« – aber es war schon da­mals ab­zu­se­hen, dass das nicht ver­fan­gen wür­de. Mehr möch­te ich über »him who must not be na­med« auch nicht mehr an Wor­ten verlieren.

    @#20 Kief: das muss ich erst­mal gel­ten las­sen. Aber Sie wer­den ver­ste­hen, dass so man­cher dann nost­al­gisch sich ei­nen Kanz­ler oder ei­ne Zeit wie Brandts o.ä. zu­rück­wünscht, wo die Spra­che nicht auf den ver­mu­te­ten Volks­durch­schnitt her­un­ter­ge­dummt wur­de (e.g. https://www.willy-brandt-biografie.de/quellen/videos/regierungserklaerung-1969/)

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