Gräu­el der Ge­gen­wart ‑9/11-

(← 8/11)

Ich weiß nicht, ob Den­ken dem Han­deln eher för­der­lich oder ab­träg­lich ist; nach mei­ner per­sön­li­chen Er­fah­rung oft letz­te­res, aber nicht im­mer, und gu­te Hand­lun­gen kom­men ganz oh­ne Nach­den­ken sel­ten zu­stan­de. Ham­let, der Prinz von Dä­ne­mark, ver­kör­pert die Tat­feind­lich­keit des Den­kens, das zu­meist ein Zwei­feln ist. Das Schwie­ri­ge, sagt ein an­de­rer Fürst der Thea­ter­ge­schich­te, Kö­nig Pri­mis­laus von Böh­men, in ei­nem Dra­ma Grill­par­zers, das Schwie­ri­ge sei nicht die Tat, son­dern der Ent­schluß, und der wird durch das Den­ken, wie Pri­mis­laus selbst durch sein Zö­gern er­weist, be­hin­dert. Den­kend kann man je­de Men­ge Hy­po­the­sen auf­stel­len, doch bei der Ver­wirk­li­chung ei­nes Vor­ha­bens gilt es, mit ei­nem Schlag »die tau­send Fä­den zu zer­rei­ßen, an de­nen Zu­fall und Ge­wohn­heit führt.« Ent­schlüs­se wer­den in der Re­gel durch Nach­den­ken vor­be­rei­tet, aber auch ver­zö­gert, und nicht sel­ten ver­hin­dert (wo­für Mu­sils Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten ein ein­zi­ges, viel­fäl­ti­ges Groß­bei­spiel ist).

»Nichts ist mo­bi­li­sie­ren­der als das Den­ken«: die­ser froh­ge­mu­te Satz prangt auf ei­ner Sei­te ziem­lich ge­nau in der Mit­te von Der Ter­ror der Öko­no­mie. Und gleich im näch­sten Schritt de­kla­riert For­re­ster die Iden­ti­tät von Den­ken und Han­deln. Die Dif­fe­renz ist be­sei­tigt. Das Wort »mo­bi­li­sie­ren« ak­tua­li­siert po­li­ti­sche Kon­no­ta­tio­nen1; nicht ir­gend­ein Han­deln ist ge­meint, kei­ne sport­li­che Ak­ti­vi­tät, et­wa Fuß­ball, was die zo­nards mitt­ler­wei­le bes­ser kön­nen als die pe­tits blancs, son­dern ge­sell­schaft­lich be­deut­sa­mes Han­deln. In wei­te­rer Fol­ge er­zählt For­re­ster von ei­nem Kon­greß in Graz, Öster­reich, wo an­no 1978 ein Teil­neh­mer ein State­ment ab­gab, das auf die For­de­rung hin­aus­lief, man sol­le hier nicht von Mall­ar­mé spre­chen, son­dern von Ma­schi­nen­ge­weh­ren. For­re­ster ver­tei­digt ge­gen­über die­ser Ta­bu­la-ra­sa-Hal­tung den po­li­ti­schen Sinn li­te­ra­ri­scher Bil­dung, be­an­sprucht aber zu­gleich Ef­fi­zi­enz und Ra­di­ka­li­tät für ihr An­lie­gen und ge­langt schließ­lich zu ei­nem Satz, der wie­der­um als Slo­gan die­nen kann: »Mall­ar­mé ist ein MG!« 

Ist Mall­ar­mé ein Ma­schi­nen­ge­wehr? Im über­tra­ge­nen Sinn? Kann die Lek­tü­re sei­ner her­me­ti­schen Dich­tun­gen in ir­gend­ei­ner Wei­se zu ge­sell­schaft­li­chen Än­de­run­gen füh­ren? Mei­ne Ant­wort: Wohl kaum. Wenn, dann nur auf sehr ver­schlun­ge­nen Um­we­gen, und öff­nen wer­den sich die­se Dich­tun­gen für die we­nig­sten, sie blei­ben eli­tär. Zu­nächst ein­mal wird ein jun­ger Mensch, »un de ces jeu­nes«, der sich un­wahr­schein­li­cher Wei­se der Lek­tü­re al­ter und schwie­ri­ger Text wid­met (wo­zu es ge­wis­ser Kennt­nis­se be­darf), sei­ne En­er­gien von der Au­ßen­welt ab­zie­hen. Mög­lich, daß ihn ein Ge­fühl des Un­ge­nü­gens an die­ser Au­ßen­welt zur Li­te­ra­tur ge­bracht hat. Mög­lich, daß sei­ne Lek­tü­ren die­ses Un­ge­nü­gen ver­tie­fen, er­wei­tern, dif­fe­ren­zie­ren, viel­leicht so­gar – über­win­den. Nach ei­nem län­ge­ren Pro­zeß gei­sti­ger Aus­ein­an­der­set­zung mag er zur Au­ßen­welt zu­rück­keh­ren, um sie zu än­dern, da sie dies braucht (wie Brecht, der eben­falls ein Fai­ble für Slo­gans hat­te, einst be­haup­te­te). Wahr­schein­li­cher, daß er sich auf lan­ge Zeit in ei­ner vir­tu­el­len Welt wie der Mall­ar­mé­schen ein­rich­ten wird. Poe­tisch in­ten­si­ve Li­te­ra­tur hat im­mer ei­nen an­ti­so­zia­len, so­lip­si­sti­schen, an­ar­chi­schen An­trieb. Da­vid ge­gen Go­li­ath? Nein, sie ist kein Geg­ner für den neo­li­be­ra­len Ko­loß. Ihr Reich ist von ei­ner an­de­ren Welt. Le mon­de est fait pour abou­tir à un beau li­v­re. Wo­zu gibt es die Welt? Um in ein schö­nes Buch zu mün­den. Oder, in zeit­ge­mäß sport­li­cher Spra­che: Die Dich­tung spielt in ei­ner an­de­ren Liga.

Dem schwa­chen Hoff­nungs­schim­mer, dem sie den Na­men »Mall­ar­mé« gibt, steht in For­re­sters Ge­samt­vi­si­on das heu­te (fast) al­les be­herr­schen­de Ein­heits­den­ken ge­gen­über, dem sich nur ei­ne ver­schwin­den­de Min­der­heit, die oben­drein klei­ner zu wer­den scheint, zu ent­zie­hen ver­mag. »Für Mall­ar­mé!« heißt in­so­fern nichts an­de­res als »Für ein eli­tä­res Da­sein!« Mit ih­rer Dia­gno­se hat For­re­ster recht: Die neo­li­be­ra­le Ideo­lo­gie ist auf mehr oder min­der sanf­te, je­den­falls un­merk­li­che Wei­se in die Ge­hir­ne ein­ge­sickert. Je­de ge­ring­ste mensch­li­che Hand­lung, je­der zwi­schen­mensch­li­che Um­gang wird nach quan­ti­ta­ti­ven Kri­te­ri­en, letzt­lich nach der fi­nan­zi­el­len Ein­träg­lich­keit be­wer­tet. In den Stel­lung­nah­men der Men­schen im In­ter­net, in Chat­rooms eben­so wie in an­spruchs­vol­le­ren Fo­ren, kommt un­ent­wegt Neid auf die, die ver­meint­lich mehr ha­ben als sie selbst, zum Aus­druck, und ih­re Em­pö­rung schwillt an, da sie sich als Zu­kurz­ge­kom­me­ne und zu Un­recht Miß­ach­te­te sehen. 

An­schwel­len, das ist die Be­we­gungs­form nicht nur von Shit­s­torms, die meist rasch wie­der ab­schwel­len, um an ganz an­de­rer Stel­le wie­der auf­zu­tau­chen – eben das, was By­ung-Chul Han als Schwarm­men­ta­li­tät be­zeich­net hat. Es ist aber auch, tief­grei­fen­der und oh­ne Ab­schwell­pha­se, die des Main­streams, der vi­ra­len An­steckung und Aus­brei­tung, wie sie für das In­ter­net cha­rak­te­ri­stisch ist. Der an­schwel­len­de Bocks­ge­sang, von dem Bo­tho Strauß vor ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert sprach, gibt sich im In­ter­net echt­zeit­lich und welt­weit, sem­per et ubi­que, zu hö­ren. So sieht die Sym­pto­ma­tik ei­ner zum Nor­mal­zu­stand ge­wor­de­nen so­zia­len Hy­ste­rie aus, in der je­der noch so schwach­sin­ni­ge »Con­tent« dar­auf er­picht ist »vi­ral zu ge­hen« (ne­ben­bei wird die deut­sche Spra­che ver­bo­gen). Wem wirk­lich an Kunst, am schö­nen Vers, aber auch an Ver­nunft ge­le­gen ist, dem bleibt nur die Exi­stenz im El­fen­bein­turm. Da­her der Wunsch des Dich­ters: »Wenn man nur auf­hör­te, von ‘Kul­tur’ zu spre­chen, und end­lich ka­te­go­risch un­ter­schie­de, was die Mas­sen bei Lau­ne hält, von dem, was den Ver­spreng­ten (die nicht ein­mal ei­ne Ge­mein­schaft bil­den) ge­hört, und das bei­des von­ein­an­der durch den ein­fa­chen Be­griff der Kloa­ke, des TV-Ka­nals für im­mer ge­trennt ist . . .« An­stel­le von »TV« set­ze man »In­ter­net« oder »So­zia­le Me­di­en« ein.2

Ich fin­de das Bild des brei­ten (und ver­mut­lich tie­fen), (fast) al­les in sei­ne Haupt­strö­mung zie­hen­den Flus­ses pas­send, wenn es dar­um geht, die Dy­na­mik der Pop-In­du­strie und des In­ter­nets zu be­schrei­ben; al­ler­dings nur be­dingt pas­send (wie bei je­dem Ver­gleich). Der Denk- und Hand­lungs­spiel­raum ei­ner de­mo­kra­tisch ver­faß­ten, wenn­gleich von der neo­li­be­ra­len Öko­no­mie be­herrsch­ten Ge­sell­schaft bie­tet Ni­schen, in de­nen sich mi­no­ri­tä­re Sub­jek­te bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ent­fal­ten kön­nen. Das In­ter­net för­dert nicht nur die Main­stream-Dy­na­mik, es er­laubt auch die Ver­meh­rung der Ni­schen, der Lücken, des Ab­wei­chen­den, Schrä­gen, Quee­ren. We­nig­stens im Prin­zip. In der Pra­xis wird es in die­ser al­ter­na­ti­ven Land­schaft im­mer wie­der eng, oft aus öko­no­mi­schen Grün­den. Trotz­dem die Fra­ge an For­re­ster: Ge­währt der neo­li­be­ra­le Raum, be­son­ders in sei­ner di­gi­tal-vir­tu­el­len Er­schei­nungs­form, nicht eben­die­se Frei­heits­zel­len? Hohl­räu­me wie im Brot, in der Ba­guette? Er­zeugt er sie nicht so­gar? Und wenn dem so wä­re, be­stün­de die Kampf­form ei­nes ef­fi­zi­en­ten Wi­der­stands dann nicht in der Be­set­zung und Ge­stal­tung die­ser Ni­schen? Die al­ter­na­ti­ven Land­schaf­ten könn­ten wach­sen, könn­ten Raum ge­win­nen und zu ei­nem An­ti­de­pres­si­vum wer­den, zu ei­ner Ge­gen­kul­tur, die schließ­lich auf die selbst­er­nann­te Leit­kul­tur der Pop-In­du­strie ein­wir­ken, sie gar, von in­nen her, zur Ex­plo­si­on brin­gen könnte. 

Der­lei Ent­wick­lun­gen gab es in den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. Ich mei­ne da­mit nicht die po­li­ti­sche Lin­ke, son­dern die viel­fäl­ti­gen kul­tu­rel­len Al­ter­na­ti­ven, die da­mals auf­blüh­ten und er­staun­li­che künst­le­ri­sche Lei­stun­gen be­gün­stigt ha­ben, be­deu­ten­de Wer­ke in sämt­li­chen Be­rei­chen, über die wir – auch jün­ge­re Ge­nera­tio­nen – heu­te stau­nen und die wir für uns re­kla­mie­ren könn­ten wie Mall­ar­mé, Rim­baud und Kon­sor­ten. Bob Dy­l­an, das poe­ti­sche Ma­schi­nen­ge­wehr des 21. Jahr­hun­derts? Ja, wenn man sich sei­nen Rück­blick auf das zwan­zig­ste an­hört, des­sen zwei­te Hälf­te, auf sei­ne (und mei­ne, un­se­re) Zeit, auf den Mo­ment, als es auch schon zu ei­ner sub­ku­ta­nen Um­keh­rung kam und der lang­sa­me, lan­ge Zeit un­merk­li­che Ver­fall be­gann, die Vor­ge­schich­te des Neo­li­be­ra­lis­mus. What is the truth, and whe­re did it go? Mit­tels No­bel­preis in den Main­stream in­ji­ziert. Oder nicht. Kommt auf uns Le­ser, Hö­rer, Pro­du­zen­ten an.

Die Ge­gen- und Al­ter­na­tiv­kul­tur wur­de von der ka­pi­ta­li­sti­schen, pro­fit­ori­en­tier­ten ge­ka­pert, wie die Hol­ly­wood-Film­pro­duk­ti­on oder der Pro­fi­fuß­ball in im­mer hö­he­re Sphä­ren von Tech­nik, Show, Au­to­tu­ne, Il­lu­si­on, Ko­stü­mie­rung, Geld­um­lauf ge­trie­ben, gleich­zei­tig ent­per­so­na­li­siert und künst­le­risch aus­ge­dünnt und – am wich­tig­sten – mit Co­py­right-Stem­peln ver­se­hen. Was von der al­ten Kul­tur üb­rig ist oder heu­te noch im Geist der An­fän­ge ge­schaf­fen wird, ist tat­säch­lich in Rand­be­rei­che, in Ni­schen, an den Rand des Ab­grunds ge­drängt und gön­ner­haft mit dem Stem­pel in­de­pen­dent (vul­go »In­die«) ver­se­hen. Die­ses La­bel ver­rät letzt­end­lich nur, daß ei­ne ur­sprüng­lich freie Sze­ne in Re­ser­va­te ver­frach­tet wur­de. Man rot­tet das freie Schöp­fer­tum nicht aus, gräbt ihm nicht ein­mal das Was­ser ab, hält es aber auf Di­stanz, da­mit es den Main­stream nicht mit sei­nem re­vo­lu­tio­nä­ren Po­ten­ti­al in­fi­ziert. Ein Mu­ster­bei­spiel für die­se mitt­ler­wei­le hi­sto­ri­schen Vor­gän­ge ist das Schick­sal des Ra­dio­sen­ders Ö 3 (im Öster­rei­chi­schen Rund­funk), wo an­spruchs­vol­le und zu­gleich po­pu­lä­re Pro­gram­me durch seich­te Un­ter­hal­tung und in­fan­ti­le Mo­de­ra­ti­on er­setzt, wäh­rend al­les »Eli­tä­re« in re­du­zier­tem Um­fang in Be­rei­che aus­ge­la­gert wur­de, die von vorn­her­ein nur für Min­der­hei­ten ge­dacht sind. Klas­sik, Jazz und un­ab­hän­gi­ger Pop dür­fen dort ge­mein­sam ih­rem Ver­schwin­den entgegendämmern. 

Doch em­pö­ren wir uns nicht, nicht zu sehr, nicht am fal­schen Ort. Ra­dio, das ist heut­zu­ta­ge oh­ne­hin ein ein­zi­ges Min­der­hei­ten­pro­gramm (das in den In­ter­net­ni­schen mit schön de­sign­ten Home­pages fort­exi­stie­ren darf). Die Fra­ge ist, ob im welt­wei­ten Netz, in der Blo­go­sphä­re, ei­ne nen­nens­wer­te Al­ter­na­ti­ve ent­ste­hen kann oder ob die Ei­gen­schaf­ten des Me­di­ums dies auf al­le Fäl­le ver­hin­dern. Zu be­fürch­ten steht, daß das freie Wu­chern der kul­tu­rel­len Fo­ren und Platt­for­men dem Neo­li­be­ra­lis­mus in die Hän­de spielt.

© Leo­pold Federmair

→ Teil 10/11


  1. In seinem Essay Die totale Mobilmachung phantasiert Ernst Jünger von einem "Arbeitsstaat", der die logische politische Konsequenz der generalisierten Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Organischem und Mechanischem sei. Diese Vision verwirklicht sich heute, allerdings im Bereich der Nanotechnik, der smarten elektronisch gesteuerten Maschinen, die "der Mensch" ständig in Reichweite oder im Körper implantiert hat. Dienstleistungsanbieter und öffentlichen Institutionen verlangen von allen den Besitz eines Smartphones. Der Arbeits- bzw. Arbeiterstaat jedoch wurde Ende des 20. Jahrhunderts endgültig entsorgt. 

  2. Ich frage mich, ob der gedrechselte Straußsche Satz nicht einen kompositorischen Fehler enthält: "so daß beides voneinander getrennt ist" (oder "getrennt wäre"), das schöne Wort-/Bild-/Tonkunstwerk von der industriellen Massenkultur, so daß der Künstler sich ungestört seiner Schöpfung widmen könnte. Aber wie käme die Welt dann noch ins Buch? 

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  1. Mit »der Kul­tur« ist es wie mit »der De­mo­kra­tie«: Sie strebt nach Ver­brei­tung, nach Wir­kung und muss sich da­bei an Mas­sen wen­den. Die Mas­se ist dem In­tel­lek­tu­el­len ver­hasst (wie auch ei­gent­lich die De­mo­kra­tie, die Herr­schaft der Mas­se). Da­her muss ei­ne Kul­tur, die auf die Mas­sen zielt, de­nun­ziert wer­den. Da­für braucht man sie nicht ein­mal an­zu­schau­en. Der Af­fekt genügt. 

    Aus dem Po­li­ti­ker, der die The­men der Mas­sen an­spricht, wird ein »Po­pu­list« ge­macht. Aus dem Künst­ler, der sein Wer­ken an­bie­tet, ein Knecht des »Neo­li­be­ra­lis­mus«. Der Staat soll es rich­ten. Staats­kunst. Staatspolitik.

  2. Sehr span­nend, wie sie un­se­re Un­si­cher­hei­ten aus­brei­ten, @Leopold. Ich tei­le ih­re Skep­sis ge­gen­über ei­nem ver­schro­be­nen Hand­lungs-/Wir­kungs­kon­zept, das ein­deu­tig den Ab­druck des to­ta­li­tä­ren Zeit­al­ters trägt. Nein, ein Ge­dicht ist kein MG, je­den­falls nicht wirklich...
    An­de­rer­seits braucht ein kla­res Be­kennt­nis zur Ni­sche, zur Ge­gen­kul­tur oder rhi­zo­ma­ti­schen Kunst im­mer auch Zu­spruch, vor­al­lem weil die öko­no­mi­sche Exi­stenz sehr schnell pre­kär wer­den kann, und das heißt: man muss wis­sen, war­um man es macht, ge­ra­de »die­se jun­gen Leu­te« wol­len es oft ja ganz ge­nau wis­sen... Da­ne­ben be­rührt die Fra­ge of­fen­bar ein zen­tra­les Be­dürf­nis des Men­schen, was die Psy­cho­ana­ly­ti­ker als Er­fah­rung des »Sinns« er­fas­sen. Ich bin kein Theo­re­ti­ker, aber mir scheint, dass ei­ne Tä­tig­keit, die Sinn stif­tet, und ei­ne Tä­tig­keit, die ei­ne öko­no­mi­sche Funk­ti­on er­füllt, nicht wirk­lich »voll­kom­men ge­trennt« sein dür­fen, ‑al­so nach sub­jek­ti­ven Maß­stä­ben. Da hier je­der sein ei­ge­ner In­spek­tor ist, fal­len die Be­ur­tei­lun­gen schon mal sehr un­ter­schied­lich aus. Wow, das geht ganz schön tief!

  3. @ So­phie
    War­um man es macht: Weil man nicht an­ders kann?
    Ich glau­be, Gre­gor K. ist ei­ner, der ge­nau weiß, war­um er es macht. Er wird sa­gen, nein, oder: nicht mehr. Oder, Gre­gor? Die Mo­ti­va­ti­on kann sich mit der Un­si­cher­heit paa­ren, bei­des ist notwendig.

  4. @Leopold. Ja, und Nein! Schau­en Sie, ei­ne Geg­ner­schaft zum Neo­li­be­ra­lis­mus zu de­fi­nie­ren, ist nicht be­son­ders hilf­reich (oje!)... Mir scheint, es liegt dar­in so­gar die Ge­fahr ei­nes Miss­ver­ständ­nis­ses. Wenn es nur ei­ne Ge­gen­kul­tur im ein­di­men­sio­na­len Sin­ne wä­re, wä­re es kei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung. Die Sa­che ist aber doch wohl so, dass die künst­le­ri­schen Ent­wür­fe, die ei­ne ge­lun­ge­ne Über­schrei­tung der ge­sell­schaft­li­chen Nor­men und Kli­schees dar­stel­len, sich gar nicht mal schöp­fe­risch die­ser Hin­der­nis­se be­die­nen kön­nen, son­dern al­les kom­plett neu er­schaf­fen müs­sen. Mir scheint, die künst­le­ri­sche Welt (im Sin­ne des gei­stig-re­zep­ti­ven Kom­ple­xes) muss die nor­ma­le Welt voll­stän­dig ver­drän­gen, da wä­re ein Kon­trast­mit­tel zu we­nig. Schwie­rig das zu be­schrei­ben, aber man ver­steht mich viel­leicht, wenn man an den Be­griff der Le­gi­ti­ma­ti­on denkt. Zur Re­vol­te oder zum Wi­der­spruch ha­ben wir ja im­mer ge­nug An­lass, aber auch die »Er­laub­nis«, so­zu­sa­gen... Die­se Le­gi­ti­ma­ti­on wä­re mir tat­säch­lich zu ge­ring. Ich hät­te schon ger­ne das Ge­fühl / den Ein­druck, mich schrei­bend ei­ner ver­nach­läs­sig­ten oder na­he­zu un­be­kann­ten Wahr­heit zu nä­hern. Da­mit wä­re ich zu­frie­den. Die Fra­ge der Le­gi­ti­ma­ti­on bil­det die­se po­si­ti­ve Er­fah­rung nicht ab, d.h. die Le­gi­ti­ma­ti­on hat nicht den Cha­rak­ter ei­ner »Selbst­evi­denz«...

  5. Wie ab­hän­gig die so­ge­nann­te Kul­tur von den Struk­tu­ren des »Neo­li­be­ra­lis­mus« ist und sich sel­ber macht, zeigt ja das Ge­jam­mer über den er­neu­ten Shut­down bzgl. der Co­ro­na-Maß­nah­men. Man hat den Even­tis­mus der­art ver­in­ner­licht und geht wie selbst­ver­ständ­lich von ei­ner Ali­men­tie­rung des­sen, was man »pro­du­ziert« aus, dass die Kunst sel­ber nur noch als Wirt­schafts­fak­tor wahr­ge­nom­men wird. Das pas­siert aus­ge­rech­net von de­nen, die den Markt ei­gent­lich ab­leh­nen. Wenn er je­doch für ei­ne be­stimm­te Zeit nicht mehr exi­stiert, ist es auch nicht recht. Da­bei sind die Bi­blio­the­ken und Buch­lä­den voll.

  6. Na­ja, die Auf­tritts- und Ver­an­stal­tungs­ver­bo­te sind ein al­len­falls kurz­fri­stig zu recht­fer­ti­gen­der Ein­griff in die Grund­rech­te. Die Tren­nung zwi­schen ei­ner sub­ven­tio­nier­ten Kul­tur­bran­che und den teils sehr al­ber­nen Frei­en Kün­sten wür­de ich schon auf­recht er­hal­ten wol­len. Auch wenn es im Lock­down so aus­sieht, als wä­re der So­zia­lis­mus zurückgekehrt.
    Ich bin kein Freund von Sub­ven­tio­nen, weil sie den fal­schen Leu­ten Mit­spra­che ge­währt. Das führt zur mo­ra­li­schen Selbst­ent­wer­tung, die ir­gend­wie nar­ziss­tisch kom­pen­siert wer­den muss. Dann ent­ste­hen die­se »Bla­sen« der Su­per-Selbst-Ge­rech­tig­keit oder Hig­hend-Au­then­ti­zi­tät, oh­ne dass man wüss­te, was das soll... Auf der an­de­ren Sei­te gibt es bei den Frei­en Kün­sten (Pop, Punk, Trash-Ki­no) auch sehr vie­le Ge­schmack­lo­sig­kei­ten, die aus »Ver­zweif­lung« her­rüh­ren könn­ten. Ich bin mir al­so kei­nes­wegs si­cher, dass es zwi­schen Öko­no­mie und Kunst ei­nen Kö­nigs­weg gibt. Das stol­pert doch al­les so vor sich hin, und manch­mal wird beim Springen/Fallen ein »Tanz« draus’...

  7. Die Kunst ist in­di­vi­du­ell und un­se­re Ge­sell­schaft ei­ne Mas­se. Der Staat bie­tet dem In­di­vi­du­um Schutz ge­gen die Zu­mu­tun­gen der Mas­se. Der Markt er­mög­licht Ver­bin­dun­gen ein­zel­ner (Künst­ler) zu die­ser Masse.

    Die bür­ger­li­che Gessell­schaft hat ei­ne mä­ze­na­ti­sche Sei­te, die vor Jah­ren in Ba­sel da­zu bei­trug, 350 of­fi­zi­ell re­gi­strier­te Schrift­stel­ler zu ha­ben. – In Ba­sel al­lein. Ich traf im­mer mal wie­der den ei­nen oder an­de­ren aus die­ser Schar .- Und fast al­le wa­ren un­glück­lich, weil sie den Ein­druck hat­ten, kei­ner küm­me­re sich an­ge­mes­sen um ihr Werk – und sie. – Das Le­ben er­mög­licht Un­glück auf un­end­lich vie­le Ar­ten. – Aber auch »Haft­er­leich­te­run­gen in al­len mög­li­chen Far­ben«, wie es beim Dich­ter mei­nes Her­zens heißt.

    Das Be­geh­ren ist prin­zi­pi­ell un­end­lich – ge­nau­so wie die Sehn­sucht oder das Ver­lan­gen nach An­er­ken­nung und/oder Lie­be, und des­we­gen ziem­lich unersättlich.

    An­de­rer­seits ist die Mo­der­ne enorm er­fin­dungs­reich und ge­ne­rös. – Wel­chen Fort­schritt wer­den wir als näch­stes be­grü­ßen dür­fen? – Ich an­ti­zi­pie­re in ei­ner zu­tiefst wohl­mei­nen­den Schau den vom Staat aus­ge­bil­de­ten und be­zahl­ten Re­zi­pi­en­ten, so­dass die lei­den­den und un­ter zu ge­rin­ger exi­stie­ren­den 350 Bas­ler Schrift­stel­le­rin­nen z. B: Ein we­nig Er­leich­te­rung er­fah­ren dür­fen und der Neo­li­be­ra­lis­mus, par­don, sein fre­ches Haupt wen­gi­stens nicht völ­lig un­ge­straft über der krea­ti­ven in Zu­kunft wird er­he­ben dür­fen, am Fran­zö­sisch-Deut­schen-und schwei­ze­ri­schen Rhein­kie. – Mil­li­ar­dä­rin­nen mit ei­ner hin­rei­chend hoch­her­zi­gen Ge­sin­nung gibt es ja da et­wel­che, die so­was er­mög­li­chen könnten.

    PS
    Es gibt Spöt­ter, die sa­gen, das Bas­ler Thea­ter sei be­reits die zu­min­dest par­ti­el­le Vor­weg­nah­me die­ses mei­nes oben hin­skiz­zier­ten an­ti­neoli­be­ra­li­sti­schen Re­form­pro­jekts der öf­fent­li­chen äs­the­tisch ori­en­tie­ren­den Aufmerksamkeitsaufbauhilfe.

    PPS – @Sophie – wenn Sie mir un­ter mei­nem Na­men zu­sam­men­ge­schrie­ben at gmx punkt de schrei­ben, schicke ich Ih­nen mei­ne Ant­wort auf Ih­re Su­san­ne Da­gen Selb­stän­dig­keit / Ab­hän­gig­keit-Be­mer­kun­gen, die Gre­gor Keu­sch­nig hier nicht dul­den mag, die ich oben frei­lich eben­falls mit be­rück­sich­tigt ha­be. Hehe – ein – Mal­strom – der Gedanken...).

  8. @Dieter Kief
    Ich hat­te Ih­re Ant­wort nicht frei­ge­schal­tet, weil sie rein gar kei­nen Be­zug mehr auf die ur­sprüng­li­che The­ma­tik hat­te und auf an­de­re The­men­be­rei­che ab­schweif­te. Das wer­de ich auch in Zu­kunft so halten.

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