Ijo­ma Man­gold: Der in­ne­re Stamm­tisch

Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch

Ijo­ma Man­gold:
Der in­ne­re Stamm­tisch

Ijo­ma Man­gold wird im näch­sten Jahr 50, ist Feuil­le­to­nist (seit ei­ni­gen Jah­ren in meh­re­ren Funk­tio­nen bei der »Zeit« be­schäf­tigt) und Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und man muss ihm da­her ei­nen ho­hen Sen­si­bi­li­täts­grad für Spra­che un­ter­stel­len. So ist der Ti­tel sei­nes neu­en Bu­ches wohl be­wusst as­so­zia­tiv: »Der in­ne­re Stamm­tisch« er­in­nert an die längst dä­mo­ni­sier­te Vo­ka­bel vom »in­ne­ren Reichs­par­tei­tag«, die im Jahr 2010 ei­ner deut­schen Sport­re­por­te­rin fast zum Ver­häng­nis ge­wor­den wä­re.

Da­bei schreibt er ei­gent­lich nur Ta­ge­buch, und zwar vom 19. Sep­tem­ber 2019 bis zum 13. April 2020. Be­ginn und En­de schei­nen je­weils oh­ne be­son­de­ren An­lass zu sein. Am An­fang wird das Ta­ge­buch zu ei­ner Art in­ne­ren Mo­no­log er­klärt (was es ja per se im­mer ist). Aber hier geht es fast im­mer um po­li­ti­sche Stel­lung­nah­men und – Ach­tung: der Au­tor mag das Wort nicht – Re­fle­xio­nen über ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen. Pri­va­tes bleibt weit­ge­hend aus­ge­spart; das in­tim­ste Er­leb­nis ist die Ent­täu­schung, als er mit ei­nem Oh­ren­stäb­chen nicht den er­hoff­ten Schmutz aus sei­nem Ge­hör­gang her­auspuh­len kann.

Es be­ginnt so­fort mit Fri­day-for-Fu­ture. In ei­ner Ki­ta be­rei­tet man sich, wie er hört, auf ei­ne FFF-De­mo ge­naue­stens vor und kauft vor­her noch grü­ne Kla­mot­ten für die Kin­der, da­mit al­les stil­echt ist. Man­gold sel­ber outet sich als »äs­the­ti­scher Gre­ta-Fan« (»ihr Ge­sicht ist schön wie das ei­ner from­men Jung­frau«) und es ist ihm gleich, dass ihm dies als Zy­nis­mus aus­ge­legt wer­den kann. Ir­gend­wann wird er noch deut­li­cher und macht sich zum »öko­tau­ben, mi­so­gy­nen, al­ten, wei­ßen Gre­ta-Ha­ter«. Ge­schenkt, ich ha­be ver­stan­den.

Na­tür­lich zwei­felt Man­gold den Kli­ma­wan­del und die Not­wen­dig­keit von Maß­nah­men, die­sem ent­ge­gen­zu­wir­ken, nicht an. Aber er kul­ti­viert eben auch bei die­sem The­ma, was er als ei­ne Art Le­bens­ma­xi­me (oder, wenn man es ne­ga­tiv sieht, als Krank­heit) de­fi­niert: sei­nen Trotz. So­bald in ei­nem Raum Ei­nig­keit be­steht, ist er es, der spon­tan mit ei­ner Ge­gen­mei­nung ein­greift. So auch hier, denn »der selbst­ge­rech­te Ge­wiss­heits­ton, zu dem das The­ma ein­lädt, trig­gert« ihn ähn­lich wie die Bi­got­te­rie der ver­meint­li­chen Öko-Mu­ster­schü­ler (was zu lau­ni­gen Aus­füh­run­gen über die Kir­chen-Heu­che­lei­en der Ver­gan­gen­heit führt).

Was die No­ta­te in­ter­es­sant macht: Es we­der ein Da­ge­gen­sein, um da­ge­gen zu sein – aber auch nicht das Ge­gen­teil. Man­gold wägt tat­säch­lich ab – nicht im­mer un­be­dingt mit der not­wen­di­gen Kon­se­quenz, aber das macht ge­ra­de die Mi­schung aus Leich­tig­keit, Hoch­mut und Klug­heit (ich hät­te fast ge­schrie­ben: Charme – aber man soll nicht über­trei­ben) vie­ler Ein­tra­gun­gen aus.

In ei­nem Punkt ist er mit den an­de­ren und sich sel­ber ei­nig: Do­nald Trump geht gar nicht. Die­se Wahl war ei­ne Zä­sur. Wo Ge­or­ge W. Bush noch (fal­sche) Be­wei­se für Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen an­führ­te um den Schein zu wah­ren, lügt Trump ein­fach. War­um wur­de er von so vie­len Men­schen ge­wählt? Der Ver­such ei­ner Ant­wort: »Aus­ge­rech­net Trump, der sich die Wirk­lich­keit er­fand, wie es ihm pass­te, zwang uns zu über­den­ken, ob nicht auch wir zu lan­ge in ei­ner Wirk­lich­keit ge­lebt hat­ten, die wir uns als die pas­sen­de Ku­lis­se un­se­res Le­bens­ge­fühls selbst er­rich­tet hat­ten, in der aber un­fai­rer­wei­se auch je­ne le­ben muss­ten, die mit un­se­rem Le­bens­ge­fühl ab­so­lut nichts an­fan­gen konn­ten?«

Man­gold trau­ert der einst so mäch­tig er­schie­ne­nen Na­to nach und ha­dert mit der EU (Bre­x­it – ob­wohl er einst ein John­son-Fan war). Jetzt wis­se man, was man einst an ih­nen ge­habt ha­be – jetzt, da sie prak­tisch ver­schwun­den sind bzw. be­deu­tungs­los ge­wor­den sind. Aber so­gar bei Trump schlei­chen sich im Lau­fe der Ein­tra­gun­gen manch­mal Zwei­fel ein: hat er nicht des­sen Chi­na-Po­li­tik falsch be­wer­tet? Ist er zwar gut in Trump-Ver­ach­tung aber schlecht in Trump-Ana­ly­se? Und war­um, so be­klagt er, hat er noch nie vor­her ge­hört, dass Oba­ma­ca­re ver­mut­lich ver­fas­sungs­wid­rig im­ple­men­tiert wur­de? (Er soll­te die Fra­ge auch ein­mal sei­nem Chef­re­dak­teur und Her­aus­ge­ber stel­len.)

Den Be­zeich­nung »Fake News« lehnt Man­gold als zu­meist zu pau­scha­li­sie­rend ab. Es wer­de we­ni­ger di­rekt ge­lo­gen, stellt er fest. Häu­fi­ger hin­ge­gen wür­de die Wirk­lich­keit ver­fälscht, in dem »man ei­nen Sach­ver­halt so lan­ge aus ei­ner be­stimm­ten Per­spek­ti­ve be­trach­tet, bis kei­nem mehr auf­fällt, dass die­ser Sach­ver­halt auch ei­ne Rück­sei­te hat, die ei­ne ganz an­de­re Ge­schich­te er­zählt.« Das dürf­te sehr ge­nau be­ob­ach­tet sein.

Ein klei­nes Zwi­schen­spiel für den Le­ser. Über wen schreibt Man­gold: »Mit XXX kehrt das Un­be­ding­te in un­se­re Welt un­er­lö­ster Re­la­ti­vi­tä­ten zu­rück: Ra­di­ka­li­tät statt Ab­wä­gen, Ma­xi­ma­lis­mus statt Kom­pro­miss.«

Was die Ein­tra­gun­gen in das ima­gi­nä­re Ta­ge­buch aus­macht: Man­gold kennt tat­säch­lich kei­ne Schmerz­gren­zen. Das be­trifft so­wohl sei­ne Äu­ße­run­gen über das »Wo­keness-« und das »PC-Sprach­spiel« der Lin­ken bzw. der Rech­ten (bei­des lang­weilt ihn, es sei denn, Oba­ma spricht über Wo­keness) wie auch be­reits an­ge­deu­te­ten und im­mer wie­der ein­ge­streu­ten Sot­ti­sen ge­gen den Gra­tis­mut der »Öko-Kas­sand­ren«. Man­gold prä­fe­riert »Am­bi­gui­täts­to­le­ranz als po­li­ti­sche Tu­gend.« Wie schon En­zens­ber­ger vor zwan­zig Jah­ren er­kennt er: »Die Apo­ka­lyp­se ist ei­ne mo­no­the­isti­sche Re­li­gi­on, sie dul­det kei­ne an­de­ren Gott­hei­ten ne­ben sich.«

Nicht ganz un­ei­tel stellt er sich sel­ber ein (Zwischen-)Zeugnis aus: Er ist und bleibt ein »Kind der Post­mo­der­ne«, in der al­les iro­nisch auf­ge­la­den wer­de. Sei­ne Tex­te ken­nen we­der Gen­der­stern­chen und »Innen«-Gebilde; er spricht stets von »Stu­den­ten« und nie von »Stu­die­ren­den«. Wirt­schafts­po­li­tisch ist Man­gold eher markt­li­be­ral als so­zia­li­stisch (die Di­cho­to­mie »Kopf­pau­scha­le« ver­sus »Bür­ger­ver­si­che­rung« hat noch Nar­ben bei ihm hin­ter­las­sen) und ver­steht nicht, war­um Schrö­der in der SPD nicht für sei­ne Agen­da-Po­li­tik ge­fei­ert wur­de, ist aber un­be­dingt da­für, dass die SPD er­hal­ten bleibt und ana­ly­siert recht lu­zi­de, war­um es so schlecht mit ihr steht.

Er stuft sich non­cha­lant als pri­vi­le­giert ein, be­klagt fast, so gut wie nie ras­si­stisch be­lä­stigt wor­den zu sein und stimmt da­bei ein Hoch auf sei­ne Bla­se an, »in der die Bi­got­ten und Or­tho­do­xen in der deut­li­chen Mehr­heit ge­gen­über den Ras­si­sten sind«. Den An­ti­se­mi­tis­mus in der Ge­sell­schaft nimmt er al­ler­dings als be­droh­lich wahr und ana­ly­siert, wie die AfD ei­ne Art künst­li­chen Phi­lo­se­mi­tis­mus pre­digt, um da­mit pau­schal die ara­bi­schen Asy­lan­ten und Flücht­lin­ge als An­ti­se­mi­ten zu de­nun­zie­ren. Er skiz­ziert ei­ne The­se über Vi­si­bi­li­täts­aus­län­der und In­vi­si­bi­li­täts­aus­län­der. Beim An­schlag von Hal­le hofft er, dass es ein Neo­na­zi-An­schlag war und kein is­la­mi­sti­scher – und ist sich zu­gleich der Per­ver­si­on die­ser Hoff­nung klar.

Auf Face­book trifft er »hoch­in­tel­li­gen­te Leu­te, die über Han­nah Arendt pro­mo­vie­ren könn­ten« aber statt­des­sen »el­len­lang ih­ren Ab­scheu über [Die­ter] Nuhr« aus­drücken. Die Em­pö­rungs­wel­len in den (so­ge­nann­ten) so­zia­len Me­di­en ver­wun­dern und fas­zi­nie­ren ihn zu­gleich. Pa­ra­dox, wie die For­de­rung nach To­le­ranz im­mer wie­der in In­to­le­ranz um­schwenkt. »Je stär­ker das Selbst­bild, ei­ne plu­ra­li­sti­sche Ge­sell­schaft zu sein, sich durch­setzt, de­sto we­ni­ger er­tra­gen wir Ab­wei­chun­gen; dass je­mand zu Wort kommt, den man ver­ur­teilt, gilt als Skan­dal, denn es wur­de ihm ‘ei­ne Büh­ne ge­bo­ten’ «. Und noch ein Pa­ra­dox: »dass sich ge­ra­de so vie­le von Eti­ket­tie­run­gen be­frei­en wol­len, in­dem sie sich ein neu­es Eti­kett um den Hals hän­gen.« Am En­de wach­se die Zahl der Eti­ket­ten. »Ver­mut­lich ist es das, was man In­di­vi­dua­li­sie­rung nennt«.

Jah­re­lang ha­be man die Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit in der Po­li­tik be­klagt, so Man­gold. Von Lan­ge­wei­le ge­spro­chen und Par­tei­en­dif­fe­ren­zen mit der Lu­pe ge­sucht. Und nun ha­be sich al­les ver­än­dert. Aber ist der fort­lau­fen­de Kri­sen­mo­dus, in den uns die Em­pör­ten und Be­sorg­ten fort­lau­fend stür­zen wol­len, dar­auf die rich­ti­ge Ant­wort? Wie könn­te man die­sen frucht­bar ma­chen?

Man­gold ist kein Re­vo­luz­zer, er ver­ehrt na­he­zu die de­mo­kra­ti­schen In­sti­tu­tio­nen und de­ren Lang­sam­keit. Ver­blüf­fend, wie oft er da­bei Carl Schmitt als Kron­zeu­gen her­vor­holt. Tat­säch­lich bringt De­mo­kra­tie nie ei­nen end­gül­ti­gen Be­fund. Ge­set­ze spie­geln kei­ne Wahr­heit, son­dern nur das En­de ei­nes Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­ses, der mit Mehr­hei­ten ent­schie­den wur­de und sich wo­mög­lich Jah­re spä­ter als feh­ler­haft her­aus­stel­len und dann wie­der neu ver­han­delt wer­den muss. »Au­to­ri­tät, nicht Wahr­heit schafft das Ge­setz«, so Carl Schmitt laut Man­gold. Wo­bei die­ser Satz von Tho­mas Hob­bes ist und nur von Schmitt zi­tiert wird (was er wohl weiß).

Aber es gibt auch pein­li­che Mo­men­te (nicht nur die über die Er­klä­rung des Phä­no­mens »Fremd­schä­men«), et­wa wenn er dar­über den Kopf schüt­telt, »wenn von der Kanz­le­rin mal wie­der nur Phra­sen am se­man­ti­schen Null­punkt kom­men« und sich dann »bei näch­ster Ge­le­gen­heit« glück­lich schätzt »von ei­ner Frau re­giert zu wer­den, von de­ren IQ wir al­le nur träu­men kön­nen.«. Es steht zu be­fürch­ten, dass Man­gold das nicht iro­nisch meint. Die Aus­füh­run­gen über das Wis­sen und Nicht-Wis­sen sind hin­ge­gen wie­der be­ste feuil­le­to­ni­sti­sche Un­ter­hal­tung.

Zwi­schen­zeit­lich kann man sich vom ein­sa­men Nach­den­ken im­mer dann ein biss­chen er­ho­len, wenn Man­gold über sei­ne Ge­sprä­che mit der deutsch-ka­sa­chi­schen Sän­ge­rin He­le­na Goldt er­zählt oder von sei­nen di­ver­sen Abend­essen in un­ter­schied­li­chen Run­den. Im Ge­gen­satz zu Goldt, der am Schluss ganz of­fi­zi­ell ge­dankt wird, blei­ben die an­de­ren Teil­neh­mer an sei­nen Dis­kus­si­ons­run­den an­ony­mi­siert. Ein­mal klappt das nicht; in mei­nem pdf-Do­ku­ment kann man nach­le­sen, mit wem sich Man­gold in Ber­lin so hef­tig über den Rechts­ruck in der CDU ge­strit­ten hat­te.

Über sein ei­gent­li­ches Ar­beits­ge­biet, die Li­te­ra­tur, schreibt er ver­blüf­fend we­nig und manch­mal fragt man sich, wann er ei­gent­lich die Bü­cher liest, über die er spä­ter ur­teilt. Ein­mal kommt er auf Pe­ter Hand­ke zu spre­chen, re­pli­ziert des­sen »Ich kom­me von Ho­mer…« und ana­ly­siert die Zu­mu­tung, die Hand­ke »für ei­ne Öf­fent­lich­keit, die es als ihr Recht an­sieht, je­den zur Re­chen­schaft zu zie­hen« dar­stellt. Über die wei­te­re so­ge­nann­te De­bat­te zum No­bel­preis fin­det sich kein Ein­trag. Er schil­dert ei­ne Ver­an­stal­tung mit Kenzab­urō Ōe, die er vor län­ge­rer Zeit mo­de­rier­te. Man er­fährt, dass er Tho­re­aus »Wal­den« als ei­nen Text im »Pre­di­ger­ton«, di­rekt von der »pu­ri­ta­ni­schen Kan­zel« emp­fin­det (und da­mit hat er Recht). Für Hart­mut Ro­sa hat er nur ei­ne klei­ne Ver­bal­in­ju­rie üb­rig.

In­ter­es­sant wird es bei der wie­der­hol­ten Lek­tü­re zu Mar­tin Walsers »Finks Krieg« von 1996. Es geht im Ro­man um ei­ne Frank­fur­ter Lo­kal­po­li­tik­in­tri­ge, in der sich ein Mi­ni­ste­ri­al­rat durch ei­ne Ver­set­zung kalt­ge­stellt sieht und zu ei­ner Art Mi­cha­el Kohl­haas wird. Finks Geg­ner ist ein ge­wis­ser Tr­on­ken­burg. Der Rah­men ist re­al, die Af­fä­re gab es wirk­lich. Tr­on­ken­burg ist der Ro­man­na­me von Alex­an­der Gau­land, sei­ner­zeit Chef der hes­si­schen Staats­kanz­lei, der dann pi­kan­ter­wei­se in der FAZ ei­ne Re­zen­si­on zum Wal­ser-Ro­man ver­fass­te. Man­gold fas­zi­niert we­ni­ger die­ser Um­gang als die in Gau­lands Text ein­ge­ar­bei­te­ten po­li­ti­schen An­sich­ten, die sich dia­me­tral von de­nen un­ter­schei­den, die er heu­te in der AfD ver­tritt. So schreibt Gau­land 1996: »Hat Walsers Held denn ver­ges­sen, dass die Ge­nera­ti­on der heu­te Sech­zig­jäh­ri­gen so­wie die Nach­ge­bo­re­nen Le­ben und Frei­heit, al­so ei­ne zi­vi­li­sier­te Iden­ti­tät, den Al­li­ier­ten ver­dan­ken?« Zu Recht fragt sich Man­gold, was seit­dem mit dem Mann pas­siert sei.

Fast ist man ein biss­chen trau­rig, als es in die Co­ro­na-Zeit geht, die Man­gold län­ger in­do­lent wahr­nimmt. Und »end­lich mal kei­ne Mei­nung ha­ben müs­sen we­gen er­wie­se­ner Un­zu­stän­dig­keit«, denn, das weiß der Mei­nungs­jun­kie Man­gold ganz ge­nau: »Es hat ja im­mer auch et­was Or­di­nä­res, ei­ne Mei­nung zu ha­ben.« Die Sorg­lo­sig­keit weicht dann doch, es gibt Freun­de, die rasch an fi­nan­zi­el­le Gren­zen sto­ßen, weil sie kei­ne Re­ser­ven ha­ben. Im­mer­hin: He­le­na sprüht vor Krea­ti­vi­tät. Das Vi­rus sieht er zu­nächst eher harm­los an, lässt sich dann je­doch auf An­ra­ten ei­ni­ger Freun­de auf die Dro­sten-Pod­casts ein und ist min­de­stens von der Stim­me des Vi­ro­lo­gen, des­sen »ver­nu­schel­te Bei­läu­fig­keit«, be­gei­stert. In den Wo­chen da­nach be­ginnt dann ein emo­tio­na­les Hin und Her, ein Schwan­ken zwi­schen Ernst und Ba­ga­tel­li­sie­rung.

Über­haupt ist Man­gold bis­wei­len recht ge­schickt im Selbst­wi­der­spruch oder, wie man einst sag­te, im Hand­werk der Dia­lek­tik. Mal be­klagt er die un­ter­schied­li­chen, nicht mehr zu­sam­men­führ­ba­ren Ge­gen­sät­ze zwi­schen den ein­zel­nen po­li­ti­schen Flü­geln, dann wie­der­um fragt er sich, ob »un­se­re Ge­sell­schaf­ten nicht viel­mehr ein hi­sto­risch ein­zig­ar­ti­ges Maß an Ho­mo­ge­ni­tät er­reicht« hät­ten. Viel­leicht stimmt ja bei­des, je nach the­ma­ti­scher Schwer­punkt­set­zung. Aber für die ge­naue Un­ter­su­chung die­ser Pro­ble­ma­tik reicht die­ses »For­mat« des in­ne­ren Ta­ge­buchs nicht aus. Da­her ist dann auch schnell Schluss.

Man­gold spielt ei­ne Mi­schung aus in­tel­lek­tu­el­lem Frei­geist und Dan­dy und sug­ge­riert in sei­nen No­ta­ten zu Be­ginn, dass die bis­wei­len ket­ze­ri­schen und/oder un­or­tho­do­xen Ge­dan­ken­gän­ge nie­mals an die Öf­fent­lich­keit kom­men. Na­tür­lich glaubt man ihm kein Wort: Zu­viel deu­tet auf das ab­sichts­vol­le Spiel der »un­rei­nen See­le« (Selbst­be­schrei­bung) hin. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn man liest sei­ne Ein­tra­gun­gen ger­ne, fühlt sich gut un­ter­hal­ten und man­cher Apho­ris­mus sitzt so­gar. Red­un­dan­zen blei­ben nicht aus; manch­mal wird es halt ein biss­chen zäh. Stö­rend ist bis­wei­len die­se be­müh­te Selbst­ge­fäl­lig­keit (bis hin zur Ar­ro­ganz), die den Wi­der­spruchs­reiz osten­ta­tiv her­aus­for­dern soll. Da­zu passt es dann auch, dass man sich zur Buch­prä­sen­ta­ti­on ei­nen ge­wis­sen Ro­bert Ha­beck her­an­ge­holt hat. Da ist es eben wie­der, das »Kind der Post­mo­der­ne«. Und das Kal­kül geht auf: »Spie­gel-Best­sel­ler«!

Ach ja, die Auf­lö­sung des klei­nen Zwi­schen­spiels. Man­gold mein­te mit die­sem Satz na­tür­lich Gre­ta Thun­berg (und nicht, wie Sie viel­leicht über­legt hat­ten, Herrn Trump).

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Nor­ma­ler­wei­se hö­re ich auf zu le­sen, wenn ein sog. Buch­au­tor das Wort »trig­gern« ver­wen­det.

  2. »Ein öf­fent­li­ches Ta­ge­buch«, wä­re als Un­ter­ti­tel pas­sen­der ge­we­sen. Was soll denn an die­sen Ein­las­sun­gen po­li­tisch sein?! Es ist höch­stens noch der post­mo­der­ne Po­li­tik­be­griff, der sich stets im Vor­feld von Ent­schei­dun­gen und Ge­set­zen be­wegt, weil nie ir­gend­et­was Wich­ti­ges auf dem Spiel steht, wo man nur das Ei­ne aber nicht das An­de­re ha­ben kann, bis dann Gre­ta kommt, und uns al­le aus den »un­er­lö­sten Re­la­ti­vi­tä­ten« her­aus­trom­melt, aus­ge­rech­net die gei­stestum­be Au­ti­stin mit dem ma­don­nen­haf­ten Ant­litz...
    Ich will nicht sa­gen, dass die Lek­tü­re nicht in­ter­es­sant sein könn­te. Im Ge­gen­teil, han­delt es sich viel­leicht so­gar um ein wich­ti­ges Do­ku­ment die­ser letz­ten 15 Jah­re der Ver­ir­rung... Ein biss­chen Iro­nie, ein biss­chen Welt­herr­schaft, ein biss­chen Nar­ziss­mus!
    Ge­wiss ist Man­gold nicht fron­tal un­sym­pa­thisch, aber man muss sei­ne Be­wer­tun­gen schon als das neh­men, was sie sind: Irr­tü­mer! Nur weil er wie so vie­le Klug­schwät­zer so man­ches Re­de- und Re­dak­ti­ons­du­ell ge­won­nen hat, wol­len wir doch nicht an­neh­men, dass es all­ge­mein ver­bind­lich und hoch­wer­tig (?!) wä­re, was der Au­tor da ab­son­dert...
    Ist das Post­mo­der­ne?!
    Ja, ich den­ke schon. Der Irr­tum und das mo­ra­li­sche De­ba­kel am Ran­de wer­den ir­rele­vant. Je­de Be­wer­tung könn­te auch an­ders sein, und sich selbst rein ex­pe­ri­men­tell zum Wi­der­spruchs-Geist zu er­he­ben, wird als grup­pen­dy­na­misch sinn­voll er­lebt. Je­sus, Ma­ria und Jo­sef!

  3. die_kalte_Sophie
    Da muss ich Ih­nen aus­nahms­wei­se mal sanft wi­der­spre­chen. Na­tür­lich ist das »Po­li­tik« und na­tür­lich ist die­ses Ta­ge­buch ein post­mo­der­nes »Spiel« da­mit. Mich hat er­frischt, dass da je­mand für sei­ne äs­the­ti­sche Prä­fe­renz für Ma­don­nen-Ge­sich­ter be­reit ist, sein po­li­ti­sches Ur­teil ru­hen zu las­sen bzw. zu be­sänf­ti­gen. In den Zei­ten der Uni­for­mie­rung von ka­no­ni­sier­ten An­sich­ten ist der Selbst­zwei­fel ja ge­ra­de­zu ei­ne Not­wen­dig­keit ge­wor­den. Dass er von ei­nem Li­te­ra­tur­kri­ti­ker prak­ti­ziert wird, ist ja fast schon re­vo­lu­tio­när (frei­lich be­kennt er sich si­cher­heits­hal­ber als po­li­ti­scher »Idi­ot« [im Sin­ne Hand­kes ge­meint – von mir, nicht von Man­gold]).

  4. Sie sind zu mil­de. Nach­voll­zieh­bar: man wird ge­nüg­sam! Der weit­aus be­ste Un­ter­ti­tel: Ein idio­ti­sches Ta­ge­buch. Das wä­re di­stin­gu­iert, iro­nisch und »catchy« ge­we­sen.
    Wenn ich den Ak­zent rich­tig ver­ste­he, sucht Man­gold im Ti­tel die Über­trei­bung, bzw. setzt ein un­sicht­ba­res Fra­ge­zei­chen. Die Zei­ten wech­seln von ei­ner ver­schwom­me­nen Mo­no­to­nie auf dra­sti­sche Kon­fron­ta­tio­nen, aber der Platz des zu­rück­ge­zo­ge­nen Be­ob­ach­ters ver­än­dert sich nicht.
    Wenn ich den po­li­ti­schen Ge­halt die­ser An­sich­ten kri­ti­sie­re, dann vor­al­lem weil er die Ver­än­de­run­gen gar nicht aus­führ­lich be­nennt. Es sind Ver­än­de­run­gen der »in­ne­ren Land­kar­te«, all die hüb­schen klei­nen Fähn­chen, die vor­her nicht da wa­ren, bzw. von grün auf rot wech­seln. Das ist ei­ne Fra­ge des For­mats, ge­wiss, folgt aber im­mer noch ei­ner schon we­sent­lich äl­te­ren (deut­schen?) Un­tu­gend, näm­lich der Un­ter­ent­wick­lung des po­li­ti­schen Den­kens zu­gun­sten des »Stamm­ti­sches«. Ja, ir­gend­wie scheint Man­gold zu be­grei­fen, wo das Pro­blem liegt: zwi­schen In­fo­sphä­re und Ge­müt­lich­keit.

  5. Das ich zu mil­de bin, hat man lan­ge nicht mehr ge­sagt.

    Viel­leicht wird man ge­nüg­sam, wenn man den Mist, den man in den »so­zia­len Me­di­en« vor­ge­setzt be­kommt, da­ge­gen sieht. Da ist dann je­mand, der mit dem Vor­han­de­nen ein biss­chen post­mo­dern her­um­spielt, oh­ne gleich in die üb­li­chen Hy­ste­rie- bzw. Pa­nik­mu­ster zu ver­fal­len. Und ja, viel­leicht ein (klei­nes) Hoch auf den Stamm­tisch...

  6. »Ge­set­ze spie­geln kei­ne Wahr­heit.« – Stimmt.

    Sind sie des­we­gen be­lie­big? Nein.

    Wie kommt man aus die­sem Wi­der­spruch wie­der raus?

    Je­den­falls braucht man da­zu nicht un­be­dingt Carl Schmitt (oder Tho­mas Hob­bes). Au­ßer man wä­re – wie ge­le­gent­lich Il­jo­ma Man­gold – vor­mo­dern un­ter­wegs.

    Sein Vor­wurf an Alex­an­der Gau­land, die­ser sei ir­gend­wie un-ame­ri­ka­nisch zielt – der Wahr­heit die Eh­re – an die­sem vor­bei. Es ist ei­ne Sa­che, mit Carl Schmitts knall­har­tem Au­to­ri­ta­ris­mus zu ko­ket­tie­ren, wie Il­jo­ma Man­gold das of­fen­bar mit Gu­sto tut, und ei­ne an­de­re Sa­che, je­mand an­de­ren ei­ne sol­che Hal­tung un­be­legt zu un­ter­stel­len.

    Der Iro­ni­ker kann frei­lich im­mer sa­gen: Ja, bei mir ist das aber al­les ganz an­ders. Ich lü­ge nicht, ich ha­be mich – halt – ge­irrt.

    Ja, klar.

    Da se­he ich üb­ri­gens ei­nen Un­ter­schied zu En­zens­ber­ger, der durch­aus weiß, wann es ans Ein­ge­mach­te geht, und dass Iro­nie dann fehl am Plat­ze ist.

    Wer die­se Re­gel nicht rich­tig an­wen­det, wird in der Tat schnell lang­wei­lig. In­so­fern zäh­le ich auch Il­jo­ma Man­gold hie und da (al­so nicht, mit Goe­then zu re­den: durch­aus) zu den Post­mo­der­nen.

  7. Man­gold hat mit Au­to­ri­ta­ris­mus nichts am Hut. Das Ko­ket­tie­ren mit Fi­gu­ren von Schmitt schon eher. Im Ge­gen­satz da­zu sieht er al­ler­dings die In­sti­tu­tio­nen als Ga­ran­ten für po­li­ti­sche Ba­lan­ce.

    Le­sen Sie Gau­lands Text zu Walsers Ro­man – und ver­glei­chen Sie dann den neu­en »Vo­gel­schiss-Gau­land«. Sie wer­den den Un­ter­schied mit Hän­den grei­fen kön­nen.

  8. Lie­ber Gre­gor Keu­sch­nig, In­sti­tu­tio­nen sind das ei­ne, aber Ge­set­ze das an­de­re, und Wahr­heit ist noch­mal was an­de­res. Man kann sehr wohl voll­kom­men au­to­ri­ta­tiv sein, wie Il­jo­ma Man­gold, und al­so wie er Wahr­heit und Au­to­ri­tät kurz­schlie­ßen, und gleich­zei­tig die Stär­ke von In­sti­tu­tio­nen her­vor­he­ben, wie Il­jo­ma Man­gold das in Ih­rem Bei­spiel eben­falls tut. Die Li­ste (auch lin­ker) Carl Schmitt Le­ser, ist lang, die ge­nau das tun (und ta­ten). 

    Ich mag, be­sei­te ge­spo­chen, Ih­re Re­zen­sio­nen auch we­gen der Ma­te­ri­al­fül­le gern, die Sie dem Le­ser bie­ten.
    I
    Il­jo­ma Man­gold hat sich an der von Ih­nen ganz zu recht zi­tier­ten Stel­le als über­aus re­ak­tio­nä­rer Geist aus­ge­wie­sen. Ich weiß ganz gut, wie der­lei dann wei­ter­geht, und ha­be es oben treu­lich ver­merkt: Leu­te wie Man­gold müs­sen nichts fürch­ten we­gen ih­rer au­to­ri­tä­ren Ver­ir­run­gen, weil man ih­nen im­mer zu­bil­ligt, dass sie im Her­zen li­be­ral sei­en und men­schen­freud­lich. Das wal­tet die ubi­qui­tä­re Iro­nie, die es der In­ner­lich­keit stets er­laubt, sich ge­schützt zu wis­sen vor der Macht. – Und das war – die Sa­che wird an die­ser Stel­le frei­lich nicht über­sicht­li­cher – , das ge­nau war Mar­tin Walsers Ein­wand ge­gen (u. a. ) den au­to­ri­ta­ti­ven Tho­mas Mann der  »Be­trach­tun­gen ei­nes Un­po­li­ti­schen«.
     
    Hier wur­zelt Walsers Kri­tik der Iro­nie als Re­si­du­um der bür­ger­li­chen Un­ein­deu­tig­keit, die im Grun­de, so der mitt­le­re Wal­ser und er mitt­le­re Mar­cu­se Seit’ and Seit’, be­deu­tet, dass der gu­te Bür­ger stets weiß, wo­her der Wind weht; die Iro­nie wird so buch­stäb­llich zum (men­ta­len) Schmier­mit­tel, das den rei­bungs­lo­sen Be­trieb ga­ran­tiert – und den Bür­ger wun­der­sa­mer Wei­se im­mer wie­der auf die Fü­ße fal­len lässt. Tcha, die Iro­nie, gut und um­sich­tig ap­pli­ziert, hat als Kul­tur­tech­nik (und Bathes’scher Ha­bi­tus) ei­ne mäch­ti­ge Heil­wir­kung und ge­hört in­so­fern zu den wich­tig­sten zi­vi­len Waf­fen im bür­ger­li­chen Le­ben – nicht zu­letzt, wenn es hart auf hart geht.

    Gau­land ar­gu­men­tiert nun in sei­nem FAZ-Text ge­gen Wal­ser ge­nau so, wie ich oben ge­gen Il­jo­ma Man­gold und wie – Mar­tin Wal­ser wei­land ge­gen Tho­mas Mann. Gau­land macht das ein we­nig höl­zern, aber in der Sa­che völ­lig un­miss­ver­ständ­lich und kon­se­quent: Er sagt, dass die ra­di­kal sub­jek­ti­ve Per­spek­ti­ve, die der Er­zäh­ler Wal­ser im sei­nem Schlüs­sel­ro­man »Finks Krieg« ge­ge­gen den rea­len Funk­ti­ons­trä­ger im in­sti­tu­tio­nel­len Ge­fü­ge der hes­si­schen Lan­des­re­gie­rung Alex­an­der Gau­land ein­nimmt, ei­nen im Grun­de iro­nisch-me­lan­cho­li­schen Schein-Sieg zei­tigt über ge­nau die­sen hes­si­schen Staats­se­kre­tär im Na­men ei­nes – psy­chisch nicht ganz zu­rech­nungs­fä­hi­gen – Au­ßen­sei­ters.

    Das ist – hal­ten zu Gna­den – Wal­ser als Statt­hal­ter des (durch­aus un­red­li­chen, ge­le­gent­lich so­gar: Quel­len fäl­schen­den) Mi­chel Fou­cault von »Wahn­sin und Ge­sell­schaft«: –  Ra­di­kal im Na­men der ver­letz­ten In­di­vi­dua­li­tät ge­gen die In­sti­tu­tio­nen, die als rei­ne Zu­mu­tun­gen ver­stan­den wer­den. Auch das kön­nen die mo­der­nen In­sti­tu­tio­nen und die sie be­herr­schen­den Funk­ti­ons- und Macht­eli­ten durch­aus sein, so Gau­land in der FAZ, und jetzt wird es noch ei­nen Tick un­über­sicht­li­cher, aber sie müs­sen es nicht ih­rer Na­tur nach sein! 

    Gau­land wirft Wal­ser aus­drück­lich nicht vor, dass er über­haupt in Er­wä­gung zieht, dass In­sti­tu­tio­nen dys­funk­tio­na­le und un­mensch­li­che Ent­schei­dun­gen her­vor­brin­gen, er kri­ti­siert frei­lich, dass Wal­ser ei­ne un­mensch­li­che Per­spek­ti­ve auf das hes­si­sche Estab­lish­ment be­haup­tet, weil sein Held nun ein­mal so emp­fin­det. Was der Er­zäh­ler Wal­ser au­ßer acht lässt, so Gau­land, ist,  wie un­ge­schickt, wie un­sin­nig, wie ver­quer, wie lü­gen­haft, wie selbst­ge­recht die­ser Walser­sche Held sel­ber im re­la­en hes­si­schen In­sti­tu­tio­nen­ge­fü­ge und Per­so­nal­ge­flecht ge­han­delt hat. Wal­ser bleibt auch dann noch der treue Die­ner sei­nes an­ti­bür­ger­li­chen Hel­den, so alex­an­der Gau­land, wo die­ser schon längst kei­ner mehr ist. – Haupt­sa­che In­sti­tu­tio­nen­kri­tik. – Haupt­sa­che Krieg.

    II

    Der üb­li­che bür­ger­li­che Um­gang mit Ir­run­gen und Wir­run­gen ver­trägt al­so durch­aus Iro­nie, auch un­sach­li­che Kri­tik, selbst den ge­müt­li­chen lin­ken Au­to­ri­ta­ris­mus der sehr schwar­zen Sor­te à la Il­jo­ma Man­gold. Vor­aus­ge­setzt frei­lich, es han­delt sich nicht um Irr­tü­mer, die die zwölf ei­gent­li­chen deut­schen Jah­re be­tref­fen, ne­ben de­nen al­les an­de­re Deut­sche als not­wen­dig Un­ei­gent­lich zu er­schei­nen ha­be.

    Deutsch sein heißt nun­mehr die all­zei­ti­ge An­er­kennt­nis der Grund­ver­dro­ben­heit al­les Deut­schen. Auch das ist frei­lich in je­nem Sin­ne me­ga­lo­man, den einst Hein­rich Hei­ne un­ter aus­drück­li­chem Be­zug auf Goe­the und mit aus­drück­li­chem Be­zug auf ro­man­ti­sche und – ver­spie­ßer­te – Ir­run­gen und Wir­run­gen, als ge­nu­in un­sin­nig ge­gei­ßelt hat in sei­ner hin­reiß­den­den »Ge­schich­te der Re­li­gi­on und Phi­lo­so­phie in Deutsch­land«.

    Hei­ne war da­bei in ei­ner Wei­se iro­nisch, die auch Mar­tin Wal­ser und auch Il­jo­ma Man­gold wie auch Alex­an­der Gau­land und Tho­mas Mann grad au no ja durch­aus ein­leuch­te­te. Thi­lo Sar­ra­zin, dem treu­en Goe­thea­ni­schen – - Ecker­mann – - – so­wie­so, er ist ei­ner der we­ni­gen, die in den letz­ten Jah­ren tat­säch­lich Goe­the in ex­ten­so in po­li­ti­cis zi­tiert ha­ben, die Län­ge und Brei­te, üb­ri­gens, in sei­nem an­ti-PC Buch »Der Neue Tu­gend­ter­ror«.

    III

    Die­ses Buch Thi­lo Sar­ra­zins wird in Schwei­ze­ri­schen – li­be­ra­len – Krei­sen als höchst will­kom­me­ner Dis­kus­si­ons­an­lass und als Chan­ce auch für den ge­nu­in li­be­ra­len Dis­kurs ge­se­hen – in der NZZ nicht  zu­letzt – - – von Gerd Ha­ber­mann.

    Oh – und heu­te haar­ge­nau, am 15. 10. 2020,  schreibt – Si­mon Strauß, ne, in der FAZ, dass man sich auch hier­zu­lan­de dem schwei­ze­ri­schen Li­be­ra­lis­mus öff­nen sol­le – links wie rechts. – Der Schwei­ze­ri­sche »Mo­nat« ist üb­ri­gens des­sen Haus­or­gan, ich sags bloß noch­mal.

    Si­mon Strauß hat im Som­mer auch ei­ne Lan­ze für das In­tel­lec­tu­al Dark Web und ver­wand­te Gei­ster ge­bro­chen – und auch da, in die­sem In­tel­lec­tu­al Dark Web, ist Thi­lo Sar­ra­zin ein re­spek­tier­ter Deut­scher Au­tor, auf den nicht zu­letzt Dou­glas Mur­ray (»Der Wahn­sinn der Mas­sen«, »Der Selbst­mord Eu­ro­pas«) wie auch Da­vid Good­hart (»The Road to So­me­whe­re«) aus­führ­lich zu spre­chen kom­men – auch im – li­be­ra­len – eng­li­schen Spec­ta­tor, nicht zu­letzt.

  9. Wit­zig al­lei­ne, als Sie »Il­jo­ma Man­gold« schrie­ben und den glei­chen Vor­na­men­feh­ler be­gin­gen wie sein Ver­lag in ei­ner Vor­ankün­di­gung auf Face­book, die dort im­mer noch un­kor­ri­giert steht. (Dem Ver­kauf des Bu­ches tut’s kei­nen Ab­bruch.)

    Ih­re Ode an Sar­ra­zin ist ha­ne­bü­chen. Was er mit Goe­the und/oder Ecker­mann zu tun ha­ben soll, er­schließt sich mir nicht. Las­sen wir’s. Hier geht es um Man­gold.

  10. Man­gold ha­be ich nur ge­le­gent­lich mal im Feuil­le­ton ge­le­sen, so dass ich der po­li­ti­schen Ein­ord­nung des vor­lie­gen­den Wer­kes un­ter »au­to­ri­ta­tiv« nicht wi­der­spre­chen kann, aber sie über­rascht mich schon.

    Die Sor­tie­rung in Links-Rechts-Sche­ma fin­de ich im­mer un­frucht­ba­rer und wird, so mein Ein­druck, meist von Leu­ten be­trie­ben, die sich z.B. auf Twit­ter ge­zielt ideo­lo­gisch ver­na­geln. Schrift­stel­ler sind da­von auch nicht ge­feit. Eu­gè­ne Io­nes­cos »Ge­gen­gif­te« ist für mich so ein Bei­spiel für ei­ne dok­tri­nä­re Er­star­rung: ein re­flex­haf­tes, ge­bets­müh­len­haf­tes Ein­dre­schen auf den po­li­ti­schen Geg­ner, dass es selbst schon geist­los wird und die Dumm­heit zeigt, die es im Geg­ner be­kämp­fen will. Da ist die po­li­ti­sche Coleur des sich Äu­ßern­den dann auch völ­lig egal.

  11. @ Por­kyas – Ja, es gibt ei­nen po­li­ti­schen Au­to­ma­tis­mus, der sich schnell tot­läuft auch auf Sei­ten von Schrift­stel­lern und In­tel­lek­tu­el­len. Das ist der Fluch von PC ‑Thi­lo sar­ra­zin hat das sehr schön her­aus­ge­ar­be­tiet in sei­nem Buch »Der Neue Tu­gend­ter­ror«,  – dass PC die öf­fent­li­che Daé­bat­te, al­so das Herz der De­mo­kra­tie, in­kom­mo­diert – nicht zu­letzt durch die in­tel­lek­tu­el­le Lan­ge­wei­le, die PC-De­bat­ten zei­ti­gen. Dass Goe­the vie­les da­von ge­se­hen – und durch­schaut hat, ist viel­leicht schon ein we­nig ab­ge­sun­ke­nes Kul­tur­gut, stimmt aber.

    @ Gre­gor Keu­sch­nig

    Ja, die Schwei­zer Li­be­ra­len se­hen Thi­lo Sar­ra­zin emt als Ge­winn, ins­be­son­de­re sein P C Buch »Der Neue Tu­gend­ter­ror«. Und die Klam­mer zwi­schen Si­mon Strauß und – vie­len Dank ‑Ijo­ma Man­gold ist ja ganz of­fen­bar. Es ist auch klar, dass Ijo­ma Man­gold sich auf nicht zu­letzt auf Thi­lo Sar­ra­zin in sei­nem Buch be­zieht, auch auf Da­vid Good­hart und des­sen phä­no­me­na­les Buch »Road to So­me­whe­re«, das – Alex­an­der Gau­land – in ei­nem Gast­bei­trag in der FAZ vor ca. zwei Jah­ren prak­tisch pa­ra­phra­sier­te, was Il­jo­ma Man­gold wis­sen dürf­te, wie ich an­neh­me. Auch auf Uwe Tell­kamp und die »Buch­änd­le­rin des Jah­res« Su­san­ne Da­gen be­zog sich Il­jo­ma Man­gold wie­der­holt:

    https://www.zeit.de/2019/23/uwe-tellkamp-schriftsteller-kulturstadt-dresden-meinungsfreiheit

    Ijo­ma Man­gold sagt in die­sem Ar­ti­kel et­was Merk­wür­di­ges, näm­lich, falls ich das ganz rich­tig er­in­nern soll­te, dass ihn die Be­geg­nung mit dem Va­ter Tell­kamps in Su­san­ne Da­gens Buch­hand­lung, wie über­haupt die Ge­sprä­che, die er im so­zu­sa­gen Gau­land-na­hen Dresd­ner Mi­lieu führ­te – er­mü­de­ten bzw. an­streng­ten. Ja, er schrieb, die­se Ge­sprä­che sei­en für ihn an­stren­gend ge­we­sen. Fand ich be­mer­kens­wert – ich dach­te: Huch, wie­so das denn? Lau­ter zi­vi­li­sier­te Leu­te, Re­de und Ge­gen­re­de, das nor­mal­ste der Welt. Wo­her bloß die Er­mü­dung? – Dann dach­te ich: Ver­mut­lich von den Fall­gru­ben, die den HH-Ex­pe­dien­ten Ijo­ma Man­gold in Dres­den plötz­lich um­ga­ben, und die er nun klaf­ter­tief vor sich sah – da kann der li­be­ra­le Mann leicht dar­in ver­schwin­den, wenn er nicht auf­passt. – Ist es Thi­lo Sar­ra­zin nicht  auch so ge­gan­gen?
    Noch ein Nach­trag zu Si­mon Strauß’ gest­ri­gem FAZ-Ar­ti­kel, es doch auch hier mehr so zu ma­chen, wie die tap­fe­ren Schwei­ze­ri­schen Li­be­ra­len – Si­mon Strauß er­wähn­te da auch Met­te Fre­de­rik­sen aus­drück­lich. – Die Dä­ni­sche so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Re­gie­rungs­chefin, die 1:1 vie­le der Vor­schlä­ge – Thi­lo Sar­ra­zins – - prak­tisch um­setzt und die – wie Sar­ra­zin – den is­la­mi­schen Zu­zug ganz oh­ne Scheu um Um­schwei­fe als per se pro­ble­ma­tisch be­zeich­net.  

  12. Herr Kief, den Ar­ti­kel von Man­gold über Tell­kamp kann man oh­ne Abo scheint mir nicht le­sen. Ein Un­ding so­was.

    Bit­te nix mehr zu Sar­ra­zin; Sie ver­eh­ren ihn, ich hal­te ihn für ei­ne Ma­rio­net­te. Den­noch ha­be ich ihn ge­le­sen und hier auch be­spro­chen. Es ge­nügt.

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