Jer­zy Jedlicki: Die In­tel­lek­tu­el­len als eu­ro­päi­sche Spe­zi­es

Der Grund­zug der neu­en Zeit ist nicht die Fe­stig­keit der Über­zeu­gun­gen – da­von hat­ten wir im­mer mehr als ge­nug -, son­dern im Ge­gen­teil ei­ne Un­ge­wiss­heit, die selbst je­ne Den­ker nicht ver­schont, die mit dem Ab­so­lu­ten auf ver­trau­tem Fuss ste­hen, die aber wis­sen, dass hei­li­ge Ge­bo­te nur sehr ver­schwom­me­ne Hin­weis ge­ben, wie man in kon­flikt­träch­ti­gen und un­über­sicht­li­chen Si­tua­tio­nen zu ur­tei­len und zu han­deln ha­be. Die Ethik der Er­kennt­nis heisst uns grö­sse­ren Re­spekt vor ehr­lich ein­ge­stan­de­nen Zwei­feln als vor un­zu­rei­chend be­grün­de­ten Über­zeu­gun­gen zu ha­ben. So kann der Re­spekt vor der Wahr­heit pa­ra­do­xer­wei­se zu ei­ner Schwä­chung un­se­rer mo­ra­li­schen Ent­schlos­sen­heit im han­deln füh­ren.

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Die au­to­ri­tä­re Mo­der­ne – Pao­lo Flo­res d’Arcais schiesst auf Ha­ber­mas und trifft sich selbst

In der ak­tu­el­len Aus­ga­be der »Zeit« ist ein Auf­satz des ita­lie­ni­schen Phi­lo­so­phen Pao­lo Flo­res d’Arcais auf Jür­gen Ha­ber­mas’ Auf­satz­samm­lung »Zwi­schen Na­tu­ra­lis­mus und Re­li­gi­on« mit dem wuch­ti­gen Ti­tel »Elf The­sen zu Ha­ber­mas« er­schie­nen.

We­ni­ger die Kri­tik als der Zeit­punkt über­rascht. Schliess­lich ist Ha­ber­mas’ Buch vor mehr als zwei Jah­ren er­schie­nen. Die von Flo­res d’­Ar­cais vor­ge­brach­ten Vor­wür­fe, Ha­ber­mas wür­de die Mo­der­ne zu Gun­sten ei­ner ver­stärk­ten Re­li­gio­si­tät op­fern sind auch nicht neu. War­um al­so jetzt? Es dürf­te kaum an­zu­neh­men sein, dass der Au­tor bis­her kei­ne Zeit hat­te, das Buch zu le­sen. Viel­mehr er­scheint die Ge­le­gen­heit in An­be­tracht des der­zeit pu­bli­zi­stisch ve­he­ment vor­ge­brach­ten »neu­en Athe­is­mus« gün­stig. Das The­ma ist en vogue, die Ba­stio­nen der Re­li­gio­nen wer­den sturm­reif ge­schos­sen und war­um nicht qua­si als Ne­ben­ef­fekt gleich ei­nen füh­ren­den Re­prä­sen­tan­ten der eu­ro­päi­schen Lin­ken at­tackie­ren.

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Ul­rich Beck: Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft

Ulrich Beck: Weltrisikogesellschaft
Ul­rich Beck: Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft

Im Ge­gen­satz zu den klas­si­schen Mensch­heits­ka­ta­stro­phen der Ver­gan­gen­heit (Na­tur­ka­ta­stro­phen; Seu­chen) ste­hen heu­te als Re­sul­ta­te be­wuss­ter Ent­schei­dun­gen die Ri­si­ken, die von in­du­stri­el­len Gross­tech­ni­ken aus­ge­hen. Sie bre­chen nicht schick­sal­haft über uns her­ein, sie sind viel­mehr von uns selbst geschaffen…hervorgegangen aus der Ver­bin­dung von tech­ni­schem Nut­zen und öko­no­mi­schen Nut­zen­kal­kül. Die­se Ri­si­ken, die nicht an den Gren­zen von mensch­lich ge­schaf­fe­nen, al­so künst­li­chen Na­tio­nal­staa­ten Halt ma­chen, son­dern glo­ba­le Aus­wir­kun­gen ha­ben kön­nen, un­ter­sucht Ul­rich Beck in sei­nem Buch über die Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft.

Beck lässt kei­nen Zwei­fel: Die mo­der­ne Ge­sell­schaft krankt nicht an ih­ren Nie­der­la­gen, son­dern an ih­ren Sie­gen. Die Pro­ble­me der von ihm suk­zes­si­ve ent­wickel­ten Welt­ri­si­ko­ge­sell­schaft sind dem­zu­fol­ge nicht Pro­duk­te feh­ler­haf­ten Han­delns, son­dern im­ma­nent im Han­deln in mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten an­ge­legt. Die Lö­sung der Pro­ble­me der Welt hat wie­der neue Pro­ble­me ge­schaf­fen. Die­se Pro­ble­me nennt er Ri­si­ko:

    Ri­si­ko ist nicht gleich­be­deu­tend mit Ka­ta­stro­phe. Ri­si­ko be­deu­tet die An­ti­zi­pa­ti­on der Ka­ta­stro­phe. Ri­si­ken han­deln von der Mög­lich­keit künf­ti­ger Er­eig­nis­se und Ent­wick­lun­gen, sie ver­ge­gen­wär­ti­gen ei­nen Welt­zu­stand, den es (noch) nicht gibt. Wäh­rend die Ka­ta­stro­phe räum­lich, zeit­lich und so­zi­al be­stimmt ist, kennt die An­ti­zi­pa­ti­on der Ka­ta­stro­phe kei­ne raum-zeit­li­che oder so­zia­le Kon­kre­ti­on. […] In dem Au­gen­blick, in dem Ri­si­ken Rea­li­tät wer­den – wenn ein Atom­kraft­werk ex­plo­diert, ein ter­ro­ri­sti­scher An­griff statt­fin­det – ver­wan­deln sie sich in Ka­ta­stro­phen. Ri­si­ken sind im­mer zu­künf­ti­ge Er­eig­nis­se, die uns mög­li­cher­wei­se be­vor­ste­hen, uns be­dro­hen. Aber da die­se stän­di­ge Be­dro­hung un­se­re Er­war­tun­gen be­stimmt, un­se­re Köp­fe be­setzt und un­ser Han­deln lei­tet, wird sie zu ei­ner po­li­ti­schen Kraft, die die Welt ver­än­dert.

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Zwei­mal »Ich nicht« oder: War­um er­regt sich Jür­gen Ha­ber­mas ei­gent­lich?

In sei­ner Au­to­bio­gra­fie »Ich nicht« kol­por­tiert Joa­chim Fest ge­gen En­de ei­ne An­ek­do­te: Auf ei­ner Ge­burts­tags­fei­er in den 80er Jah­ren ha­be ein ehe­dem Un­ter­ge­be­ner ihm als sei­nem frü­he­ren HJ-Vor­­­ge­­set­z­ten ein von die­sem im Früh­jahr 1945 ver­faß­tes Schrei­ben über den Tisch ge­reicht, das ein lei­den­schaft­li­ches Be­kennt­nis zum Füh­rer und die un­er­schüt­ter­li­che Er­war­tung des End­sie­ges ent­hielt. Oh­ne ei­nen ...

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Ein Stück­chen Stoff

Zum Zeit­punkt des In­ter­views von Frank Schirr­ma­cher mit Ali­ce Schwar­zer war das »Kopf­tuch­ur­teil« des Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­ge­rich­tes noch nicht ge­spro­chen. Dort war am 7. Ju­li ei­ner Leh­re­rin Recht ge­ge­ben wor­den, ihr Kopf­tuch auch wei­ter­hin wäh­rend des Un­ter­richts zu tra­gen. Die Rich­ter er­klär­ten das von An­net­te Scha­van vor ei­ni­gen Jah­ren ei­lig ge­flick­schu­ster­te Schul­ge­setz, wel­ches das Kopf­tuch für ...

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