Die au­to­ri­tä­re Mo­der­ne – Pao­lo Flo­res d’Arcais schiesst auf Ha­ber­mas und trifft sich selbst

In der ak­tu­el­len Aus­ga­be der »Zeit« ist ein Auf­satz des ita­lie­ni­schen Phi­lo­so­phen Pao­lo Flo­res d’Arcais auf Jür­gen Ha­ber­mas’ Auf­satz­samm­lung »Zwi­schen Na­tu­ra­lis­mus und Re­li­gi­on« mit dem wuch­ti­gen Ti­tel »Elf The­sen zu Ha­ber­mas« er­schie­nen.

We­ni­ger die Kri­tik als der Zeit­punkt über­rascht. Schliess­lich ist Ha­ber­mas’ Buch vor mehr als zwei Jah­ren er­schie­nen. Die von Flo­res d’­Ar­cais vor­ge­brach­ten Vor­wür­fe, Ha­ber­mas wür­de die Mo­der­ne zu Gun­sten ei­ner ver­stärk­ten Re­li­gio­si­tät op­fern sind auch nicht neu. War­um al­so jetzt? Es dürf­te kaum an­zu­neh­men sein, dass der Au­tor bis­her kei­ne Zeit hat­te, das Buch zu le­sen. Viel­mehr er­scheint die Ge­le­gen­heit in An­be­tracht des der­zeit pu­bli­zi­stisch ve­he­ment vor­ge­brach­ten »neu­en Athe­is­mus« gün­stig. Das The­ma ist en vogue, die Ba­stio­nen der Re­li­gio­nen wer­den sturm­reif ge­schos­sen und war­um nicht qua­si als Ne­ben­ef­fekt gleich ei­nen füh­ren­den Re­prä­sen­tan­ten der eu­ro­päi­schen Lin­ken at­tackie­ren.

Un­ab­hän­gig da­von, ob nun Ha­ber­mas tat­säch­lich in grund­sätz­li­cher Art ei­nen Ruck zur Tran­szen­denz voll­zo­gen hat (das deutsch­spra­chi­ge Feuil­le­ton neig­te da­zu, dem sei­ner­zeit zu wi­der­spre­chen), kann man ex­em­pla­risch an­hand »The­se 7« d’­Ar­cais’ Ar­gu­men­ta­ti­on als reich­lich über­zo­gen auf­zei­gen:

Ha­ber­mas’ Aus­sa­ge »Fai­re Re­ge­lun­gen kön­nen nur zu­stan­de kom­men, wenn die Be­tei­lig­ten ler­nen, auch die Per­spek­ti­ven der je­weils an­de­ren zu über­neh­men« ist ir­rig. War­um soll­ten wir ler­nen, aus­ge­spro­chen an­ti­de­mo­kra­ti­sche Sicht­wei­sen zu über­nehmen, al­so uns zu ei­gen zu ma­chen? War­um soll­ten wir uns auf den Stand­punkt des Na­zis, des Ras­si­sten, des Fun­da­men­ta­li­sten stel­len?

Flo­res d’­Ar­cais irrt – und das muss schon mit ei­ni­gem Wil­len zum Irr­tum ver­bun­den sein – wenn er un­ter­stellt, Ha­ber­mas mei­ne, dass die je­weils an­de­re Per­spek­ti­ve in dem Sin­ne zu über­neh­men sei, dass sie ad­ap­tiert, d. h. zu­ge­eig­net wer­den soll. Das ist si­cher­lich nicht der Fall. Aber im Rah­men von Ha­ber­mas’ Mo­dell (Ide­al­zu­stand) des »herr­schafts­frei­en Dis­kur­ses« ist ei­ne ge­wis­se Ein­füh­lung für die The­sen des an­de­ren durch­aus not­wen­dig. Hier darf na­tür­lich Em­pa­thie nicht mit Sym­pa­thie ver­wech­selt wer­den. Und an den dis­kurs­ethi­schen, zu­ge­ge­be­ner­ma­ssen reich­lich theo­re­ti­schen Im­pe­ra­tiv, dass »nur die Nor­men Gel­tung be­an­spru­chen dür­fen, die die Zu­stim­mung al­ler Be­trof­fe­nen als Teil­nehmer ei­nes prak­ti­schen Dis­kur­ses fin­den (oder fin­den könn­ten)“ sei in die­sem Zu­sam­men­hang er­in­nert.

Zwangs­sä­ku­la­ri­sie­rung als Zu­gang zum Dis­kurs­raum?

Das löst na­tür­lich kei­nes­falls das Pro­blem, wie mit no­to­ri­schen Dis­kurs­ver­wei­ge­rern um­zu­ge­hen ist. Und ei­gent­lich ist die Dis­kus­ethik im Mo­dell von Apel und Ha­ber­mas selbst als blo­sses Ver­hand­lungs- bzw. Ver­hal­tens­mo­dell den ho­hen Am­bi­tio­nen nie ge­recht wor­den. Aber per se die Mo­der­ne (wie im­mer man die­se nun de­fi­niert) als Ausschluss­gesellschaft für ab­wei­chen­de Strö­mun­gen zu ver­ste­hen, ist nichts an­de­res als au­to­ri­tär. Be­zo­gen auf Na­zis oder Ras­si­sten mag dies noch nach­voll­zieh­bar sein, und im Zwei­fel ist dann das Vo­tum der Mehr­heits­ge­sell­schaft (mit al­len Am­bi­va­len­zen al­ler­dings – sie­he un­ten) der »Zu­stim­mung al­ler Be­trof­fe­nen« vor­zu­zie­hen. Re­li­gi­ös ar­gu­men­tie­ren­de oder auch nur sich re­li­gi­ös ge­ben­de Dis­kurs­teil­neh­mer je­doch erst dann in die Mo­der­ne ein­zu­las­sen, wenn die­se ih­ren re­li­giö­sen Vor­stel­lun­gen (auch und viel­leicht ge­ra­de, was mo­ra­li­sche und ethi­sche Fra­gen an­geht) ent­sa­gen, sie al­so qua­si in ei­nem Zulassungsver­fahren erst durch ei­ne Zwangs­sä­ku­la­ri­sie­rung in die (Diskurs-)Gesellschaft ein­zu­las­sen (bei Flo­res d’­Ar­cais hat man so­gar den Ein­druck, dass ein Lai­zis­mus ok­troy­iert wer­den soll), ist ein zu­tiefst an­ti­de­mo­kra­ti­scher Im­puls.

Die­ses Den­ken ist – das muss man der Fair­ness hal­ber sa­gen – bei Flo­res d’­Ar­cais nicht neu. In ei­nem Auf­satz aus dem Jahr 2005 mit dem alar­mi­sti­schen Ti­tel »Ist Ame­ri­ka noch ei­ne De­mo­kra­tie?« schreibt er: An­hän­ger der li­be­ra­len De­mo­kra­tie sind lai­zi­stisch, sä­kularisiert und prag­ma­tisch. Ei­ne in­ter­es­san­te Auf­zäh­lung. Wei­ter heisst es – durch­aus em­phatisch: Ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie muss die Macht al­ler In­di­vi­du­en sein.. Ve­he­ment setzt er sich für Kon­troll­in­sti­tu­tio­nen der Macht­aus­übung ein. Ei­ne nicht ein­ge­bun­de­ne, kon­trol­lier­te, so­zu­sa­gen ge­fes­sel­te Macht droht – so der wei­ter­ge­hen­de Schluss – irgend­wann in ei­ne Dik­ta­tur des Kon­sen­ses, in frei­heits­feind­li­chen Po­pu­lis­mus um­zu­schla­gen.

»Die Dik­ta­tur des Kon­sens«

Über die Am­bi­va­lenz (und auch Wi­der­sprüch­lich­keit) die­ser The­se müss­te man se­pa­rat dis­ku­tie­ren. Mir ge­fällt der Be­griff der Dik­ta­tur des Kon­sen­ses nicht. Die Fried­hö­fe der Welt wur­den über Jahr­hun­der­te ge­füllt von Herr­schern, die den Kon­sens ver­ach­te­ten und ih­re ei­ge­ne Dok­trin ab­so­lut setz­ten. Im 20. Jahr­hun­dert brauch­te man hier­für nicht mal mehr die Re­li­gio­nen, die ent­we­der zum er­bärm­li­chen Zu­schau­er (und so­mit in­di­rekt wie­der zum Tä­ter) oder sel­ber Ge­gen­stand der Re­pres­si­on wur­den.

Über die wei­te­re Fort­set­zung der Ar­gu­men­ta­ti­on, ob nun Ame­ri­ka noch ei­ne De­mo­kra­tie ist oder nicht, möch­te ich nicht ein­ge­hen. Nur so­viel: Der Spa­gat zwi­schen der Ne­ga­ti­on ei­nes ir­gend­wie ge­ar­te­ten or­ga­ni­schen Vol­kes – was er (rich­ti­ger­wei­se) ab­lehnt – und sei­nes Kon­strukts ei­nes Ensemble[s] der strei­ten­den In­di­vi­du­en, in dem auch Minder­heiten ih­re ad­äqua­te Po­si­ti­on be­kom­men, dürf­te schwer ge­lin­gen. Im wei­te­ren Ver­lauf sei­ner Aus­füh­run­gen zeigt sich Flo­res d’­Ar­cais üb­ri­gens nicht ab­ge­neigt, als ei­ne Art »gut­mü­ti­ger Dik­ta­tor« über­all dort »kor­ri­gie­rend« ein­zu­grei­fen, wo er Frei­heits­rech­te in sei­nem Sinn ein­ge­schränkt sieht. Dem Teu­fels­kreis, Frei­heit durch par­ti­el­le Ein­schränkung an­de­rer »Frei­hei­ten« zu be­för­dern, ver­mag er auch hier nicht zu ent­ge­hen.

Zu­rück zur Ha­ber­mas-Kri­tik. Wie will man aber das Re­li­giö­se (bzw. re­li­gi­ös argu­mentierende Bür­ger) in die Mo­der­ne bzw. in ei­ne der Mo­der­ne ver­pflich­te­te, li­be­ra­le, de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft ein­bin­den, wenn man un­ter­stellt, dass sie auf­grund ih­rer Re­li­gio­si­tät die­sem Pro­jekt a prio­ri feind­lich ge­son­nen sind? Be­wegt man sich dann nicht in ex­akt je­ner Ge­sin­nungs­kon­trol­le, wie sie bei­spiels­wei­se vom Chri­sten­tum und de­ren In­sti­tu­tio­nen jahr­hun­der­te­lang sel­ber prak­ti­ziert wur­de?

Flo­res d’­Ar­cais be­gibt sich da­mit auf die Ar­gu­men­ta­ti­on der ag­gres­siv da­her­kom­men­den Athe­isten­be­we­gung, die für sich aus der Ge­schich­te ei­ne Art aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit ab­lei­tet. Das ist un­ge­fähr so, als wol­le ein Va­ter sei­nem Kind nun auch ein­mal die Stra­fen auf­er­le­gen, die er von sei­nen El­tern be­kom­men hat.

Um­ge­kehrt ist es na­tür­lich rich­tig, dass die Geg­ner (man könn­te sie auch – mar­tia­li­scher – als »Fein­de« be­zeich­nen) der De­mo­kra­tie eben die­se Li­be­ra­li­tät nicht zu des­sen Aus­hebelung ver­wen­den dür­fen. Aber er­reicht man dies durch den ni­vel­lie­ren­den Ge­stus, bei­spiels­wei­se al­le re­li­giö­sen Bür­ger von vorn­her­ein als Fun­da­men­ta­li­sten zu brand­mar­ken und vom Dis­kurs, al­so der Teil­ha­be aus­zu­schlie­ssen? Wel­cher Art wä­re die­ser Liber­alismus, der – über­tra­gen auf ein Ge­mäl­de – nicht nur den Rah­men die­ses Ge­mäl­des vor­ge­ben will, son­dern auch gleich noch die Mo­ti­ve und die Far­ben­kon­stel­la­ti­on?

Der klein­ste ge­mein­sa­me Nen­ner

Und wie selt­sam mu­tet es an, wenn Flo­res d’­Ar­cais meint, dass al­le – ob sie ein re­li­giö­ses Emp­fin­den ha­ben oder nicht – den An­spruch auf ethi­sche Wahr­heit auf­ge­ben sol­len. Hier­aus fol­gert er: Im Streit um Wer­te müs­sen wir uns auf den klein­sten ge­mein­sa­men de­mo­kra­ti­schen Nen­ner des Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus be­schrän­ken. In­ter­es­sant, dass Flo­res d’­Ar­cais den Be­griff des Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus, den Ha­ber­mas zwar nicht er­fun­den, aber mass­geb­lich wei­ter­ent­wickelt hat, ver­wen­det. Wei­ter heisst es: Für al­le an­de­ren ethisch-po­li­ti­schen Wahr­hei­ten gilt: Sie ha­ben das vol­le Recht auf Ar­ti­ku­la­ti­on, und sie dür­fen selbst­ver­ständ­lich Le­ben und Ver­hal­ten mo­ti­vie­ren. Aber als ein Ar­gu­ment im öf­fent­li­chen Dis­kurs gel­ten sie nicht.

Be­son­ders weit kommt man mit die­ser »Norm« al­ler­dings nicht, ins­be­son­de­re wenn es um mo­ra­li­sche Pro­blem­stel­lun­gen geht. Auch bleibt un­klar, wer die Ver­fas­sung kon­sti­tu­iert, aus­legt und wel­che Wer­te ihr zu­grun­de lie­gen. Ei­ne Ver­fas­sung ent­steht nicht im luft­lee­ren bzw. wer­te­frei­en Raum. Soll­te sie zu all­ge­mein ge­hal­ten sein, kann die Iden­ti­fi­ka­ti­on und Ak­zep­tanz des Bür­gers hier­un­ter lei­den.

Wir ha­ben mehr­fach fest­stel­len müs­sen, dass die pro­fa­ne »Über­tra­gung« west­li­cher Vor­stel­lun­gen bei­spiels­wei­se auf bzw. in an­de­re Kul­tu­ren nicht den ge­wünsch­ten Ef­fekt bringt, wenn die­se nicht aus­rei­chend ver­an­kert und mit Be­stehen­dem kom­bi­niert wer­den. Un­ter Um­stän­den wird dem We­sten so­gar Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus vor­ge­wor­fen. Hin­zu kommt: Rechts­grund­sät­ze, die nicht ei­ne min­de­stens ru­di­men­tä­re Ver­an­ke­rung im so­zia­len oder kul­tu­rel­len Zu­sam­men­hang ei­ner Ge­sell­schaft ha­ben, blei­ben hohl und wer­den im­mer un­ter­lau­fen wer­den. Und grund­sätz­li­che mo­ra­li­sche Pro­ble­me löst Flo­res d’­Ar­cais mit ei­nem Re­kurs auf den klein­sten gemeinsamen…Nenner auch nicht.

Li­be­ral = anything goes

Viel­leicht ist aber die Aus­sa­ge Das We­sen der li­be­ra­len De­mo­kra­tie be­steht in der Sou­ve­rä­ni­tät der Bür­ger, sich selbst das Ge­setz zu ge­ben wört­lich zu neh­men. Hier zeigt Flo­res d’­Ar­cais ein­dring­lich, dass ihm an ei­ner ir­gend­wie ge­ar­te­ten so­zia­len Struk­tur von In­di­vi­du­en nicht ge­le­gen ist. Bür­ger, die sich selbst das Gesetz…geben und hier­zu die Er­mäch­ti­gung im­pli­zit ha­ben, sind fast nur in ei­nem so­zi­al-an­ar­chi­schen Raum vor­stell­bar, der, das ist zu­min­dest hi­sto­ri­sche Er­fah­rung, ge­ra­de­wegs in ei­ne ato­mi­sier­te, ent­staat­lich­te Clan- bzw. Stam­mes­ge­sell­schaft mün­det (be­stes Bei­spiel ist So­ma­lia). In­ter­es­sant in die­sem Zu­sam­men­hang ist, dass Flo­res d’­Ar­cais den Be­griff des Li­be­ra­lis­mus of­fen­sicht­lich als schran­ken­lo­ses »anything goes« de­fi­niert – in die­sem Sin­ne den wirt­schafts­li­be­ra­len Öko­no­men, die im ent­fes­sel­ten Markt die Er­fül­lung se­hen, ent­spre­chend.

Liest man sich Flo­res d’­Ar­cais’ Auf­satz ge­nau durch, so geht es we­ni­ger um die De­konstruktion von Ha­ber­mas als Per­son, son­dern er steht als Re­prä­sen­tant ei­ner als alt­mo­disch emp­fun­de­nen phi­lo­so­phi­schen Lin­ken. Sein An­griff auf Ha­ber­mas’ Vor­be­hal­te hin­sicht­lich der Neu­ori­en­tie­rung des Frei­heits­be­griffs durch die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, ist arg stüm­per­haft und wirkt auf­ge­setzt. Es ist arg dneun­zia­to­risch, je­man­den auf­grund de­zi­dier­ter Kri­tik an der Ver­wis­sen­schaft­li­chung der Welt qua­si den Stem­pel des re­ak­tio­nä­ren Weg­be­rei­ters der Re­stau­ra­ti­on der Theo­lo­gie zu schel­ten.

War­um das Kind mit dem Ba­de aus­schüt­ten?

Flo­res d’­Ar­cais treibt die Angst vor der In­fil­tra­ti­on wis­sen­schafts­feind­li­cher und fundamenta­listischer Re­li­gi­ons­grup­pen um, wie sie teil­wei­se be­reits in den USA mas­siv in die Gesell­schaft ein­ge­drun­gen ist. Die­se Angst teilt er bei­spiels­wei­se mit Daw­kins. Sie ist nicht un­be­rech­tigt. Aber des­we­gen re­li­giö­se Bür­ger un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht zu stel­len, ist falsch.

Ha­ber­mas’ ver­sucht (bei­spiels­wei­se im Dia­log mit Ratz­in­ger) die ge­mä­ssig­ten re­li­giö­sen Kräf­te mit in den sä­ku­la­ren Staat ein­zu­bin­den und sie für ihn zu ge­win­nen. Das Pro­jekt des rei­nen Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus scheint ihm auf Dau­er für die Mas­se nicht at­trak­tiv ge­nug. Das Wort der »Er­leb­nis­ar­mut« wür­de er si­cher­lich nicht be­nut­zen, trifft aber wohl zu: Der Rechts­staat wird ent­we­der nur noch als Be­dro­hung be­trach­tet (sie­he das ak­tu­el­le The­ma der in­ne­ren Si­cher­heit) und/oder – manch­mal gleich­zei­tig – als Kor­rek­tiv für die Ver­rechtlichung pri­va­ter Le­bens­ent­wür­fe auf­ge­fasst. Er soll sich so weit wie mög­lich aus dem Pri­vat­le­ben des Bür­gers zu­rück­zie­hen – gleich­zei­tig je­doch durch­aus In­fra­struk­tur und an­de­re Hil­fen auf Be­darf zur Vefü­gung stel­len. Die­se in wei­ten Krei­sen ver­brei­te­te Men­ta­li­tät führt eher zu we­ni­ger Bin­dung und Em­pa­thie den In­stan­zen des Rechts­staa­tes ge­gen­über.

Ha­ber­mas will kei­nes­falls die staat­li­che Tren­nung von Re­li­gi­on und Kir­che auf­he­ben (von ei­nem tat­säch­lich sä­ku­la­ren Staat ist Deutsch­land – be­dau­er­li­cher­wei­se – noch weit ent­fernt). Er will aber die Re­li­gi­on als »Stein­bruch«, viel­leicht als ei­ne Art Vi­ta­li­täts­sprit­ze ver­wen­den. Und schliess­lich muss der gläu­bi­ge Bür­ger, der ja – streng ge­nom­men – nur Gott über sich sieht, an die Wer­te und Rechts­nor­men des Staa­tes her­an­ge­bracht und für des­sen Be­fol­gung ge­won­nen wer­den. Ein Punkt, der in An­be­tracht der Is­lam­dis­kus­si­on (Is­lam­kon­fe­renz) in Deutsch­land nicht ganz un­wich­tig ist. Die­se Leu­te ei­ner zwang­haf­ten »Re­li­gi­ons­rei­ni­gung« zu un­ter­zie­hen und sie da­mit zu treu­en Staats­bür­gern zu ver­gat­tern, ist für Ha­ber­mas nicht mög­lich. Und da hat er recht.



FORTSCHREIBUNG 29.11.07
In der ak­tu­el­len Aus­ga­be der ZEIT (Nr. 49 v. 29.11.07; S. 68) äu­ssert sich Ha­ber­mas (ent­ge­gen mei­ner An­nah­me) in ei­nem kur­zen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel »Ba­by­lo­ni­sches Stim­men­ge­wirr«. Der Ar­ti­kel ist der­zeit nicht on­line. Ich zi­tie­re kurz:

»Ich selbst nei­ge da­zu, die po­li­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on im öf­fent­li­chen Raum für je­den Bei­trag – in wel­cher Spra­che auch im­mer er vor­ge­bracht wird – of­fen zu hal­ten. Die Zu­läs­sig­keit nicht-über­setz­ter re­li­giö­ser Äu­ße­run­gen in der Öf­fent­lich­keit lässt sich nicht nur im Hin­blick auf Per­so­nen be­grün­den, die we­der wil­lens noch fä­hig sind, ih­re Über­zeu­gun­gen und ih­ren Wort­schatz in pro­fa­ne und sa­kra­le An­tei­le auf­zu­spal­ten. Es gibt auch ei­nen funk­tionalen Grund da­für, dass wir die po­ly­pho­ne Kom­ple­xi­tät der öffent­lichen Stim­men­viel­falt nicht vor­schnell re­du­zie­ren soll­ten. Der demo­kratische Staat soll­te we­der In­di­vi­du­en noch Ge­mein­schaf­ten da­von ab­hal­ten, sich spon­tan zu äu­ßern, weil er nicht wis­sen kann, ob sich die Ge­sell­schaft nicht an­dern­falls von Res­sour­cen der Sinn- und Iden­ti­täts­stif­tung ab­schnei­det. War­um soll­ten sä­ku­la­re Bür­ger im po­ten­ti­el­lem Wahr­heits­ge­halt von Glau­bens­äu­ße­run­gen nicht ei­ge­ne, sei­en es ver­bor­ge­ne oder un­ter­drück­te In­tui­tio­nen wie­der­erken­nen kön­nen?«

Er tritt je­doch de­zi­diert für ei­ne »Tren­nung von Staat und Kir­che« ein, wenn es um »In­sti­tu­tio­na­li­sier­te Be­ra­tungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se auf der Ebe­ne der Par­lamente, Ge­rich­te, Mi­ni­ste­ri­en und Ver­wal­t­uns­gbe­hör­den« geht. Hier­für sei, so Haber­mas, »ei­ne Art Fil­ter« zwi­schen bei­den Sphä­ren er­for­der­lich. »Die­ser Fil­ter darf nur sä­ku­la­re Bei­trä­ge aus dem ba­by­lo­ni­schen Stim­men­ge­wirr der öf­fent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on pas­sie­ren las­sen«.

Wei­ter heisst es:

»Mög­li­che Wahr­heits­ge­hal­te re­li­giö­ser Bei­trä­ge kön­nen nur dann wirk­sam in ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen der Po­li­tik ein­flie­ssen, wenn ir­gend­je­mand sie auf­greift und in ei­ne all­ge­mein zu­gäng­li­che Ar­gu­men­ta­ti­on über­setzt.«

Po­li­tik­ent­schei­dun­gen müs­sen »al­le Bür­ger ver­ste­hen kön­nen«, so die theo­re­ti­sche Ma­xi­me. Ei­ner Ge­setz­ge­bung, die auf »re­li­giö­se Ar­gu­men­te be­harrt« dro­he in Ty­ran­nei um­zu­schla­gen.

Skep­tisch äu­ssert er sich auch da­zu, wenn bei­spiels­wei­se die Kir­chen ver­su­chen wür­den, über Ap­pel­le an »das re­li­giö­se Ge­wis­sen« Ein­fluss auf die Ge­sell­schaft neh­men zu wol­len und hier­durch die Sä­ku­la­ri­sie­rung un­ter­höh­len woll­ten.

Die Ant­wort bleibt m. E. hin­ter der Er­war­tung zu­rück. Ins­be­son­de­re wie die Sphä­re der po­li­ti­schen Wil­lens­bil­dung (der öf­fent­li­che Raum) und dann nach­her der in­sti­tu­tio­nel­le Raum (‘Pro­zess­ebe­ne’) der­art scharf ge­trennt wer­den sol­len, lässt Ha­ber­mas of­fen.

Im De­zem­ber-Heft der ‘Blät­ter für deut­sche und in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik’ wird mehr zu le­sen sein. Hof­fent­lich auch on­line.


9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zu 1
    Ei­ne et­was län­ge­re Fas­sung des Ar­ti­kels hät­te dem ei­nen oder an­de­ren Punkt gut ge­tan (et­wa an Stel­le des Fo­tos). Aber Du hast Recht: Flo­res d’Arv­cais wirkt, ich sa­ge mal, sehr en­er­gisch, zu sehr auf sein Ziel fi­xiert.

    Die For­de­rung

    Viel­mehr gel­te es dar­über hin­aus »für den re­li­gi­ös un­mu­si­ka­li­schen« Bür­ger, »das Ver­hält­nis von Glau­ben und Wis­sen aus der Per­spek­ti­ve des Welt­wis­sens selbst­kri­tisch zu be­stim­men«. Mit an­de­ren Wor­ten: Er soll sei­ne athe­isti­sche Sicht auf­ge­ben. Ziel sei die »Ein­übung in ei­nen selbst­re­fle­xi­ven Um­gang mit den Gren­zen der Auf­klä­rung«, die in ei­ne »Über­win­dung ei­nes sä­ku­la­ri­stisch ver­här­te­ten und ex­klu­si­ven Selbst­ver­ständ­nis­ses der Mo­der­ne« mün­den soll.

    ist durch­aus le­gi­tim, da der Athe­is­mus auch nur im Glau­ben fußt (zu­mal Ha­ber­mas’ For­de­rung mit »Er soll sei­ne athe­isti­sche Sicht auf­ge­ben.« stark zu­ge­spitzt wie­der­ge­ge­ben wird). Ha­ber­mas ver­sucht, so ver­ste­he ich es, oh­ne sein Buch ge­le­sen zu ha­ben, die Selbst­re­fle­xi­vi­tät (Selbst­kri­tik­fä­hig­keit) der Mo­der­ne zu er­hal­ten bzw. wie­der zu ent­fal­ten.

    Ei­ne Er­wi­de­rung von Ha­ber­mas wä­re in­ter­es­sant.

  2. Na­ja,
    das Bild hät­te man weg­las­sen kön­nen. Aber ge­le­gent­lich wird mir ja der Vor­wurf ge­macht, mei­ne Bei­trä­ge sei­en zu lang... ;-)

    Zum The­ma: ge­nau um die Selbst­re­fle­xi­vi­tät der »Mo­der­ne« geht es m. E. Ha­ber­mas (ich ha­be sein Buch auch nicht ge­le­sen, hal­te aber nach al­lem, was ich dar­über ge­hört ha­be, ei­ne Kon­ver­si­on Ha­ber­mas’ zum Ka­tho­li­zis­mus für ziem­lich aus­ge­schlos­sen).

    Das Auf­ge­ben der athe­isti­schen Sicht ist ei­ne theo­re­ti­sche »For­de­rung«, die von den ge­mein­hin ver­här­te­ten Fron­ten weg­füh­ren soll. Wie ge­sagt, die Auf­sät­ze sind min­de­stens zwei Jah­re alt – die ak­tu­el­le Athe­is­mus­wel­le kann Ha­ber­mas nicht ge­kannt ha­ben.

    Für das We­sen des »Dis­kur­ses« (mir fällt au­sser »Ge­spräch« nichts halb­wegs tref­fen­des ein) ist es wohl wich­tig, nicht im Vor­feld Be­din­gun­gen zu knüp­fen, die Ge­gen­stand des Mei­nungs­fin­dungs­pro­zes­ses sind.

    Die Ent­geg­nung von Ha­ber­mas wür­de mich auch in­ter­es­sie­ren. Ver­mut­lich wird sie aber nicht statt­fin­den.

  3. Ge­gen d’­Ar­cais Fa­zit
    An­statt das ent­schei­den­de Pro­blem der ge­gen­wär­ti­gen De­mo­kra­ti­en an­zu­ge­hen, näm­lich ihr Ge­rech­tig­keits­de­fi­zit, ruft Ha­ber­mas die Re­li­gio­nen zu Hil­fe, gleich­sam als Zu­schlag für die See­le, das Ge­fühl und die So­li­da­ri­tät. Da­durch weicht er dem ent­schei­den­den Pro­blem aus: dem Kampf für die De­mo­kra­tie in der De­mo­kra­tie. Dem Kampf ge­gen die Macht des Pri­vi­legs und des Kon­for­mis­mus. – d’­Ar­cais

    Das Ge­rech­tig­keits­de­fi­zit scheint d’­Ar­ci­as maß­geb­lich­stes Pro­blem der De­mo­kra­tie zu sein. War­um ent­wickelt er dann nicht längs die­ser Idee den Wi­der­spruch zu Ha­ber­mas Ar­gu­men­ta­tio­nen und über­führt ihn, die­sem De­fi­zit mit sei­nen The­sen den Weg zu be­rei­ten? Nun, da es kaum mög­lich sein wird. Ha­ber­mas be­müht sich um ei­ne Kul­tur des Dis­kur­ses. An­stel­le der Sprach­lo­sig­keit stellt er das Ver­ständ­nis an­de­rer Grup­pen, al­ler­dings eben nicht um je­den Preis:

    “To­le­ranz kön­nen wir nur ge­gen­über ei­ner aus gu­ten sub­jek­ti­ven Grün­den ab­ge­lehn­ten Über­zeu­gung üben, und zwar in der Wei­se, dass die­se ko­gni­ti­ve Ab­leh­nung gleich­wohl kei­ne prak­tisch “un­über­wind­li­che” Ab­nei­gung nach sich zieht.
    Die Er­war­tung von To­le­ranz mu­tet uns zu, ei­ne auf ko­gni­ti­ver Ebe­ne fort­be­stehen­de Nicht-Über­ein­stim­mung, die aus Grün­den der Kon­si­stenz nach der Auf­lö­sung von Wi­der­sprü­chen drängt, […]« – Ha­ber­mas

    D’­Ar­cais Fa­zit ver­pufft m.E. im Be­deu­tungs­lo­sen. Zu kon­stru­iert er­scheint mir der Ge­gen­satz zwi­schen Ha­ber­mas Ver­such ge­sell­schaft­li­che (re­li­giö­se) Strö­mun­gen in den ver­fass­ten Staat zu in­te­grie­ren (durch Kom­mu­ni­ka­ti­on Gleich­be­rech­tig­ter) und der For­de­rung des Kamp­fes der De­mo­kra­tie in der De­mo­kra­tie.

    Die Macht des Pri­vi­leg und des Kon­for­mis­mus ist nicht mit Ver­fas­sung und Mehr­heits­ent­scheid al­lein zu bre­chen. Bei­de Mit­tel, die d’­Ar­cais hoch­hält sind zu beu­gen (Man neh­me Ta­ges­po­li­tik oder ler­ne aus der Ge­schich­te). Was die Wer­te der Ge­sell­schaft und ih­rer Ver­fas­sung speist, das ist der Ge­dan­ke den Ha­ber­mas in sei­nen Auf­sät­zen ent­wickelt und das ist der Punkt, den d’­Ar­cais nicht be­rührt.

  4. D’­Ar­cais setzt – ver­kürzt ge­sagt – dem, was er »Mo­der­ne« oder »li­be­ra­le De­mo­kra­tie« für ab­so­lut. Er un­ter­zieht dem, wie be­reits oben ge­sagt wur­de, kei­ner Re­fle­xi­on mehr und auch kei­ner Be­grün­dung. Das man in we­sent­li­chen De­tails, was die Aus­ge­stal­tung der Ge­sell­schaft an­geht, sehr wohl an­de­rer Mei­nung als er sein könn­te, ist für ihn prak­tisch gleich­be­deu­tend mit »Ket­zer­tum«; athe­isti­scher Na­tur, so­zu­sa­gen.

  5. Zum ei­nen ist es das so wie sie sa­gen, zum an­de­ren trennt er je­den Strang, der zur Ver­stän­di­gung bei­tra­gen ab (auch das deu­ten sie in ih­rem Kom­men­tar an). Im Gurn­de re­agiert er, wie es Ha­ber­mas er­war­tet, in­dem die­ser von den Se­ku­la­ren Ver­ständ­nis ge­gen­über den Re­li­giö­sen for­dert. Ich den­ke Ha­ber­mas hat die Zei­chen der Zeit rich­tig ge­deu­tet und ei­ne Fun­da­me­ta­li­sie­rung der »Ver­nunft« be­fürch­tet, wenn man so will. In­dem er die Kri­te­ri­en der To­le­ranz, die man ge­mein­hin von den Re­li­giö­sen zu­gun­sten der Mo­der­ne ein­for­dert, auf die Se­ku­la­ren an­wen­det, zeigt sich die Ana­lo­gie bei­der Be­we­gun­gen. Die bio­glo­gi­sti­sche oder na­tu­ra­li­sti­sche An­schau­ung steht in ih­rer to­ta­li­tä­ren Hal­tung, auch und ge­ra­de was die Be­ru­fung auf Tat­sa­chen an­geht, der Re­li­giö­sen in nichts nach.

    Das nur als Er­gän­zung und um den Ge­dan­ken für mich selbst zu fas­sen.

  6. #2 – Klas­si­sches Miss­ver­ständ­nis
    Ich mein­te nicht Dei­nen, son­dern Flo­res d’Arv­cais Ar­ti­kel, und das Fo­to in der ZEIT.

    Zu­ge­spitzt könn­te man sa­gen, dass Flo­res d’Arv­cais ei­ne Ver­ab­so­lu­tie­rung der Mo­der­ne be­treibt, wäh­rend Ha­ber­mas ei­nen Schritt hin­ter sei­ne Po­si­ti­on ma­chen kann. Er­ste­res kann schnell ins Ideo­lo­gi­sche kip­pen, bzw. ist das viel­leicht schon.

    Spä­ter hof­fent­lich mehr.

  7. @Metepsilonema
    Ich glau­be, Flo­res d’­Ar­cais springt auf zwei Zü­ge auf: Den des sich re­li­gi­ös ge­ben­den Athe­is­mus und, was ich auf Dau­er für ge­fähr­li­cher hal­te, den ei­ner Art dik­ta­to­ri­scher De­mo­kra­tie (»De­mo­kra­tur«), wie sie zu­letzt (als »Ex­port« er­folg­los) von den Neo­kon­ser­va­ti­ven in den USA pro­pa­giert wur­de (frei­lich mit der Re­li­gi­on in Ge­päck – was den kreis wie­der schliesst).

  8. @Gregor
    Viel­leicht gibt es noch an­de­re Grün­de für die Habermas’sche Sicht der Din­ge. Of­fen­sicht­lich man­gelt es un­se­ren Ge­sell­schaf­ten an in­te­gra­ti­ver Kraft, wie man z.B. an den so­ge­nann­ten »ho­me­grown ter­ro­rists« se­hen kann, ja mehr noch, die Mo­der­ne und die mit ihr er­folg­te In­di­vi­dua­li­sie­rung bringt ein un­be­frie­di­gen­des Le­bens­ge­fühl mit sich: Ent­frem­dung, Lee­re, Käl­te. Hart­mut Böh­me schreibt in sei­nem Buch »Fe­ti­schi­mus und Kul­tur. Ei­ne an­de­re Theo­rie der Mo­der­ne« (das ich lei­der noch im­mer nicht fer­tig ge­le­sen ha­be):

    »Wäh­rend Mo­der­ni­sie­rungs­pro­zes­se die for­ma­le In­te­gra­ti­on der Ge­sell­schaft zu lei­sten ver­mö­gen, bie­ten sie kei­ne ge­halt­vol­len Iden­ti­fi­ka­tio­nen, wel­che die Mo­der­ne in at­trak­ti­ver Evi­denz er­fah­ren las­sen. Vie­le Men­schen, Grup­pen und Sub­kul­tu­ren ha­ben zur Mo­der­ni­sie­rung ein di­stan­zier­tes, uti­li­ta­ri­sti­sches Ver­hält­nis, das ent­spre­chend in­sta­bil ist.«

    Er spricht von ein­an­der wi­der­spre­chen­den Ver­hal­tens­wei­sen, vom Wech­sel zwi­schen mo­dern und vor­mo­dern, »funk­tio­na­le Ar­beits­ef­fi­zi­enz« und »kol­lek­ti­ve Ek­sta­sen«, und kommt wei­ter un­ten zu dem Schluss:

    »De­mo­kra­tie be­darf der Kul­te, die­se aber be­dür­fen nicht der De­mo­kra­tie.«

    Wenn das stimmt, und ich glau­be da­für spricht ei­ni­ges, dann brau­chen wir die Selbst­re­fle­xi­vi­tät der Mo­der­ne mehr denn je. Es müs­sen al­le Tei­le der Ge­sell­schaft am Ge­spräch teil­neh­men, und nicht nur be­stimm­te, sonst ist der Zer­fall vor­pro­gram­miert.

    Die kla­re und ein­heit­li­che Al­ter­na­ti­ve, die den als frag­men­tiert und ein­sam er­fah­re­nen west­li­chen Ge­sell­schaf­ten oft­mals ge­gen­über­ge­stellt wird, ist der Is­lam.

  9. Das Buch klingt in­ter­es­sant.
    Leu­te wie Flo­res d’­Ar­cais kon­tern das Ar­gu­ment, dass die Mo­der­ne die Selbst­re­fle­xi­vi­tät be­nö­tigt, um ih­re At­trak­ti­vi­tät wie­der zu stei­gern (schö­nes Wort, das mit den »ge­halt­vol­len iden­ti­fi­ka­tio­nen«) un­ter Um­stän­den da­mit, dass sie die Grund­prin­zi­pi­en die­ser Mo­der­ne nicht mehr dis­ku­tie­ren wol­len, son­dern für ein­deu­tig de­fi­niert hal­ten (bspw. ‘lai­zi­stisch, sä­ku­lar und prag­ma­tisch’).

    Wo wir Dis­kus­si­ons- bzw. Dis­kurs­be­darf se­hen, ist für sei­nes­glei­chen al­les schon er­le­digt. Es wird schwie­rig, die Not­wen­dig­keit der »Be­fra­gung der Mo­der­ne« der­art zu or­ga­ni­sie­ren, dass (1.) all­ge­mein gül­ti­ge und ak­zep­tier­te Grund­la­gen ge­schafft wer­den und (2.) die­se Grund­wer­te dann als ab­so­lut zu set­zen, oh­ne auf den per­ma­nent klein­sten ge­mein­sa­men Nen­ner zu kom­men.