Wal­ter Grond: Som­mer oh­ne Ab­schied

Walter Grond: Sommer ohne Abschied
Wal­ter Grond:
Som­mer oh­ne Ab­schied

Ei­ne klei­ne Er­ho­lung vom ur­plötz­lich ent­fach­ten Si­me­non-Fie­ber? »Som­mer oh­ne Ab­schied« steht auf dem Co­ver, ein Son­nen­blu­men­feld mit Ge­wit­ter­wol­ken. Wal­ter Grond hat die­sen Ro­man ge­schrie­ben, kaum 120 Sei­ten. Vor­an­ge­stellt ein Mot­to von Hein­rich von Kleist, aus ei­nem sei­ner Brie­fe an sei­ne Schwe­ster: »Und doch, wer wen­det sein Herz nicht gern der Zu­kunft zu, wie die Blu­men ih­re Kel­che der Son­ne?« Die Er­war­tung ist ge­weckt.

Alex, der sich selbst als »un­be­stech­li­cher Jour­na­list« be­zeich­net, ist mit sei­ner Frau und den bei­den Kin­dern von Wien aufs Land ge­zo­gen. Der Grund bleibt un­klar, weil er schon bald al­les ver­misst, was ihm ge­fällt: Der Ca­fé­haus­klatsch, das Wim­mel­we­sen, die An­ony­mi­tät, die fe­sten Ab­läu­fe. Auf dem Land küm­mert man sich vor al­lem um die Kin­der und sitzt al­lei­ne vor sei­nem Lap­top oh­ne Aus­tausch mit Kol­le­gen. Sei­ne Frau geht ei­ner Tä­tig­keit als Über­set­ze­rin nach; spä­ter wird sie sich in der Flücht­lings­hil­fe en­ga­gie­ren.

Vor al­lem je­doch stört die über­all spür­ba­re feind­se­li­ge Auf­nah­me im Dorf, die Res­sen­ti­ments der Be­woh­ner ge­gen­über den Städ­tern, die all­ge­gen­wär­ti­ge so­zia­le Kon­trol­le, die Männ­lich­keit der Dörf­ler, die er als Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­le ein­ord­net, die­se Ge­set­ze ei­ner »ge­schlos­se­nen Welt«. Und Res­sen­ti­ments ha­ben ja im­mer nur die an­de­ren. Al­le Kli­schees wer­den aus­ge­brei­tet und er­lit­ten. Zwi­schen­zeit­lich hat man das Ge­fühl, die Dorf­be­woh­ner be­fin­den sich für Alex auf der Stu­fe ei­nes in­di­ge­nen Volks­stamms aus Neu­gui­nea oder West­in­do­ne­si­en, der mit der Mo­der­ne schock­ar­tig kon­fron­tiert wird.

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Jan Drees: Sand­bergs Lie­be

Jan Drees: Sandbergs Liebe
Jan Drees: Sand­bergs Lie­be

Kri­sti­an Sand­berg ist Anfang/Mitte 30, schreibt als frei­er Li­te­ra­tur­kri­ti­ker, gibt Vor­trä­ge und hat ge­ra­de sei­ne Dis­ser­ta­ti­on be­en­det. Es nimmt zu­wei­len Psy­cho­phar­ma­ka, ist Rau­cher und zu Be­ginn des Ro­mans »Sand­bergs Lie­be« wird sein Auf­ent­halt in ei­nem 5‑­Ster­ne-Ho­tel im Ja­nu­ar auf Te­ne­rif­fa ge­schil­dert. Es ist ein biss­chen trost­los und man fragt sich, wie je­mand mit eher pre­kä­ren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen (er wohnt in Bre­men eher stu­den­tisch) ein sol­ches Ho­tel be­zah­len kann (ein Bier ko­stet 10 Eu­ro).

Nach rund 15 Sei­ten ein neu­es Ka­pi­tel mit dem Ti­tel »On­ce«; es wird fast 150 Sei­ten be­an­spru­chen. Er be­kommt end­lich ei­ne er­sehn­te Fest­an­stel­lung – als Li­te­ra­tur­agent. Es gibt ein gu­tes Ge­halt und freie Le­se­zei­ten; die Zu­kunft wird aus Ver­lag­s­par­tys, be­zahl­ten Li­te­ra­tur­rei­sen und tol­len Abend­essen be­stehen. Es ist Som­mer 2016, fast zu schön, um wahr zu sein. Kri­sti­an ent­deckt auf sei­nem neu­en I‑Phone »On­ce«, ei­ne an­geb­lich be­son­de­re Sei­te, weil kein Al­go­rith­mus die Aus­wahl trifft son­dern ein Mensch, und zwar nur ein­mal am Tag. So lernt er Ka­li­na ken­nen, 35; die Mut­ter ist Dä­nin, der Va­ter Po­le. Sie ist Zahn­ärz­tin und rich­tet sich ge­ra­de ih­re Ei­gen­tums­woh­nung im vor­neh­men Ham­bur­ger Stadt­teil Ep­pen­dorf ein. Ka­li­na spricht fünf Spra­chen, ist selbst­be­wusst, elo­quent und wohl ziem­lich hübsch. Sie hat ein Fai­ble für Lu­xus, was sich un­ter an­de­rem an ih­rer Klei­dung, der Aus­wahl der Re­stau­rants und den Ein­rich­tungs­plä­nen für ih­re Woh­nung zeigt. Kri­sti­an ist be­ein­druckt und ver­zau­bert. Sie fin­den schnell zu­ein­an­der. Die räum­li­chen Tren­nun­gen – Kri­sti­an lebt noch in Bre­men, be­zieht be­rufs­be­dingt bald ein Apart­ment in Ham­burg-Win­ter­hu­de, Ka­li­na pen­delt zwi­schen Ep­pen­dorf und ih­rer Zahn­arzt­pra­xis im dä­ni­schen Pad­borg – wer­den durch Whats­App-Nach­rich­ten über­brückt.

Der Him­mel hängt zu­nächst vol­ler Gei­gen. Schnell wird Kri­sti­an für sie »un­ver­zicht­bar«. Sie geht auf sei­ne Avan­cen ein. Man plant schon, den ge­mein­sa­men Ein­zug in Ka­li­nas Lu­xus­woh­nung, die al­ler­dings bau­lich noch her­ge­rich­tet wer­den muss. Zu­wei­len gibt es kurz klei­ne Miss­ver­ständ­nis­se. Sa­lop­pe Be­mer­kun­gen Kri­sti­ans deu­tet Ka­li­na zu­wei­len in ve­ri­ta­ble Vor­wür­fe um. Man liest es zu­nächst als Ei­fer­sucht. Oder als ei­ne sub­ti­le Form der Do­me­sti­zie­rung. Kri­sti­an gibt stets nach, ver­spricht mehr Sen­si­bi­li­tät, ge­lobt Bes­se­rung. Er lernt Ka­li­nas (zu­meist ho­mo­se­xu­el­le, männ­li­che) Freun­de ken­nen. Er emp­fin­det ein Un­be­ha­gen über die Ober­fläch­lich­kei­ten des Mi­lieus, in dem es sich um die ver­gan­ge­nen »Aperöl­chen« in Ve­ne­dig oder Can­nes dreht. Ka­li­nas Freun­de wie auch ih­re Schwe­ster und die Mut­ter äu­ßern sich of­fen in sei­ner Ge­gen­wart ab­wer­tend über ihn. Die Ver­su­che, sei­ne Freun­din für Li­te­ra­tur und phi­lo­so­phi­sche The­men zu be­gei­stern, über­for­dern sie. Er trö­stet sich da­mit, dass bei­de mit »Ge­fähr­li­che Ge­lieb­te« von Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi den glei­chen Lieb­lings­ro­man ha­ben.

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Vom rich­ti­gen Über­le­ben im fal­schen

Man­che Ver­lags­an­kün­di­gun­gen ha­ben eher ab­schrecken­de Wir­kung. So be­wirbt der Suhr­­kamp-Ver­­lag die Neu­auf­la­ge des 1949 bzw. 1950 er­schie­ne­nen Ro­mans »Die Ga­lee­re« von Bru­no E. Wer­ner da­mit, dass 70 Jah­re nach des­sen Er­schei­nen der heu­ti­ge Le­ser be­reit sei, die­ses Buch wie sei­nen »ei­ge­nen Ro­man« zu le­sen. Oh­ne Ant­wort bleibt die Fra­ge nach dem Ur­he­ber des Zi­tats. Die ...

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Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Ei­ne Ex­per­ten-Re­vue in 89 Num­mern

Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern
Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Ei­ne Ex­per­ten-Re­vue in 89 Num­mern

Seit vie­len Jah­ren zeigt Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger sei­ne Zu­nei­gung zum En­zy­klo­pä­di­schen, zur Samm­lung des Wis­sens. In sei­ner »An­de­ren Bi­blio­thek« war der größ­te En­zy­klo­pä­dist des 18. Jahr­hun­derts, De­nis Di­de­rot, im­mer wie­der als Au­tor prä­sent. 2013 – En­zens­ber­ger war nicht mehr bei Eich­born in­vol­viert – er­schien dort in ei­ner neu edi­tier­ten Pracht­aus­ga­be Di­de­rots En­zy­klo­pä­die.

Der En­zy­klo­pä­dist sam­melt nicht nur, er ord­net auch, wägt ab, trennt Un­wich­ti­ges von Wich­ti­gem. Sei­ne Aus­wahl ist im­mer sub­jek­tiv. Für sei­ne text­li­che Ver­ar­bei­tung hin­ge­gen gilt das Ob­jek­ti­vi­täts­ge­bot. Hans Ma­gnus En­zens­ber­gers »Ex­per­ten-Re­vue in 89 Num­mern« ist nicht di­rekt ein en­zy­klo­pä­di­sches Buch. Es sind per­sön­li­che An­mer­kun­gen und Va­ria­tio­nen des Au­tors En­zens­ber­ger zu dem, was den Men­schen vom Tier un­ter­schei­det: Der Ar­beits­tei­lung und der Spe­zia­li­sie­rung.

Zu Be­ginn wird in ei­nem Dia­log »der Na­tur mit ei­nem Un­zu­frie­de­nen« der »Dä­mon der Ar­beits­tei­lung« als der Kern »vor­läu­fi­gen Sie­ges« des ei­gent­lich hin­fäl­li­gen und schwa­chen Men­schen auf dem Pla­ne­ten Er­de halb be­wun­dernd, halb ver­äng­stigt kon­sta­tiert. Ar­beits­tei­lung im­pli­ziert Spe­zia­li­sten- und Ex­per­ten­tum. Aber: »Die mei­sten [Ex­per­ten] ha­ben ei­nen Spar­ren und ja­gen ganz blöd­sin­ni­gen Pro­jek­ten nach.« Und es gibt, so er­klärt die Na­tur dem Un­zu­frie­de­nen, drei be­son­de­re Me­ta-Ex­per­ten, »Ex­per­ten des Ex­per­ten­tums«. Sie wer­den mehr an­ge­deu­tet als ge­nannt (kei­ne Sor­ge – sie sind pro­blem­los zu ent­schlüs­seln): Ber­nard Man­de­ville (»Der un­zu­frie­de­ne Bie­nen­stock«), Adam Smith und – na­tür­lich – Karl Marx.

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Mar­tin von Arndt: So­jus

Martin von Arndt: Sojus
Mar­tin von Arndt: So­jus

Es war schon ein sehr ge­wag­ter Cliff­han­ger mit dem Mar­tin von Arndts letz­ter Ro­man »Rat­ten­li­ni­en« en­de­te. An­dre­as Eck­art, Ner­ven­arzt und in der Wei­ma­rer Re­pu­blik Po­li­zei­kom­mis­sar in Ber­lin, spä­ter von der Ge­sta­po ge­fol­tert und in die USA ge­flo­hen, hat­te sich im Herbst 1946 von sei­nen Freun­den und Be­kann­ten zur Teil­nah­me an der Ope­ra­ti­on »Rat­ten­li­ni­en« des US-Ge­heim­dien­stes CIC in Eu­ro­pa über­re­den las­sen. Hoch­ran­gi­ge Na­zis und SS-Of­fi­zie­re ver­such­ten über die Al­pen nach Ita­li­en um von dort aus per Schiff nach Süd­ame­ri­ka zu flie­hen. Eck­art und US-Spe­cial-Agent Dan Va­nuz­zi bil­de­ten zu­sam­men mit zwei Hel­fern ein »Greif­kom­man­do« und soll­ten den SS-Ober­sturm­bann­füh­rer Ger­hard Wag­ner, der ak­tiv an Ju­den­er­schie­ssun­gen be­tei­ligt war, auf­spü­ren da­mit er vor Ge­richt ge­stellt wer­den konn­te. Sa­lopp ge­sagt, war Eck­art ein biss­chen zu er­folg­reich – er bohr­te zu tief, ent­deck­te da­bei Ver­strickun­gen ame­ri­ka­ni­scher Dien­ste, die eben­falls da­für Sor­ge tru­gen, ehe­ma­li­ge Na­zis si­cher ent­kom­men zu las­sen. Eck­art ge­riet zwi­schen die Fron­ten, wur­de fest­ge­nom­men und hör­te nun auf der Zug­toi­let­te die be­reits ent­si­cher­ten Ma­schi­nen­pi­sto­len der ame­ri­ka­ni­schen Agen­ten. Der Le­ser rät­sel­te über das Schick­sal Eck­arts.

»So­jus«, der neue Ro­man von Mar­tin von Arndt, be­ginnt im Mai 1948 in Is­ra­el. Dan Va­nuz­zi und Ephra­im Ro­sen­berg, Eck­arts Ber­li­ner As­si­stent aus den 1920er Jah­ren, der Hans-Ro­sen­thal-ge­mäss nur mit viel Glück die NS-Dik­ta­tur über­lebt hat­te, tref­fen sich in Tel Aviv. Va­nuz­zi ist beim bri­ti­schen MI6; bei den Ame­ri­ka­nern gilt er als Lan­des­ver­rä­ter. Bei­de sor­gen sich um ih­ren Freund Eck­art, der in ei­ner psych­ia­tri­schen An­stalt in den USA fest­ge­hal­ten wird. Er weiss zu viel, wird se­diert, ist von der Au­ßen­welt ab­ge­schlos­sen.

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Bjar­te Breit­eig: Die ken­nen kei­ne Trau­er

Bjarte Breiteig: Die kennen keine Trauer
Bjar­te Breit­eig: Die ken­nen kei­ne Trau­er

»Die ken­nen kei­ne Trau­er« ist der in­zwi­schen drit­te Er­zähl­band des 1974 ge­bo­re­nen nor­we­gi­schen Au­tors Bjar­te Brei­tag in deut­scher Spra­che. Al­le Bän­de sind im Wie­ner Luft­schacht-Ver­lag er­schie­nen und wur­den von Bern­hard Stro­bel über­setzt.

Die Pu­bli­ka­ti­ons­ge­schich­te der Er­zähl­bän­de ist ein biss­chen ver­wir­rend. Wäh­rend Breit­eigs Ro­man aus 2014 »Mei­ne fünf Jah­re als Va­ter« nur zwei Jah­re nach dem nor­we­gi­schen Ori­gi­nal auf deutsch er­schien, lie­gen die Pu­bli­ka­ti­ons­da­ten der über­setz­ten Er­zähl­bän­de weit aus­ein­an­der. 2010 er­schien »Von nun an« (das Ori­gi­nal »Folk har be­gynt å ban­ke på« war von 2006). Drei Jah­re spä­ter leg­te man mit »Phan­tom­schmer­zen« (»Fan­toms­mer­ter«) Breit­eigs De­but von 1998 vor. Der ak­tu­ell er­schie­ne­ne Band mit sie­ben Er­zäh­lun­gen auf nur knapp 85 Sei­ten ba­siert auf »Sur­ro­ga­ter«, der im Jahr 2000 er­schie­nen ist und dem­nach chro­no­lo­gisch zwi­schen »Phan­tom­schmer­zen« und »Von nun an« ein­ge­ord­net wer­den muss. Wer ge­nau liest, kann hier die li­te­ra­ri­sche Ent­wick­lung Breit­eigs se­hen.

Die Er­eig­nis­se, die in »Die ken­nen kei­ne Trau­er« er­zählt wer­den, könn­ten nicht un­ter­schied­li­cher sein. Da de­mo­lie­ren in der Ti­tel­ge­schich­te zwei Schü­ler mit ei­ner wach­sen­den Zer­stö­rungs- und Wol­lust den Raum, in dem die Schu­le die von ih­nen ge­fer­tig­ten Ob­jek­te aus dem Kunst­un­ter­richt la­gert. Oder ein Ar­bei­ter bricht an sei­nem letz­ten Ar­beits­tag (vor­her gab es ei­ne Uhr zum Ab­schied) in der Du­sche zu­sam­men (»Nichts pas­siert«). Ein Mann be­sucht mit sei­ner schwan­ge­ren Frau das Haus des un­längst ver­stor­be­nen Va­ters, ver­sinkt in Er­in­ne­run­gen und Ver­drän­gun­gen bis schließ­lich die Frau das Haus ver­lässt und mit dem Au­to zum Ha­fen­kai rast (»Der Herr be­tet in Ge­th­se­ma­ne«). In »Bis zum Abend« spielt Breit­eig mit der Un­heil­er­war­tung des Le­sers. »Für Ron­nys Hund« er­zählt die gru­se­li­ge Ge­schich­te ei­ner Tö­tung ei­nes Hun­des, mit der ein Ha­fen­ar­bei­ter sei­ne Freun­din hofft, dau­er­haft an sich bin­den zu kön­nen. In »Wä­sche­spin­ne« fin­den sich wie schon in ei­ni­gen sei­ner De­but­er­zäh­lun­gen my­sti­sche Mo­men­te, wäh­rend in »Stock­holm«, der stärk­sten Er­zäh­lung die­ses Ban­des, auf ein­dring­li­che und ver­stö­ren­de Art Le­bens­lü­gen de­cou­vriert wer­den.

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Das Ge­setz des Le­sens

Es gibt Bü­cher, de­nen man nicht ge­wach­sen ist. We­nig­stens nicht so­fort. Man liest sie, aber es fällt ei­nem nichts da­zu ein. Oder es fällt ei­nem zu­viel ein. Zu­viel, was man nicht auf­schrei­ben kann oder will. Ein sol­ches Buch ist »Der Idi­ot des 21. Jahr­hun­derts« von Mi­cha­el Klee­berg. Ich be­kam es im Au­gust letz­ten Jah­res zu­ge­schickt. ...

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An­ge­la Leh­ner: Va­ter un­ser

Angela Lehner: Vater unser
An­ge­la Leh­ner: Va­ter un­ser

Das Co­ver, die­se blut­ro­te Schrift auf pin­kem Un­ter­grund, kann ich nur schwer er­tra­gen. Kopf­schmer­zen stel­len sich ein. Es ver­führt zum Um­blät­tern, zum Le­sen. Al­so los. Ei­ne Frau be­fin­det sich in Po­li­zei­ge­wahr­sam. Sie re­bel­liert nicht, scheint fast ein­ver­stan­den mit der Frei­heits­be­rau­bung und er­kun­det statt­des­sen prä­zi­se die Um­ge­bung, die Po­li­zi­sten. Sie ra­sten an ei­ner Tank­stel­le. Ein Herr­gotts­win­kel mit Hai­der-Bild­chen. Kärn­ten al­so. Es geht im Ge­fäng­nis­au­to nach Wien, ins OWS, »Ot­to-Wag­ner-Spi­tal«. »Der Him­mel wird schon kit­schig«, heißt es. Die Ich-Er­zäh­le­rin ist Eva Gru­ber. Sie soll ei­ne Kin­der­gar­ten­klas­se er­schos­sen ha­ben.

Ka­me­ra­be­ob­ach­tung, ei­ne Ho­se mit Gum­mi­zug, je­den Tag Kar­tof­feln als Bei­la­ge in Va­ria­tio­nen. Kein Spa, aber auch kein Ge­fäng­nis. Eva ent­deckt Bern­hard, ih­ren Bru­der. Bern­hard ist für sie der »ein­zi­ge Mensch, des­sen Furcht für mich schlim­mer ist als mei­ne ei­ge­ne«. Mut­ter­ge­füh­le der Schwe­ster. Die bei­den wer­den nicht zu­sam­men­ge­legt; An­stalts­ge­setz. Bern­hard ist ab­ge­ma­gert, lei­det un­ter Ess­stö­run­gen, re­ser­viert sich von sei­ner Schwe­ster. Er hat so et­was wie ei­ne Freun­din, die Eva »Dum­bo« nennt.

Eva er­zählt, be­rich­tet. Der Le­ser weiss trotz­dem we­nig bis nichts. Sie ist forsch, lässt sich vom eher schüch­ter­nen, et­was um­ständ­li­chen The­ra­peu­ten, Dok­tor Korb, nicht be­ein­drucken; im Ge­gen­teil: sie for­dert ihn, was ihn über­for­dert. Im­mer wie­der gibt es Rück­blen­den in die Kind­heit, an den schüch­ter­nen, ge­dul­di­gen Va­ter, die merk­wür­dig blass blei­ben­de Mut­ter, die sich ein­mal mit Bern­hard in ei­nem Zim­mer ein­ge­schlos­sen hat­te und auch Schlä­ge von Eva er­trug. Der Va­ter hat Selbst­mord be­gan­gen, er­fährt man. Die Mut­ter sei »auch tot«.

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