Fi­bel statt Bi­bel

Be­mer­kun­gen über ei­nen Kri­ti­ker

Kurt Tucholsky: Literaturkritik

Kurt Tu­chol­sky: Li­te­ra­tur­kri­tik

Über Hans Fal­la­das »Bau­ern, Bon­zen und Bom­ben« schreibt der Re­zen­sent 1931 un­ter an­de­rem:

»Die Tech­nik ist sim­pel; es ist der bra­ve, gu­te, al­te Na­tu­ra­lis­mus, das Dich­te­ri­sche ist schwach, aber der Ver­fas­ser prä­ten­diert auch gar nicht, ein gro­ßes Dicht­werk ge­ge­ben zu ha­ben. […] Nein, ein gro­ßes Kunst­werk ist das nicht. Aber es ist echt…es ist so un­heim­lich echt, daß es ei­nem graut.«

Und 1927 über Ar­nold Zweig und Li­on Feucht­wan­ger:

»Wie groß der Kunst­wil­le bei Au­toren die­ser Gat­tung ist, steht da­hin – ih­re hand­werk­li­che An­stän­dig­keit ist un­be­streit­bar.«

Man könn­te auch noch Zi­ta­te zu Erich Ma­ria Re­mar­que und Ernst Tol­ler brin­gen, die in die glei­che Ker­be schla­gen: Li­te­ra­risch – na­ja. Aber der Te­nor – so gut, so tref­fend, so wich­tig. 1928 ver­sucht der Re­zen­sent sich in ei­ne (nicht ganz über­zeu­gen­de) Ver­tei­di­gung der (po­li­tisch ge­färb­ten) »Ge­brauchs-Ly­rik« zu Gun­sten der »Ten­denz­kunst«. Egon Er­win Kisch ist ihm in sei­nen Re­por­ta­gen zu neu­tral; er ver­misst et­was dar­in. Bei Grosz’ Bil­dern preist er, dass die­ser nicht nur la­che, son­dern auch has­se.

Wer hat so ge­schrie­ben? Wer wür­de heu­te noch ei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik schrei­ben, die der­art Au­tor, Werk und Ab­sicht trennt, dass der na­tio­na­li­sti­sche Dich­ter Hans Grimm trotz sei­ner furcht­ba­ren Bü­cher, die na­tur­ge­mäß ver­ris­sen wer­den, als »an­stän­di­ger Mann« be­zeich­net wird? (Mit heu­te ver­ges­se­nen Fi­gu­ren wie Her­mann Key­ser­ling und Ru­dolf Her­zog geht er ins süf­fi­sant-hart Ge­richt, aber es blei­ben eher harm­lo­se Schlecht­schrei­ber. Aber in­stink­tiv er­kennt er in Ar­nolt Bron­nen ei­nen »von al­len gu­ten Gei­stern ver­las­se­nen Pa­trio­ten­clown«.) Wer plä­dier­te »die Din­ge rein nach der Idee un­ter Aus­schal­tung ih­rer mensch­li­chen Trä­ger zu be­ur­tei­len«?

Es ist ei­ne zu­wei­len au­gen­öff­nen­de Lek­tü­re, die­ses klei­ne rororo-Bänd­chen mit dem Ti­tel »Li­te­ra­tur­kri­tik« mit von Fritz J. Rad­datz aus­ge­wähl­ten Tex­ten von Kurt Tu­chol­sky. Der Band ist von 1985. Mein Ex­em­plar ge­hört zur Aus­ga­be 32.–43. Tau­send. Da­mals las man so et­was noch. Stef­fen Il­le, dem Ver­le­ger mei­nes Bu­ches über Hand­kes Ju­go­sla­wi­en-En­ga­ge­ment, schick­te mir im Som­mer letz­ten Jah­res die­ses Bänd­chen. Er liest mit wie ich mich zu­wei­len an der ak­tu­el­len Li­te­ra­tur­kri­tik rei­be. Ich muss ihm dan­ken, dass er mir die­ses Buch ge­schickt hat.

Klar, Tu­chol­sky war zu­nächst Li­te­ra­tur­kri­ti­ker. Und die­ser Band ver­sam­melt ei­ni­ge von sei­nen Kri­ti­ken (es sind 66 von ins­ge­samt mehr als 500), die be­wei­sen, wie scharf­sin­nig und vor­aus­schau­end sei­ne li­te­ra­ri­schen Ur­tei­le wa­ren. Benn und Brecht in ei­nem Atem­zug als die wich­tig­sten Ly­rik­ta­len­te zu er­ken­nen – wer ver­moch­te das da­mals schon. Unge­wöhnlich für den zeit­ge­nös­si­schen Le­ser ei­ne »rich­ti­ge« Re­zen­sio­nen zu Kaf­ka (lo­bend) oder Joy­ce (eher zwei­felnd). (Und da­bei die Fra­ge, wie wohl spä­ter die Re­zen­sio­nen der heu­ti­gen Kri­ti­ker zu den dann zum Klas­si­ker mu­tier­ten Schrei­bern re­zi­piert wer­den.) Und ja, manch­mal ist er na­tür­lich »Kind« sei­ner Zeit, et­wa wenn er Irm­gard Keun 1932 Ta­lent at­te­stiert (»aus die­ser Frau kann ein­mal et­was wer­den«) nach­dem er vor­her »Gil­gi, ei­ne von uns« ver­ris­sen hat­te.

In drei Ab­schnit­te ist das Buch un­ter­teilt, wo­bei die Ti­tel mehr Fra­gen auf­wer­fen als Klar­hei­ten ver­mit­teln: »Je­der hat im Le­ben ei­ne Me­lo­die«, »S wie Sauer­süss« und »Man­cher lernt’s nie«. In­ner­halb der je­wei­li­gen Ab­schnit­te gibt es kei­ne chro­no­lo­gi­sche Ord­nung. Man meint man zu be­mer­ken, wie äs­the­ti­sche Ur­tei­le dem po­li­ti­schen En­ga­ge­ment im­mer mehr wei­chen. Aber auch hier las­sen sich an­hand der Jah­res­zah­len schwer­lich Rück­schlüs­se zie­hen. Na­tür­lich wird es En­de der 20er/Anfang der 30er Jah­re dring­li­cher, der Ton schär­fer, die Kri­ti­ken auch zu­wei­len ei­ne Spur un­ge­rech­ter. Aber schon 1920 schreibt er über die Zeit knapp zehn Jah­re zu­vor seuf­zend: »Das war ei­ne and­re Zeit, und wir wa­ren sehr glück­lich. Kommt das je wie­der?«

Tu­chol­sky war – ähn­lich wie ein Karl Kraus – zeit sei­nes Le­bens mit wirk­lich al­lem und al­len un­ver­söhnt, was mich dann doch zu­wei­len ge­är­gert hat. Da ist sei­ne Ab­rech­nung mit der So­zi­al­de­mo­kra­tie (1926) und de­ren Funk­ti­ons­trä­ger in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Muss­te man das der­art vor­brin­gen? Et­was mehr Nach­sicht viel­leicht wie er es et­wa im Hin­blick auf die KPD (die bes­se­re So­zi­al­de­mo­kra­tie) und eben auch die Ent­wick­lun­gen in Russ­land zeigt (die er nur sehr ge­mä­ssigt kri­ti­siert; er ist durch­aus af­fi­ziert vom »neu­en Ruß­land«)? Nicht, dass sich Tu­chol­sky mit ir­gend­wem oder ir­gend­et­was ge­mein ge­macht hät­te, aber das jun­ge Pflänz­chen deut­sche De­mo­kra­tie war be­dürf­tig nach Zu­nei­gung und ihm vor­zu­wer­fen, kei­ne star­ken Äste her­vor­ge­bracht zu ha­ben kommt ei­nem heu­te et­was über­eif­rig vor. Si­cher, für den Per­fek­tio­ni­sten Tu­chol­sky war »Re­al­po­li­ti­ker« ein Schimpf­wort; es muß­te im­mer al­les pas­sen – und da­mit pass­te dann ir­gend­wann nichts mehr. Und wie steht es mit sei­ner Art der »Kol­lek­tiv­schuld­the­se« der Deut­schen (nebst den Öster­rei­chern) was den Er­sten Welt­krieg an­geht (der frei­lich da­mals nicht so ge­nannt wur­de). Auch hier ist er ver­bis­sen (nur an ei­ner Stel­le wei­tet er die »Schuld« aus) und die Ele­ganz mit der er bei­spiels­wei­se das deut­sche Mi­li­tär und den Mi­li­ta­ris­mus der Deut­schen an­greift, geht in die­sem Ri­go­ris­mus manch­mal ver­lo­ren.

Vor der ei­ge­nen Zunft macht sein Sar­kas­mus eben­falls nicht Halt. In der Be­spre­chung von Hu­gos Balls Buch über Her­mann Hes­se 1927 wird die­ser kur­zer­hand zum »deut­schen Men­schen« er­klärt und von nun an wird nichts mehr auf über den Li­te­ra­ten Hes­se aber viel über den Deut­schen und des­sen Hu­mor­lo­sig­keit und über den »un­end­li­chen In­nen­rum­mel« des Deut­schen, der zum »Selbst­zweck« wird, re­fe­riert. 1931 nimmt Tu­chol­sky das noch ein­mal auf. In ei­ner Be­spre­chung über Up­t­ons Sin­c­lairs Es­says be­klagt er die Selbst­re­fe­ren­tia­li­tät und Wel­ten­fer­ne der Li­te­ra­ten. Und das von ei­nem, der Re­al­po­li­tik furcht­bar fand (sie­he oben).

Auch mit dem Thea­ter geht er 1932 hart ins Ge­richt. Stel­len­wei­se liest sich dies wie ei­ne Kri­tik an das so­ge­nann­te Re­gie­thea­ter un­se­rer Zeit. Die Re­gis­seu­re »neh­men ein Stück nur im Hin­blick auf die­se Fra­ge an: Was könn­te man da­mit an­fan­gen -? […] Sie dre­hen es. Sie wen­den es. Sie dich­ten es um. Sie strei­chen und fü­gen hin­zu.« Hier­in sieht Tu­chol­sky den Grund da­für, dass die zeit­ge­nös­si­sche Dra­ma­tik sta­gniert. »Der Au­tor stört. Der Text ist Vor­wand. Und dann be­kla­gen sie sich, daß kei­ne Dra­ma­ti­ker auf­wach­sen.« Und er emp­fiehlt er­fri­schend: »Dann schreibt euch eu­re Stücke al­lein.«

Hym­ni­ker ist Tu­chol­sky al­ler­dings auch. So lobt er über­schwäng­lich die Schrif­ten von Ot­to Fla­ke und Emil Lud­wig. Die Be­spre­chun­gen von Es­says oder Hi­sto­ri­en­ab­hand­lun­gen zei­gen Tu­chol­skys Ken­ner­schaft. Und dann das Li­te­ra­ri­sche: Wie er den »gro­ßen Epi­ker« B. Tra­ven fei­ert. Oder den heu­te ver­ges­se­nen Alex­an­der Ro­da Ro­da. Von Ha­seks Schwei­jk-Bü­cher gar nicht erst zu re­den (nur die Über­set­zung kommt nicht gut weg). Ein sa­ti­ri­scher Ro­man ei­nes ge­wis­sen Lin­ke Poot wird über­schwäng­lich ge­lobt (wuss­te Tu­chol­sky nicht, dass es sich um Al­fred Dö­blin han­del­te?). Aber nie kä­me er in den Sinn hier »ho­he Li­te­ra­tur« zu su­chen oder die Bü­cher da­mit zu mes­sen. Was für ihn zählt ist hier der Ge­halt, die Poin­te, die Bot­schaft.

Die Lek­tü­re der ein­zel­nen Tex­te ver­langt und er­zeugt Zeit. Über das Buch »Ge­sun­de und kran­ke Ner­ven« des Psy­cho­ana­ly­ti­kers Lud­wig Pa­neth ur­teilt Tu­chol­sky: »Es ist kei­ne Bi­bel, son­dern ei­ne Fi­bel«. Des­glei­chen gilt für die­ses Büch­lein. Es ist ei­ne Fi­bel für Kri­ti­ker, für Blog­ger, für Ju­ry­vor­sit­zen­de, für Schrei­ber und Le­ser. Es ist an­ti­qua­risch für klei­nes Geld zu be­schaf­fen. Kauft, lest und lernt.

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2 Kommentare zu »Fi­bel statt Bi­bel«:

  1. Krylow sagt:

    Vie­len Dank für den Ar­ti­kel und die Emp­feh­lung. Ich glau­be ein biss­chen von dem, was Sie da be­schrei­ben, nach­voll­zie­hen zu kön­nen. Das Deut­sche Film­mu­se­um Frank­furt am Main brach­te 1984 ei­ne Text­samm­lung (her­aus­ge­ge­ben von Fritz Güt­tin­ger) mit dem Ti­tel “Kein Tag oh­ne Ki­no: Schrift­stel­ler über den Stumm­film” her­aus. Ent­deckt ha­be ich sie vor we­ni­ger als 10 Jah­ren.

    Es han­delt sich da­bei um Tex­te meist aus den 10er und 20er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Au­toren sind Max Brod, Al­fred Dö­blin, Ge­org Lu­kacs, Ro­bert Mu­sil, Be­la Ba­lazs und vie­le an­de­re. Dar­un­ter auch Kurt Tu­chol­sky.

    Im De­tail weiß ich nun nicht mehr die stärk­sten Tex­te, kann all­ge­mein aber sa­gen, dass ich sie als Of­fen­ba­rung emp­fand! Oder wie Sie schrie­ben, au­gen­öff­nend. Die Aus­ein­an­der­set­zung vie­ler Tex­te mit der Furcht, der Kien­topp kön­ne das Thea­ter ab­lö­sen, wird mit so ei­ner Lei­den­schaft ge­führt, ei­ner Wort­ge­walt, die ein­fach in den Bann zie­hen muss. Die Be­gei­ste­rung und die Vi­sio­nen, die aus vie­len Tex­ten spre­chen, da­zu der Ver­such, die künst­le­ri­sche und kul­tu­rel­le Be­deu­tung dar­zu­stel­len, in bei­de Rich­tun­gen, po­si­tiv wie ne­ga­tiv – all das hat mich doch nach­hal­tig be­ein­druckt.

    Die be­sten Pas­sa­gen sind zeit­los, so dass sie sich wun­der­bar auf De­bat­ten un­se­rer Ta­ge über­tra­gen las­sen, wie z.B. das En­de des Ki­nos, das schon oft her­auf­be­schwo­ren wur­de, oder die Ver­schie­bung von Ki­no zu di­gi­ta­len Angeboten/Streaming. Im Kern auch der Um­gang mit ei­nem jun­gen Me­di­um, die Ver­or­tung und Be­deu­tung für die Ge­sell­schaft. (→ heu­te z.B. In­ter­net).

    Mich be­schleicht das Ge­fühl, dass die­se De­bat­ten nicht mehr in die­ser Art, vor al­lem auch sprach­lich ge­se­hen, aus­ge­foch­ten wer­den. Wo­mög­lich ge­hen sie auch nur im gro­ßen Rau­schen un­ter. Ich weiß es ehr­lich ge­sagt nicht. Als sehr loh­nens­wert er­ach­te ich die Lek­tü­re al­le­mal. Das 550 Sei­ten star­ke, ge­bun­de­ne Buch gibt es im­mer noch für schma­le 12€ im On­line-Shop des Film­mu­se­ums Frank­furt zu be­zie­hen. Ein wei­te­res glei­cher Art für 10€.

    #1

  2. Sehr schön und vie­len Dank für die­sen Hin­weis.

    #2

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