Die Zölle der Anderen

»Handelskrieg!« tönt aus nahezu allen deutschen Medien. Schreckensszenarien werden entwickelt. Und natürlich ist es wieder einmal der amerikanische Präsident Trump, der an allem Schuld ist. Droht er doch den ausländischen Stahlproduzenten mit sogenannten »Strafzöllen«. Die Empörungsmaschinerie blüht, ein »Welt«-Journalist entblödet sich nicht nach »Frau Doktor Merkel« zu rufen. Er sieht unseren »Wohlstand« in Gefahr.

Man mag einiges gegen Trumps Strafzoll-Verfahren vorbringen. Aber man könnte zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur Trump ist, der Zollverfahren gegen Billighersteller erwirkt, wenn diese den lokalen Markt mit Dumpingpreisen fluten. Erst am 8. Februar diesen Jahres hat die Europäische Union ein sogenanntes »Antidumpingzollverfahren« gegen chinesischen korrosionsfreien Stahl beschlossen. Statt Entrüstung, dass der doch so hehre und heilige »freie Markt« in Schieflage gerät, applaudierten die einheimischen Stahlhersteller natürlich – assistiert von der Politik.

Bei der Außenhandelskammer Hamburg kann man eine Liste aller »laufenden Antidumping- und Antisubventionsverfahren« der EU einsehen. Sie ist derzeit 359 Seiten stark. Von der Regenbogenforelle aus der Türkei über Biodiesel aus Argentinien bis zu Geschweißten Rohren aus Thailand und Belarus kann man hier nachlesen, welche Produkte derzeit von der EU mit Antidumpingzöllen belegt werden. Natürlich geht auch hier immer nur darum, die heimischen (vulgo: europäischen) Hersteller zu schützen.

Aus meiner Tätigkeit im Chemiehandel sind mir solche Verfahren auch bekannt. Selbst wenn einheimische Produzenten den EU-Markt nicht oder nur mit großen Lieferproblemen abdecken können, hatten Antidumpingzollverfahren gegen (zumeist chinesische) Hersteller Erfolg. Entweder man belegte ein Produkt mit einem irrsinnig hohen Zollsatz. Oder man legte einen Mindestpreis fest. Dabei spielte der eigentliche Preis, für den die Ware beim Exporteur eingekauft wurde, keine Rolle. Es gab einen Mindestpreis, der als Basis für die Verzollung gilt. Betrug der Einkauf rund 2 Euro im kg für eine Ware, so wurde in einem Fall der Verzollungspreis auf 4 Euro festgelegt. Die Differenz zwischen 4 und 2 Euro war der Zoll, den der Importeur zu entrichten hatte. Wenn das einheimische Produkt bei 3,00 oder 3,20 Euro im kg gelegen hatte, war der Import nicht mehr lukrativ. Eine fatale Besonderheit gab es noch: Alleine die Ankündigung eines Antidumpingzollverfahrens ließ die Importe fast erlahmen. Denn die Maßnahme wurde auch schon einmal rückwirkend in Kraft gesetzt.

Die Heuchelei liegt also auf der Hand, denn selbstverständlich schützt auch die EU ihre einheimische Produktion. Zugegeben mit weniger Gepolter und sicherlich professioneller. Wesentliche Teile des deutschen Journalismus entdecken allerdings lieber den Splitter im anderen Auge. Zumal wenn es sich um Trumps Splitter handelt.

Ach ja: Dass die EU mit ihren subventionierten Produkten einheimische Märkte beispielsweise in Afrika zerstört, ist auch allgemein bekannt. Aber so stellt man sich eben freien Handel vor. Die Bösen – das sind immer die Anderen.

Dieser Beitrag wurde unter Apropos abgelegt und mit , , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

Ein Kommentar zu »Die Zölle der Anderen«:

  1. Oma Erna sagt:

    Das kann ja überhaupt nicht sein, was Sie hier schreiben.

    WIR sind die Guten!

    Wenn ich solche Verschwörungstheorien überzeugt weiterverbreiten würde, begäbe ich mich im öffentlichen Dialog vermutlich sehr schnell auf dünnes Eis. Sehr schön, wie heute morgen das Weltbild des DLF-Moderators beim Flassbeck-Interview zu Trumps Strafzöllen ins Wackeln kam. Man kommt leider mitunter nicht umhin, zu glauben, daß sich das Interesse an ausgewogener Berichterstattung in abgesteckten Grenzen hält. Muß dieses neumodische Wording sein. Und Nein! Deswegen sollte Niemand neubraune Fake-News-Plärrer wählen. Höchstens überlegen, wie wichtig anderweitige Informationszuflüsse sind.

    Dank für Ihr anschauliches Praxisbeispiel, welches eventuell sogar einem Springer-Leser einleuchten könnte. Ich kann mir vorstellen, unsere staatstragenden Medien wären dazu auch in der Lage. Unvorstellbar, die Zusammenhänge zwischen Schwarzer Null, Exportüberschuß, INSM, geplanter Mütterrente wären Allgemeinwissen.

    Gottseidank wird aber jetzt mit Groko-Revisited alles gut…

    Aktuelles SPD-Kaddisch

    »ein Name für das ‘untote’, ewige Leben selbst, für das schreckliche Schicksal, im endlosen Wiederholungskreislauf des Umherwandelns in Schuld und Schmerz gefangen zu sein« (Slavoj Žižek)

    #1

Kommentar abgeben:

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Angaben sind mit * markiert.