Kind­ver­lust­ge­schich­te

1

ge­setzt, ich wür­de
ge­setzt, ich hät­te
al­so: ich hat­te
mei­ne Toch­ter, mein Ein und Al­les und mich
mei­nen ein­zi­gen Schatz, der ich sonst nichts be­sit­ze
                                                                                     be­sit­zen will
mein Ta­lent ver
                              ge­ssen
                        ver
                              schleu­dert
                        ver
                              dör­ren las­sen

al­so ich, hilfs­be­dürf­tig und ver­schwie­gen, hat­te sie, da sie noch klein war, bei Ver­wand­ten ge­las­sen, wuß­te aber lei­der nicht mehr, bei wel­chen, so daß ich nun mei­ne ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te ab­gra­sen müß­te, um zu mei­nem Ein und Al­les zu­rück­zu­fin­den. Das will ich jetzt ver­su­chen, was bleibt mir üb­rig (nichts!), denn ich hat­te doch – mei­ne Recht­fer­ti­gung! – ei­nen Auf­trag zu er­fül­len (ge­habt) im Na­men mei­ner Schwe­ster Ma­ria oder mei­ner Freun­din Adel­heid, die ihn selbst nicht er­le­di­gen konn­te. Ich hat­te mich mit ih­rem Hünd­chen in der Ein­kaufs­ta­sche, ei­nem win­zi­gen wu­se­li­gen grau­en Hünd­chen, das er­krankt war und fast er­schlafft jetzt, auf den Weg zum Klein­tier­arzt ge­macht, wie hät­te ich mei­ner Freun­din oder Schwe­ster die Bit­te ab­schla­gen sol­len un­ter sol­chen Um­stän­den, da sie ver­hin­dert war. Und wo an­ders hät­te ich mich hin­be­ge­ben sol­len als in die Klein­tierarztpraxis un­se­rer ge­mein­sa­men Freun­din Bri­git­te. Als ich dort an­kam, war das War­te­zim­mer men­schen­leer und über­sät von mehr oder we­ni­ger ka­put­tem Kinderspiel­zeug und Pa­pier­schnip­seln und be­druck­ten, aus Kin­der­bü­chern ge­ris­se­nen Sei­ten: ei­ne ge­stran­de­te und ver­las­se­ne Ar­che No­ah, al­le Tie­re und Kin­der längst aus­ge­schifft. Die Gu­ten hat­ten sich mit ein we­nig Glück ei­ne neue Welt zu­recht­ge­macht, aber oh­ne sie, oh­ne mei­ne Toch­ter, mein Ein und Al­les, mein Ta­lent: trau­ri­ge Welt! Nein, hier konn­te ich das Hünd­chen nicht hei­len las­sen, und in die­sem Au­gen­blick war mei­ne Toch­ter viel­leicht zum er­sten Mal, oh­ne daß ich es merk­te, ver­schwun­den, da­bei hat­te ich nicht ein­mal mei­nen Auf­trag er­fül­len kön­nen

al­so ich, ver­wirrt vom Zu­viel und Zu­we­nig, ge­riet auf mei­ner hek­ti­schen Rei­se-Su­che nach dem Ta­lent in die Gast­stu­be und schließ­lich, mich un­ter den K + M + B Tür­bal­ken duckend, in die weit­läu­fi­ge Kü­che mit dem gro­ßen Herd, wo mei­ne Tan­te herrsch­te. Auch mei­ne bei­den Vet­tern wa­ren da, ge­fin­kelt der ei­ne, schwach­sin­nig der an­de­re, dar­an hat­te sich nichts ge­än­dert, nur daß sie al­le drei merk­wür­dig her­um­stan­den in der Ge­gend, hin­ter ih­nen die aus dem Ei­sen­loch zün­geln­te die ro­te Herd­flam­me, als kä­men die Wör­ter lang­sam, oder doch nicht, in die Spur. Stan­den da mit halb ge­senk­ten, halb er­ho­be­nen Ge­sich­tern, als wä­ren sie rat­los oder schlech­ten Ge­wis­sens, so daß ich lang­sam in Zorn kam und mich zü­gel­te gleich der Herd­flam­me, ne­ben der das Beuschel bro­del­te oder die Äp­fel, ge­dün­ste­te Äp­fel mit Zimt. Die Tan­te ver­such­te mir et­was an­zu­bie­ten, so­gar Most, auch Süß­most, sag­te sie, für dei­ne Toch­ter, wenn du ei­ne hast (sie glaub­te mir nicht), je­den­falls hier ist sie nicht, schau! Sie streck­te ih­re ris­si­gen Koch­hän­de vor, wies ih­re zwei blöd­sin­ni­gen Kin­der an, sel­bi­ges zu tun: Sechs lee­re Hän­de, die dir Süß­most brin­gen, wenn du willst, paßt aber nicht zum Beuschel, trink lie­ber ein Bier, Al­ter! Vor schlech­tem Ge­wis­sen, das wuchs zu ei­nem Berg, der mich be­drück­te, saß ich auf der Eck­bank un­ter der ver­wisch­ten Krei­de von K + M + B, brach­te kei­nen Bis­sen hin­un­ter, kein Wort her­aus. Was hat­te ich hier nur ver­lo­ren

2

An Die Stun­de der wah­ren Emp­fin­dung, al­so das Buch von Pe­ter Hand­ke bzw. des­sen Lek­tü­re, ha­be ich ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung . . .

Liest man es dann aber noch­mals und noch­mals, fällt ei­nem bald ein­mal auf, daß das, was dar­in er­zählt und ge­zeigt wird, und die ent­spre­chen­den oder wi­der­spre­chen­den Empfin­dungen, gar nicht al­le so schön sind. Es ist wie im Le­ben, man be­wahrt das Schö­ne, das Häß­li­che streicht die Er­in­ne­rung weg. Aber viel da­von kehrt zu­rück, wenn man sie nur ein biß­chen drängt. Beim zwei­ten und drit­ten Le­sen er­schien mir die­ser Gre­gor Keu­sch­nig dann doch als ge­fähr­de­ter Mensch, sei­ne Hy­per-Auf­merk­sam­keit auf al­les und sich selbst kann je­der­zeit in Krank­heit, De­pres­si­on oder Amok­lauf um­schla­gen. Ja, Keu­sch­nig ist ein Ver­wand­ter des Mon­teurs und Tor­manns Jo­sef Bloch, der be­kannt­lich ei­ne jun­ge Frau er­mor­det hat. Die schö­nen Er­leb­nis­se sind al­le­samt am­bi­va­lent, so­gar das be­rühm­te Zu­sam­men­rücken der drei un­schein­ba­ren Din­ge auf dem Car­ré Ma­ri­gny in der Nä­he der Champs Ely­sées, das sich dann in ei­ner et­was we­ni­ger schicken Ge­gend, im 18. Arron­dissement auf dem Squa­re Car­peaux, wie­der er­eig­nen soll (aber das will nicht recht ge­lin­gen).

Auch in die­ser Er­zäh­lung ge­schieht et­was Schreck­li­ches. Die klei­ne Toch­ter Keu­sch­nigs ver­schwin­det von ei­nem Au­gen­blick zum an­de­ren vom Spiel­platz auf je­nem Squa­re. Was man im Rah­men ei­ner »nor­ma­len« Ge­schich­te er­war­ten wür­de, daß näm­lich der Va­ter, der das Kind be­auf­sich­tigt hat­te, so­gleich nach die­sem sucht, Leu­te be­fragt, viel­leicht die Po­li­zei ver­stän­digt usw., tut Keu­sch­nig nur an­satz­wei­se. Er spricht mit dem Park­wäch­ter – ei­ne heu­te längst ab­ge­kom­me­ne Pa­ri­ser In­sti­tu­ti­on –, nennt die­sem sei­ne Adres­sen und meint, er wer­de selbst die Po­li­zei kon­tak­tie­ren. Tut er dann aber nicht, statt des­sen streift er durch Pa­ris, in Rich­tung Osten und Nor­den, dann wie­der her­un­ter, zur Stadt­mit­te hin. Er denkt, daß er ster­ben möch­te und daß das Ge­sche­he­ne rück­gän­gig ge­macht oder ge­än­dert wer­den könn­te, in­dem er wahn­sin­nig wird. Ster­ben tut er nicht, und ob er wahn­sin­nig wird, auf die­se Fra­ge wer­de ich dann gleich noch zu spre­chen kom­men.

Bei mei­ner zwei­ten und drit­ten Lek­tü­re hat Keu­sch­nig be­gon­nen, mir auf die Ner­ven zu fal­len. Tu doch was!, rief ich ihm zu, Do the right thing!, tu das, was je­der Va­ter in die­ser Si­tua­ti­on tun wür­de, such mit al­len Mit­teln nach dei­nem Kind. Lauf nicht da­von! Denn das ist es, was du tust, auf der Su­che nach dei­nen wun­der­li­chen Ideen und ih­ren un­wahr­schein­li­chen Rea­li­sie­run­gen. Was für ein Feig­ling, die­ser Typ! Zu fei­ge so­gar, sich das Le­ben zu neh­men. Aber auch der Tod wä­re nichts als Flucht, wä­re nur Feig­heit. Kein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl, die­ser Mann denkt nur an sich selbst, und wenn er doch ein­mal an die an­de­ren denkt, müs­sen es gleich »al­le« sein, nur ab­strakt sind sie für ihn da, als All­ge­mein­heit. Ein paar Au­gen­blicke bil­det er sich so­gar ein, in die­sen »al­len« zu le­ben, aber sei­ne klei­ne Toch­ter scheint er ver­ges­sen zu ha­ben. Er will nichts mehr für sich: so steht es ge­schrie­ben. Schön für ihn, er darf sich ent­selbst­en, wie nur je ein My­sti­ker. Sich sel­ber los sein und trotz­dem nicht tot. Wun­der­bar! Aber dar­um geht es doch gar nicht, er soll für je­mand an­de­ren et­was wol­len, kon­kret, für sei­ne Toch­ter.

Hab ich ge­dacht. Und ge­schimpft. Mehr ge­schimpft als ge­dacht. Ha­be dann, bei mei­ner neue­sten Lek­tü­re, der fünf­ten oder sech­sten, rasch noch die Se­rie der Wahrnehmungs­bilder ge­streift, die auf den letz­ten zwan­zig Sei­ten des Buchs da­her­strö­men, bin dann aber bald zum al­ler­letz­ten Ab­satz ge­sprun­gen. Ich glau­be, ich hat­te das schon viel frü­her, vor Jah­ren, ge­ahnt oder ge­sagt und so­gar ge­schrie­ben, aber jetzt ist mir voll­ends klar: Keu­sch­nig ist ver­rückt ge­wor­den. Er ist nicht mehr er. Ich ist ein Er ge­wor­den. Ein Mann über­quert die Place de l’Opéra. . . Nein, das ist nicht ir­gend­wer, kein An­ony­mer in der Men­ge. Das ist Gre­gor Keu­sch­nig. Hat­te er nicht, kurz be­vor er sein Kind ver­lo­ren hat­te, be­schlos­sen, sich ei­nen hel­len An­zug zu kau­fen? Da trägt er ihn jetzt, hell­blau. Aber nicht nur das, er ist zu ei­nem Wie­der­gän­ger der Li­te­ra­tur­ge­schich­te ge­wor­den, denn mit den gel­ben Schu­hen, den wei­ßen Socken und dem blau­en Rock er­in­nert er an ei­nen an­de­ren Nar­ren, den lie­bes­tol­len Wert­her.

Schön für ihn . . . Oder auch nicht. Ich traue dem Frie­den des Tex­tes oh­ne­hin schon lan­ge nicht mehr, und auch nicht sei­nem Un­frie­den. In Wahr­heit, und viel­leicht ist das eben die Wahr­heit des Tex­tes, die uns der Au­tor Pe­ter Hand­ke ver­macht hat, ist Keu­sch­nig end­gül­tig zu ei­nem Lei­dens­ge­nos­sen des schi­zo­phre­nen Jo­sef Bloch ge­wor­den.

In der Er­zäh­lung ver­steckt sich ein wirk­lich ganz un­schein­ba­rer, un­poe­ti­scher Ne­ben­satz, der lau­tet: »wie die­ser spä­ter sa­gen wür­de«. Sub­jekt ist der Park­wäch­ter, der gibt – spä­ter – an, Keu­sch­nig sei ru­hig und be­son­nen ge­we­sen, als er das Ver­schwin­den des Kin­des be­merkt ha­be. Was im­mer das in­si­nu­ie­ren mag. Viel­leicht gar nichts. Oder daß der ver­rückt wer­den­de Keu­sch­nig äu­ßer­lich ganz ver­nünf­tig bleibt. Oder daß sei­ne Aus­druckslosigkeit schon et­was Wahn­sin­ni­ges hat. Das »spä­ter« ver­weist auf ein Au­ßer­halb der ei­gent­li­chen Ge­schich­te, das im Buch nicht er­zählt wird. Es ist der ein­zi­ge sol­che Ver­weis. Der Fall – Kind­ver­lust – wur­de von ir­gend­wem auf ir­gend­ei­ne Wei­se auf­genommen und ver­mut­lich ge­löst. Viel­leicht hat die Po­li­zei das Kind zu­fäl­lig ge­fun­den. Aber es könn­te auch et­was Schlim­mes pas­siert sein: von ei­nem Au­to nie­der­ge­sto­ßen, von ei­nem Bö­se­wicht ent­führt. Dar­an wä­re der Va­ter mit­schuld. So müß­te er sich je­den­falls füh­len, wenn er ein Va­ter wä­re, und nicht et­wa – un­zu­rech­nungs­fä­hig.

Vom Kind ist in die­sem Buch dann nicht mehr die Re­de. Für den Le­ser bleibt es ver­schwun­den.

3

Die­se wie­der­hol­ten Lek­tü­ren fan­den al­le­samt nach ei­nem Er­eig­nis statt, das mich selbst tief ge­trof­fen hat­te. Spät, aber doch, und mit um­so grö­ße­rer Freu­de, war ich Va­ter ge­wor­den. Als das Kind klein war, war ich viel mit ihm zu­sam­men; Kin­der­spiel­plät­ze sind mir sehr ver­traut, es wa­ren und sind für mich zu­meist schö­ne Or­te, wo ich am Rand ste­hen, in die Ge­gend schau­en und die Zeit an mir vor­bei­rie­seln las­sen kann, wie die Kin­der den Sand von der Schau­fel rie­seln las­sen. Mei­ne Toch­ter war drei, höch­stens vier Jah­re alt, als ich mit ihr ein­mal an der Place des Vos­ges vor­bei­kam, wo an schö­nen Ta­gen zahl­rei­che Men­schen auf den Wie­sen und un­ter den Bäu­men ih­ren Ver­gnü­gun­gen nach­ge­hen oder Pau­se ma­chen, pick­nicken, schla­fen. Es gibt da auch, auf ei­nem der vier brei­ten Zu­gangs­we­ge zur Mit­te des Plat­zes, die von ei­ner Rei­ter­sta­tue Lud­wigs XIII. ge­bil­det wird, ei­nen läng­li­chen Sand­ka­sten, an des­sen Sei­ten El­tern und Kin­der­mäd­chen sit­zen und die spie­len­den Kin­der be­auf­sich­ti­gen. In die­sem Al­ter mei­ner Toch­ter war es schwie­rig, sie an ei­nem sol­chen Ort vor­bei­zu­zie­hen, und ich ha­be es sel­ten ge­tan, auch dann nicht, wenn wir es ei­lig hat­ten. Auf der Place des Vos­ges wühl­te sie ei­ne Zeit­lang im Sand her­um, be­vor sie ei­nen der vier Brun­nen ent­deck­te, die den geo­me­trisch an­ge­leg­ten Platz zie­ren, und be­gann, mit ei­ner her­ren­lo­sen Pla­stik­fla­sche Was­ser von dort zu ho­len, um es in Grä­ben und vor Däm­me zu gie­ßen, von de­nen nach und nach im­mer mehr ent­stan­den, bald auch un­ter Mit­hil­fe von ne­ben ihr spie­len­den Kin­dern. Ich rich­te­te ein Wort an den Mann, der zu zwei­en von ih­nen zu ge­hö­ren schien. Er war Po­le, sprach ein paar Brocken Fran­zö­sisch, hielt sich an­schei­nend als Tou­rist mit sei­ner Fa­mi­lie in Pa­ris auf. Ich hat­te kei­nen Grund, ihm zu miß­trau­en.

Kin­der­spie­le zie­hen sich hin, die Zeit ver­rinnt, frü­her oder spä­ter be­kom­men die Klei­nen Durst, auch Hun­ger, aber vor al­lem Durst. Ge­wiß, ich hät­te un­se­ren Aus­gang bes­ser vor­be­rei­ten, we­nig­stens ei­ne Was­ser­fla­sche und Obst ein­packen sol­len. Mei­ne Toch­ter wur­de dur­stig, quen­gel­te, wein­te. Kin­der­trä­nen rüh­ren mich un­wei­ger­lich, ob­wohl ich weiß, daß es manch­mal bes­ser ist, sie aus­wei­nen zu las­sen, als gar zu rasch ein­zu­grei­fen und die ver­meint­li­chen Grün­de ih­res Un­glücks zu be­sei­ti­gen. Zu­mal ich weiß und oft ge­nug ge­staunt hat­te, wie rasch das kind­li­che Ge­müt vom größ­ten Glück zur tief­sten Ver­zwei­fe­lung und wie­der zu­rück wech­seln kann. An die­sem Tag war es heiß, bis nach Menil­mon­tant, wo wir da­mals lo­gier­ten, ein wei­ter Weg, zu­erst die weit­läu­fi­ge U‑Bahn­station Ba­stil­le, voll­ge­stopf­te Wag­gons, dann um­stei­gen... Kurz, ich be­schloß, et­was zu es­sen und zu trin­ken zu be­sor­gen, da ich an­nahm, es ge­be in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ein Le­bens­mit­tel­ge­schäft, ei­nen Stand, ir­gend et­was. Ich frag­te den Po­len, wie lan­ge er noch mit sei­nen bei­den Kin­dern hier blei­be – ei­ne hal­be Stun­de, ja, min­de­stens –, bläu­te mei­ner Toch­ter ein, sich auf kei­nen Fall vom Spiel­platz weg­zu­be­we­gen, und mach­te mich auf den Weg. Ich ver­ließ die ge­schlos­se­ne An­la­ge der Place des Vos­ges in Rich­tung Saint-Paul, sah aber zu­erst ein­mal über­haupt kei­ne Ge­schäf­te, die für mei­nen Zweck in Fra­ge ka­men. An der Ecke zur Rue Saint-An­toine war ein Ca­fé; soll­te ich mir da ein Sand­wich zu­be­rei­ten las­sen? Nein, das wür­de zu lan­ge dau­ern. Ich spür­te, wie sich Ner­vo­si­tät in mir breit­mach­te, und ha­ste­te wei­ter, er­in­ner­te mich plötz­lich an den klei­nen Mo­no­prix na­he der U‑Bahnstation St-Paul. Die Ge­gend war mir ver­traut, da ich frü­her auf der an­de­ren Sei­te der Place de la Ba­stil­le ge­wohnt hat­te, im 11. Ar­ron­dis­se­ment, und oft­mals zu Fuß durch das Ma­rais in Rich­tung Tour Saint-Jac­ques ge­gan­gen war. Im Mo­no­prix griff ich zu ab­ge­pack­ten Sand­wi­ches, wog Wein­trau­ben ab, leg­te ei­ne Was­ser­fla­sche in das Körb­chen. Und dann, vor der ein­zi­gen ge­öff­ne­ten Kas­se – ei­ne Wart­schlan­ge. So nahm ich je­den­falls die drei oder vier Per­so­nen vor mir wahr.

Nach­dem ich be­zahlt hat­te, rann­te ich den Weg zu­rück, nicht ge­ra­de wie ein Be­ses­se­ner, aber ver­mut­lich ahn­te ich schon das Ge­sche­he­ne. Man rech­net in sol­chen Mo­men­ten wohl mit dem Schlimm­sten, in ei­ner Art Zweck­pes­si­mis­mus, um dann er­leich­tert auf­at­men zu kön­nen. Ich kam zu­rück auf den Platz, eil­te zum Sand­spiel­platz: kei­ne Spur von mei­nem Kind. Auch nicht vom Po­len und den sei­nen. Die­ser Idi­ot war ein­fach ab­ge­hau­en, ob­wohl ich be­stimmt nicht län­ger als zwan­zig Mi­nu­ten ge­braucht hat­te . . . Nein, das dach­te ich nicht, erst ir­gend­wann spä­ter schoß mir ein sol­cher Ge­dan­ke durch den Kopf, und ich nahm ihn so­fort zu­rück, denn ver­ant­wort­lich für mein Kind war al­lein ich selbst. Ich ver­such­te, mich zu be­ru­hi­gen, und frag­te die jun­gen Leu­te, in de­ren Nä­he ich zu­vor in der Wie­se ge­ses­sen hat­te, ob sie ein klei­nes Mäd­chen ge­se­hen hät­ten, so und so groß, brau­ne Locken, hell­gel­bes, blu­men­ge­mu­ster­tes Kleid. Nein, hat­ten sie nicht. Nie­mand hat­te mei­ne Toch­ter ge­se­hen. Ich ging in die Mit­te des Plat­zes, zur Rei­ter­sta­tue, und rief ih­ren Na­men, laut, noch lau­ter, so daß an­de­re Park­be­su­cher auf­merk­sam wur­den, was mir zwar pein­lich war, aber mich den­noch nicht da­von ab­hielt, im­mer mehr Kraft in mei­ne Stim­me zu le­gen. Ei­ne Ant­wort be­kam ich nicht. Wie Keu­sch­nig auf dem Squa­re Car­peaux dach­te ich dar­an, die Po­li­zei zu ru­fen, kam aber so­gleich da­von ab, weil ich da­durch nur Zeit ver­lie­ren wür­de. Ich ver­such­te, mög­lichst sy­ste­ma­tisch zu han­deln, und mar­schier­te ei­ne Strecke in die­se, ei­ne Strecke in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Nichts, mei­ne Toch­ter war ver­schwunden. Schließ­lich dach­te ich, wenn ich den Platz in im­mer en­ge­ren Qua­dra­ten, zu­erst na­he den Ar­ka­den und den weiß-ro­ten Back­stein­wän­den der Pa­lais, dann kon­zen­trisch zur Rei­ter­sta­tue hin, mit der Zeit dann kreis­för­mig, ab­ge­hen wür­de, müß­te ich doch auf sie sto­ßen. Da­bei hat­te ich nicht be­dacht, daß sie selbst sich wahr­schein­lich eben­falls be­weg­te, auf der – si­cher we­ni­ger sy­ste­ma­ti­schen – Su­che nach mir. Die Möglich­keit, daß sie den Platz ver­las­sen ha­ben könn­te, war mir frei­lich schon vor­her durch den Kopf ge­schos­sen und hat­te mei­ne Ver­zweif­lung ver­grö­ßert.

Ir­gend­wann merk­te ich, daß ich in­zwi­schen sel­ber plan­los war und, im­mer noch ab und zu ih­ren Na­men ru­fend, zwi­schen den Platz­be­su­chern um­her­irr­te. Ich war na­he dar­an, ei­nen Han­dy-Be­sit­zer – mei­nes funk­tio­nier­te in Frank­reich nicht – zu bit­ten, die Po­li­zei an­zu­ru­fen. Und ge­ra­de da er­blick­te ich in der Fer­ne mei­ne Toch­ter, wie sie hin­ter ei­nem der Brun­nen her­vor­lief, heu­lend und oh­ne mich zu se­hen, nicht we­ni­ger ver­zwei­felt als ich selbst. Ich nahm sie hoch, küß­te sie – und er­in­ne­re mich nicht, was ich sonst noch tat oder sag­te. Das näch­ste Er­in­ne­rungs­bild ist ei­ne Sze­ne, wo wir in der Wie­se sit­zen und tüch­tig es­sen und trin­ken; zum Glück wa­ren meh­re­re Sand­wi­ches im Pla­stik­säck­chen vom Mono­prix. Mei­ne Toch­ter spiel­te dann noch ei­ne Wei­le mit ei­nem Hünd­chen, ehe wir uns auf den Heim­weg mach­ten.

Es war nichts Schlim­mes pas­siert, aber der Schreck war mir tief in die Kno­chen ge­fah­ren und blieb dort für lan­ge Zeit sit­zen; ich mach­te mir schwe­re Vor­wür­fe we­gen mei­ner Leicht­sin­nig­keit. Mei­ne Hand­lungs­wei­se war al­les in al­lem nor­mal, die Ge­schich­te ist so­zu­sa­gen nichts Be­son­de­res. Viel­leicht gar nicht er­zäh­lens­wert, und ich hät­te sie auch nicht er­zählt, wenn bei mei­nen nach­ma­li­gen Lek­tü­ren der Stun­de der wah­ren Emp­findung nicht der Är­ger in mir hoch­ge­kom­men wä­re über Gre­gor Keu­sch­nig, die­sen an­ge­knack­sten Ty­pen, der mit sich selbst zu kämp­fen hat – aber ent­schul­digt ihn das? Kann man als Va­ter ein­fach da­von­lau­fen, wenn das ei­ge­ne Kind in Not ist?

Ich hof­fe, Keu­sch­nigs Toch­ter ist da­mals, im Off der Er­zäh­lung, nichts zu­ge­sto­ßen. Ver­mut­lich hat die Po­li­zei oder ein auf­merk­sa­mer Mit­bür­ger das Mäd­chen ir­gend­wo auf­ge­le­sen, die Iden­ti­tät des Kin­des her­aus­ge­fun­den und sie der Mut­ter oder wem auch im­mer, ei­nem An­ge­hö­ri­gen, über­ge­ben. Keu­sch­nig wohl nicht, denn in dem Zu­stand, wie ich ihn die Place de l’Opéra über­que­ren se­he, wird er nicht mehr fä­hig sein, für sein Kind ge­bühr­lich zu sor­gen.

4

Der Prü­fungs­traum ist ein be­lieb­tes Gen­re nächt­li­cher Spon­tan­poe­sie. Jah­re­lang ha­be ich ei­nen sol­chen Traum ge­träumt und träu­mend va­ri­iert. Ei­ne Schul­ar­beit oder die Reife­prüfung in Ma­the­ma­tik stand be­vor, und ich hat­te in die­sem Fach seit ewi­gen Zei­ten nichts ge­lernt. End­lich wür­de ans Licht kom­men, daß ich nichts, aber auch gar nichts konn­te. Es war un­mög­lich, Ver­säum­tes nach­zu­ho­len, weil mir die Vor­aus­set­zun­gen da­für fehl­ten. Wenn ich frü­he­ren Stoff zu ler­nen ver­such­te, konn­te ich beim ge­gen­wär­ti­gen Stoff trotz­dem nichts ver­ste­hen, ich ver­lor nur wei­te­re Zeit. Und wenn ich im ge­gen­wär­ti­gen Un­ter­richt mit­zu­tun ver­such­te, fehl­te mir eben das, was ich mir frü­her hät­te an­eig­nen sol­len. Es gab ei­ne Kluft zwi­schen Jetzt und Frü­her, und sie ließ sich nicht schlie­ßen, im Ge­gen­teil, sie wur­de von Wo­che zu Wo­che, von Stun­de zu Stun­de, von Se­kun­de zu Se­kun­de grö­ßer. Ein Ab­grund, noch stürz­te ich nicht hin­ein, noch nicht, noch nicht . . . Der Leh­rer hielt mich wo­mög­lich für klug, aber er täusch­te sich, und mir ge­lang es mit Müh und Not, sei­ner Täu­schung durch an­ge­paß­tes Ver­hal­ten, das letz­ten En­des Si­mu­la­ti­on war, Nah­rung zu ge­ben.

Ir­gend­wann in mei­nem Le­ben ver­lor sich die­ser Traum. Ich träum­te al­les mög­li­che, aber kei­ne Prü­fungs­träu­me mehr. Ich hat­te kei­ne Angst mehr, nicht fer­tig zu wer­den, von der wach­sen­den Last des Ver­säum­ten er­drückt zu wer­den, von der Ob­rig­keit auf­ge­deckt zu wer­den. Ei­ne Zeit­lang, vie­le Jah­re, war ich frei, aber die Frei­heit ge­nüg­te mir nicht. Nach­dem ich Va­ter ge­wor­den war, be­gan­nen die Kind­ver­lust­träu­me. Nicht gleich nach der Ge­burt des Kin­des, son­dern als es et­wa zwei Jah­re alt war und schon gut lau­fen konn­te. Müs­sen Träu­me denn wahr ge­macht wer­den? Muß die Li­te­ra­tur, die er­zähl­te Er­fin­dung, wahr­ge­macht wer­den? Viel­leicht ja. Die Ge­schich­te von der Place des Vos­ges ist die Ver­wirk­li­chung je­nes Angst­traums. Ein­mal im Le­ben muß ei­nem Va­ter das zu­sto­ßen, was auch Gre­gor Keu­sch­nig zu­ge­sto­ßen ist.

Selt­sam nur, daß der Traum nicht auf­hö­ren will. Viel­leicht erst, wenn mei­ne Toch­ter er­wach­sen ist? Oder lan­ge da­nach . . . Falls ich dann noch le­be. Nein, Keu­sch­nig, was mich be­trifft, so will ich kei­nes­falls ster­ben. Nicht, bis das Kind groß ist. Gibt es ei­nen selbst­verständlicheren Ge­dan­ken?

Al­so träu­me ich wei­ter, wie­der­ho­le und va­ri­ie­re den Traum, se­he die Tan­te, wie sie mit lee­ren Hän­den am Herd steht, von dem sie mit ei­nem Ei­sen­ha­ken ei­ne kreis­run­de Ei­sen­plat­te hebt, so daß die tief­ro­te Flam­me her­aus­schießt; ich rie­che den schar­fen Ge­ruch des Beuschels, den Ge­ruch von ab­ge­stan­de­nem Bier, von Me­di­ka­men­ten, von ab­ge­ses­se­nen Fau­teils, vom woh­li­gen Wohn­zim­mer. Aber . . . Kann man Träu­me denn rie­chen? Oder doch nur se­hen? Kann man Träu­me spü­ren, emp­fin­den, kann man Schmer­zen träu­men, das Zie­hen ums Herz, weil sich die Kluft jetzt doch wie­der zu ver­grö­ßern scheint? Wör­ter träu­men, wie sie in der Ge­gend her­um­ste­hen? Wör­ter an Men­schen ge­lehnt wie Stei­ne, Find­lin­ge – Men­schen und Wör­ter als ver­schäm­te Rui­nen in ei­ner Zo­ne, die ein­mal Land­schaft und be­wohn­bar, be­völ­kert war. Dort lä­chelt oder grinst das Ge­sicht mei­ner Schwe­ster aus ei­ner Höh­le, in die kein gan­zer Kör­per paßt. Und Bri­git­te, die im­mer so ge­schäf­tig tut. Und das Ge­fühl, die gan­ze Welt ab­gra­sen zu müs­sen, bis . . . Aber wie soll man in ei­nem ein­zi­gen Traum die Welt ab­gra­sen? Al­so wird es auch mir ge­sche­hen, daß ich aus dem Traum in ei­nen an­de­ren ge­lan­ge, den ich nicht ge­wählt ha­be – Wählt man denn sei­ne Träu­me? – , und von dort in ei­nen an­de­ren, und in die­sem Traum wer­de ich träu­men, daß ich träu­me, daß ich träu­me . . .

am En­de
                am En­de wer­den wir al­le
                                                        al­so je­der
ver­lo­ren ge­hen
als Frem­der über den wei­ten Platz
/ aber ziel­be­wußt?
                                  das kann nur ein Irr­tum
nur ein end­li­ches
                                Ir­ren
kann das