Di­stan­zie­rung

Im Rah­men der Dis­kus­si­on um die so­ge­nann­te »Cau­sa Tell­kamp« und die ha­sti­ge Di­stan­zie­rung von Tell­kamps Ver­lag Suhr­kamp von des­sen Ge­sag­tem in der Podiums­diskussion gibt es ei­nen in­ter­es­san­ten Text des Deutsch­land­funk-Re­dak­teurs Jan Drees. Über­schrie­ben ist er mit »Wer sich di­stan­ziert, drückt sich vor dem Dia­log«. Im Text sel­ber fin­det sich die­se Aus­sa­ge in leicht ab­ge­schwäch­ter Form: »Die Di­stan­zie­rung ist ei­ne Ab­wehr­hal­tung, die in den mei­sten Fäl­len kei­nen Re­spekt mehr kennt. Die Di­stan­zie­rung will sich mit dem An­de­ren als An­de­ren nicht mehr aus­ein­an­der­set­zen, son­dern le­dig­lich mar­kie­ren: ‘Ich bin an­ders, re­den will ich aber nicht.’ «

Die The­se die­ses Tex­tes ist schlüs­sig. Wer in die me­dia­len Er­re­gungs­strö­me hin­ein­horcht fin­det plötz­lich die »Di­stan­zie­run­gen« zu Hauf. Drees sel­ber ver­wäs­sert die Dif­fe­renz zum Wi­der­spruch et­was. Wenn er et­wa Olaf Scholz’ Ge­gen­re­de zu den Hartz-IV-The­sen von Jens Spahn als »Di­stan­zie­rung« sieht statt als Wi­der­spruch.

Tat­säch­lich ist sau­ber zu tren­nen zwi­schen Wi­der­spruch und Di­stan­zie­rung. Der Wi­der­spruch ist ein dis­kur­si­ves Mit­tel. Mit ihm wird (im Ide­al­fall, al­so wenn er ar­gu­men­ta­tiv statt­fin­det) ei­ne De­bat­te wei­ter­ge­führt. Wich­tig wä­re, dass Jour­na­li­sten, al­so die Gate­kee­per ei­nes sol­chen meist über Ban­de (vul­go: Me­di­en) statt­fin­den­den Dis­kur­ses ih­re ei­ge­nen Meinung(en) nicht in die Be­schrei­bung der De­bat­te ein­flie­ßen las­sen.

Di­stan­zie­rung ist – da trifft Drees ins Schwar­ze – das Ge­gen­teil des Dis­kur­ses. Wer sich di­stan­ziert, ver­stösst den/diejenige(n) aus dem Dis­kurs­raum als per­so­na-non-gra­ta. Ei­ne ku­sche­li­ge Ge­mein­schaft übt sich mit der Di­stan­zie­rung in ei­ne (vir­tu­el­le) Ver­ban­nung. Die Di­stan­zie­rung gibt zu ver­ste­hen: Hier ist je­mand nicht (mehr) sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig. Die Diskurs-»Differenz«, von der Drees schreibt, ist un­über­brück­bar ge­wor­den.

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Sprich, Be­ton!

Sprich, Be­ton! Von San­der Ort Ei­nen Gruß an den mu­ti­gen Tell, so­zu­sa­gen von Turm zu Turm — mei­ner hier in der Ban­lieue aus El­fen­bein­asche, sprich Be­ton. Ei­nen Wink, ei­nen rat­lo­sen Wink zum schil­lern­den Grün­bein, an dem ich das Knie-Beu­­gen sah, um das es im Dra­ma ging. (Was sa­ge ich?— g e h t).

Go­ya und die Zeit­fä­den

Ein Künst­ler, der durch Be­harr­lich­keit, Un­be­irr­bar­keit und na­tür­lich durch Fleiß im Lauf der Jah­re im­mer bes­ser, tie­fer, dü­ste­rer wur­de. Bes­ser ist dü­ste­rer?

Ja. Viel­leicht nur durch Nach­denk­lich­keit, viel­leicht ist das die wich­tig­ste Ei­gen­schaft. Durch­drin­gung, das braucht Zeit, oft Jahr­zehn­te. Be­son­ders, wenn man aus ei­nem ab­ge­le­ge­nen Dorf stammt, wo es nichts zu se­hen gibt. Das muß man erst ein­mal ver­ste­hen: nichts zu se­hen.

Aber Die Er­schie­ßung der Auf­stän­di­schen ist doch ei­ne Art Ge­le­gen­heits­ma­le­rei, fast wie Jour­na­lis­mus, Il­lu­stra­ti­on der jüng­sten Er­eig­nis­se...

Francisco de Goya: "Die Erschießung der Aufständischen" - Francisco De Goya de España [Public domain], via Wikimedia Commons (Quelle)
Fran­cis­co de Go­ya: »Die Er­schie­ßung der Auf­stän­di­schen« –
Fran­cis­co De Go­ya de Es­pa­ña [Pu­blic do­main], via Wi­ki­me­dia Com­mons (Quel­le)

Ja, aber ver­tieft, und da­zu ge­hört Vor­be­rei­tung. Viel­leicht brin­gen glück­li­che Um­stän­de die Zeit­fä­den zu­sam­men, time li­nes, sagt man heu­te, so daß ein Werk ent­ste­hen kann. Man­che Künst­ler brau­chen kei­ne Ent­wick­lung, sie sind von An­fang an die, die sie sind. Für die an­de­ren bleibt nur Ent­wick­lung, und die geht lang­sam, sie braucht Zeit. Die Er­schie­ßung über­schrei­tet als Kunst­werk die Zeit, sie zeigt die Sol­da­ten als be­lang­lo­se Mör­der, als un­ter­ge­ord­ne­te Graue Her­ren, als Funk­tio­nä­re, die das Le­ben be­herr­schen (und letzt­lich aus­rot­ten) wol­len, wo es sich nicht be­herr­schen läßt. Sie sind ge­fühl­los, ge­sichts­los, zei­chen­los. Für sie gibt es nur ein ein­zi­ges Zei­chen: Feu­er!

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Fi­bel statt Bi­bel

Be­mer­kun­gen über ei­nen Kri­ti­ker

Kurt Tucholsky: Literaturkritik
Kurt Tu­chol­sky: Li­te­ra­tur­kri­tik
Über Hans Fal­la­das »Bau­ern, Bon­zen und Bom­ben« schreibt der Re­zen­sent 1931 un­ter an­de­rem:

»Die Tech­nik ist sim­pel; es ist der bra­ve, gu­te, al­te Na­tu­ra­lis­mus, das Dich­te­ri­sche ist schwach, aber der Ver­fas­ser prä­ten­diert auch gar nicht, ein gro­ßes Dicht­werk ge­ge­ben zu ha­ben. […] Nein, ein gro­ßes Kunst­werk ist das nicht. Aber es ist echt…es ist so un­heim­lich echt, daß es ei­nem graut.«

Und 1927 über Ar­nold Zweig und Li­on Feucht­wan­ger:

»Wie groß der Kunst­wil­le bei Au­toren die­ser Gat­tung ist, steht da­hin – ih­re hand­werk­li­che An­stän­dig­keit ist un­be­streit­bar.«

Man könn­te auch noch Zi­ta­te zu Erich Ma­ria Re­mar­que und Ernst Tol­ler brin­gen, die in die glei­che Ker­be schla­gen: Li­te­ra­risch – na­ja. Aber der Te­nor – so gut, so tref­fend, so wich­tig. 1928 ver­sucht der Re­zen­sent sich in ei­ne (nicht ganz über­zeu­gen­de) Ver­tei­di­gung der (po­li­tisch ge­färb­ten) »Ge­brauchs-Ly­rik« zu Gun­sten der »Ten­denz­kunst«. Egon Er­win Kisch ist ihm in sei­nen Re­por­ta­gen zu neu­tral; er ver­misst et­was dar­in. Bei Grosz’ Bil­dern preist er, dass die­ser nicht nur la­che, son­dern auch has­se.

Wer hat so ge­schrie­ben? Wer wür­de heu­te noch ei­ne Li­te­ra­tur­kri­tik schrei­ben, die der­art Au­tor, Werk und Ab­sicht trennt, dass der na­tio­na­li­sti­sche Dich­ter Hans Grimm trotz sei­ner furcht­ba­ren Bü­cher, die na­tur­ge­mäß ver­ris­sen wer­den, als »an­stän­di­ger Mann« be­zeich­net wird? (Mit heu­te ver­ges­se­nen Fi­gu­ren wie Her­mann Key­ser­ling und Ru­dolf Her­zog geht er ins süf­fi­sant-hart Ge­richt, aber es blei­ben eher harm­lo­se Schlecht­schrei­ber. Aber in­stink­tiv er­kennt er in Ar­nolt Bron­nen ei­nen »von al­len gu­ten Gei­stern ver­las­se­nen Pa­trio­ten­clown«.) Wer plä­dier­te »die Din­ge rein nach der Idee un­ter Aus­schal­tung ih­rer mensch­li­chen Trä­ger zu be­ur­tei­len«?

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Kind­ver­lust­ge­schich­te

1

ge­setzt, ich wür­de
ge­setzt, ich hät­te
al­so: ich hat­te
mei­ne Toch­ter, mein Ein und Al­les und mich
mei­nen ein­zi­gen Schatz, der ich sonst nichts be­sit­ze
                                                                                     be­sit­zen will
mein Ta­lent ver
                              ge­ssen
                        ver
                              schleu­dert
                        ver
                              dör­ren las­sen

al­so ich, hilfs­be­dürf­tig und ver­schwie­gen, hat­te sie, da sie noch klein war, bei Ver­wand­ten ge­las­sen, wuß­te aber lei­der nicht mehr, bei wel­chen, so daß ich nun mei­ne ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te ab­gra­sen müß­te, um zu mei­nem Ein und Al­les zu­rück­zu­fin­den. Das will ich jetzt ver­su­chen, was bleibt mir üb­rig (nichts!), denn ich hat­te doch – mei­ne Recht­fer­ti­gung! – ei­nen Auf­trag zu er­fül­len (ge­habt) im Na­men mei­ner Schwe­ster Ma­ria oder mei­ner Freun­din Adel­heid, die ihn selbst nicht er­le­di­gen konn­te. Ich hat­te mich mit ih­rem Hünd­chen in der Ein­kaufs­ta­sche, ei­nem win­zi­gen wu­se­li­gen grau­en Hünd­chen, das er­krankt war und fast er­schlafft jetzt, auf den Weg zum Klein­tier­arzt ge­macht, wie hät­te ich mei­ner Freun­din oder Schwe­ster die Bit­te ab­schla­gen sol­len un­ter sol­chen Um­stän­den, da sie ver­hin­dert war. Und wo an­ders hät­te ich mich hin­be­ge­ben sol­len als in die Klein­tierarztpraxis un­se­rer ge­mein­sa­men Freun­din Bri­git­te. Als ich dort an­kam, war das War­te­zim­mer men­schen­leer und über­sät von mehr oder we­ni­ger ka­put­tem Kinderspiel­zeug und Pa­pier­schnip­seln und be­druck­ten, aus Kin­der­bü­chern ge­ris­se­nen Sei­ten: ei­ne ge­stran­de­te und ver­las­se­ne Ar­che No­ah, al­le Tie­re und Kin­der längst aus­ge­schifft. Die Gu­ten hat­ten sich mit ein we­nig Glück ei­ne neue Welt zu­recht­ge­macht, aber oh­ne sie, oh­ne mei­ne Toch­ter, mein Ein und Al­les, mein Ta­lent: trau­ri­ge Welt! Nein, hier konn­te ich das Hünd­chen nicht hei­len las­sen, und in die­sem Au­gen­blick war mei­ne Toch­ter viel­leicht zum er­sten Mal, oh­ne daß ich es merk­te, ver­schwun­den, da­bei hat­te ich nicht ein­mal mei­nen Auf­trag er­fül­len kön­nen

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Düs­sel­dor­fer Ver­klä­rung

Nach die­ser und je­ner hier gibt ei­ne wei­te­re »Düs­sel­dor­fer Er­klä­rung«. Klein­ver­la­ge be­kla­gen dar­in den Nie­der­gang der Buch- bzw. Le­se­kul­tur. Der Feind ist na­tür­lich aus­ge­macht: Die Di­gi­ta­li­sie­rung. Und die Mo­no­po­li­sie­rung, d. h. die bö­sen Groß­ver­la­ge, die Kon­zer­ne ge­wor­den sind. Die Ab­hil­fe des dro­hen­den li­te­ra­ri­schen Su­per-GAUs, der Ver­dum­mung der »jun­gen Ge­ne­ra­ti­on«, ist die Im­ple­men­tie­rung ei­nes Prei­ses für die klei­nen Ver­la­ge.

So ge­nau de­fi­niert man zwar nicht, was ein »Klein­ver­lag« ist. Da­her ma­chen auch vie­le da­bei mit, die ei­gent­lich ganz gut in den Sor­ti­men­ten und im Feuil­le­ton ver­tre­ten sind. Die Prei­se ein­ge­heimst ha­ben mit ih­ren Bü­chern (zu Recht). Und die be­kannt sind.

Wel­che Ver­la­ge in De­tail mit­ge­macht ha­ben, konn­te ich nicht fin­den. Es sol­len 60 sein, aber nach ei­ner Li­ste forsch­te ich ver­ge­bens. Dass je­mand vom Mai­risch-Ver­lag bei der »Sicht­bar­keits­kam­pa­gne« im März da­bei ist, ist na­tür­lich selbst­ver­ständ­lich. Des­sen ak­tu­ell­ste Neu­erschei­nung be­ar­bei­tet die Phi­lo­so­phie des Ko­chens. In­tel­lek­tu­el­le wie Eck­art Wit­zig­mann steu­ern lo­ben­de Wor­te bei. Und mit Mi­cha­el Nau­mann konn­te man ei­nen Für­spre­cher ge­win­nen, der sich zeit sei­nes Le­bens im­mer für klei­ne und klein­ste Ver­la­ge (Ro­wohlt bei­spiels­wei­se) ein­ge­setzt hat. Der weiß ge­nau, wo der Schuh drückt.

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Pass­wort (3)

Teil 2 / Teil 1

3

Ei­ne Wo­che spä­ter sag­te sie mir, sie ha­be end­lich ei­ne Spur ge­fun­den.

Ei­ne Spur?

Ja, und sie ha­be die­se Spur gleich ver­folgt. Ta­ge­lang hat­te sie ver­geb­lich ver­sucht, irgend­einen An­halts­punkt zu fin­den, und jetzt, end­lich. Ihr Sohn hat­te fast nichts hin­ter­las­sen, nur die Bäl­le und Ke­gel, Qua­der und Tü­cher, ein paar Zau­be­ru­ten­si­li­en. Und na­tür­lich das Smart­phone – oh­ne Kopf­hö­rer, der war ver­schwun­den – und den Com­pu­ter. Die­se bei­den Ge­rä­te wür­den ver­mut­lich al­les ent­hal­ten (sie be­ton­te das Wort ALLES), aber sie ken­ne das Pass­wort nicht, ihr Mann schon gar nicht, nie­mand ken­ne das Pass­wort au­ßer ih­rem Sohn, und ihn kön­ne man nicht mehr fra­gen. Stun­den­lang ha­be sie al­le mög­li­chen Ein­ga­ben ver­sucht, Ge­burts­ta­ge, Lieb­lings­man­ga­fi­gu­ren, Na­men von Familienange­hörigen, Pop­bands, Sek­kai, An­fang, En­de, Sek­kaio­wa­ri, Sek­kai­no, Owa­ri­sek­kai, al­les mög­li­che, Zu­falls­kom­bi­na­tio­nen, Zah­len und Buch­sta­ben, ab­wech­selnd, die Zei­chen auf der Ta­sta­tur in Ver­bin­dun­gen, die wie­der an­de­re Zei­chen er­ga­ben, Kreu­ze, Zacken, um­sonst. Se­sam öff­ne­te sich nicht. Und die Wahr­schein­lich­keit, daß er es noch tun wür­de, war gleich null.

Ein IT-Dienst? Wenn man den Schlüs­sel zu sei­ner Woh­nung ver­liert, ruft man doch auch den Schlüs­sel­dienst.

»Ich ha­be doch te­le­pho­niert«, sag­te sie, fast schon ein we­nig ent­rü­stet. »Die ma­chen das nur auf An­wei­sung der Po­li­zei. Ich müss­te die Po­li­zei ein­schal­ten. Aber was soll ich de­nen sa­gen? Daß ich nach Adres­sen su­che?«

»Und Hacker? Ich mei­ne, es gibt Leu­te, die ma­chen sich dar­aus ein Spiel, Com­pu­ter knacken.«

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Pass­wort (2)

Teil 1

2

Viel­leicht auch des­halb, weil sie Kon­flik­te – ech­te Dis­kus­sio­nen – ver­mei­den woll­te, oder weil sie nie­man­den hat­te, um über per­sön­li­che Din­ge zu spre­chen, und ich ihr Jahrgangs­vertrauen nun ein­mal ge­weckt hat­te, ging sie beim näch­sten Be­such im Star­bucks da­zu über, mir dies und je­nes aus ih­rem Le­ben zu er­zäh­len, wo­bei häu­fig ihr Sohn ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­te, der im Zen­trum ih­res der­zei­ti­gen Le­bens zu ste­hen schien. Ihr Mann ar­bei­te­te in ei­ner an­de­ren Stadt und kam ein­mal pro Mo­nat am Wo­chen­en­de nach Hau­se. Der Sohn, vor kur­zem drei­ßig ge­wor­den, war krank, aber sie nann­te die Krank­heit nicht beim Na­men. Auch von ei­ner me­di­zi­ni­schen Be­hand­lung, von Arzt- oder Kran­ken­haus­be­su­chen war nicht die Re­de.

Es dau­er­te ei­ne ge­rau­me Wei­le, bis zur vier­ten oder fünf­ten Star­bucks-Sit­zung (wie ich sie ins­ge­heim nann­te), bis mir klar wur­de, daß der Sohn – sie nann­te ihn nie beim Na­men – nie oder fast nie das Haus ver­liess. War er bett­lä­ge­rig? Oder ge­lähmt? Kör­per­lich oder gei­stig be­hin­dert? Nein, in Frau S.’ Er­zäh­lun­gen deu­te­te nichts dar­auf hin. Der Sohn hat­te stu­diert, sein Stu­di­um or­dent­lich ab­ge­schlos­sen und da­nach ei­ni­ge Jah­re in ei­ner Fir­ma ge­ar­bei­tet. Er war Hob­bys nach­ge­gan­gen, hat­te Freun­de ge­trof­fen. Zau­bern, Jon­glie­ren, Din­ge zum Ver­schwin­den brin­gen, das er­freu­te sein Herz.

Ge­nau so drück­te sich sei­ne Mut­ter aus: »Es er­freu­te sein Herz.« Und war täg­li­che Ge­wohn­heit. Sein Zim­mer war na­he­zu leer, die Man­gas hat­te er in Schach­teln ge­räumt und zu ei­nem Spott­preis ei­nem Händ­ler ver­kauft, weil sie ihn, wie er sag­te, vom Trai­ning ab­lenk­ten. In letz­ter Zeit hat­te er aber nach­ge­las­sen, gan­ze Ta­ge ver­gin­gen, oh­ne daß Frau S. die Ge­räu­sche von zu Bo­den fal­len­den Ke­geln oder Bäl­len hör­te (die frü­her manch­mal die Pro­te­ste ei­ner Nach­ba­rin her­vor­ge­ru­fen hat­ten). Die Tür zu sei­nem Zim­mer ver­schloss er nicht, hat­te sie nie ver­schlos­sen, es gab nicht ein­mal ei­nen Schlüs­sel, aber der Jun­ge zeig­te sich nicht mehr, wenn sie vor­sich­tig das Zim­mer be­trat, sie sah ihn nicht, ver­mu­te­te ihn zu­erst un­ter der Bett­decke, hin­ter der Tür, un­term Bett – nichts. Aus­ge­gan­gen? Mög­lich. Auf Ze­hen­spit­zen, Ze­hen­bal­len an der Kü­che vor­bei­ge­schli­chen. »Wie ei­ne Kat­ze«, sag­te Frau S. Sie zwang sich, sich kei­ne Sor­gen zu ma­chen, schliess­lich war er alt ge­nug, kann­te die Um­ge­bung, die Stadt, zu­min­dest den Haupt­bahn­hof, die Uni­ver­si­tät. Dann wie­der fand sie ihn auf dem Bett lie­gend, kraft­los, mit weit ge­öff­ne­ten, star­ren Au­gen. Er aß we­nig, im­mer we­ni­ger. Sie brach­te ihm sei­ne Lieb­lings­spei­sen ins Zim­mer. Er lä­chel­te, aß fast nichts, setz­te den Kopf­hö­rer wie­der auf. Hör­te Mu­sik, die er vor sie­ben, acht Jah­ren ge­hört hat­te. Als er Stu­dent war. Sek­kai no Owa­ri. Welt­ende, ei­ne fröh­li­che Mu­sik. Schau­te aufs Smart­phone, wisch­te Man­gas vor­bei. »Man braucht kei­ne Bü­cher mehr«, sag­te er ein­mal. »Ist al­les hier drin.«

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