
Olivier Sillig: Schule der Gaukler


Da ist es also wieder: Dieses Entsetzen der literarischen Welt, dass sich ihnen etwas anderes zeigt, als sie es in ihrer Villa Kunterbunt für möglich gehalten hätte. Der Schriftsteller Oskar Pastior war von 1961 bis 1968 Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate. Noch weiss niemand genau, was er dort getan hat. Es steht aber zu befürchten, dass diese sogenannte Aufarbeitung noch hunderten von Bäumen das Leben kosten wird. Keine Nuance wird nicht ausgebreitet werden. Schon jetzt bekunden alle ihre »Betroffenheit«. Wer das nicht bei Drei pflichtschuldigst abgeliefert hat, droht Amelie-Fried-mässig boykottiert zu werden (wobei das ja eher Ehre als Pein ist). Besonders »betroffen« ist natürlich Herta Nobelpreisträgerin Müller, die mit Pastior an ihrem Buch »Atemschaukel« bis zu dessen Tod gearbeitet hatte. Da war der Securitate-Dienst schon mehr als 40 Jahre vorbei.
Pastior war 1968 im Westen geblieben. Als reiche dies nicht. Als genüge dieses selbstgewählte Exil nicht als Beleg für die Verzweiflung. Als würde diese von Pastior vermutlich aus Scham verschwiegene Mitarbeit irgendetwas fundamental ändern.
A.d.L.e.R: Aus dem Leben einer Rikschafahrerin – Nr. 4
Ich hatte damals vom libanesischen Kollegen gelernt, dass es hilfreich und gut ist, die Erwartungen der Kunden zu bestätigen, denn wer recht hat fühlt sich wohl. Diese Erkenntnis nutzte ich für eine jener Fragen, die uns sehr oft gestellt werden, und die uns nicht amüsieren, nämlich für die Frage, was man denn sonst noch so täte. Da die meisten glauben, wir alle täten sonst noch so studieren, und da viele ein schlechtes Gewissen wegen unserer körperlichen Anstrengung haben, entschied ich kurzerhand, mich zum Wohle der Kundschaft als Sportstudentin auszugeben. Und dann stiegen einen Tag vor dem Marathon eine junge Frau Ende Zwanzig und ihr Onkel bei mir ein. Wir fuhren Richtung Reichstag auf dem Großen Weg durch den Tiergarten. Wir kreuzten die Große Sternallee, jene im Sommer von ausladenden Bäumen zugewachsene Sichtachse auf die Siegessäule, als der Onkel fragte:

Dann fällt ihm noch der Mondtag ein. Fast richtig sagte die Ärztin, Frau Doktor Wolkenbauer. Nein, er kennt keinen dieser Tage. Er lernt sie auswendig. Er hat Lücken im Kopf. Namenslücken, Freundeslücken, Familienlücken, Berufslücken, Landschaftslücken, Erinnerungslücken, Wortlücken. Er weiß nur, dass er Ministerpräsident ist. Der Ministerpräsident bekommt von der Ärztin ein Notizheft. Hier soll er hineinschreiben, was er nicht versteht. Er schreibt auch seinen Namen hinein: Claus Urspring. Schreiben kann er immerhin. Und er weiß, dass der Mann, der immer zu Besuch kommt, Julius März heißt.
Der Ministerpräsident hatte einen Autounfall und lag mehrere Tage im Koma. Er ist nun in einer Klinik. Julius März besucht ihn regelmässig, denn schließlich ist Wahlkampf. Urspring, so will es die Ärztin, soll sich erinnern, an die Kindheit, an schöne Erlebnisse. März will, dass er sich an die Landesverfassung und die Kompetenzen der Staatssekretäre erinnert. Er paukt das mit ihm. Aber irgendwie interessiert es Urspring nicht.
Der unabsichtliche Verschreiber in diesem ansonsten sehr hübschen Artikel von Marc Reichwein, der die beiden Roman von Peter Handke »Die Wiederholung« und »Langsame Heimkehr zu »Wiederkehr« unvermittelt verschmolz, hat mich zu anderen Arrondierungen inspiriert: Heinrich Mann: »Professor Untertan« Thomas Bernhard: »Ausgehen« Hermann Lenz: »Herbstzeit« Elfriede Jelinek: »Die Liebesspielerin« Wolfdietrich Schnurre: »Funke im Schatten«

Den Zeitpunkt, von dem an Kriminalromane nur noch am Rande mit der eigentlichen Aufklärung des Verbrechens zu tun haben, kann man ganz gut auf Mitte der 1970er Jahre taxieren. Zwar hatten angelsächsische Autoren zuvor längst den kauzigen Privatdetektiv entdeckt und auch Persönliches des Fall-Lösers in die Geschichten eingewoben. Und auch George Simenons Figur Maigret war mehr als nur ein Kommissar, der Indizien aufspürte, Alibis überprüfte und Zeugenvernehmungen durchführte. Ebenso wurde die Psychologie des Täters immer weiter ausgeleuchtet und als Motiv reichte nicht mehr nur die übliche Testamentsklausel oder der unverzeihbare Seitensprung des Ehepartners. Aber den Anspruch, mit der Erzählung von Kriminalfällen auch, ja: vor allem gesellschaftspolitische und soziale Zustände zu reflektieren, wurde erstmals von den beiden schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö eingelöst. Zehn Romane entstanden vom Autorenpaar zwischen 1965 und 1975. Den Dekalog nannte man später »Roman über ein Verbrechen« – die Betonung liegt auf »ein«. Nicht nur, dass die Protagonisten der Stockholmer Mordkommission, hier vor allem Kriminalassistent bzw. Kommissar Martin Beck, sein engster Vertrauter Kollberg oder der gelegentlich cholerisch-unkonventionelle Gunvald Larsson nebst ihrem Privatleben im Mittelpunkt standen. Desweiteren wurden die Arbeitsbedingungen und Ränkespiele innerhalb der Polizeiadministration und die oktroyierten politischen Rücksichtnahmen ebenso thematisiert wie die gesellschaftspolitischen und sozialen Zustände des Landes selber, die sich in der Skurrilität und Brutalität der Verbrechen spiegeln sollten.

Seit vielen Jahren ist Olivier Roy als Experte auf dem Gebiet des islamischen Fanatismus, der gemeinhin unter dem Begriff des Islamismus subsumiert wird, bekannt. Sein neuestes Buch »Heilige Einfalt« (im französischen: »La sainte ignorance«) trägt interessanterweise den deutschen Untertitel »Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen«. Dabei kommt der französische Untertitel weit weniger voreingenommen daher und drückt die Intention des Buches besser aus. Dort heißt es (eher beschreibend): »Le temps de la religion sans culture«, was mit ungefähr »Die Zeit der Religionen ohne Kultur« übersetzt werden kann.
Roy schreibt bereits im ersten Satz, dass seine Ausführungen nicht alleine als Kritik am Islam und dessen (sogenannter) fundamentalistischer Ausprägungen zu lesen sind. Und so wird die Sicht auf das Christentum und den zeitgenössischen Protestantismus, der sich immer mehr zum Evangelikalismus radikalisiert, ausgeweitet. Gelegentlich bezieht Roy sogar das Judentum und den »Hinduismus« in seine Betrachtungen ein. Gleich zu Beginn wird mit einem allzu beliebten Talkshow-Topos aufgeräumt: Es gibt keine »Rückkehr« des Religiösen, sondern eine Veränderung. Wir sind nicht Zeugen einer Explosion der Praxis, sondern eher von neuen Formen der Sichtbarkeit des Religiösen. Das, was wir derzeit beobachten, ist in erster Linie die Auflehnung des Gläubigen, der seinen Glauben bedroht sieht und mit den kulturellen »Herausforderungen« einer säkularen Gesellschaft Probleme hat. Dabei wirkt die Säkularisierung weniger in der Weise, dass sie die Religion an den Rand drängt, sondern indem sie Religion und Kultur voneinander entkoppelt und die Religion autonom werden lässt.
Pressefreiheit und – vielfalt sind ein wesentlicher Kern unserer freiheitlich-demokratischer Grundordnung. Umso schöner ist es, das Funktionieren dieser Vielfalt in der Praxis zu beobachten. Da kandidiert der amtierende Umweltminister Norbert Röttgen für den Vorsitz der CDU in Nordrhein-Westfalen. Damit gibt es plötzlich zwei Kandidaten für diese Position, denn der ehemalige NRW-Integrationsminister Armin Laschet kandidiert ebenfalls für dieses Amt. Aus dem vollkommen normalen, demokratischen Vorgang, dass sich für ein Amt mehrere Kandidaten zur Wahl stellen, wird nun ein Skandalon produziert. Es herrscht, so wird suggeriert, »Streit« in der Partei. Die am meisten verwandte Vokabel ist nicht die der Kandidatur, sondern des »Machtkampfes«. Mehrere Kandidaten für ein Amt, die im demokratischen Verfahren gefunden werden, sind demnach keine Bereicherung, sondern werden mit leicht bellizistischen Vokabeln per se negativ konnotiert.