Oli­vi­er Sil­lig: Schu­le der Gauk­ler

Olivier Sillig: Schule der Gaukler
Oli­vi­er Sil­lig: Schu­le der Gauk­ler
So zie­hen der Gauk­ler und Apu­leï­de recht und schlecht über Land, von Kirch­wei­hen zu klei­nen Märk­ten, von Städ­ten zu Dör­fern, ei­nen Mo­nat nach dem an­de­ren, durch ei­ne Land­schaft nach der an­de­ren, die Ta­ge wer­den kür­zer, dann im Amei­sen­schritt wie­der län­ger, und die Tem­pe­ra­tur nimmt ab, Rau­reif, Platz­re­gen, Dau­er­re­gen, Grau­pel­schau­er und Schnee. Sie fah­ren kreuz und quer, oh­ne Ziel, durch Ka­sti­li­en, Ara­gon und dann durch das Kö­nigs­reich Frank­reich. Un­ru­hen krie­ge­ri­scher Ban­den, die stän­dig be­waff­net und wie­der ent­waff­net wer­den… […] Punk­tu­el­le, un­er­war­te­te, un­vor­her­seh­ba­re, un­um­gäng­li­che Raub­zü­ge, Plün­de­run­gen, Schrecken. Es ist Fe­bru­ar 1493. Der Gauk­ler Har­douin wur­de von sei­nem lang­jäh­ri­gen As­si­sten­ten Ju­an ver­las­sen. Apu­leï­de ist ein in Al­ko­hol kon­ser­vier­ter Al­bi­no-Herm­aphro­dit, mit dem Har­douin her­um­reist und den er für Geld auf Jahr­märk­ten und Dorf­fe­sten prä­sen­tiert. Ent­schlos­sen, nie mehr ei­nen As­si­sten­ten zu neh­men, kommt Har­douin in ei­ner Fe­bru­ar­nacht, ei­ner ei­si­gen Mond­nacht, in ei­ne zer­stör­te Scheu­ne, die er ver­las­sen wähnt. Dort lie­gen vier­und­zwan­zig Kin­der im Ster­ben.

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Be­trof­fen­heits­gym­na­stik

Da ist es al­so wie­der: Die­ses Ent­set­zen der li­te­ra­ri­schen Welt, dass sich ih­nen et­was an­de­res zeigt, als sie es in ih­rer Vil­la Kun­ter­bunt für mög­lich ge­hal­ten hät­te. Der Schrift­stel­ler Os­kar Pa­sti­or war von 1961 bis 1968 Mit­ar­bei­ter des ru­mä­ni­schen Ge­heim­dien­stes Se­cu­ri­ta­te. Noch weiss nie­mand ge­nau, was er dort ge­tan hat. Es steht aber zu be­fürch­ten, dass die­se so­ge­nann­te Auf­ar­bei­tung noch hun­der­ten von Bäu­men das Le­ben ko­sten wird. Kei­ne Nu­an­ce wird nicht aus­ge­brei­tet wer­den. Schon jetzt be­kun­den al­le ih­re »Be­trof­fen­heit«. Wer das nicht bei Drei pflicht­schul­digst ab­ge­lie­fert hat, droht Ame­lie-Fried-mä­ssig boy­kot­tiert zu wer­den (wo­bei das ja eher Eh­re als Pein ist). Be­son­ders »be­trof­fen« ist na­tür­lich Her­ta No­bel­preis­trä­ge­rin Mül­ler, die mit Pa­sti­or an ih­rem Buch »Atem­schau­kel« bis zu des­sen Tod ge­ar­bei­tet hat­te. Da war der Se­cu­ri­ta­te-Dienst schon mehr als 40 Jah­re vor­bei.

Pa­sti­or war 1968 im We­sten ge­blie­ben. Als rei­che dies nicht. Als ge­nü­ge die­ses selbst­ge­wähl­te Exil nicht als Be­leg für die Ver­zweif­lung. Als wür­de die­se von Pa­sti­or ver­mut­lich aus Scham ver­schwie­ge­ne Mit­ar­beit ir­gend­et­was fun­da­men­tal än­dern.

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Sport­un­ter­richt

A.d.L.e.R: Aus dem Le­ben ei­ner Rik­scha­fah­re­rin – Nr. 4

Ich hat­te da­mals vom li­ba­ne­si­schen Kol­le­gen ge­lernt, dass es hilf­reich und gut ist, die Er­war­tun­gen der Kun­den zu be­stä­ti­gen, denn wer recht hat fühlt sich wohl. Die­se Er­kennt­nis nutz­te ich für ei­ne je­ner Fra­gen, die uns sehr oft ge­stellt wer­den, und die uns nicht amü­sie­ren, näm­lich für die Fra­ge, was man denn sonst noch so tä­te. Da die mei­sten glau­ben, wir al­le tä­ten sonst noch so stu­die­ren, und da vie­le ein schlech­tes Ge­wis­sen we­gen un­se­rer kör­per­li­chen An­stren­gung ha­ben, ent­schied ich kur­zer­hand, mich zum Woh­le der Kund­schaft als Sport­stu­den­tin aus­zu­ge­ben. Und dann stie­gen ei­nen Tag vor dem Ma­ra­thon ei­ne jun­ge Frau En­de Zwan­zig und ihr On­kel bei mir ein. Wir fuh­ren Rich­tung Reichs­tag auf dem Gro­ßen Weg durch den Tier­gar­ten. Wir kreuz­ten die Gro­ße Stern­al­lee, je­ne im Som­mer von aus­la­den­den Bäu­men zu­ge­wach­se­ne Sicht­ach­se auf die Sie­ges­säu­le, als der On­kel frag­te:

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Joa­chim Zel­ter: Der Mi­ni­ster­prä­si­dent

Joachim Zelter: Der Ministerpräsident
Joa­chim Zel­ter: Der Mi­ni­ster­prä­si­dent

Dann fällt ihm noch der Mond­tag ein. Fast rich­tig sag­te die Ärz­tin, Frau Dok­tor Wol­ken­bau­er. Nein, er kennt kei­nen die­ser Ta­ge. Er lernt sie aus­wen­dig. Er hat Lücken im Kopf. Na­mens­lücken, Freun­des­lücken, Fa­mi­li­en­lücken, Be­rufs­lücken, Land­schafts­lücken, Er­in­ne­rungs­lücken, Wort­lücken. Er weiß nur, dass er Mi­ni­ster­prä­si­dent ist. Der Mi­ni­ster­prä­si­dent be­kommt von der Ärz­tin ein No­tiz­heft. Hier soll er hin­ein­schrei­ben, was er nicht ver­steht. Er schreibt auch sei­nen Na­men hin­ein: Claus Ur­spring. Schrei­ben kann er im­mer­hin. Und er weiß, dass der Mann, der im­mer zu Be­such kommt, Ju­li­us März heißt.

Der Mi­ni­ster­prä­si­dent hat­te ei­nen Au­to­un­fall und lag meh­re­re Ta­ge im Ko­ma. Er ist nun in ei­ner Kli­nik. Ju­li­us März be­sucht ihn re­gel­mä­ssig, denn schließ­lich ist Wahl­kampf. Ur­spring, so will es die Ärz­tin, soll sich er­in­nern, an die Kind­heit, an schö­ne Er­leb­nis­se. März will, dass er sich an die Lan­des­ver­fas­sung und die Kom­pe­ten­zen der Staats­se­kre­tä­re er­in­nert. Er paukt das mit ihm. Aber ir­gend­wie in­ter­es­siert es Ur­spring nicht.

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Ro­man-Ar­ron­die­run­gen

Der un­ab­sicht­li­che Ver­schrei­ber in die­sem an­son­sten sehr hüb­schen Ar­ti­kel von Marc Reich­wein, der die bei­den Ro­man von Pe­ter Hand­ke »Die Wie­derho­lung« und »Lang­sa­me Heim­kehr zu »Wie­der­kehr« un­ver­mit­telt ver­schmolz, hat mich zu an­de­ren Ar­ron­die­run­gen in­spi­riert: Hein­rich Mann: »Pro­fes­sor Un­ter­tan« Tho­mas Bern­hard: »Aus­ge­hen« Her­mann Lenz: »Herbst­zeit« El­frie­de Je­li­nek: »Die Lie­bes­spie­le­rin« Wolf­diet­rich Schnur­re: »Fun­ke im Schat­ten«

Ri­chard Pri­ce: Cash

Richard Price: Cash
Ri­chard Pri­ce: Cash

Den Zeit­punkt, von dem an Kri­mi­nal­ro­ma­ne nur noch am Ran­de mit der ei­gent­li­chen Auf­klä­rung des Ver­bre­chens zu tun ha­ben, kann man ganz gut auf Mit­te der 1970er Jah­re ta­xie­ren. Zwar hat­ten an­gel­säch­si­sche Au­toren zu­vor längst den kau­zi­gen Pri­vat­de­tek­tiv ent­deckt und auch Per­sön­li­ches des Fall-Lö­sers in die Ge­schich­ten ein­ge­wo­ben. Und auch Ge­or­ge Si­me­nons Fi­gur Mai­gret war mehr als nur ein Kom­mis­sar, der In­di­zi­en auf­spür­te, Ali­bis über­prüf­te und Zeu­gen­ver­neh­mun­gen durch­führ­te. Eben­so wur­de die Psy­cho­lo­gie des Tä­ters im­mer wei­ter aus­ge­leuch­tet und als Mo­tiv reich­te nicht mehr nur die üb­li­che Te­sta­ments­klau­sel oder der un­ver­zeih­ba­re Sei­ten­sprung des Ehe­part­ners. Aber den An­spruch, mit der Er­zäh­lung von Kri­mi­nal­fäl­len auch, ja: vor al­lem ge­sell­schafts­po­li­ti­sche und so­zia­le Zu­stän­de zu re­flek­tie­ren, wur­de erst­mals von den bei­den schwe­di­schen Au­toren Maj Sjö­wall und Per Wahl­öö ein­ge­löst. Zehn Ro­ma­ne ent­stan­den vom Au­toren­paar zwi­schen 1965 und 1975. Den De­ka­log nann­te man spä­ter »Ro­man über ein Ver­bre­chen« – die Be­to­nung liegt auf »ein«. Nicht nur, dass die Prot­ago­ni­sten der Stock­hol­mer Mord­kom­mis­si­on, hier vor al­lem Kri­mi­nalas­si­stent bzw. Kom­mis­sar Mar­tin Beck, sein eng­ster Ver­trau­ter Koll­berg oder der ge­le­gent­lich cho­le­risch-un­kon­ven­tio­nel­le Gun­vald Lars­son nebst ih­rem Pri­vat­le­ben im Mit­tel­punkt stan­den. Des­wei­te­ren wur­den die Ar­beits­be­din­gun­gen und Rän­ke­spie­le in­ner­halb der Po­li­zei­ad­mi­ni­stra­ti­on und die ok­troy­ier­ten po­li­ti­schen Rück­sicht­nah­men eben­so the­ma­ti­siert wie die ge­sell­schafts­po­li­ti­schen und so­zia­len Zu­stän­de des Lan­des sel­ber, die sich in der Skur­ri­li­tät und Bru­ta­li­tät der Ver­bre­chen spie­geln soll­ten.

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Oli­vi­er Roy: Hei­li­ge Ein­falt

Olivier Roy: Heilige Einfalt
Oli­vi­er Roy: Hei­li­ge Ein­falt

Seit vie­len Jah­ren ist Oli­vi­er Roy als Ex­per­te auf dem Ge­biet des is­la­mi­schen Fa­na­tis­mus, der ge­mein­hin un­ter dem Be­griff des Is­la­mis­mus sub­su­miert wird, be­kannt. Sein neue­stes Buch »Hei­li­ge Ein­falt« (im fran­zö­si­schen: »La sain­te igno­rance«) trägt in­ter­es­san­ter­wei­se den deut­schen Un­ter­ti­tel »Über die po­li­ti­schen Ge­fah­ren ent­wur­zel­ter Re­li­gio­nen«. Da­bei kommt der fran­zö­si­sche Un­ter­ti­tel weit we­ni­ger vor­ein­ge­nom­men da­her und drückt die In­ten­ti­on des Bu­ches bes­ser aus. Dort heißt es (eher be­schrei­bend): »Le temps de la re­li­gi­on sans cul­tu­re«, was mit un­ge­fähr »Die Zeit der Re­li­gio­nen oh­ne Kul­tur« über­setzt wer­den kann.

Roy schreibt be­reits im er­sten Satz, dass sei­ne Aus­füh­run­gen nicht al­lei­ne als Kri­tik am Is­lam und des­sen (so­ge­nann­ter) fun­da­men­ta­li­sti­scher Aus­prä­gun­gen zu le­sen sind. Und so wird die Sicht auf das Chri­sten­tum und den zeit­ge­nös­si­schen Pro­te­stan­tis­mus, der sich im­mer mehr zum Evan­ge­li­ka­lis­mus ra­di­ka­li­siert, aus­ge­wei­tet. Ge­le­gent­lich be­zieht Roy so­gar das Ju­den­tum und den »Hin­du­is­mus« in sei­ne Be­trach­tun­gen ein. Gleich zu Be­ginn wird mit ei­nem all­zu be­lieb­ten Talk­show-To­pos auf­ge­räumt: Es gibt kei­ne »Rück­kehr« des Re­li­giö­sen, son­dern ei­ne Ver­än­de­rung. Wir sind nicht Zeu­gen ei­ner Ex­plo­si­on der Pra­xis, son­dern eher von neu­en For­men der Sicht­bar­keit des Re­li­giö­sen. Das, was wir der­zeit be­ob­ach­ten, ist in er­ster Li­nie die Auf­leh­nung des Gläu­bi­gen, der sei­nen Glau­ben be­droht sieht und mit den kul­tu­rel­len »Her­aus­for­de­run­gen« ei­ner sä­ku­la­ren Ge­sell­schaft Pro­ble­me hat. Da­bei wirkt die Sä­ku­la­ri­sie­rung we­ni­ger in der Wei­se, dass sie die Re­li­gi­on an den Rand drängt, son­dern in­dem sie Re­li­gi­on und Kul­tur von­ein­an­der ent­kop­pelt und die Re­li­gi­on au­to­nom wer­den lässt.

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Vom Macht­kampf

Pres­se­frei­heit und – viel­falt sind ein we­sent­li­cher Kern un­se­rer frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­scher Grund­ord­nung. Um­so schö­ner ist es, das Funk­tio­nie­ren die­ser Viel­falt in der Pra­xis zu be­ob­ach­ten. Da kan­di­diert der am­tie­ren­de Um­welt­mi­ni­ster Nor­bert Rött­gen für den Vor­sitz der CDU in Nord­rhein-West­fa­len. Da­mit gibt es plötz­lich zwei Kan­di­da­ten für die­se Po­si­ti­on, denn der ehe­ma­li­ge NRW-In­te­gra­ti­ons­mi­ni­ster Ar­min La­schet kan­di­diert eben­falls für die­ses Amt. Aus dem voll­kom­men nor­ma­len, de­mo­kra­ti­schen Vor­gang, dass sich für ein Amt meh­re­re Kan­di­da­ten zur Wahl stel­len, wird nun ein Skan­da­lon pro­du­ziert. Es herrscht, so wird sug­ge­riert, »Streit« in der Par­tei. Die am mei­sten ver­wand­te Vo­ka­bel ist nicht die der Kan­di­da­tur, son­dern des »Macht­kamp­fes«. Meh­re­re Kan­di­da­ten für ein Amt, die im de­mo­kra­ti­schen Ver­fah­ren ge­fun­den wer­den, sind dem­nach kei­ne Be­rei­che­rung, son­dern wer­den mit leicht bel­li­zi­sti­schen Vo­ka­beln per se ne­ga­tiv kon­no­tiert.

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