Oli­vi­er Roy: Hei­li­ge Ein­falt

Olivier Roy: Heilige Einfalt

Oli­vi­er Roy: Hei­li­ge Ein­falt

Seit vie­len Jah­ren ist Oli­vi­er Roy als Ex­per­te auf dem Ge­biet des is­la­mi­schen Fa­na­tis­mus, der ge­mein­hin un­ter dem Be­griff des Is­la­mis­mus sub­su­miert wird, be­kannt. Sein neu­estes Buch »Hei­li­ge Ein­falt« (im fran­zö­si­schen: »La sain­te igno­ran­ce«) trägt in­ter­es­san­ter­wei­se den deut­schen Un­ter­ti­tel »Über die po­li­ti­schen Ge­fah­ren ent­wur­zel­ter Re­li­gio­nen«. Da­bei kommt der fran­zö­si­sche Un­ter­ti­tel weit we­ni­ger vor­ein­ge­nom­men da­her und drückt die In­ten­ti­on des Bu­ches bes­ser aus. Dort heißt es (eher be­schrei­bend): »Le temps de la re­li­gi­on sans cul­tu­re«, was mit un­ge­fähr »Die Zeit der Re­li­gio­nen oh­ne Kul­tur« über­setzt wer­den kann.

Roy schreibt be­reits im er­sten Satz, dass sei­ne Aus­füh­run­gen nicht al­lei­ne als Kri­tik am Is­lam und des­sen (so­ge­nann­ter) fun­da­men­ta­li­sti­scher Aus­prä­gun­gen zu le­sen sind. Und so wird die Sicht auf das Chri­sten­tum und den zeit­ge­nös­si­schen Pro­te­stan­tis­mus, der sich im­mer mehr zum Evan­ge­li­ka­lis­mus ra­di­ka­li­siert, aus­ge­wei­tet. Ge­le­gent­lich be­zieht Roy so­gar das Ju­den­tum und den »Hin­du­is­mus« in sei­ne Be­trach­tun­gen ein. Gleich zu Be­ginn wird mit ei­nem all­zu be­lieb­ten Talk­show-To­pos auf­ge­räumt: Es gibt kei­ne »Rück­kehr« des Re­li­giö­sen, son­dern ei­ne Ver­än­de­rung. Wir sind nicht Zeu­gen ei­ner Ex­plo­si­on der Pra­xis, son­dern eher von neu­en For­men der Sicht­bar­keit des Re­li­giö­sen. Das, was wir der­zeit be­ob­ach­ten, ist in er­ster Li­nie die Auf­leh­nung des Gläu­bi­gen, der sei­nen Glau­ben be­droht sieht und mit den kul­tu­rel­len »Her­aus­for­de­run­gen« ei­ner sä­ku­la­ren Ge­sell­schaft Pro­ble­me hat. Da­bei wirkt die Sä­ku­la­ri­sie­rung we­ni­ger in der Wei­se, dass sie die Re­li­gi­on an den Rand drängt, son­dern in­dem sie Re­li­gi­on und Kul­tur von­ein­an­der ent­kop­pelt und die Re­li­gi­on au­to­nom wer­den lässt.

Kul­tur im Sin­ne die­ses Bu­ches sind Pro­duk­tio­nen von sym­bo­li­schen Sy­ste­men, ge­dach­ten Vor­stel­lun­gen und be­stimm­ten In­sti­tu­tio­nen ei­ner Ge­sell­schaft. Da­bei sieht Roy »Kul­tur« und »Re­li­gi­on« we­ni­ger als An­ti­po­den, son­dern eher wie kom­mu­ni­zie­ren­de Röh­ren, die in ei­ner ge­wis­sen Ba­lan­ce zu hal­ten sind. Ver­blüf­fend die Fest­stel­lung, dass ei­ne zu weit ge­hen­de Tren­nung bzw. Ent­mi­schung von Re­li­gi­on und Kul­tur erst ei­nen Nähr­bo­den für neue re­li­giö­se Be­we­gun­gen schaf­fen könn­te. Roy nennt das »Ex­kul­tu­ra­ti­on«. Die Ex­kul­tu­ra­ti­on des Re­li­giö­sen ge­schieht, wenn die re­li­giö­se Norm sich von der Kul­tur ab­löst. Gleich­zei­tig hat die Kul­tur ih­re re­li­giö­sen Wur­zeln so­wie al­les pro­fa­ne Wis­sen über das Re­li­giö­se ver­ges­sen. Dies als »Ent­frem­dung« zu be­zeich­nen, wä­re in An­be­tracht der Di­men­si­on, die in die­sem Vor­gang liegt, ein Eu­phe­mis­mus.

Der­zeit er­le­ben wir ei­nen Über­gang von tra­di­tio­nel­len For­men des Religiösen…zu fun­da­men­ta­li­sti­schen und cha­ris­ma­ti­sche­ren For­men der Re­li­gio­si­tät – be­gün­stigt durch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men, die glo­ba­le Ver­knüp­fun­gen in Echt­zeit er­mög­li­chen und zu ei­ner Ent­ter­ri­to­ria­li­sie­rung bei­tra­gen. Die­se Ent­wick­lun­gen wer­den de­tail­liert be­schrie­ben und sind im­ma­nent für na­he­zu al­le Re­li­gio­nen bzw. re­li­giö­sen For­men (am Ran­de wird the­ma­ti­siert, wor­in die Dif­fe­renz zwi­schen Sek­te und Re­li­gi­on be­steht). Da­bei fin­den die­se Phä­no­me­ne im Na­men von Gleich­heit und Frei­heit statt, ba­sie­ren al­so auf den (kul­tu­rel­len) Er­run­gen­schaf­ten der Auf­klä­rung. Das Pa­ra­dox be­steht dar­in, dass die For­ma­tie­rung des Re­li­giö­sen, die einst statt­fand, um die Be­herr­schung un­ter den Be­din­gun­gen der ter­ri­to­ria­len und po­li­ti­schen Ho­mo­ge­ni­sie­rung si­cher­zu­stel­len, was im All­ge­mei­nen von ei­nem na­tio­nal­staat­li­chen Pro­jekt aus­ging, heu­te un­ter dem Ban­ner der »Men­schen­rech­te«, der re­li­giö­sen Frei­heit und des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus statt­fin­det.

Da­bei ist Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus kei­nes­wegs die An­er­ken­nung ur­sprüng­li­cher Un­ter­schie­de, son­dern nur Aus­druck des­sen, dass sich Kul­tu­ren und Re­li­gio­nen an ei­nem ge­mein­sa­men Pa­ra­dig­ma aus­rich­ten, und zwar dem Pa­ra­dig­ma des klein­sten ge­mein­sa­men Nen­ners. Hier wird Roy po­le­misch, in dem er fest­stellt, es ent­ste­he ein Kom­mu­ni­ta­ris­mus, re­du­ziert auf den Zu­ge­winn. Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus sei ei­ne Il­lu­si­on, denn er zielt auf Ge­mein­schaf­ten, in de­nen die Ab­lö­sung von re­li­giö­sen und kul­tu­rel­len Mar­kern be­reits statt­ge­fun­den hat: Beim Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus wird künst­lich et­was als kul­tu­rell de­fi­niert, was nicht mehr zur Kul­tur ge­hört. Sa­lopp for­mu­liert han­delt es sich dem­zu­fol­ge um die fal­sche Form ei­nes ni­vel­lie­ren­den Wer­te­re­la­ti­vis­mus, der die Ba­sis für so et­was wie »hei­li­ge Ein­falt« er­mög­licht. Ei­ne Ein­falt, die sich weit­ge­hend vom »Wis­sen« um die Re­li­gi­on sel­ber ab­ge­kop­pelt hat (von mo­der­nen na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen erst recht).

Pro­fan, sä­ku­lar oder heid­nisch

Für Roy liegt die Mo­der­ni­tät des Re­li­giö­sen in der Tren­nung von kul­tu­rel­len und re­li­giö­sen Mar­kern zu Gun­sten der re­li­giö­sen Mar­ker. Da­bei kom­men drei Po­si­tio­nen für die Re­li­gi­on in Fra­ge: Sie kann die Kul­tur als pro­fan, sä­ku­lar oder heid­nisch ab­tun. Pro­fan ist die Kul­tur, die sich dem Re­li­giö­sen ge­gen­über gleich­gül­tig zeigt. […] Sä­ku­lar ist die nicht re­li­giö­se, aber le­gi­ti­me Kul­tur: Sie er­langt Wür­de, Le­gi­ti­mi­tät und Au­to­no­mie, aber die Au­to­no­mie wird durch das Re­li­giö­se fi­xiert. Die heid­ni­sche Kul­tur ist die Zeit der fal­schen Göt­ter (Mensch, Re­vo­lu­ti­on, Ras­se, Staat), des Kon­sums und des He­do­nis­mus.

Sä­ku­la­re Strö­mun­gen, die für ein Ne­ben­ein­an­der von Kul­tur und Re­li­gi­on ein­tre­ten, neh­men zu Gun­sten der­je­ni­gen ab, die die mo­der­ne Kul­tur als heid­nisch ein­schät­zen und ver­ach­ten. Die Mög­lich­keit, dass ei­ne sä­ku­la­ri­sier­te Ge­sell­schaft… wei­ter im Ein­klang mit ei­ner re­li­giö­sen Kul­tur und re­li­giö­sen Wer­ten blei­ben kann, nimmt ab. Wer die Ge­sell­schaft als pro­fan oder heid­nisch de­fi­niert, dul­det kei­ne kul­tu­rel­le »Par­al­lel­wert« (auch dies gilt durch­gän­gig für al­le Re­li­gio­nen). Da­bei geht es nicht dar­um, dass ei­ne sä­ku­la­re, li­ber­tä­re Welt, die über kei­ne Nor­men ver­fügt, ei­ner re­li­giö­sen Welt ge­gen­über­steht, die ei­ner tran­szen­den­ten Ord­nung un­ter­wor­fen ist, son­dern um zwei grund­sätz­lich ver­schie­de­ne De­fi­ni­tio­nen der mensch­li­chen Na­tur.

In­di­rekt the­ma­ti­siert er da­mit auch den Lai­zis­mus in Frank­reich. In­dem die Re­li­gi­on so­zu­sa­gen »un­ter­drückt«, d. h. aus der all­täg­li­chen Le­bens­welt ent­fernt und zur »Pri­vat­sa­che« de­kla­riert wird, ent­steht der Ver­lust der so­zia­len Selbst­ver­ständ­lich­keit des Re­li­giö­sen. Die Gläu­bi­gen emp­fin­den sich nun­mehr als Min­der­heit, um­ge­ben von ei­ner pro­fa­nen, athe­isti­schen, por­no­gra­fi­schen, ma­te­ria­li­sti­schen Kul­tur, die sich fal­sche Göt­ter er­wählt hat: Geld, Sex oder den Men­schen an sich. In ei­nem lai­zi­sti­schen Staats­we­sen kann ei­ne Re­li­gi­on dem Fun­da­ment ei­ner po­li­ti­schen Ge­mein­schaft nicht ih­re ei­ge­nen Prin­zi­pi­en ent­ge­gen­set­zen. Der Ge­dan­ke von Leib­niz, ei­ne Art »Zi­vil­re­li­gi­on« kön­ne als mo­ra­li­sches Be­kennt­nis zur po­li­ti­schen Ord­nung und zu den Wer­ten des je­wei­li­gen po­li­ti­schen Sy­stems ein fried­li­ches »Ne­ben­ein­an­der« von re­li­giö­ser und kul­tu­rel­ler Welt er­mög­li­chen, scheint in­zwi­schen il­lu­so­risch. Re­li­gi­on tritt aus dem Sta­tus ei­ner identitäre[n] Sub­kul­tur her­aus.

Die Ur­sa­che für die­se Hin­wen­dung zum Re­li­giö­sen kommt bei Roy ein we­nig zu kurz. Er mut­maßt, dass die re­li­giö­sen Wer­te nicht mehr mit den kul­tu­rel­len »Mar­kern« in Über­ein­stim­mung ge­bracht wer­den kön­nen. Der im­mer stär­ker wer­den­de In­di­vi­dua­lis­mus und die Rech­te von Frau­en und Ho­mo­se­xu­el­len spielen…eine Schlüs­sel­rol­le bei der Neu­de­fi­ni­ti­on re­li­giö­ser Mar­ker in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Wer­te und Mo­ral­vor­stel­lun­gen ver­än­dern sich in gro­ßer Be­schleu­ni­gung. Roy de­mon­striert dies am Bei­spiel der Ho­mo­se­xua­li­tät, die noch bis in die 1970er Jah­re hin­ein in vie­len west­eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten straf­bar war. Dem­zu­fol­ge wür­de es sich um ei­ne Art Un­be­ha­gen in (und an) der mo­der­nen Kul­tur han­deln. Das die­ses Un­be­ha­gen zur »Trö­stung« in die Re­li­gi­on füh­ren kann, wä­re dann als Er­kennt­nis so neu nicht (Freund wird al­ler­dings mit kei­nem Wort er­wähnt). Wei­ter führt Roy die­sen Ge­dan­ken je­doch lei­der nicht; auf der vor­letz­ten Sei­te heißt es aus­drück­lich, die Kri­se der Kul­tur sei ei­ne an­de­re Ge­schich­te.

Die­se Ab­gren­zung ist zwei­fel­los ei­ner der Schwach­punk­te die­ses Bu­ches, denn es bleibt die Fra­ge, ob das ei­ne vom an­de­ren der­art ri­go­ros zu tren­nen ist. Zu­mal Roy ein­drück­lich er­läu­tert, wie kul­tu­rel­le und re­li­giö­se Mar­ker nicht nur kon­kur­rie­ren, son­dern durch­aus im Wech­sel­spiel zu­ein­an­der ste­hen und sich ge­gen­sei­tig be­fruch­ten kön­nen. Hier­zu wer­den um­fang­rei­che hi­sto­ri­sche Be­trach­tun­gen über Kon­ver­sio­nen und Mis­sio­nie­run­gen ins­be­son­de­re des Chri­sten­tums (in­klu­si­ve des Wett­be­werbs zwi­schen Pro­te­stan­tis­mus und Ka­tho­li­zis­mus ab dem 19. Jahr­hun­dert) an­ge­stellt. Da­bei wird der Au­tor nicht mü­de, auch die Aus­nah­men von ei­ner auf­ge­stell­ten Re­gel auf­zu­füh­ren, was den Le­ser ge­le­gent­lich über Ge­bühr er­schöpft. Die da­bei aus­ge­brei­te­ten skur­ri­len Ne­ben­schau­plät­ze re­li­giö­sen Le­bens ha­ben si­cher­lich ei­nen ge­wis­sen Un­ter­hal­tungs­wert, aber ob es von Wich­tig­keit ist, von ei­ner jü­di­schen Ge­mein­de von Myan­mar zu er­fah­ren (in­klu­si­ve de­ren Kon­ver­si­ons­ge­schich­te) oder die je­wei­li­gen re­li­giö­sen Vor­lie­ben der Ima­me von Ré­uni­on und Gua­de­lou­pe zu ken­nen, mag da­hin­ge­stellt sein. Man­che Bü­cher läh­men, weil sie arg pau­scha­li­sie­rend sind. Roy lähmt manch­mal, weil er zu aus­nah­me­ver­ses­sen ist.

In­ten­siv wer­den die Fol­gen der deut­li­cher sicht­bar wer­den­den Re­li­gio­si­tät er­läu­tert. Da­bei ge­lin­gen Roy durch­aus in­ter­es­san­te re­li­gi­ons­ge­schicht­li­che Ein­sich­ten, de­ren Aus­wir­kun­gen noch heu­te sicht­bar sind. Et­wa, das nicht nur im Is­lam son­dern auch im Chri­sten­tum die Ver­ach­tung der mo­der­nen Ge­sell­schaft ge­gen­über vi­ru­lent ist. Tat­säch­lich kann­ten ka­tho­li­sche Mis­sio­na­re nur ei­ne Zi­vi­li­sa­ti­on: näm­lich ih­re. Dar­an hat sich bis heu­te we­nig ge­än­dert. Die west­li­che Kul­tur hat für die ka­tho­li­sche Kir­che kei­nen Wert an sich, son­dern nur in­so­fern, als sie vom Chri­sten­tum er­füllt wur­de und wird. Die Kir­che ver­tei­digt nicht d i e west­li­che Kul­tur, son­dern die c h r i s t l i c h e west­li­che Kul­tur. Da­mit steht fest: Für Ka­tho­li­ken kann es kei­ne sä­ku­la­re, lai­zi­sti­sche Zi­vi­li­sa­ti­on ge­ben. Ei­ne »ent­chri­stia­ni­sier­te« Zi­vi­li­sa­ti­on wä­re dem­nach ei­ne Zi­vi­li­sa­ti­on zwei­ter Ord­nung.

Den­noch er­ziel­te der Ka­tho­li­zis­mus in der still­schwei­gen­den To­le­ranz kul­tu­rel­ler »Ei­gen­hei­ten« kurz­fri­stig Er­fol­ge in sei­ner wei­te­ren Ver­brei­tung. Den ka­tho­li­schen Mis­sio­na­ren war der cal­vi­ni­sti­sche Ge­dan­ke ei­ner rei­nen Re­li­gi­on fremd. Man mis­sio­nier­te ins­be­son­de­re im 19. Jahr­hun­dert in ei­ner weit­ge­hen­den To­le­ranz der heid­ni­schen Ge­bräu­che, ja un­ter Ein­be­zie­hung die­ser, so­weit es­sen­ti­el­le Glau­bens­sät­ze des Chri­sten­tums nicht tan­giert wur­den. Dies ist heu­te in Afri­ka, aber auch Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka an­hand zahl­rei­cher Gei­ster- bzw. Voo­doo-Prak­ti­ken sicht­bar. Spä­te­stens nach 1945 wur­de die gro­ße ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung des Ko­lo­nia­lis­mus, die Ver­brei­tung der Zi­vi­li­sa­ti­on, an­ge­grif­fen und auf­ge­ho­ben. Das 2. Va­ti­ka­ni­sche Kon­zil be­schleu­nig­te die Ent­wick­lung ei­nes Kon­zepts der In­kul­tu­ra­ti­on. Da­bei ging es we­ni­ger dar­um, das Evan­ge­li­um an die je­wei­li­gen Kul­tu­ren an­zu­pas­sen, als dar­um, die Kul­tu­ren durch das Re­li­giö­se zu ver­än­dern. (In den 1970er Jah­ren hieß das in der deut­schen Po­li­tik »Wan­del durch An­nä­he­rung«.)

Glau­ben oh­ne Kul­tur führt zum Fa­na­tis­mus…

In­zwi­schen be­fin­den sich die tra­di­tio­nel­len christ­li­chen Kirchen…zwar in der Kri­se, so­wohl de­mo­gra­fisch wie spi­ri­tu­ell…, aber die christ­li­che Re­li­gi­on an sich er­lebt ei­nen Auf­schwung al­ler­dings in neu­en – pro­te­stan­ti­schen und fun­da­men­ta­li­sti­schen – For­men. Müh­sam ver­sucht der Ka­tho­li­zis­mus des Papst­tums nach­zu­zie­hen. Mit Jo­han­nes Paul II. und jetzt Be­ne­dikt XVI. ist längst die kon­ser­va­ti­ve ka­tho­li­sche Re­ak­ti­on wie­der zu­rück­ge­kehrt. Die Er­geb­nis­se des letz­ten Kon­zils wer­den stie­kum hin­ter­trie­ben. Rom ist (wie­der?) über­zeugt, dass es kei­ne Re­la­ti­vi­tät der Kul­tu­ren gibt. Aber die Zi­vi­li­sa­ti­on ist die Kul­tur, die die ethi­schen Nor­men der Re­li­gi­on in­te­griert hat. Ka­tho­li­ken wol­len al­so mit der Kul­tur ver­bun­den blei­ben, wenn die Dif­fe­ren­zen nicht zu di­ver­gie­rend sind. Die Her­an­ge­hens­wei­se ist al­so eher prag­ma­tisch. Die Re­li­gi­on ist nicht die Kul­tur, aber sie kann nicht au­ßer­halb ei­ner Kul­tur exi­stie­ren.

Dies ist bei den fun­da­men­ta­li­sti­schen und cha­ris­ma­ti­sche­ren For­men der Re­li­gio­si­tät nicht der Fall. Sie be­trei­ben die Ab­lö­sung des Re­li­giö­sen vom Kul­tu­rel­len. Ih­nen gilt Roys Em­pö­rung, ja Ab­scheu. Denn Glau­ben oh­ne Kul­tur ist ei­ne der Er­schei­nungs­for­men des­sen, was wir Fa­na­tis­mus nen­nen. Hier ent­steht das, was er »hei­li­ge Ein­falt« nennt. Glau­ben oh­ne Kul­tur be­deu­tet auch: Glau­ben oh­ne Wis­sen. Es sei nicht von un­ge­fähr, so Roy, dass der Fun­da­men­ta­list über »sei­ne« Re­li­gi­on so we­nig wis­se (ein Aus­wen­dig­ler­nen des Ko­ran oder des Neu­en Te­sta­ments ist, wie er rich­tig fest­stellt, kein »Wis­sen«).

Die Vor­herr­schaft der re­li­giö­sen Norm macht je­den Ver­such zu­nich­te, ei­ne Kul­tur zu er­rich­ten. Dies führt un­ter Um­stän­den zu ei­nem krankhafte[n], pathogene[n[, oft kriminelle[n] oder suizidale[n] Be­stre­ben, den »al­ten« Men­schen in sich (und im an­de­ren) aus­zu­mer­zen, ele­men­tar zu fin­den im re­li­giö­sen Ra­di­ka­lis­mus der Dschi­ha­di­sten. Aber – und das macht Roy schon am An­fang deut­lich – an­ti-kul­tu­rel­le Af­fek­te gibt es nicht nur dort: Die re­li­giö­se Di­men­si­on des Kom­mu­nis­mus bei­spiels­wei­se bei den eu­ro­päi­schen Mao­isten, ist in­zwi­schen na­he­zu un­um­strit­ten. Und für die ganz Ra­di­ka­len wie die ro­ten Khmer ver­hin­der­te ge­ra­de die Kul­tur die Ge­burt des neu­en Men­schen. Ge­ne­rell gilt al­so: Ta­bu­la ra­sa ma­chen zu wol­len, ist ei­ne Form der hei­li­gen Ein­falt und bleibt nicht un­be­dingt auf das Re­li­giö­se be­schränkt. Lei­der ver­tieft Roy im wei­te­ren Ver­lauf die­sen Ge­dan­ken nicht wei­ter. Ei­ne De­fi­ni­ti­on und Ent­wick­lung ei­ner »sä­ku­la­ren« Ein­falt, ei­nes po­li­ti­schen Fa­na­tis­mus bei­spiels­wei­se, fin­det nicht statt. Bei­spie­le zu »welt­li­chen« In­to­le­ran­zen bis hin zu ei­ner to­ta­li­tä­ren Mo­der­ne – und sei­en sie nur Ge­gen­be­we­gun­gen zur »hei­li­gen Ein­falt« – ver­misst man. Roy ver­harrt bei dem Sze­na­rio, wenn Re­li­gi­on nicht Teil der Kul­tur ist, son­dern sich sel­ber zur Kul­tur er­hebt. Es wä­re aber ge­nau so in­ter­es­sant fest­zu­stel­len, was ge­schieht, wenn Kul­tur sich sel­ber zur ein­zi­gen In­stanz in ei­nen qua­si-re­li­giö­sen Sta­tus der Un­an­tast­bar­keit er­hebt und jeg­li­che Ab­wei­chun­gen mit na­he­zu mis­sio­na­ri­scher In­brunst ver­folgt. Oder, po­le­misch for­mu­liert: Wenn ei­ne »of­fi­zi­ell« der Auf­klä­rung ver­pflich­te­te Kul­tur bei­spiels­wei­se skep­ti­sche Selbst­be­fra­gun­gen per se als »Hä­re­si­en« auf­fasst.

…aber wo­hin führt der Ab­so­lut­heits­an­spruch ei­ner Kul­tur?

Aus­führ­lich geht Roy auf die Ver­brei­tung der ver­wan­del­ten, durch­aus selbst­be­wusst agie­ren­den Re­li­gio­si­tät ein. Re­li­giö­se Ob­jek­te kön­nen im­mer schnel­ler »glo­bal« zir­ku­lie­ren. Hier­zu be­darf es be­stimm­ter Vor­aus­set­zun­gen, bei­spiels­wei­se, dass Re­li­gi­on uni­ver­sal er­schei­nen muss und nicht an ei­ne be­stimm­te Kul­tur ge­bun­den [ist], die man erst ver­ste­hen muss, be­vor man die Bot­schaft be­grei­fen kann. So »funk­tio­niert« laut Roy der Hin­du­is­mus au­ßer­halb In­di­ens nur, weil er sich von der Kul­tur ab­löst. Das Phä­no­men der I-Church, ei­ner »In­ter­net-Kir­che« als End­punkt der Ent­wick­lung, macht den Gläu­bi­gen un­ab­hän­gig von lo­ka­len Bin­dun­gen und schafft ein Zu­sam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl von Men­schen, die über den ge­sam­ten Glo­bus ei­gent­lich »ver­streut« sind. Hier sei der Pro­te­stan­tis­mus ein­deu­tig im Vor­teil, wäh­rend bei­spiels­wei­se der Ka­tho­li­zis­mus noch im­mer auf Ter­ri­to­ria­li­sie­rung und lo­ka­le Ver­wur­ze­lung fo­kus­siert sei. Ganz strin­gent ist sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on nicht, zu­mal er sei­ne The­se spä­ter wie­der re­la­ti­viert.

Den von Hun­ting­ton pro­gno­sti­zier­ten Clash der Kul­tu­ren ne­giert Roy. Nicht der Zu­sam­men­prall der Kul­tu­ren ist die Quel­le von Ge­walt son­dern die Tren­nung von Kul­tur und Re­li­gi­on zu Gun­sten des Re­li­giö­sen. Aber was be­deu­tet das nun? Was tun mit dem Wis­sen, dass die hei­li­ge Ein­falt of­fen­bar im­mer mehr Bo­den ge­winnt? Man wür­de Roy miss­ver­ste­hen, wenn man ihm un­ter­stell­te, er sei ge­gen die Sä­ku­la­ri­sie­rung weil er po­stu­liert, die­se brin­ge das Re­li­giö­se her­vor. Das Buch zeigt das Ge­gen­teil. Aber wie sind die­se Kon­ver­sio­nen zum Re­li­giö­sen auf­zu­hal­ten? Roy stellt fest: Auf­fäl­li­ger­wei­se be­tref­fen Kon­ver­sio­nen in al­le Rich­tun­gen die­sel­ben Mi­lieus: Im­mi­gran­ten der zwei­ten Ge­nera­ti­on, ver­un­si­cher­te Schich­ten, »sicht­ba­re Min­der­hei­ten«, zor­ni­ge jun­ge Leu­te, die auf der Su­che sind. Sind es al­so so­zia­le Ur­sa­chen, wie so oft an­ge­führt wird?

Roy lässt den Le­ser mit die­sen Fra­gen al­lei­ne. Die­ser Rück­zug auf die rei­ne Dia­gno­se der neu­en re­li­giö­sen Or­ga­ni­sa­tio­nen fügt sich in das be­reits an­ge­spro­che­ne Aus­klam­mern der kul­tu­rel­len Kri­sen­ent­wick­lun­gen (mit Aus­nah­me des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus) ein. Sei­ne »Trö­stung« kommt über­ra­schend be­ru­hi­gend da­her: Das Re­li­giö­se ist zwar deut­li­cher sicht­bar, aber zu­gleich ist es häu­fi­ger im Nie­der­gang be­grif­fen. Schließ­lich: Die­se Ver­än­de­rung ist nichts wei­ter als ein Au­gen­blick, ein Mo­ment. Sie führt nicht not­wen­di­ger­wei­se in ein neu­es re­li­giö­ses Zeit­al­ter. Kommt Zeit, kommt Rat, so­zu­sa­gen.

Und wie soll man die Aus­sa­ge deu­ten, Re­li­gio­nen er­schaff­ten ei­ne pro­fa­ne Kul­tur. Denn sie schmie­den die Werk­zeu­ge, die da­nach au­ßer­halb des re­li­giö­sen Rah­mens ver­wen­det wer­den. Dem­zu­fol­ge wür­de ja dann die fun­da­men­ta­li­sti­sche Re­li­gi­ons­pra­xis ir­gend­wann auch kul­tu­rel­le »Werk­zeu­ge« »schmie­den«. Wie se­hen die aus? Und wie ver­steht man dann den nach­fol­gen­den Satz: Doch ge­nau die­ses Band grei­fen die re­li­giö­sen Wie­der­erweckungs­be­we­gun­gen von heu­te an. Ist die Ra­di­ka­li­sie­rung des Re­li­giö­sen al­so doch von Dau­er?

Deut­lich wird: Die »hei­li­ge Ein­falt« ist nicht zu ver­wech­seln mit dem nai­ven Kin­der­glau­ben, der sich mit ei­nem Ni­schen­da­sein ab­fin­det und non­cha­lant hi­sto­ri­schen und wis­sen­schaft­li­chen The­sen in Be­zug auf Glau­bens­fra­gen aus­weicht. Aber wie die Evan­ge­li­ka­len in den USA zei­gen, die we­sent­li­che na­tur­wis­sen­schaft­li­che Axio­me schlicht­weg ab­leh­nen, gibt man sich nicht mehr mit dem »zwei­ten Platz« zu­frie­den, son­dern be­an­sprucht die Deu­tungs­macht. Da­bei be­sitzt die Phra­sen- und Pa­ro­len­haf­tig­keit der hei­li­gen Ein­falt den ver­füh­re­ri­schen Charme der Kom­ple­xi­täts­re­du­zie­rung. Die­ser Af­fekt ge­gen die zu­neh­men­de Ver­wis­sen­schaft­li­chung der Welt geht mit der Ver­hei­ßung ei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten »Ge­mein­schaft« ein­her. Auch hier al­so ei­ne Art Kom­mu­ni­ta­ris­mus, al­ler­dings mit tran­szen­den­ta­ler Rhe­to­rik über­gos­sen.

Noch ein Ein­wand: Arg stö­rend sind die­se un­zu­rei­chend er­klär­ten und ge­le­gent­lich dop­pel­deu­tig ver­wen­de­ten Wort­krea­tio­nen wie »In­kul­tu­ra­ti­on«, »De­kul­tu­ra­ti­on«, »Ex­kul­tu­ra­ti­on« und »Ak­kul­tu­ra­ti­on«. Un­klar bleibt auch, war­um der Be­griff der »Or­tho­pra­xie« ein­ge­führt wird. Ein Au­tor wie Oli­vi­er Roy hat sol­che ver­ba­len Kraft­meie­rei­en nicht nö­tig. »Hei­li­ge Ein­falt« ist als fun­da­men­ta­le, ak­tu­el­le Re­li­gi­ons­kri­tik ein hoch­in­ter­es­san­tes und enorm lehr­rei­ches Buch. Fast en pas­sant ord­net Roy Pro­blem­fel­der, für die an­de­re er­mü­den­de Es­says schrei­ben. Roys Buch müss­te Dem­ago­gen wie Daw­kins und des­sen Pa­pa­gei­en als Pflicht­lek­tü­re ver­ord­net wer­den. Man wünscht sich, dass der Au­tor er­gän­zend ei­ne (min­de­stens ähn­lich wich­ti­ge und not­wen­di­ge) Kul­tur­kri­tik ver­fas­sen wird.


Die kur­siv ge­setz­ten Pas­sa­gen sind Zi­ta­te aus dem be­spro­chen Buch.
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12 Kommentare zu »Oli­vi­er Roy: Hei­li­ge Ein­falt«:

  1. Da Re­li­gio­nen ei­ne in­te­grie­ren­de Funk­ti­on be­sit­zen, und letz­te Ur­sa­chen, Welt­ab­läu­fe, Schick­sa­le u.ä. ver­kün­den, wä­re un­ser Zeit­al­ter prä­de­sti­niert für ei­ne Wie­der­kehr des Re­li­giö­sen und Spi­ri­tu­el­len – wer hat nicht den Ein­druck ei­ner aus­ein­an­der fal­len­den Welt, der Un­mög­lich­keit ei­nen Über­blick zu be­wah­ren, der Gleich­zei­tig­keit meh­re­rer Per­spek­ti­ven, usw. (aber ich ha­be kei­ne em­pi­ri­schen Ein­wän­de zur Hand – schweigt der Au­tor dies­be­züg­lich?).

    War­um Re­li­gi­on nicht als ei­nen Teil der mensch­li­chen Kul­tur be­grei­fen, sie passt doch in die De­fi­ni­ti­on: symbolische[n] Systeme[n], gedachte[n] Vor­stel­lun­gen und bestimmte[n] In­sti­tu­tio­nen ei­ner Ge­sell­schaft.

    Was ge­nau sind re­li­giö­se oder kul­tu­rel­le Mar­ker? Ich wer­de nicht schlau aus dem Be­griff...

    #1

  2. Re­li­giö­se bzw. kul­tu­rel­le Mar­ker sind – kurz ge­sagt – Kon­no­ta­tio­nen, Ver­hal­tens­wei­sen, Ge­bräu­che, Denk­struk­tu­ren in der ein oder an­de­ren Art. Sie tre­ten aber, so mei­ne Les­art des Bu­ches, sel­ten in Rein­form auf, son­dern sind mit­ein­an­der ver­wo­ben. So wä­re bspw. De­mo­kra­tie ein kul­tu­rel­ler »Mar­ker«, der je­doch auch auf durch Re­li­gio­nen ver­mit­tel­te Wer­te be­ruht.

    Ich ha­be mir da­bei ei­ne Art Li­ne­al vor­ge­stellt. Rechts sind die eher re­li­gi­ös auf­ge­la­de­nen Ka­te­go­ri­en, links die kul­tu­rel­len Mar­ker. Ganz rechts bzw. ganz links dann die streng re­li­giö­sen bzw. rein kul­tu­rel­len Denk­struk­tu­ren. Roys The­se geht nun da­hin, dass der wie sich auch im­mer ar­ti­ku­lie­ren­de re­li­giö­se Fun­da­men­ta­lis­mus ein­deu­tig nach rechts geht. Der Lai­zis­mus bspw. fran­zö­si­scher Aus­rich­tung ist re­la­tiv weit links an­ge­sie­delt. Roy schweigt über ei­ne zu star­ke Ten­denz nach »links« fast voll­stän­dig (au­ßer im Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus), son­dern be­schäf­tigt sich mit der von ihm ge­nann­ten »Hei­li­gen Ein­falt«, d. h. der Hin­wen­dung zum Re­li­giö­sen.

    Roy zeigt, wie bei­spiels­wei­se die ka­tho­li­sche Mis­si­on im 19./20. Jahr­hun­dert kul­tu­rel­le Ver­hal­tens­wei­sen der zu Mis­sio­nie­ren­den ak­zep­tier­ten und dul­de­ten, ob­wohl die­se teil­wei­se oder so­gar of­fen der »rei­nen Leh­re« wi­der­spra­chen. Das ist na­tür­lich ein Pro­zess, der nicht nur dort auf­tauch­te. Al­lei­ne die Tat­sa­che, dass wir heu­te Weih­nach­ten am 24./25. De­zem­ber fei­ern, ist mit dem kul­tu­rel­len Brauch des Win­ter­son­nen­wen­de-Fe­stes ge­schul­det, wel­ches um den 21. oder 22.12. ge­fei­ert wur­de (von nun an wur­den die Ta­ge wie­der län­ger). Re­li­gi­on pass­te sich der Kul­tur an, die dann durch die Re­li­gi­on wei­ter­ge­formt wur­de.

    Die Grün­de für die er­neu­ten Hin­wen­dun­gen zum Re­li­giö­sen spricht er am Ran­de an: Die, wie Du es nennst, aus­ein­an­der­fal­len­de Welt. Das Re­li­giö­se ver­spricht die zu­ver­läs­si­ge Ver­ein­fa­chung der Welt. Mit mei­nen Wor­ten: Der Erd­rutsch, das Erd­be­ben, die Kli­ma­ver­än­de­rung – all die­se Phä­no­me­ne brau­chen nicht als kom­pli­zier­te na­tur­wis­sen­schaft­li­che Phä­no­me­ne be­trach­tet und ana­ly­siert zu wer­den, son­dern als »Stra­fe Got­tes« (das ist jetzt sehr ver­ein­fa­chend; kaum ei­ne Re­li­gi­ons­in­ter­pre­ta­ti­on ist der­art platt). Da­mit ist nichts aus­ge­sagt über die Funk­ti­on von Re­li­gi­on an sich. Ich glau­be, die be­strei­tet Roy gar nicht.

    Roy spart die kul­tu­rel­len Im­pli­ka­tio­nen in sei­nem Buch fast aus. Dar­aus, dass sich aber ei­ne Hei­li­ge EIn­falt im­mer mehr kon­sti­tu­iert kann al­ler­dings in­di­rekt auch ei­ne Kri­tik des kul­tu­rel­len Ha­bi­tus ge­le­sen wer­den. Die Ver­wis­sen­schaft­li­chung der Welt schafft of­fen­bar nicht das, was die Re­li­gio­nen ver­moch­ten (auch wenn die­se un­ter zum Teil mit Zwän­gen ope­rier­ten).

    Mei­nes Er­ach­tens hat das Zu­neh­men der Hei­li­gen Ein­falt auch mit ei­ner Des­il­lu­sio­nie­rung der so­zia­len und öko­no­mi­schen Auf­striegs­chan­cen zu tun. Der Ka­pi­ta­lis­mus, der bis vor 30, 40 Jah­ren noch als ei­ne Art Er­satz­re­li­gi­on »Wohl­stand für al­le« ver­sprach (nicht nur in Deutsch­land), wird nicht mehr als Chan­ce oder Her­aus­for­de­rung ge­se­hen, son­dern eher als Be­dro­hung und scheint an sei­ne Gren­zen zu sto­ßen. Die Ver­hei­ßung der ir­di­schen Wohl­fahrt funk­tio­niert nicht mehr. Die In­du­stria­li­sie­rung trug m. E. seit dem 19. Jahr­hun­dert we­sent­lich zur Ent­sa­kra­li­sie­rung der Welt bei. Das Stu­di­um der Me­di­zin be­kam ei­nen hö­he­ren Stel­len­wert als das Stu­di­um der Theo­lo­gie, weil man da­mit di­rekt und nach­prüf­bar Men­schen ret­ten konn­te. Die Na­tur­wis­sen­schaf­ten über­nah­men die Funk­tio­nen der Theo­lo­gie. Statt Jen­seits­er­war­tung wur­de das Dies­seits at­trak­tiv. Diese(s) Ver­spre­chen funktionier(t)en nicht mehr. Auch Hein­sohns The­se der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung be­stimm­ter Ge­sell­schaf­ten greift dann: Wo es vie­le Söh­ne gibt, ist die öko­no­mi­sche Si­cher­heit nur noch für den Erst­ge­bo­re­nen ge­währ­lei­stet. Das Re­li­giö­se be­kommt sei­ne At­trak­ti­vi­tät als Mo­tor des Han­delns wie­der zu­rück.

    #2

  3. MMarheinecke sagt:

    Roy be­merkt et­was Of­fen­sicht­li­ches, was an­de­re über­se­hen.
    Und zwar an­schei­nend ab­sicht­lich über­se­hen:
    Es sei nicht von un­ge­fähr dass der Fun­da­men­ta­list über »sei­ne« Re­li­gi­on so we­nig wis­se (ein Aus­wen­dig­ler­nen des Ko­ran oder des Neu­en Te­sta­ments ist, wie er rich­tig fest­stellt, kein »Wis­sen«).

    Die ge­ra­de­zu sprich­wört­li­che »Dumm­heit« /»Weltfremdheit« der »Fun­dies« ist dem­nach sy­stem­be­dingt: Fun­da­men­ta­lis­mus spricht Men­schen an, die es ger­ne ein­fach ha­ben, nicht al­lein im Sin­ne ein­fa­cher Er­klä­run­gen (Na­tur­ka­ta­stro­phen usw. als »Got­tes Stra­fe«), son­dern auch im Sin­ne des Nicht-Nach­den­ken­wol­lens. Das hat m. E. nichts mit man­geln­der In­tel­li­genz und we­nig mit man­geln­der Bil­dung zu tun, son­dern auch mit der All­tags­er­fah­rung, dass Grü­beln »nichts bringt« – vor al­lem dann, wenn man kei­ne wirk­li­chen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten hat, sich macht­los fühlt – und ein­fa­che Ge­wiss­hei­ten zu­frie­den ma­chen.

    So ge­se­hen be­dau­re ich es, dass Roy sich of­fen­sicht­lich so we­nig der »lin­ken« Sei­te und der welt­li­chen Ideo­lo­gi­en, an­nimmt.

    Ei­ne per­sön­li­che Be­ob­ach­tung aus dem »Neu­en Hei­den­tums«: auch in die­ser »Sze­ne« ist es so, dass Nicht­wis­sen den Fa­na­tis­mus be­för­dert. Das gilt so­wohl für welt­frem­de »La­metta­he­xen« wie für stän­dig die (an­geb­li­chen) »ger­ma­ni­schen Tu­gen­den« im Mund füh­ren­de Rechts­ex­tre­mi­sten – ei­ne nä­he­re Be­schäf­ti­gung mit hi­sto­ri­schen Tat­sa­chen oder ein ge­naue­res Nach­den­ken über My­then stö­ren nur beim Spin­nen von Macht-, Op­fer-, und Hass­phan­ta­si­en.

    #3

  4. #3/MMarheinecke
    ei­ne nä­he­re Be­schäf­ti­gung mit hi­sto­ri­schen Tat­sa­chen oder ein ge­naue­res Nach­den­ken über My­then stört nur beim Spin­nen von Macht-, Op­fer-, und Hass­phan­ta­si­en.
    Ja, ge­nau das mein­te Roy. Ei­ne im üb­ri­gen auch für mich eher neue Er­kennt­nis.

    Frei­lich darf man das nicht ge­ne­ra­li­sie­ren. Si­cher­lich wis­sen die Ima­me, Mul­lahs oder Heils­pre­di­ger ver­mut­lich ziem­lich ge­nau Be­scheid – und zwar in und über der Dik­ti­on, die sie ge­ra­de be­vor­zu­gen. In­so­fern ist die Hei­li­ge Ein­falt kein Phä­no­men der Eli­ten, son­dern der Mit­läu­fer.

    #4

  5. zu #2
    Diese(s) Ver­spre­chen funktionier(t)en nicht mehr.

    Ich möch­te in­so­fern wi­der­spre­chen: Die rei­ne Dies­sei­tig­keit war nie und wird nie zu­frie­den­stel­lend sein. Re­li­giö­ses Er­le­ben wird es im­mer ge­ben, un­ge­lö­ste Fra­gen und Rät­sel auch – ich mag mich täu­schen, aber ei­ne ge­wis­se Ewig­keits- oder Un­end­lich­keits­sehn­sucht scheint fest in uns im­ple­men­tiert zu sein. An­de­rer­seits stimmt es na­tür­lich, dass nicht al­le Zei­ten gleich re­li­gi­ös ge­prägt wa­ren (und al­le Men­schen eben­so).

    #5

  6. Wenn sich das Re­li­giö­se vom Kul­tu­rel­len ab­löst, dann muss es Zei­ten ge­ge­ben ha­ben in de­nen das nicht so war – nennt Roy da Bei­spie­le (mög­li­cher­wei­se könn­te man das eu­ro­päi­sche Mit­tel­al­ter ja als um­ge­kehr­tes Ex­trem ver­ste­hen)?

    #6

  7. zu #6
    Er nennt nicht ex­pli­zit Bei­spie­le. Das ist na­tür­lich ein Pro­zess – noch Mit­te des 20. Jahr­hun­derts wa­ren – so ver­ste­he ich Roy – re­li­giö­se und kul­tu­rel­le Durch­drin­gun­gen mit­ein­an­der ver­wo­ben. Der Bruch dürf­te mit der Auf­klä­rung be­gon­nen ha­ben.

    Mir hat das so­fort ein­ge­leuch­tet. Die voll­stän­di­ge »Ver­drän­gung« al­les Re­li­giö­sen ist ein zwin­gen­des Merk­mal der so­ge­nann­ten Post­mo­der­ne.

    Wenn ich Roy rich­tig ver­stan­den ha­be, gab es zwar durch­aus den Ab­so­lut­heits­an­spruch des Re­li­giö­sen (bspw. im Mit­tel­al­ter), aber das Kul­tu­rel­le wur­de zu­meist nicht ver­drängt oder ne­giert, son­dern, so­fern es ir­gend­wie ging, ein­be­zo­gen.

    #7

  8. zu #5
    Ich sa­ge nicht, dass ich da­mit über­ein­stim­me. Ich glau­be nur, dass das Re­li­giö­se spä­te­stens seit Mit­te des 20. Jahr­hun­derts für vie­le kei­ne Per­spek­ti­ve mehr dar­stell­te. Zu­min­dest das in­sti­tu­tio­nell Re­li­giö­se ver­kam zur Folk­lo­re.

    Schon in den 1970er Jah­ren nahm dann die Hin­wen­dung zu Sek­ten zu – so ganz ver­moch­ten sich vie­le von Spi­ri­tua­li­tät und Un­sterb­lich­keits­ide­en nicht zu be­frei­en. Auch Po­li­tik be­kam re­li­giö­se Zü­ge (bspw. der Mao­is­mus). Ich glau­be, in der Form wie die Ver­wis­sen­schaft­li­chung der Welt zu­nimmt, wird auch die Sehn­sucht nach re­li­giö­sem Über­bau wie­der ma­ni­fest. Man sieht das ja in den USA mit ei­ni­gem Er­schrecken. Wenn aber dem Men­schen sei­ne »Ein­ma­lig­keit« ge­nom­men wird (bspw. durch die Ab­erken­nung des­sen, was man ge­mein­hin »frei­en WIl­len« nennt), wird dies zu ei­ner Ab­wen­dung füh­ren.

    Selbst der »neue Athe­is­mus« ist ja der­art mis­sio­na­risch, dass sein re­li­giö­ser An­ti-Re­li­gi­ons­ei­fer nur noch schockiert.

    #8

  9. Bei euch gibt es si­cher auch die so­ge­nann­te »Lan­ge Nacht der Kir­chen«. Ich ha­be mir das an­ge­se­hen, und fest­ge­stellt, dass tat­säch­lich vie­le in die Kir­chen ge­strömt sind. Da ist durch­aus In­ter­es­se und Be­dürf­nis vor­han­den, was man aber schein­bar nicht will ist ei­ne dau­er­haf­te Bin­dung (an ei­ne In­sti­tu­ti­on), man kon­su­miert Re­li­gi­on lie­ber ab und an (wie weit das dann noch Glau­be oder Re­li­gi­on ist, sei ein­mal da­hin­ge­stellt...).

    Viel­leicht war das im­mer schon so – ich las ein­mal (ich glau­be in der Zeit), dass das mit­un­ter frü­her »nicht an­ders« ge­we­sen wä­re, aber die mei­sten gar kei­ne an­de­re Wahl ge­habt hät­ten. Die ab­trün­ni­gen Schäf­chen wä­ren als zum Teil auf die Wahl­mög­lich­keit zu­rück­zu­füh­ren.

    #9

  10. zu #7
    Ja, so ähn­lich mein­te ich das: Ei­ne Be­herr­schung der Kul­tur durch das Re­li­giö­se, aber kei­ne Ver­drän­gung.

    Ich fin­de die »Ab­lö­sungs­the­se« sehr in­ter­es­sant, vor al­lem ein neu­er An­satz, ich fürch­te ich kann sie mir nur noch nicht gut ge­nug vor­stel­len.

    Was mich jetzt aber ver­wun­dert ist die Ver­drän­gung des Re­li­giö­sen in der Post­mo­der­ne – war­um? Das hät­te ich eher um­ge­kehrt ge­se­hen: Die vie­len Per­spek­ti­ven die die Post­mo­der­ne kenn­zeich­nen, den Ver­lust des ei­nen, müss­te doch dem Re­li­giö­sen ei­ne Rück­kehr er­mög­li­chen (oder weil es plötz­lich nur mehr ei­nes un­ter vie­lem ist)?

    #10

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